Die rechte Szene in Luxemburg Mitte 2016 (3/3): Knouter-Club/European Freedom Initiative, rechte Hetze auf Newsseiten, Zusammenfassung

Seit meinem letzten Blogartikel über die rechte Szene in Luxemburg im November vergangenen Jahres hat sich so einiges getan. Um angemessen auf die sich seitdem vollzogenen Entwicklungen und Aktivitäten der einzelnen relevanten Akteur*innen eingehen zu können, habe ich mich (auch auf den freundlichen Rat einiger meiner Leser*innen hin) dazu entschlossen, meinen Bericht dieses Mal in drei Teile aufzugliedern. Das dient nicht nur der Leserlichkeit, sondern bietet mir gleichzeitig auch mehr Raum zur Analyse und Dekonstruktion der Aussagen des rechten Rands. Dies ist dann auch der dritte Teil meines Texts “Die rechte Szene in Luxemburg 2016”. Teil 1 könnt ihr hier nachlesen; Teil 2 hier.

Knouter-Club/European Freedom Initiative

Wie ich bereits im letzten Teil meines Dossiers berichtet habe, mögen die Online-Aktivitäten der rechten Szene Luxemburgs zwar in manchen einst regen Sammelbecken (wie etwa Nico Castiglias Facebookprofil) stark abgenommen haben, doch an anderen digitalen Orten hetzt der braune Mob ungestört weiter und bringt regelrechte Abgründe des Fremdenhasses hervor. Einer der Moraste, die in letzter Zeit besonders auf sich aufmerksam gemacht haben, ist hierbei eine Facebookgruppe namens “Knouter Club” (welche zwischenzeitlich in “European Freedom Initiative” umbenannt wurde), welche vornehmlich von einem luxemburgischen Herrn namens Pol Sassel, der meinen Informationen nach mit keiner politischen Partei in Luxemburg affiliert ist, geleitet wird (Update 12. September 2016: Pol Sassel ist mittlerweile kein Admin mehr in der Gruppe).

Was den Knouter-Club deutlich von den bisherigen Social Media-Knotenpunkten der luxemburgischen rechten Szene unterscheidet, ist die Tatsache, dass dort auch sehr viele  Rechte und Rechtsextreme aus Deutschland Beiträge teilen und es allgemein einen starken Fokus auf das gesellschaftliche und politische Geschehen in Deutschland gibt. Dazu herrscht im Knouter Club eine bisweilen äußerst bizarre Züge annehmende, kultische Verehrung der Alternative für Deutschland (AfD) vor — was wiederum erklärt, weshalb Deutsch als lingua franca der Gruppe fungiert. Die Nähe zur AfD wird sogar explizit in der Beschreibung der Gruppe proklamiert:

“Wichtiger Hinweis:

Wir stehen der Haltung, wie die der AfD sehr nahe, das heisst Folgendes: (Die AfD ist gegen jede Form von Extremismus. Vor allem ist die AfD insgesamt gesehen gegen jede Form von Antisemitismus. …. Die AfD hat das Vakuum gefüllt, das vor allem die CDU durch Preisgabe und Verlassen ihrer bisherigen konservativen und christlichen Werte hinterlassen hat.)

“Extremismus” bezieht sich hierbei wohl nicht auf “Rechtsextremismus”, denn von solchem quillt die Gruppe geradezu über, wie ich euch nachfolgend zeigen werde. Die Beschreibung der Gruppe auf Facebook gibt dazu noch einen weiteren konfusen Einblick in ihre Ziele:

“Knouter-Club = (Grantel-Club): Knoutern = Luxemburgisch (wie Moselfränkisch) = Granteln auf Deutsch:

granteln, brummen, knurren, schimpfen, meckern.
An alle MITGLIEDER des ” Knouter-Club: Lëtzebuerger knouteren …” (MECKER-Club: Luxemburger und alle unsere lieben gleichgesinnten Nachbarn aus unseren Nachbarländern von Paris-Moskau dürfen hier meckern ….) : – An Alle neue Mitstreiter,
in unserer Gruppe geht es Hauptsächlich darum den Widerstand zu organisieren und nicht alles Posten, wir wollen eine Macht werden, eine Gruppe wie sie es noch nie zuvor gab, wir möchten das sich alle mit ein bringen , neue Mitstreiter zu kontaktieren die bereit sind dieses System mit ihren korrupten Politikern ein für alle mal ein ENDE zu bereiten, daher werdet AKTIV helft alle mit damit alle WACH werden und das schnell denn die Zeit rennt uns davon , wir haben schon 5 nach 12 , also zeigt was ihr könnt jetzt habt ihr die MÖGLICHKEIT dazu, einen großen Beitrag mit zu leisten das wir es schnell hin bekommen, das alles zu BEENDEN !!!!!!!!!

Hauptsache ist mal man hat was zu meckern (knouteren) auf Deutsch “an op Lëtzebuergesch”! Sprachen: Lëtzebuergesch, Deutsch.
Haptsach huet (hot) en eppes ze knouteren!”

Die Gruppe dient offenbar hauptsächlich zum gepflegten “Meckern” (was ein ziemlich gravierender Euphemismus im Angesicht dessen ist, was im in diesem dubiosen Club so von sich gegeben wird) und der damit verbundenen Mobilisation zum “Widerstand” gegen “dieses System mit ihren [sic!] korrupten Politikern”. Kein Wunder, dass sie die AfD so verehren — deren politisches Programm bietet nämlich auch vornehmlich richtungsloser System”kritik” und Hetze, ohne im Gegenzug dazu irgendwelche validen und über das Bewahren veralteter und repressiver Traditionen hinausgehenden konstruktiven Lösungsansätze aufzuweisen.
Desweiteren wollen sie eine “Gruppe [werden] wie sie es noch nie zuvor gab” — aber was genau meinen sie mit “Gruppe”? Eine Facebookgruppe? Eine Partei? Eine Frei.Wild-Tributeband?
Ich für meinen Teil vermute jedenfalls, dass es sich beim Knouter-Club insgeheim eigentlich um eine Widerstandsgruppe gegen korrekt geschriebenes Deutsch handelt — die unzähligen Grammatik- und Orthographiefehler in der Beschreibung lassen jedenfalls drauf schließen und geben ihr ständiges Pochen auf den Erhalt der deutschen Kultur und Sprache erst so recht der Lächerlichkeit preis.

Momentan verfügt der Knouter-Club über 3163 Mitglieder. Das erscheint auf den ersten Blick als sehr viel und lässt ihr oben erläutertes Ziel, eine (zumindest für luxemburgische Verhältnisse) mächtige “Gruppe” zu werden, offensichtlich in greifbare Nähe rücken — doch wenn man sich erst einmal durch die Masse an Beiträgen wühlt, fällt einem auf, dass nicht mehr als zwei Dutzend Mitglieder regelmäßig Beiträge teilen und kommentieren. Die restlichen  Gruppenmitglieder sind offensichtlich unfreiwillig von Pol Sassel und Konsorten eingeladen worden — das erschließt sich beispielsweise aus folgendem Beitrag, der an die Pinnwand des Knouter-Clubs gepostet wurde:

Erheiternder Streit zwischen Gerd Müllenheim und Pol Sassel

Man beachte die herrlich unverschämte Antwort von Pol Sassel. Letzter rechtfertigt die ungefragten Einladungen in seine Online-AfD-Kultstätte doch tatsächlich damit, dass Facebook “kein privat Mailaccount” ist. Danke, lieber Pol, für diese äußerst hilfreiche Erinnerung. Offensichtlich scheint er selbst aber allzu oft zu vergessen, dass sein unverhohlener Hass auf Ausländer und Rassimus für jede*n öffentlich einsehbar ist. Unter folgendem Beitrag beispielsweise nutzt Pol Sassel die nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei in Deutschland stattgefundenen Pro-Erdoğan-Demonstrationen um — ohne hierbei auch nur die geringste Rücksicht auf das komplexe politische Thema selbst zu nehmen — auf besonders menschenverachtende und vulgäre Art und Weise gegen Türk*innen zu hetzen:

Ziegenbumserten

"Weg damit, mit den Ziegenbumserten"

"hergelaufenes Pack"

Umso deutlicher wird die Tatsache, dass er die Demos für Erdoğan nur als Vorwand nutzt, um seinen niederen Ressentiments gegen Türk*innen freien Lauf zu lassen, daraus, dass Pol Sassel sich für Deutschland eigentlich auch “einen Erdoğan” wünscht, damit dieser endlich mal Schluss mit dieser nervigen Versammlungsfreiheit macht und so die Sehnsucht der rechten Hetzer nach einem autokratischen Staat befriedigt:

Pol Sassel ist auch für Erdogan

Mehr als deutlich tritt seine Türk*innenfeindlichkeit auch in diesem Beitrag hervor:

Weg mit dem Türkendreck#1

Die Kommentare darunter zeigen wiederum, dass er sich mit dieser Einstellung im “Knouter-Club” überhaupt nicht alleine fühlen muss:

Weg mit diesem Türkendreck#2

Solcherlei Hetze findet sich nämlich zuhauf in der Facebookgruppe. Beispielsweise bezeichnet ein gewisser Guy J. Malané (der schon des Öfteren seine ignorante Weltsicht auf Facebook hinausposaunt hat) unter einem längst widerlegten Artikel des Kopp-Verlags Geflüchtete pauschal als “Kriminelle”, welche “eingesperrt” werden sollten:

"Flüchtlingsflieger"

Dazu kommt es auch immer wieder zu teils mit Rassismus der übelsten Sorte vermengten Gewaltaufrufen gegen Geflüchtete, wie beispielsweise unter folgendem, ursprünglich von einem der unzähligen Pegida-Ableger veröffentlichten Video, das Pol Sassel am 6. August im Knouter Club mit seinen rechtsextremen Gesinnungsgenossen teilte:
Pol Sassel Artikel über Geflüchtete nach Frankreich

"Knarre ziehen und schießen"

Pflicht, Leute zu erschießen

"Schwarzer Abschaum"

Weitere Gewaltphantasien finden sich auch beispielsweise unter folgendem Beitrag:

Haifischkommentar#1

Haifischkommentar #2

Und auch Politiker*innen, deren Ansichten den angeblich die Meinungsfreiheit so wertschätzenden Mitgliedern des Knouter-Clubs nicht in den Kram passt, sollen Einigen in der Gruppe zufolge kurzerhand ermordet werden:

Claudia Roth#1

Norbert Braune

Norberts Nachname ist also offensichtlich fast Programm — es fehlt eigentlich nur noch ein “r” am Ende.

Im Angesicht all dieser Gewalt- und Hasstiraden möchte ich übrigens mal folgende Passage aus der Gruppenbeschreibung des selbsternannten Meckervereins zitieren:

“Jedes Mitglied ist persönlich für seine Beiträge verantwortlich, was die Rechtslage der allgemeinen Regeln und Gesetzen von facebook und den Menschenrechten betrifft.
Administratoren tragen keine Verantwortung für Beitrage von Mitgliedern, können jedoch Beiträge ablehnen.
Also bitte keine persönlich verletzende und verunglimpfende Beiträge und keine Hassaufrufe und Morddrohungen gegen Personen und Rassen.
Ich bitte um Ihr Verständnis!”

Wie schön zu sehen, dass sich gleichermaßen Pol als auch die anderen Mitglieder des Knouter-Clubs an diese Vorgaben halten.


Pol Sassels rechtsextreme Einstellungen gehen aber noch einen bedenklichen Schritt weiter — inwiefern dies der Fall ist, möchte ich euch nun illustrieren. Fangen wir zunächst einmal mit diesem Beitrag hier an:

Migranten werden als "Ratten" bezeichnet

Mit “unsere[n] neuen Mitbürger[n]” sind wohl Migrant*innen gemeint, die hier mit “Ratten” verglichen werden. Nun sind Ratten in meinen Augen eigentlich sehr intelligente und liebenswerte Tiere, aber in diesem Kontext sind sie ganz klar mit einer negativen Konnotation behaftet. Die fragwürdige Parabel stellt somit Migrant*innen einzig und allein aufgrund ihrer Herkunft als minderwertige Menschen dar, deren Kinder nicht das Recht darauf haben, die Staatsbürgerschaft jenes Landes anzunehmen, in dem sie geboren werden. Zu dieser von Pol Sassel vertretenen rassistischen Blut-und-Boden-Ideologie passt dann auch dieses Bild, das er am 31. Juli gepostet hat:

Pol Sassel "Deutsches Blut"

Allgemein gipfeln die Beiträge auf der Seite immer wieder in eine ekelerregende Deutschtümelei, was aus historischer Sicht eine ziemlich abstruse und widersprüchliche Position für luxemburgische Patrioten ist — denn immerhin hat Nazideutschland Luxemburg durch die im 2. Weltkrieg vollzogene Eingliederung von letzterem ins Dritte Reich seine Daseinsberechtigung als eigenständige Nation aberkannt. Bei Pol Sassel geht diese Affinität aber noch einen Schritt weiter. Ein erstes Indiz ist dieses Bild einer einen Hut der SS tragenden Frau, das während mehreren Sekunden in einem bizarren, von Sassel zusammengeschnittenen Video ab Minute 0:47 eingeblendet wird:

Pol Sassel Video mit Frau in Uniform der Wehrmacht

Dazu hat er folgendem Beitrag einen Like verpasst:

nazi-1 nazi-likes Pol Sassel liefert also reichlich legitime Gründe dafür, ihn definitiv als Neo-Nazi bezeichnen zu können. Damit läge man aber gnadenlos falsch, denn im Gegensatz zu ihm waren die nämlich allesamt linksgrünversiffte Gutmenschen, wie er gekonnt mittels eines Artikels des bekannten Rechtsextremen Michael Mannheimer (dessen Beiträge auch schon von Fernand Kartheiser geteilt worden sind) darlegt:

Link von Mannheimer, Nazis waren links

Diese abstruse und revisionistische Behauptung wurde zwar schon längst von Historiker*innen widerlegt, doch da die ganzen Rechten sich nicht gerne aus der bequemen Umarmung ihrer bewusst gewählten Ignoranz lösen wollen, hält sich diese Auffassung hartnäckig in ihren Köpfen fest und wird auch immer wieder in Diskussionen vorgebracht. Der absolute Gipfel der Absurdität folgt aber noch: Eine Minute (!) nach dieser meisterhaften Zurückweisung von jeglichen Nazivorwürfen teilte Sassel tatsächlich noch den Link einer Internetseite, die einen Artikel aus dem Völkischen Beobachter — der offiziellen Parteizeitung der NSDAP — aufgreift und deren Inhalte als Fakten darstellt:

Pol Sassel NSDAP

In besagtem Artikel wird der 2. Weltkrieg kurzerhand als Notwehr dargestellt, weil Präsident Roosevelt einem der offiziellen Propagandaorgane der Nazis zufolge die Deutschen auslöschen wollte — hemmungsloser Geschichtsrevisionismus also. Interessant ist, dass Menschen wie Pol Sassel der “Lügenpresse” demokratischer Staaten keinen Glauben schenken, dafür aber den Staatsmedien einer beispiellosen Diktatur, die für 70 Millionen Tote und eines der größten Verbrechen gegen die Menschheit — den Holocaust — gesorgt hat, offensichtlich schon. Könnte es etwa unvorstellbarerweise daran liegen, dass es den ganzen Lügenpresse-Skandierern gar nicht so sehr um den angeblich von ihnen so hochgeschätzten Wahrheitsgehalt von Nachrichten geht, sondern vielmehr darum, dass kein auf journalistischen Qualitätsstandards fundiertes Medium ihre krude und menschenfeindliche Weltsicht vertritt? Am Ende des Texts gibt es dann noch einmal gepflegte Hitler-Glorifizierung — sogar mit Porträt:

Nazi Pol Sassel Nazi Pol Sassel#2 Hitler-Glorifizierung

Wenn man nach dieser Lektüre noch nicht genug Verherrlichung des 3. Reichs intus hat, kann man sich noch folgende Schmankerl, die die Internetseite zu bieten hat, zu Gemüte fahren:

Nazi Pol Sassel#3 Nazi-Beiträge

Anbei deswegen letztlich noch ein kleiner, gut gemeinter Ratschlag von mir an dich, Pol: Wenn du wirklich nicht mehr als Nazi bezeichnet werden willst, würde ich vielleicht einfach mal damit aufhören, Nazi-Sachen zu posten.

Oh, und schaut mal, wer noch zu den Administratoren zählt:

Fernand Kartheiser einer der Admins des Knouterclubs

Hierbei möchte ich noch einmal unterstreichen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass Kartheiser wie der Großteil der anderen Mitglieder des Knouter-Clubs gegen seinen Willen eingeladen und zum Administrator ernannt worden ist. Nichtsdestotrotz würde ich mir an seiner Stelle mal ernsthaft Gedanken darüber machen, dass ein Rassist mit Hang zum Nationalsozialismus wie Pol Sassel mich als würdig genug erachtet um Administrator seiner Hass und menschenverachtenden Ideologien propagierenden Facebookgruppe zu werden.


Weitere Einblicke: Rechte Kommentare bei RTL.lu & Co.

In den Kommentarspalten der Facebookpräsenzen luxemburgischer Medien hat sich in den letzten Monaten nicht allzuviel verändert. Sobald RTL.lu, L’Essentiel, Tageblatt & Co. einen Artikel teilen, in dem es um Geflüchtete/den Islam/Ausländer oder sonst ein Thema geht, bei dem Menschen rechter Gesinnung mit ihrem auf Ignoranz und mangelnder Empathie fundierten Hass brillieren können, kommen diese aus ihrem mit Vorurteilen genährten Sumpf hervor gekrochen und bereichern die Diskussionen unter besagten Beiträgen mit stets sachlichen, durchdachten und rhetorisch einwandfreien Kommentaren. So wie beispielsweise bei einem auf der Facebookseite von RTL.lu geteilten Artikel über einen von einem syrischen Geflüchteten ausgeübten Messerangriff in einer Dönerbude im baden-württembergischen Reutlingen im Juli (welcher sich übrigens letztlich, entgegen der wieder einmal im Vorfeld und damit ohne jeglichen faktischen Halt von vielen Rechten aufgestellten Behauptung, es habe sich dabei um einen Terrorangriff gehandelt, als Beziehungstat entpuppte):

Menschen werden als "Dreck" bezeichnet Menschen werden als Herpes bezeichnet

Nun sind nicht alle Menschen, die solche menschenverachtenden Kommentare posten, auch tatsächlich Teil der rechten Szene Luxemburgs. Zumeist handelt es sich bei ihnen um “besorgte Bürger”, die sich durch einen auch in Luxemburg teilweise nach rechts abgedrifteten öffentlichen Diskurs — in welchem extreme Positionen, die sonst nur dem rechten Rand des politischen Spektrums vorbehalten waren, plötzlich von Parteien, die sich selbst in der politischen “Mitte” situieren, übernommen werden (siehe dazu auch die im ersten Teil meines Dossiers erwähnte Diskussion um das “Burkaverbot”) — dazu ermutigt fühlen, ihren eigenen Ressentiments freien Lauf zu lassen. Zusätzlich begünstigt wird deren Ausdruck auch durch die Beschaffenheit sozialer Netzwerke selbst. Die Hemmschwelle für solche Aussagen, die trotz des eingangs erwähnten, verschärften Tons in öffentlichen Diskussionen nach wie vor sozial geächtet werden, ist nämlich alleine schon durch die bequeme physische Distanz zwischen den Teilnehmer*innen einer digitalen Agora viel niedriger als im von Angesicht zu Angesicht stattfindenden Gespräch.
Der Umgang luxemburgischer Online-Medien mit solchem “hate speech” ist hierbei gelinde gesagt verbesserungsbedürftig. Anders als bei den Online-Ablegern deutscher Nachrichtenmedien gibt es bei den meisten luxemburgischen nämlich weder auf Facebook noch auf den Internetseiten selbst einen oder mehrere Moderatoren, die immer wieder auf die Community-Guidelines hinweisen, Kommentare, welche letzteren zuwiderlaufen, konsequent löschen und falsche Behauptungen mittels Eigenrecherche widerlegen. So bleiben insbesondere auf RTL.lu wüste rassistische Beschimpfungen, Aufrufe zu Hass und Gewalt und Desinformationen einfach so für jede*n sichtbar stehen. Sofern nicht die restlichen Nutzer*innen selbst einschreiten, entfalten solche Kommentare ungestört einen absoluten Geltungsanspruch — welcher wiederum die Gefahr, dass die dabei zur Schau getragene Weltsicht Anklang finden oder zumindest dafür sorgen kann, dass Menschen sich in ihren Vorurteilten bestätigt sehen, enorm erhöht. Eine lobenswerte Ausnahme von dieser beschämenden Regel gibt es aber letztlich doch noch, und zwar die Facebookseite von L’Essentiel Online. Deren Moderator*innen und Admins greifen nämlich immer wieder bei fremdenfeindlicher Hetze durch.


Ein weiteres Sammelbecken für die eingangs erwähnten besorgten Bürger, die sich zwar nicht zwingend der rechten Szene zuordnen lassen, dafür aber deren Positionen zumindest teilweise vertreten, ist momentan “ONST LËTZEBUERGER LAND“. Die Seite funktioniert hierbei wie frühere Knotenpunkte dieser Art: Den größten Teil der Zeit über postet der offensichtlich alleine agierende Admin patriotischen Pathos in Form von grässlich gestalteten Bildern, bei deren Anblick jede*r einigermaßen begabte Layouter*in von bodenlosem Grauen befallen werden würde, und Videos voller unreflektierter Nostalgie, die die Vision eines idealisierten Luxemburgs, das in der Form nur in den Köpfen seiner Bewohner*innen existiert, heraufbeschwören:

Patrioten-Pathos#2 Patriotenpathos#1

Man beachte übrigens die schicke Wassermarke — dadurch wird sichergestellt, dass auch jede*r weiß, von wem diese nur so vor Orthographiefehlern strotzenden Weisheiten (die Liebe zur luxemburgischen Sprache geht also offensichtlich nicht so weit, als dass der Admin dafür Kurse besuchen würde) stammen.
Dazwischen streut der Leiter der Seite nun immer wieder eine selektive Auswahl von Artikeln mit suggestiven Begleittexten ein, die an diffuse Ängste in der Bevölkerung appellieren. Im Gegensatz zu früheren Sammelbecken von besorgten Bürgern und Mitgliedern der rechten Szene, wie etwa “I Love Mäin Lëtzebuerg”, hält sich der Admin dieser Seite selbst nun dabei zwar mit extremen Aussagen zurück — dafür lässt er aber in den Kommentarspalten umso mehr den braunen Mob toben. Ein Beispiel hierfür ist der folgende Beitrag:

Gegen Geflüchtete#1

Durch die Tatsache, dass sich der öffentliche Spazierweg, an dem die Statuen angebracht waren, zufälligerweise in der Nähe eines Flüchtlingsheimes befand und die (ähnlich wie beim Artikel von RTL.lu über den gleichen Vorfall) bedenklich tendenziöse Wortwahl in der Überschrift des Artikels (“enthauptet”), welche niederste Ressentiments und Vorurteile befeuernde Assoziationen zum IS-Dschihadismus hervor ruft, hat der braune Mob dann auch sofort die Schuldigen ausgemacht:Gegen Geflüchtete#2

In den Augen der “besorgten Bürger” ist die Proximität des Flüchtlingsheims also ein hinreichender Beweis dafür, dass Geflüchtete die Statuen beschädigt haben müssen. Nach dieser Logik müssten dann aber auch die Bewohner*innen aller anderen Häuser, die in der Gegend rumstehen, als Verdächtige gelten. Das ist den Kommentierenden aber herzlich egal — trotz fehlender Evidenz für ihre Behauptungen fordern manche von ihnen dann auch die sofortige Ausweisung von Geflüchteten aus Luxemburg:
Gegen Geflüchtete#3

Gegen Geflüchtete#4Solcherlei Beiträge und dazugehörige Kommentare finden sich auf der Seite zuhauf — nichtsdestotrotz sei aber anzumerken, dass die Präsenz und Tragweite von zwischen patriotischem Pathos und Aufwiegelung der Massen schwankenden Knotenpunkten wie “ONST LËTZEBUERGER LAND” innerhalb der rechten Szene spürbar abgenommen hat und deswegen die Entwicklungen irgendwelcher politischer Dynamiken, die über richtungslosen und vagen “Protest” hinausgehen, bis auf Weiteres eher unwahrscheinlich sind.


Zusammenfassung

Im Rahmen meiner Recherchen hat sich bei mir der Eindruck verfestigt, dass die (Online-)Aktivitäten innerhalb der rechten Szene Luxemburgs in den letzten Monaten insgesamt stark abgenommen haben und ihre einzelnen Akteure trotz zahlreicher ideologischer Überschneidungen so isoliert sind wie selten zuvor. Die SDV steht kurz davor, Nico Castiglia der Partei zu verweisen und sich selbst aufzulösen. Gruppen wie die Luxemburg Defence League oder Lëtzebuerger Patrioten darben in der Irrelevanz. Und selbst die ADR, deren Rechtsaußenkurs sich mittlerweile auch in ihren offiziellen Positionen niederschlägt, kann nicht für sich beanspruchen auch nur ansatzweise den Erfolg einer AfD in Deutschland oder eines Front National in Frankreich nachzuahmen. Deswegen wird es auch langsam fraglich, ob der Begriff einer integren “rechten Szene Luxemburgs”, welche über zusammenhängende und miteinander verwobene Strukturen aufweist, überhaupt noch angebracht ist.
Nichtsdestotrotz wimmelt es aber nach wie vor nur so vor rechten Hasskommentaren in den sozialen Netzwerke — vorallem über die Facebookpräsenzen luxemburgischer Nachrichtenmedien verteilt posaunen regelmäßig “besorgte Bürger”, die meistens nicht einmal mit der rechten Szene liiert sind, ihre menschenverachtenden Ansichten hinaus.  Deutlich seltener werden rechte und rechtsextreme Beiträge und Kommentare mittlerweile in Facebookgruppen gepostet; das einzig nennenswerte Beispiel hierfür, das in letzter Zeit auf sich aufmerksam gemacht hat, ist der Knouter-Club, in dem neben fragwürdiger Deutschtümelei teilweise sogar eine unverhohlene Verherrlichung des Nationalsozialismus stattfindet.
Das Problem dieser rechten Online-Hetze lässt sich nun aber nicht nur durch das Melden von Kommentaren, Beiträgen und Seiten beheben. Das ist auch enorm wichtig, behebt aber nur die Symptome eines deutlich tiefgehenderen, strukturellen Problems, das an der Wurzel gepackt werden muss, um es langfristig zu lösen. Dazu bedarf es dann auch eines deutlich längeren Atems. Ich kann nicht oft genug betonen wie wichtig es daher ist zu versuchen, mittels empirischer Methoden in Studien den Ursprüngen von rechten Einstellungen in der (luxemburgischen) Bevölkerung auf den Grund zu gehen und auf diesen Erkenntnissen basierend politische Maßnahmen zu ergreifen, welche vorbeugend wirken bei eben jenen Faktoren, die zu solch gefährlichen, die Fundamente einer offenen und auf demokratischen Prozessen fundierten Gesellschaft korrodierenden Tendenzen führen. Auch gesellschaftliches Engagement ist wichtig — es hilft schon enorm, wenn man beispielsweise im Gespräch mit anderen menschenfeindliche Positionen nicht mehr nur einfach so hinnimmt, sondern jedes Mal aktiv mit Gegenargumenten dekonstruiert. Das mag anstrengend sein und oftmals hoffnungslos erscheinen — insbesondere wenn sich das Gegenüber als resistent gegenüber jeglicher Rationalität erweist —, aber zumindest besteht die Chance, dass die dabei verwendete Methodik bei einigen doch noch auf fruchtbaren Boden stößt und sie im Anschluss ihre eigenen tief verwurzelten Vorurteile überdenken.

Meine bisherigen Texte über die rechte Szene in Luxemburg:

Alternative Medienrealitäten. Eine kritische Analyse alternativer Medien der Rechten in Luxemburg und deren Gefahren, in: FORUM – für Politik, Gesellschaft und Kultur in Luxemburg, Ausgabe 363
Die rechte Szene Luxemburgs Ende 2015: Castiglia, Kartheiser, Keup, Thein, Peters & andere “Lezeboia”
Die rechte Szene Luxemburgs und Verschwörungstheorien, in: FORUM — für Politik, Gesellschaft und Kultur in Luxemburg, Ausgabe 353
Nico Castiglia – Der neue Kopf der rechten Szene in Luxemburg
Nein zu PEGIDA – jetzt umso mehr als zuvor!
Fernand Kartheisers Kritik am Feminismus und die Legitimation der Diskriminierung von Homosexuellen
Liebe luxemburgische Patrioten, …
Pierre Peters erneut an der Seite der NPD
Neue Einblicke in die rechtsextreme “Luxemburg Defence League”
Rechtsextremismus in Luxemburg – neue Einblicke
Ausländer- und Homosexuellenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus & Co. in Luxemburg
Ein beunruhigender Blick in die Vereinigung der “Lëtzebuerger Patrioten”
“Lëtzebuerger Patrioten”
Neue “rhetorische” Ergüsse der NDU
“(…) die houer Kaméildreiwer!”
“Durchforstet eure Pizzabroschüren!”
“Mäer sinn dach keng Rassisten – erklär du uns mol wat dat ass”
1. Artikel über die NDU

Die rechte Szene in Luxemburg Mitte 2016 (2/3): Peters, Castiglia & SDV, Lëtzebuerger Patrioten & Luxemburg Defence League, Keup & Nee 2015.lu/Wee2050

Seit meinem letzten Blogartikel über die rechte Szene in Luxemburg im November vergangenen Jahres hat sich so einiges getan. Um angemessen auf die sich seitdem vollzogenen Entwicklungen und Aktivitäten der einzelnen relevanten Akteur*innen eingehen zu können, habe ich mich (auch auf den freundlichen Rat einiger meiner Leser*innen hin) dazu entschlossen, meinen Bericht dieses Mal in drei Teile aufzugliedern. Das dient nicht nur der Leserlichkeit, sondern bietet mir gleichzeitig auch mehr Raum zur Analyse und Dekonstruktion der Aussagen des rechten Rands. Dies hier ist dann auch der zweite Teil meines Dossiers zur rechten Szene in Luxemburg Mitte 2016. Den ersten Teil findet ihr hier.

Pierre Peters

Zu Beginn des zweiten Teils meines Dossiers will ich mich zunächst einmal der Frage widmen, was eigentlich aus Pierre Peters — über den ich bereits regelmäßig auf meinem Blog berichtet habe — geworden ist. Peters war einst führender Kopf der rechtsextremen “Nationalbewegong” in den 90ern Jahren gewesen; seit deren kläglichem Scheitern an den Wahlurnen machte er vor allem durch diverse Flyeraktionen, mit letzteren verbundene Gerichtsprozesse wegen Volksverhetzung und Reden bei NPD-Veranstaltungen auf sich aufmerksam.
Auch im vergangenen Jahr verteilte er wieder einmal vor Ausländer- und Islamfeindlichkeit nur so triefende Flyer im Norden Luxemburgs, was wiederum die Aufmerksamkeit der luxemburgischen Justiz auf sich zog. Letztere verurteilte Pierre Peters schließlich im Mai 2016 wegen Aufruf zum Fremdenhass zu acht Monaten Haft ohne Bewährung — was noch deutlich unter den ursprünglich geforderten 30 Monaten lag. Nun ist es so, dass ich Gefängnisstrafen generell skeptisch gegenüberstehe, da diese allzoft dem eigentlichen Zweck von Gerichtsurteilen bei gesellschaftlichem Fehlverhalten — und zwar der Resozialisierung — zuwiderlaufen. Zwar ist es wichtig und richtig von der luxemburgischen Justiz, gegen solcherlei Hetze vorzugehen und zu zeigen, dass sie inakzeptabel ist — aber ich glaube dennoch, dass es in solchen Fällen durchaus geeignetere Maßnahmen gibt als Gefängnisstrafen. Wie wäre es beispielsweise mit Sozialstunden, die die Verurteilten mit jenen Bevölkerungsgruppen zusammenführen, gegen die sich ihre Hasstiraden gerichtet haben? Zumindest bei Menschen, deren Hass noch nicht ideologisch fundiert ist, hätte das wahrscheinlich deutlich konstruktivere Effekte als eine Haftstrafe und würde sie bestenfalls sogar dazu verleiten, ihre Vorurteile zu überdenken.
Allerdings hält sich mein Mitleid für Peters auch stark in Grenzen, insbesondere da er schon 2012 wegen rassistischen Flyern zu zweieinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt worden war und sich kurz vor Inkrafttreten seiner Verurteilung auf seinem YouTube-Channel mal wieder als Opfer inszeniert und seine ausländerfeindlichen Hasstiraden ernsthaft als “politischen Diskurs”, der unter den Schutz der Meinungsfreiheit fällt, zu rechtfertigen versucht hat:

Ich prophezeie jedenfalls, dass Pierre Peters mit solchem Qualitycontent bald massenweise Subscriber aufweisen wird — dazu brauchen seine Videos eigentlich nur noch reißerischere Titel à la “Pierre Peters Racist Flyer Social Experiment (GONE WRONG)“. Pewdiepie, nimm dich in Acht!

Sozial Demokratesch Vollëkspartei (SDV) & Nico Castiglia

Seit Pierre Peters eingangs erwähnter Nationalbewegong ist es keiner rechtsextremen Partei mehr gelungen, in der parteipolitischen Landschaft Luxemburgs Fuß zu fassen. Letztes Jahr trat nun mit der “Sozial Demokratesch Vollëkspartei” (kurz “SDV”) unter Nico Castiglia — welche sich unter anderem offen am Front National anlehnte — erstmals wieder eine politische Gruppierung auf den Plan, die ernsthaft dazu fähig schien, das zweifelhafte Erbe der Nationalbewegong fortzuführen und der bislang vorallem auf die sozialen Netzwerke limitierte Hetze der gegenwärtigen rechten Szene Präsenz im realen Raum zu verleihen. Nach ihrer Gründung am 25. April 2015 krebste Castiglias Partei aber bald schon am Rande der Bedeutungslosigkeit herum, wogegen dann selbst eine Grammatik- und Orthographiefehlern übersäte offizielle Internetpräsenz, dubiose Programmpunkte und potthässliches Merch nichts mehr auszurichten vermochten. Auch die Aktivität auf Castiglias Facebookprofil — das lange Zeit ein Sammelbecken für allerlei rechtes Gedankengut und vom Parteipräsidenten der SDV instrumentalisierte rassistische Eruptionen der schlimmsten Sorte gewesen war — und den Facebookpräsenzen der SDV-Bezirksgruppen nahm kontinuierlich ab. Hatte Castiglia zuvor noch fast täglich irgendwelche Beiträge gepostet, die seine krude Weltsicht untermauern sollten, so verringerte sich deren Frequenz in den letzten Monaten plötzlich immer mehr.

