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Pokémon Go: Der öffentliche Raum als Spielwiese

An bestimmten Zeitpunkten meines Lebens situierte physische Räume vermengen sich in meinen Erinnerungen immer auch mit all den imaginären Räumen in Büchern, Filmen und Videospielen, in die ich eingetaucht bin, als ich mich an diesen Orten befand. Die physischen Landschaften beeinflussen hierbei die imaginären und geben ihr eine in der Realität verwurzelte Form in meinen Gedanken, während im Umkehrschluss dazu die Orte um mich herum zur Projektionsfläche für meine durch Kunst und Medien angeregte Imagination und um etwas weit über sie Hinausreichendes, Ideelles angereichert werden. Wenn ich an Urlaube zurückdenke, wo mir massig Zeit zur Verfügung stand und ich von neuen Impressionen geradezu überflutet wurde, tritt dies umso stärker auf. So stehen beispielsweise die von Lavendel- und Zypressenduft erfüllten Landschaften der Provence, wenn ich sie vor meinem inneren Auge abrufe, nicht nur für sich, sondern sie sind auch Schauplätze all jener Fantasyromane, die ich dort verschlungen habe.

Ähnlich widerfährt es mir auch, wenn ich an meine Ferien nahe Montpellier anno 2003 zurückdenke. Die verbrachte ich neben Schwimmen und Erkunden der lokalen Örtlichkeiten vor allem mit meinem allerersten Pokémonspiel — Pokémon Saphir, welches zusammen mit Pokémon Rubin die dritte Generation der Serie um die trainierbaren Taschenmonster einläutete. Das Spiel übte so eine dermaßen große Faszination auf mich aus, dass ich kurzerhand 140 Stunden Spielzeit hinein investierte. Wenn ich mich nun an bestimmte Orte, die wir währendessen besucht haben, zurückdenke, so fällt mir daher auch sofort wieder ein, welches Pokémon ich dort gefangen habe. Umgekehrterweise wurde die Spielwelt Hoenn vor nicht allzulanger Zeit wieder im 3DS-Remake Pokémon Alpha Saphir dann auch zu meinem persönlichen Combray; einer kognitiven Karte, an der an jeder Ecke Erinnerungen an die Ferien in Montpellier aufblitzten.

Dieser starke nostalgische Aspekt, in dem sich Erinnerungen an sowohl fiktive als reale Orte der eigenen Kindheit/Jugend miteinander verschränken, charakterisiert die Pokémon-Spielserie maßgeblich und trägt unter anderem auch zum weltweiten Erfolg ihres jüngsten Ablegers, Pokémon Go, bei, welches innerhalb der vergangenen Woche bereits über 15 Millionen Mal gedownloadet wurde.  Der Hype um die kleinen Taschenmonster scheint also wieder ähnliche Ausmaße wie in den späten 90ern/frühen 00ern anzunehmen. Das liegt aber nicht nur am Nostalgieaspekt, sondern auch an der geschickten Ergänzung des Gameplays der Hauptserie (welches stark simplifiziert wurde) durch Augmented Reality- und Geo-Lokalisations-Elemente — und das schlägt dann auch wiederum die Brücke zu meinen einleitenden Beobachtungen. Unsere physische Welt wird in Pokémon Go nämlich tatsächlich zum Schauplatz der virtuellen Jagd nach Pokémon, und die eingangs beschriebene Vermengung von realem und digitalem Raum erreicht somit eine gänzlich neue Stufe. Die Orte um uns herum werden nicht mehr nur wie eingangs beschrieben in Vorstellungen und Erinnerungen zu Schauplätzen von Pokémonjagden- und kämpfen, sondern auch im Spiel selbst.

Die bereits jetzt spürbaren Auswirkungen davon sollen im nachfolgenden Artikel näher beleuchtet werden. Dabei will ich vor allem zeigen, inwiefern Pokémon Go nicht nur in der Tradition bereits bekannter Locative Media steht und ähnliche Reaktionen wie daran anhängige Kunstwerke der sogenannten Locative Arts hervorruft, sondern sogar dabei helfen kann, auf spielerische Art und Weise den öffentlichen beziehungsweise urbanen Raum neu zu entdecken und sich damit auch gewissermaßen wieder anzueignen.

Pokémon Go und Locative Media

Besagte Locative Media bezeichnen hierbei ein Feld innerhalb digitaler Medien, das sich seit Beginn des gegenwärtigen Jahrtausends durch die Etablierung von mobilem Internet und Verortungstechnologien wie etwa GPS oder GIS herausgebildet hat. Zu ihnen zählen neben Mapping-Anwendungen à la Google Maps auch Spiele wie Pokémon Go. Locative Media haben hierbei ehemals voneinander separierte Räume geographischer, physischer und digitaler Natur miteinander vereint und untergraben somit wiederum die Vorstellung eines hermetisch abgeriegelten, rein virtuellen Cyberspaces, wie er etwa in Matrix oder TRON dargestellt wird.  Diese neue, durch ein lokatives Element geprägte Wechselbeziehung zwischen Realität und Virtualität führt zusammen mit der weitreichenden Verfügbarkeit von mobilen Datentechnologien dazu, dass insbesondere unsere Wahrnehmung vom urbanen Raum zunehmend vom Internet und den dort abrufbaren Daten strukturiert wird. Die Stadt ist nicht mehr eine historisch gewachsene Ansammlung von Gebäuden und Sehenswürdigkeiten, sondern vielmehr ein Netzwerk aus Informationen, die mittels mobiler Datentechnologie erschlossen wird. Indem Objekte vor Ort mit dem Informationsraum verbunden werden, wird auch die Trennung zwischen ihrer Präsenzen im virtuellem und realem Raum aufgehoben.

Die Pokéstops und Arenen in Pokémon Go verdeutlichen dies besonders eindrücklich. Museen, Kirchen, U-Bahnhaltestelle, öffentliche Kunstwerke, Monumente, Universitäten und sonstige Landmarken werden im Spiel nämlich zu Standorten, an denen man entweder Pokebälle, Heilmittel und andere Items sowie wichtige Erfahrungspunkte zum Levelaufstieg ergattern (Pokéstops) oder Kämpfe mit Arenaleitern (Arenen) ausfechten kann. Diese Orte werden also nicht mehr nur in ihrer eigentlichen Funktion als Landmarken, sondern auch als Arenen und Pokéstops wahrgenommen, die man im physischen Raum besuchen kann. Das kann dann etwa, wie ein Fall aus den USA zeigt, dazu führen, dass das eigene Haus, das früher als Kirche diente und deswegen von Pokémon Go als Arena designiert wurde, plötzlich zur unfreiwilligen Pilgerstätte für Pokémon Go-Spieler*innen auf der Suche nach einer Herausforderung wird. Ähnlich wie andere Locative Media strukturiert Pokémon Go also unsere Wahrnehmung unserer Umgebung. Hierbei drängt sich dann natürlich auch die Frage auf, nach welchen Auswahlkriterien Orte, die von Spieler*innen eingereicht werden, zu Pokéstops gekürt werden. Pokémon Go wirft damit Fragestellungen auf, die auch in den Locative Arts  einer Strömung innerhalb der modernen Kunst, welche sich der Locative Media aneignet, um sich kritisch mit ihnen und ihren Implikationen auseinanderzusetzen — eine zentrale Rolle spielen, wie beispielsweise anhand des Kunstwerks Map des Berliners Aram Bartholl ersichtlich wird. Dieses sollte durch riesige, in der von Google Maps designierten Stadtmitte platzierten Marker vor Augen führen, wie weit unser epistemologisches Erfassen der Stadt und der in ihr enthaltenen “Informationen” schon durch solche lokativen Anwendungen gefiltert wird, sodass der urbane Raum nur noch als Verknüpfung von Informationspunkten erscheint.

Der öffentliche Raum als Spielwiese

Was Pokémon Go aber nun beispielsweise von Anwendungen wie Google Maps, die dem reinen Mapping und Bereitstellen von Informationen dienen, unterscheidet, ist der spielerische Aspekt. Dadurch, dass Pokémon quasi überall auffindbar sind (beispielsweise etwa auf Verkehrsinseln, an Flüssen, im Garten des Nachbarn oder gar, wie es mir letztens erst widerfahren ist, im Supermarkt) und man ihnen daher oftmals zufällig über den Weg läuft, regt das Spiel zum Flanieren ein und stimuliert wie bereits die Hauptserie für Nintendos Handhelds den Erkundungstrieb. So hangelt man sich nicht nur von Pokéstop zu Pokéstop, sondern kommt auch immer wieder bewusst vom Weg ab, weil man in Form von raschelndem Gras Anzeichen eines Pokémon in der unmittelbaren Nähe erspäht. Und auch das bereits aus den regulären Pokémon-Spielen bekannte Ausbrüten von Pokémon-Eiern verlangt, dass man eine bestimmte Anzahl von Kilometern zurücklegt, ehe die kleinen Taschenmonster schlüpfen, was wiederum zusätzlich zum Herumspazieren motiviert. All dies hat nicht nur positive Auswirkungen sowohl auf die körperliche als auch mentale Gesundheit der Spieler*innen (wobei man noch absehen muss, ob diese Effekte auch langfristig anhalten werden), sondern mildert zusätzlich den eingangs beschriebenen Filterprozess und macht den öffentlichen Raum vielmehr in seiner Ganzheit als Spielwiese, die es zu erkunden gilt, kognitiv erfassbar.

Dadurch, dass sich nun auf der ganzen Welt unzählige Pokémontrainer im öffentlichen Raum auf die Suche nach Pokémon, Pokéstops und Herausforderungen in der Arena machen, tritt ein weiteres hochgradig interessantes Phänomen auf — und zwar das der Übertragung der “Sprache von Spielen” beziehungsweise Spielmechanismen aus dem virtuellen in den physischen Raum. Dies sorgt für einen Entfremdungseffekt, der in den Locative Arts bereits seit einigen Jahren einen beliebten Untersuchungsgegenstand darstellt. Der bereits zuvor erläuterte Aram Bartholl ließ beispielsweise im Rahmen seiner von 2006 bis 2009 in mehreren Ausgaben stattgefundenen Intervention WoW Menschen im öffentlichen Raum herumflanieren, während über ihren Köpfen ihre in der Typographie des MMORPGs World of Warcraft geschriebenen, aus Karton angefertigten realen Namen schwebten. Außerdem fertigte er 2008 im Rahmen seiner öffentlichen Intervention 1H Papiermodelle von Waffen, welche auch aus World of Warcraft stammten, an und trug diese ständig mit sich herum, während er alltägliche Dinge wie beispielsweise U-Bahn-Fahren, das Besuchen von Läden oder dergleichen durchführte. Beide Interventionen, die er passenderweise auch als “Störungen im Raum” bezeichnete, riefen hierbei erstaunte Reaktionen bei den Passant*innen hervor.

Die in der realen Welt physische Gestalt annehmenden Spielmechanismen von Pokémon Go steigern genau diesen Entfremdungseffekt, den bereits Bartholls Werke hervorgehoben haben, nun ins Unermessliche. Um sich dessen gewahr zu werden, muss man nur einen kurzen Blick in die Nachrichten werfen. Dort überschlagen sich momentan geradezu die ereifernden Berichte über Pokémon Go-Spieler*innen, die sich beispielsweise spontan zu hunderten an öffentlichen Plätzen sammeln, in das Schloss des luxemburgischen Großherzogs in Colmar-Berg eindringen wollen, um dort ein Pokémon zu fangen oder auf ihren Streifzügen überfallen werden. In manchen Fällen, wie etwa wenn Menschen plötzlich an Holocaust-Gedenkstätten Pokémon fangen wollen, ist die Aufregung um das Eindringen von digitalen Spielmechanismen in die reale Welt auch mehr als verständlich. Zumeist zeigen die verwunderten und befremdeten Reaktionen über Pokémon Go-Spieler*innen aber vor allem auf, dass trotz der Ubiquität von mobilen Datentechnologien und der Durchdringung unseres Alltags von digitalen Elementen die veraltete Dichotomie “Realität/Virtualität” noch immer tief in den Köpfen der Menschen verankert ist — genauso wie es viele Locative Arts auch aufzeigen.

Überraschenderweise kristallisiert sich, wenn man Pokémon Go in diesem Kontext betrachtet, auch ein gewisses positives, subversives Potenzial heraus. Dadurch, dass das Spiel öffentlichen und insbesondere urbanen Raums in eine Spielwiese verwandelt, bietet es nämlich letztlich auch die Möglichkeit, den von den Filialen großer Konzerne dominierten, austauschbaren und seelenlosen Innenstädte wieder neues Leben einzuhauchen. Wenn Menschen nicht mehr in Läden strömen, um dort einzukaufen, sondern weil sie dort besonders seltene Pokémon fangen wollen, so stellen sie gleichermaßen die dominante Position der Zweigstellen großer Unternehmen innerhalb der Innenstadt als auch die Funktion von letzterer als vollkommen privatisierter Raum, der nur kommerziellen Zwecken dient, in Frage. Sie formen den urbanen Raum also ihren eigenen Vorstellungen entsprechend, und machen ihn somit mittels spielerischer Mechanismen auch wieder tatsächlich “öffentlich”.

Nun mag man natürlich einwenden, dass Pokémon Go-Spieler*innen die Innenstädte hierbei nicht nach ihren eigenen Wünschen gestalten, sondern vielmehr gemäß der primär kapitalistischen Interessen eines weiteren großen, multinationalen Konzerns agieren — und zwar Nintendo, der sich dank des Spiels über besonders rasant steigende Aktien freut. Das unterscheidet das Spiel auch von den oben erwähnten Werken aus den Locative Arts, bei der die kritische Auseinandersetzung mit der Privatisierung des öffentlichen Raums künstlerischer Selbstzweck und nicht auf ein kommerzielles Ziel ausgerichtet ist. Nichtsdestotrotz untergraben diese Faktoren aber noch lange nicht das subversive Potenzial des Spiel —  letzteres hängt nämlich vor allem davon ab, auf welche Art und Weise es gespielt wird und welche kreativen Anwendungen durch seine Nutzer daraus resultieren. Der Einsatz von Pokémon Go als Mittel dafür, dem Pegida-Ableger in München nicht den urbanen Raum zu überlassen oder Pokémon-Go-Touren, bei denen die Stadt erkundet und für Beisammensein zwischen gleichgesinnten Pokémon-Fans genutzt werden soll, deuten bereits in eine vielversprechende Richtung — und zwar hin zur Wiederaneignung von Stadträumen. Und auch wenn dadurch noch immer nicht ersichtlich wird, ob Pokémon Go jetzt tatsächlich auf lange Sicht hin irgendeinen gesellschaftlichen Wandel hervorrufen kann, so bieten die daraus resultierenden Dynamiken den Menschen zumindest die Möglichkeit, auf spielerische Art und Weise einmal darüber zu reflektieren, wie die Bewohner*innen die Räume einer Stadt gestalten und verwenden wollen. Da Spiele und Ort untrennbar miteinander verbunden sind, bietet sich eine spielerische Herangehensweise auch als umso geeigneteres Sprungbrett dafür an:

„From games to humor, from role-playing to the arts, from wordplay and poetry to gambling to festival, these activities are only play in context. What is play in one location, in one language, in one public space, may or may not be recognized as play in an entirely different context. With only a few exceptions, one can conclude that the phenomenon of play is local: that is, while the phenomenon of play is universal, the experience of play is intrinsically tied to location and culture. […]“ (Flanagan, Mary: Artists’ Locative Games, in: dies.: Critical Play: Radical Game Design, Cambridge 2009, S. 192-193).