In letzter Zeit haben sich nun eindeutig die Anzeichen dafür gehäuft, dass es innerhalb der Partei mächtig rumort und sie möglicherweise sogar kurz vor der Auflösung steht. Unter anderem hat Steve Melmer, der im Südbezirk der SDV für die Parteikasse zuständig war, aufgrund von “mangelnder Transparenz und fehlenden Strukturen” in der SDV in einem offenen Brief seinen Austritt aus der Partei verkündet; dazu ist Nico Castiglias privates Facebookprofil seit einer Weile nicht mehr aufrufbar. Vor einigen Tagen hat mich dann auch noch eine Person (die gerne anonym bleiben will) kontaktiert und mir einige weitere Informationen über die turbulenten Geschehnisse innerhalb der Partei zugespielt, welche ich an dieser Stelle gerne mit euch teilen möchte. Da es sich hierbei um einen subjektiven Bericht handelt, sind diese Informationen natürlich mit Vorsicht zu behandeln und ohne Gewähr. Nichtsdestotrotz erscheinen sie mir plausibel und sind, falls sie die Realität einigermaßen akkurat wiedergeben sollten, ein bedeutendes Indiz dafür, wie desaströs die Situation innerhalb der Partei ist.
Besagte Person schrieb mir zunächst einmal, dass die Anzahl an Mitgliedern in der Partei der letzten Zählung zufolge 62 betragen würde; allerdings seien 3 Anhänger der Partei (darunter Melmer) seitdem schon wieder ausgetreten. Neben Melmer hätten auch die beiden anderen Ämter innerhalb der Partei bekleidet. Dazu werde dadurch, dass Nico Castiglia immer als “Zwischenmann” fungieren würde, eine funktionierende parteiinterne Kommunikation “systematisch unterbunden”. Aufgrund dieser Maßnahmen Castiglias wisse auch niemand, was beim jeweils anderen los wäre, was wiederum ein transparentes und holistisches Gesamtbild der Prozesse innerhalb der Partei unmöglich mache und dafür Castiglia umso mehr Macht verleihe. Dieses Verhalten wiederum habe sogar die hartgesottensten “Nationalisten und Patrioten” innerhalb der Partei vergrault und eine sektiererische Bewegung hervorgerufen, die darauf abziele, den Parteipräsidenten und all seine Sympathisant*innen aus der SDV auszuschließen. Ob die Partei danach noch bestehen bleibt oder sich ganz auflöst, stehe allerdings noch aus (angesichts der Tatsache, dass Castiglia gleichermaßen treibende Kraft als auch ihr Gesicht gewesen ist, tippe ich eher auf ersteres). All diese Geschehnisse hätten dann auch zu Castiglias Rückzug von Facebook geführt.
Letztlich habe die Partei außer den skizzenhaften Forderungen auf den eingangs erwähnten Flyern bislang auch kein festes Parteiprogramm zustande bringen können. Der erste Entwurf eines einzig und allein von Castiglia redigierten Parteiprogramms liegt mir aber vor, und einige Ausschnitte davon will ich euch nicht vorenthalten (den ganzen Parteiprogrammentwurf findet ihr übrigens hier). Ähnlich wie bei der letzten Pressekonferenz der ADR, welche im ersten Teil meines Artikels behandelt wurde, findet man auch bei der SDV unter dem ersten Punkt besagten Programms, “Innere Sicherheit”, zunächst einmal reichlich Panikmache und die daraus abgeleitete Forderung, Luxemburg in einen wunderbar paranoiden Polizeistaat zu verwandeln:

“Sowohl die Kontigente bei Polizei,Zoll und Armee erhöhen und für eine bessere
Ausbildung sorgen.
Gesetzlich ermöglichte einberufung der Armee bei Polizeigroßeinsetzen oder
Terrorgefahr. Die Landesbevölkerung muß sich wieder zu jeder Zeit in sicherheit wiegen können genau wie das Bus und Zugpersonal ,dazu steht unsere Partei,die SDV.”

Außerdem beklagt sich Castiglia unter Punkt 6 über eine angebliche “effektive Diskriminierung” von Luxemburger*innen auf dem Arbeitsmarkt und verlangt daher — ohne dass er letztere auch nur in irgendeiner Form mittels empirischer Untersuchungen beweisen kann —, dass Arbeitgeber*innen unter Androhung von Geldstrafen oder Landesverweis (!) bevorzugt Luxemburger*innen einstellen sollen, und zwar nur aufgrund ihrer Herkunft, und nicht etwa ihrer Kompetenzen:

” […] Wir als SDV möchten hierzu sagen,dass als erstens Arbeitsplätze für unsere
Bevölkerung da sind und nicht für Grenzgänger. Leider suchen Arbeitgeber immer mehr auf dem ausländischen Arbeitsmarkt als auf unserem. Es gibt eine effektive Diskriminierung der einheimischen Bevölkerung und das auf jedem Niveau, op für Leute mit oder ohne Diplom. Ob wir nun auf die Banken und alle Gesellschaften die sich um die Banken drehen schauen,oder ob wir bei Grossmarktketten nehmen sehen wir nur Grenzgänger…wir als SDV sehen dies mehr als nur kritisch es ist eine Diskriminierung unserer Bevölkerung die nicht mehr zumutbar ist . Hier möchten wir als SDV eine Gestzgebung die die Unternehmen dazu bewegt erst Menschen unserer Bevölkerung einzustellen und zedem eine Quote von 50% hier im Land lebender Menschen einstellen,auch wenn nötig mit sehr hohen Geldstrafen und sogar mit Landesverweis und Arbeitsgenehmigung Entzug in Luxemburg, somit könnte man die Arbeitslosenzahl halbieren. […]”

So ließe sich Castiglia zufolge auch — und hier erklimmt das Parteiprogramm endgültig den Gipfel der Lächerlichkeit — die Arbeitslosenzahl “halbieren”. Castiglia zufolge bedarf es also nicht etwa der Diversifikation der luxemburgischen Wirtschaft und der damit verbundenen Schaffung neuer Arbeitsstellen, sondern einzig und allein der auf blindem Nationalismus basierenden bevorzugten Behandlung von Luxemburger*innen auf dem Arbeitsmarkt, um die Arbeitslosigkeit hierzulande zu mindern. Man beachte auch, dass er eine 50%-Luxemburger*innen-Quote fordert ohne dass er, wie bereits oben erläutert, überhaupt über Hörensagen-Berichte herausgehende Belege für reelle Diskriminierung von Luxemburger*innen auf dem Arbeitsmarkt liefern kann. Das wiederum ist ein Hohn gegenüber allen Bestrebungen, nachweisbare Diskriminierungen an Arbeitsplätzen (wie etwa gegenüber Frauen) durch Quoten auszumerzen.
Manche Abschnitte des Parteiprogramms wirken dann auch einfach nur noch wie ein unterträglich langer, vollkommen aus der Kontrolle geratener Facebookkommentar von Castiglia:

“[…] Es kann nicht sein dass verschiedene Betriebe die zumal manuelle Arbeit anbieten diese nur an Ausländische Mitbürger vergeben und wenn dann Luxemburger oder jemand anders der ihrer Nationalität nicht entspricht von den anderen auf mafiöse Art gemobbt werden ist nicht mehr hinnehmbar.es gibt etliche Grossbetriebe wo dies der fall ist . Auch ist es eine Zumutung dass Firmen hier zu Lande Stellen anbieten wo man verlangt dass zum beispiel portugiesisch gesprochen werden muss,und sogar Stellenanzeigen auf potugiesisch geschaltet werden,dies ist diskriminierend.Hier in Luxemburg sind dies nach luxemburger Recht luxemburger Gesellschaften,hier in Luxemburg kann man verlangen dass 3 Sprachen gesprochen,gelesen und geschrieben werden können,dann kann man eventuel noch dazufügen dass noch eine zusätzliche Sprache von Vorteil wäre,so wäre das acceptabel,jedoch sind der Staat und die Arbeitgeber in der Verantwortung wenn es darum geht dass ihre Mitarbeiter auch mindestens einer unserer Sprachen mächtig sein sollten.Es darf nicht mehr sein dass es Arbeitsplätze für verschiedene Ausländergruppen gibt und Diese, anderen wiederrum nicht zugänglich gemacht werden.Auch Gewerkschaften und ihre Bosse verschliessen die Augen seit Jahren zu all diesen Problemen,sie wollen sich nicht kümmern aus dem ganz einfachen Grunde alle diese Leute,ob Grenzgänger oder Ausländer die hier ansässig sind zu internen mafiösen Machthaber innerhalb den Gewerkschaften geworden sind und denen ihre Beiträge helfen die Fressnäpfe der oberen Gewerkschaftsbossen gut zu füllen und genau deswegen ist ihnen der Luxemburger egal. […]”

Castiglia erweist sich im Parteiprogramm auch immer wieder als Meister der unfreiwilligen Komik — beispielsweise wittert er nämlich in der zunehmenden Akademisierung der luxemburgischen Gesellschaft versteckte Nazi-Ideologie:

“[…]Wir brauchen dringend manuelle Arbeitsplätze und die
werden auch in der Zukunft immer gebraucht werden,denn es ist eine Utopie zu
glauben und zu verlangen dass die Menschheit nur mit Diplomen bestückt weiter
leben kann. Man wird es auf natürliche Art nicht fertig bringen den
Supermenschen zu schaffen, solche Hirngespinnste waren vor und während dem
zweiten Weltkrieg schon fehlgeschlagen. Politiker die dieses immer wieder der
Bevölkerung einhämmern sind doch nur arme Gestalten die doch irgendwie mit
versteckten Nazigedankengut hantieren,auf keinen Fall ist das

christlich,sozial,sozialistisch,noch demokratisch und mit sicheheit nicht grünnaturverbunden. […]”

Solche “Hirngespinste” würde Castiglia jedenfalls auch zuhauf finden, wenn er mal sein Facebookprofil reaktivieren und einen Blick in die Kommentarspalten unter seinen Beiträgen werfen würde.
Dazu fordert die SDV wie erwartet Referenden, die “politisch bindet [sic]” sind und vorallem darauf abzielen, dem nationalistischen Wahn der Partei Ausdruck zu verleihen und Ausländer in allen möglichen Formen zu diskriminieren — wie auch die vorgeschlagenen Referendumsfragen deutlich zeigen:

“a) Wollen wir eine selektive Kontrolle und Quotenreglung für Asylanten und
Immigranten ?
b) Wollen wir eine Ausweisung für Ausländer bei
Gewaltverbrechen,Drogenhandel,Menschenhandel,Zuhälterei, Sozialturismus und
nicht integrationsfähigen Leuten ?
c)Sollen für Ausländer die weniger als 10 Jahre im Land sind kein anrecht auf
RMG haben ?
d) Sollen Ausländer die keine Arbeit finden und weniger als 10 Jahre im Land
sind die Aufenthaltsgenehmigung entzogen bekommen und des landes verwiesen

werden ? […]
g)Sollen wir den Droit du sol wieder abschaffen ?
h) Soll das Nationalitàtengesetz neu festgelegt werden ? Mindestens 7 Jahre im Land arbeiten und leben und die luxemburger Sprache beherrschen .
i) Bei Heirat die sollte man nicht gleich die Nationalität erhalten ?
j) Doppelte Nationalität beibehalten oder abschafen ? […]”

Man beachte beispielsweise den vollkommen irrsinnigen Referendumsvorschlag “d)”. Zunächst einmal ist nicht ganz klar, was will Castiglia damit eigentlich ausdrücken will. Soll mittels dieser Frage entschieden werden, ob Ausländer, die nach 10 Jahren keine Arbeit gefunden haben, des Landes verwiesen werden sollen? Wie könnten die dann überhaupt über die Runden kommen, wenn ihnen gemäß Referendumsfrage “c)” auch noch das Arbeitslosengeld verwehrt werden würde? Würde das nicht noch zu viel mehr sozialen Problemen führen?

Letztendlich bleibt abzuwarten, was die anderen Aussteiger*innen der SDV in den kommenden Monaten eventuell zu berichten haben werden, aber eines ist ziemlich klar: Die SDV ist am Ende und wird sich wohl bald endgültig in die Reihe gescheiterter Versuche, eine rechtsextreme Partei in Luxemburg zu etablieren, einreihen.

Lëtzebuerger Patrioten und Luxemburg Defence League

Als Nächstes will ich mich der Frage widmen, was eigentlich aus der “Association 1928 Lëtzebuerger Patrioten Lëtzebuerg” oder kurzum den “Lëtzebuerger Patrioten” (nicht zu verwechseln mit dem Geschichtsverein „Amicale L.P.L. – Lëtzebuerger Patriote Liga“, der sich ausdrücklich von ersteren distanziert hat) und der mit ihnen verbundenen “Luxemburg Defence League” geworden ist. Diverse Mitglieder beider Gruppen (zwischen denen es auch personelle Überschneidungen gab) fielen in der Vergangenheit immer wieder durch rassistische Ausfälle in den sozialen Netzwerken auf; zwei davon, Francis Soumer und Dan Schmitz, wurden dafür sogar zu Geld- und Haftstrafen verurteilt. Insbesondere bei Soumer scheint dies aber kaum zu irgendeiner Einsicht geführt zu haben, wie ein Blick auf verschiedene öffentlich einsehbare Beiträge auf seinem Facebookprofil zeigt:

Francis Soumer#2

“Voila was auf uns zukommt: lauter Wilde !!! Ich habe es oft gesagt und wurde dafür diffamiert und vor Gericht gezogen, da ist der Beweis dass ich nicht gelogen habe !!!!”

Francis Soumer#1

Bis auf solcherlei Beiträge halten er und die restlichen Mitglieder der Lëtzebuerger Patrioten sich aber momentan relativ bedeckt in den sozialen Netzwerken —  größere kopfschüttelnerregende Ausfälle von ihnen gab es in letzter Zeit glücklicherweise nicht mehr.

Ganz im Gegensatz dazu beehrt Ex-ADRenalin-Mitglied Timon Müllenheim, der die mit den Lëtzebuerger Patrioten sympathisierende Luxemburg Defence League (welche ihm zufolge bald eine “NGO” werden soll) leitet, die Kommentarspalten Facebooks mit zahlreichen seiner bindestrichreichen Beiträgen. Seinem unter meinem letzten Text über die rechte Szene geäußerten Ratschlag (den ihr hier in seiner Gänze nachlesen könnt), ich solle künftig “solche niedträchtigen Schmähschriften, sowie [m]ein undemokratisches “Cyber-Stalking” (das fleißige Sammeln von “Screenshots”) und “-Mobbing” (das polemische Verbreiten von Unwahrheiten) gegen unbequeme Andersdenkende, in dem armseligen Versuch diese Mundtot zu machen, unterlassen” und anstelle davon mich “lieber mal [mit] freiheitlich-wertkonservativen Christen, Resistenzlern und Patrioten auseinandersetz[en] und [m]ich von deren positivem Inhalt konstruktiv inspirieren” lassen Folge leistend, möchte ich dementsprechend mal genauer unter die Lupe nehmen, was der Timon so schreibt. Immerhin ist er ja der einzige freiheitlich-wertkonservative Christ, Resistenzler und Patriot in einer Person, den ich linksgrünversiffter Gutmensch kenne:
Timon Müllenheims fundierte Theorie des politischen Spektrums

Zunächst einmal lehrt er uns unter folgendem Beitrag auf der Facebookseite von Nee2015.lu, dass man als heroischer Resistenzler in Diskussionen immer die Opferrolle einnehmen und sich als weißer christlicher Mann über eine angebliche “massive Diskriminierung” durch die böse “francophile[…] Bourgeoisie-Elit[e]” beklagen soll:
Timon Müllenheim OpferrolleTimon Müllenheim Opferrolle#2
Ich will mich jetzt eigentlich von Timons strahlender Weisheit erleuchten lassen, aber seine Begrifflichkeiten verwirren mich dann doch etwas. Zu wem zählt er denn die zahlreichen gebürtigen Luxemburger*innen, deren Muttersprache Luxemburgisch ist und die dazu gleichermaßen Deutsch als auch Französisch beherrschen? Sind die jetzt “normale” Luxemburger*innen, Elite oder doch eher etwas dazwischen? Und wieso geht er überhaupt von einer willkürlichen Norm bei einer so multikulturellen und mehrsprachigen Bevölkerung wie jener von Luxemburg aus und reduziert diese dann auch noch auf eine einzige Sprachgruppe?

Außerdem geht Timon mit gutem Beispiel voran und setzt als wagemutiger Resistenzler regelmäßig im Kampf gegen die linksindoktrinierten etablierten Medien sein Leben aufs Spiel, indem er online Beiträge von bis zum Bersten mit Verschwörungstheorien und Panikmache gefüllten Magazinen, die ihre Artikel dreist aus der offensichtlich doch nicht so verhassten “Lügenpresse” zusammenzuschustern, teilt — wie beispielsweise dieses Zitat von der neuen Galionsfigur der Rechten Europas, Donald Trump:
Timon Müllenheim Trump
Schließlich zeigt er uns dann auch noch auf besonders eindrückliche Art und Weise, wie tatsächliche Diskriminierung aussieht:

Timon Müllenheim#1

Timon zufolge ist es zunächst einmal “beweisbar”, dass Sinti und Roma einzig und allein aufgrund ihrer ethnischen Herkunft kriminell sind (was Kulturrassismus in seiner reinsten Form darstellt); dazu ist es in seinen Augen eine “legitime Forderung”, eine ganze Bevölkerungsgruppe (in diesem Fall Muslime) pauschal zu stigmatisieren und ihr die Einreise nach Deutschland zu verwehren (kennen wir dieses Denkmuster nicht von irgendwoher?); und Homosexuellenfeindlichkeit ist ein ganz “natürliches Empfinden” (von wo aus es auch gar nicht mehr weit ist bis zur Behauptung, es läge in der menschlichen Natur, Homosexuelle nicht als gleichwertige Menschen zu behandeln). Da Timon seiner eigenen Auffassung zufolge kein Rechtsextremist ist, können all diese Aussagen, die er selbst vertritt oder zumindest gutheißt, selbstverständlich auch gar nicht rechtsextrem sein. QED! Bei solch atemberaubender logischen Finesse frage ich mich ernsthaft, wieso ich überhaupt noch Philosophie studiere und nicht stattdessen den ganzen Tag meine Nase in Timons erleuchtenden Online-Werken vergrabe.

Letztendlich haben die, die ich vorgefunden und gelesen habe, mich dann aber auch tatsächlich sehr inspiriert — und zwar dazu, weiterhin gegen solche menschenverachtenden Retter des “Abendlandes” wie seine Wenigkeit vorzugehen und ihre Argumente zu dekonstruieren.

Fred Keup, Nee 2015.lu & Wee2050

Zuletzt will ich mich dann noch einmal Fred Keup und seiner “Nee 2015.lu” bzw. “Wee2050”-Bewegung widmen. Im Rahmen des letztjährigen Referendums über Ausländerwahlrecht, Mandatszeitbegrenzung  und Wahlrecht für 16-Jährige startete Keup seine “Nee2015.lu”-Kampagne, welche sich vorallem gegen das Ausländerwahlrecht richtete. Die dabei verbreiteten Desinformationen erwiesen sich trotz mehrfacher Widerlegung von verschiedenen Stellen als besonders hartnäckig und trugen ihren traurigen Teil dazu bei, dass 80% der Luxemburger*innen gegen besagtes Ausländerwahlrecht gestimmt hat, womit der Hälfte der luxemburgischen Bevölkerung ihr demokratisches Mitspracherecht verwehrt wurde. Beflügelt von diesem fragwürdigen Erfolg entsprang der “Nee2015”-Kampagne schließlich die “Wee2050”-Bewegung, welche mit ihren hochgesteckten Zielen und Gesellschaftsentwürfen für Luxemburg angeblich die “politische Mitte” repräsentieren soll. Wenn mit letzterem nun eigentlich das “nach rechts lehnende, besorgte Bürgertum” gemeint ist, so ist diese Aussage durchaus wahr. Fred Keup mag sich zwar ständig vehement dagegen sträuben, der rechten Szene Luxemburgs zugeordnet zu werden, aber verschiedene Standpunkte seiner Bewegungen rufen unter dem Deckmantel einer angeblich moderaten Gesinnung die gleichen Angstszenarien herauf wie der rechte Rand, bedienen sich hierbei teilweise auch dessen Begrifflichkeiten und spielen ihm durch die von ihnen verbreiteten Desinformationen letztlich umso mehr in die Hände.

Ein besonders eindrückliches Beispiel hierfür ist folgender, aus dem Juli stammender Facebookbeitrag, in dem es unter anderem heißt:

Zu Lëtzebuerg liewen elo 580.000 Leit, an dovun sinn 53% Lëtzebuerger.

Wann de Wuesstem (mat der Bevëlkerungsexplosioun) sou weider geet wéi déi lescht Joer dann liewen an 5 Joer hei zu Lëtzebuerg 645.000 Mënschen an dovun 49% Lëtzebuerger. Vun deem Ament un wäerten d’Lëtzebuerger eng Minoritéit sinn.

Übersetzung:

In Luxemburg leben jetzt 580.000 Leute, und davon sind 53% Luxemburger.

Wann der Wachstum (mit der Bevölkerungsexplosion) so weiter geht wie die letzten Jahre dann leben in 5 Jahren hier in Luxemburg 645.000 Menschen und davon 49% Luxemburger. Von diesem Moment an werden Luxemburger eine Minorität sein.

Sofort fällt auf, dass der*die Verfasser*in des Beitrags mit allerlei Statistiken herumschleudert, um seiner an diffuse Ängste vor Überfremdung appellierende Botschaft (“Luxemburger werden eine Minorität sein”) einen seriösen und faktenbezogenen Anstrich zu geben. Das Ganze bebildert er*sie dann auch noch mit einem Bild des mit der Flagge von Luxemburg bewehrten Turms vom Babel, um noch einmal den Eindruck, dass eine Katastrophe biblischen Ausmaßes auf das Land zukommt, nachdrücklich zu verstärken:

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Quelle: https://www.facebook.com/nee2015.lu/photos/a.894583283935502.1073741830.889354561125041/1188784071182087/?type=3&theater

Für diese Statistiken liefert der*die Autor*in aber weder konkrete Quellen noch erwähnt er, dass es bei Prognosen für Bevölkerungswachstum immer unterschiedliche Szenarien gibt. Die totale Bevölkerungsanzahl in Luxemburg wird aber, wenn man sich beispielsweise die Grafik 16 auf Seite 268 des “Bulletin socio-économique 2010-2060” der STATEC anschaut, selbst angesichts des Szenarios “haut” — welches von einem unveränderten Migrationszuwachs ausgeht — nicht vor 2025 auf 640.000 ansteigen. Die vom Admin von Wee2050 aufgestellte Behauptung ist also schlicht und ergreifend falsch. Trotzdem wird sie konsequent als Basis für den weiteren Verlauf der kruden Argumentation des*der Verfasser*in verwendet:

Duerch déi Entwécklung ännert sech eist Land fundamental a mécht déi gutt Integratiounspolitik vun de leschten 100 Joer onméiglech. Nëmmen bei engem moderaten, kontrolléierten Wuesstem, wou och all d’Kanner an de lëtzebuergeschen Schoulsystem ginn an wou am Alldag Lëtzebuergesch d’Haaptsprooch ass, ass eng richteg Integratioun méiglech.

Am Plaz vun eiser sozialer Kohäsioun riskéiert d’Land sech an Parallelgesellschaften ze splécken.

Übersetzung:

Durch diese Entwicklung verändert sich unser Land fundamental und macht die gute Integrationspolitik der letzten 100 Jahre unmöglich. Nur bei einem moderaten, kontrolliertem Wachstum, wo auch alle Kinder ins luxemburgische Schulsystem gehen und wo im Alltag Luxemburgisch die Hauptsprache ist, ist eine richtige Integration möglich.

Anstelle von unserer sozialen Kohäsion riskiert unser Land sich in Parallelgesellschaft aufzuteilen.

Der Begriff der “Parallelgesellschaften”, der hier verwendet wird, ist deutlich negativ konnotiert und wird gerne von europäischen Rechten in einem populistischen Kontext verwendet, um den angeblichen fehlenden Willen zur Integration von Ausländern oder Angehörigen anderer Religionen zu unterstreichen. Auch in diesem Beitrag von Wee2050 werden Parallalgesellschaft ganz offensichtlich als Bedrohung für die “soziale Kohäsion” aufgefasst, die nur von Ausländern ausgehen kann. Abgesehen davon, dass es nun aber schon seit jeher auch friedfertige Parallelgesellschaften gab, sind es hierzulande nicht die Migrant*innen, sondern eher unsere wohlbekannten “Lezeboia” und selbsternannten Patrioten, die sich eine eigene, von Ressentiments, Hass und Ignoranz genährte Parallelwelt abseits der multikulturellen Realität der luxemburgischen Gesellschaft errichtet haben und von dort aus die Fundamente von letzterer zu untergraben versuchen. Das beste Beispiel hierfür liefern, als Gipfel der Ironie, Nee2015 und Wee2050 selbst. Indem sie sich so vehement mittels falscher Informationen und auf einer auf reiner Emotionsbasis geführten Kampagne gegen das Ausländerwahlrecht ausgespochen haben, haben sie kurzerhand mal der Hälfte der Bevölkerung eines der effizientesten Mittel zur Integration — der aktiven politischen Beteiligung — entrissen und somit den Nährboden für eine tatsächliche, von wichtigen demokratischen Prozessen ausgeschlossene Parallelgesellschaft geliefert. Auch die Tatsache, dass sie, wie der Verfasser des Beitrags schreibt, Luxemburgisch zur “Hauptsprache” erheben und damit die Mehrsprachigkeit in Luxemburg zu Gunsten einer einzigen Sprache, welche die Integration erleichtern soll, verwässern wollen, ist Schwachsinn — wie die Letzeboia nämlich selbst immer wieder beweisen, sind weder das Beherrschen der luxemburgischen Sprache noch der Besitz der luxemburgischen Nationalität ein Garant dafür, dass man auch tatsächlich vollständig in die Gesellschaft integriert ist.

Und zum Abschluss schreibt der Admin dann auch noch Folgendes:

Mee déi gréissten Affer vum staarken onkontrolléierten Wuesstem sinn eis Ëmwelt an d’Liewensqualitéit. A Punkto Infrastrukturen, Verkéier, Verbauung an Naturschutz wäert d’Land u seng Grenzen stoussen.

Übersetzung:

Aber die größten Opfer von starkem unkontrolliertem Wachstum sind unsere Umwelt und Lebensqualität. In punkto Infrastrukturen, Verkehr, Verbauung und Naturschutz wird das Land an seine Grenzen stoßen.

[…]

Genau dieses Argument wurde schon in abgewandelter Form von Pierre Peters in dem weiter oben verlinkten Video vorgebracht: Mehr Ausländer*innen = mehr Umweltzerstörung und verringerte Lebensqualität. Dass ersteres aber vorallem an mangelhaftem Umweltschutz liegt und zweiteres an komplexen ökonomischen Faktoren, scheint dem*der Verfasser*in des Beitrags aber nicht aufzufallen. Stattdessen sät er*sie lieber Ängste vor Naturkataklysmen und sozialem Abstieg und hetzt damit umso mehr gegen Ausländer*innen auf.

Auch Fred Keup und seine Bewegungen machen sich also das Spiel mit der Angst zunutze, um Menschen auf ihre perfiden Ziele hereinfallen zu lassen. Das Gegenargument, dass es sich hierbei nur um den Ausrutscher eines einzelnen Admins handelt, ist auch nicht valide, denn immerhin finden sich viele der aufgezählten Punkte (wie beispielsweise jener mit den Parallelgesellschaften) Schwarz auf Weiß im Grundsatzprogramm der Bewegung. Das betont  moderate Image dieser Kampagnen ist also letztlich nur eine Fassade, von der man sich nicht täuschen lassen sollte.


Weiter geht es in ein paar Tagen im 3. Teil meines Artikels. In diesem werde ich mich mit dem “Knouter Club” befassen, rechte Kommentare bei luxemburgischen Newsmedien untersuchen und einen Schlussfazit ziehen.

Die rechte Szene in Luxemburg Mitte 2016 (1/3): Alternativ Demokratische Reformpartei (ADR)

Seit meinem letzten Blogartikel über die rechte Szene in Luxemburg im November vergangenen Jahres hat sich so einiges getan. Um angemessen auf die sich seitdem vollzogenen Entwicklungen und Aktivitäten der einzelnen relevanten Akteur*innen eingehen zu können, habe ich mich (auch auf den freundlichen Rat einiger meiner Leser*innen hin) dazu entschlossen, meinen Bericht dieses Mal in drei Teile aufzugliedern. Das dient nicht nur der Leserlichkeit, sondern bietet mir gleichzeitig auch mehr Raum zur Analyse und Dekonstruktion der Aussagen des rechten Rands.

Alternativ Demokratisch Reformpartei (ADR)

Im ersten Teil meines Berichts über die rechte Szene in Luxemburg Mitte 2016 will ich mich nun primär einiger einzelner Mitglieder der nationalkonservativen Alternativ Demokratischen Reformpartei (ADR), welche sich im Angesicht ihrer öffentlichen Äußerungen und Positionen eindeutig dem rechten Rand des politischen Spektrums zuordnen lassen, widmen. Hierbei werde ich allerdings auch immer wieder im Allgemeinen auf das Programm der Partei selbst, welches teilweise lückenlos mit den extremen Ansichten besagter Mitglieder übereinstimmt, Bezug nehmen.

Eine der Personen, welche in den letzten Jahren maßgeblich dazu beigetragen hat, die ADR auf die offen nationalkonservative Schiene zu bringen, ist der nach wie vor einen Sitz in der Chambres des Députés bekleidende Ex-Parteipräsent Fernand Kartheiser. Nachdem Kartheiser im zurückliegenden Jahr vorallem auf Facebook aktiv gewesen war, hat er vor Kurzem wieder damit begonnen seinen persönlichen Blog, “Déi konservativ Säit” — auf dem er in der Vergangenheit unter anderem schon massiv gegen Homosexuelle und Frauen gewettert und unter anderem die gesetzlich gestützte Diskriminierung von Ersteren gefordert hatte — zu pflegen und ihn um einige frische Texte zu bereichern. In letzteren bleibt Kartheiser nun gleichermaßen seiner rückwärtsgewandten politischen Linie als auch begrenzten Weltsicht treu und fällt dabei am Liebsten über Menschen her, auf welche — anders als seine eigene Wenigkeit — mindestens eines der Attribute “weiß”, “christlich”, “männlich” und “heterosexuell” nicht zutrifft. In einem am 24. Mai 2016 geposteten Artikel namens “D’CSV an der Genderfal” (Übersetzung: “Die CSV in der Genderfalle”) wettert er beispielsweise über den von den CSV-Politikerinnen Sylvie Andrich-Duval und Françoise Hetto vorangebrachten Gesetzesvorschlag zur Erleichterung amtlicher Prozesse für Transgender. Beispielsweise wären Letztere nach der Gesetzesänderung nicht mehr dazu verpflichtet, zur Änderung ihres Namens auf ihrem Geburtstdokument Beweise für medizinische Eingriffe und dergleichen vorzuzeigen. Jeder zumindest über ein Mindestmaß an Empathie verfügender Mensch würde, selbst wenn er der Politik der CSV und den Positionen ihrer Mitglieder*innen ansonsten kritisch gegenübersteht (wozu es genügend Gründe gibt, wie ich noch nachfolgend im Kontext der Diskussion um das “Burkaverbot” zeigen werde), zumindest diesen einzelnen Vorstoß als lobenswerte und Ausgrenzungsmechanismen vorbeugende Initiative erachten. Nicht so Fernand Kartheiser — ganz im Gegenteil begrüßt dieser sogar auf besonders gehässige Art und Weise die als Negativbeispiel von Frau Andrich herangezogene staatlich legitimierte Diskriminierung von LGBTQI*-Personen in North Carolina:

“Als “Negativbeispill” huet d’Madame Andrich e Gesetz am amerikanesche Staat North Carolina erausgesicht an dem – oh, SKANDAL!! – gesot gët, datt d’Leit mussen op d’Toilette vun dem Geschlecht goen, dat op hirem Gebuertsschäin ausgewisen ass. Domat soll d’Sëcherheet virun allem op de Meedercherstoilette garantéiert ginn. Et geet drëm ze verhënneren, datt iergend wellech pervers Männer op Dammen- oder op Meedercherstoilette kënne goen, mat dem Argument si géngen sech als Fra fillen a kéinten dofir net op eng Härentoilette goen.

Perséinlech fannen ech dat Gesetz aus dem North Carolina ganz gutt. Ech fannen datt op den Toiletten muss eng gewëssen Sëcherheet an Intimitéit garantéiert sinn an dat déi net kann duerch iwwerzunnen “Anti-Diskriminéierungs”-Gesetzer” a Fro gestallt ginn.”

Übersetzung:

“Als “Negativbeispiel hat Frau Andrich ein Gesetz im amerikanischen Staat North Carolina herausgesucht in dem – oh, SKANDAL!! – gesagt wird, dass Leute auf die Toilette von jenem Geschlecht, welches auf ihrem Geburtsschein steht, gehen müssen. Damit soll die Sicherheit vorallem auf Mädchentoiletten garantiert werden. Es geht darum zu verhindern, dass irgendwelche perversen Männer auf Frauen- oder Mädchentoiletten gehen können, mit dem Argument sie würden sich als Frau fühlen und könnten daher nicht auf eine Herrentoilette gehen.

Persönlich finde ich das Gesetz aus North Carolina sehr gut. Ich finde, dass auf den Toiletten eine gewisse Sicherheit und Intimität garantiert werden muss und dass die nicht durch überzogene “Anti-Diskriminierungs”-Gesetze in Frage gestellt werden kann.”

Dass gerade Fernand Kartheiser sich plötzlich um die “Sicherheit” von Frauen zu sorgen scheint ist an schierer Hypokrisie nicht mehr zu überbieten. Dadurch nämlich, dass er strikt gegen Abtreibungen ist und Frauen vielmehr als reine Gebärmaschinen sieht, verwehrt er ihnen auch jegliches Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper — und das wiederum ist Misogynie in ihrer abstoßendsten Form. Dazu spricht er sich an keiner anderen Stelle für tatsächlich langfristig sinnvolle Maßnahmen gegen sexuelle Gewalt gegenüber Frauen (wie etwa die Dekonstruktion von veralteten Männlichkeitsbildern oder Objektifizierung von Frauen im Alltag) aus. All dies ist wiederum exemplarisch für Politiker*innen des rechten Rands. Solange es nicht ihren eigenen perfiden politischen Zwecken dient, scheren sie sich nämlich nicht im Geringsten darum, dass Frauen sexuellen Belästigungen und Vergewaltigungen ausgesetzt werden und bagatellisieren letztere schlimmstenfalls sogar. Sobald es aber aber darum geht, die Rechte von LGBTQI*-Menschen einzuschränken und ihnen gravierende Hindernisse im alltäglichen Leben in den Weg zu legen, erweist sich der angebliche “Schutz” von Frauen auf einmal als willkommener Prätext für den rechten Rand, mit dem sich die  eigenen perfiden Ansichten legitimieren lassen. Ähnliches ließ sich auch nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln dieses Jahr beobachten, als sich plötzlich zahlreiche rechte Politiker*innen in Deutschland als Frauenrechtler*innen profilieren wollten, nur um auf dieser Basis ihre ausländerfeindlichen Ressentiments vom Stapel zu lassen.