Wenn man Pokémon Go also im Kontext der Fragestellungen von Locative Media und Locative Arts betrachtet, stellt man fest, dass sich dahinter viel mehr als nur ein an nostalgische Gefühle appellierendes, kurzweiliges Spielvergnügen verbirgt. Es wird also spannend sein zu verfolgen, wie sich das Spielerlebnis in den kommenden Monaten noch entwickeln und welche weiteren Auswirkungen es auf unseren Alltag und unsere Relation zum digitalen Raum haben wird. In der Zwischenzeit warte ich dann geduldig darauf, dass endlich auch die Pokémon aus der 3. Generation eingeführt werden.

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Gegen die Campus Alternative an der LMU München!

Nachdem ich hier auf meinem Blog bis jetzt vor allem über die Aktivitäten der rechte Szene in Luxemburg geschrieben habe, ist nun der Augenblick eingetroffen, mich auch mit dem rechten Rand in Deutschland, wo ich momentan wohne, in Form eines Texts auseinander zu setzen. Auslöser hierfür ist, dass “Campus Alternative”, die bayrische Hochschulgruppe der nationalkonservativen Alternative für Deutschland, nun doch noch Räume an der Ludwig-Maximilians-Universität — wo ich Philosophie und Kunstgeschichte studiere — zur Verfügung gestellt bekommt, wo sie unter anderem Veranstaltungen organisieren darf. Ihr Antrag war eigentlich vom Konvent der Fachschaften abgelehnt worden, doch die Hochschulleitung hat entgegen dieser Entscheidung nun im stillen Kämmerlein erwirkt, dass sie die Räume trotzdem nutzen dürfen. Wieso mich genau das jetzt so empört und zum Schreiben veranlasst? Nun —  hierzu ist ein Verweis auf Albert Camus aufschlussreich. Dieser schrieb nämlich in seinem 1951 erschienen Werk L’homme révolté, dass die Revolte des Menschen — welche ihn in allen möglichen Situationen gleichermaßen als anthropologische sowie ontologische Konstante charakterisiert — und die damit verbundene Negation mit einem Moment einhergeht, in dem eine Grenze zu etwas überschritten wird, in dessen Namen man sich auflehnt. Deswegen ist die Revolte gleichermaßen verneinend als auch bejahend. Die Grenze, die hierbei gemäß Camus überschritten wurde, geht mit der Türschwelle der LMU einher; das in meinen Augen zu Bejahende ist wiederum die Universität, wie ich sie kenne und schätze, und zwar als offener und sicherer Raum zur wissenschaftlichen Lehre für alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Identität und Religionszugehörigkeit. Genau das droht der Einzug der menschenfeindlichen Ideologie der AfD in Form der Zulassung der Campus Alternative nun aber zu gefährden, und das will ich nicht zulassen. Ich will nicht mit ansehen, wie die Campus Alternative sowieso schon knapp bemessene Räume an der Uni zugeteilt bekommt, um auch dort die Ansichten der AfD zu propagieren, nachdem diese bereits den öffentlichen Diskurs in Deutschland in den letzten Monaten mit ihren Ressentiments vergiftet hat und alle Errungenschaften auf dem Weg hin zu einer offeneren und gerechteren Gesellschaft wieder zunichte machen will. Dementsprechend möchte ich in diesem Text dann auch gegen die Etablierung der AfD an der LMU im Allgemeinen argumentieren und die Positionen und Aussagen der Campus Alternative im Speziellen dekonstruieren.

Die Hochschulpolitik der AfD

Die bereits an zahlreichen anderen deutschen Universitäten etablierten AfD-Hochschulgruppen geben einen Vorgeschmack darauf, was passieren wird, sobald die Campus Alternative dann auch tatsächlich ihre Räume an der LMU beziehen wird. Besagte Vertretungen tragen nämlich nichts Konstruktives zu den üblichen Themen der Hochschulpolitik, wie etwa Preise für Semestertickets oder Öffnungszeiten der Bibliothek, bei, sondern provozieren lieber mit Hetze und abwegigen Forderungen. Damit übernehmen sie das Credo der AfD selbst, welche abseits ihres populistischen Rumgekreisches keinerlei valide Lösungsvorschläge liefert — insbesondere nicht in der Hochschulpolitik. Beispielsweise tritt sie in ihrem Parteiprogramm für die Wiedereinführung der Wehrpflicht ein, was dazu führen würde, dass viele Studierende nicht sofort mit ihrem Studium beginnen könnten beziehungsweise es aussetzen lassen und allgemein ihre gesamten Lebenspläne umkrempeln müssten, nur um dem nationalistischen Wahn der AfD Folge zu leisten. Dazu hat die Partei überhaupt keine Ahnung vom wissenschaftlichen Betrieb, wie unter anderem anhand der auch in ihrem Parteiprogramm stehenden, wahnwitzigen Forderung, “Deutsch soll[e] als Lehrsprache erhalten werden”, nur zu deutlich ersichtlich wird. Irgendwie muss der AfD wohl entgangen sein, dass Englisch schon seit Längerem die lingua franca der Wissenschaften ist, und dass eine Hochschulpolitik, die sich dieser Sprache verschließt, dementsprechend die von ihr betroffenen Universitäten als Wissenschaftsstandorte in den Ruin treiben würde. Dazu behauptet die AfD zwar an einer Stelle ihres Parteiprogramms, dass „[d]ie Freiheit von Forschung und Lehre […] unabdingbare Grundvoraussetzungen für wissenschaftlichen Fortschritt [sind], [weswegen] […] die Hochschulen über Art und Umfang ihres Studienangebotes frei entscheiden können [müssen]“, verlangt aber dann gleich darauf, dass die verhassten “Gender-Studies” aus dem Universitätsprogramm gestrichen werden, weil diese angeblich nicht den Ansprüchen einer “seriöse[n] Forschung” entsprechen. Ziemlich gewagte Forderungen von einer Partei, die schon über die Aufnahme eines Chemtrail-Verbots in ihr Parteiprogramm diskutiert hat und in letzterem sogar den von der Wissenschaft längst belegten Klimawandel anzweifelt.

Besonders problematisch ist die Entscheidung, der AfD Räume an der LMU zu geben, letztlich auch im Hinblick auf die Geschichte des Standorts selbst — immerhin war die Universität Schauplatz der antifaschistischen Widerstandsbewegung der “Weißen Rose” im 2. Weltkrieg unter der Leitung der Geschwister Scholl, nach denen auch der Platz vor dem Universitätsgebäude benannt ist. Nun wäre es selbstverständlich vermessen, die AfD mit der NSDAP gleichzusetzen, nicht zuletzt weil das die Verbrechen an der Menschheit von Letzterer relativieren würde und Gegner*innen von Ersterer wieder der “Nazikeule” bezichtigt werden könnten — was der AfD nur in die Hände spielen würde. Nichtsdestotrotz ist es wichtig hervorzuheben, dass viele in der AfD sich stark an Vertretern der sogenannten “Konservativen Revolution” orientieren, welche letztlich den Weg zum Faschismus und Nationalsozialismus geebnet haben. Und tatsächlich bereiten die AfD sowie andere neurechte Gruppierungen und Personen mit ihrem menschenfeindlichen Diskurs genau den Nährboden vor, auf dem solches Gedankengut, gegen das die Geschwister Scholl sich zur Wehr gesetzt haben, wieder leichter gedeihen und gesellschaftlich anerkannt sein kann — das sieht man alleine schon an der rasanten Zunnahme von Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime und Übergriffen auf Ausländer*innen im letzten Jahr.

Dazu bedeutet, wie die Hochschulgruppe Waffen der Kritik in einem sehr empfehlenswerten Artikel über die Campus Alternative (dem ich auch einige wertvolle Informationen verdanke) darlegt, der Einzug der AfD an der LMU nicht mehr, sondern eher weniger Demokratie:

Veröffentliche Mitgliederbefragungen der AfD zum Parteiprogramm zeigen weiterhin, wie klar rechte Positionen in der Partei bezogen werden. ‚Kein Sonderrecht für Moslems‘ wird pauschal gefordert. Es ist berechenbar, dass die Campus Alternative den völkisch-nationalen Konsens, den ihre Mitglieder vertreten, in die LMU tragen will. Die LMU sollte aber ein Ort der demokratischen Entfaltung sein.

Die Campus Alternative — Auf einer Linie mit der AfD

Der letzte Abschnitt der Selbstbeschreibung der Campus Alternative, um die es nachfolgend wie angekündigt im Speziellen gehen soll, ist nun bereits sehr aufschlussreich darüber, worin der im obigen Zeit erwähnte “völkisch-nationale Konsens” genau besteht:

Wir bieten ein Forum für (hochschul-)politischen Diskurs innerhalb und auch außerhalb der Universität, wobei insbesondere „unbequeme“ Meinungen Gehör finden sollen. Zudem organisieren wir Veranstaltungen, bei denen die Frage im Mittelpunkt steht, wie wir als „Bildungselite“ unserer besonderen Verantwortung nicht nur für unser Studium, sondern für unsere Universität und damit für Volk und Vaterland, gerecht werden können.

Bedenklich ist hierbei nicht nur die Verwendung des Begriffs der “unbequeme[n] Meinungen” — welcher, wenn man einmal betrachtet, was die AfD bis in die Führungsetage hinein so von sich gibt, eigentlich vor allem einen Euphemismus für “menschenfeindliche Ansichten” darstellt —, sondern insbesondere auch das Heraufbeschwören einer angeblichen “Verantwortung” gegenüber  “Volk” und “Vaterland”. Zunächst einmal kann ich nur wieder einmal hervor heben, wie sehr mich der Begriff des “Volkes” stört, weil er immer wieder in fragwürdigen ideologischen Kontexten verwendet wird und von einer Homogenität der Gesellschaft, die so einfach nicht gegeben ist, ausgeht, um darauf wiederum Ausgrenzungsmechanismen zu fundieren. Dazu impliziert die Verwendung dieses Begriffs im Bezug auf Studierende, dass ausländische Student*innen — zu denen ich übrigens auch zähle — in dieser nationalistischen Vision des Hochschullebens keinen Platz haben. Genau so bedenklich erachte ich die Tatsache, dass die Campus Alternative von einer “Verantwortung” für solch abstrakte Konstrukte ausgeht, was wiederum an den vor allem im Nationalsozialismus verbreiteten Gedanken einer “Schicksalsgemeinschaft”, gegenüber der sich das Indvidiuum um jeden Preis unterzuordnen hat, anknüpft. Da so nicht mehr der für demokratische Prozesse notwendige Konsens zählt, sondern vielmehr der willkürliche Wille eines vermeintlich mehrheitlichen “Volks”, zeigt dies deutlich, dass nicht nur die AfD, sondern auch die Campus Alternative antidemokratische und proto-faschistische Tendenzen aufweist.

In einem Beitrag der Jugendsendung PULS des Bayrischen Rundfunks vom 08.05.2016 namens “Afd, Pegida und Co.  Wie gefährlich sind Deutschlands neue Rechte?”, den ich an dieser Stelle nun näher beleuchten möchte, zeigen die Mitglieder der Campus Alternative dann endgültig, dass sie die Ideologie der AfD voll und ganz vertreten. Der Abschnitt, auf den ich mich vorallem beziehen werde, beginnt bei 6:27, und zwar mit einem Interview mit dem Landesvorsitzenden der AfD Bayern, Petr Bystron. Letzterer kam mit 16 Jahren als Asylbewerber aus der Tschechoslowakei nach Deutschland, und wird deswegen auch selbstverständlich von seiner Partei als willkommenes Aushängeschild benutzt, um zu zeigen, dass sie doch gar nicht so ausländerfeindlich seien wie immer behauptet wird. Dabei wird allerdings — unter anderem von Bystron selbst — darauf gepocht, dass er “legal” mitsamt Pass einreiste, wodurch perfiderweise die Hetze gegen “illegale” Geflüchtete — zu denen so gut wie alle Geflüchteten zählen, da es aufgrund der Abschottungspolitik der EU für den Großteil von ihnen unmöglich geworden ist, auf legalem Wege nach Europa einzureisen — wieder legitimiert wird. Allgemein ist das Beharren auf diesen willkürlichen Unterschied und die daraus abgeleitete Selektivität, die der ursprünglichen Universalität der menschlichen Empathie zuwiderläuft, ein beliebtes Denkmuster unter Neurechten und wird beispielsweise auch in Luxemburg vom Petinger ADR-Gemeinderatmitglied Joe Thein vertreten.  Hinter der betont bürgerlichen Fassade Bystrons verbergen sich dazu reichlich Kontakte in die neurechte Szene und zum Propagandasender Russia Today, welcher eine beliebte Informationsquelle für Verschwörungstheoretiker am rechten Rand ist. 

Nachdem Bystron sich im Gespräch mit dem Reporter mithilfe typischer, auf die vermeintlich demokratischen Prozesse in seiner Partei hinweisende Phrasendrescherei um eine Distanzierung zu der Forderung vom AfD Bezirksverband Niederbayern, Moscheen zu verbieten, herum manövriert hat, folgt dann schließlich das Interview mit der AfD-Hochschulgruppe Campus Alternative.

Auf die erste Frage hin, wie sie zum Islam stehen, antwortet der Vorsitzende der Campus Alternative, Christian Schumacher, dass drüber geredet werden müsste, wenn das Bild, das “der Islam” seiner Meinung nach “klassischerweise” von der Frau hat, nicht mit “unserem” übereinstimme. Alleine in dieser ersten Aussage tritt schon die geballte Ignoranz der Campus Alternative zum Vorschein. Zunächst einmal gibt es “den Islam” schlicht und ergreifend nicht. Genau wie das Christentum verfügt auch der Islam als zweitgrößte monotheistische Religion der Welt alleine schon aufgrund der hohen Anzahl seiner Anhänger über unzählige verschiedene Strömungen. Da wären zunächst einmal die beiden größten Glaubensrichtungen des Islams, Sunnismus und Schiismus, die man voneinander unterscheiden muss, und welche wiederum über unzählige weitere Auslegungen verfügen. Letztlich meint Schumacher mit seinem Begriffs “des Islams” wahrscheinlich eigentlich dessen reaktionäre Strömungen, wie etwa den vor allem in Saudi-Arabien verbreiteten Wahabbismus, welcher wiederum streng genommen eine islamistische Bewegung ist — dass er das aber nicht präzisiert, zeugt nicht nur von seiner begrenzten Weltsicht, sondern auch davon, dass die Campus Alternative  pauschalisierend, simplifizierend und vorurteilhaft an den Islam herangeht und damit der Linie der AfD treu bleibt. Betrachtet man dann noch das Frauenbild der AfD, das geradewegs aus dem letzten Jahrhundert stammt und viele Errungenschaften des Feminismus wieder rückgängig machen will, so wird die schiere Hypokrisie seines impliziten Verurteilen der vermeintlich rückständigen Ansichten des Islams hinsichtlich der Frau endgültig ersichtlich. Ganz davon abgesehen gibt es übrigens innerhalb zahlreicher Glaubensrichtungen des Islams feministische Bewegungen — womit diese schon weitaus weiter sind als die AfD selbst.

Ein weiteres Mitglied der Campus Alternative, Maximilian Mertens, welcher auch Vorsitzender der Jungen Alternative in Oberbayern ist, pocht dann darauf, dass man Rücksicht auf religiöse Gefühle von Christ*innen auf dem Land (!) nehmen müsste, welche durch den Ruf des Muezzin verletzt werden könnten. Die in Deutschland durch das Grundgesetz für jede Glaubensrichtung garantierte Religionsfreiheit gilt also auch in den Augen der Campus Alternative offensichtlich nur für Christ*innen. Dazu liefert er dann noch das vollkommen an den Haaren herbeigezogene “Argument”, dass der Ruf des Muezzins angeblich eine ganz andere “Qualität” habe als Kirchenglocken: “Die läuten einfach nur”. Damit suggeriert er wiederum, dass das (katholische) Christentum angeblich deutlich subtiler und weniger bedrohlich in seinen religiösen Praktiken sei als die islamischen Glaubensrichtungen. Dass es grundsätzlich irrsinnig ist, überhaupt Religion hinsichtlich ihrer Traditionen miteinander vergleichen zu wollen, so als ob die eine besser als die andere sei, kommt noch zusätzlich dazu.

Christoph Steier, Vorsitzender der Jungen Alternative München, behauptet daraufhin, dass es unter den Geflüchteten so einige Menschen gäbe, die nicht arbeiten wollen, und die stattdessen mit dem Plan, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen, nach Deutschland kommen — womit er impliziert, dass sie gezielten Sozialbetrug betreiben. Das erscheint doch sehr plausibel. Wer würde denn nicht die eigene Familie und Heimat zurücklassen und unter ständiger Lebensgefahr tausende von Kilometern zu reisen, nur um dann auf Kosten des deutschen Staates von sage und und schreibe 143 Euro Taschengeld im Monat und Sachleistungen zu überleben? Christian Schumacher legt dann noch nach, dass das Geld “da unten” viel besser angelegt wäre. Wo diese ominöse geographische Entität sich genau befindet, erläutert er nicht — was wahrscheinlich daran liegt, dass die Geflüchteten und die Länder, aus denen sie stammen, für ihn sowieso nur eine dehumanisierte, formlose Masse ohne Persönlichkeit und Geschichte darstellen.

Natürlich wollen sie sich dann auf die Frage des Interviewers hin, ob es für sie nicht “nervig” wäre, ständig als “rechtsextrem” oder “Rassisten” bezeichnet zu werden, nicht die Chance entgehen lassen, wieder in die Opferrolle zu schlüpfen und sich über die ganzen Vorwürfe und die “soziale Ächtung” zu beklagen. Die Armen — was fällt uns bösartigen linksgrünversifften Gutmenschen aber auch ein, ständig solche Schlussfolgerungen zu ziehen! Immerhin ist die AfD ja bloß die erste wirklich erfolgreiche Partei seit der NSDAP, die sich die gezielte Diskriminierung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe ins Parteiprogramm (ab S. 34 unter “Der Islam gehört nicht zu Deutschland” nachlesbar) geschrieben hat. Und wieso angesichts der bei der NPD entliehenen Aussage von AfD-Vizepräsident Gauland, dass die deutsche Nationalmannschaft schon “schon lange nicht mehr deutsch” sei, und Bernd Höckes Glaube an biologische Unterschiede zwischen Europäer*innen und Afrikaner*innen aufgrund deren unterschiedlichen “Reproduktionsstrategien”  der AfD Rassismusvorwürfe entgegengebracht werden, will sich mir auch überhaupt nicht erschließen. Angesichts all dieser Tatsachen hilft es dann auch nicht mehr, dass Maximilian Mertens zum Abschluss des PULS-Interviews noch einmal den Unterschied zwischen “bürgerlich-konservativ” und “rechtsextrem” unterstreicht — genau der zerfließt bei der AfD nämlich.

Letztendlich bleibt mir nur noch übrig noch einmal zu unterstreichen, dass die Campus Alternative aufgrund ihrer politischen Affilierung mit der AfD und damit auch deren desaströser Hochschulpolitik nicht an die LMU gehört — dementsprechend verweise ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich auf die am 15.06.2016 stattfindende Demo “Keine AfD an der LMU München!“. Und auch wenn die Campus Alternative sich wieder beklagen wird, dass die Demonstrant*innen angeblich ihre Meinungsfreiheit einschränken wollen: Solcherlei menschenfeindliche Positionen sind keine Meinung, sondern geistige Brandstiftung, die einer offenen und humanistischen Gesellschaft zuwiderlaufen, weswegen ihnen umso mehr Paroli geboten werden muss.

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Das EU-Türkei-Abkommen: Verlust der moralischen Integrität Europas

In letzter Zeit wird im öffentlichen Diskurs der EU wieder viel von Europas Werten geredet. In Anbetracht des letzten Monats in Kraft getretenen EU-Türkei-Abkommens, das mir intuitiv als dehumanisierend vorgekommen ist, habe ich mich dazu entschlossen, mich in einem philosophisch eingefärbten Artikel an die Thematik heranzuwagen. Mit dem Abkommen — das vorallem symptomatisch für ein strukturelleres Problem ist — verrät die EU nämlich nicht nur, wie bereits an anderen Stellen zu Recht hervor gehoben wurde, ihre Werte, sondern agiert überhaupt nicht mehr im Bereich des Moralischen. Und genau das stellt ein bedeutendes Hindernis auf dem Weg zu einer deutlich humanistischeren und solidarischeren Europäischen Union dar.

Ausgangspunkt für meine Reflexionen zum Thema stellt zunächst einmal die nachfolgende Anekdote dar. Im November letzten Jahres war ich von der Stiftung Zukunft Berlin zur Jahrestagung der “Cities of Europe” in Berlin eingeladen worden, um dort meinen Blog auf dem sogenannten “Marktplatz Europa” vorzustellen und an diversen Diskussionsrunden teilzunehmen. Ziel der Konferenz, welche dieses Mal unter dem Titel „EUROPAS WERTE. EUROPAS BÜRGER – Städte setzen Zeichen. Städte leben Europa” stattfand, bestand darin, Inititativen europäischer Bürger*innen zu präsentieren, welche sowohl die Solidarität und das Zusammenwachsen innerhalb der EU als auch die Zusammenarbeit mit den sogenannten “peripheralen” Ländern, wie beispielsweise Albanien oder Mazedonien, fördern. Im Rahmen der Tagung wurden dann neben zahlreichen öffentlichen Debatten mit bekannten Politiker*innen, Journalist*innen und Künstler*innen auch kleinere Diskussionsrunden mit den Teilnehmern organisiert. Bei einer von letzteren durfte ich als Redner zunächst einmal meinen Blog den versammelten Gästen vorstellen, ehe ich ihn dann in Bezug zum Thema des Gesprächs — die  wachsende Ausbreitung von Rechtsextremismus und der leider wieder erstarkenden Rolle von Grenzen in Europa — setzen sollte. Danach wurde vom Moderator eine offene Diskussion mit den Zuhörer*innen initiiert. Diese verhedderte sich zunächst einmal in einem schier endlosen Ringen um die Definition des Begriffs der “Grenze”, ehe einige Gäste — darunter ein ehemaliger Mitarbeiter des Auswärtigen Amts — das Gespräch an sich rissen und sich in erbitterten Streitgesprächen miteinander verkeilten.

Schließlich verlagerte sich die Diskussion immer mehr in Richtung europäischer Werte, die von manchen in der Runde als Mittel zur ideellen Grenzziehung erachtet wurden. Nicht zuletzt um die in persönliche Anfeindungen abrutschenden und wertvolle Redezeit für sich beanspruchenden Auseinandersetzungen im Publikum zu unterbinden, befragte der Moderator daraufhin die anderen Redner*innen und mich, inwiefern unsere eigenen Initiativen die europäischen Werte hochhalten, und wie man letztere den Einwohnern der EU besser vermitteln könnte. Die Frage überrumpelte mich etwas, da ich sie mir selbst so in der Form noch nie bewusst gestellt hatte und aufgrund der hitzigen Natur der Diskussion auch umso aufgeregter war, meine Aussagen auf den Prüfstein der Gäste zu legen. Nach kurzer Reflexionszeit jedenfalls kam ich zum Schluss, dass ich bei meinem Blog durchaus eine explizit humanistische und aufklärerische Herangehensweise verfolge, die aber nicht nur mein Schreiben, sondern auch generell meine Persönlichkeit prägt. Humanismus und Aufklärung werden nun zumeist durchaus als “europäische” oder auch “westliche” Errungenschaften verstanden; allerdings merkte ich an, dass es mir nicht zuletzt aufgrund der Problematik des Eurozentrismus und der damit verbundenen Aneignung von eigentlich universellen Werten, die zu etwas dezidiert Europäischem erklärt werden (immerhin sind weder Humanismus noch Aufklärung rein europäische Phänomene gewesen), so schien, als ob es keinen Konsens darüber gäbe, was denn nun eigentlich unter europäischen Werten verstanden werden würde. So könnte man letztere dann auch nicht den Bewohner*innen Europas näherbringen. Kaum hatte ich meine Antwort vollendet, folgte dann auch schon von einer der Personen, die in den Streitgesprächen immer wieder auf die Werte der EU gepocht und den Ex-Mitarbeiter des Auswärtigen Amts bei seinen Forderungen nach stärkeren EU-Außengrenzen unterstützt hatte, eine harsche Reaktion: Sichtlich gereizt wies er mich darauf hin, dass ich doch wissen müsste, dass die europäischen Werte verbindlich im EU-Vertrag festgeschrieben stünden und jedes EU-Mitglied sich daran halten müsste. Ich wusste daraufhin nichts mehr zu entgegnen; kurz darauf war die Gesprächsrunde dann auch schon zu Ende. Um solcherlei argumentatitve Sackgassen künftig zu vermeiden, entschloss ich mich dann, meine Wissenslücke zu schließen. Hierbei stellte ich fest, dass die europäischen Werte tatsächlich anno 2009 im Artikel 2 des EU-Vertrags von Lissabon inhaltlich bestimmt worden und durch das Inkrafttreten von letzterem verpflichtend für das Agieren der EU sind:

Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.

Mir fiel hierbei zunächst einmal meine eigene Begriffsverwirrung auf, da ich Humanismus und Aufklärung noch während der Diskussion als eigenständige Werte hervor gehoben hatte, obwohl sie eigentlich philosophische Denkrichtungen darstellen, denen viele der oben erwähnten Werte entsprungen sind. Letztere vertrete ich dementsprechend auch; dass ich während der Diskussion mit meiner Auffassung, dass auch auf rechtlicher Basis kein Konsens über ihre Definition bestünde, falsch gelegen hatte, gestand ich mir wiederum gerne ein, selbst wenn der paternalisierende Ton der Zurechtweisung mir missfallen hatte.

Das überforderte Verhalten der EU in der Flüchtlingskrise haben diese Anekdote nun wieder zurück an die Oberfläche meines Bewusstseins dringen und es in einem neuen Licht betrachten lassen. Die Vermittlung der Werte der EU an ihre Einwohner*innen, über die wir in der eingangs erläuterten Diskussionsrunde so erbittert gestritten haben, und das daran anhängige Hinstreben auf eine politische europäische Identität werden nämlich, wie ich nachfolgend darstellen will, nicht zuletzt durch das am 18. März beschlossenen EU-Türkei-Abkommen gänzlich ad absurdum geführt, da die EU dadurch nicht nur ihre eigenen Werte untergräbt, sondern überhaupt nicht mehr im Bereich des Moralischen agiert.

Das EU-Türkei-Abkommen: Verlust der moralischen Integrität Europas

Zunächst einmal bemüht sich die EU durchaus um die Einhaltung ihrer Werte; zumeist sind es eher einzelne, so gut wie immer in nationalkonservativer Hand befindliche Staaten, die sie missachten. Jüngstes Beispiel hierfür ist Polen, wo die Regierungspartei PiS kurzerhand die Gewalteneinteilung aufzuheben versuchte und sich dafür prompt eine Rechtsstaatsprüfung der EU einhandelte. Auch so gut wie alle anderen europäischen Parteien des nationalkonservativen und rechtsextremen Spektrums, die sich oftmals als Verfechterinnen “abendländischer” Werte (welche sie oftmals von jenen der EU abgrenzen, da letztere ja ihre ach-so-fragile nationale Identität bedroht) sehen, benutzen diese nur als Vorwand für Ausgrenzung all jener, die diese angeblich einzig und allein aufgrund ihrer Herkunft aus einem anderen “Kulturkreis” missachten. Auf EU-Ebene sind sie trotz der Tatsache, dass beispielsweise die ECR (European Conservatives and Reformists) schon 75 und die ENF (Europe of Nations and Freedom) 38 Sitze im EU-Parlement bekleiden, bislang glücklicherweise noch immer in der Minderheit. Doch auch so unterminiert die EU bereits ihre eigenen Werte regelmäßig, insbesondere im Kontext der Flüchtlingskrise. Im vergangenen Jahr stockte sie nämlich nicht zuletzt mithilfe von Frontex die Kontrollen an den Außengrenzen massiv auf und verwandelte sich so in eine regelrechte Festung. Einen weiteren traurigen und menschenfeindlichen Höhepunkt erreichte der Umgang der EU mit Geflüchteten nun auch mit dem EU-Türkei-Abkommen. Gemäß diesem müssen seit dem 20. März alle Geflüchteten, die von der Türkei aus auf den griechischen Inseln ankommen, zurück in die Türkei. Für jede*n hierbei abgeschobenen, “illegalen” Syrer*in nimmt die EU wiederum eine*n “legalen” Syrer*in aus der Türkei auf; von letzteren dürfen maximal 72.000 nach Europa. Die EU bietet der Türkei im Gegenzug dazu unter anderem neben Versprechungen für Visafreiheit und die Eröffnung neuer Kapitel in den EU-Beitrittsverhandlungen sowie 6 Milliarden Euro als Entwicklungshilfe an, um den 2,7 Millionen Syrer*innen auf türkischem Boden zu helfen.

Hieraus wird vorallem die Hypokrisie der EU in Hinsicht auf ihre eigenen Werte ersichtlich. Von “Achtung der Menschenwürde” und “Freiheit”, wie es in Artikel 2 des EU-Vertrags steht, kann nämlich nicht die Rede sein, wenn “illegal” Geflüchtete unter unmenschlichen Umständen in den mittlerweile zu Haftlagern umfunktionierten Hotspots auf den griechischen Inseln festsitzen. Eine der Vorsitzenden der Stiftung Zukunft, die mir auch bei der zuvor erläuterten Gesprächsrunde zugehört hatte, meinte im Anschluss an letztere zu mir, dass uns die Werte Europas selbst oftmals gar nicht bewusst sind, und zumeist Nicht-Europäer*innen sie am Besten kennen. Das Bewusstsein um diese Werte wäre dann auch einer der Gründe dafür, weswegen soviele Geflüchtete bereitwillig sind ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um nach Europa zu kommen. Wenn ich im Kontext des Abkommens an ihre Aussage zurückdenke, resultieren daraus für mich nun folgende Fragen: Wieso verwehrt die EU dem Teil dieser Menschen, welcher aufgrund von willkürlichen Auswahlprozessen als “illegal” eingestuft wurde, dann Freiheit und Würde, obwohl sie sich selbst zur Einhaltung ebendieser Werte verpflichtet hat und die Geflüchtete eben aufgrund ihres Bewusstseins um dieses moralischen Fundaments der EU ihr Leben riskiert haben? Und wie können ihre Mitgliedsstaaten es sich dann noch anmaßen, sich auf ein erhöhtes moralisches Podest zu schwingen und von all jenen, die “legal” einreisen dürfen, unter Androhung sofortiger Ausweisung einzufordern, genau diese Werte, die sie selbst kollektiv missachten, zu respektieren? Insbesondere wenn man dann noch bedenkt, dass die Türkei in den letzten Wochen entgegen geltenden internationalen Rechts wahrscheinlich tausende von Syrer*innen zurück in ihre sich nach wie vor im Krieg befindliche Heimat geschickt hat, kann im Hinblick auf das Abkommen auch von der “Wahrung von Menschenrechten” definitiv nicht mehr die Rede sein.