Etwas weiter im Text echauffiert sich Kartheiser dann noch über die “Genderideologie”:

“[…]d’Madame Andrich schwätzt och nach dovun, datt ee bei der Gebuert e Geschlecht “zougeschriwwe” kriit – wat esou awer net de Fall ass. Geschlecht ass ebe keng sozial Konstruktioun mee eng Constatatioun – nämlech déi vun engem biologesch-wëssenschaftleche Fakt.

[…]

Fir mech läit d’Conclusioun op der Hand: fir all déi Leit déi nach fir Waerter stinn, fir all déi, déi d’Genderideologie aus guddem Gronn refuséieren, fir all déi, déi d’Fraen an d’Kanner net wëllen zu Handelsobjekter degradéieren gëtt et hei am Land nëmmen eng politesch Partei: an déi heescht ADR!”

Übersetzung:

“Frau Andrich spricht auch noch davon, dass man bei der Geburt ein Geschlecht “zugeschrieben” bekommt – was aber so nicht der Fall ist. Geschlecht ist eben keine soziale Konstruktion sondern eine Feststellung – nämlich die von einem biologisch-wissenschaftlichen Fakt.

[…]

Für mich liegt die Schlussfolgerung auf der Hand: für all die Leute, die noch für Werte stehen, für all die, die die Genderideologie aus gutem Grund ablehnen, für all die, die Frauen und Kindern nicht zu Handelsobjekten degradieren wollen gibt es hier im Land nur eine politische Partei: und die heißt ADR!”

Seiner begrenzten Weltsicht treu bleibend, weigert sich Kartheiser — genauso wie die Alternative für Deutschland und Konsorten — hierbei, den Unterschied zwischen Geschlecht und Gender anzuerkennen und pocht daher, wie bereits eingangs erwähnt, umso mehr auf starre, stereotypische Genderrollen, welche sich in seinen Augen biologisch gegeben sind. Wie wunderbar, denn immerhin führen solche vollkommen veraltete Vorstellungen natürlich überhaupt nicht zu irgendwelchen empirisch nachweisbaren negativen Folgen (und schon gar nicht bei Männern).

In einem weiteren Beitrag ereifert er sich dann noch über Leihmutterschaften für homosexuelle Paare und die vermeintlich fehlende Objektivität von RTL angesichts dieses Themas. Ein von ihm zitierter Leserbrief, welcher seine Position untermauern soll, vertritt dabei eine ähnlich veraltete Auffassung von Genderrollen wie er. Dessen Verfasserin ist nämlich der Meinung, dass Kinder angeblich notwendigeweise eines Vaters und einer Mutter bedürfen, obwohl gleichgeschlechtliche Eltern erwiesenermaßen keinerlei Nachteil für ihre Kinder darstellen. In einem weiteren Text hebt er dann noch mit bedenklichem Stolz garniert hervor, dass die ADR sich unter anderem dadurch gegenüber anderen Parteien in Luxemburg (Kartheiser bezieht sich hierbei vor allem auf die CSV) auszeichnet, dass sie gegen die Ehe zwischen Homosexuellen ist. Was für eine beachtliche Leistung aber auch, sich durch die gezielte Diskriminierung von Menschen aufgrund deren Sexualität auszuzeichnen!


Auch auf seiner Facebookseite zeigte sich Kartheiser in letzter Zeit wieder einmal von seiner besten Seite. Beispielsweise posierte er im April stolz mit Thilo Sarrazin nach dessen (vollkommen zurecht) umstrittenem Auftritt im Echternacher Trifolion:

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Sarrazin hat im Laufe des aktuellen Jahrzehnts mit seinen rassistischen und wissenschaftlich nicht haltbaren Theorien große Aufmerksamkeit erregt; letztere ließen hierbei kontinuierlich die Hemmschwellen für Hetze im öffentlichen Diskurs in Deutschland sinken und ebneten damit den Weg für AfD, Pegida und Co. die plötzlich wieder Grundsätze der Offenheit und des Pluralismus, die in einer auf demokratischen Prozessen fundierten Gesellschaft eigentlich selbstverständlich sein sollten, in Frage stellen und die Forderung nach deren Aufhebung gar zum Diskussionsgegenstand erheben konnten. Kein Wunder also, dass neben Kartheiser auch noch der Rest der Crème-de-la-Crème der rechten Szene Luxemburgs zu Sarrazins Vortrag pilgerte beziehungsweise es wie in Joe Theins Fall (mit dem ich mich gleich auch noch befassen werde) zumindest geplant hatte zu tun:

Castiglia Nico Trifolion Joe Thein Trifolion Timon Müllenheim Trifolion

Anhand dieser Beispiele und der Tatsache, dass es unter den Zuhörern selbst im Trifolion keine richtige Debatte im Anschluss an Sarrazins Vortrag gab, sieht man, dass es trotz immer wieder auftretender politischer Differenzen auch in der luxemburgischen rechten Szene einen gewissen ideologischen Konsens beziehungsweise kleinsten gemeinsamen ideologischen Nenner gibt — und zwar in der Form von Sarrazins menschenfeindlichen Thesen.

Im zum Foto mit Sarrazin gehörigen Text regt sich Kartheiser dazu wieder einmal über “vermummten Gestalten vom linksen Rand” auf, welche vor dem Trifolion ein “Pamphlet” mit lauter “Dummheiten” verteilt hätten. Gemeint ist damit wohl der von der Gegendemo verteilte Flyer des Künsterl*innenkollektivs Richtung 22. Letzteres hatte schon bei seiner “Lëtzebuerg, du hannerhältegt Stéck Schäiss”-Aktion Kartheisers arme patriotischen Gefühle in Mitleidenschaft gezogen — dass dieser nun auch auf ihre Checkliste so gereizt reagiert hat zeigt, dass die Leute von Richtung 22 offensichtlich wieder einmal alles richtig gemacht haben.

Genauso wie sein politischer Ziehsohn Joe Thein hat Kartheiser dazu auf seinem Facebookprofil jüngst einen Beitrag von Donald Trump geteilt — einem Menschen, der unter dem Vorwand der Auflehnung gegen eine vermeintliche Dominanz der ‘political correctness’ in Politik und öffentlichem Diskurs nicht nur unverhohlenen Rassismus zur Schau trägt, sondern auch Folter befürwortet und implizit zum Mord an politischen Konkurrent*innen aufruft. Dazu stellen die außenpolitischen Pläne des US-Präsidentschaftskandidaten gelinde gesagt ein einziges monumentales Desaster dar.
Zumindest mit rassistischen Aussagen scheint Fernand Kartheiser sowieso kein Problem zu haben. Am 8. August teilte er nämlich auf seinem Facebookprofil zunächst einmal folgenden Video:

Fernand Kartheiser löscht keine rassistischen Kommentare#1

In diesem wird der Abriss der neugotischen Kirche von Saint-Jacques in Abbeville gezeigt. Das ist aus kunstgeschichtlicher Sicht durchaus bedauernswert — aber um das Bauwerk selbst geht es den Rechten sowieso nicht. Unter anderem der Begleittext zum ursprünglichen Beitrag und auch einer der Kommentare unter Kartheisers Link — in welchem ohne jegliche Faktengrundlage behauptet wird, dass dort anstelle der Kirche eine Moschee erbaut werden würde — zeigen nämlich, dass sie in diesem Video vorallem einen Beweis für den angeblichen Zerfall ihres heißgeliebten Abendlandes sehen. Das erklärt dann auch, wieso der Verfasser des ursprünglichen Beitrags sich nicht einmal die Mühe gegeben hat nachzuschauen, wann die Kirche überhaupt erbaut wurde und daher einfach mal auf “16. Jahrhundert” getippt hat — obwohl das Bauwerk erst im 19. Jahrhundert errichtet worden ist.
Unter Kartheisers Post kommentierte ein gewisser Carlo Michel Jentgen dann Folgendes:

Fernand Kartheiser löscht keine rassistischen Kommentare#2

Übersetzt bedeutet das soviel wie “Französische Nation verdorben mit scheußlichen Rassen” —  ein unbestreitbar rassistischer Kommentar der übelsten Sorte also, welcher von Kartheiser bis zum jetzigen Zeitpunkt einfach so stehen gelassen wurde und auf welchen er nicht einmal mit einer Antwort, in dem er dieser Aussage widersprochen oder sich zumindest von ihr distanziert hätte, reagiert hat. All dies kommt letztendlich zumindest einer Duldung solch rechtsextremer und menschenfeindlicher Ansichten — welche klar ersichtlich nicht mehr unter den Schutz der Meinungsfreiheit fallen — seitens Kartheiser gleich.


Auch das Petinger ADR-Gemeinderatsmitglied Joe Thein stand in den letzten Monaten seinem politischen Ziehvater Fernand Kartheiser hinsichtlich fragwürdiger Aktivitäten auf Facebook in nichts nach — und zog mit diesen gar weitaus größere Aufmerksamkeit auf sich als letzterer.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle zunächst einmal, dass Joe Thein nun tatsächlich an der Uni.lu studiert und einen Bachelor in “Cultures Européennes – Filière Histoire” ablegen will:

Joe Thein studiert jetzt Geschichte

Wenn ich mir so die formale und inhaltliche Qualität von Joes rezenten, vor Pathos und Sinnlosigkeit nur so triefenden Beiträgen auf Facebook, die ich euch gleich zeigen möchte, so anschaue, bemitleide ich die Prüfer*innen, die sich seine geistigen Ergüsse über “Solidarökonomie, Dateschutz EU/USA und Brexit” antun mussten, jedenfalls zutiefst. Und seine zukünftigen Dozenten erst recht.
Da ich aber ein grundsätzlich optimistischer Mensch bin hoffe ich, dass er bei letzteren endlich mal grundlegende empirische Methoden zu verstehen lernt. Wie ein Beitrag der Facebookseite “Rhetoresch Ergëss vum Lëtzebuerger Stammdësch” jüngst aufzeigte, hat er nämlich insbesondere mit Statistiken so sehr Probleme, dass er kurzerhand bei einem von ihm geposteten Link zu aktuellen Wahltrends mit felsenfester Überzeugung behauptet, dass die  “Wunschkoalition” aus CSV-ADR mit 31% Zustimmung “weit” beliebter beim “Volk” sei als die aktuelle “Gambiakoalition”, welche 37% Zustimmung einfahren konnte:

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Übersetzung: “31% vom Volk sprechen sich in der TNS-Ilres-Umfrage positiv für eine CSV-ADR Regierung aus! Damit liegt die ADR weit vor der Gambiakoalition und ist erstmals eine politische Option. Man muss wissen: CSV-Grüne, wie sie als Favoritenkoalition aus der Umfrage hervorgeht, wäre eine Weiterführung der Linkspolitik hier im Land.”

Hier noch einmal die Statistik aus dem Originalbeitrag von RTL:

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Quelle: http://www.rtl.lu/letzebuerg/913238.html

Okay, an dieser Stelle möchte ich das zuvor Gesagte zurücknehmen: Man muss keine Statistikkurse an der Uni belegt haben um herauszufinden, dass Joe Thein mit seiner Einschätzung vollkommen danebenliegt. Bis 37 zählen zu können reicht dafür vollkommen aus.

Auf all diese fiesen Beschuldigungen wusste er natürlich unter dem von den Rhetorischen Ergüssen geposteten Beitrag über ihn schlagkräftig zu antworten — und ritt sich dabei gleich noch mehr in die Bredouille hinein:

Joe Thein Mathefail#2

Joe Thein: “Danke für eure populistische Demagogie!” Seid ihr bloß so lieb, meinen Post GANZ wiederzugeben, ohne den Teil Text herausgeschnitten zu haben, und lest auch den Artikel noch einmal, für die Interpretation von den 31% für eine CSV-ADR-Regierung gegenüber 37% Gambiakoalition, und 36% für die Probabilität einer CSV-ADR-Regierung gegenüber 17% Gambiakoalition zu verstehen.” Tobias Hildenbrand: “Da ist doch gar nichts herausgeschnitten worden. Dein Post macht einfach keinen Sinn, egal ob ich da von 90 oder von 145 Grad von meinem Bildschirm drauf schaue.” Joe Thein: “Verschiedene Leute vom linken Rand täten besser, diskret mit ihrer Besserwisserei zu bleiben; Hier dann das Zitat von RTL.lu, und damit die gleiche Feststellung, wie von meiner Seite.”

Da hat Joe Thein es uns linksgrünversifften Pöblern aber wieder mal gezeigt! Seine Aussage, die Zustimmung für die CSV-ADR-Koalition wäre mit 31% größer als jene für die aktuelle Koalition bezog sich nämlich eigentlich auf eine andere Statistik:

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http://www.rtl.lu/letzebuerg/913238.html

Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: Joe Thein hat zuerst die 31% Zustimmung für die CSV-ADR-Koalition aus der ersten “Wunschkoalition”-Statistik aufgegriffen, diese dann mit einem der “Gambiakoalition” zugeschriebenen Prozentsatz aus einer zweiten Umfrage — welche über eine komplett andere Fragestellung aufwies als die andere, da diese ihre Teilnehmer*innen nicht danach befragte, welche Koalition sie sich wünschten, sondern welche ihrer Meinung nach am Wahrscheinlichsten wäre — verglichen und darauf dann die Behauptung aufgebaut, es würden sich mehr Menschen die CSV-ADR-Koalition als die verhasste “Gambiakoalition” wünschen. Mehr Realsatire geht wohl kaum.

Weitaus weniger belustigend war allerdings Joe Theins Foto einer Niqab tragenden Frau, welches er ohne deren Erlaubnis (!) heimlich in einem Supermarkt aufgenommen und dann auch noch am 30. Juni auf seiner Facebookseite online gestellt (!!) hatte. Ganz davon abgesehen, dass Joe Thein, wenn er sich wenigstens dieses eine Mal seiner Vernunft bedient hätte, zum Schluss hätte kommen müssen, dass ungefragt Fotos von fremden Menschen zu machen und diese dann auch noch ohne deren Einwilligung auf sozialen Netzwerken zu posten moralisch nicht haltbar ist: Das Ganze ist wegen dem Recht am eigenen Bild auch noch höchst illegal. Joe Thein hätte sich nämlich nicht nur eine Erlaubnis für das Foto, sondern auch noch einmal eine zusätzliche Einwilligung für die Veröffentlichung des Bildes von der abgelichteten Frau einholen müssen. Nichts davon hat Joe Thein im Vorfeld getan. Das Recht am eigenen Bild scheint in seinen Augen also offensichtlich nicht für Niqab tragende Muslima zu gelten, womit er die Frau auf dem Foto letztlich enthumanisiert und ihr Dasein als Individuum und Person untergräbt — was wiederum zeigt, welche menschenfeindlichen Ansichten Joe Thein im Angesicht von Personen pflegt, die nicht in sein Bild eines homogenen luxemburgischen Nationalstaats (welcher in der Form sowieso nie existiert hat und es auch nie tun wird) passen. Umso tröstlicher stimmt es dann, dass Joe Thein einen enormen Shitstorm — im Rahmen dessen vor allem viele junge Menschen die Frau auf dem Foto in Schutz nahmen und scharfe Kritik an Theins Verhalten ausübten — für seinen Beitrag erntete. Die mehr als berechtigten Vorwürfe scheinen allerdings wirkungslos an ihm abgeprallt zu sein, denn bislang hat er sich noch nicht dazu entschieden, das Foto offline zu nehmen — womit er seinen eigenen Grundsätzen, auf deren Basis er andere Politiker*innen attackiert, widerspricht. In einem auf die jüngste Pressekonferenz der ADR bezogenen Beitrag vom 11. August schrieb er nämlich besonders pathosgeladen: “E staatsmännesche Politiker ass Een, deen d’Jicken an der Box huet, Konsequenze fir séng Matverantwortung ze huelen.” (Übersetzung: “Ein staatsmännischer Politiker ist einer, der die Eier in der Hose hat, Konsequenz für seine Mitverantwortung zu übernehmen.”). Entweder kennt Joe Thein sich selbst besonders gut, oder er ist sich einfach nicht bewusst, dass er sich selbst mit diesem Spruch jegliche Eignung zum “staatsmännischen” Politiker abgesprochen hat. Ich tippe eher auf Letzteres.

Am Ende des soeben zitierten Beitrags greift Joe Thein dann noch einmal die während besagter Pressekonferenz verkündeten Pläne der ADR auf, welche nur so vor Paranoia, Angstmacherei, blindem Nationalismus und dem Ruf nach einer autoritären Politik triefen:

“Wann een also fir d’Sécherheet, d’Souveränitéit a d’Nationalstaatlechkeet schwätzt, wa mir also ee fräit an deklaréiert onofhängegt Land sinn, da muss et och eist ultimativt Recht sinn, iwwert eis d’Land ze bestëmmen (Lëtzebuerger Nationalitéit als Verdéngscht), eis Grenzen ze schützen an ze kontrolléieren (mat Grenzkontrollen), d’Immigratiounspolitik nei ze regelen (keng porte ouverte fir all Mënsch), eis Wäertekultur vir ze schreiwen (Burkaverbuet), an all déi erfuerderlech Moossnamen ze huelen, fir alles an d’Weeër ze leeden, eist Land a séng Dignitéit ze protegéieren (d’Stäerkung an d’Moderniséierung vun alle Sécherheetsberuffer). Mir mussen Extremismus vun eis weisen, net léieren an akzeptéiere mat Angscht an Terror liewen. Mir mussen Integratiounsfeindlechkeet vun eis weisen, net toleréieren, datt laanscht an nieft eis gelieft gëtt. Mir musse weisen, wien Här a Meeschter ass, fir datt Recht a Gesetz respektéiert ginn. Mir mussen de Net-Respekt virun eisem Land bestrofen, fir datt Lëtzebuerg an Éiere bleift.”

Übersetzung:

“Wenn man sich also für die Sicherheit, die Souveränität und Nationalstaatlichkeit ausspricht, wenn wir also ein freies und explizit unabhängiges Land sind, dann muss es auch unser ultimatives Recht sein, über unser Land zu bestimmen (Luxemburger Nationalität als Verdienst), unsere Grenzen zu schützen und zu kontrollieren (mit Grenzkontrollen), Immigrationspolitik neu zu regeln (kein “Tag der offenen Tür” für alle Menschen), unsere Wertekultur durchzusetzen (Burkaverbot), und alle erforderlichen Maßnahmen zu nehmen, um alles in die Wege zu leiten, unser Land und seine Würde zu beschützen (Stärkerung und Modernisierung von allen Sicherheitsberufen). Wir müssen Extremismus von uns weisen, nicht lernen und akzeptieren mit Angst und Terror zu leben. Wir müssen Integrationsfeindlichkeit von uns weisen, nicht tolerieren, dass an uns vorbei gelebt wird. Wir müssen zeigen, wer Herr und Meister ist, damit Recht und Gesetz respektiert werden. Wir müssen den Nicht-Respekt von unserem Land bestrafen, damit Luxemburg in Ehren bleibt.”

Entschuldigung, ich musste mir kurz die Augen mit Bleichmittel auswaschen gehen, damit meine Netzhäute sich von diesem geballten Stumpfsinn erholen können. Kann Joe Thein mir zunächst einmal einmal erklären, inwiefern es sein “Verdienst” ist, dass er zufälligerweise auf diesem Fleckchen Erde, um dessen imaginären Grenzen Willen er nun andere Menschen diskriminieren will, geboren wurde und die Luxemburger Nationalität erlangt hat? Hat er vor seiner Geburt irgendjemanden bestochen, damit er genau hier in die Welt gesetzt wird und uns nun konstant mit seiner rhetorisch mangelhaften Hetze drangsalieren kann? Es will einfach nicht in meinen Kopf hinein, wieso Rechte immer von Ausländern verlangen, dass diese sich die Nationalität des Landes, in dem sie wohnen, erst verdienen zu müssen, obwohl Erstere selbst überhaupt nichts dafür geleistet haben und einfach nur unverschämt viel Glück hatten, an genau diesem Ort geboren worden zu sein. Dass sie sich dann noch so sehr auf diesen Zufall behaupten, entblößt das Konzept von Nationalstolz schließlich in seiner ganzen Lächerlichkeit.

Dazu spricht er sich für “Grenzkontrollen” aus, welche der ADR zufolge stichprobenartig vom Zoll durchgeführt werden dürfen. Abgesehen davon, dass Grenzen innerhalb von Europa nun aber eine der größten Errungenschaften der EU darstellen, welche auf keinen Fall wegen eines trügerischen Sicherheitsgefühl und dem atavistischen Beharren auf Nationalgrenzen und vermeintlich daran gebundener Souveränität aufgegeben werden soll, nützen Grenzkontrollen überhaupt nichts gegen die Gefahr, vor der sie angeblich vorallem schützen sollen: Islamistischer Terrorismus. Dieser wird zwar oftmals von den Rechten in einem Atemzug mit Geflüchteten erwähnt wird (welche auch mittels ebendieser Kontrollen und einer von Joe Thein geforderten repressiven “Immigrationspolitik” davon abgehalten werden sollen, nach Luxemburg zu kommen), aber es gibt einfach keinen Zusammenhang zwischen beiden. Vielmehr gelangen Terroristen nämlich — anders als Joe Thein und seine Gesinnungsgenoss*innen uns das gerne weismachen möchten — in so gut wie allen Fällen nicht als Geflüchtete nach Europa (ganz im Gegenteil fliehen sogar viele von letzteren vor Terrorismus), sondern sind oftmals Staatsbürger jenes Landes, in dem sie den Terrorakt ausführen; so handelte es sich beispielsweise bei den Strippenziehern der Attentate in Brüssel im März 2016 vornehmlich um Belgier.

Dazu unterstreicht Joe Thein das unter anderem von der ADR geforderte gesetzliche Burkaverbot. Hierbei ist es nun zunächst einmal wichtig zu erwähnen, dass die ADR leider nicht die einzige Partei ist, die in Luxemburg dafür plädiert — selbst die sich eigentlich als “sozialistisch” verstehende LSAP ist auf den Zug aufgesprungen und hat im November 2015 ein Verbot gefordert. Und auch CSV-Politiker Laurent Mosar, der bereits des Öfteren durch islamfeindliche Positionen ohne jeglichen faktischen Rückhalt, die denen von Kartheiser & Co. in nichts nachstehen, aufgefallen ist und daher eindeutig der rechten Szene zugeordnet werden kann, spricht sich auf seinem Twitter-Account immer wieder vehement für ein solches Verbot aus — und lässt dabei auch außer Acht, dass es auch so einige muslimische Frauen gibt, die sich freiwillig verschleiern und es sogar als emanzipatorischen Akt sehen. Zieht man nun unter anderem die Tatsache, dass in Luxemburg nur 16 (!) Frauen eine Niqab tragen, in Betracht, so wird schnell ersichtlich, dass es sich bei diesem Vorschlag nur um reine Symbolpolitik handelt, welche gezielt an diffuse Ängste in der Bevölkerung appelliert und auf besonders perfide Art und Weise die irrationale Vermengung von religiös bedingter Vollverschleierung und islamistischem Terrorismus, welche in den Köpfen der Bevölkerung grassiert, für politische Zwecke ausnutzt. Besonders bedenklich ist hierbei, dass diese Position, welche bis vor nicht allzu langer Zeit eigentlich vor allem in der rechten Szene verbreitet war, damit auch von Parteien, die sich eher in der politischen Mitte situieren, übernommen worden ist — und das ist wiederum sinnbildlich für den beunruhigenden Rechtsruck, der gerade überall in der politischen Landschaft Europas stattfindet. Das “Burkaverbot”, welches mittlerweile auch in vielen anderen europäischen Ländern gefordert wird und eigentlich — was wiederum die schiere Ignoranz dieses Gesetzvorschlages offenbart — auf die Niqab abzielt (eine Übersicht verschiedener Kopfbedeckungen im Islam findet ihr übrigens hier), ist aber nicht nur ein Beispiel dafür, wie bedrohlich salonfähig rechte Ideen mittlerweile wieder geworden sind, sondern zeigt auch, dass diese keine echten Lösungen darstellen, sondern ganz im Gegenteil dafür sorgen, dass sich die Situation aufgrund der aus den damit verbundenen politischen Maßnahmen resultierenden Stigmatisierung von verschiedenen Bevölkerungsgruppen (wie in diesem Falle Muslimen) eher noch verschlimmert. In Zeiten wie den unsrigen wäre es im Gegensatz dazu viel eher angebracht, Menschen verschiedener Konfessionen und Herkünfte zusammenrücken zu lassen und für mehr Solidarität untereinander zu plädieren, anstelle sie kontinuierlich durch unnötiges, aus purem politischem Kalkül heraus gesätem Misstrauen voneinander zu entfremden — denn letzteres ist einer der Faktoren, der dazu beiträgt, dass Menschen sich erst von der Gesellschaft abwenden und Terrorismus anheim verfallen. Umso alarmierender sind dann auch Beiträge wie beispielsweise der folgende, in welchem Sylvie Mischel — ADR-Mitglied und Lebenspartnerin von Fernand Kartheiser — offen zur Denunziation von Niqab tragenden Frauen aufruft, was nur noch mehr Gräben innerhalb der Gesellschaft schafft und eine Geisteshaltung offenbart, die jener, welche damals zur Etablierung und Konsolidierung des Nationalsozialismus geführt hat, nicht unähnlich ist: 14067538_1161646630573432_607116542534012834_n
Glücklicherweise ist das “Burkaverbot” in Luxemburg aber vorerst vereitelt worden — Sylvie Mischels Aufruf entbehrt somit nicht nur jeglicher Moral, sondern hat nicht einmal eine gesetzliche Grundlage.

Außerdem plädiert Joe Thein in seinem Beitrag noch dafür, “Extremismus von uns zu weisen.” Vielleicht sollte er mal bei sich anfangen und nicht mehr Beiträge von rechtsextremen Front National-Politiker*innen posten oder Menschen wie den österreichischen Bundespräsidentskandidat Norbert Hofer, welcher Kontakte zu deutschen Rechtsextremen und österreichischen Ex-Neonazis pflegt und an Chemtrails glaubt, unterstützen würde:

Joe Thein Norbert Hofer Fan

Joe Thein: “Bravo Norbert Hofer für deinen engagierten Wahlkampf mit Herz und Ideen, fir Euer Österreich! Trotz massiver Gegenpropaganda gegen deine Person, hast du ein positives Endresultat erreicht, und damit nationalkonservative Politik, näher an den Mann gebracht!”

Dazu schreibt Joe Thein, dass wir “nicht lernen […] [sollen], mit Angst und Terror zu leben.”. Geradezu zynisch erscheint es da, dass die politischen Ziele seiner Partei vor allem diffuse und reale Ängste von Menschen instrumentalisieren beziehungsweise ihrer bedürfen. Das Burkaverbot ist nur ein Beispiel hierfür; in der Pressekonferenz wurde aber beispielsweise auch noch die Gefahr einer möglichen, nicht näher definierten “Katastrophe” heraufbeschworen, auf die das Gesundheitswesen in Luxemburg nicht angemessen vorbereitet wäre, weil die in diesem angestellten Ausländer im Falle eines solchen Ereignisses angeblich in ihrem Heimatland zurückbleiben würde — was eine vollkommen aus der Luft gegriffene und unverschämte Unterstellung gegenüber den in Luxemburg lebenden Ausländern darstellt.
Diesen Fokus auf Ängste und das Heraufbeschwören von apokalyptischen Szenarien teilt sich die ADR generell mit anderen Parteien von rechtsaußen in ganz Europa. Sie alle sehnen sich nämlich nach dem Ausnahmezustand, wie der Krautreporter-Journalist Rico Grimm in seinem sehr empfehlenswerten Artikel “Die neuen Rechten, verständlich erklärt” erläutert:

“Die neurechte Politik bräuchte den Ausnahmezustand, um zu wirken. Ihre Vordenker sehnen ihn geradezu herbei. Götz Kubitschek selbst bringt es im Briefwechsel mit Armin Nassehi auf den Punkt: „Und ich bin mir – das wird Sie nicht verwundern – sicher, dass in Zeiten der Not und des Mangels, der Bedrohung und der Verteidigung des Eigenen recht schnell entlang ethnischer, kultureller, auch staatsbürgerlicher Linien klar wird, wer ‘Wir’ und wer ‘Nicht-Wir’ sei.“

Die stellvertretende Bundessprecherin der AfD erklärt:

„Die Kanzlerin stürzt unser Land derart ins Chaos, dass nicht nur die Bürger anfangen sich zu bewaffnen, sondern dass die Polizei öffentlich – im wahrsten Sinne – Schützenhilfe leistet. Die bald Ex-Kanzlerin Merkel ruiniert unser Land, wie es seit ’45 keiner mehr getan hat. Der Platz in unseren Geschichtsbüchern ist ihr sicher. Und ich nehme Wetten an: wenn sie bald zurücktritt, wird sie das Land verlassen. Aus Sicherheitsgründen. [Hervorhebungen durch Redaktion]“

Gewalt, Unruhe, Kampf, Chaos, Krieg. Das nützt ihnen, deswegen beschwören sie es.”

Das erklärt dann auch, wieso die ADR den Ausnahmezustand in die Verfassung festschreiben will und sich für eine Militarisierung ausspricht:

“Die Verfassung soll so geändert werden, dass der Notstand nicht nur bei internationalen, sondern auch bei nationalen Krisen ausgerufen werden kann. Die ADR unterstützt den Vorschlag, dass der Notstand zehn Tage lang ausgerufen werden darf, und danach das Parlament den Ausnahmezustand mit einer Zweidrittelmehrheit verlängern muss.

[…]

“Der Luxemburger Geheimdienst SREL soll innenpolitisch mehr Kompetenzen bekommen, um „eventuell eine weitere Radikalisierung zu verhindern“. Wie ein Geheimdienst dies genau tun soll, bleibt offen. Die Armee soll ihr Personal auf die vom Gesetz vorgesehene Anzahl erhöhen und auch den Beitritt attraktiver machen.”

Klasse — noch mehr Prätexte zur Durchsetzung von dubiosen autoritären Maßnahmen und Überwachung! Davon hatten wir in letzter Zeit ja noch nicht genug.


Weiter geht es in ein paar Tagen im 2. Teil meines Artikels. In diesem werde ich mich mit der SDV, der Luxemburg Defence League und Pierre Peters befassen.

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Pokémon Go: Der öffentliche Raum als Spielwiese

An bestimmten Zeitpunkten meines Lebens situierte physische Räume vermengen sich in meinen Erinnerungen immer auch mit all den imaginären Räumen in Büchern, Filmen und Videospielen, in die ich eingetaucht bin, als ich mich an diesen Orten befand. Die physischen Landschaften beeinflussen hierbei die imaginären und geben ihr eine in der Realität verwurzelte Form in meinen Gedanken, während im Umkehrschluss dazu die Orte um mich herum zur Projektionsfläche für meine durch Kunst und Medien angeregte Imagination und um etwas weit über sie Hinausreichendes, Ideelles angereichert werden. Wenn ich an Urlaube zurückdenke, wo mir massig Zeit zur Verfügung stand und ich von neuen Impressionen geradezu überflutet wurde, tritt dies umso stärker auf. So stehen beispielsweise die von Lavendel- und Zypressenduft erfüllten Landschaften der Provence, wenn ich sie vor meinem inneren Auge abrufe, nicht nur für sich, sondern sie sind auch Schauplätze all jener Fantasyromane, die ich dort verschlungen habe.

Ähnlich widerfährt es mir auch, wenn ich an meine Ferien nahe Montpellier anno 2003 zurückdenke. Die verbrachte ich neben Schwimmen und Erkunden der lokalen Örtlichkeiten vor allem mit meinem allerersten Pokémonspiel — Pokémon Saphir, welches zusammen mit Pokémon Rubin die dritte Generation der Serie um die trainierbaren Taschenmonster einläutete. Das Spiel übte so eine dermaßen große Faszination auf mich aus, dass ich kurzerhand 140 Stunden Spielzeit hinein investierte. Wenn ich mich nun an bestimmte Orte, die wir währendessen besucht haben, zurückdenke, so fällt mir daher auch sofort wieder ein, welches Pokémon ich dort gefangen habe. Umgekehrterweise wurde die Spielwelt Hoenn vor nicht allzulanger Zeit wieder im 3DS-Remake Pokémon Alpha Saphir dann auch zu meinem persönlichen Combray; einer kognitiven Karte, an der an jeder Ecke Erinnerungen an die Ferien in Montpellier aufblitzten.

Dieser starke nostalgische Aspekt, in dem sich Erinnerungen an sowohl fiktive als reale Orte der eigenen Kindheit/Jugend miteinander verschränken, charakterisiert die Pokémon-Spielserie maßgeblich und trägt unter anderem auch zum weltweiten Erfolg ihres jüngsten Ablegers, Pokémon Go, bei, welches innerhalb der vergangenen Woche bereits über 15 Millionen Mal gedownloadet wurde.  Der Hype um die kleinen Taschenmonster scheint also wieder ähnliche Ausmaße wie in den späten 90ern/frühen 00ern anzunehmen. Das liegt aber nicht nur am Nostalgieaspekt, sondern auch an der geschickten Ergänzung des Gameplays der Hauptserie (welches stark simplifiziert wurde) durch Augmented Reality- und Geo-Lokalisations-Elemente — und das schlägt dann auch wiederum die Brücke zu meinen einleitenden Beobachtungen. Unsere physische Welt wird in Pokémon Go nämlich tatsächlich zum Schauplatz der virtuellen Jagd nach Pokémon, und die eingangs beschriebene Vermengung von realem und digitalem Raum erreicht somit eine gänzlich neue Stufe. Die Orte um uns herum werden nicht mehr nur wie eingangs beschrieben in Vorstellungen und Erinnerungen zu Schauplätzen von Pokémonjagden- und kämpfen, sondern auch im Spiel selbst.

Die bereits jetzt spürbaren Auswirkungen davon sollen im nachfolgenden Artikel näher beleuchtet werden. Dabei will ich vor allem zeigen, inwiefern Pokémon Go nicht nur in der Tradition bereits bekannter Locative Media steht und ähnliche Reaktionen wie daran anhängige Kunstwerke der sogenannten Locative Arts hervorruft, sondern sogar dabei helfen kann, auf spielerische Art und Weise den öffentlichen beziehungsweise urbanen Raum neu zu entdecken und sich damit auch gewissermaßen wieder anzueignen.

Pokémon Go und Locative Media

Besagte Locative Media bezeichnen hierbei ein Feld innerhalb digitaler Medien, das sich seit Beginn des gegenwärtigen Jahrtausends durch die Etablierung von mobilem Internet und Verortungstechnologien wie etwa GPS oder GIS herausgebildet hat. Zu ihnen zählen neben Mapping-Anwendungen à la Google Maps auch Spiele wie Pokémon Go. Locative Media haben hierbei ehemals voneinander separierte Räume geographischer, physischer und digitaler Natur miteinander vereint und untergraben somit wiederum die Vorstellung eines hermetisch abgeriegelten, rein virtuellen Cyberspaces, wie er etwa in Matrix oder TRON dargestellt wird.  Diese neue, durch ein lokatives Element geprägte Wechselbeziehung zwischen Realität und Virtualität führt zusammen mit der weitreichenden Verfügbarkeit von mobilen Datentechnologien dazu, dass insbesondere unsere Wahrnehmung vom urbanen Raum zunehmend vom Internet und den dort abrufbaren Daten strukturiert wird. Die Stadt ist nicht mehr eine historisch gewachsene Ansammlung von Gebäuden und Sehenswürdigkeiten, sondern vielmehr ein Netzwerk aus Informationen, die mittels mobiler Datentechnologie erschlossen wird. Indem Objekte vor Ort mit dem Informationsraum verbunden werden, wird auch die Trennung zwischen ihrer Präsenzen im virtuellem und realem Raum aufgehoben.