Das EU-Türkei-Abkommen und die Forderung nach Obergrenzen: Negation moralischen Handelns

Die Implikationen dieses Abkommens gehen jedoch noch einen Schritt weiter. Um dies zu verdeutlichen, muss ich allerdings erst einmal weiter ausholen und kurz einige moralische Begriffe näher erläutern. Die in Artikel 2 des Vertrages festgelegten Werte, zu deren Befolgung die Mitglieder der EU sich verpflichtet haben, erinnern nämlich an normative deontologische Moralsysteme. Letzteren zufolge besteht die Richtigkeit einer Handlung darin, dass sie einer bestimmten, auf Vernunft oder anderen kognitiven Prozessen basierenden Regel folgt. Das kann man nun insofern auf die Werte der EU beziehen, als dass sich aus letzteren Regeln ableiten lassen, welche die EU-Mitgliedsstaaten befolgen sollen, um richtig zu handeln. Die wichtigsten alternativen Ansätze zum normativen System der Deontologie stellen Tugendethik (welche eine maßgebliche Rolle in der antiken Philosophie spielt) und Konsequentialismus dar; im Kontext des vorliegenden Artikels ist vorallem letzterer relevant. Wie sein Name es bereits suggeriert, bewertet der (direkte) Konsequentialismus eine einzelne Handlung nicht danach, ob sie einer bestimmten Regel folgt, sondern vielmehr anhand der durch sie erzielten Konsequenzen. Werden durch Handlung A die bestmöglichen Konsequenzen erzielt, so ist sie richtig; erzielt Handlung A allerdings schlechtere Konsequenzen als eine alternative Handlung B, welche zu den bestmöglichen Folgen führt, so ist sie falsch. Der durch die Konsequenzen herbeigeführte Zustand der Welt kann hierbei anhand unterschiedlicher Faktoren, wie etwa das menschliche Glück (und oftmals auch das aller restlichen Lebewesen) bemessen werden. Letzteres spielt vorallem in der bekanntesten Variation des Konsequentialismus, dem Utilitarismus  — zu dessen klassischen Vertretern unter anderem John Stuart Mill und Jeremy Bentham zählen — eine zentrale Rolle.

Der Konsequentialismus beziehungsweise Utilitarismus zeichnen sich also durch eine stark kalkulative Herangehensweise an moralische Entscheidungssituationen, welche man durchaus für ihren Appell an Rationalität und empirische Methodik bewundern kann, aus. Dadurch beherbergen sie aber gleichzeitig auch gravierende und bedenkliche Implikationen, mithilfe denen ich nun auch die Brücke zu meinen Reflexionen hinsichtlich der Relation zwischen der EU und ihren Werten im Hinblick auf das Türkei-Abkommen schlagen möchte. Findet der Utilitarist nämlich durch seine Berechnungen heraus, dass eine Handlung A zwar zu den bestmöglichen Konsequenzen führt, er dadurch aber eine moralische Regel bricht, so wäre A trotzdem noch immer richtig. Jegliches Festhalten an der Regel wird wiederum als irrationaler “Regelkult” zurückgewiesen. Zur Veranschaulichung ihrer moralischen Theorie konstruieren Utilitaristen nun oftmals haarsträubende Beispiele von extremen Entscheidungssituationen, in denen sie noch immer moralische Entscheidungen zu treffen glauben. Genau dies wird wiederum vom Philosophen Bernard Williams in dessen sehr empfehlenswerten Essay A critique of utilitarianism als bedeutender Kritikpunkt am Utilitarismus herausgearbeitet:

It could be a feature of a man’s moral outlook that he regarded certain courses of action as unthinkable, in the sense that he would not entertain the idea of doing them: and the witness to that might, in many cases, be that they simply would not come into his head. Entertaining certain alternatives, regarding them indeed as a l t e r n a t i v e s, is itself something that he regards as dishonourable or morally absurd. But, further, he might equally find it unacceptable what to do in certain conceivable situations. Logically, or indeed empirically conceivable they may be, but they are not to him morally conceivable, meaning by that that their occurrence as situations presenting him with a choice would represent not a special problem in his moral world, but something that lay beyond its limits. For him, there are certain situations so monstrous that the idea that the processes of moral rationality could yield an answer in them is insane: they are situations which so transcend in enormity the human business of moral deliberation that from a moral point of view it cannot matter any more what happens. […] Consequentialist rationality, however, and in particular utilitarian rationality, has no such limitations: making the best of a bad job is one of its maxims, and it will have something to say even on the difference between massacring seven million, and massacring seven million and one.

(Bernard Williams: A critique of utilitarianism, in: Smart, John J. C. & Williams, Bernard: Utilitarianism: for and against, Cambridge 1973, S. 92-93; Hervorhebungen durch den Verfasser des vorliegenden Artikels)

Durch das Abkommen mit der Türkei schafft die EU nun eine solche von Williams beschriebene Extremsituation und gibt vor, im Kontext von letzterer die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Doch sobald Menschen zu austauschbaren Zahleneinheiten quantifiziert werden und es plötzlich darum geht, dass 72.000 syrische Geflüchtete anstelle von auch nur einer einzigen Person mehr aus der Türkei in die EU übergesiedelt werden sollen, kann von Moral einfach nicht mehr die Rede sein. Die EU agiert hierbei, ob bewusst oder nicht, aus rein utilitaristischen, kalkulativen Beweggründen, was zusätzlich dadurch unterstrichen wird, dass sie keine Rücksicht auf die normativen Werte und die daraus resultierenden Regeln, die sie sich selbst auferlegt hat, nimmt. Indem ihre Entscheidungen also nicht nur die eigenen spezifischen Werte untergräbt, sondern überhaupt nicht mehr im Bereich des Moralischen zu verorten sind, nimmt sie für ihre Einwohner*innen umso mehr die Gestalt eines an moralischer Integrität mangelnden Gebildes an. Das wiederum erschwert die dringend notwendige Weiterentwicklung der EU von einer rein wirtschaftlichen zu einer verstärkt politischen und vorallem solidarischen Union, wodurch die Gefahr für Entfremdung zwischen den Bewohner*innen der einzelnen Länder enorm ansteigt. Ein Beispiel hierfür ist beispielsweise auch der Umgang der restlichen EU-Länder mit Griechenland, bei dem moralische Imperative bei den Verhandlungen über Schuldenerlassungen im letzten Jahr einfach keine Rolle mehr spielten, obwohl das aufgrund der katastrophalen humanitären Lage in bedeutenden Teilen der Bevölkerung dringend notwendig gewesen wäre. Stattdessen stand wieder einmal nur kühle wirtschaftliche Kalkulation im Vordergrund.

Es ist aber nicht nur die EU, die ihr Handeln offenbar längst nicht mehr nach moralischen Standpunkten richtet: Auch die auf nationaler Ebene agierenden, wieder einmal im größten Teil der Fälle rechten Parteien, die Obergrenzen für Geflüchtete fordern, entfernen sich durch ihre Quantifizierung von Menschen aus dem Bereich des Moralischen und verlieren damit jegliche Legitimität, ihre Vorschläge als “richtig”, welches immerhin ein moralisches Werturteil darstellt, einzustufen. Wenn beispielsweise Horst Seehofer davon spricht, höchstens 200.000 Geflüchtete pro Jahr in Deutschland zuzulassen — womit er wiederum impliziert, dass man keinen einzigen Menschen mehr den Zugang gewähren sollte —, so kann man die von ihm vorgeschlagene Handlung nicht mehr als dem moralischen Bereich zugehörig betrachten. Ganz davon abgesehen, dass diese Quantifizierung von Menschen allgemein dehumanisierend wirkt, treten dabei auch die unverhohlene Hypokrisie Seehofers und der CSU auf. Diese sehen sich gerne als Verfechter christlicher Werte, was aber durch ihre Forderung nach Obergrenzen, welche sich jeglicher — egal ob religiöser oder säkularer — Moral entzieht, umso stärker Lügen gestraft wird.

Zusammenfassend stört es mich zutiefst dass, wie mir durch die Tagung in Berlin bewusst geworden ist, im öffentlichen Diskurs in letzter Zeit dauernd die europäischen Werte herauf beschworen werden, obwohl das eigentliche Handeln der EU sich in vielerlei Hinsicht längst davon entfernt hat und sich mittlerweile vorallem durch zynische Kalkulation auszeichnet. Umso mehr bedarf die EU jetzt deswegen dringender Reformen, um sich zu einer Gemeinschaft zu entwickeln, die Solidarität und Menschenwürde nicht nur pro forma zu ihren Werten kürt, sondern diese auch tatsächlich im Umgang mit Menschen — egal ob sie aus der EU stammen oder nicht — lebt und nicht mehr solche Abkommen durchgehen lassen würde. Erwähnenswert ist dazu, dass viele Abgeordnete im EU-Parlament das Abkommen kritisiert haben, was wiederum zeigt, dass in den relevanten Entscheidungsebenen der EU eigentlich auch Potenzial für eine alternative Politik vorhanden wäre. Da es im Moment allerdings nicht so aussieht, als ob dieser transformative Prozess in absehbarer Zeit angestoßen werden und er im Falle seiner letztendlichen Initiierung aufgrund der Komplexität eines solchen Unternehmens wie der EU noch immer viele Jahre in Anspruch nehmen würde, ist es umso wichtiger, dass ihre Einwohner*innen sie schon jetzt “von unten” verändern, indem sie die Umsetzung einer humanen Flüchtlingspolitik und die Aufrechterhaltung der damit verbundenen Werte (die man natürlich immer wieder kritisch evaluieren und konzeptuell festlegen muss, um nicht einem gefährlichen Wertekonservatismus zu verfallen), egal ob diese nun spezifisch “europäisch” sind oder nicht, selbst in die Hand nehmen. Das lässt sich dann wiederum unter anderem durch solidarisches Engagement über nationale Grenzen hinweg, Protest gegen Abkommen wie jenem zwischen der EU und Türkei und der Dekonstruktion von Argumenten für Obergrenzen und anderen unmoralischen Vorschlägen bewerkstelligen.

Die rechte Szene Luxemburgs Ende 2015: Castiglia, Kartheiser, Keup, Thein, Peters & andere “Lezeboia”

Nach all den Jahren, in denen die rechte Szene Luxemburgs bereits ihr Unwesen treibt, wurden ihre Mitglieder und Sympathisanten nun endlich vom Tageblatt-Journalisten Francis Wagner auf einen äußerst passenden Namen getauft: “Lezeboia“. Der Lezeboia war auch in den letzten Monaten, nachdem die Diskussionen um das Ausländerwahlrecht abgeklungen und stattdessen die jüngste Flüchtlingskrise in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt ist, wieder sehr aktiv und hat überall in den sozialen Netzwerken seine von Hass und Ignoranz gezeichnete Fratze gezeigt. Inwiefern, möchte ich nun wieder einmal mit einem neuen Text über den Stand der rechten Szene Luxemburgs Ende 2015 analysieren.


 

Nico Castiglia und die SDV hetzen nach wie vor

Im Zentrum meines letzten Textes über die rechte Szene in Luxemburg stand vor allem Nico Castiglia, der mit seiner neuen “Sozial-Demokratischen Volkspartei” das Spektrum rechts neben der ADR für sich beanspruchen wollte. Dessen privates Profil und die offizielle Facebookseite der SDV bildeten einige Zeit lang eine der zentralen Hubpages der rechten Szene — dementsprechend war die Sorge groß, dass dank einer tatsächlichen Realisierung seiner parteipolitischen Pläne die rechtsextreme Szene nicht mehr nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch in der politischen Landschaft Fuß fassen konnte. Im Anschluss an die Gründung seiner Partei, die wie angekündigt am 25. April 2015 stattfand, wurde es dann aber schlagartig wieder sehr ruhig um die SDV. Die rechte Szene verstreute sich, wie ich nachfolgend noch erläutern werde, auf weitere Hubpages wie etwa “I love main Letzebuerg”, sodass sich auch der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit von Castiglia und seiner SDV loslöste.

Wirft man nun aber einen Blick auf die jüngsten Beiträge auf Castiglias privatem Profil und die offzielle Facebook-Gruppe der SDV, so wird einem bewusst, dass sich in der Zwischenzeit rein gar nichts geändert hat. Castiglia betreibt nämlich nach wie vor kalkuliert rechtsextreme Hetze in den sozialen Medien — und dies vorallem, um, wie ich bereits im letzten Artikel über ihn erläutert habe, neue Mitglieder für seine Partei zu rekrutieren, die genau diese von ihm aufgestachelten Ressentiments bedient. Der Grund weswegen ich nicht einfach auf meinen früheren Artikel verweise ist nun aber, dass Castiglias jüngste Hetze im aktuellen zeitgeschichtlichen Kontext noch einmal eine umso beunruhigendere Note erhält, und er dazu mittlerweile klar und deutlich Positionen seiner Partei in Form von Flyern ausformuliert hat, die es im April so noch nicht gab. Nico Castiglia schürt Hetze gegen Nigerianer

Als erstes Beispiel für Castiglias Hetze möchte ich obigen Artikel heranziehen, den er am 28. Oktober 2015 geteilt hat, und der sich um die Zersprengung eines Drogenrings, bei der eine christliche Sekte aus Nigeria maßgeblich involviert gewesen sein soll, dreht. Der Originalartikel — den ich an dieser Stelle bewusst nicht verlinke, da ich Lëtzebuerg Privat, die ähnlich wie ihre deutschen Boulevardblattvorbilder immer wieder mit reißerischen Schlagzeilen Stimmung gegen Flüchtlinge und Ausländer macht und somit zur aktuell giftigen Stimmung beiträgt, keine Plattform bieten möchte — ist bereits von vornherein wenig differenzierend, da er die Nigeranier kurzerhand unter dem Begriff “Schwarzafrikaner” subsumiert.  Nico Castiglia gießt  dazu mit seinem Kommentar “Und wieder … Luxemburger …” — mit dem er offensichtlich suggeriert, dass die braven Luxemburger so etwas nie tun würden und es immer nur die ach-so-bösen Ausländer sind — weiteres Öl ins Feuer. Die auf diese Stimmungsmache folgenden Kommentare unter dem Artikel von Castiglias Anhängern und Menschen aus seiner Freundesliste sprechen dann auch für sich und entlarven die angeblichen “Ängste” der besorgten Bürger als das, was wie wirklich sind — nämlich blanker, unverhohlener Rassismus, der nur einen willkommenen Prätext braucht, um hervor zu brechen:

Nico Castiglia Hetze gegen Nigerianer#2 Nico Castiglia Hetze gegen Nigerianer#3  Nico Castiglia schürt Hetze gegen Nigerianer#6 Nico Castiglia schürt Hetze gegen Nigerianer#7 Nico Castiglia schürt Hetze gegen Nigerianer#8 Nico Castiglia schürt Hetze gegen Nigerianer#11 Nico Castiglia schürt und toleriert Hetze gegen Nigerianer#5 Nico Castiglia toleriert Hetze gegen Nigerianer#4 Nico Castiglia toleriert Hetze gegen Nigerianer#9 Nico Castiglia toleriert und schürt Hetze gegen Nigerianer#10

Castiglia selbst löscht weder diese Kommentare, in denen die im Artikel behandelten Nigerianer von Castiglias Anhängern — die sich teilweise noch dumm-dreist in ihrer eigenen Ignoranz suhlen und behaupten, es gäbe nur “schwarze Afrikaner”  — kollektiv als “Dreck”, “Bimbo-Pack”, “Ratten”, “Solarium-Luxemburger” und “Neger” beschimpft werden, noch weist er die Leute, die diese wüsten rassistischen Beleidigungen von sich geben, zurecht. Wer auch nur den geringsten Funken Achtung für die Würde eines jeden Menschen — egal, welche Straftat dieser begangen hat und welcher Ethnie oder Nationalität er angehört — in sich trägt, würde solche Aussagen sofort aufs Schärfste verurteilen. Castiglia tut dies aber nicht. Für ihn fallen die rassistischen Anfälle seiner Anhänger wahrscheinlich wieder in die Kategorie “legitimierte Meinungsäußerung”, die er mit an niederste Gefühle appellierenden Beiträgen zu provozieren versucht.