Die Pokéstops und Arenen in Pokémon Go verdeutlichen dies besonders eindrücklich. Museen, Kirchen, U-Bahnhaltestelle, öffentliche Kunstwerke, Monumente, Universitäten und sonstige Landmarken werden im Spiel nämlich zu Standorten, an denen man entweder Pokebälle, Heilmittel und andere Items sowie wichtige Erfahrungspunkte zum Levelaufstieg ergattern (Pokéstops) oder Kämpfe mit Arenaleitern (Arenen) ausfechten kann. Diese Orte werden also nicht mehr nur in ihrer eigentlichen Funktion als Landmarken, sondern auch als Arenen und Pokéstops wahrgenommen, die man im physischen Raum besuchen kann. Das kann dann etwa, wie ein Fall aus den USA zeigt, dazu führen, dass das eigene Haus, das früher als Kirche diente und deswegen von Pokémon Go als Arena designiert wurde, plötzlich zur unfreiwilligen Pilgerstätte für Pokémon Go-Spieler*innen auf der Suche nach einer Herausforderung wird. Ähnlich wie andere Locative Media strukturiert Pokémon Go also unsere Wahrnehmung unserer Umgebung. Hierbei drängt sich dann natürlich auch die Frage auf, nach welchen Auswahlkriterien Orte, die von Spieler*innen eingereicht werden, zu Pokéstops gekürt werden. Pokémon Go wirft damit Fragestellungen auf, die auch in den Locative Arts  einer Strömung innerhalb der modernen Kunst, welche sich der Locative Media aneignet, um sich kritisch mit ihnen und ihren Implikationen auseinanderzusetzen — eine zentrale Rolle spielen, wie beispielsweise anhand des Kunstwerks Map des Berliners Aram Bartholl ersichtlich wird. Dieses sollte durch riesige, in der von Google Maps designierten Stadtmitte platzierten Marker vor Augen führen, wie weit unser epistemologisches Erfassen der Stadt und der in ihr enthaltenen “Informationen” schon durch solche lokativen Anwendungen gefiltert wird, sodass der urbane Raum nur noch als Verknüpfung von Informationspunkten erscheint.

Der öffentliche Raum als Spielwiese

Was Pokémon Go aber nun beispielsweise von Anwendungen wie Google Maps, die dem reinen Mapping und Bereitstellen von Informationen dienen, unterscheidet, ist der spielerische Aspekt. Dadurch, dass Pokémon quasi überall auffindbar sind (beispielsweise etwa auf Verkehrsinseln, an Flüssen, im Garten des Nachbarn oder gar, wie es mir letztens erst widerfahren ist, im Supermarkt) und man ihnen daher oftmals zufällig über den Weg läuft, regt das Spiel zum Flanieren ein und stimuliert wie bereits die Hauptserie für Nintendos Handhelds den Erkundungstrieb. So hangelt man sich nicht nur von Pokéstop zu Pokéstop, sondern kommt auch immer wieder bewusst vom Weg ab, weil man in Form von raschelndem Gras Anzeichen eines Pokémon in der unmittelbaren Nähe erspäht. Und auch das bereits aus den regulären Pokémon-Spielen bekannte Ausbrüten von Pokémon-Eiern verlangt, dass man eine bestimmte Anzahl von Kilometern zurücklegt, ehe die kleinen Taschenmonster schlüpfen, was wiederum zusätzlich zum Herumspazieren motiviert. All dies hat nicht nur positive Auswirkungen sowohl auf die körperliche als auch mentale Gesundheit der Spieler*innen (wobei man noch absehen muss, ob diese Effekte auch langfristig anhalten werden), sondern mildert zusätzlich den eingangs beschriebenen Filterprozess und macht den öffentlichen Raum vielmehr in seiner Ganzheit als Spielwiese, die es zu erkunden gilt, kognitiv erfassbar.

Dadurch, dass sich nun auf der ganzen Welt unzählige Pokémontrainer im öffentlichen Raum auf die Suche nach Pokémon, Pokéstops und Herausforderungen in der Arena machen, tritt ein weiteres hochgradig interessantes Phänomen auf — und zwar das der Übertragung der “Sprache von Spielen” beziehungsweise Spielmechanismen aus dem virtuellen in den physischen Raum. Dies sorgt für einen Entfremdungseffekt, der in den Locative Arts bereits seit einigen Jahren einen beliebten Untersuchungsgegenstand darstellt. Der bereits zuvor erläuterte Aram Bartholl ließ beispielsweise im Rahmen seiner von 2006 bis 2009 in mehreren Ausgaben stattgefundenen Intervention WoW Menschen im öffentlichen Raum herumflanieren, während über ihren Köpfen ihre in der Typographie des MMORPGs World of Warcraft geschriebenen, aus Karton angefertigten realen Namen schwebten. Außerdem fertigte er 2008 im Rahmen seiner öffentlichen Intervention 1H Papiermodelle von Waffen, welche auch aus World of Warcraft stammten, an und trug diese ständig mit sich herum, während er alltägliche Dinge wie beispielsweise U-Bahn-Fahren, das Besuchen von Läden oder dergleichen durchführte. Beide Interventionen, die er passenderweise auch als “Störungen im Raum” bezeichnete, riefen hierbei erstaunte Reaktionen bei den Passant*innen hervor.

Die in der realen Welt physische Gestalt annehmenden Spielmechanismen von Pokémon Go steigern genau diesen Entfremdungseffekt, den bereits Bartholls Werke hervorgehoben haben, nun ins Unermessliche. Um sich dessen gewahr zu werden, muss man nur einen kurzen Blick in die Nachrichten werfen. Dort überschlagen sich momentan geradezu die ereifernden Berichte über Pokémon Go-Spieler*innen, die sich beispielsweise spontan zu hunderten an öffentlichen Plätzen sammeln, in das Schloss des luxemburgischen Großherzogs in Colmar-Berg eindringen wollen, um dort ein Pokémon zu fangen oder auf ihren Streifzügen überfallen werden. In manchen Fällen, wie etwa wenn Menschen plötzlich an Holocaust-Gedenkstätten Pokémon fangen wollen, ist die Aufregung um das Eindringen von digitalen Spielmechanismen in die reale Welt auch mehr als verständlich. Zumeist zeigen die verwunderten und befremdeten Reaktionen über Pokémon Go-Spieler*innen aber vor allem auf, dass trotz der Ubiquität von mobilen Datentechnologien und der Durchdringung unseres Alltags von digitalen Elementen die veraltete Dichotomie “Realität/Virtualität” noch immer tief in den Köpfen der Menschen verankert ist — genauso wie es viele Locative Arts auch aufzeigen.

Überraschenderweise kristallisiert sich, wenn man Pokémon Go in diesem Kontext betrachtet, auch ein gewisses positives, subversives Potenzial heraus. Dadurch, dass das Spiel öffentlichen und insbesondere urbanen Raums in eine Spielwiese verwandelt, bietet es nämlich letztlich auch die Möglichkeit, den von den Filialen großer Konzerne dominierten, austauschbaren und seelenlosen Innenstädte wieder neues Leben einzuhauchen. Wenn Menschen nicht mehr in Läden strömen, um dort einzukaufen, sondern weil sie dort besonders seltene Pokémon fangen wollen, so stellen sie gleichermaßen die dominante Position der Zweigstellen großer Unternehmen innerhalb der Innenstadt als auch die Funktion von letzterer als vollkommen privatisierter Raum, der nur kommerziellen Zwecken dient, in Frage. Sie formen den urbanen Raum also ihren eigenen Vorstellungen entsprechend, und machen ihn somit mittels spielerischer Mechanismen auch wieder tatsächlich “öffentlich”.

Nun mag man natürlich einwenden, dass Pokémon Go-Spieler*innen die Innenstädte hierbei nicht nach ihren eigenen Wünschen gestalten, sondern vielmehr gemäß der primär kapitalistischen Interessen eines weiteren großen, multinationalen Konzerns agieren — und zwar Nintendo, der sich dank des Spiels über besonders rasant steigende Aktien freut. Das unterscheidet das Spiel auch von den oben erwähnten Werken aus den Locative Arts, bei der die kritische Auseinandersetzung mit der Privatisierung des öffentlichen Raums künstlerischer Selbstzweck und nicht auf ein kommerzielles Ziel ausgerichtet ist. Nichtsdestotrotz untergraben diese Faktoren aber noch lange nicht das subversive Potenzial des Spiel —  letzteres hängt nämlich vor allem davon ab, auf welche Art und Weise es gespielt wird und welche kreativen Anwendungen durch seine Nutzer daraus resultieren. Der Einsatz von Pokémon Go als Mittel dafür, dem Pegida-Ableger in München nicht den urbanen Raum zu überlassen oder Pokémon-Go-Touren, bei denen die Stadt erkundet und für Beisammensein zwischen gleichgesinnten Pokémon-Fans genutzt werden soll, deuten bereits in eine vielversprechende Richtung — und zwar hin zur Wiederaneignung von Stadträumen. Und auch wenn dadurch noch immer nicht ersichtlich wird, ob Pokémon Go jetzt tatsächlich auf lange Sicht hin irgendeinen gesellschaftlichen Wandel hervorrufen kann, so bieten die daraus resultierenden Dynamiken den Menschen zumindest die Möglichkeit, auf spielerische Art und Weise einmal darüber zu reflektieren, wie die Bewohner*innen die Räume einer Stadt gestalten und verwenden wollen. Da Spiele und Ort untrennbar miteinander verbunden sind, bietet sich eine spielerische Herangehensweise auch als umso geeigneteres Sprungbrett dafür an:

„From games to humor, from role-playing to the arts, from wordplay and poetry to gambling to festival, these activities are only play in context. What is play in one location, in one language, in one public space, may or may not be recognized as play in an entirely different context. With only a few exceptions, one can conclude that the phenomenon of play is local: that is, while the phenomenon of play is universal, the experience of play is intrinsically tied to location and culture. […]“ (Flanagan, Mary: Artists’ Locative Games, in: dies.: Critical Play: Radical Game Design, Cambridge 2009, S. 192-193).

Wenn man Pokémon Go also im Kontext der Fragestellungen von Locative Media und Locative Arts betrachtet, stellt man fest, dass sich dahinter viel mehr als nur ein an nostalgische Gefühle appellierendes, kurzweiliges Spielvergnügen verbirgt. Es wird also spannend sein zu verfolgen, wie sich das Spielerlebnis in den kommenden Monaten noch entwickeln und welche weiteren Auswirkungen es auf unseren Alltag und unsere Relation zum digitalen Raum haben wird. In der Zwischenzeit warte ich dann geduldig darauf, dass endlich auch die Pokémon aus der 3. Generation eingeführt werden.

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Gegen die Campus Alternative an der LMU München!

Nachdem ich hier auf meinem Blog bis jetzt vor allem über die Aktivitäten der rechte Szene in Luxemburg geschrieben habe, ist nun der Augenblick eingetroffen, mich auch mit dem rechten Rand in Deutschland, wo ich momentan wohne, in Form eines Texts auseinander zu setzen. Auslöser hierfür ist, dass “Campus Alternative”, die bayrische Hochschulgruppe der nationalkonservativen Alternative für Deutschland, nun doch noch Räume an der Ludwig-Maximilians-Universität — wo ich Philosophie und Kunstgeschichte studiere — zur Verfügung gestellt bekommt, wo sie unter anderem Veranstaltungen organisieren darf. Ihr Antrag war eigentlich vom Konvent der Fachschaften abgelehnt worden, doch die Hochschulleitung hat entgegen dieser Entscheidung nun im stillen Kämmerlein erwirkt, dass sie die Räume trotzdem nutzen dürfen. Wieso mich genau das jetzt so empört und zum Schreiben veranlasst? Nun —  hierzu ist ein Verweis auf Albert Camus aufschlussreich. Dieser schrieb nämlich in seinem 1951 erschienen Werk L’homme révolté, dass die Revolte des Menschen — welche ihn in allen möglichen Situationen gleichermaßen als anthropologische sowie ontologische Konstante charakterisiert — und die damit verbundene Negation mit einem Moment einhergeht, in dem eine Grenze zu etwas überschritten wird, in dessen Namen man sich auflehnt. Deswegen ist die Revolte gleichermaßen verneinend als auch bejahend. Die Grenze, die hierbei gemäß Camus überschritten wurde, geht mit der Türschwelle der LMU einher; das in meinen Augen zu Bejahende ist wiederum die Universität, wie ich sie kenne und schätze, und zwar als offener und sicherer Raum zur wissenschaftlichen Lehre für alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Identität und Religionszugehörigkeit. Genau das droht der Einzug der menschenfeindlichen Ideologie der AfD in Form der Zulassung der Campus Alternative nun aber zu gefährden, und das will ich nicht zulassen. Ich will nicht mit ansehen, wie die Campus Alternative sowieso schon knapp bemessene Räume an der Uni zugeteilt bekommt, um auch dort die Ansichten der AfD zu propagieren, nachdem diese bereits den öffentlichen Diskurs in Deutschland in den letzten Monaten mit ihren Ressentiments vergiftet hat und alle Errungenschaften auf dem Weg hin zu einer offeneren und gerechteren Gesellschaft wieder zunichte machen will. Dementsprechend möchte ich in diesem Text dann auch gegen die Etablierung der AfD an der LMU im Allgemeinen argumentieren und die Positionen und Aussagen der Campus Alternative im Speziellen dekonstruieren.

Die Hochschulpolitik der AfD

Die bereits an zahlreichen anderen deutschen Universitäten etablierten AfD-Hochschulgruppen geben einen Vorgeschmack darauf, was passieren wird, sobald die Campus Alternative dann auch tatsächlich ihre Räume an der LMU beziehen wird. Besagte Vertretungen tragen nämlich nichts Konstruktives zu den üblichen Themen der Hochschulpolitik, wie etwa Preise für Semestertickets oder Öffnungszeiten der Bibliothek, bei, sondern provozieren lieber mit Hetze und abwegigen Forderungen. Damit übernehmen sie das Credo der AfD selbst, welche abseits ihres populistischen Rumgekreisches keinerlei valide Lösungsvorschläge liefert — insbesondere nicht in der Hochschulpolitik. Beispielsweise tritt sie in ihrem Parteiprogramm für die Wiedereinführung der Wehrpflicht ein, was dazu führen würde, dass viele Studierende nicht sofort mit ihrem Studium beginnen könnten beziehungsweise es aussetzen lassen und allgemein ihre gesamten Lebenspläne umkrempeln müssten, nur um dem nationalistischen Wahn der AfD Folge zu leisten. Dazu hat die Partei überhaupt keine Ahnung vom wissenschaftlichen Betrieb, wie unter anderem anhand der auch in ihrem Parteiprogramm stehenden, wahnwitzigen Forderung, “Deutsch soll[e] als Lehrsprache erhalten werden”, nur zu deutlich ersichtlich wird. Irgendwie muss der AfD wohl entgangen sein, dass Englisch schon seit Längerem die lingua franca der Wissenschaften ist, und dass eine Hochschulpolitik, die sich dieser Sprache verschließt, dementsprechend die von ihr betroffenen Universitäten als Wissenschaftsstandorte in den Ruin treiben würde. Dazu behauptet die AfD zwar an einer Stelle ihres Parteiprogramms, dass „[d]ie Freiheit von Forschung und Lehre […] unabdingbare Grundvoraussetzungen für wissenschaftlichen Fortschritt [sind], [weswegen] […] die Hochschulen über Art und Umfang ihres Studienangebotes frei entscheiden können [müssen]“, verlangt aber dann gleich darauf, dass die verhassten “Gender-Studies” aus dem Universitätsprogramm gestrichen werden, weil diese angeblich nicht den Ansprüchen einer “seriöse[n] Forschung” entsprechen. Ziemlich gewagte Forderungen von einer Partei, die schon über die Aufnahme eines Chemtrail-Verbots in ihr Parteiprogramm diskutiert hat und in letzterem sogar den von der Wissenschaft längst belegten Klimawandel anzweifelt.

Besonders problematisch ist die Entscheidung, der AfD Räume an der LMU zu geben, letztlich auch im Hinblick auf die Geschichte des Standorts selbst — immerhin war die Universität Schauplatz der antifaschistischen Widerstandsbewegung der “Weißen Rose” im 2. Weltkrieg unter der Leitung der Geschwister Scholl, nach denen auch der Platz vor dem Universitätsgebäude benannt ist. Nun wäre es selbstverständlich vermessen, die AfD mit der NSDAP gleichzusetzen, nicht zuletzt weil das die Verbrechen an der Menschheit von Letzterer relativieren würde und Gegner*innen von Ersterer wieder der “Nazikeule” bezichtigt werden könnten — was der AfD nur in die Hände spielen würde. Nichtsdestotrotz ist es wichtig hervorzuheben, dass viele in der AfD sich stark an Vertretern der sogenannten “Konservativen Revolution” orientieren, welche letztlich den Weg zum Faschismus und Nationalsozialismus geebnet haben. Und tatsächlich bereiten die AfD sowie andere neurechte Gruppierungen und Personen mit ihrem menschenfeindlichen Diskurs genau den Nährboden vor, auf dem solches Gedankengut, gegen das die Geschwister Scholl sich zur Wehr gesetzt haben, wieder leichter gedeihen und gesellschaftlich anerkannt sein kann — das sieht man alleine schon an der rasanten Zunnahme von Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime und Übergriffen auf Ausländer*innen im letzten Jahr.

Dazu bedeutet, wie die Hochschulgruppe Waffen der Kritik in einem sehr empfehlenswerten Artikel über die Campus Alternative (dem ich auch einige wertvolle Informationen verdanke) darlegt, der Einzug der AfD an der LMU nicht mehr, sondern eher weniger Demokratie:

Veröffentliche Mitgliederbefragungen der AfD zum Parteiprogramm zeigen weiterhin, wie klar rechte Positionen in der Partei bezogen werden. ‚Kein Sonderrecht für Moslems‘ wird pauschal gefordert. Es ist berechenbar, dass die Campus Alternative den völkisch-nationalen Konsens, den ihre Mitglieder vertreten, in die LMU tragen will. Die LMU sollte aber ein Ort der demokratischen Entfaltung sein.

Die Campus Alternative — Auf einer Linie mit der AfD

Der letzte Abschnitt der Selbstbeschreibung der Campus Alternative, um die es nachfolgend wie angekündigt im Speziellen gehen soll, ist nun bereits sehr aufschlussreich darüber, worin der im obigen Zeit erwähnte “völkisch-nationale Konsens” genau besteht:

Wir bieten ein Forum für (hochschul-)politischen Diskurs innerhalb und auch außerhalb der Universität, wobei insbesondere „unbequeme“ Meinungen Gehör finden sollen. Zudem organisieren wir Veranstaltungen, bei denen die Frage im Mittelpunkt steht, wie wir als „Bildungselite“ unserer besonderen Verantwortung nicht nur für unser Studium, sondern für unsere Universität und damit für Volk und Vaterland, gerecht werden können.

Bedenklich ist hierbei nicht nur die Verwendung des Begriffs der “unbequeme[n] Meinungen” — welcher, wenn man einmal betrachtet, was die AfD bis in die Führungsetage hinein so von sich gibt, eigentlich vor allem einen Euphemismus für “menschenfeindliche Ansichten” darstellt —, sondern insbesondere auch das Heraufbeschwören einer angeblichen “Verantwortung” gegenüber  “Volk” und “Vaterland”. Zunächst einmal kann ich nur wieder einmal hervor heben, wie sehr mich der Begriff des “Volkes” stört, weil er immer wieder in fragwürdigen ideologischen Kontexten verwendet wird und von einer Homogenität der Gesellschaft, die so einfach nicht gegeben ist, ausgeht, um darauf wiederum Ausgrenzungsmechanismen zu fundieren. Dazu impliziert die Verwendung dieses Begriffs im Bezug auf Studierende, dass ausländische Student*innen — zu denen ich übrigens auch zähle — in dieser nationalistischen Vision des Hochschullebens keinen Platz haben. Genau so bedenklich erachte ich die Tatsache, dass die Campus Alternative von einer “Verantwortung” für solch abstrakte Konstrukte ausgeht, was wiederum an den vor allem im Nationalsozialismus verbreiteten Gedanken einer “Schicksalsgemeinschaft”, gegenüber der sich das Indvidiuum um jeden Preis unterzuordnen hat, anknüpft. Da so nicht mehr der für demokratische Prozesse notwendige Konsens zählt, sondern vielmehr der willkürliche Wille eines vermeintlich mehrheitlichen “Volks”, zeigt dies deutlich, dass nicht nur die AfD, sondern auch die Campus Alternative antidemokratische und proto-faschistische Tendenzen aufweist.

In einem Beitrag der Jugendsendung PULS des Bayrischen Rundfunks vom 08.05.2016 namens “Afd, Pegida und Co.  Wie gefährlich sind Deutschlands neue Rechte?”, den ich an dieser Stelle nun näher beleuchten möchte, zeigen die Mitglieder der Campus Alternative dann endgültig, dass sie die Ideologie der AfD voll und ganz vertreten. Der Abschnitt, auf den ich mich vorallem beziehen werde, beginnt bei 6:27, und zwar mit einem Interview mit dem Landesvorsitzenden der AfD Bayern, Petr Bystron. Letzterer kam mit 16 Jahren als Asylbewerber aus der Tschechoslowakei nach Deutschland, und wird deswegen auch selbstverständlich von seiner Partei als willkommenes Aushängeschild benutzt, um zu zeigen, dass sie doch gar nicht so ausländerfeindlich seien wie immer behauptet wird. Dabei wird allerdings — unter anderem von Bystron selbst — darauf gepocht, dass er “legal” mitsamt Pass einreiste, wodurch perfiderweise die Hetze gegen “illegale” Geflüchtete — zu denen so gut wie alle Geflüchteten zählen, da es aufgrund der Abschottungspolitik der EU für den Großteil von ihnen unmöglich geworden ist, auf legalem Wege nach Europa einzureisen — wieder legitimiert wird. Allgemein ist das Beharren auf diesen willkürlichen Unterschied und die daraus abgeleitete Selektivität, die der ursprünglichen Universalität der menschlichen Empathie zuwiderläuft, ein beliebtes Denkmuster unter Neurechten und wird beispielsweise auch in Luxemburg vom Petinger ADR-Gemeinderatmitglied Joe Thein vertreten.  Hinter der betont bürgerlichen Fassade Bystrons verbergen sich dazu reichlich Kontakte in die neurechte Szene und zum Propagandasender Russia Today, welcher eine beliebte Informationsquelle für Verschwörungstheoretiker am rechten Rand ist. 

Nachdem Bystron sich im Gespräch mit dem Reporter mithilfe typischer, auf die vermeintlich demokratischen Prozesse in seiner Partei hinweisende Phrasendrescherei um eine Distanzierung zu der Forderung vom AfD Bezirksverband Niederbayern, Moscheen zu verbieten, herum manövriert hat, folgt dann schließlich das Interview mit der AfD-Hochschulgruppe Campus Alternative.

Auf die erste Frage hin, wie sie zum Islam stehen, antwortet der Vorsitzende der Campus Alternative, Christian Schumacher, dass drüber geredet werden müsste, wenn das Bild, das “der Islam” seiner Meinung nach “klassischerweise” von der Frau hat, nicht mit “unserem” übereinstimme. Alleine in dieser ersten Aussage tritt schon die geballte Ignoranz der Campus Alternative zum Vorschein. Zunächst einmal gibt es “den Islam” schlicht und ergreifend nicht. Genau wie das Christentum verfügt auch der Islam als zweitgrößte monotheistische Religion der Welt alleine schon aufgrund der hohen Anzahl seiner Anhänger über unzählige verschiedene Strömungen. Da wären zunächst einmal die beiden größten Glaubensrichtungen des Islams, Sunnismus und Schiismus, die man voneinander unterscheiden muss, und welche wiederum über unzählige weitere Auslegungen verfügen. Letztlich meint Schumacher mit seinem Begriffs “des Islams” wahrscheinlich eigentlich dessen reaktionäre Strömungen, wie etwa den vor allem in Saudi-Arabien verbreiteten Wahabbismus, welcher wiederum streng genommen eine islamistische Bewegung ist — dass er das aber nicht präzisiert, zeugt nicht nur von seiner begrenzten Weltsicht, sondern auch davon, dass die Campus Alternative  pauschalisierend, simplifizierend und vorurteilhaft an den Islam herangeht und damit der Linie der AfD treu bleibt. Betrachtet man dann noch das Frauenbild der AfD, das geradewegs aus dem letzten Jahrhundert stammt und viele Errungenschaften des Feminismus wieder rückgängig machen will, so wird die schiere Hypokrisie seines impliziten Verurteilen der vermeintlich rückständigen Ansichten des Islams hinsichtlich der Frau endgültig ersichtlich. Ganz davon abgesehen gibt es übrigens innerhalb zahlreicher Glaubensrichtungen des Islams feministische Bewegungen — womit diese schon weitaus weiter sind als die AfD selbst.

Ein weiteres Mitglied der Campus Alternative, Maximilian Mertens, welcher auch Vorsitzender der Jungen Alternative in Oberbayern ist, pocht dann darauf, dass man Rücksicht auf religiöse Gefühle von Christ*innen auf dem Land (!) nehmen müsste, welche durch den Ruf des Muezzin verletzt werden könnten. Die in Deutschland durch das Grundgesetz für jede Glaubensrichtung garantierte Religionsfreiheit gilt also auch in den Augen der Campus Alternative offensichtlich nur für Christ*innen. Dazu liefert er dann noch das vollkommen an den Haaren herbeigezogene “Argument”, dass der Ruf des Muezzins angeblich eine ganz andere “Qualität” habe als Kirchenglocken: “Die läuten einfach nur”. Damit suggeriert er wiederum, dass das (katholische) Christentum angeblich deutlich subtiler und weniger bedrohlich in seinen religiösen Praktiken sei als die islamischen Glaubensrichtungen. Dass es grundsätzlich irrsinnig ist, überhaupt Religion hinsichtlich ihrer Traditionen miteinander vergleichen zu wollen, so als ob die eine besser als die andere sei, kommt noch zusätzlich dazu.

Christoph Steier, Vorsitzender der Jungen Alternative München, behauptet daraufhin, dass es unter den Geflüchteten so einige Menschen gäbe, die nicht arbeiten wollen, und die stattdessen mit dem Plan, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen, nach Deutschland kommen — womit er impliziert, dass sie gezielten Sozialbetrug betreiben. Das erscheint doch sehr plausibel. Wer würde denn nicht die eigene Familie und Heimat zurücklassen und unter ständiger Lebensgefahr tausende von Kilometern zu reisen, nur um dann auf Kosten des deutschen Staates von sage und und schreibe 143 Euro Taschengeld im Monat und Sachleistungen zu überleben? Christian Schumacher legt dann noch nach, dass das Geld “da unten” viel besser angelegt wäre. Wo diese ominöse geographische Entität sich genau befindet, erläutert er nicht — was wahrscheinlich daran liegt, dass die Geflüchteten und die Länder, aus denen sie stammen, für ihn sowieso nur eine dehumanisierte, formlose Masse ohne Persönlichkeit und Geschichte darstellen.

Natürlich wollen sie sich dann auf die Frage des Interviewers hin, ob es für sie nicht “nervig” wäre, ständig als “rechtsextrem” oder “Rassisten” bezeichnet zu werden, nicht die Chance entgehen lassen, wieder in die Opferrolle zu schlüpfen und sich über die ganzen Vorwürfe und die “soziale Ächtung” zu beklagen. Die Armen — was fällt uns bösartigen linksgrünversifften Gutmenschen aber auch ein, ständig solche Schlussfolgerungen zu ziehen! Immerhin ist die AfD ja bloß die erste wirklich erfolgreiche Partei seit der NSDAP, die sich die gezielte Diskriminierung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe ins Parteiprogramm (ab S. 34 unter “Der Islam gehört nicht zu Deutschland” nachlesbar) geschrieben hat. Und wieso angesichts der bei der NPD entliehenen Aussage von AfD-Vizepräsident Gauland, dass die deutsche Nationalmannschaft schon “schon lange nicht mehr deutsch” sei, und Bernd Höckes Glaube an biologische Unterschiede zwischen Europäer*innen und Afrikaner*innen aufgrund deren unterschiedlichen “Reproduktionsstrategien”  der AfD Rassismusvorwürfe entgegengebracht werden, will sich mir auch überhaupt nicht erschließen. Angesichts all dieser Tatsachen hilft es dann auch nicht mehr, dass Maximilian Mertens zum Abschluss des PULS-Interviews noch einmal den Unterschied zwischen “bürgerlich-konservativ” und “rechtsextrem” unterstreicht — genau der zerfließt bei der AfD nämlich.

Letztendlich bleibt mir nur noch übrig noch einmal zu unterstreichen, dass die Campus Alternative aufgrund ihrer politischen Affilierung mit der AfD und damit auch deren desaströser Hochschulpolitik nicht an die LMU gehört — dementsprechend verweise ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich auf die am 15.06.2016 stattfindende Demo “Keine AfD an der LMU München!“. Und auch wenn die Campus Alternative sich wieder beklagen wird, dass die Demonstrant*innen angeblich ihre Meinungsfreiheit einschränken wollen: Solcherlei menschenfeindliche Positionen sind keine Meinung, sondern geistige Brandstiftung, die einer offenen und humanistischen Gesellschaft zuwiderlaufen, weswegen ihnen umso mehr Paroli geboten werden muss.

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Das EU-Türkei-Abkommen: Verlust der moralischen Integrität Europas

In letzter Zeit wird im öffentlichen Diskurs der EU wieder viel von Europas Werten geredet. In Anbetracht des letzten Monats in Kraft getretenen EU-Türkei-Abkommens, das mir intuitiv als dehumanisierend vorgekommen ist, habe ich mich dazu entschlossen, mich in einem philosophisch eingefärbten Artikel an die Thematik heranzuwagen. Mit dem Abkommen — das vorallem symptomatisch für ein strukturelleres Problem ist — verrät die EU nämlich nicht nur, wie bereits an anderen Stellen zu Recht hervor gehoben wurde, ihre Werte, sondern agiert überhaupt nicht mehr im Bereich des Moralischen. Und genau das stellt ein bedeutendes Hindernis auf dem Weg zu einer deutlich humanistischeren und solidarischeren Europäischen Union dar.

Ausgangspunkt für meine Reflexionen zum Thema stellt zunächst einmal die nachfolgende Anekdote dar. Im November letzten Jahres war ich von der Stiftung Zukunft Berlin zur Jahrestagung der “Cities of Europe” in Berlin eingeladen worden, um dort meinen Blog auf dem sogenannten “Marktplatz Europa” vorzustellen und an diversen Diskussionsrunden teilzunehmen. Ziel der Konferenz, welche dieses Mal unter dem Titel „EUROPAS WERTE. EUROPAS BÜRGER – Städte setzen Zeichen. Städte leben Europa” stattfand, bestand darin, Inititativen europäischer Bürger*innen zu präsentieren, welche sowohl die Solidarität und das Zusammenwachsen innerhalb der EU als auch die Zusammenarbeit mit den sogenannten “peripheralen” Ländern, wie beispielsweise Albanien oder Mazedonien, fördern. Im Rahmen der Tagung wurden dann neben zahlreichen öffentlichen Debatten mit bekannten Politiker*innen, Journalist*innen und Künstler*innen auch kleinere Diskussionsrunden mit den Teilnehmern organisiert. Bei einer von letzteren durfte ich als Redner zunächst einmal meinen Blog den versammelten Gästen vorstellen, ehe ich ihn dann in Bezug zum Thema des Gesprächs — die  wachsende Ausbreitung von Rechtsextremismus und der leider wieder erstarkenden Rolle von Grenzen in Europa — setzen sollte. Danach wurde vom Moderator eine offene Diskussion mit den Zuhörer*innen initiiert. Diese verhedderte sich zunächst einmal in einem schier endlosen Ringen um die Definition des Begriffs der “Grenze”, ehe einige Gäste — darunter ein ehemaliger Mitarbeiter des Auswärtigen Amts — das Gespräch an sich rissen und sich in erbitterten Streitgesprächen miteinander verkeilten.

Schließlich verlagerte sich die Diskussion immer mehr in Richtung europäischer Werte, die von manchen in der Runde als Mittel zur ideellen Grenzziehung erachtet wurden. Nicht zuletzt um die in persönliche Anfeindungen abrutschenden und wertvolle Redezeit für sich beanspruchenden Auseinandersetzungen im Publikum zu unterbinden, befragte der Moderator daraufhin die anderen Redner*innen und mich, inwiefern unsere eigenen Initiativen die europäischen Werte hochhalten, und wie man letztere den Einwohnern der EU besser vermitteln könnte. Die Frage überrumpelte mich etwas, da ich sie mir selbst so in der Form noch nie bewusst gestellt hatte und aufgrund der hitzigen Natur der Diskussion auch umso aufgeregter war, meine Aussagen auf den Prüfstein der Gäste zu legen. Nach kurzer Reflexionszeit jedenfalls kam ich zum Schluss, dass ich bei meinem Blog durchaus eine explizit humanistische und aufklärerische Herangehensweise verfolge, die aber nicht nur mein Schreiben, sondern auch generell meine Persönlichkeit prägt. Humanismus und Aufklärung werden nun zumeist durchaus als “europäische” oder auch “westliche” Errungenschaften verstanden; allerdings merkte ich an, dass es mir nicht zuletzt aufgrund der Problematik des Eurozentrismus und der damit verbundenen Aneignung von eigentlich universellen Werten, die zu etwas dezidiert Europäischem erklärt werden (immerhin sind weder Humanismus noch Aufklärung rein europäische Phänomene gewesen), so schien, als ob es keinen Konsens darüber gäbe, was denn nun eigentlich unter europäischen Werten verstanden werden würde. So könnte man letztere dann auch nicht den Bewohner*innen Europas näherbringen. Kaum hatte ich meine Antwort vollendet, folgte dann auch schon von einer der Personen, die in den Streitgesprächen immer wieder auf die Werte der EU gepocht und den Ex-Mitarbeiter des Auswärtigen Amts bei seinen Forderungen nach stärkeren EU-Außengrenzen unterstützt hatte, eine harsche Reaktion: Sichtlich gereizt wies er mich darauf hin, dass ich doch wissen müsste, dass die europäischen Werte verbindlich im EU-Vertrag festgeschrieben stünden und jedes EU-Mitglied sich daran halten müsste. Ich wusste daraufhin nichts mehr zu entgegnen; kurz darauf war die Gesprächsrunde dann auch schon zu Ende. Um solcherlei argumentatitve Sackgassen künftig zu vermeiden, entschloss ich mich dann, meine Wissenslücke zu schließen. Hierbei stellte ich fest, dass die europäischen Werte tatsächlich anno 2009 im Artikel 2 des EU-Vertrags von Lissabon inhaltlich bestimmt worden und durch das Inkrafttreten von letzterem verpflichtend für das Agieren der EU sind:

Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.

Mir fiel hierbei zunächst einmal meine eigene Begriffsverwirrung auf, da ich Humanismus und Aufklärung noch während der Diskussion als eigenständige Werte hervor gehoben hatte, obwohl sie eigentlich philosophische Denkrichtungen darstellen, denen viele der oben erwähnten Werte entsprungen sind. Letztere vertrete ich dementsprechend auch; dass ich während der Diskussion mit meiner Auffassung, dass auch auf rechtlicher Basis kein Konsens über ihre Definition bestünde, falsch gelegen hatte, gestand ich mir wiederum gerne ein, selbst wenn der paternalisierende Ton der Zurechtweisung mir missfallen hatte.

Das überforderte Verhalten der EU in der Flüchtlingskrise haben diese Anekdote nun wieder zurück an die Oberfläche meines Bewusstseins dringen und es in einem neuen Licht betrachten lassen. Die Vermittlung der Werte der EU an ihre Einwohner*innen, über die wir in der eingangs erläuterten Diskussionsrunde so erbittert gestritten haben, und das daran anhängige Hinstreben auf eine politische europäische Identität werden nämlich, wie ich nachfolgend darstellen will, nicht zuletzt durch das am 18. März beschlossenen EU-Türkei-Abkommen gänzlich ad absurdum geführt, da die EU dadurch nicht nur ihre eigenen Werte untergräbt, sondern überhaupt nicht mehr im Bereich des Moralischen agiert.

Das EU-Türkei-Abkommen: Verlust der moralischen Integrität Europas

Zunächst einmal bemüht sich die EU durchaus um die Einhaltung ihrer Werte; zumeist sind es eher einzelne, so gut wie immer in nationalkonservativer Hand befindliche Staaten, die sie missachten. Jüngstes Beispiel hierfür ist Polen, wo die Regierungspartei PiS kurzerhand die Gewalteneinteilung aufzuheben versuchte und sich dafür prompt eine Rechtsstaatsprüfung der EU einhandelte. Auch so gut wie alle anderen europäischen Parteien des nationalkonservativen und rechtsextremen Spektrums, die sich oftmals als Verfechterinnen “abendländischer” Werte (welche sie oftmals von jenen der EU abgrenzen, da letztere ja ihre ach-so-fragile nationale Identität bedroht) sehen, benutzen diese nur als Vorwand für Ausgrenzung all jener, die diese angeblich einzig und allein aufgrund ihrer Herkunft aus einem anderen “Kulturkreis” missachten. Auf EU-Ebene sind sie trotz der Tatsache, dass beispielsweise die ECR (European Conservatives and Reformists) schon 75 und die ENF (Europe of Nations and Freedom) 38 Sitze im EU-Parlement bekleiden, bislang glücklicherweise noch immer in der Minderheit. Doch auch so unterminiert die EU bereits ihre eigenen Werte regelmäßig, insbesondere im Kontext der Flüchtlingskrise. Im vergangenen Jahr stockte sie nämlich nicht zuletzt mithilfe von Frontex die Kontrollen an den Außengrenzen massiv auf und verwandelte sich so in eine regelrechte Festung. Einen weiteren traurigen und menschenfeindlichen Höhepunkt erreichte der Umgang der EU mit Geflüchteten nun auch mit dem EU-Türkei-Abkommen. Gemäß diesem müssen seit dem 20. März alle Geflüchteten, die von der Türkei aus auf den griechischen Inseln ankommen, zurück in die Türkei. Für jede*n hierbei abgeschobenen, “illegalen” Syrer*in nimmt die EU wiederum eine*n “legalen” Syrer*in aus der Türkei auf; von letzteren dürfen maximal 72.000 nach Europa. Die EU bietet der Türkei im Gegenzug dazu unter anderem neben Versprechungen für Visafreiheit und die Eröffnung neuer Kapitel in den EU-Beitrittsverhandlungen sowie 6 Milliarden Euro als Entwicklungshilfe an, um den 2,7 Millionen Syrer*innen auf türkischem Boden zu helfen.

Hieraus wird vorallem die Hypokrisie der EU in Hinsicht auf ihre eigenen Werte ersichtlich. Von “Achtung der Menschenwürde” und “Freiheit”, wie es in Artikel 2 des EU-Vertrags steht, kann nämlich nicht die Rede sein, wenn “illegal” Geflüchtete unter unmenschlichen Umständen in den mittlerweile zu Haftlagern umfunktionierten Hotspots auf den griechischen Inseln festsitzen. Eine der Vorsitzenden der Stiftung Zukunft, die mir auch bei der zuvor erläuterten Gesprächsrunde zugehört hatte, meinte im Anschluss an letztere zu mir, dass uns die Werte Europas selbst oftmals gar nicht bewusst sind, und zumeist Nicht-Europäer*innen sie am Besten kennen. Das Bewusstsein um diese Werte wäre dann auch einer der Gründe dafür, weswegen soviele Geflüchtete bereitwillig sind ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um nach Europa zu kommen. Wenn ich im Kontext des Abkommens an ihre Aussage zurückdenke, resultieren daraus für mich nun folgende Fragen: Wieso verwehrt die EU dem Teil dieser Menschen, welcher aufgrund von willkürlichen Auswahlprozessen als “illegal” eingestuft wurde, dann Freiheit und Würde, obwohl sie sich selbst zur Einhaltung ebendieser Werte verpflichtet hat und die Geflüchtete eben aufgrund ihres Bewusstseins um dieses moralischen Fundaments der EU ihr Leben riskiert haben? Und wie können ihre Mitgliedsstaaten es sich dann noch anmaßen, sich auf ein erhöhtes moralisches Podest zu schwingen und von all jenen, die “legal” einreisen dürfen, unter Androhung sofortiger Ausweisung einzufordern, genau diese Werte, die sie selbst kollektiv missachten, zu respektieren? Insbesondere wenn man dann noch bedenkt, dass die Türkei in den letzten Wochen entgegen geltenden internationalen Rechts wahrscheinlich tausende von Syrer*innen zurück in ihre sich nach wie vor im Krieg befindliche Heimat geschickt hat, kann im Hinblick auf das Abkommen auch von der “Wahrung von Menschenrechten” definitiv nicht mehr die Rede sein.

Das EU-Türkei-Abkommen und die Forderung nach Obergrenzen: Negation moralischen Handelns

Die Implikationen dieses Abkommens gehen jedoch noch einen Schritt weiter. Um dies zu verdeutlichen, muss ich allerdings erst einmal weiter ausholen und kurz einige moralische Begriffe näher erläutern. Die in Artikel 2 des Vertrages festgelegten Werte, zu deren Befolgung die Mitglieder der EU sich verpflichtet haben, erinnern nämlich an normative deontologische Moralsysteme. Letzteren zufolge besteht die Richtigkeit einer Handlung darin, dass sie einer bestimmten, auf Vernunft oder anderen kognitiven Prozessen basierenden Regel folgt. Das kann man nun insofern auf die Werte der EU beziehen, als dass sich aus letzteren Regeln ableiten lassen, welche die EU-Mitgliedsstaaten befolgen sollen, um richtig zu handeln. Die wichtigsten alternativen Ansätze zum normativen System der Deontologie stellen Tugendethik (welche eine maßgebliche Rolle in der antiken Philosophie spielt) und Konsequentialismus dar; im Kontext des vorliegenden Artikels ist vorallem letzterer relevant. Wie sein Name es bereits suggeriert, bewertet der (direkte) Konsequentialismus eine einzelne Handlung nicht danach, ob sie einer bestimmten Regel folgt, sondern vielmehr anhand der durch sie erzielten Konsequenzen. Werden durch Handlung A die bestmöglichen Konsequenzen erzielt, so ist sie richtig; erzielt Handlung A allerdings schlechtere Konsequenzen als eine alternative Handlung B, welche zu den bestmöglichen Folgen führt, so ist sie falsch. Der durch die Konsequenzen herbeigeführte Zustand der Welt kann hierbei anhand unterschiedlicher Faktoren, wie etwa das menschliche Glück (und oftmals auch das aller restlichen Lebewesen) bemessen werden. Letzteres spielt vorallem in der bekanntesten Variation des Konsequentialismus, dem Utilitarismus  — zu dessen klassischen Vertretern unter anderem John Stuart Mill und Jeremy Bentham zählen — eine zentrale Rolle.

Der Konsequentialismus beziehungsweise Utilitarismus zeichnen sich also durch eine stark kalkulative Herangehensweise an moralische Entscheidungssituationen, welche man durchaus für ihren Appell an Rationalität und empirische Methodik bewundern kann, aus. Dadurch beherbergen sie aber gleichzeitig auch gravierende und bedenkliche Implikationen, mithilfe denen ich nun auch die Brücke zu meinen Reflexionen hinsichtlich der Relation zwischen der EU und ihren Werten im Hinblick auf das Türkei-Abkommen schlagen möchte. Findet der Utilitarist nämlich durch seine Berechnungen heraus, dass eine Handlung A zwar zu den bestmöglichen Konsequenzen führt, er dadurch aber eine moralische Regel bricht, so wäre A trotzdem noch immer richtig. Jegliches Festhalten an der Regel wird wiederum als irrationaler “Regelkult” zurückgewiesen. Zur Veranschaulichung ihrer moralischen Theorie konstruieren Utilitaristen nun oftmals haarsträubende Beispiele von extremen Entscheidungssituationen, in denen sie noch immer moralische Entscheidungen zu treffen glauben. Genau dies wird wiederum vom Philosophen Bernard Williams in dessen sehr empfehlenswerten Essay A critique of utilitarianism als bedeutender Kritikpunkt am Utilitarismus herausgearbeitet:

It could be a feature of a man’s moral outlook that he regarded certain courses of action as unthinkable, in the sense that he would not entertain the idea of doing them: and the witness to that might, in many cases, be that they simply would not come into his head. Entertaining certain alternatives, regarding them indeed as a l t e r n a t i v e s, is itself something that he regards as dishonourable or morally absurd. But, further, he might equally find it unacceptable what to do in certain conceivable situations. Logically, or indeed empirically conceivable they may be, but they are not to him morally conceivable, meaning by that that their occurrence as situations presenting him with a choice would represent not a special problem in his moral world, but something that lay beyond its limits. For him, there are certain situations so monstrous that the idea that the processes of moral rationality could yield an answer in them is insane: they are situations which so transcend in enormity the human business of moral deliberation that from a moral point of view it cannot matter any more what happens. […] Consequentialist rationality, however, and in particular utilitarian rationality, has no such limitations: making the best of a bad job is one of its maxims, and it will have something to say even on the difference between massacring seven million, and massacring seven million and one.

(Bernard Williams: A critique of utilitarianism, in: Smart, John J. C. & Williams, Bernard: Utilitarianism: for and against, Cambridge 1973, S. 92-93; Hervorhebungen durch den Verfasser des vorliegenden Artikels)

Durch das Abkommen mit der Türkei schafft die EU nun eine solche von Williams beschriebene Extremsituation und gibt vor, im Kontext von letzterer die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Doch sobald Menschen zu austauschbaren Zahleneinheiten quantifiziert werden und es plötzlich darum geht, dass 72.000 syrische Geflüchtete anstelle von auch nur einer einzigen Person mehr aus der Türkei in die EU übergesiedelt werden sollen, kann von Moral einfach nicht mehr die Rede sein. Die EU agiert hierbei, ob bewusst oder nicht, aus rein utilitaristischen, kalkulativen Beweggründen, was zusätzlich dadurch unterstrichen wird, dass sie keine Rücksicht auf die normativen Werte und die daraus resultierenden Regeln, die sie sich selbst auferlegt hat, nimmt. Indem ihre Entscheidungen also nicht nur die eigenen spezifischen Werte untergräbt, sondern überhaupt nicht mehr im Bereich des Moralischen zu verorten sind, nimmt sie für ihre Einwohner*innen umso mehr die Gestalt eines an moralischer Integrität mangelnden Gebildes an. Das wiederum erschwert die dringend notwendige Weiterentwicklung der EU von einer rein wirtschaftlichen zu einer verstärkt politischen und vorallem solidarischen Union, wodurch die Gefahr für Entfremdung zwischen den Bewohner*innen der einzelnen Länder enorm ansteigt. Ein Beispiel hierfür ist beispielsweise auch der Umgang der restlichen EU-Länder mit Griechenland, bei dem moralische Imperative bei den Verhandlungen über Schuldenerlassungen im letzten Jahr einfach keine Rolle mehr spielten, obwohl das aufgrund der katastrophalen humanitären Lage in bedeutenden Teilen der Bevölkerung dringend notwendig gewesen wäre. Stattdessen stand wieder einmal nur kühle wirtschaftliche Kalkulation im Vordergrund.

Es ist aber nicht nur die EU, die ihr Handeln offenbar längst nicht mehr nach moralischen Standpunkten richtet: Auch die auf nationaler Ebene agierenden, wieder einmal im größten Teil der Fälle rechten Parteien, die Obergrenzen für Geflüchtete fordern, entfernen sich durch ihre Quantifizierung von Menschen aus dem Bereich des Moralischen und verlieren damit jegliche Legitimität, ihre Vorschläge als “richtig”, welches immerhin ein moralisches Werturteil darstellt, einzustufen. Wenn beispielsweise Horst Seehofer davon spricht, höchstens 200.000 Geflüchtete pro Jahr in Deutschland zuzulassen — womit er wiederum impliziert, dass man keinen einzigen Menschen mehr den Zugang gewähren sollte —, so kann man die von ihm vorgeschlagene Handlung nicht mehr als dem moralischen Bereich zugehörig betrachten. Ganz davon abgesehen, dass diese Quantifizierung von Menschen allgemein dehumanisierend wirkt, treten dabei auch die unverhohlene Hypokrisie Seehofers und der CSU auf. Diese sehen sich gerne als Verfechter christlicher Werte, was aber durch ihre Forderung nach Obergrenzen, welche sich jeglicher — egal ob religiöser oder säkularer — Moral entzieht, umso stärker Lügen gestraft wird.

Zusammenfassend stört es mich zutiefst dass, wie mir durch die Tagung in Berlin bewusst geworden ist, im öffentlichen Diskurs in letzter Zeit dauernd die europäischen Werte herauf beschworen werden, obwohl das eigentliche Handeln der EU sich in vielerlei Hinsicht längst davon entfernt hat und sich mittlerweile vorallem durch zynische Kalkulation auszeichnet. Umso mehr bedarf die EU jetzt deswegen dringender Reformen, um sich zu einer Gemeinschaft zu entwickeln, die Solidarität und Menschenwürde nicht nur pro forma zu ihren Werten kürt, sondern diese auch tatsächlich im Umgang mit Menschen — egal ob sie aus der EU stammen oder nicht — lebt und nicht mehr solche Abkommen durchgehen lassen würde. Erwähnenswert ist dazu, dass viele Abgeordnete im EU-Parlament das Abkommen kritisiert haben, was wiederum zeigt, dass in den relevanten Entscheidungsebenen der EU eigentlich auch Potenzial für eine alternative Politik vorhanden wäre. Da es im Moment allerdings nicht so aussieht, als ob dieser transformative Prozess in absehbarer Zeit angestoßen werden und er im Falle seiner letztendlichen Initiierung aufgrund der Komplexität eines solchen Unternehmens wie der EU noch immer viele Jahre in Anspruch nehmen würde, ist es umso wichtiger, dass ihre Einwohner*innen sie schon jetzt “von unten” verändern, indem sie die Umsetzung einer humanen Flüchtlingspolitik und die Aufrechterhaltung der damit verbundenen Werte (die man natürlich immer wieder kritisch evaluieren und konzeptuell festlegen muss, um nicht einem gefährlichen Wertekonservatismus zu verfallen), egal ob diese nun spezifisch “europäisch” sind oder nicht, selbst in die Hand nehmen. Das lässt sich dann wiederum unter anderem durch solidarisches Engagement über nationale Grenzen hinweg, Protest gegen Abkommen wie jenem zwischen der EU und Türkei und der Dekonstruktion von Argumenten für Obergrenzen und anderen unmoralischen Vorschlägen bewerkstelligen.

Die rechte Szene Luxemburgs Ende 2015: Castiglia, Kartheiser, Keup, Thein, Peters & andere “Lezeboia”

Nach all den Jahren, in denen die rechte Szene Luxemburgs bereits ihr Unwesen treibt, wurden ihre Mitglieder und Sympathisanten nun endlich vom Tageblatt-Journalisten Francis Wagner auf einen äußerst passenden Namen getauft: “Lezeboia“. Der Lezeboia war auch in den letzten Monaten, nachdem die Diskussionen um das Ausländerwahlrecht abgeklungen und stattdessen die jüngste Flüchtlingskrise in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt ist, wieder sehr aktiv und hat überall in den sozialen Netzwerken seine von Hass und Ignoranz gezeichnete Fratze gezeigt. Inwiefern, möchte ich nun wieder einmal mit einem neuen Text über den Stand der rechten Szene Luxemburgs Ende 2015 analysieren.


 

Nico Castiglia und die SDV hetzen nach wie vor

Im Zentrum meines letzten Textes über die rechte Szene in Luxemburg stand vor allem Nico Castiglia, der mit seiner neuen “Sozial-Demokratischen Volkspartei” das Spektrum rechts neben der ADR für sich beanspruchen wollte. Dessen privates Profil und die offizielle Facebookseite der SDV bildeten einige Zeit lang eine der zentralen Hubpages der rechten Szene — dementsprechend war die Sorge groß, dass dank einer tatsächlichen Realisierung seiner parteipolitischen Pläne die rechtsextreme Szene nicht mehr nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch in der politischen Landschaft Fuß fassen konnte. Im Anschluss an die Gründung seiner Partei, die wie angekündigt am 25. April 2015 stattfand, wurde es dann aber schlagartig wieder sehr ruhig um die SDV. Die rechte Szene verstreute sich, wie ich nachfolgend noch erläutern werde, auf weitere Hubpages wie etwa “I love main Letzebuerg”, sodass sich auch der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit von Castiglia und seiner SDV loslöste.

Wirft man nun aber einen Blick auf die jüngsten Beiträge auf Castiglias privatem Profil und die offzielle Facebook-Gruppe der SDV, so wird einem bewusst, dass sich in der Zwischenzeit rein gar nichts geändert hat. Castiglia betreibt nämlich nach wie vor kalkuliert rechtsextreme Hetze in den sozialen Medien — und dies vorallem, um, wie ich bereits im letzten Artikel über ihn erläutert habe, neue Mitglieder für seine Partei zu rekrutieren, die genau diese von ihm aufgestachelten Ressentiments bedient. Der Grund weswegen ich nicht einfach auf meinen früheren Artikel verweise ist nun aber, dass Castiglias jüngste Hetze im aktuellen zeitgeschichtlichen Kontext noch einmal eine umso beunruhigendere Note erhält, und er dazu mittlerweile klar und deutlich Positionen seiner Partei in Form von Flyern ausformuliert hat, die es im April so noch nicht gab. Nico Castiglia schürt Hetze gegen Nigerianer

Als erstes Beispiel für Castiglias Hetze möchte ich obigen Artikel heranziehen, den er am 28. Oktober 2015 geteilt hat, und der sich um die Zersprengung eines Drogenrings, bei der eine christliche Sekte aus Nigeria maßgeblich involviert gewesen sein soll, dreht. Der Originalartikel — den ich an dieser Stelle bewusst nicht verlinke, da ich Lëtzebuerg Privat, die ähnlich wie ihre deutschen Boulevardblattvorbilder immer wieder mit reißerischen Schlagzeilen Stimmung gegen Flüchtlinge und Ausländer macht und somit zur aktuell giftigen Stimmung beiträgt, keine Plattform bieten möchte — ist bereits von vornherein wenig differenzierend, da er die Nigeranier kurzerhand unter dem Begriff “Schwarzafrikaner” subsumiert.  Nico Castiglia gießt  dazu mit seinem Kommentar “Und wieder … Luxemburger …” — mit dem er offensichtlich suggeriert, dass die braven Luxemburger so etwas nie tun würden und es immer nur die ach-so-bösen Ausländer sind — weiteres Öl ins Feuer. Die auf diese Stimmungsmache folgenden Kommentare unter dem Artikel von Castiglias Anhängern und Menschen aus seiner Freundesliste sprechen dann auch für sich und entlarven die angeblichen “Ängste” der besorgten Bürger als das, was wie wirklich sind — nämlich blanker, unverhohlener Rassismus, der nur einen willkommenen Prätext braucht, um hervor zu brechen:

Nico Castiglia Hetze gegen Nigerianer#2 Nico Castiglia Hetze gegen Nigerianer#3  Nico Castiglia schürt Hetze gegen Nigerianer#6 Nico Castiglia schürt Hetze gegen Nigerianer#7 Nico Castiglia schürt Hetze gegen Nigerianer#8 Nico Castiglia schürt Hetze gegen Nigerianer#11 Nico Castiglia schürt und toleriert Hetze gegen Nigerianer#5 Nico Castiglia toleriert Hetze gegen Nigerianer#4 Nico Castiglia toleriert Hetze gegen Nigerianer#9 Nico Castiglia toleriert und schürt Hetze gegen Nigerianer#10

Castiglia selbst löscht weder diese Kommentare, in denen die im Artikel behandelten Nigerianer von Castiglias Anhängern — die sich teilweise noch dumm-dreist in ihrer eigenen Ignoranz suhlen und behaupten, es gäbe nur “schwarze Afrikaner”  — kollektiv als “Dreck”, “Bimbo-Pack”, “Ratten”, “Solarium-Luxemburger” und “Neger” beschimpft werden, noch weist er die Leute, die diese wüsten rassistischen Beleidigungen von sich geben, zurecht. Wer auch nur den geringsten Funken Achtung für die Würde eines jeden Menschen — egal, welche Straftat dieser begangen hat und welcher Ethnie oder Nationalität er angehört — in sich trägt, würde solche Aussagen sofort aufs Schärfste verurteilen. Castiglia tut dies aber nicht. Für ihn fallen die rassistischen Anfälle seiner Anhänger wahrscheinlich wieder in die Kategorie “legitimierte Meinungsäußerung”, die er mit an niederste Gefühle appellierenden Beiträgen zu provozieren versucht.

Castiglias Prozedere lässt sich noch anhand weiterer Beispiele illustrieren — insbesondere im Zuge der jüngst in Europa stattfindenden Flüchtlingskrise (wobei es meiner Meinung nach eher eine Rechtsextremenkrise ist) hetzt er mittels völlig aus der Luft gegriffenen Mutmaßungen — beispielsweise die abstruse, unter zahlreichen Rechten beliebte Theorie, dass sich unter den Flüchtlingen unzählige IS-Terroristen verbergen — gegen Asylsuchende:

Nico Castiglia Flüchtlinge sind Terroristen

Dass sich unter den Flüchtlingen IS-Terroristen befinden sollen, wird auch vom früheren ersten Bürger des Landes Laurent Mosar auf Twitter behauptet:

Laurent Mosar#1 Laurent Mosar#2 ehemaliger Chamberpräsident

Das ist alles aber vollkommen abstrus. Ganz davon abgesehen, dass dabei Hilfesuchende — und das ist besonders unverzeihlich — direkt im Vornherein kollektiv stigmatisiert werden: Zunächst einmal ist der IS nicht primär daran interessiert, Terror in Europa zu säen, sondern konzentriert sich momentan vorallem auf seine territorialen Bestrebungen. Dazu wäre es irrsinnig, die eigenen Terroristen über Flüchtlingsrouten nach Europa zu schicken, da sie dort Gefahr laufen, auf dem Weg zu sterben; wenn der IS Terror in Europa stiften wollen sollte, dann würde er die IS-Mitglieder mit europäischem Pass, die bequem per Flugzeug oder auf anderem Wege einreisen können, schicken.

Auch mit einem weiteren Artikel von einem Blog, der von der französischen Rechtsextremen Christine Tasin (die unter anderem behauptet, dass es keine moderaten Muslime gäbe) betrieben wird, stellt Castiglia Muslime wieder bewusst als Feindbild auf, an dem der rechte Mob seine Ressentiments auslassen kann: Nico Castiglia Hetze gegen Muslime#1

Nico Castiglia Hetze gegen Muslime#2

Dabei wird sogar, wie man anhand des zweiten Kommentars von Doc Marcel sieht, unverhohlen zu Gewalttaten gegenüber Muslimen aufgerufen — was einen umso bittereren Nachgeschmack erhält, wenn man die rezenten, mittlerweile beinahe tagtäglich stattfindenden Übergriffe auf Ausländer, Flüchtlinge und Aktivisten in Deutschland bedenkt.

Auch die SDV-Gruppe ist in dem Kontext einer näheren Beobachtung wert. Am 4. Oktober 2015 wurde dort beispielsweise zunächst einmal ein Foto von Salafisten gepostet, die (übrigens dass die muslimische Gesellschaft in Luxemburg etwas davon wusste) in der Innenstadt Luxemburgs den Koran verteilten:

 

 

 

SDV Islamophobie

Unter besagtem Foto äußerte dann ein gewisser Jo Gentile offen seine Gewaltbereitschaft gegenüber Muslimen, die auch wieder einmal weder von den Admins der SDV-Seite noch von Castiglia selbst geahndet wurde:

SDV Islamophobie#2

Dazu weiß Castiglia auch bestens darüber Bescheid, dass der Großteil seiner Mitglieder sich nicht mal die Mühe macht, die von ihm geposteten Artikel ganz zu lesen — er selbst tut das aber offensichtlich auch nicht, wie ein Beitrag seinerseits vom 27. Oktober 2015 zeigt. An dem Tage hatte er nämlich folgenden Artikel geteilt:

Nico Castiglia macht wieder bewusst Hetze#1

Ganz davon abgesehen, dass ich die Forderung nach mehr Geld auch für berechtigt halten würde, wenn es sich bei den auf dem Bild dargestellten Personen um echte Flüchtlinge handeln würde (immerhin ist der Wunsch für ein menschenwürdigeres Leben angesichts der Umstände, in denen Flüchtlinge leben müssen, mehr als verständnisvoll): Wie im verlinkten Artikel selbst (!) steht, sind die Menschen auf dem Foto gar keine Flüchtlinge, sondern wurden eigens angestellt, um rechtsextreme Hetzer wie Castiglia und Konsorten, denen jedes Mittel — Gerüchte, Lügen und eben bewusste Falschmeldungen — recht ist, um gegen Flüchtlinge und Ausländer zu stänkern, zu entlarven. Mit Erfolg, wie man anhand der unter dem Artikel stehenden Kommentare sehen kann:

Nico Castiglia macht wieder Hetze gegen Flüchtlinge#3 Nico Castiglia macht wieder Hetze gegen Flüchtlinge#4 Nico Castiglia macht wieder Hetze gegen Flüchtlinge#6 Nico Castiglia macht wieder Hetze gegen Flüchtlinge#7

Nico Castiglia macht wieder Hetze gegen Flüchtlinge#5 ja früher war alles besser, da hatte ich nicht Angst Pegida jeden montagabend anzutreffen

Zu Zolver Marcos Kommentar kann ich dazu nur eines sagen: Ja, früher war es tatsächlich schöner. Da hatte ich hier in München nämlich wenigstens noch keine Angst, jeden Montag einer ausländerfeindliche und islamophobe Parolen grölenden Horde namens BAGIDA, die die Presse- und Meinungsfreiheit mit Füßen tritt, in den Straßen zu begegnen.

Castiglias in die tobende braune Menge geworfene Beiträge sind alle letztendlich ganz bewusstes, zynisches Kalkül. Ich gehe nicht einmal davon aus, dass Castiglia unbedingt den drastischeren Aussagen des braunen Mobs, den er auf seinem privaten Profil toben lässt, zustimmen würde — aber dass er diese Kommentare in keinster Form ahndet und sie sogar bewusst mittels seines demagogischen Gehabes hervor ruft, ist absolut perfide und verurteilenswert. Seine Beiträge generieren oder stimulieren nämlich diffuse Ängste, die Castiglia dann für seine eigene politische Agenda einzuspannen versucht, in dem er immer wieder zwischen seinen Hetzbeiträgen Positionen seiner Partei verkündet. Wie bereits eingangs erwähnt, hat er Letztere mittlerweile in Form von Flyern verewigt. Schaut man sich diese einmal näher an, so wird die ideologische Nähe von Castiglias Partei zur besonders sympathischen Gesellschaft von AFD, PEGIDA und NPD umso ersichtlicher.

Nico Castiglia Asylantenquote Wieso darf ich nicht fragen ob mein Lebensstil mit der SDV kompatibel ist

Die Schlagworte, die die SDV hier raushaut, hätten so auch aus dem Mund eines AFDler stammen können. Die fordern nämlich auch immer wieder eine “geregelte Einwanderung” nach kanadischem oder australischem Vorbild — also kurzum eine auf politischer und gesetzlicher Ebene legitimierte Exkludierung von Menschen, deren Religion oder Ethnie einem nicht passen. Als besonders lächerlich empfinde ich die Forderung danach, dass die Mentalität und Lebensart der Einwanderer mit denen aus Luxemburg kompatibel sein soll. Ich bin jedenfalls sehr überzeugt davon, dass es — um nur ein Beispiel zu nennen — ganz viele Menschen aus muslimischen Ländern gibt, deren Mentalität und Lebensart mir um Welten mehr zusagt als die von Castiglia und seinem rassistischen Anhang. Mit Menschen wie Letzteren verbindet mich nämlich nur meine Nationalität — und von solch einem abstrakten Konzept, das mich automatisch eine Verbindung zu Menschen, mit denen ich außer der Tatsache dass wir zufälligerweise auf dem gleichen kleinen Flecken Erde geboren wurde, nichts zu tun habe und es auch nicht will, herstellt, halte ich reichlich wenig.

Nico Castiglia NPD-Rhetorik

Man beachte auch bei dem obigen Screenshot den herrlichen Widerspruch, der sich zwischen den Forderungen auftut: Einerseits fordert die SDV eine “gerechtere Verteilung” von Arbeitsplätzen, andererseits ist sie aber der Auffassung, dass luxemburgische Staatsbürger ein Vorrecht auf besagte Stellen hätten — soviel dazu, was die SDV unter “gerecht” versteht. Dass Luxemburger ungeachtet ihrer Qualifikation bei der Arbeitssuche privilegiert werden sollen, erinnert übrigens frappierend an die Rhetorik, die die NPD schon seit Jahren pflegt:

NPD Rhetorik

Aber ich will nicht unfair sein. Immerhin zeigt die SDV auf ihren Flyern auch das, was sie am Besten kann — nämlich inhaltslose Phrasendrescherei:

Nico Castiglia SDV Schulsystem

Jedes Mal, wenn ich diesen Flyer sehe, entringt sich meinem offenstehenden Mund ein lautloses “Wow”, gefolgt vom rhythmischen Herabsinken meines Kopfes in Richtung Tischplatte. Hat sich die Partei auf den anderen Papieren wenigstens noch den Hauch von Mühe gegeben, ihre kruden Positionen in Form von Forderungen auszuformulieren, so reduziert sie ihre Stellung gegenüber dem Schulsystem auf simples Gemeckere ohne den geringsten Hinweis darauf, was sie denn nun eigentlich daran stört.

Dazu bombardiert die SDV Interessierte auch mit pseudo-weisen, plumpen Zitaten, die geradewegs aus der tiefsten Hölle misslungener Sprüche, die immer wieder auf Facebook ihr Unwesen treiben, zu stammen scheinen:

Nico Castiglia FB-Quotes als Teil der Parteikampagne

Der an dieser Stelle verwendete Begriff des “Volkes” ist mir sowieso schon von vornherein ein Dorn im Auge, da er historisch vorbelastet ist und allzu gerne in einem Ausgrenzungsmechanismen begünstigenden Kontext verwendet wird, beispielsweise bei PEGIDA, oder jetzt bei der SDV. Mit dem “Volk” wird nämlich nur eine Bevölkerungsgruppe bezeichnet — in diesem Falle die Luxemburger. Die alleine sind aber kaum repräsentativ für die Gesamtbevölkerung Luxemburgs, die sich aus zahlreichen anderen Menschen unterschiedlichster Nationalitäten zusammensetzt, die allesamt genauso Teil des Landes sind und des Öfteren die luxemburgische Sprache besser als die selbsternannten Retter ebendieser beherrschen. Das passt auch zur Unterstreichung des “Willens der 80%” auf den anderen Flyern — dazu später mehr.

Ich möchte an dieser Stelle auch noch einmal meine ursprüngliche Behauptung revidieren: Die SDV mag sich zwar (momentan) nicht mehr im Rampenlicht suhlen, aber Castiglia und Konsorten waren dennoch nicht untätig, was das Vorantreiben ihrer zweifelhaften politischen Agenda anbelangt. Mittlerweile gibt es nämlich auch SDV-Merchandise — damit ihr jedem ohne auch nur ein Wort von euch zu geben verdeutlichen könnt, dass ihr Sympathien für eine Partei bekundet, deren Präsident offensichtlich kein Problem damit hat dass auf seinem Profil PoC als “Neger” und “Dreck” bezeichnet werden. Umso bezeichnender ist es dann auch, dass das Layout der Sticker — rot, dazu ein von einem weißen Kreis umschlossenen Symbol — Allusionen an das Logo der NSDAP weckt.

Nico Castiglia SDV Sticker Nico Castiglia SDV Stifte

Wenn ich mir das Luxemburgisch der SDV-Anhänger so anschaue, erhalten die in stumpfem Stolz mit luxemburgischer Flagge bestückten Kugelschreibern eine ironische Dimension — mit ihnen wird nämlich wohl nie ein grammatikalisch oder ortographisch korrekter Satz auf Luxemburgisch geschrieben werden. Das verdeutlicht wieder fehlende Kredibilität der SDV-Anhänger und Lezeboia. Wenn man seine Sprache nämlich angeblich so sehr liebt, dass man um ihrer Willen andere Menschen ausschließt, beleidigt und diskriminiert, ist das schon schlimm genug — sie selbst dann aber nicht einmal korrekt zu beherrschen und dann noch einen draufzusetzen und zu jammern, man hätte das in der Schule nie anständig gelernt (so wie es unter anderem der Betreiber der Hubpage “ONST LËTZEBUERGER LAND”, auf die ich später noch eingehen werde, behauptet), ist jenseits jeglicher Dreistigkeit und erzürnt mich in seiner gehässigen Unverschämtheit. Offenbar geht die Liebe der Patrioten für ihre Sprache doch nicht so weit, dass sie für sie ein paar Stunden ihrer Zeit für einen Abendkurs im Luxemburgischen opfern würden — und das zieht ihre Forderungen und Liebesbekundungen an Luxemburg umso mehr ins Lächerliche.