Castiglias Prozedere lässt sich noch anhand weiterer Beispiele illustrieren — insbesondere im Zuge der jüngst in Europa stattfindenden Flüchtlingskrise (wobei es meiner Meinung nach eher eine Rechtsextremenkrise ist) hetzt er mittels völlig aus der Luft gegriffenen Mutmaßungen — beispielsweise die abstruse, unter zahlreichen Rechten beliebte Theorie, dass sich unter den Flüchtlingen unzählige IS-Terroristen verbergen — gegen Asylsuchende:

Nico Castiglia Flüchtlinge sind Terroristen

Dass sich unter den Flüchtlingen IS-Terroristen befinden sollen, wird auch vom früheren ersten Bürger des Landes Laurent Mosar auf Twitter behauptet:

Laurent Mosar#1 Laurent Mosar#2 ehemaliger Chamberpräsident

Das ist alles aber vollkommen abstrus. Ganz davon abgesehen, dass dabei Hilfesuchende — und das ist besonders unverzeihlich — direkt im Vornherein kollektiv stigmatisiert werden: Zunächst einmal ist der IS nicht primär daran interessiert, Terror in Europa zu säen, sondern konzentriert sich momentan vorallem auf seine territorialen Bestrebungen. Dazu wäre es irrsinnig, die eigenen Terroristen über Flüchtlingsrouten nach Europa zu schicken, da sie dort Gefahr laufen, auf dem Weg zu sterben; wenn der IS Terror in Europa stiften wollen sollte, dann würde er die IS-Mitglieder mit europäischem Pass, die bequem per Flugzeug oder auf anderem Wege einreisen können, schicken.

Auch mit einem weiteren Artikel von einem Blog, der von der französischen Rechtsextremen Christine Tasin (die unter anderem behauptet, dass es keine moderaten Muslime gäbe) betrieben wird, stellt Castiglia Muslime wieder bewusst als Feindbild auf, an dem der rechte Mob seine Ressentiments auslassen kann: Nico Castiglia Hetze gegen Muslime#1

Nico Castiglia Hetze gegen Muslime#2

Dabei wird sogar, wie man anhand des zweiten Kommentars von Doc Marcel sieht, unverhohlen zu Gewalttaten gegenüber Muslimen aufgerufen — was einen umso bittereren Nachgeschmack erhält, wenn man die rezenten, mittlerweile beinahe tagtäglich stattfindenden Übergriffe auf Ausländer, Flüchtlinge und Aktivisten in Deutschland bedenkt.

Auch die SDV-Gruppe ist in dem Kontext einer näheren Beobachtung wert. Am 4. Oktober 2015 wurde dort beispielsweise zunächst einmal ein Foto von Salafisten gepostet, die (übrigens dass die muslimische Gesellschaft in Luxemburg etwas davon wusste) in der Innenstadt Luxemburgs den Koran verteilten:

 

 

 

SDV Islamophobie

Unter besagtem Foto äußerte dann ein gewisser Jo Gentile offen seine Gewaltbereitschaft gegenüber Muslimen, die auch wieder einmal weder von den Admins der SDV-Seite noch von Castiglia selbst geahndet wurde:

SDV Islamophobie#2

Dazu weiß Castiglia auch bestens darüber Bescheid, dass der Großteil seiner Mitglieder sich nicht mal die Mühe macht, die von ihm geposteten Artikel ganz zu lesen — er selbst tut das aber offensichtlich auch nicht, wie ein Beitrag seinerseits vom 27. Oktober 2015 zeigt. An dem Tage hatte er nämlich folgenden Artikel geteilt:

Nico Castiglia macht wieder bewusst Hetze#1

Ganz davon abgesehen, dass ich die Forderung nach mehr Geld auch für berechtigt halten würde, wenn es sich bei den auf dem Bild dargestellten Personen um echte Flüchtlinge handeln würde (immerhin ist der Wunsch für ein menschenwürdigeres Leben angesichts der Umstände, in denen Flüchtlinge leben müssen, mehr als verständnisvoll): Wie im verlinkten Artikel selbst (!) steht, sind die Menschen auf dem Foto gar keine Flüchtlinge, sondern wurden eigens angestellt, um rechtsextreme Hetzer wie Castiglia und Konsorten, denen jedes Mittel — Gerüchte, Lügen und eben bewusste Falschmeldungen — recht ist, um gegen Flüchtlinge und Ausländer zu stänkern, zu entlarven. Mit Erfolg, wie man anhand der unter dem Artikel stehenden Kommentare sehen kann:

Nico Castiglia macht wieder Hetze gegen Flüchtlinge#3 Nico Castiglia macht wieder Hetze gegen Flüchtlinge#4 Nico Castiglia macht wieder Hetze gegen Flüchtlinge#6 Nico Castiglia macht wieder Hetze gegen Flüchtlinge#7

Nico Castiglia macht wieder Hetze gegen Flüchtlinge#5 ja früher war alles besser, da hatte ich nicht Angst Pegida jeden montagabend anzutreffen

Zu Zolver Marcos Kommentar kann ich dazu nur eines sagen: Ja, früher war es tatsächlich schöner. Da hatte ich hier in München nämlich wenigstens noch keine Angst, jeden Montag einer ausländerfeindliche und islamophobe Parolen grölenden Horde namens BAGIDA, die die Presse- und Meinungsfreiheit mit Füßen tritt, in den Straßen zu begegnen.

Castiglias in die tobende braune Menge geworfene Beiträge sind alle letztendlich ganz bewusstes, zynisches Kalkül. Ich gehe nicht einmal davon aus, dass Castiglia unbedingt den drastischeren Aussagen des braunen Mobs, den er auf seinem privaten Profil toben lässt, zustimmen würde — aber dass er diese Kommentare in keinster Form ahndet und sie sogar bewusst mittels seines demagogischen Gehabes hervor ruft, ist absolut perfide und verurteilenswert. Seine Beiträge generieren oder stimulieren nämlich diffuse Ängste, die Castiglia dann für seine eigene politische Agenda einzuspannen versucht, in dem er immer wieder zwischen seinen Hetzbeiträgen Positionen seiner Partei verkündet. Wie bereits eingangs erwähnt, hat er Letztere mittlerweile in Form von Flyern verewigt. Schaut man sich diese einmal näher an, so wird die ideologische Nähe von Castiglias Partei zur besonders sympathischen Gesellschaft von AFD, PEGIDA und NPD umso ersichtlicher.

Nico Castiglia Asylantenquote Wieso darf ich nicht fragen ob mein Lebensstil mit der SDV kompatibel ist

Die Schlagworte, die die SDV hier raushaut, hätten so auch aus dem Mund eines AFDler stammen können. Die fordern nämlich auch immer wieder eine “geregelte Einwanderung” nach kanadischem oder australischem Vorbild — also kurzum eine auf politischer und gesetzlicher Ebene legitimierte Exkludierung von Menschen, deren Religion oder Ethnie einem nicht passen. Als besonders lächerlich empfinde ich die Forderung danach, dass die Mentalität und Lebensart der Einwanderer mit denen aus Luxemburg kompatibel sein soll. Ich bin jedenfalls sehr überzeugt davon, dass es — um nur ein Beispiel zu nennen — ganz viele Menschen aus muslimischen Ländern gibt, deren Mentalität und Lebensart mir um Welten mehr zusagt als die von Castiglia und seinem rassistischen Anhang. Mit Menschen wie Letzteren verbindet mich nämlich nur meine Nationalität — und von solch einem abstrakten Konzept, das mich automatisch eine Verbindung zu Menschen, mit denen ich außer der Tatsache dass wir zufälligerweise auf dem gleichen kleinen Flecken Erde geboren wurde, nichts zu tun habe und es auch nicht will, herstellt, halte ich reichlich wenig.

Nico Castiglia NPD-Rhetorik

Man beachte auch bei dem obigen Screenshot den herrlichen Widerspruch, der sich zwischen den Forderungen auftut: Einerseits fordert die SDV eine “gerechtere Verteilung” von Arbeitsplätzen, andererseits ist sie aber der Auffassung, dass luxemburgische Staatsbürger ein Vorrecht auf besagte Stellen hätten — soviel dazu, was die SDV unter “gerecht” versteht. Dass Luxemburger ungeachtet ihrer Qualifikation bei der Arbeitssuche privilegiert werden sollen, erinnert übrigens frappierend an die Rhetorik, die die NPD schon seit Jahren pflegt:

NPD Rhetorik

Aber ich will nicht unfair sein. Immerhin zeigt die SDV auf ihren Flyern auch das, was sie am Besten kann — nämlich inhaltslose Phrasendrescherei:

Nico Castiglia SDV Schulsystem

Jedes Mal, wenn ich diesen Flyer sehe, entringt sich meinem offenstehenden Mund ein lautloses “Wow”, gefolgt vom rhythmischen Herabsinken meines Kopfes in Richtung Tischplatte. Hat sich die Partei auf den anderen Papieren wenigstens noch den Hauch von Mühe gegeben, ihre kruden Positionen in Form von Forderungen auszuformulieren, so reduziert sie ihre Stellung gegenüber dem Schulsystem auf simples Gemeckere ohne den geringsten Hinweis darauf, was sie denn nun eigentlich daran stört.

Dazu bombardiert die SDV Interessierte auch mit pseudo-weisen, plumpen Zitaten, die geradewegs aus der tiefsten Hölle misslungener Sprüche, die immer wieder auf Facebook ihr Unwesen treiben, zu stammen scheinen:

Nico Castiglia FB-Quotes als Teil der Parteikampagne

Der an dieser Stelle verwendete Begriff des “Volkes” ist mir sowieso schon von vornherein ein Dorn im Auge, da er historisch vorbelastet ist und allzu gerne in einem Ausgrenzungsmechanismen begünstigenden Kontext verwendet wird, beispielsweise bei PEGIDA, oder jetzt bei der SDV. Mit dem “Volk” wird nämlich nur eine Bevölkerungsgruppe bezeichnet — in diesem Falle die Luxemburger. Die alleine sind aber kaum repräsentativ für die Gesamtbevölkerung Luxemburgs, die sich aus zahlreichen anderen Menschen unterschiedlichster Nationalitäten zusammensetzt, die allesamt genauso Teil des Landes sind und des Öfteren die luxemburgische Sprache besser als die selbsternannten Retter ebendieser beherrschen. Das passt auch zur Unterstreichung des “Willens der 80%” auf den anderen Flyern — dazu später mehr.

Ich möchte an dieser Stelle auch noch einmal meine ursprüngliche Behauptung revidieren: Die SDV mag sich zwar (momentan) nicht mehr im Rampenlicht suhlen, aber Castiglia und Konsorten waren dennoch nicht untätig, was das Vorantreiben ihrer zweifelhaften politischen Agenda anbelangt. Mittlerweile gibt es nämlich auch SDV-Merchandise — damit ihr jedem ohne auch nur ein Wort von euch zu geben verdeutlichen könnt, dass ihr Sympathien für eine Partei bekundet, deren Präsident offensichtlich kein Problem damit hat dass auf seinem Profil PoC als “Neger” und “Dreck” bezeichnet werden. Umso bezeichnender ist es dann auch, dass das Layout der Sticker — rot, dazu ein von einem weißen Kreis umschlossenen Symbol — Allusionen an das Logo der NSDAP weckt.

Nico Castiglia SDV Sticker Nico Castiglia SDV Stifte

Wenn ich mir das Luxemburgisch der SDV-Anhänger so anschaue, erhalten die in stumpfem Stolz mit luxemburgischer Flagge bestückten Kugelschreibern eine ironische Dimension — mit ihnen wird nämlich wohl nie ein grammatikalisch oder ortographisch korrekter Satz auf Luxemburgisch geschrieben werden. Das verdeutlicht wieder fehlende Kredibilität der SDV-Anhänger und Lezeboia. Wenn man seine Sprache nämlich angeblich so sehr liebt, dass man um ihrer Willen andere Menschen ausschließt, beleidigt und diskriminiert, ist das schon schlimm genug — sie selbst dann aber nicht einmal korrekt zu beherrschen und dann noch einen draufzusetzen und zu jammern, man hätte das in der Schule nie anständig gelernt (so wie es unter anderem der Betreiber der Hubpage “ONST LËTZEBUERGER LAND”, auf die ich später noch eingehen werde, behauptet), ist jenseits jeglicher Dreistigkeit und erzürnt mich in seiner gehässigen Unverschämtheit. Offenbar geht die Liebe der Patrioten für ihre Sprache doch nicht so weit, dass sie für sie ein paar Stunden ihrer Zeit für einen Abendkurs im Luxemburgischen opfern würden — und das zieht ihre Forderungen und Liebesbekundungen an Luxemburg umso mehr ins Lächerliche.

So wie PEGIDA wettern auch Castiglia und die SDV dann auch noch gerne gegen die verhasste Lügenpresse:

Nico Castiglia Lügenpresse#2

Nico Castiglia LügenpresseLieber Nico — nur weil die etablierten Medien nicht eine ähnlich rechtsextreme Weltanschauung wie du propagieren, heißt das noch lange nicht, dass sie vom Staat und dessen Agenda gelenkt werden und Lügen verbreiten. Anhand des ersten Screenshots lässt sich auch deduzieren, dass die SDV offensichtlich eine Demo gegen Flüchtlinge plante — welche, wie Castiglia, der wieder eine Verschwörung gegen ihn und seine treuen Untertanen wittert, sich beklagt, allerdings (glücklicherweise) bislang noch nicht zustande kam. Trotz ihrer ungeheuren parteipolitischen Bestrebungen in Form von plumpen Sprüchen und Kugelschreibern krebst die arme SDV somit munter weiter am Rande der (partei)-politischen Bedeutungslosigkeit herum. Nico Castiglias Verzweiflung darüber scheint mittlerweile dann auch soweit vorangeschritten zu sein, dass er nun in eine quasi-religiöse Anbetung von Marine Le Pen (und ihrer Neffin Marion) geflüchtet ist und mit ritueller Regelmäßigkeit Fotos und Beiträge von ihr auf seiner privaten Facebookprofilseite postet, damit sie ihm endlich die Gnade einer rettenden Epiphanie oder zumindest eines Autogramms gewährt. Umso sonderbarer erscheint diese Faszination für eine Politikerin, die unter anderem die Wiedereinführung der Todesstrafe und die komplette Abschottung Frankreichs fordert im Angesicht der Tatsache, dass Castiglia jegliche Vorwürfe des Rechtsextremismus von sich weist und all jenen, die das Gegenteil behaupten (berechtigterweise, wie seine Affinität für rechtsextreme Politiker zeigt), gar rechtliche Schritte androhte.

Nico Castigla Marine Le Pen#1 Nico Castiglia Marine Le Pen#2 Nico Castiglia Marine Le Pen#3 Nico Castiglia Nicht mal die Tochter von Marine Le Pen wird von ihm in Ruhe gelassen

Fred Keup und der Wee2050

Schaut man sich die Fyler der SDV noch einmal genauer an, so fällt einem auf, dass jedes über einen Saum mit dem Spruch “Der Wille von 80%” verfügt. Gemeint sind damit jene 80%, die im letzten Juni beim Referendum über das Ausländerwahlrecht gegen Letzteres gestimmt haben. Damit greift die SDV eine Narrative auf, die seit dem Referendum zum Ausländerwahlrecht in der rechten Szene (aber auch bei Außenstehenden) besonders beliebt ist, da sie für ein gewisses Gemeinschaftsgefühl sorgt, das wiederum aus einem Drang nach Abgrenzung zu den sogenannten “20%”, die für das Ausländerwahlrecht gestimmt haben, resultiert. Zunächst einmal repräsentieren diese 80% aber in keinster Weise ganz Luxemburg, sondern nur 80% der Luxemburger, die wiederum gerade einmal ein bisschen mehr als die Hälfte der Bevölkerung Luxemburgs ausmachen. Dazu ist es fragwürdig zu behaupten, all diese Individuen hätten einen einzigen Willen, den man in ein simplistisches Wahlprogramm wie das der SDV  oder in ein lächerliches Projekt wie Freud Keups Wee2050 (ehemalig Nee2015) bündeln könnte.