So wie PEGIDA wettern auch Castiglia und die SDV dann auch noch gerne gegen die verhasste Lügenpresse:

Nico Castiglia Lügenpresse#2

Nico Castiglia LügenpresseLieber Nico — nur weil die etablierten Medien nicht eine ähnlich rechtsextreme Weltanschauung wie du propagieren, heißt das noch lange nicht, dass sie vom Staat und dessen Agenda gelenkt werden und Lügen verbreiten. Anhand des ersten Screenshots lässt sich auch deduzieren, dass die SDV offensichtlich eine Demo gegen Flüchtlinge plante — welche, wie Castiglia, der wieder eine Verschwörung gegen ihn und seine treuen Untertanen wittert, sich beklagt, allerdings (glücklicherweise) bislang noch nicht zustande kam. Trotz ihrer ungeheuren parteipolitischen Bestrebungen in Form von plumpen Sprüchen und Kugelschreibern krebst die arme SDV somit munter weiter am Rande der (partei)-politischen Bedeutungslosigkeit herum. Nico Castiglias Verzweiflung darüber scheint mittlerweile dann auch soweit vorangeschritten zu sein, dass er nun in eine quasi-religiöse Anbetung von Marine Le Pen (und ihrer Neffin Marion) geflüchtet ist und mit ritueller Regelmäßigkeit Fotos und Beiträge von ihr auf seiner privaten Facebookprofilseite postet, damit sie ihm endlich die Gnade einer rettenden Epiphanie oder zumindest eines Autogramms gewährt. Umso sonderbarer erscheint diese Faszination für eine Politikerin, die unter anderem die Wiedereinführung der Todesstrafe und die komplette Abschottung Frankreichs fordert im Angesicht der Tatsache, dass Castiglia jegliche Vorwürfe des Rechtsextremismus von sich weist und all jenen, die das Gegenteil behaupten (berechtigterweise, wie seine Affinität für rechtsextreme Politiker zeigt), gar rechtliche Schritte androhte.

Nico Castigla Marine Le Pen#1 Nico Castiglia Marine Le Pen#2 Nico Castiglia Marine Le Pen#3 Nico Castiglia Nicht mal die Tochter von Marine Le Pen wird von ihm in Ruhe gelassen

Fred Keup und der Wee2050

Schaut man sich die Fyler der SDV noch einmal genauer an, so fällt einem auf, dass jedes über einen Saum mit dem Spruch “Der Wille von 80%” verfügt. Gemeint sind damit jene 80%, die im letzten Juni beim Referendum über das Ausländerwahlrecht gegen Letzteres gestimmt haben. Damit greift die SDV eine Narrative auf, die seit dem Referendum zum Ausländerwahlrecht in der rechten Szene (aber auch bei Außenstehenden) besonders beliebt ist, da sie für ein gewisses Gemeinschaftsgefühl sorgt, das wiederum aus einem Drang nach Abgrenzung zu den sogenannten “20%”, die für das Ausländerwahlrecht gestimmt haben, resultiert. Zunächst einmal repräsentieren diese 80% aber in keinster Weise ganz Luxemburg, sondern nur 80% der Luxemburger, die wiederum gerade einmal ein bisschen mehr als die Hälfte der Bevölkerung Luxemburgs ausmachen. Dazu ist es fragwürdig zu behaupten, all diese Individuen hätten einen einzigen Willen, den man in ein simplistisches Wahlprogramm wie das der SDV  oder in ein lächerliches Projekt wie Freud Keups Wee2050 (ehemalig Nee2015) bündeln könnte.

Fred Keup, auf den ich an dieser Stelle nun noch kurz eingehen möchte, ärgert mich in letzter Zeit besonders, und das aus mehreren Gründen. Seine privat lancierte Kampagne zum Ausländerreferendum, Nee 2015, die langsam zu einer peinlichen Ansammlung von Menschen die sich damit brüsteten, anderen Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft demokratische Rechte zu verbieten, heranwuchs, verbreitete zunächst einmal konstant auf Halbwissen basierende Unwahrheiten, die trotz mehrfacher Widerlegung überall von seinen Anhängern nachgeplappert wurden. Vorallem aber spielte er mit einer jener Behauptungen — und zwar jener, dass man die nationale Souveranität Luxemburgs mit dem Ausländerwahlrecht aufs Spiel setzen würde — der rechten Szene in die Hände. Stattdessen, so sagte er, sollen sie doch einfach die luxemburgische Nationalität annehmen, wenn sie wählen wollen; notfalls könne man auch die Bedingungen zum Erhalt der Nationalität lockern. Nun, da tatsächlich eine Reform des Nationalitätsgesetzes ansteht, regen Fred Keup und Konsorten sich aber auf einmal auf, dass die luxemburgische Nationalität angeblich zum Ramschpreis verkauft wird. Man muss sich das einmal vor Augen führen: Fred Keup und seine Anhänger wollen den Ausländern zuerst das Wahlrecht verwehren, mit dem Verweis drauf, dass dieses nur Luxemburgern zustünde. Wenn sie mitwählen wollen, sollen sie Luxemburger werden. Genau dabei wollen sie den Ausländern aber nun auch keine Zugeständnisse machen, indem sie ihnen den Weg zur luxemburgischen Nationalität so schwer wie möglich machen.

Dazu fährt Fred Keup genau die gleiche Schiene wie viele andere Mitglieder der rechten Szene: Meinungsfreiheit gilt nur für ihre eigene Meinung. Das wird besonders deutlich im Falle eines kritischen Kommentars des luxemburgischen Kulturschaffenden Guy Schons zu Nee2015 & Co., der kurzerhand von Fred Keup und Konsorten gemeldet wurde:

Guy Schons

Danach ist Fred Keup noch dazu übergegangen, Guy Schons privat zu bedrohen, so wie es seine rechten Gesinnungsgenossen auch gerne mal tun:

Guy Schons#2

Man mag sich kaum ausmalen was wäre, wenn Menschen wie Fred Keup, Castiglia oder Kartheiser tatsächlich die politische Macht in Luxemburg innehätten — die Meinungsfreiheit würde dann wohl tatsächlich zu einem Relikt der Vergangenheit werden, und zwar durch genau die Menschen, die sich immer fadenscheinig als ihre größten Verfechter porträtiert haben.

“I love main Lëtzebuerg”, “ONST LËTZEBUERGER LAND” und andere Hubpages der rechten Szene

Wie ich bereits vorhin angedeutet habe, hat sich die rechte Szene in den letzten Monaten neben Castiglias privatem Profil und den verschiedenen Seiten der SDV auch auf andere Hubpages wie “I love main Lëtzebuerg” und “ONST LËTZEBUERGER LAND” verteilt. Dazu tobt der rechte Mob und die von ihm ermutigten “besorgten Bürger”, die nicht spezifisch zur rechten Szene zählen, sondern eher in deren Fahrwasser agieren, in letzter Zeit auch sehr oft auf den großen luxemburgischen Nachrichtenseiten, die ihrerseits immer wieder unfreiwillig zu Hubpages für die rechte Szene mutieren.

Zunächst einmal möchte ich mich den den beiden größeren Hubpages “I love main Lëtzebuerg” und “ONST LËTZEBUERGER LAND”, die für luxemburgische Verhältnisse über eine hohen Anzahl an Likes verfügen und in den vergangenen Monaten immer wieder eindeutig Beiträge, die an die rechte Szene appellieren oder zumindest rechte Positionen vertreten, veröffentlicht und dementsprechend auch den braunen Mob angelockt haben, widmen. Das Riskante an solchen Hubpages ist, dass sie Menschen, die nichts mit der rechten Szene zu tun haben, mit vermeintlich harmlosen patriotischen Liebesbekundungen an Luxemburg (die sich alleine schon durch ihre Titel ausdrücken) anlocken, so die Reichweite ihrer Hetze vergrößern und im schlimmsten Falle eventuell noch mehr Menschen, die bislang unerreichbar waren, gegen Flüchtlinge, Ausländer und Muslime aufwiegeln.

So auch im Falle von “I love main Lëtzebuerg”. Hinter dieser Seite steckt unter anderem Dan Schmitz, einer der bekanntesten Rechtsextremen Luxemburg, der schon seit mehreren Jahren in der Szene aktiv ist und jüngst wieder wegen Todesdrohungen und Sittenwidrigkeit zu sechs Monaten Haft verurteilt wurde. Selbiger gab auf der Seite immer wieder ungestört seine rassistische Weltsicht zum Besten: I love main Letzebuerg "Zurück in den Urwald"

Auch mit seinem privaten Profil macht Dan Schmitz nach wie vor keinen Hehl aus seiner rechtsextremen Gesinnung:

 

Dan Schmitz "Wäre vielleicht besser gewesen" Dan Schmitz lernt es nie

Nachdem solcherlei rechtsextremen Aktivitäten auf der Seite während einiger Zeit drastisch angestiegen waren (wie ich unter anderem in meinem Forum-Artikel illustriert habe), wurde die Seite schließlich, nachdem auch die Behörden auf sie aufmerksam geworden sind, im September gesperrt; kurz darauf jedoch ging sie wieder online. Im ersten Augenblick schien sich die Lage beruhigt zu haben — es wurden zwar nach wie vor dubiose Beiträge geteilt, aber Dan Schmitz und die anderen Admins hielten sich mit allzu offensichtlichen rechtsextremen Aussagen zurück. Nichtsdestotrotz ruft die Seite in letzter Zeit wieder vermehrt Hetze hervor, in dem sie einfach Artikel kommentarlos posten und die braune Meute darauf loslassen :

I love main Letzebuerg Menschenfeindliche Aussagen bei I love main Letzebuerg

Insbesondere die Tatsache, dass im Zuge der europaweiten Umverteilung von Flüchtlingen auch weitere Asylsuchende nach Luxemburg (dessen Aufnahmekapazitäten, entgegen dem was die Rechten dauernd predigen, noch längst nicht ausgeschöpft sind) kommen, ruft auf “I Love main Lëtzebuerg” xenophobe Reaktionen der übelsten Sorte hervor — und das oftmals von Menschen, die bislang keine festen Mitglieder der rechten Szene sind, sich aber durch die Aktivität selbiger ermutigt fühlen, ihren eigenen Ressentiments freien Lauf zu lassen:  I love main Letzebuerg#1 I love main Letzebuerg#2 I love main Letzebuerg#3

Die Kommentare unter dem Artikel strotzen wieder nur so vor mir unerklärlicher Verachtung gegenüber all jenen, die am Dringendsten Schutz benötigen. Doris Kinnen da Costa beispielsweise glaubt, dass nur Christen aus Kriegsgebieten ein Recht darauf hätten, als “Schutzsuchende” bezeichnet zu werden — denn Bombardierungen, Exekutionen und Folter  können muslimischen Flüchtlingen natürlich nichts anhaben. Patrick Billo wiederum ist der Meinung, dass sie gar keinen Schutz suchen, sondern nur ihre Heimat hinter sich lassen und ihr Leben auf einer mehrere tausend Kilometer langen Reise aufs Spiel setzen, um ohne jegliche Privatsphäre in überfüllten Zeltstädten und mit minimaler finanzieller Unterstützung zu leben. Diesen “Wohlstand” haben sie sich seiner Meinung nach aber auch nicht verdient, denn alle Flüchtlinge haben ihm zufolge noch nie etwas in ihrem Leben geleistet — ganz anders als der ehrenwerte Patrick, der seine Zeit damit verbringt xenophobe Kommentare auf Facebook hinaus zu posaunen.

Über eine ähnlich hohe Reichweite wie “I love main Lëtzebuerg” verfügt dann auch “ONST LËTZEBUERGER LAND”. Deren Admin(s) lassen sich nicht eindeutig der rechten Szene zuordnen, aber ihre Beiträge, die sie offenbar in Eigenhand kreieren, sind sehr attraktiv für die rechte Szene und werden dementsprechend auch beispielsweise von Fernand Kartheiser (dem ich mich später noch eingehender widmen werde) geteilt.

An dieser Stelle ein erstes Beispiel:

LETZEBUERG

Der obige Spruch wird immer wieder gerne von Mitgliedern der rechten Szene und besorgten Bürgern aufgegriffen — immerhin ist es sehr bequem, jegliche Verantwortung für die eigenen rassistischen und xenophoben Ausbrüche von sich zu weisen und die Schuld dafür, dass sie gegen Ausländer hetzen, den Politikern in die Schuhe schieben. An dieser Stelle ein kleiner Hinweis meinerseits an die Lezeboia, die dieses Credo immer wieder kreischend wiederholen: Man wird nicht zum Rassisten “gemacht”, sondern man entscheidet aus freien Stücken, ob man den eigenen Ressentiments nachgibt und Teil des hetzerische Reden gebärenden braunen Morastes, oder doch lieber eine von Empathie, Humanismus und Achtung für die Würde eines jeden Menschen geleitete Person wird. Sich dieser Entscheidungsfreiheit zu verwehren, ist nicht nur, um es mit den Worten Jean-Paul Sartres auszudrücken, ein Paradebeispiel für mauvais foi, sondern auch ganz einfach Feigheit, Rechenschaft für die eigene dubiose und auf Ignoranz fundierte Weltsicht abzulegen.

Dazu liefern sie eine zweifelhafte Legitimation dafür, rassistische Äußerungen von sich zu geben — immerhin wollen sie ja nur ihr Land verteidigen, und für solch ein nobles Ziel darf man auch gerne mal die Würde anderer Menschen vergessen.

Onst Letzebuerger Land Bullshit

Am Besten verteidigt man sein Land dazu auch, in dem man die Landessprache falsch schreibt und dies damit rechtfertigt, dass man die Sprache angeblich nie in der Schule gelernt hat — genauso, wie es auch immer wieder die Mitglieder der SDV und viele andere Lezeboia beteuern. Schon mal was von Luxemburgischkursen für Erwachsene gehört?

“ONST LËTZEBUERGER LAND” spart auch nicht mit weiteren patriotischen Verirrungen. Man beachte beispielsweise dieses Paradebeispiel der Absurdität:

Onst Letzebuerger Land Sinnlos

“Luxemburger sein ist stolz sein.” Stolz sein worauf? Darauf, dass man auch noch die letzte Portion Kachkéis verdrückt hat? Darauf, dass man das Grüne Spiel auf der Schobermesse überlebt hat? Oder vielmehr darauf, dass man das Glück hatte, per Zufall auf diesem erbärmlich winzigen Flecken Land geboren worden zu sein? Das Ganze wird nur noch durch den noch viel sinnloseren Kommentar darunter getoppt:

Onst Letzebuerger Land noch sinnloser

Um diese brillanten, sich gegenseitig um soviele Facetten bereichernden gedanklichen Ergüsse zusammenzufassen: “Luxemburger sein ist stolz sein und ‘stoltz'”. Denn man darf nicht vergessen, dass man als waschechter luxemburgischer Patriot nicht nur eine beim Gedanken an die traute Heimat vor Stolz anschwellende und bis zur Grenze des Platzens drängende Brust haben, sondern zusätzlich noch jegliche Regeln der Ortographie und Grammatik seiner Sprache missachten soll.

Genau wie die SDV hat auch “ONST LËTZEBUERGER LAND” dann noch zusätzlich ein bisschen rechtsextremes Gedankengut parat:  Onst Letzebuerger Land#3 Nazi-Rhetorik

Das erinnert nämlich frappierend an den unsäglichen “Deutschland den Deutschen”-Ruf, den Neonazis immer wieder gerne skandieren.


 

Wie bereits vorhin erwähnt, sind auch die Kommentarspalten der etablierten Medien Luxemburgs, wie etwa RTL Lëtzebuerg, L’Essentiel Online oder Tageblatt, oftmals Schauplatz rechtsextremer Hetze. Die hetzerischen Pamphlete stammen hierbei nicht immer zwingend von Mitgliedern der rechten Szene Luxemburgs selbst (auch wenn, wie ihr bei den untenstehenden Kommentaren seht, beispielsweise Steve Melmer, über den ich schon mehrmals geschrieben habe, meistens unter Artikeln besagter Medien mit seiner kruden Weltsicht zu profilieren versucht) — deren Struktur, die sich vorallem auf die sozialen Medien beschränkt, begünstigt solche Aussagen, die zumeist online gefällt werden, aber definitiv:

Hubpages und Sammelbecken#1 Hubpages und Sammelbecken#2

Unter besagtem Artikel finden sich dann auch immer wieder Menschen, die sich gar in regelrecht genozidäre Wunschvorstellungen hineinsteigern:

Hubpages und Sammelbecken#3 Hubpages und Sammelbecken#4

An anderer Stelle wird der institutionelle Rassismus in den USA, der sich unter anderem in drastischer Polizeigewalt gegenüber der african-american community ausdrückt, mit noch mehr Rassismus seitens diverser Lezeboia gedoppelt:

Hubpages und Sammelbecken#5

Und wie bereits zuvor angekündigt scheuen sich auch bekannte Gesichter der rechten Szene, wie etwa Steve Melmer, der gerne mal Hitler-Zitate gepostet hat und aus seiner Verachtung gegenüber Muslimen keinen Hehl macht, nicht davor, in den Kommentaren anlässlich der Massenpanik beim Hadsch in Mekka in diesem Jahr ohne jeglichen Respekt für die Toten Stimmung gegen Muslime zu machen:

 

Hubpages und Sammelbecken#6

Auch rechtsextreme Attacken, wie etwa die auf die damals für das Amt der Oberbürgermeisterin von Köln kandidierende Henriette Reker, werden auf diversen Nachrichtenseiten gerne von den Lezeboias relativiert, zum Beispiel von Tom Weidig, der, obwohl er sich selbst nicht zur rechten Szene zählt, immer wieder dubiose Apologien für diese formuliert:

Tom Weidig verharmlost rechtsextreme Attacke

Um das noch einmal zu rekapitulieren: Tom glaubt, dass der “Verteilungskampf mit Immigranten und Asylbewerbern” Schuld an der Messerattacke ist auf Henriette Reker ist, und nicht etwa mögliche fremdenfeindliche Motive. Lieber Tom — es gibt genügend Menschen, die sich in einer finanziell misslichen Lage befinden und trotzdem Ausländer und Flüchtlinge mit dem nötigen Respekt behandeln beziehungsweise sich nicht dazu berufen fühlen, rechtsextremen Terror zu streuen. Und die Immigrationspolitik ist sicherlich nicht Schuld daran, dass Menschen in soziale Missstände geraten — immerhin sorgen Flüchtlinge und Ausländer ganz abgesehen davon, dass man ihnen gegenüber schon aus rein menschlichen Gründen offen sein soll, auch noch dafür, dass die Wirtschaft gedeiht.


 

Die Alternativ Demokratische Reformpartei (ADR) –

Da die SDV wie eingangs erwähnt auf parteipolitischer Ebene bislang kaum von Bedeutung ist, ist für die Betrachtung der Bedeutung der rechten Szene auf ebendieser vorallem die rechts- beziehungsweise nationalkonservative ADR, die durch ihren Ex-Präsidenten Fernand Kartheiser — der nach wie vor in der Partei aktiv ist und auch einen ihrer Sitze im luxemburgischen Parlament, der chambres des députés (umgangssprachlich auch einfach “Chamber” genannt), innehat — einen deutlichen Rechtsschwung erlebt hat, relevant. Kartheiser und andere Mitglieder der Partei geben schon seit Längerem in den sozialen Netzwerken Äußerungen von sich, die denen der Rechtsextremen in Nichts nachstehen. Die ideologischen Schnittpunkte mit dem extremeren Flügel der rechten Szene traten in den letzten Monaten durch die Flüchtlingskrise nun noch einmal deutlich sichtbarer hervor — inwiefern, möchte ich nun zeigen.

Fernand Kartheiser — der unter anderem schon mal auf seinem Blog für die gesetzliche Diskrimination von Homosexuellen plädierte und dessen politische Positionen stark an jene der Neuen Rechten zuzuordnenden AFDler wie etwa Björn Höcke erinnern — postete zunächst einmal vor einiger Zeit kommentarlos einen reißerischen Blogartikel des bekannten deutschen Rechtsextremen und Neonazis Michael Mannheimer:

Fernand Kartheiser Michael Mannheimer

Interessanterweise hat Castiglia genau den gleichen Artikel gepostet, was wieder einmal verdeutlicht, wie die rechte Szene in Luxemburg sich an der deutschen orientiert und auf die gleichen Informationsquellen zurückgreift:

Fernand Kartheiser Nico Castiglia Michael Mannheimer

Offensichtlich hat er aber kein Problem damit, mit solchen Menschen in einem Atemzug erwähnt zu werden — immerhin bilden diese doch einen bedeutenden Teil der Klientel, die er mit seinen Beiträgen und Posts anspricht. Jedenfalls rief besagter Beitrag Kartheisers kritische Reaktionen in der Öffentlichkeit hervor; unter anderem bezichtigte ihn das Tageblatt völlig zurecht eines “fragwürdigen Umgangs”. Kartheiser versuchte daraufhin sein Handeln in einem Brief an die Zeitung, den er auf Facebook veröffentlichte, zu rechtfertigen:

« Sehr geehrte Damen und Herren,

Aufgrund der von Ihnen öffentlich erhobenen Vorwürfe ich pflege einen « fragwürdigen Umgang » bzw. ich teile « Nazipost » auf Facebook, bitte ich Sie folgende Stellungnahme zu veröffentlichen.
In Ihren Artikeln beziehen Sie sich auf eine Mitteilung eines Herrn Michael Mannheimer, die die Gefahren der Einführung einer Pressezensur durch die EU beschreibt. Da ich aufgrund der aktuellen Entwicklungen diese Sorge nachvollziehen kann, habe ich Herrn Mannheimers Artikel geteilt (« ge-shared »).
Die Tatsache einen Facebook-Artikel zu « sharen » bedeutet nicht die in diesem Artikel vertretenen Auffassungen notwendigerweise und in vollem Umfang zu teilen. So publiziere ich des Öfteren auch Artikel mit deren Inhalt ich überhaupt nicht übereinstimme, einfach weil ich sie aus den unterschiedlichsten Gründen als lesenswert einstufe.
Die Verteidigung der Pressefreiheit ist ein Anliegen das mir besonders am Herzen liegt, wie mein Engagement im Zusammenhang mit dem Gesetzesvorschlag 6127 und mein eigener Gesetzesvorschlag 6586 es belegen. In beiden Fällen hatte der Presserat sich gegen einen staatlichen Eingriff in die Pressefreiheit gewehrt und auf seinen Deontologiekodex hingewiesen. Eigentlich würde ich mir daher von der Presse erwarten, die derzeitigen Tendenzen zur Einschränkung der Rede- und Pressefreiheit ebenfalls kritischer zu kommentieren.
Da ich Herrn Mannheimer nicht kannte und von Ihrer Einschätzung seiner Person überrascht wurde, habe ich das getan, was ich für angemessen erachtete: ich habe Herrn Mannheimer angeschrieben, ihm den Sachverhalt dargelegt und ihn um eine Stellungnahme gebeten. Herr Mannheimer hat sich in seiner Antwort auf das Entschiedenste vom Nationalsozialismus distanziert. Ich habe seiner Argumentation entnommen, dass die Tatsache, dass er öffentlich und wortstark politische Führungspersönlichkeiten sowie deren Entscheidungen kritisiert und sich hierbei auch teils sehr pointierter Formulierungen bedient, mit dazu führt, dass er in Teilen der Presse angegriffen und zum Teil auch beschimpft wird.
Ich habe ebenfalls das vom « tageblatt » angeführte Gerichtsurteil des 4. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Stuttgart vom 23. September 2015 sorgfältig gelesen. Dieses Urteil stellt nicht fest, dass Herr Mannheimer (unter seinem bürgerlichen Namen) ein « Nazi » oder ein « Neonazi » sei. Es behauptet lediglich, dass ein bestimmter Zeitungsartikel, in dem Herr Mannheimer als ein solcher bezeichnet wurde, unter den Schutz der Meinungsfreiheit falle. Das Urteil hat mich persönlich in seiner juristischen Argumentation nicht überzeugen können, aber dies zu beurteilen ist eine Angelegenheit unserer deutschen Nachbarn.
Jedenfalls stellt das Urteil nicht fest, dass Herr Mannheimer ein Nazi sei, und die Behauptung ich teile « Nazipost » ist daher auch unter Berufung auf obengenanntes Urteil nicht vertretbar. Ich hoffe, dass das « tageblatt » so viel Selbstkritik aufbringt um ebenfalls zu dieser Einsicht zu kommen. Ich frage mich, ob der Verfasser dieses Vorwurfs sich der Schwere seiner Anschuldigung überhaupt bewusst war? Heutzutage gehen ja viele Zeitgenossen, leider auch Journalisten, allzu leichtfertig und undifferenziert mit diesem Begriff um.
In abschließender Abwägung komme ich zum Schluss, dass, auch wenn ich Herrn Mannheimers Ausführungen in großen Teilen nicht folgen kann, ich seinen Beitrag auf meiner Facebook-Seite nicht löschen werde. Ich bin grundsätzlich gegen Zensur und trete konsequent für Meinungsfreiheit ein.
Ich behalte mir das Recht vor, auch in Zukunft Beiträge von Herrn Mannheimer oder anderer Publizisten zu teilen, auch wenn diese dem « tageblatt » nicht genehm sein mögen.
Hochachtungsvoll,

Fernand Kartheiser »

Kartheisers vermeintliche Apologie entlarvt allerdings nicht nur seinen leichtfertigen Umgang mit rechtsextremem Gedankengut, sondern auch seine hypokritische Position gegenüber der Meinungs- und Pressefreiheit. Beide Aspekte, die seinen Brief charakterisieren, sind hierbei eng miteinander verbunden. Zunächst einmal behauptet Kartheiser, dass er ungerechtfertigt eines fragwürdigen Umgangs bezichtigt wurde. Ihm zufolge sei nämlich die Tatsache, dass er einen Beitrag teilt, nicht mit einer Zustimmung gleichzusetzen; im Brief sagt er dann auch explizit, dass er den Positionen Mannheimers nicht folgen könne, den Post aber trotzdem, weil er grundsätzlich gegen “Zensur” und für “Meinungsfreiheit” sei, nicht löschen wolle. Dazu sei Michael Mannheimer, anders als das Tageblatt behauptete, gar kein Neonazi, wie er selbst nach Eigenrecherche und Befragung von Mannheimer selbst herausgefunden habe. An dieser Argumentation ist nun so einiges falsch. Zuerst einmal würde sich Mannheimer natürlich niemals selbst als Neonazi bezeichnen, dementsprechend wird Kartheisers Nachfrage bei ihm gleich ad absurdum geführt. Dazu scheint Kartheisers Eigenrecherche nicht gründlich genug gewesen zu sein, denn sonst hätte er vielleicht herausgefunden, dass Michael Mannheimer nicht nur rechtsextreme Positionen vertritt, sondern auch unter anderem offen zu Waffengewalt aufruft und Andreas Breiviks Amoklauf verharmlost hat. Fallen diese Auffassungen, die offensichtlich eine ernsthafte Gefahr für die von Kartheiser angeblich so heißgeliebte Demokratie darstellen, etwa auch noch unter den von ihm postulierten Schutz der Meinungsfreiheit, den Kartheiser als Prätext nimmt, um seinen Post zu rechtfertigen? Angesichts dieser Tatsachen ist es dann umso leichtsinniger, den Beitrag zu teilen und dann noch unkommentiert stehen zu lassen. Ganz egal, ob Kartheiser selbst diesem Post nun zustimmt oder nicht: Man kann nicht einfach so rechtsextreme Beiträge teilen, ohne sich kritisch mit ihnen auseinandersetzen. Wieso hat Kartheiser keine differenzierte Kritik seinerseits hinzugefügt, wenn er Michael Mannheimers Ansichten angeblich nicht teilt? Das ist schlicht und einfach fahrlässig, denn Michael Mannheimers Ansichten und Aufrufe zur Gewalt können auch auf luxemburgische Rechtsextreme durchaus verlockend wirken. Dementsprechend wäre es eigentlich Fernand Kartheisers Pflicht als selbsterklärter Demokrat, solchen Menschen Paroli zu bieten — aber er tut es nicht.

Der Beitrag von Michael Mannheimer war übrigens nicht der einzige Inhalt rechtsextremer Seiten, den Fernand Kartheiser unkommentiert geteilt hat — unter anderem postete er im September zwei Artikel von blu-news (die sich mittlerweile in Metropolico umbenannt haben), einer insbesondere unter deutschen, dem rechten Spektrum zuzuordnenden Verschwörungstheoretikern beliebte “Nachrichten”-seite, die schon des Öfteren gegen den Islam, Homosexuelle und Linke gehetzt hat:

Fernand Kartheiser blu-news Fernand Kartheiser blu-news#2

Dazu scheint die vom Rechtsstaat gesicherte Freiheit der Meinung, Presse und Künste nur zu gelten, wenn sie nicht Fernand Kartheisers kruder Weltsicht widerspricht. Kartheiser beruft sich nämlich zu gerne auf die Meinungsfreiheit, um unverfroren Beiträge von Rechtsextremen zu teilen und wahlweise xeno- oder homophobe Aussagen von sich zu geben — aber wehe, jemand nutzt sie, um Meinungen zu äußern, die denen von Kartheiser zuwiderlaufen, so wie im Falle von “Lëtzebuerg, du hannerhältegt Stéck Schäiss” (“Luxemburg, du hinterhältiges Stück Scheiße”), einer satirischen Theaterproduktion des sehr empfehlenswerten jungen Künstlerkollektivs Richtung 22. Da die Plakate besagten Stücks Kartheisers arme patriotische Gefühle bei einem Spaziergang durch Luxemburg-Stadt verletzten, echauffierte er sich in einer parlamentarischen Frage unter anderem darüber, dass das Kulturministerium an der Produktion beteiligt wäre (Lest euch unbedingt auch die herrliche Antwort von Richtung22 darauf durch!). Man sieht also: Kartheisers Einstellung zur Meinungsfreiheit ist durch und durch hypokritisch.

Dazu teilt er die peinlichen Beiträge von “ONST LËTZEBUERGER LAND”:

Fernand Kartheiser Fail

 

Fernand Kartheiser ist nun aber auch ein passendes Beispiel dafür, dass rechte, menschenfeindliche Ansichten nicht nur von vermeintlich leichten Zielen wie den vier Lachnummern der NPD Trier, die man leicht als stereotpyische “hirnlose Nazis” abtun kann, vertreten werden, sondern auch von gebildeten Menschen mit Universitätsabschluss — was umso gefährlicher ist, da sie diesen Ansichten dann eine intellektuelle Legitimation geben. So schreibt der luxemburgische Blogger Joël Adamis in einem äußerst gelungenen Beitrag zum Thema:

Ech hu bëssi meng Problemer mat där Idee, datt riets “domm” ass. Net nëmmen, well dat oft sou en “Unterschichten-Bashing” ass. Mä och, well et vill “gescheit”, studéiert Leit ginn, déi riets Usiichten hunn. An vläit ass den (verbalen!) Brachialrassismus vun NPD-Neonazien wéineger geféierlech wéi een vun der “gesellschaftlecher Mëtt”, déi bei brennenden Asylheemer vun “Asylkritiker” amplaz vun Terroriste schwätzt.

Rassismus ass keen Problem, deen eng bestëmmt Schicht oder Klass vun eiser Gesellschaft betrëfft. Am Géigendeel: Mir wuessen all an engem rassisteschen System op. Vill rassistesch oder friemefeindlech Denkmustern hale mir also vir normal, well mir et esou geléiert hunn. Et ass awer keen groussen Effort, fir déi grondleeënd Wourecht, datt all Mënsch déi selwecht Rechter huet, ze erkennen. An d’Recht op Asyl ass een vun deene Rechter. Ween mengt, dat wier just een Problem vun der sougenannter Ënnerschicht, deen läit falsch: Enorm vill Rietsextremer kommen aus dem akademeschen Milieu an vernetzen sech och do.

Wie so eine intellektuelle Legitimation aussehen kann, zeigt der offene Brief des bekannten luxemburgischen Rechtsanwalt Gaston Vogel an die Bürgermeisterin von Luxemburg-Stadt, in denen er Mitglieder sogenannter “Bettlerbanden” als “ekelhaft” und “Abschaum” bezeichnete. Auch wenn Herr Vogel, der bereits in der Vergangenheit immer wieder wegen polemischer Äußerungen und seiner gelinde gesagt vulgären Ausdrucksweise aufgefallen war, seine Äußerungen im Nachhinein zu beschwichtigen versuchte: Die rechte Szene und besorgten Bürger hatten den Brief bereits für sich vereinnahmt und sahen ihn fortan als intellektuelle Legitimation für ihre krude Weltsicht, frei nach der Devise: “Wenn ein gebildeter Rechtsanwalt mit einer öffentlichen Position Obdachlose als ‘ekelhaft’ und ‘Abschaum’ bezeichnet, dann darf ich das auch!” Anstelle also differenziert an die Problematik heranzugehen und jeden einzelnen Obdachlosen und dessen Einzelschicksal gesondert zu betrachten, so wie Sveinn Graas es in einem sehr empfehlenswerten Blogartikel vorschlägt, liefert Gaston Vogel der rechten Szene einen weiteren Prätext, um zu pauschalisieren.


In Deutschland erfuhr die “Intellektualisierung” des rechten politischen Spektrums maßgebliche Unterstützung durch die Junge Freiheit, einer Zeitung, die unter anderem Anfangs der 2000er mithilfe der politischen Theorien Carl Schmitts (der in manchen Hinsichten als Proto-Faschist bezeichnet werden kann) eine neue intellektuelle Legitimation für ihre rechtsextremen Positionen und eine Verbindung zu konservativen Positionen zu etablieren versuchte.  Ob sich auch Kartheisers politischer Ziehsohn Joe Thein dessen bewusst ist? Wahrscheinlich nicht — immerhin postete das Gemeinderatmitglied von Petingen, das schon unter anderem durch Sympathiebekundungen gegenüber PEGIDA brillierte, vollkommen unreflektiert am 24. Oktober 2015 einen Online-Artikel der Zeitung, die übrigens auch immer wieder gerne Anzeigen  rechtsextremer Organisationen schaltet:

Joe Thein Junge Freiheit

Das ist allerdings nicht sein einziger Fauxpas in der Hinsicht — eine halbe Stunde (!) nach dem Artikel der Jungen Freiheit postete er nämlich einen Artikel von Metropolico (ehemalig blu-news), und schlug damit in die gleiche unbesonnene Kerbe wie sein politischer Ziehvater:

Joe Thein Metropolico:blu-news

Dazu plädiert er dafür, nur noch “legalen” Flüchtlingen zu helfen:

Joe Thein 'Legal refugees'

Wie bitte soll man “legal” aus einem Kriegsgebiet flüchten? Ganz davon abgesehen ist es aufgrund der momentan stattfindenden Abschottungspolitik an den EU-Außengrenzen ein Ding der Unmöglichkeit geworden, überhaupt noch legal nach Europa zu gelangen — aber das scheint Joe wohl nicht groß zu kümmern, immerhin haben seine unerträglichen politischen Gesinnungsgenossen und er damit ihr Ziel erreicht, weniger Flüchtlinge willkommen zu heißen.

Dazu postet er Videos von dem wahrscheinlich einzigen Politiker, der eine größere Witzfigur als er selbst ist:

Joe Thein postet Video von Donald Trump

Donald Trump ist dazu ein gnadenloser Rassist. Damit scheint Joe Thein aber wieder einmal keine Probleme zu haben.