Fred Keup, auf den ich an dieser Stelle nun noch kurz eingehen möchte, ärgert mich in letzter Zeit besonders, und das aus mehreren Gründen. Seine privat lancierte Kampagne zum Ausländerreferendum, Nee 2015, die langsam zu einer peinlichen Ansammlung von Menschen die sich damit brüsteten, anderen Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft demokratische Rechte zu verbieten, heranwuchs, verbreitete zunächst einmal konstant auf Halbwissen basierende Unwahrheiten, die trotz mehrfacher Widerlegung überall von seinen Anhängern nachgeplappert wurden. Vorallem aber spielte er mit einer jener Behauptungen — und zwar jener, dass man die nationale Souveranität Luxemburgs mit dem Ausländerwahlrecht aufs Spiel setzen würde — der rechten Szene in die Hände. Stattdessen, so sagte er, sollen sie doch einfach die luxemburgische Nationalität annehmen, wenn sie wählen wollen; notfalls könne man auch die Bedingungen zum Erhalt der Nationalität lockern. Nun, da tatsächlich eine Reform des Nationalitätsgesetzes ansteht, regen Fred Keup und Konsorten sich aber auf einmal auf, dass die luxemburgische Nationalität angeblich zum Ramschpreis verkauft wird. Man muss sich das einmal vor Augen führen: Fred Keup und seine Anhänger wollen den Ausländern zuerst das Wahlrecht verwehren, mit dem Verweis drauf, dass dieses nur Luxemburgern zustünde. Wenn sie mitwählen wollen, sollen sie Luxemburger werden. Genau dabei wollen sie den Ausländern aber nun auch keine Zugeständnisse machen, indem sie ihnen den Weg zur luxemburgischen Nationalität so schwer wie möglich machen.

Dazu fährt Fred Keup genau die gleiche Schiene wie viele andere Mitglieder der rechten Szene: Meinungsfreiheit gilt nur für ihre eigene Meinung. Das wird besonders deutlich im Falle eines kritischen Kommentars des luxemburgischen Kulturschaffenden Guy Schons zu Nee2015 & Co., der kurzerhand von Fred Keup und Konsorten gemeldet wurde:

Guy Schons

Danach ist Fred Keup noch dazu übergegangen, Guy Schons privat zu bedrohen, so wie es seine rechten Gesinnungsgenossen auch gerne mal tun:

Guy Schons#2

Man mag sich kaum ausmalen was wäre, wenn Menschen wie Fred Keup, Castiglia oder Kartheiser tatsächlich die politische Macht in Luxemburg innehätten — die Meinungsfreiheit würde dann wohl tatsächlich zu einem Relikt der Vergangenheit werden, und zwar durch genau die Menschen, die sich immer fadenscheinig als ihre größten Verfechter porträtiert haben.

“I love main Lëtzebuerg”, “ONST LËTZEBUERGER LAND” und andere Hubpages der rechten Szene

Wie ich bereits vorhin angedeutet habe, hat sich die rechte Szene in den letzten Monaten neben Castiglias privatem Profil und den verschiedenen Seiten der SDV auch auf andere Hubpages wie “I love main Lëtzebuerg” und “ONST LËTZEBUERGER LAND” verteilt. Dazu tobt der rechte Mob und die von ihm ermutigten “besorgten Bürger”, die nicht spezifisch zur rechten Szene zählen, sondern eher in deren Fahrwasser agieren, in letzter Zeit auch sehr oft auf den großen luxemburgischen Nachrichtenseiten, die ihrerseits immer wieder unfreiwillig zu Hubpages für die rechte Szene mutieren.

Zunächst einmal möchte ich mich den den beiden größeren Hubpages “I love main Lëtzebuerg” und “ONST LËTZEBUERGER LAND”, die für luxemburgische Verhältnisse über eine hohen Anzahl an Likes verfügen und in den vergangenen Monaten immer wieder eindeutig Beiträge, die an die rechte Szene appellieren oder zumindest rechte Positionen vertreten, veröffentlicht und dementsprechend auch den braunen Mob angelockt haben, widmen. Das Riskante an solchen Hubpages ist, dass sie Menschen, die nichts mit der rechten Szene zu tun haben, mit vermeintlich harmlosen patriotischen Liebesbekundungen an Luxemburg (die sich alleine schon durch ihre Titel ausdrücken) anlocken, so die Reichweite ihrer Hetze vergrößern und im schlimmsten Falle eventuell noch mehr Menschen, die bislang unerreichbar waren, gegen Flüchtlinge, Ausländer und Muslime aufwiegeln.

So auch im Falle von “I love main Lëtzebuerg”. Hinter dieser Seite steckt unter anderem Dan Schmitz, einer der bekanntesten Rechtsextremen Luxemburg, der schon seit mehreren Jahren in der Szene aktiv ist und jüngst wieder wegen Todesdrohungen und Sittenwidrigkeit zu sechs Monaten Haft verurteilt wurde. Selbiger gab auf der Seite immer wieder ungestört seine rassistische Weltsicht zum Besten: I love main Letzebuerg "Zurück in den Urwald"

Auch mit seinem privaten Profil macht Dan Schmitz nach wie vor keinen Hehl aus seiner rechtsextremen Gesinnung:

 

Dan Schmitz "Wäre vielleicht besser gewesen" Dan Schmitz lernt es nie

Nachdem solcherlei rechtsextremen Aktivitäten auf der Seite während einiger Zeit drastisch angestiegen waren (wie ich unter anderem in meinem Forum-Artikel illustriert habe), wurde die Seite schließlich, nachdem auch die Behörden auf sie aufmerksam geworden sind, im September gesperrt; kurz darauf jedoch ging sie wieder online. Im ersten Augenblick schien sich die Lage beruhigt zu haben — es wurden zwar nach wie vor dubiose Beiträge geteilt, aber Dan Schmitz und die anderen Admins hielten sich mit allzu offensichtlichen rechtsextremen Aussagen zurück. Nichtsdestotrotz ruft die Seite in letzter Zeit wieder vermehrt Hetze hervor, in dem sie einfach Artikel kommentarlos posten und die braune Meute darauf loslassen :

I love main Letzebuerg Menschenfeindliche Aussagen bei I love main Letzebuerg

Insbesondere die Tatsache, dass im Zuge der europaweiten Umverteilung von Flüchtlingen auch weitere Asylsuchende nach Luxemburg (dessen Aufnahmekapazitäten, entgegen dem was die Rechten dauernd predigen, noch längst nicht ausgeschöpft sind) kommen, ruft auf “I Love main Lëtzebuerg” xenophobe Reaktionen der übelsten Sorte hervor — und das oftmals von Menschen, die bislang keine festen Mitglieder der rechten Szene sind, sich aber durch die Aktivität selbiger ermutigt fühlen, ihren eigenen Ressentiments freien Lauf zu lassen:  I love main Letzebuerg#1 I love main Letzebuerg#2 I love main Letzebuerg#3

Die Kommentare unter dem Artikel strotzen wieder nur so vor mir unerklärlicher Verachtung gegenüber all jenen, die am Dringendsten Schutz benötigen. Doris Kinnen da Costa beispielsweise glaubt, dass nur Christen aus Kriegsgebieten ein Recht darauf hätten, als “Schutzsuchende” bezeichnet zu werden — denn Bombardierungen, Exekutionen und Folter  können muslimischen Flüchtlingen natürlich nichts anhaben. Patrick Billo wiederum ist der Meinung, dass sie gar keinen Schutz suchen, sondern nur ihre Heimat hinter sich lassen und ihr Leben auf einer mehrere tausend Kilometer langen Reise aufs Spiel setzen, um ohne jegliche Privatsphäre in überfüllten Zeltstädten und mit minimaler finanzieller Unterstützung zu leben. Diesen “Wohlstand” haben sie sich seiner Meinung nach aber auch nicht verdient, denn alle Flüchtlinge haben ihm zufolge noch nie etwas in ihrem Leben geleistet — ganz anders als der ehrenwerte Patrick, der seine Zeit damit verbringt xenophobe Kommentare auf Facebook hinaus zu posaunen.

Über eine ähnlich hohe Reichweite wie “I love main Lëtzebuerg” verfügt dann auch “ONST LËTZEBUERGER LAND”. Deren Admin(s) lassen sich nicht eindeutig der rechten Szene zuordnen, aber ihre Beiträge, die sie offenbar in Eigenhand kreieren, sind sehr attraktiv für die rechte Szene und werden dementsprechend auch beispielsweise von Fernand Kartheiser (dem ich mich später noch eingehender widmen werde) geteilt.

An dieser Stelle ein erstes Beispiel:

LETZEBUERG

Der obige Spruch wird immer wieder gerne von Mitgliedern der rechten Szene und besorgten Bürgern aufgegriffen — immerhin ist es sehr bequem, jegliche Verantwortung für die eigenen rassistischen und xenophoben Ausbrüche von sich zu weisen und die Schuld dafür, dass sie gegen Ausländer hetzen, den Politikern in die Schuhe schieben. An dieser Stelle ein kleiner Hinweis meinerseits an die Lezeboia, die dieses Credo immer wieder kreischend wiederholen: Man wird nicht zum Rassisten “gemacht”, sondern man entscheidet aus freien Stücken, ob man den eigenen Ressentiments nachgibt und Teil des hetzerische Reden gebärenden braunen Morastes, oder doch lieber eine von Empathie, Humanismus und Achtung für die Würde eines jeden Menschen geleitete Person wird. Sich dieser Entscheidungsfreiheit zu verwehren, ist nicht nur, um es mit den Worten Jean-Paul Sartres auszudrücken, ein Paradebeispiel für mauvais foi, sondern auch ganz einfach Feigheit, Rechenschaft für die eigene dubiose und auf Ignoranz fundierte Weltsicht abzulegen.

Dazu liefern sie eine zweifelhafte Legitimation dafür, rassistische Äußerungen von sich zu geben — immerhin wollen sie ja nur ihr Land verteidigen, und für solch ein nobles Ziel darf man auch gerne mal die Würde anderer Menschen vergessen.

Onst Letzebuerger Land Bullshit

Am Besten verteidigt man sein Land dazu auch, in dem man die Landessprache falsch schreibt und dies damit rechtfertigt, dass man die Sprache angeblich nie in der Schule gelernt hat — genauso, wie es auch immer wieder die Mitglieder der SDV und viele andere Lezeboia beteuern. Schon mal was von Luxemburgischkursen für Erwachsene gehört?

“ONST LËTZEBUERGER LAND” spart auch nicht mit weiteren patriotischen Verirrungen. Man beachte beispielsweise dieses Paradebeispiel der Absurdität:

Onst Letzebuerger Land Sinnlos

“Luxemburger sein ist stolz sein.” Stolz sein worauf? Darauf, dass man auch noch die letzte Portion Kachkéis verdrückt hat? Darauf, dass man das Grüne Spiel auf der Schobermesse überlebt hat? Oder vielmehr darauf, dass man das Glück hatte, per Zufall auf diesem erbärmlich winzigen Flecken Land geboren worden zu sein? Das Ganze wird nur noch durch den noch viel sinnloseren Kommentar darunter getoppt:

Onst Letzebuerger Land noch sinnloser

Um diese brillanten, sich gegenseitig um soviele Facetten bereichernden gedanklichen Ergüsse zusammenzufassen: “Luxemburger sein ist stolz sein und ‘stoltz'”. Denn man darf nicht vergessen, dass man als waschechter luxemburgischer Patriot nicht nur eine beim Gedanken an die traute Heimat vor Stolz anschwellende und bis zur Grenze des Platzens drängende Brust haben, sondern zusätzlich noch jegliche Regeln der Ortographie und Grammatik seiner Sprache missachten soll.

Genau wie die SDV hat auch “ONST LËTZEBUERGER LAND” dann noch zusätzlich ein bisschen rechtsextremes Gedankengut parat:  Onst Letzebuerger Land#3 Nazi-Rhetorik

Das erinnert nämlich frappierend an den unsäglichen “Deutschland den Deutschen”-Ruf, den Neonazis immer wieder gerne skandieren.


 

Wie bereits vorhin erwähnt, sind auch die Kommentarspalten der etablierten Medien Luxemburgs, wie etwa RTL Lëtzebuerg, L’Essentiel Online oder Tageblatt, oftmals Schauplatz rechtsextremer Hetze. Die hetzerischen Pamphlete stammen hierbei nicht immer zwingend von Mitgliedern der rechten Szene Luxemburgs selbst (auch wenn, wie ihr bei den untenstehenden Kommentaren seht, beispielsweise Steve Melmer, über den ich schon mehrmals geschrieben habe, meistens unter Artikeln besagter Medien mit seiner kruden Weltsicht zu profilieren versucht) — deren Struktur, die sich vorallem auf die sozialen Medien beschränkt, begünstigt solche Aussagen, die zumeist online gefällt werden, aber definitiv:

Hubpages und Sammelbecken#1 Hubpages und Sammelbecken#2

Unter besagtem Artikel finden sich dann auch immer wieder Menschen, die sich gar in regelrecht genozidäre Wunschvorstellungen hineinsteigern:

Hubpages und Sammelbecken#3 Hubpages und Sammelbecken#4

An anderer Stelle wird der institutionelle Rassismus in den USA, der sich unter anderem in drastischer Polizeigewalt gegenüber der african-american community ausdrückt, mit noch mehr Rassismus seitens diverser Lezeboia gedoppelt:

Hubpages und Sammelbecken#5

Und wie bereits zuvor angekündigt scheuen sich auch bekannte Gesichter der rechten Szene, wie etwa Steve Melmer, der gerne mal Hitler-Zitate gepostet hat und aus seiner Verachtung gegenüber Muslimen keinen Hehl macht, nicht davor, in den Kommentaren anlässlich der Massenpanik beim Hadsch in Mekka in diesem Jahr ohne jeglichen Respekt für die Toten Stimmung gegen Muslime zu machen:

 

Hubpages und Sammelbecken#6

Auch rechtsextreme Attacken, wie etwa die auf die damals für das Amt der Oberbürgermeisterin von Köln kandidierende Henriette Reker, werden auf diversen Nachrichtenseiten gerne von den Lezeboias relativiert, zum Beispiel von Tom Weidig, der, obwohl er sich selbst nicht zur rechten Szene zählt, immer wieder dubiose Apologien für diese formuliert:

Tom Weidig verharmlost rechtsextreme Attacke

Um das noch einmal zu rekapitulieren: Tom glaubt, dass der “Verteilungskampf mit Immigranten und Asylbewerbern” Schuld an der Messerattacke ist auf Henriette Reker ist, und nicht etwa mögliche fremdenfeindliche Motive. Lieber Tom — es gibt genügend Menschen, die sich in einer finanziell misslichen Lage befinden und trotzdem Ausländer und Flüchtlinge mit dem nötigen Respekt behandeln beziehungsweise sich nicht dazu berufen fühlen, rechtsextremen Terror zu streuen. Und die Immigrationspolitik ist sicherlich nicht Schuld daran, dass Menschen in soziale Missstände geraten — immerhin sorgen Flüchtlinge und Ausländer ganz abgesehen davon, dass man ihnen gegenüber schon aus rein menschlichen Gründen offen sein soll, auch noch dafür, dass die Wirtschaft gedeiht.


 

Die Alternativ Demokratische Reformpartei (ADR) –

Da die SDV wie eingangs erwähnt auf parteipolitischer Ebene bislang kaum von Bedeutung ist, ist für die Betrachtung der Bedeutung der rechten Szene auf ebendieser vorallem die rechts- beziehungsweise nationalkonservative ADR, die durch ihren Ex-Präsidenten Fernand Kartheiser — der nach wie vor in der Partei aktiv ist und auch einen ihrer Sitze im luxemburgischen Parlament, der chambres des députés (umgangssprachlich auch einfach “Chamber” genannt), innehat — einen deutlichen Rechtsschwung erlebt hat, relevant. Kartheiser und andere Mitglieder der Partei geben schon seit Längerem in den sozialen Netzwerken Äußerungen von sich, die denen der Rechtsextremen in Nichts nachstehen. Die ideologischen Schnittpunkte mit dem extremeren Flügel der rechten Szene traten in den letzten Monaten durch die Flüchtlingskrise nun noch einmal deutlich sichtbarer hervor — inwiefern, möchte ich nun zeigen.