Dazu ärgert er seine Facebookfreunde und -fans mit politischen Binsenweisheiten:

Joe Thein Selbstinszenierung #1

Nicht nur, dass ich generell schon Menschen, die Zitatbilder von sich selbst anfertigen, misstraue — die Tatsache, dass Joe Thein ohne jegliche kritische Distanz Beiträge von Menschen postet, die seinen verehrten “Freiheitsgrundsatz” mit Füßen treten, lässt seine Eigenbeschreibung als “libertär” ins Lachhafte abrutschen.

Dazu faselt er vom “Sturm auf den zweiten Gemeindesitz” und davon, sich “das Land zurückzuholen” — eine Rhetorik, die nicht unbedingt positive Assoziationen weckt: Joe Thein Sturm


 

Ein weiteres ADR-Mitglied, das sich in letzter Zeit als Intelligenzbestie der rechten Szene profilierte, ist Roy Reding. Der behauptete nämlich tatsächlich, dass Luxemburg nicht drei-, sondern einsprachig sei: 

Roy Reding Fail

Was sagt das über seine Kompetenz als Jurist aus, wenn er nicht einmal mit der Gesetzeslage bezüglich der luxemburgischen Sprachenpolitik vertraut ist? Im Gesetz wird Luxemburg nämlich ganz klar als dreisprachig definiert, wie unter anderem Pierre Peters? Nee Merci hervorhob:

Art. 1. Langue Nationale = Letzebuergesch
Art. 2. Langue Législative = Franseisch
Art. 3 Langues administratives et judiciaires = il peut être fait
usage des langues française, allemande ou
luxembourgeoise
Art. 4. Requêtes administratives = Lorsqu’une requête est rédigée
en luxembourgeois, en français ou en allemand,
l’administration doit se servir, dans la
mesure du possible, pour sa réponse de la langue choisie
par le requérant

Ich muss wohl kaum hinzufügen, dass “Gipfel der Ironie” nicht mal ansatzweise den Umstand beschreibt, dass Roy Redings Beitrag dazu noch in fehlerhaftem Luxemburgisch verfasst ist.

Dazu mögen gleichermaßen Roy Reding als auch Joe Thein Frei.Wild:

Roy Reding & Joe Thein Frei.Wild Fans

Ganz davon abgesehen, dass die Band alleine schon musikalisch von äußerst fragwürdiger Qualität ist, verarbeiten Frei.Wild in ihren Texten völkisches Gedankengut, propagieren Gewalt und haben als krönenden Abschluss noch einen Nazisong gecovert. Sehr sympathisch.

Pierre Peters ist (auch) wieder da

Ein weiteres Indiz für die rege Aktivität der rechten Szene Luxemburgs ist die Tatsache, dass Pierre Peters, einer ihrer wohl berühmt-berüchtigsten Mitglieder, sich überraschenderweise zurückgemeldet hat. Peters, der noch vor nicht allzu langer Zeit wieder einmal Gericht stand, besitzt zwar kaum Verbindungen zu anderen Mitgliedern der rechten Szene, ist aber trotzdem als einer der zweifelhaften “Pioniere” des Rechtsextremismus in Luxemburg fest in ihr verankert — dies geht sogar so weit, dass seine Person teilweise als stellvertretendes Symbol von ebendiesem behandelt wird, was unter anderem der Namen einer der ersten Facebookseiten, die sich gegen Rechtsextremismus in Luxemburg engagiert hat, nämlich Pierre Peters? Nee Merci, belegt.

Unter anderem wurde beispielsweise wieder sein aufwendig gestaltetes Patriotengefährt gesichtet:

Pierre Peters Patriotenwagen

Und dazu verteilt er wieder im Norden des Landes hetzerische Flyer:

Pierre Peters Hetze Pierre Peters Panikmache

Man beachte vorallem den “Ausländer raus”-Ausspruch, der zwar vorsichtshalber in Gänsefüßchen verpackt, dafür aber umso plakativer platziert wurde — was darauf hindeutet, dass Pierre Peters nach wie vor keinen Hehl aus seiner politischen Gesinnung macht. Neben seinen üblichen rassistischen Vorurteilen, die unter anderem gegen “bunt gekleidete Schwarzen”, die seiner Meinung nach gar nicht zur luxemburgischen Gesellschaft gehören, gerichtet sind, wettert vor allem gegen Muslime, indem er beispielsweise behauptet, dass tagtäglich hunderte bis tausende (!) muslimische Neuankömmlinge nach Luxemburg kommen und uns mal wieder die luxemburgische Kultur entreißen wollen. Selbst wenn diese vollkommen aus der Luft gegriffenen Zahlen, die er natürlich in keinster Weise zu belegen weiß, stimmen sollten: Was wäre daran so schlimm? Wir leben bereits mit ungefähr 18.000 Muslimen (lieber Pierre, du musst jetzt ganz stark sein, aber das sind 6.000 mehr als du gemutmaßt hat) friedlich zusammen. Wieso sollten solche Zahlen all den Menschen, die im Gegensatz zu dir so etwas wie Willkommenskultur pflegen wollen und ein Mindestmaß an Offenheit besitzen, also auch nur im Geringsten Angst einjagen? Die einzigen Menschen, die momentan ein Problem darstellen, sind Rechtsextreme wie Peters und die rechte Szene in Luxemburg allgemein — denn sie sind es, die (wie ich im zurückliegenden Text hoffentlich ausführlich genug dargestellt habe) aufgrund ihrer eigenen Ignoranz, ihres Neids und fehlender menschlicher Wärme gegenüber allen Menschen, die nicht ihrem eng abgezäunten Weltbild einer möglichst langweiligen, “homogenen” Gesellschaft entsprechen, für Zwietracht und Misstrauen sorgen, das eigentlich gar nicht sein müsste. Und der Fall Pierre Peters zeigt, dass es wahrlich nicht leicht sein muss, mit soviel Paranoia und Hass zu leben.

Konklusion mit einer Prise Optimismus

Letztendlich erscheinen die aktuellen Strukturen der rechten Szene Luxemburgs auf den ersten Blick sehr atomisiert und auf die sozialen Netzwerke fokussiert. Die SDV darbt in der Bedeutungslosigkeit hat bis auf einige Flyer und Merchandise noch nicht abseits des Internets Fuß gefasst, während ihr Präsident Nico Castiglia auf seinem privaten Profil weiterhin gezielt Ängste und Ressentiments schürt. Pierre Peters verfolgt seine eigene hasserfüllte, wirre Kampagne im Norden des Landes, während Kartheiser und Thein in sozialen Netzwerken munter Links von Rechtsextremen teilen. Dann gibt es noch Hubpages wie “I love main Lëtzebuerg” und “ONST LËTZEBUERGER LAND”, die zwar rechtsextreme Hetze verbreiten, dabei aber noch nicht so recht zu neuen Sammelbecken der rechten Szene geworden beziehungsweise zu einer (pseudo)-politischen Bewegung mutiert sind. Dafür gibt es mittlerweile auch umso mehr “besorgte Bürger”, die die Kommentarspalten der Facebookseiten vieler luxemburgischer Nachrichtenmedien in regelmäßigen Abständen heimsuchen und sich vorallem durch ungehemmten Neid, Missgunst und Ignoranz auszeichnen. Die Hetze hat sich insgesamt zerstreut, sodass die rechte Szene Luxemburgs bislang glücklicherweise noch keine richtige Substanz wie etwa PEGIDA in Deutschland aufbauen konnte; auffällig ist aber, dass ihre zentralen Personen immer wieder, zumeist unabhängig voneinander, auf die gleichen dubiosen Quellen, Falschmeldungen und aus dem Kontext gerissene Nachrichten zurückgreifen, um ihre zweifelhafte und auf diffusen Ängsten fundierte politische Agenda voranzutreiben.

Trotz alldem fand parallel dazu in den letzten Monaten eine äußerst positive Entwicklung in den sozialen Netzwerken statt, auf die ich jetzt noch eingehen möchte, um den Text mit einer Portion Optimismus zu beenden — Letzterer ist auch dringend nötig, um sich all diesem geifernden Hass immer wieder entgegenstemmen zu können. In letzter Zeit sind sehr viele Initiativen von Privatpersonen in den sozialen Netzwerken ins Leben gerufen worden, die nicht nur das Treiben der rechten Szene anhand kontinuierlicher und akribischer Publikation von Screenshots dokumentieren, sondern beispielsweise auch von Letzterer in die Welt gesetzte Falschmeldungen dekonstruieren. Ein Beispiele hierfür wäre Rhëtoresch Ergëss vum lëtzebuerger Stammdësch, die oftmals mit einer angenehmen Prise Humor Hasskommentare der Lächerlichkeit preisgeben und somit wenigstens etwas die Ohnmacht angesichts solch blinder, menschenfeindlicher und jeglicher Empathie beraubter Kälte lindern. Die Inspiration zu all diesen Projekten stammt vornehmlich aus Deutschland, wo schon seit Längerem Seiten wie etwa Rhetorische Perlen von AfD- und NPD-Anhängern existieren, die unter anderem mit zahlreichen lokalen Ablegern über das Treiben der rechten Szene vor Ort informieren. Sehr bemerkenswert in diesem Kontext ist auch, dass auch in Luxemburg viele Menschen in letzter Zeit eine gewisse Sensibilität für die Thematik entwickelt haben und dementsprechend sofort Screenshots von Hasskommentaren machen, die sie dann wiederum an die erwähnte Seite oder andere Stellen weiterleiten. Eine ähnlich erhöhte Aufmerksam lässt sich auch bei den etablierten Print- und Onlinemedien feststellen, die mittlerweile des Öfteren mit teils erfrischend direkten Worten Position gegen die rechte Szene ergreifen und über ‘hate speech’ oder wie bereits eingangs erwähnt Prozesse gegen Verfasser von Hasskommentaren berichten. Das erleichtert auch meine Aufgabe als Blogger teilweise enorm, da ich so schneller Zugriff auf eine noch größere Bandbreite an Informationen erhalte. Optimistisch stimmt auch die Tatsache, dass 76% der Luxemburger für die Aufnahme von Flüchtlingen sind — das sind endlich mal (knapp) 80%, die sich zeigen können. Der Hass auf Flüchtlinge in Luxemburg erscheint auch aus historischer Sicht übrigens noch weitaus abstruser. Luxemburg war nämlich zeitweilig ein Auswanderungsland; von 1840-1890 zog es beispielsweise 70.000 Luxemburger nach USA, die allesamt auf ein besseres Leben und eine Ausweg aus der Armut suchten. Der Logik des Lezeboias nach müsste er also seine eigenen Vorfahren, auf die er doch paradoxerweise seinen Nationalstolz gründet, auch als “Wirtschaftsflüchtlinge” beschmipfen. Dies lässt sich  selbstverständlich nicht nur auf Luxemburg beziehen: Wir Menschen sind eine wandernde Spezies, und wir alle haben zumindest eine_n Vorfahr_in, der einmal auf der Flucht war. Flüchtlinge zu hassen heißt dementsprechend, sich und sein eigenes Dasein als Mensch zu hassen.

Die rechte Szene Luxemburgs und die anderen, in ihrem Umfeld zu Hasstiraden ermutigten “Lezeboia” mögen also nach wie vor recht präsent in den sozialen Netzwerken sein — aber der Widerstand gegen sie wächst glücklicherweise auch.

Meine bisherigen Texte über die rechte Szene in Luxemburg:

Die rechte Szene Luxemburgs und Verschwörungstheorien in FORUM — für Politik, Gesellschaft und Kultur in Luxemburg, Ausgabe 353
Nico Castiglia – Der neue Kopf der rechten Szene in Luxemburg
Nein zu PEGIDA – jetzt umso mehr als zuvor!
Fernand Kartheisers Kritik am Feminismus und die Legitimation der Diskriminierung von Homosexuellen
Liebe luxemburgische Patrioten, …
Pierre Peters erneut an der Seite der NPD
Neue Einblicke in die rechtsextreme “Luxemburg Defence League”
Rechtsextremismus in Luxemburg – neue Einblicke
Ausländer- und Homosexuellenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus & Co. in Luxemburg
Ein beunruhigender Blick in die Vereinigung der “Lëtzebuerger Patrioten”
“Lëtzebuerger Patrioten”
Neue “rhetorische” Ergüsse der NDU
“(…) die houer Kaméildreiwer!”
“Durchforstet eure Pizzabroschüren!”
“Mäer sinn dach keng Rassisten – erklär du uns mol wat dat ass”
1. Artikel über die NDU

David_Hume

Mein abgeschlepptes Auto und Humes Induktionsproblem

Ende September hatte ich bereits in einem längeren Text auf das schwierige Verhältnis zwischen Philosophie und Leben hingewiesen und am Ende dafür argumentiert, dass sich auch komplexere philosophische Ideen unverändert — indem man von der Primärquelle selbst speist, ohne den Umweg über die pop philosophy zu gehen — auf das eigene Leben applizieren lassen und im Alltag hilfreich sein können. Friedrich Nietzsches philosophisches Werk kann uns den Umgang mit den Gefühlen der Schuld und des Verlustes näherbringen; Jean-Paul Sartre wiederum führt uns die immer wieder auftretende Schwierigkeit, zu unser frei gewählten Individualität zu stehen, vor Augen; und wie ich vor Kurzem zähneknirschend feststellte, hätte der schottische Philosoph David Hume mich davor bewahren können, dass mein Auto abgeschleppt wird. Letzteres verleitete mich dann auch dazu, den vorliegenden Text über einen besonders interessanten und hilfreichen Aspekt seiner Philosophie zu schreiben, den ich euch unbedingt näher bringen will: Das Induktionsproblem.

Der Ausgangspunkt

Ehe ich dazu übergehe, Humes Induktionsproblem näher zu erläutern, möchte ich euch zunächst einmal vom Ereignis selbst, das mich dazu geführt hat diesen Text zu verfassen, erzählen.

Da ich in München lebe und studiere, habe ich nicht nur mit horrenden Mietpreisen, überfüllten U-Bahnen während Fußballspielen und torkelnden Wiesngängern zu kämpfen, sondern auch mit einem eklatanten Mangel an Parkplätzen. Letzterer ist auch in dem etwas abgelegeneren Stadtteil München, in dem ich wohne, deutlich spürbar — die meisten Parklücken in der näheren Umgebung meines Wohnheims sind den größten Teil der Zeit entweder besetzt oder so eng, dass ich mich mit meinen bescheidenen Rück- und Seitwärtsparkkünsten nicht traue, mich dort hinein zu manövrieren. Besagtes Wohnheim selbst lässt sich Stellplätze in seiner Garage so einiges kosten, sodass ich auch darauf lieber verzichte, insbesondere weil die Lebenskosten in München schon so gelinde gesagt happig sind.

Glücklicherweise hause ich direkt gegenüber der Filiale einer an dieser Stelle nicht näher benannten großen deutschen Supermarktkette. Diese lädt nämlich nicht nur zu Einkäufen in letzter Minute, wenn der München jede Woche lahmlegende Sonntag sich heran bahnt, ein, sondern verfügt dazu noch über einen großen, offenen Parkplatz. Am Anfang meiner seit bereits zwei Jahren andauernden Studien schüchterten mich die dort überall angebrachten Warnhinweise, dass man das eigene Auto nur mit Parkscheibe für anderthalb Stunden dort abstellen könnte, noch erheblich ein. Also hielt ich woanders nach einem Parkplatz Ausschau und fuhr ich jedes Mal, wenn ich beispielsweise von einem Konzert oder aus Luxemburg zurückkehrte, unzählige Runden um den Block. Trotz der Tatsache, dass ich mich generell nur selten hinters Lenkrad klemme, ging mir das nach einer Weile gehörig auf die Nerven — und so begann ich dann mein Auto auf dem Supermarktparkplatz abzustellen.

Da ich wie eingangs erwähnt nur selten Auto fahre, stand es gelegentlich mehrere Wochen an der gleichen Stelle. Seltsamerweise schien sich niemand von der Supermarktleitung groß dran zu stören. Am Anfang ereilte mich noch gelegentlich der Impuls, dass ich es auf dem Parkplatz umstellen müsste, damit es nicht zu auffällig wird — aber auch der verließ mich nach einer Weile. Ich schaute zwar noch in regelmäßigen Abständen nach, ob mein Auto noch immer da stand, aber ansonsten machte ich mir jedes Mal, wenn ich es wieder abstellte, keine allzu großen Sorgen, dass es irgendwie abgeschleppt werden könnte. Bald schon wähnte ich mich in (wie es sich aber letztendlich leider herausstellen sollte trügerischer) Sicherheit. Immerhin hatte sich monatelang niemand drum geschert, also würde es wohl auch in Zukunft so bleiben. Der einzige Makel des Supermarktplatzes war die Tatsache, dass er sonntags geschlossen wurde und ich mein Auto dann nicht nutzen konnte, sodass ich es umstellte, wenn ich wusste, dass ich an dem Tag fahren müsste. Aber selbst das war nicht immer gegeben — die beiden Pforten zum Supermarkt wurden nämlich nach Gutdünken immer wieder von einer unbekannten Macht geschlossen und geöffnet, manchmal mehrmals am Tag, sodass ich da keine richtige allgemeine Regel aufstellen konnte.

Letzten Freitag dann begab es sich, dass ich morgens früh aufstand, um eine Informationsveranstaltung über Berufsperspektiven für Sprach- und Literaturwissenschaftler und auch Philosophen (damit ich den “Was willst du später damit machen?”-Unkenrufen effektiver Paroli bieten könnte) an meiner Universität zu besuchen. Bis auf die Tatsache, dass ich wie so viele andere Studente Kurse an dem Tag normalerweise vermeide und mein Aufstehen dementsprechend eine Rarität darstellte, schien am Anfang nichts ungewöhnlich. Ehe ich zur Uni aufbrach, wollte ich mir noch schnell im Supermarkt einen Krapfen mitsamt Brezn gönnen; auf dem Weg dorthin blieb ich an der Ampel direkt vor unserem Studentenwohnheim stehen und hatte wie immer freie Sicht auf den Parkplatz. Instinktiv wanderte mein Blick zu der Stelle, an der ich mein Auto gestern in der Früh, nachdem ich von meiner Freundin zurückgekehrt war, in aller Eile abgestellt hatte — doch es stand nicht mehr da. Ich schaute noch mehrmals genau hin, da ich das, was mein Blick auf die Leinwand meiner Gedanken projizierte, nicht so recht glauben wollte. Als die Ampel schließlich auf Grün sprang und ich die Straße überquerte, wurde das, was ich bereits geahnt hatte, jedoch zur Gewissheit: Mein Auto war abgeschleppt worden. Es erschien mir beinahe wie eine Quittung dafür, dass ich es solange dort stehen gelassen hatte ohne mir auch nur einen Gedanken darüber zu machen, dass diese von mir zur Seite geschobene Möglichkeit doch noch eintreffen könnte. Am Parkplatzeingang fand ich dann auch einen neuen, an einem dürren Baumstamm angebrachten Warnhinweis mitsamt Telefonnummer der Abschleppgesellschaft vor, die mir nach einem Anruf meinerseits dann auch bestätigte, dass mein Auto von ihnen mitgenommen worden war. Dann musste ich erst einmal 276€ zahlen um rauszufinden, wo mein Auto überhaupt steht. Besagte Firma stand übrigens wegen genau diesen, nun, sagen wir mal dubiosen Geschäftspraktiken im Mai vor Gericht, aber das ist eine andere Geschichte.

Was hat das jetzt alles mit Humes Induktionsproblem zu tun?

Nun, die Erkenntnis, dass ich den ganzen damit verbundenen Ärger (und das Loch in meinem Geldbeutel) dank der praktischen Anwendung von ebendiesem in meinem Alltag vermeiden hätte können, ereilte mich dann im Gespräch mit meiner Mutter, die mich darauf hinwies, dass die Tatsache, dass etwas ist, nicht heißt, dass es immer so sein wird —  und damit war die Brücke zwischen diesem ärgerlichen Fauxpas meinerseits und Humes Induktionsproblem geschlagen. Warum dem so ist, möchte ich euch nun näher erläutern.

Verzwickte Gewohnheit

Meine Faszination für Hume begann im letzten Semester, als wir Ausschnitte aus einem seiner berühmtesten und einflussreichsten Werke — das 1748 erschienene An Enquiry Concerning Human Understanding — im Rahmen einer Vorlesung über Wissenschaftstheorie (also jenen Teil der Philosophie, der sich in oftmals kritischer Art und Weise mit den Wissenschaften und deren Methoden befasst) lasen. Am Gymnasium hatten wir bereits einige Auszüge daraus behandelt, die mich damals allerdings noch nicht so recht mitzureißen wussten, insbesondere weil ich zur damaligen Zeit noch kein besonders großes Interesse am Empirismus (also jener Strömung der Philosophie, die darauf pocht, dass man Wissen und Erkenntnisse über die Welt vorallem mittels empirischer Untersuchungen der Realität erlangt) empfand. Wie bereits eingangs erwähnt, sollte sich meine Begeisterung für seine Ideen erst kürzlich im Rahmen meiner universitären Auseinandersetzung mit diesen entfalten — und das tat sie dann auch in solch einem Maße, dass ich während den Semesterferien die Enquiry ganz verschlang und im Zuge der Schottlandreise mit meiner Freundin, die uns unter anderem nach Edinburgh (Humes Geburtsstadt) führte, die Gelegenheit ergriff, wortwörtlich auf den Spuren des schottischen Philosophen zu wandeln, indem ich auf dem durch vulkanische Aktivitäten entstandenen Calton Hill einen von Hume vorgeschlagenen Weg namens “Hume Walk” entlang spazierte und vor seiner an der High Street angebrachten Statue posierte.

Mein Homie Hume und ich in Edinburgh. (Photo Credits: Josie)

Mein Homie Hume und ich in Edinburgh. (Photo Credits: Josie)

Wegweiser zum Hume Walk am Calton Hill.

Wegweiser zum Hume Walk am Calton Hill.

Humes Bedeutung für die Philosophiegeschichte ist unermesslich groß — unter anderem berichtete Immanuel Kant einst, dass die Lektüre von Humes philosophischem Werk ihn aus seinem “dogmatischen Schlummer” (Prolegomena, Vorrede) weckte und dazu inspirierte, seine drei Kritiken zu verfassen. Auch heute berufen sich noch viele Empiristen und Wissenschaftstheoretiker auf Hume und insbesondere dessen Induktionsproblem.

Letzteres formuliert Hume nun in seiner Enquiry Concerning Human Understanding. Hume ist Empirist, dementsprechend beziehen wir seiner Meinung nach unsere Erkenntnisse und unser Wissen vorallem aus Impressionen, die wiederum in innere (Emotionen, Gefühle) und äußere (Eindrücke, die uns durch unsere Sinne vermittelt werden) Impressionen unterteilt sind. Auch unser Wissen über Kausalität, also Ursache und Effekt, beziehen wir einzig und allein aus dieser Wissensquelle. Die Idee von Ursache und Effekt hat sich in unseren Kopf eingeschlichen, weil wir Hume zufolge unzählige Ereignisse immer wieder in einer Relation zueinander beobachtet haben — und nicht etwa, weil eine notwendige, den Sinnen nicht zugängliche Verbindung zwischen diesem und jenem Ereignis besteht. Damit wehrt sich Hume gegen die auch heute noch weit verbreitete Ansicht, dass es in der Natur so etwas wie Naturgesetze gibt, die als ominöse Kraft im Hintergrund agieren und nicht durch die Sinne zugänglich sind.

Das Induktionsproblem besteht nun daraus, dass wir nur eine begrenzte Anzahl von Beobachtungen haben, aus denen wir aber allgemeingültige Sätze ableiten wollen, die in jedem Fall zutreffen. Das trifft nicht nur auf die Wissenschaft zu, die Aussagen über die Welt treffen will, sondern ist auch im Alltag bemerkbar, wie ich nun anhand meines geparkten Autos illustrieren möchte. Ehe es abgeschleppt wurde, habe ich es nämlich in regelmäßigen Abständen beobachtet. Jedes Mal, wenn ich von meinem Wohnzimmerfenster oder an der Ampel hinüber zum Parkplatz geschaut habe — was gewissermaßen das alltägliche Pendant zu einer empirischen Untersuchungsmethode darstellt —, stand es dort. Im Laufe der Monate habe ich so eine große, aber begrenzte Anzahl an Beobachtungen angestellt, die sich allesamt folgendermaßen ausdrücken lassen:  “Mein Auto steht nach wie vor auf dem Supermarktplatz und wurde nicht abgeschleppt.” Hume schreibt, dass wir Menschen nach einer Weile bei ähnlichen Ursachen auch ähnliche Effekte erwarten. Dementsprechend ergab sich für mich dann auch langsam, aber sicher ein allgemeingültiges Kausalverhältnis zwischen dem Ereignis des Parkens-auf-dem-Supermarktplatz und des Nicht-Abgeschlepptwerdens: “Wenn mein Auto auf dem Supermarktplatz steht (Ursache), dann wird es nicht abgeschleppt (Effekt).” Wie ich bereits erwähnt habe, sollte sich diese Inferenz aus meiner sinnlichen Erfahrung heraus letztendlich als falsch erweisen — mein Auto wurde letztendlich doch noch abgeschleppt, und diese einzelne Impression brachte mein Gerüst an Beobachtungen mitsamt allgemeingültigem Gesetz als Spitze zum Einsturz (was dann auch unter anderem Karl Popper dazu bewegt hat, das sogenannte Falsifikationsprinzip vorzuschlagen, über das ich an anderer Stelle auf meinem Blog schon einmal ausführlicher geschrieben habe).

Was verleitet uns Menschen denn nun zu solchen Fehlschlüssen? Hume zufolge liegt der Grund dafür in unserem oftmals unerschütterlichen Glauben, dass die Zukunft der Vergangenheit gleiche:

[…] [A]ll inferences from experience suppose, as their foundation, that the future will resemble the past, and that similar powers will be conjoined with similar sensible qualities. If there be any suspicion that the course of nature may change, and that the past may be no rule for the future, all experience becomes useless, and can give rise to no inference or conclusion. It is impossible, therefore, that any arguments from experience can prove this resemblance of the past to the future; since all these arguments are founded on the supposition of that resemblance.” (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 28)

Um euch das zu illustrieren, möchte ich gerne ein anderes Beispiel heranziehen. Die Menschheit hat, seit sie zu Bewusstsein gelangt ist, die Sonne während vielen tausend Jahren jeden Tag auf- und wieder untergehen sehen. Dementsprechend sind wir auch allesamt ziemlich überzeugt davon, dass sie auch morgen in der Früh wieder aufgehen und uns aus unseren Betten reißen wird; und falls wir jemandem begegnen, der das Gegenteil behauptet, halten wir ihn entweder für einen Wahnsinnigen oder Weltuntergangsfanatiker. Aber wieso sind wir uns eigentlich so sicher, dass die Sonnenstrahlen auch morgen wieder über unser Gesicht streichen werden? Immerhin ist es mit den momentan etablierten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbar, dass die Sonne eines Tages ihre Energie aufgebraucht haben und dementsprechend nicht mehr aufgehen wird — der Satz “Die Sonne wird morgen nicht aufgehen” stellt deswegen auch keinen unlösbaren Widerspruch dar. Wie im obigen Zitat von Hume erläutert, ist der Grund, weswegen wir glauben, dass die Sonne jeden Tag aufgehen wird, die Tatsache, dass wir der Überzeugung sind, dass die Zukunft der Vergangenheit gleichen werde. Aber worauf basiert diese Überzeugung? Darauf, dass ähnlichen Ursachen (Vergangenheit) immer ähnliche Effekte (Zukunft) folgen — und diese Annahme fußt wiederum, wie bereits eingangs erwähnt, darauf, dass die Vergangenheit der Zukunft gleicht. Es handelt sich hierbei also um einen sogenannten zirkulären Schluss. Hume kommt zur Feststellung, dass wir überhaupt keinen rationalen Anhaltspunkt haben, daran zu glauben, dass die Zukunft der Vergangenheit gleichen werde, und somit auch alle unsere aus unseren sinnlichen Empfindungen abgeleiteten allgemeingültigen Sätze über die Welt letztendlich auf wackligem Boden stehen. Nur weil etwas immer so war, heißt nicht, dass es auch immer so sein wird. Das lässt sich bei allen möglichen Bereiche des Lebens beobachten: Dass mein Auto bislang nicht abgeschleppt wurde, war kein Indiz dafür, dass es nicht letztendlich doch passieren könnte; dass die PEGIDA eine Zeit lang eine Flaute erlebt hat, heißt nicht, dass sie nicht noch einmal erstarken und unverhohlen rechtsextremes Gedankengut, das sogar dem der NSDAP in nichts nachsteht (wie Michael Bittner in einem sehr gelungenen Artikel illustriert), propagieren könnte, wie es zuletzt leider wieder der Fall war; und dass die aus etablierten Theorien der Quantenphysik deduzierte Vorhersagen bislang immer zugetroffen sind, heißt noch lange nicht, dass sie das auch künftig tun werden. All dies lässt sich darauf zurückführen, dass die Zukunft gerade eben nicht immer der Vergangenheit entspricht  — und dennoch basiert unser gesamtes Wissen über die Welt auf dieser irrationalen Annahme.

Wenn wir denn nun nicht aus rationalen Gründen daran glauben, dass unser Auto auch noch am folgenden Tag am Supermarkplatz stehen wird oder die Sonne in der Früh aufgehen wird, aus welchen dann? Hume sagt dazu Folgendes:

There is some other principle which determines [humans] to form such a conclusion. This principle is Custom or Habit. For wherever the repetition of any particular act or operation produces a propensity to renew the same act or operation, without being impelled by any reasoning or process of the understanding, we always say, that this propensity is the effect of Custom. (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 33)

Dass ich geglaubt habe, dass mein Auto nicht auf dem Supermarktplatz abgeschleppt wurde, fußt also nicht auf einem rationalen Prinzip, sondern auf reiner Gewohnheit. Ich hätte es letztendlich also eigentlich besser wissen und mein Auto umparken sollen, anstelle einem auf solch irrationalem Fundament errichteten Urteil meinerseits zu folgen. Hume zufolge basieren auf diesem Aspekt der menschlichen Natur desweiteren nicht nur solcherlei Schlüsse, die unser alltägliches Leben betreffen, sondern auch all jene der Wissenschaft. Diese Feststellung hat gewaltige Implikationen, die auch noch Wissenschaftstheoretiker heute Kopfzerbrechen bereitet und unter anderem den Philosophen Nelson Goodman zur Formulierung des sogenannten neuen Induktionsproblems geführt hat (Humes Induktionsproblem wird  dementsprechend heutzutage als “altes Induktionsproblem” bezeichnet).

Ist das nun ein Grund, gleichermaßen das tagtägliche Schlüsseziehen als auch wissenschaftliche Forschen sein zu lassen? Natürlich nicht. Etwas anderes als unsere Erfahrungen haben wir Hume zufolge nämlich nicht zur Verfügung stehen, um Erkenntnisse über die Welt um uns herum zu sammeln — dementsprechend wäre es fatal, das aufzugeben. Wir dürfen uns nur nicht vormachen, dass diese Erkenntnisse rational zu rechtfertigen sind und gelegentlich unsere Urteile überdenken, gerade eben weil die Zukunft nicht immer der Vergangenheit gleicht. Die Tatsache, dass mein Auto abgeschleppt wurde, hat mir somit mitsamt Humes Induktionsproblem auch wieder vor Augen geführt, dass unsere alltäglichen Schlüsse, die wir zur Strukturierung unseres Alltags nutzen, auf brüchigem Boden stehen. Deswegen sollten wir uns umso mehr vor unvorhergesehenen Ereignissen wappnen und unsere alten Erkenntnisse und Überzeugungen des Alltags und vorallem deren Fundamente immer wieder re-evaluieren. Letztendlich kann uns die Philosophie genau dabei dann auch wieder behilflich sein:

And though none but a fool or madman will ever pretend to dispute the authority of experience, or to reject that great guide of human life, it may surely be allowed a philosopher to have so much curiosity at least as to examine the principle of human nature, which gives that mighty authority to experience, and makes us draw advantage from that similarity which nature has placed among different objects. (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 27).