Fernand Kartheiser — der unter anderem schon mal auf seinem Blog für die gesetzliche Diskrimination von Homosexuellen plädierte und dessen politische Positionen stark an jene der Neuen Rechten zuzuordnenden AFDler wie etwa Björn Höcke erinnern — postete zunächst einmal vor einiger Zeit kommentarlos einen reißerischen Blogartikel des bekannten deutschen Rechtsextremen und Neonazis Michael Mannheimer:

Fernand Kartheiser Michael Mannheimer

Interessanterweise hat Castiglia genau den gleichen Artikel gepostet, was wieder einmal verdeutlicht, wie die rechte Szene in Luxemburg sich an der deutschen orientiert und auf die gleichen Informationsquellen zurückgreift:

Fernand Kartheiser Nico Castiglia Michael Mannheimer

Offensichtlich hat er aber kein Problem damit, mit solchen Menschen in einem Atemzug erwähnt zu werden — immerhin bilden diese doch einen bedeutenden Teil der Klientel, die er mit seinen Beiträgen und Posts anspricht. Jedenfalls rief besagter Beitrag Kartheisers kritische Reaktionen in der Öffentlichkeit hervor; unter anderem bezichtigte ihn das Tageblatt völlig zurecht eines “fragwürdigen Umgangs”. Kartheiser versuchte daraufhin sein Handeln in einem Brief an die Zeitung, den er auf Facebook veröffentlichte, zu rechtfertigen:

« Sehr geehrte Damen und Herren,

Aufgrund der von Ihnen öffentlich erhobenen Vorwürfe ich pflege einen « fragwürdigen Umgang » bzw. ich teile « Nazipost » auf Facebook, bitte ich Sie folgende Stellungnahme zu veröffentlichen.
In Ihren Artikeln beziehen Sie sich auf eine Mitteilung eines Herrn Michael Mannheimer, die die Gefahren der Einführung einer Pressezensur durch die EU beschreibt. Da ich aufgrund der aktuellen Entwicklungen diese Sorge nachvollziehen kann, habe ich Herrn Mannheimers Artikel geteilt (« ge-shared »).
Die Tatsache einen Facebook-Artikel zu « sharen » bedeutet nicht die in diesem Artikel vertretenen Auffassungen notwendigerweise und in vollem Umfang zu teilen. So publiziere ich des Öfteren auch Artikel mit deren Inhalt ich überhaupt nicht übereinstimme, einfach weil ich sie aus den unterschiedlichsten Gründen als lesenswert einstufe.
Die Verteidigung der Pressefreiheit ist ein Anliegen das mir besonders am Herzen liegt, wie mein Engagement im Zusammenhang mit dem Gesetzesvorschlag 6127 und mein eigener Gesetzesvorschlag 6586 es belegen. In beiden Fällen hatte der Presserat sich gegen einen staatlichen Eingriff in die Pressefreiheit gewehrt und auf seinen Deontologiekodex hingewiesen. Eigentlich würde ich mir daher von der Presse erwarten, die derzeitigen Tendenzen zur Einschränkung der Rede- und Pressefreiheit ebenfalls kritischer zu kommentieren.
Da ich Herrn Mannheimer nicht kannte und von Ihrer Einschätzung seiner Person überrascht wurde, habe ich das getan, was ich für angemessen erachtete: ich habe Herrn Mannheimer angeschrieben, ihm den Sachverhalt dargelegt und ihn um eine Stellungnahme gebeten. Herr Mannheimer hat sich in seiner Antwort auf das Entschiedenste vom Nationalsozialismus distanziert. Ich habe seiner Argumentation entnommen, dass die Tatsache, dass er öffentlich und wortstark politische Führungspersönlichkeiten sowie deren Entscheidungen kritisiert und sich hierbei auch teils sehr pointierter Formulierungen bedient, mit dazu führt, dass er in Teilen der Presse angegriffen und zum Teil auch beschimpft wird.
Ich habe ebenfalls das vom « tageblatt » angeführte Gerichtsurteil des 4. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Stuttgart vom 23. September 2015 sorgfältig gelesen. Dieses Urteil stellt nicht fest, dass Herr Mannheimer (unter seinem bürgerlichen Namen) ein « Nazi » oder ein « Neonazi » sei. Es behauptet lediglich, dass ein bestimmter Zeitungsartikel, in dem Herr Mannheimer als ein solcher bezeichnet wurde, unter den Schutz der Meinungsfreiheit falle. Das Urteil hat mich persönlich in seiner juristischen Argumentation nicht überzeugen können, aber dies zu beurteilen ist eine Angelegenheit unserer deutschen Nachbarn.
Jedenfalls stellt das Urteil nicht fest, dass Herr Mannheimer ein Nazi sei, und die Behauptung ich teile « Nazipost » ist daher auch unter Berufung auf obengenanntes Urteil nicht vertretbar. Ich hoffe, dass das « tageblatt » so viel Selbstkritik aufbringt um ebenfalls zu dieser Einsicht zu kommen. Ich frage mich, ob der Verfasser dieses Vorwurfs sich der Schwere seiner Anschuldigung überhaupt bewusst war? Heutzutage gehen ja viele Zeitgenossen, leider auch Journalisten, allzu leichtfertig und undifferenziert mit diesem Begriff um.
In abschließender Abwägung komme ich zum Schluss, dass, auch wenn ich Herrn Mannheimers Ausführungen in großen Teilen nicht folgen kann, ich seinen Beitrag auf meiner Facebook-Seite nicht löschen werde. Ich bin grundsätzlich gegen Zensur und trete konsequent für Meinungsfreiheit ein.
Ich behalte mir das Recht vor, auch in Zukunft Beiträge von Herrn Mannheimer oder anderer Publizisten zu teilen, auch wenn diese dem « tageblatt » nicht genehm sein mögen.
Hochachtungsvoll,

Fernand Kartheiser »

Kartheisers vermeintliche Apologie entlarvt allerdings nicht nur seinen leichtfertigen Umgang mit rechtsextremem Gedankengut, sondern auch seine hypokritische Position gegenüber der Meinungs- und Pressefreiheit. Beide Aspekte, die seinen Brief charakterisieren, sind hierbei eng miteinander verbunden. Zunächst einmal behauptet Kartheiser, dass er ungerechtfertigt eines fragwürdigen Umgangs bezichtigt wurde. Ihm zufolge sei nämlich die Tatsache, dass er einen Beitrag teilt, nicht mit einer Zustimmung gleichzusetzen; im Brief sagt er dann auch explizit, dass er den Positionen Mannheimers nicht folgen könne, den Post aber trotzdem, weil er grundsätzlich gegen “Zensur” und für “Meinungsfreiheit” sei, nicht löschen wolle. Dazu sei Michael Mannheimer, anders als das Tageblatt behauptete, gar kein Neonazi, wie er selbst nach Eigenrecherche und Befragung von Mannheimer selbst herausgefunden habe. An dieser Argumentation ist nun so einiges falsch. Zuerst einmal würde sich Mannheimer natürlich niemals selbst als Neonazi bezeichnen, dementsprechend wird Kartheisers Nachfrage bei ihm gleich ad absurdum geführt. Dazu scheint Kartheisers Eigenrecherche nicht gründlich genug gewesen zu sein, denn sonst hätte er vielleicht herausgefunden, dass Michael Mannheimer nicht nur rechtsextreme Positionen vertritt, sondern auch unter anderem offen zu Waffengewalt aufruft und Andreas Breiviks Amoklauf verharmlost hat. Fallen diese Auffassungen, die offensichtlich eine ernsthafte Gefahr für die von Kartheiser angeblich so heißgeliebte Demokratie darstellen, etwa auch noch unter den von ihm postulierten Schutz der Meinungsfreiheit, den Kartheiser als Prätext nimmt, um seinen Post zu rechtfertigen? Angesichts dieser Tatsachen ist es dann umso leichtsinniger, den Beitrag zu teilen und dann noch unkommentiert stehen zu lassen. Ganz egal, ob Kartheiser selbst diesem Post nun zustimmt oder nicht: Man kann nicht einfach so rechtsextreme Beiträge teilen, ohne sich kritisch mit ihnen auseinandersetzen. Wieso hat Kartheiser keine differenzierte Kritik seinerseits hinzugefügt, wenn er Michael Mannheimers Ansichten angeblich nicht teilt? Das ist schlicht und einfach fahrlässig, denn Michael Mannheimers Ansichten und Aufrufe zur Gewalt können auch auf luxemburgische Rechtsextreme durchaus verlockend wirken. Dementsprechend wäre es eigentlich Fernand Kartheisers Pflicht als selbsterklärter Demokrat, solchen Menschen Paroli zu bieten — aber er tut es nicht.

Der Beitrag von Michael Mannheimer war übrigens nicht der einzige Inhalt rechtsextremer Seiten, den Fernand Kartheiser unkommentiert geteilt hat — unter anderem postete er im September zwei Artikel von blu-news (die sich mittlerweile in Metropolico umbenannt haben), einer insbesondere unter deutschen, dem rechten Spektrum zuzuordnenden Verschwörungstheoretikern beliebte “Nachrichten”-seite, die schon des Öfteren gegen den Islam, Homosexuelle und Linke gehetzt hat:

Fernand Kartheiser blu-news Fernand Kartheiser blu-news#2

Dazu scheint die vom Rechtsstaat gesicherte Freiheit der Meinung, Presse und Künste nur zu gelten, wenn sie nicht Fernand Kartheisers kruder Weltsicht widerspricht. Kartheiser beruft sich nämlich zu gerne auf die Meinungsfreiheit, um unverfroren Beiträge von Rechtsextremen zu teilen und wahlweise xeno- oder homophobe Aussagen von sich zu geben — aber wehe, jemand nutzt sie, um Meinungen zu äußern, die denen von Kartheiser zuwiderlaufen, so wie im Falle von “Lëtzebuerg, du hannerhältegt Stéck Schäiss” (“Luxemburg, du hinterhältiges Stück Scheiße”), einer satirischen Theaterproduktion des sehr empfehlenswerten jungen Künstlerkollektivs Richtung 22. Da die Plakate besagten Stücks Kartheisers arme patriotische Gefühle bei einem Spaziergang durch Luxemburg-Stadt verletzten, echauffierte er sich in einer parlamentarischen Frage unter anderem darüber, dass das Kulturministerium an der Produktion beteiligt wäre (Lest euch unbedingt auch die herrliche Antwort von Richtung22 darauf durch!). Man sieht also: Kartheisers Einstellung zur Meinungsfreiheit ist durch und durch hypokritisch.

Dazu teilt er die peinlichen Beiträge von “ONST LËTZEBUERGER LAND”:

Fernand Kartheiser Fail

 

Fernand Kartheiser ist nun aber auch ein passendes Beispiel dafür, dass rechte, menschenfeindliche Ansichten nicht nur von vermeintlich leichten Zielen wie den vier Lachnummern der NPD Trier, die man leicht als stereotpyische “hirnlose Nazis” abtun kann, vertreten werden, sondern auch von gebildeten Menschen mit Universitätsabschluss — was umso gefährlicher ist, da sie diesen Ansichten dann eine intellektuelle Legitimation geben. So schreibt der luxemburgische Blogger Joël Adamis in einem äußerst gelungenen Beitrag zum Thema:

Ech hu bëssi meng Problemer mat där Idee, datt riets “domm” ass. Net nëmmen, well dat oft sou en “Unterschichten-Bashing” ass. Mä och, well et vill “gescheit”, studéiert Leit ginn, déi riets Usiichten hunn. An vläit ass den (verbalen!) Brachialrassismus vun NPD-Neonazien wéineger geféierlech wéi een vun der “gesellschaftlecher Mëtt”, déi bei brennenden Asylheemer vun “Asylkritiker” amplaz vun Terroriste schwätzt.

Rassismus ass keen Problem, deen eng bestëmmt Schicht oder Klass vun eiser Gesellschaft betrëfft. Am Géigendeel: Mir wuessen all an engem rassisteschen System op. Vill rassistesch oder friemefeindlech Denkmustern hale mir also vir normal, well mir et esou geléiert hunn. Et ass awer keen groussen Effort, fir déi grondleeënd Wourecht, datt all Mënsch déi selwecht Rechter huet, ze erkennen. An d’Recht op Asyl ass een vun deene Rechter. Ween mengt, dat wier just een Problem vun der sougenannter Ënnerschicht, deen läit falsch: Enorm vill Rietsextremer kommen aus dem akademeschen Milieu an vernetzen sech och do.

Wie so eine intellektuelle Legitimation aussehen kann, zeigt der offene Brief des bekannten luxemburgischen Rechtsanwalt Gaston Vogel an die Bürgermeisterin von Luxemburg-Stadt, in denen er Mitglieder sogenannter “Bettlerbanden” als “ekelhaft” und “Abschaum” bezeichnete. Auch wenn Herr Vogel, der bereits in der Vergangenheit immer wieder wegen polemischer Äußerungen und seiner gelinde gesagt vulgären Ausdrucksweise aufgefallen war, seine Äußerungen im Nachhinein zu beschwichtigen versuchte: Die rechte Szene und besorgten Bürger hatten den Brief bereits für sich vereinnahmt und sahen ihn fortan als intellektuelle Legitimation für ihre krude Weltsicht, frei nach der Devise: “Wenn ein gebildeter Rechtsanwalt mit einer öffentlichen Position Obdachlose als ‘ekelhaft’ und ‘Abschaum’ bezeichnet, dann darf ich das auch!” Anstelle also differenziert an die Problematik heranzugehen und jeden einzelnen Obdachlosen und dessen Einzelschicksal gesondert zu betrachten, so wie Sveinn Graas es in einem sehr empfehlenswerten Blogartikel vorschlägt, liefert Gaston Vogel der rechten Szene einen weiteren Prätext, um zu pauschalisieren.


In Deutschland erfuhr die “Intellektualisierung” des rechten politischen Spektrums maßgebliche Unterstützung durch die Junge Freiheit, einer Zeitung, die unter anderem Anfangs der 2000er mithilfe der politischen Theorien Carl Schmitts (der in manchen Hinsichten als Proto-Faschist bezeichnet werden kann) eine neue intellektuelle Legitimation für ihre rechtsextremen Positionen und eine Verbindung zu konservativen Positionen zu etablieren versuchte.  Ob sich auch Kartheisers politischer Ziehsohn Joe Thein dessen bewusst ist? Wahrscheinlich nicht — immerhin postete das Gemeinderatmitglied von Petingen, das schon unter anderem durch Sympathiebekundungen gegenüber PEGIDA brillierte, vollkommen unreflektiert am 24. Oktober 2015 einen Online-Artikel der Zeitung, die übrigens auch immer wieder gerne Anzeigen  rechtsextremer Organisationen schaltet:

Joe Thein Junge Freiheit

Das ist allerdings nicht sein einziger Fauxpas in der Hinsicht — eine halbe Stunde (!) nach dem Artikel der Jungen Freiheit postete er nämlich einen Artikel von Metropolico (ehemalig blu-news), und schlug damit in die gleiche unbesonnene Kerbe wie sein politischer Ziehvater:

Joe Thein Metropolico:blu-news

Dazu plädiert er dafür, nur noch “legalen” Flüchtlingen zu helfen:

Joe Thein 'Legal refugees'

Wie bitte soll man “legal” aus einem Kriegsgebiet flüchten? Ganz davon abgesehen ist es aufgrund der momentan stattfindenden Abschottungspolitik an den EU-Außengrenzen ein Ding der Unmöglichkeit geworden, überhaupt noch legal nach Europa zu gelangen — aber das scheint Joe wohl nicht groß zu kümmern, immerhin haben seine unerträglichen politischen Gesinnungsgenossen und er damit ihr Ziel erreicht, weniger Flüchtlinge willkommen zu heißen.