Und weil ich neben Philosophie auch unter anderem Star Wars mag und dem Erscheinen von “The Force Awakens” im Dezember dementsprechend schon sehnsüchtig entgegenblicke, möchte ich den zurückliegenden Text noch mit einem grandiosen Comic der sehr empfehlenswerten Seite Existential Comics, in der beides miteinander vermengt und auch Humes radikal empirische Position in einem humorvollen Kontext aufgegriffen wird, abschließen:

starWars1 starWars2starWars2

Quelle: http://existentialcomics.com/comic/103

Bildquelle: http://existentialcomics.com/comic/103

Quelle der Zitate von David Hume:
Hume, David & Chittom, Thom (1772/2004): An Enquiry Concerning Human Understanding and selections from A Treatise Of Human Nature, New York. (Barnes & Nobles)

 

 

Gustave_flaubert

Chaudron fêlé

Eine Kurzgeschichte

Linus fixiert das Walross an der gegenüberliegenden Wand. Er weiß nicht, wie lange er es schon angestarrt hat, als die Tür des Cafés sich plötzlich öffnet und Bernhard eintritt. Linus schaut auf – ihre Blicke kreuzen sich, und er zuckt zusammen. Einem stockenden Uhrwerk gleich setzen sich seine Muskeln in Gang, um ein Lächeln auf seine Lippen zu befördern und die Hände zu einem mäßig festen Gruß nach vorne schnellen zu lassen, als Bernhard an seinen Tisch tritt.
Und, wie geht’s?, fragt Linus. Und wirft gleich hinterher: Gut, und dir?
Sonderbare Stille. Dann antwortet Bernhard: Auch gut.
Linus nickt, setzt seine Tasse Tee an die Lippen und wendet sich von Bernhard ab, um gleich wieder in der Betrachtung des Walrosses zu versinken.
Was machst du hier?, fragt Bernhard auf einmal.
Linus lässt die Teetasse etwas zu hastig herabsinken.
Warten.
Auf wen?
Linus tippt mit seinem Zeigefinger in unregelmäßigem Rhythmus gegen den Rand seiner Tasse Tee.
Gordon.
Bernhard nimmt gegenüber von Linus Platz und bestellt seinerseits ein Getränk. Linus öffnet den Mund – klappt ihn dann jedoch wieder zu.
Wann kommt er?, fragt Bernhard.
Linus zückt sein Smartphone und konsultiert die Uhr. Er betrachtet sie einige Zeit; dann merkt er, dass Bernhards fragende Blicke ihn durchbohren.
In zwei Minuten.
Das ist ja noch eine ganze Weile.
Ja.
Kann ich mit dir warten?
Bernhard lächelt erwartungsvoll. Linus blickt geradewegs durch ihn hindurch, während er sich mit gerunzelter Stirn eine Antwort zurechtlegt. Schließlich zuckt er mit den Achseln.
Warum nicht.
Gleich nachdem er die Worte ausgesprochen hat, gleitet Linus Blick wieder in die Ferne. In der erstickenden, betonlastigen Trostlosigkeit des Cafés ist das Jugendstilwalross das einzige Treibgut, an das sich Linus nach diesem Fauxpas noch festklammern kann.
Ich glaube, wir besuchen das gleiche Seminar, sagt Bernhard plötzlich.
Wer?
Wie wer?
Wer besucht das gleiche Seminar?
Wir.
Wer ist „wir“?
Wir beide.
Du und Gordon?
Nein. Du und ich.
Ach so. Ja, stimmt.
Wie findest du’s?
Was?
 Das Seminar.
Welches meinst du?
Das über Adorno.
Da bin ich nicht drin.
Dann besuchen wir doch nicht das gleiche Seminar.
Stimmt.
Bruchstücke eines Zitats, das Linus vor langer Zeit gelesen hat, hallen auf einmal in seinem Kopf wider: Die menschliche Sprache ist ein gesprungener Kessel, mit dem man verzweifelt Musik fabrizieren möchte … So oder so ähnlich muss es gewesen sein. Linus weiß weder, wie es weitergeht, noch von wem es stammt. Gedankenversunken starrt er wieder das Walross an. Es beginnt zurück zu starren.
Linus stürzt seine Tasse in einem Zug hinunter, während Bernhard weiter redet.
Nach einiger Zeit lässt er seinen Blick zum großen Fenster, das auf die mit Pflastersteinen ausgelegte Straße zeigt, schweifen. Mittlerweile herrscht Nacht, und die Musik ist berstend laut geworden. Linus sieht, dass Bernhard etwas zu ihm sagt, aber er kann den Inhalt nicht aus dem dichten Lärmteppich um ihn herum heraus destillieren. Bernhard setzt sich schließlich auf den Platz neben Linus, und führt seinen bierbeseelten Atem dicht an dessen Ohr.
Du studierst doch Philosophie, oder?
Linus muss sich von seiner Götze abwenden.
Ja. Wir besuchen doch das gleiche Seminar, über Adorno.
Stimmt! Er pausiert. Ich liebe es nämlich zu philosophieren.  Er lässt das Bier in seinem Glas bedeutungsvoll herum kreisen. Das ist das Gute an so Abenden hier im Café, so wie mit dir gerade – irgendwann denkt man weiter als die meisten Leute. Beispielsweise frage ich mich gerade, wieso man den Menschen „Mensch“ nennt, und nicht etwa … „Walross“.
Er blickt Linus an, lässt einige Augenblick verstreichen – und bricht dann in schallendes Lachen aus. Ehe Linus es vereiteln kann, schließt sich sein Zwerchfell Bernhards an. Auf halbem Wege in seinen Lachanfall hinein realisiert er, dass er das Ganze gar nicht witzig findet.
Bernhard kommt schleppend zur Ruhe, während er sich eine Träne aus den Augen wischt.
Genug davon. Er wird schlagartig ernst. Wo wir gerade beim Menschen waren: …
Die scheppernde Snare-Drum des aktuellen Lieds übertönt seine Frage und Linus’ Antwort.
Was? Ich verstehe dich nicht.
Linus sagt es ihm noch einmal. Bernhard runzelt die Stirn; dann verfallen beide in Schweigen.
Linus’ Handy vibriert plötzlich dezent. Er zückt es. Gordon hat abgesagt. Im Licht des Bildschirms beginnen sich Linus’ Züge zu verhärten.
Ich muss gehen, sagt er.
Schon?, fragt Bernhard. Kommt Gordon nicht mehr?
Nein.
Schade. Danke jedenfalls für das tolle Gespräch.
Linus ist bereits halb durch die Tür, als ihm doch noch ungewollt eine halb gemurmelte Antwort entgleitet.
Danke, dir auch.
Er seufzt. Gerade als er in die nächtliche Kälte tritt, läuft Mirela an ihm vorbei. Ein warmes Gefühl, das Bernhard in weite Ferne rücken lässt, breitet sich in seinem Brustkorb aus, als ihr Parfüm seine Nase hochsteigt und einen farbenfrohen Schwall aus Erinnerungen auslöst. Er berührt ihren Arm; sie wirbelt erschrocken herum – dann glätten sich ihre Züge.
Hallo Linus!, begrüßt sie ihn, Wie geht es dir?
Linus’ Gedanken singen wortlos in prächtigen Farben, während er sich die Antwort dieses Mal sorgfältig zurechtlegt.
Gut. Und dir?
Er senkt hastig den Blick, und streicht gedankenverloren über seine kalten Finger.
Auch gut.
Sie scheint auf eine weitere Bemerkung seinerseits zu warten, doch Linus Lippen rühren sich nicht von der Stelle. Schließlich lächelt sie zaghaft.
Wir sehen uns.
Sie verschwindet hinter der nächsten Straßenecke. Linus ballt die Fäuste, und bleibt noch eine Weile stehen. Dann eilt er nach Hause.
Das Firmament schweigt über ihm, während er die Schimpftirade seines Bewusstseins über sich ergehen lässt. An einem einzelnen, entlaubten Baum inmitten eines öden Felds unweit seines Elternhauses legt er auf einmal den Kopf in den Nacken, um doch noch Trost in den sternübersäten Tiefen des Alls zu finden. Suchend streift sein Blick umher, bis er schließlich beim Großen Bären stehen bleibt und dort verharrt. Nach einiger Zeit scheint es Linus, als ob das aus Sternen geformte Tier sich auf einmal aus seinen von den Naturgesetzen auferlegten Fesseln lösen würde; die abgelegenen Welten beginnen sich zu bewegen, bis sie sich schließlich in einen höhnischen, lautlosen Tanz hinein steigern.
Da fällt ihm auf einmal doch noch ein, von wem das Zitat mit dem gesprungenen Kessel stammte.
Flaubert. Es war Flaubert gewesen.
Nach einiger Zeit wendet Linus den Blick vom Firmament ab und zieht schweigend weiter.

Nietzsche1882

Leben und Philosophie, oder: “Philosophieren heißt sterben lernen”

„Intuitiv nämlich, oder in concreto, ist sich eigentlich jeder Mensch aller philosophischen Wahrheiten bewußt; sie aber in sein abstraktes Wissen, in die Reflexion zu bringen, ist das Geschäft des Philosophen, der weiter nichts soll, noch kann. […] Das ganze Wesen der Welt abstrakt, allgemein und deutlich in Begriffen zu wiederholen, und es so als reflektirtes Abbild in bleibenden und stets bereit liegenden Begriffen der Vernunft niederzulegen: dieses und nichts anderes ist Philosophie.“ – Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1. Band, 4. Buch, §68.

Ich habe in letzter Zeit die Gewohnheit angenommen, instinktiv davor zurückzuschrecken, meine persönlichen Erlebnisse unverändert als Fundament für meine Texte zu verwenden. Seine privatesten Erinnerungen — so konstruiert sie auch sein mögen, aber das ist wiederum ein anderes Thema, das eines eigenen ausführlichen Artikels bedarf  — roh auf dem Silbertablett zu präsentieren, ohne sie zuvor einer Stilisierung oder sonstigen Form der literarischen Transposition unterzogen zu haben, birgt oft die Gefahr, sich selbst und sein Innerstes nicht nur ungeschützt darzubieten, sondern auch unreflektiert zu wirken. Natürlich findet schon eine gewisse Metamorphose des Ereignisses statt, sobald man es aufs Papier bannt — egal in welchem Maße die Spuren der Impressionen, die ebendieses vermitteln, noch auf die Sinne nachwirken. Das sind nun einmal die Gegebenheiten des Mediums Schreiben. Nichtsdestotrotz gibt es verschiedene Grade der Distanz zwischen dem ursprünglichen Erlebnis und der finalen Form von ebendiesem im Werk des Autors. Manchmal sind die Wege, die von Ersterem zu Letzterem führen, offen und klar wie eine geradlinige Landstraße durch von einem azurnen Himmel überspannte Felder; dann wiederum sind sie verschlungen und nebulös, wie ein von dunklen Baumkronen überdeckter Pfad durch einen dichten Wald, bei der man nicht mehr zurück zur ursprünglichen Impression, die tief im Innern des schöpfenden Subjekts liegt, findet. Insbesondere Letzteres erfordert ein gewisses Maß an Zeit, um alles erst mit eigens angepflanzten Metaphern, Allegorien, Analogien und sich zu Fabeln aufschichtenden Gleichnissen überwurchern zu lassen, die dann wiederum den Weg durchs stilistische Dickicht erschweren.

Nun resultiert hieraus ein Problem, wenn man einen besonders gewichtigen Faktor, der gleichermaßen das Schreiben als auch alle anderen Formen menschlichen Ausdrucks betrifft, in Betracht zieht: Die schiere Unberechenbarkeit der Inspiration. Worte warten nämlich nicht. Sobald sie beginnen, sich als Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis oder einen besonderen Lebensabschnitt im Kopf des Schreibenden zu bilden, drängen sie sich schon heran und wollen in schriftlicher Form ihren Ausdruck finden; zögert man hierbei zu lange, entgleiten sie schon wieder dem nach ihnen greifenden Geist des schreibenden Subjekts. Ob der Moment, den sie abbilden wollen, ungeschliffen dargeboten wird oder nicht, kümmert sie dabei reichlich wenig — sie gönnen einem keinen noch so kurzen Augenblick der Ruhe, ehe sie ausformuliert und niedergeschrieben worden sind. Genau so ergeht es mir auch jetzt. Ich konnte das Geschehnis, das mich zu der vorliegenden Reflexion führte, zu dem Zeitpunkt, als die Worte über mich herfielen, nicht in die Form einer Fabel, eines Gleichnisses oder einer anderwertigen Form fiktiven Erzählens gießen, eben aufgrund der bereits oben erwähnten Dringlichkeit, mit der bestimmte Dinge manchmal verarbeitet werden müssen.

Doch dies ist nicht der einzige Grund, weswegen ich das Erlebnis, von dem die Rede sein wird, bewusst ungeformt lassen will — auch der an besagtes Ereignis anknüpfende Gedankengang ist nämlich, wie ihr es nachfolgend noch selbst feststellen werdet, sehr persönlicher Natur. Um gleichermaßen die subjektive Note der Impression als auch Reflexion zu konservieren und somit das, was mir in den Fingern brennt, so zu vermitteln wie es mich selbst ursprünglich ereilt hat, bietet es sich also um so mehr an, beide unverändert darzulegen.

I. Leben und Philosophie

Vor knapp zwei Monaten, zu Beginn meines Familienurlaubs in La Baule an der Atlantikküste Frankreichs, las ich einen äußerst interessanten und exzellent geschriebenen Artikel über die Diskrepanz zwischen akademischer Philosophie — also die, die an den Universitäten gelehrt und in deren Rahmen heutzutage Philosophie betrieben wird — und eher “massentauglicher” pop philosophy, die in deutschsprachigen Gefilden beispielsweise von Richard David Precht vertreten wird. Letztere versucht, komplexe philosophische Zusammenhänge und Ideen einem breiten Publikum nahezubringen, indem es sie beispielsweise in Bezug zu aktuellen Themen oder dem alltäglichen Leben der Menschen setzt. Interessant ist hierbei vorallem, dass der im Artikel dargestellte Graben auf den allgemeineren und sehr alten Konflikt zwischen Philosophie und dem Leben selbst, der Erstere schon seit ihren frühen Anfangstagen beschäftigt und sich infolge der kontinuierlichen “Verwissenschaftlichung” der philosophischen Disziplin noch einmal verschärft hat, verweist. Der Autor Tom Stern stellt hierbei eine große Distanz zwischen beiden fest, die so ursprünglich nicht vorhanden war — kommt aber gleichzeitig zum Schluss, dass akademische Philosophie gar nicht den Anspruch erheben müsste oder sollte, von jedermann verstanden zu werden und auf das “eigentliche” Leben (also das abseits der Philosophie) anwendbar zu sein:

“When Plato tried to describe the relationship between philosophers and others, he too reached for a boat metaphor: some people are very good at steering boats; others aren’t. You might not be one of the lucky ones. If people ignore philosophers, the fault lies not with the philosophers, but with the people. Don’t worry about making a difference through philosophy, the Platonist might say: just do the best philosophy you can and let the rest take care of itself—if, that is, you are one of the lucky ones.”
Stern unterrichtet laut eigenen Angaben im Artikel vorallem Nietzsche. Zur gleichen Zeit, als ich seinen Artikel las, war ich mehr oder minder zufällig in Nietzsche Die fröhliche Wissenschaft vertieft, deren Inhalte (wie beispielsweise die bis in die Popkultur vorgedrungene Stelle, an der Nietzsche proklamiert: “Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!”) neben denen von Also sprach Zarathustra wohl am Stärksten im kollektiven Gedächtnis der Menschheit verankert sind — sogar bei all jenen, die sonst nicht viel mit Philosophie am Hut haben oder nur eine sehr oberflächliche Beziehung zu ihr pflegen.
Einige Tage später, während wir mittlerweile weiter südlich in La Rochelle verweilten und ich noch immer mit der Lektüre der Fröhlichen Wissenschaft beschäftigt war, erreichte uns dann die Nachricht, dass unser Kaninchen Josy zuhause in Luxemburg im Alter von neun Jahren plötzlich verstorben war. Seine Aufgewecktheit und Anhänglichkeit hatten dafür gesorgt, dass er mir von Anfang an ans Herz gewachsen war, und nicht zuletzt aufgrund seines für ein Kaninchen doch sehr bemerkenswerten Alters war der kleine Kerl zu einer regelrechten Konstante in meinem Leben geworden, die mich immerhin für fast die gesamte Dauer meiner Jugend begleitet hatte. Investiert man derlei Emotionen, wird man selbstverständlich auch verletztlicher und anfälliger für ihre dunkleren Schattierungen und Gegenpole.  Dementsprechend betroffen machte mich dann auch der Tod von Josy. Wir spendeten uns sofort gegenseitig in der Familie Trost, was die überwältigende Trauer milderte — aber bei der darauf folgenden Verarbeitung seines Todes war jeder von uns letztendlich auf sich selbst gestellt.
Wäre ich nun beispielsweise gläubiger Christ gewesen, hätte ich mich noch mit dem Gedanken trösten können, dass Tiere es bestimmten Auslegungen der Bibel zufolge sehr wohl ins Jenseits schaffen könnten. Da ich aber aus weltanschaulicher Sicht eher zu einem atheistischen Existenzialismus tendiere, wollte ich stattdessen woanders Methoden und Ratschläge zur Verarbeitung suchen — und wo konnte ich besser fündig werden als in der Philosophie, die schon von vornherein ein mir im Gegensatz zu anderen Aspekten des Lebens doch einigermaßen bekanntes Feld ist und sich dazu (zumindest in der Metaphysik und praktischen Philosophie) mit ähnlichen Fragen wie Religion beschäftigt?
An dieser Stelle kristallisiert sich dann auch langsam die Brücke zu dem, was ich in der Einleitung gesagt habe, heraus. Da ich gerade Nietzsche gelesen hatte, versuchte ich natürlich, noch immer ganz benebelt von dessen euphorischen Aphorismen, bei ihm Rat zu finden.
Dabei stellte ich jedoch schnell fest, dass Nietzsche nicht unbedingt die beste Anlaufstelle ist, um Trost zu suchen, wenn das geliebte Haustier verstorben ist. Im Gegensatz zu seinem großen philosophischen Mentor Arthur Schopenhauer hat Nietzsche nämlich vergleichsweise wenig für Tiere übrig — es sei denn, sie dienen ihm als Metaphern, um das menschliche Dasein zu charakterisieren. Die fehlende Beachtung von Tieren kompensiert Nietzsche dadurch umso mehr durch seine Liebe für den Menschen, die bei Schopenhauer bekanntermaßen weniger ausgeprägt war, auch wenn er Bertrand Russell zufolge entgegen seiner in seinen Werken hinaus posaunten Lobpreisung der Askese einen doch sehr ausschweifenden und menschennahen Lebensstil führte. Dass das keinen Widerspruch darstellen muss, möchte ich euch auch noch zeigen. Natürlich hätte ich mich auch anderen Autoren zuwenden können, aber dies wurde für mich einmal nebensächlich, da Josys Tod und der Verarbeitungsprozess von ebendiesem mich auf einmal zurück zu Tom Sterns Artikel und dessen viel allgemeineren Fragestellung geführt haben, der ich in dem vorliegenden Text aus einer sehr subjektiv geprägten Sicht auf die Spur gehen will:
Kann (akademische) Philosophie wirklich konkret im (alltäglichen) Leben weiterhelfen, als Mittel zur Lebensführung dienen und somit zur Lebensphilosophie werden — so wie die Philosophie auch ursprünglich verstanden wurde, zum Beispiel bei Diogenes von Sinope, der jeglichen gesellschaftlichen Normen abschwor und seinen eigenen Lehren gemäß in einer Tonne lebte, von der aus er unter anderem der Legende nach Alexander den Großen ärgerte?
Nahm seine eigene Philosophie wenigstens noch ernst: Diogenes von Sinope.

Nahm seine eigene Philosophie wenigstens noch ernst: Diogenes von Sinope. (Bild von Jean-Léon Gérôme, 1860)

Als Philosophiestudent habe ich nun aber schon von vornherein, wie bereits angedeutet, einen ganz anderen Zugang zur Philosophie. Sie ist bereits ein bedeutender Teil meines Lebens, mit dem ich sehr viel Zeit in Form von systematischer Lektüre von philosophischen Texten sowie Seminaren, Vorlesungen und Verfassen von philosophischen Essays und Hausarbeiten verbringe. Das Hauptaugenmerk meiner Fragestellung liegt dementsprechend vielmehr darauf, inwiefern dieser doch sehr wichtige Teil meines Lebens mit den anderen interagiert und bis zu welchem Grad in sie hinein wirkt. Welche anderen Teile meines alltäglichen Lebens abseits meines Studiums sind nun damit genau gemeint? Die Philosophie — und hierin liegt dann auch die Problematik — beschäftigt sich nämlich mit allen möglichen Themen, die den Menschen und seine Umwelt mehr oder minder direkt betreffen, und dementsprechend kommt man nicht umhin, das zu besprechende Feld einzugrenzen. Im Kontext von Josys Tod ging es vorallem um die die menschliche als auch tierische Existenz konstituierenden Elemente wie Leben, Tod, Leid und den Sinn beziehungsweise die Sinnlosigkeit hinter all dem und die Bewältigung der daran anknüpfenden Emotionen — alles Themen, mit denen sich die Philosophie umfassend auseinandergesetzt und zu denen sie auch ihre eigenen, sehr vielfältigen Positionen aufgestellt hat. Auch für Probleme hinsichtlich schwieriger moralischer Entscheidungen, vor die jeder von uns Zeit seines Lebens gestellt wird — zum Beispiel, ob man nun Tiere essen darf oder nicht, und unseren allgemeinen Umgang mit ihnen —, hat die Philosophie Lösungsansätze parat.
Hier kristallisiert sich aber auch schon das erste Problem heraus. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich immer mehr philosophische Systeme herausgebildet, die all diese Bereiche der menschlichen Existenz mehr oder minder vollständig abdecken. Aufgrund ihrer Rigidität, wissenschaftlichen Strenge und hohem Grad an Abstraktion sind sie allerdings umso schwieriger auf das alltägliche Leben und die Realität applizierbar. Immanuel Kants in seiner Kritik der praktischen Vernunft dargelegte Moralphilosophie, die wiederum auf seinem in seiner  Kritik der reinen Vernunft — das wahrscheinlich einflussreichste Werk der modernen Philosophiegeschichte — aufgestellten philosophischen System fußt, ist zwar prinzipiell auf alle menschlichen Handlungen anwendbar, scheitert aber rasch daran, dass der Alltag schnellere Entscheidungen erfordert, oder sich Situationen ereignen, die schwierig in die strengen Schemata einzuordnen sind. Wird man als Zeuge eines Gewaltverbrechens vor die Wahl gestellt, einzugreifen oder nicht, hat man schlicht und einfach nicht die Zeit zur Verfügung, es zu kategorisieren, eine allgemeingültige Maxime aufzustellen und dann noch gemäß dieser zu handeln — es sei denn, man nimmt Vereinfachungen und Kompromittierungen in Kauf, was Tom Stern in seinem Artikel wiederum (durchaus zurecht) kritisiert hat.
 Streng systematische Philosophien — die auch heute noch beispielsweise in Form der Analytischen Philosophie oder Wissenschaftstheorie die akademische Philosophie dominieren — sind also denkbar ungeeignet, als Lebensphilosophien zu fungieren. Nicht zuletzt weil sie auf präzisen Argumentationsketten aufbauen, läuft man Gefahr, ihre Validität und Stärke bei der Anwendung auf die eigenen Lebensumstände zu untergraben, da man, um sie überhaupt erst als Richtlinien für das eigene Leben nehmen zu können, oftmals zurecht schneidern muss. Vergisst man dabei ein Glied der Argumentation — was allzu leicht passieren kann, wenn man das sperrige Gerüst der eigenen, viel biegsameren Realität aufzwängen will — , bricht das ganze Gebäude des philosophischen Systems zusammen und wird nutzlos. Das bedeutet wiederum man nicht einfach mal so einzelne Argumentationsfragmente eines philosophischen Systems nutzen kann, um das eigene Leben zu strukturieren — aus ihrem systematischen Kontext gerissen ergeben sie oftmals nämlich keinen Sinn mehr.

Dazu darf man sich keinen Illusionen hingeben: Die meisten Erkenntnisse, die in der Philosophie gesammelt wurden und werden, finden kaum Einzug in das alltägliche Leben des Großteils der Menschheit, und wirken sich wenn dann nur indirekt auf dieses aus. Ob wissenschaftliche Theorien jetzt soziale Konstrukte sind oder sich tatsächlich auf in einer unabhängigen Realität existierende Entitäten beziehen, ist zwar für Philosophen ein großes Thema, aber für viele Menschen ändert das kaum etwas an der Art und Weise, wie sie ihr Leben führen.

“[…]in some moods, I feel certain that if all the professional philosophers stopped writing philosophy altogether—if a freak accident muted the profession, its students and its publishers—astonishingly few non-philosophers would notice. No industry anxiously awaits the latest philosophical innovations. No general public hangs on our words. Even within the profession, the average philosophy publication is cited once and probably only then to be mischaracterized, cast aside or pigeonholed by a new author, whose work, in turn, meets the same fate. Sometimes, even as I work on my next one, I imagine a philosophy publication as one of those giant, icebreaking vessels that rides at the head of an arctic convoy, powering a path homeward through the frozen ocean. Only in this case, the ocean is not blocked by ice but by other icebreaking vessels, bobbing, marooned where they ran out of fuel, just as this one will maroon somewhere, adding more debris for the next. And in this case, there is no clear sense of home—only homesickness. Ghastly glorious, these vessels.”

Von diesem “Problem” — wenn man es denn so nennen mag — sind allerdings auch andere Wissenschaften betroffen (wie beispielsweise die theoretischen Gefilden der Physik), und es wäre fatal, die Ergebnisse dieser Wissenschaften nur nach ihrem “Nutzen” für die Gesellschaft zu beurteilen.

Hinzu kommt noch eine weitere Schwierigkeit: Würde man manchen Philosophien bedingungslos folgen, würde man im wahrsten Sinne des Worte lebensunfähig werden. Man kann es zum Beispiel Schopenhauer kaum verübeln, dass er wie oben erwähnt nicht dem Folge leistete, was er in Die Welt als Wille und Vorstellung predigte — würde dies doch erfordern, dass er sich ständig und in allen Bereichen der Askese hingeben müsste, um dem Treiben des alles Seins durchdringenden Willens zu entrinnen. Russells Kritik erscheint also im Nachhinein ungerechtfertigt. Auch die antiken Skeptiker wie Pyrrho, die, genau wie beispielsweise die Kyniker (zu denen der eingangs erwähnte Diogenes von Sinope gehörte), Epikurer und Stoiker, Philosophie explizit als Mittel zur Führung eines besseren Lebens betrachteten, womit sie in deutlichem Gegensatz zur heutigen Auffassung akademischer Philosophie stehen, konnten ihre Doktrinen nur sehr schwer bis zur äußersten Konsequenz durchführen — und wenn doch, dann hatte dies zum Teil skurrile und bedenkliche Folgen. Diogenes beispielsweise begann, von der Last jeglicher Moral befreit, regelmäßig in aller Öffentlichkeit zu masturbieren; und auch die von den Skeptikern erstrebte Ataraxie — also die Enthaltung jeglichen Urteils, die wiederum zum inneren Seelenfrieden führen soll — war in der Realität nur sehr schwer umzusetzen, da es von ihnen erfordert hätte, bei allen möglichen, gleichermaßen einfachen als auch schwerwiegenden Entscheidungen tatenlos zu bleiben.

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Quelle: https://www.facebook.com/thephilosophersmouth/photos/pb.1652760244957595.-2207520000.1443542667./1680456498854636/?type=3&theater

Philosophie muss allerdings auch gar nicht den Anspruch erheben, in allen Lebenslagen und -fragen aushelfen zu können — in dieser Hinsicht stimme ich Stern zu. Nichtsdestotrotz bin ich der Auffassung, dass man die Ideen und Methoden verschiedener Philosophen selbst noch von einem akademischen und somit nicht vereinfachenden oder kompromittierenden Standpunkt her in der eigenen Lebensführung nutzen kann, ohne dass man dies, wie Stern schreibt, mit einem gewissen Schuldbewusstsein tun muss. Dies führt mich wieder zu Nietzsche zurück — denn er ist genau einer jener Philosophen, die die Kluft zwischen Leben und Philosophie zu überwinden vermögen. Dies liegt nicht zuletzt gerade eben an seiner Ablehnung gegenüber systematischer Philosophie (auch wenn sich in seiner Genealogie der Moral durchaus Ansätze finden, solch eine zu errichten) und seinen Fokus auf Aphorismen, die sich deutlich flexibler auf die eigenen Lebensumstände anwenden lassen, auch wenn sie übergeordneten Gedankengängen folgen. Um dies zu verdeutlichen, kehre ich wieder zur persönliche Ebene und der Bedeutung seiner und ähnlicher Philosophien für mein eigenes Leben zurück.

II. “Philosophieren heißt sterben lernen”

Zunächst scheint es problematisch, Nietzsche eine generelle philosophische Linie unterstellen zu wollen, da dies die schiere Vielfältigkeit an Interpretationen seiner Ideen untergraben und wieder eine Systematik aufstellen würde, die so nicht unbedingt von ihm intendiert war. Nichtsdestotrotz lassen sich durchaus Positionen bei ihm ausmachen, die sein ganzes Werk durchziehen und sich im Laufe der Jahre auch teilweise immer mehr gefestigt haben. Zwei davon hatten im Laufe meiner näheren Auseinandersetzung mit ihm eine besonders prägende Wirkung auf mich: Seine Ästhetik, also Philosophie der Kunst, und seine Haltung zum menschlichen Dasein, die wiederum eng miteinander verzahnt sind.

Nietzsche zufolge sind das menschliche Dasein und das daran anknüpfende, unvermeidliche Leiden sinn- und ziellos. Da der Mensch sich dies nicht eingestehen will, ersinnt er sich selbst einen Sinn — sei es in der Religion, die auf ein paradiesisches Jenseits nach dem Leben verweist, oder sei es in einer säkularisierten Form der Askese, in der man die menschliche Existenz zu transzendieren versucht, um den Schmerzen zu entfliehen. Nietzsche zufolge schafft das jedoch ein noch größeres Leiden als zuvor — denn indem man stets auf etwas zustrebt, das hinter dem Leben liegt, verneint man dieses, und vergiftet somit die Haltung zur eigenen Existenz. Den einzigen Ausweg aus dieser Misere schafft man sich, in dem man all den Dingen, die das menschliche Dasein verneinen und es nur als Zwischenstation auffassen, entsagt und es stattdessen aufrichtig und in all seinen Facetten bejaht. In der Fröhlichen Wissenschaft strickt er aus diesem Gedankengang seine sogenannte “Lehre der ewigen Wiederkunft”, die auch im Zarathustra eine prominente Rolle einnimmt und auf das übergreifende Konzept der amor fati verweist:

Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: “Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alls in der selben Reihe und Folge — und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht —  und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!” — Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämonen verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: “du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres?” – Friedrich Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, IV, 341

Was Nietzsche an dieser Stelle in so wundervollen Worten ausdrückt, hatte wie kaum eine andere philosophische Idee einen solch entscheidenden Einfluss auf meine Haltung gegenüber meinem Dasein als Menschen. Ich hatte mich bereits seit einigen Jahren mit den philosophischen Strömungen des Existenzialismus und Absurdismus, die ihre Wurzeln insbesondere in der Philosophie von Nietzsche und Kierkegaard haben, identifiziert, und fand die grundlegenden Ideen von deren namhaftesten und selbsterklärten Vertretern — also Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir im Falle des Existenzialismus und Albert Camus hinsichtlich des Absurdismus — nun auch in ähnlicher Form in Nietzsches Werk vor. Interessanterweise haben all diese Philosophen die Tendenz zu einem literarischen Schreibstil gemeinsam — gleichermaßen Sartre, de Beauvoir als auch Camus sind als namhafte Autoren der Weltliteratur bekannt. Auch Kierkegaard und wie eingangs erwähnt Nietzsche hatten die Tendenz, ihre Philosophie unter anderem durch stilistische Mittel, aber auch durch ihren bis dato noch nicht dagewesenen Fokus auf das Individuum und daran anhängig das individuelle Erlebnis als Mensch von den üblichen systematischen Strömungen, die den einzelnen Menschen und dessen Dasein dem abstrakteren gesamtmenschlichen Dasein unterordnen, abzugrenzen. Das führt auch zu einer gewissen Fluidität hinsichtlich der Auslegung ihrer Werke — Sartre beispielsweise hat in seinem Hauptwerk L’être et le néant zwar ein philosophisches System zur Deutung des menschlichen Seins dargelegt, aber dessen Inhalt findet sich auch, und das ist besonders bemerkenswert, fast unverändert in La nausée — die sein System quasi in eine literarische Form gießt — oder seiner deutlich kürzeren philosophischen Programmschrift L’existentialisme est un humanisme wieder, welche sich dann wiederum einfacher als Mittel zur Lebensführung anwenden lassen. Auch Camus’ Philosophie des Absurdismus, die er in Le mythe de Sisyphe dargelegt hat, findet sich in künstlerischer Form in La Peste oder L’Étranger wieder, und entfaltet von dort aus umso mehr die Möglichkeit, sich auf die Auffassung der Menschen gegenüber ihrem eigenen Leben auszuwirken.

Insbesondere Sartres zentrale These, dass der Mensch zur absoluten Freiheit verdammt sei und deswegen auch des Öfteren zur mauvais foi neige, also, Entscheidungen zu treffen, mit denen sich man vor der eigenen Freiheit und damit auch authentischen Selbstvewirklichung drückt, hat mich nun schon längere Zeit begleitet und mich deutlich in meinem Handeln und meinem Verhalten gegenüber der Welt beeinflusst. Mit der Lektüre von Nietzsche, die ich durch mein Studium deutlich intensiver und gründlicher betrieb, erweiterte ich Letztere dann noch um einige bedeutende Aspekte — und fand dann auch letztendlich Trost für Josys Tod. Die Philosophie, und insbesondere der Existenzialismus, reiben uns und allen anderen lebenden Wesen nämlich nur allzu gerne die unvermeidliche Vergänglichkeit allen Seins unter die Nase. “Philosophieren heißt sterben lernen” — so zitierte Montaigne einst in seinem gleichnamigen Essay Cicero, und diese Erkenntnis kann definitiv unterschreiben. Die schiere Sinnlosigkeit von Josys Leiden am Ende seines langen Lebens wäre eigentlich allgemein ein valider Grund zum Auflehnen gegen das Dasein, das am Ende zu nichts anderem als Schmerz und Verlust zu führen scheint — das wäre aber, wie Nietzsche im letzten Aphorismus seiner Genealogie schreibt, sinnbildlich für die Weigerung des Menschen, die Sinnlosigkeit vom Dasein und dem mit ihm notwendig verbundenen Leiden anzuerkennen. Anstelle also, dass ich den Schmerzen, dem Tod und der Existenz von Josy überhaupt selbst irgendeinen finalen, fixierten Sinn andichte, der im Kaninchenjenseits seine Erfüllung findet, sollte ich Nietzsche zufolge vielmehr den Tod und Schmerzen als notwendige Aspekte des Daseins begreifen, die Letzteres darum nicht umso weniger bejahens- und lebenswert machen. Auch wenn es wünschenswert ist, dass (und hier würde Nietzsche mir nicht zustimmen) menschliche Leiden so weit es geht verringert wird, so ist es doch in manchen Fällen unabwendbar, eben weil es ein notwendiger Faktor unseres Daseins ist — und Nietzsche lernt uns, damit umzugehen. Genau so ist es mit falschen Entscheidungen: Zu lernen, sie zu akzeptieren und auch mit dem daran anschließenden Bedauern umzugehen, hilft einem auch als Menschen zu reifen.  Das alles schafft ein besseres und gesünderes Verhältnis zum eigenen Dasein und der Unwiderrufbarkeit unserer Entscheidungen, die keinen Grund zur Verzweiflung darstellen sollen — deswegen ist die Lektüre von Nietzsches Werken manchen Psychologen zufolge auch besser als jedes Selbsthilfebuch. Nietzsche selbst gibt allerdings auch zu, dass es manchmal durchaus einem  “Willens zur Täuschung” bedarf, um das Dasein überhaupt erst erträglich zu machen — beispielsweise, indem man all die Erfahrungen, die es einem aufbürdet, so wie in meinem Falle Josys Tod, in eine künstlerische Form gießt, transformiert, und verarbeitet, um am Ende das Leben in all seiner Sinnlosigkeit doch noch zu bejahen. Dabei kann auch letztendlich die Philosophie helfen, und dementsprechend sollen die Philosophen der Zukunft Nietzsche zufolge nicht mehr nach einem abstrakten Ideal der Wahrheit streben, da sie damit das Dasein selbst, das solch objektive Werte nicht kennt, verneinen.

Insofern taugen diverse philosophische Ideen also auch heutzutage definitiv noch zur Lebensphilosophie. Auch sie mir nicht alle meine Entscheidungen, vor die ich Zeit meines Lebens gestellt werde, abnehmen können, so helfen sie mir doch, sie leichter fällen zu können und so zu handeln, dass ich zu dem Menschen werde, der ich sein möchte, und auch zu diesem Dasein, dass ich aus meiner eigenen Freiheit heraus entworfen habe, stehe.

Eine sehr gelungene Erläuterung einiger Ideen, die ich in meinem Text besprochen habe,  findet ihr übrigens auch in den folgenden Videos aus der “8-Bit Philosophy”-Reihe, die dazu ein ein passendes Beispiel für meine Auffassung, dass sich auch akademische Philosophie ohne Sinnverlust für jeden Menschen erklären lässt, liefern. Im ersten geht es um Nietzsches Lehre der ewigen Wiederkunft, im zweiten um Sartres Konzept der mauvais foi. Beide Videos ersetzen selbstverständlich keine ausführliche philosophische Lektüre — die stellt letztendlich nämlich noch immer die beste Methode dar, um sich mit der Thematik auseinandersetzen und auch in vollem Umfang auf das eigene Leben anwenden zu können:

 

Oliver Burkeman: No Regrets? Why Not? (The Guardian)