Dazu postet er Videos von dem wahrscheinlich einzigen Politiker, der eine größere Witzfigur als er selbst ist:

Joe Thein postet Video von Donald Trump

Donald Trump ist dazu ein gnadenloser Rassist. Damit scheint Joe Thein aber wieder einmal keine Probleme zu haben.

Dazu ärgert er seine Facebookfreunde und -fans mit politischen Binsenweisheiten:

Joe Thein Selbstinszenierung #1

Nicht nur, dass ich generell schon Menschen, die Zitatbilder von sich selbst anfertigen, misstraue — die Tatsache, dass Joe Thein ohne jegliche kritische Distanz Beiträge von Menschen postet, die seinen verehrten “Freiheitsgrundsatz” mit Füßen treten, lässt seine Eigenbeschreibung als “libertär” ins Lachhafte abrutschen.

Dazu faselt er vom “Sturm auf den zweiten Gemeindesitz” und davon, sich “das Land zurückzuholen” — eine Rhetorik, die nicht unbedingt positive Assoziationen weckt: Joe Thein Sturm


 

Ein weiteres ADR-Mitglied, das sich in letzter Zeit als Intelligenzbestie der rechten Szene profilierte, ist Roy Reding. Der behauptete nämlich tatsächlich, dass Luxemburg nicht drei-, sondern einsprachig sei: 

Roy Reding Fail

Was sagt das über seine Kompetenz als Jurist aus, wenn er nicht einmal mit der Gesetzeslage bezüglich der luxemburgischen Sprachenpolitik vertraut ist? Im Gesetz wird Luxemburg nämlich ganz klar als dreisprachig definiert, wie unter anderem Pierre Peters? Nee Merci hervorhob:

Art. 1. Langue Nationale = Letzebuergesch
Art. 2. Langue Législative = Franseisch
Art. 3 Langues administratives et judiciaires = il peut être fait
usage des langues française, allemande ou
luxembourgeoise
Art. 4. Requêtes administratives = Lorsqu’une requête est rédigée
en luxembourgeois, en français ou en allemand,
l’administration doit se servir, dans la
mesure du possible, pour sa réponse de la langue choisie
par le requérant

Ich muss wohl kaum hinzufügen, dass “Gipfel der Ironie” nicht mal ansatzweise den Umstand beschreibt, dass Roy Redings Beitrag dazu noch in fehlerhaftem Luxemburgisch verfasst ist.

Dazu mögen gleichermaßen Roy Reding als auch Joe Thein Frei.Wild:

Roy Reding & Joe Thein Frei.Wild Fans

Ganz davon abgesehen, dass die Band alleine schon musikalisch von äußerst fragwürdiger Qualität ist, verarbeiten Frei.Wild in ihren Texten völkisches Gedankengut, propagieren Gewalt und haben als krönenden Abschluss noch einen Nazisong gecovert. Sehr sympathisch.

Pierre Peters ist (auch) wieder da

Ein weiteres Indiz für die rege Aktivität der rechten Szene Luxemburgs ist die Tatsache, dass Pierre Peters, einer ihrer wohl berühmt-berüchtigsten Mitglieder, sich überraschenderweise zurückgemeldet hat. Peters, der noch vor nicht allzu langer Zeit wieder einmal Gericht stand, besitzt zwar kaum Verbindungen zu anderen Mitgliedern der rechten Szene, ist aber trotzdem als einer der zweifelhaften “Pioniere” des Rechtsextremismus in Luxemburg fest in ihr verankert — dies geht sogar so weit, dass seine Person teilweise als stellvertretendes Symbol von ebendiesem behandelt wird, was unter anderem der Namen einer der ersten Facebookseiten, die sich gegen Rechtsextremismus in Luxemburg engagiert hat, nämlich Pierre Peters? Nee Merci, belegt.

Unter anderem wurde beispielsweise wieder sein aufwendig gestaltetes Patriotengefährt gesichtet:

Pierre Peters Patriotenwagen

Und dazu verteilt er wieder im Norden des Landes hetzerische Flyer:

Pierre Peters Hetze Pierre Peters Panikmache

Man beachte vorallem den “Ausländer raus”-Ausspruch, der zwar vorsichtshalber in Gänsefüßchen verpackt, dafür aber umso plakativer platziert wurde — was darauf hindeutet, dass Pierre Peters nach wie vor keinen Hehl aus seiner politischen Gesinnung macht. Neben seinen üblichen rassistischen Vorurteilen, die unter anderem gegen “bunt gekleidete Schwarzen”, die seiner Meinung nach gar nicht zur luxemburgischen Gesellschaft gehören, gerichtet sind, wettert vor allem gegen Muslime, indem er beispielsweise behauptet, dass tagtäglich hunderte bis tausende (!) muslimische Neuankömmlinge nach Luxemburg kommen und uns mal wieder die luxemburgische Kultur entreißen wollen. Selbst wenn diese vollkommen aus der Luft gegriffenen Zahlen, die er natürlich in keinster Weise zu belegen weiß, stimmen sollten: Was wäre daran so schlimm? Wir leben bereits mit ungefähr 18.000 Muslimen (lieber Pierre, du musst jetzt ganz stark sein, aber das sind 6.000 mehr als du gemutmaßt hat) friedlich zusammen. Wieso sollten solche Zahlen all den Menschen, die im Gegensatz zu dir so etwas wie Willkommenskultur pflegen wollen und ein Mindestmaß an Offenheit besitzen, also auch nur im Geringsten Angst einjagen? Die einzigen Menschen, die momentan ein Problem darstellen, sind Rechtsextreme wie Peters und die rechte Szene in Luxemburg allgemein — denn sie sind es, die (wie ich im zurückliegenden Text hoffentlich ausführlich genug dargestellt habe) aufgrund ihrer eigenen Ignoranz, ihres Neids und fehlender menschlicher Wärme gegenüber allen Menschen, die nicht ihrem eng abgezäunten Weltbild einer möglichst langweiligen, “homogenen” Gesellschaft entsprechen, für Zwietracht und Misstrauen sorgen, das eigentlich gar nicht sein müsste. Und der Fall Pierre Peters zeigt, dass es wahrlich nicht leicht sein muss, mit soviel Paranoia und Hass zu leben.

Konklusion mit einer Prise Optimismus

Letztendlich erscheinen die aktuellen Strukturen der rechten Szene Luxemburgs auf den ersten Blick sehr atomisiert und auf die sozialen Netzwerke fokussiert. Die SDV darbt in der Bedeutungslosigkeit hat bis auf einige Flyer und Merchandise noch nicht abseits des Internets Fuß gefasst, während ihr Präsident Nico Castiglia auf seinem privaten Profil weiterhin gezielt Ängste und Ressentiments schürt. Pierre Peters verfolgt seine eigene hasserfüllte, wirre Kampagne im Norden des Landes, während Kartheiser und Thein in sozialen Netzwerken munter Links von Rechtsextremen teilen. Dann gibt es noch Hubpages wie “I love main Lëtzebuerg” und “ONST LËTZEBUERGER LAND”, die zwar rechtsextreme Hetze verbreiten, dabei aber noch nicht so recht zu neuen Sammelbecken der rechten Szene geworden beziehungsweise zu einer (pseudo)-politischen Bewegung mutiert sind. Dafür gibt es mittlerweile auch umso mehr “besorgte Bürger”, die die Kommentarspalten der Facebookseiten vieler luxemburgischer Nachrichtenmedien in regelmäßigen Abständen heimsuchen und sich vorallem durch ungehemmten Neid, Missgunst und Ignoranz auszeichnen. Die Hetze hat sich insgesamt zerstreut, sodass die rechte Szene Luxemburgs bislang glücklicherweise noch keine richtige Substanz wie etwa PEGIDA in Deutschland aufbauen konnte; auffällig ist aber, dass ihre zentralen Personen immer wieder, zumeist unabhängig voneinander, auf die gleichen dubiosen Quellen, Falschmeldungen und aus dem Kontext gerissene Nachrichten zurückgreifen, um ihre zweifelhafte und auf diffusen Ängsten fundierte politische Agenda voranzutreiben.

Trotz alldem fand parallel dazu in den letzten Monaten eine äußerst positive Entwicklung in den sozialen Netzwerken statt, auf die ich jetzt noch eingehen möchte, um den Text mit einer Portion Optimismus zu beenden — Letzterer ist auch dringend nötig, um sich all diesem geifernden Hass immer wieder entgegenstemmen zu können. In letzter Zeit sind sehr viele Initiativen von Privatpersonen in den sozialen Netzwerken ins Leben gerufen worden, die nicht nur das Treiben der rechten Szene anhand kontinuierlicher und akribischer Publikation von Screenshots dokumentieren, sondern beispielsweise auch von Letzterer in die Welt gesetzte Falschmeldungen dekonstruieren. Ein Beispiele hierfür wäre Rhëtoresch Ergëss vum lëtzebuerger Stammdësch, die oftmals mit einer angenehmen Prise Humor Hasskommentare der Lächerlichkeit preisgeben und somit wenigstens etwas die Ohnmacht angesichts solch blinder, menschenfeindlicher und jeglicher Empathie beraubter Kälte lindern. Die Inspiration zu all diesen Projekten stammt vornehmlich aus Deutschland, wo schon seit Längerem Seiten wie etwa Rhetorische Perlen von AfD- und NPD-Anhängern existieren, die unter anderem mit zahlreichen lokalen Ablegern über das Treiben der rechten Szene vor Ort informieren. Sehr bemerkenswert in diesem Kontext ist auch, dass auch in Luxemburg viele Menschen in letzter Zeit eine gewisse Sensibilität für die Thematik entwickelt haben und dementsprechend sofort Screenshots von Hasskommentaren machen, die sie dann wiederum an die erwähnte Seite oder andere Stellen weiterleiten. Eine ähnlich erhöhte Aufmerksam lässt sich auch bei den etablierten Print- und Onlinemedien feststellen, die mittlerweile des Öfteren mit teils erfrischend direkten Worten Position gegen die rechte Szene ergreifen und über ‘hate speech’ oder wie bereits eingangs erwähnt Prozesse gegen Verfasser von Hasskommentaren berichten. Das erleichtert auch meine Aufgabe als Blogger teilweise enorm, da ich so schneller Zugriff auf eine noch größere Bandbreite an Informationen erhalte. Optimistisch stimmt auch die Tatsache, dass 76% der Luxemburger für die Aufnahme von Flüchtlingen sind — das sind endlich mal (knapp) 80%, die sich zeigen können. Der Hass auf Flüchtlinge in Luxemburg erscheint auch aus historischer Sicht übrigens noch weitaus abstruser. Luxemburg war nämlich zeitweilig ein Auswanderungsland; von 1840-1890 zog es beispielsweise 70.000 Luxemburger nach USA, die allesamt auf ein besseres Leben und eine Ausweg aus der Armut suchten. Der Logik des Lezeboias nach müsste er also seine eigenen Vorfahren, auf die er doch paradoxerweise seinen Nationalstolz gründet, auch als “Wirtschaftsflüchtlinge” beschmipfen. Dies lässt sich  selbstverständlich nicht nur auf Luxemburg beziehen: Wir Menschen sind eine wandernde Spezies, und wir alle haben zumindest eine_n Vorfahr_in, der einmal auf der Flucht war. Flüchtlinge zu hassen heißt dementsprechend, sich und sein eigenes Dasein als Mensch zu hassen.

Die rechte Szene Luxemburgs und die anderen, in ihrem Umfeld zu Hasstiraden ermutigten “Lezeboia” mögen also nach wie vor recht präsent in den sozialen Netzwerken sein — aber der Widerstand gegen sie wächst glücklicherweise auch.

Meine bisherigen Texte über die rechte Szene in Luxemburg:

Die rechte Szene Luxemburgs und Verschwörungstheorien in FORUM — für Politik, Gesellschaft und Kultur in Luxemburg, Ausgabe 353
Nico Castiglia – Der neue Kopf der rechten Szene in Luxemburg
Nein zu PEGIDA – jetzt umso mehr als zuvor!
Fernand Kartheisers Kritik am Feminismus und die Legitimation der Diskriminierung von Homosexuellen
Liebe luxemburgische Patrioten, …
Pierre Peters erneut an der Seite der NPD
Neue Einblicke in die rechtsextreme “Luxemburg Defence League”
Rechtsextremismus in Luxemburg – neue Einblicke
Ausländer- und Homosexuellenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus & Co. in Luxemburg
Ein beunruhigender Blick in die Vereinigung der “Lëtzebuerger Patrioten”
“Lëtzebuerger Patrioten”
Neue “rhetorische” Ergüsse der NDU
“(…) die houer Kaméildreiwer!”
“Durchforstet eure Pizzabroschüren!”
“Mäer sinn dach keng Rassisten – erklär du uns mol wat dat ass”
1. Artikel über die NDU

David_Hume

Mein abgeschlepptes Auto und Humes Induktionsproblem

Ende September hatte ich bereits in einem längeren Text auf das schwierige Verhältnis zwischen Philosophie und Leben hingewiesen und am Ende dafür argumentiert, dass sich auch komplexere philosophische Ideen unverändert — indem man von der Primärquelle selbst speist, ohne den Umweg über die pop philosophy zu gehen — auf das eigene Leben applizieren lassen und im Alltag hilfreich sein können. Friedrich Nietzsches philosophisches Werk kann uns den Umgang mit den Gefühlen der Schuld und des Verlustes näherbringen; Jean-Paul Sartre wiederum führt uns die immer wieder auftretende Schwierigkeit, zu unser frei gewählten Individualität zu stehen, vor Augen; und wie ich vor Kurzem zähneknirschend feststellte, hätte der schottische Philosoph David Hume mich davor bewahren können, dass mein Auto abgeschleppt wird. Letzteres verleitete mich dann auch dazu, den vorliegenden Text über einen besonders interessanten und hilfreichen Aspekt seiner Philosophie zu schreiben, den ich euch unbedingt näher bringen will: Das Induktionsproblem.

Der Ausgangspunkt

Ehe ich dazu übergehe, Humes Induktionsproblem näher zu erläutern, möchte ich euch zunächst einmal vom Ereignis selbst, das mich dazu geführt hat diesen Text zu verfassen, erzählen.

Da ich in München lebe und studiere, habe ich nicht nur mit horrenden Mietpreisen, überfüllten U-Bahnen während Fußballspielen und torkelnden Wiesngängern zu kämpfen, sondern auch mit einem eklatanten Mangel an Parkplätzen. Letzterer ist auch in dem etwas abgelegeneren Stadtteil München, in dem ich wohne, deutlich spürbar — die meisten Parklücken in der näheren Umgebung meines Wohnheims sind den größten Teil der Zeit entweder besetzt oder so eng, dass ich mich mit meinen bescheidenen Rück- und Seitwärtsparkkünsten nicht traue, mich dort hinein zu manövrieren. Besagtes Wohnheim selbst lässt sich Stellplätze in seiner Garage so einiges kosten, sodass ich auch darauf lieber verzichte, insbesondere weil die Lebenskosten in München schon so gelinde gesagt happig sind.

Glücklicherweise hause ich direkt gegenüber der Filiale einer an dieser Stelle nicht näher benannten großen deutschen Supermarktkette. Diese lädt nämlich nicht nur zu Einkäufen in letzter Minute, wenn der München jede Woche lahmlegende Sonntag sich heran bahnt, ein, sondern verfügt dazu noch über einen großen, offenen Parkplatz. Am Anfang meiner seit bereits zwei Jahren andauernden Studien schüchterten mich die dort überall angebrachten Warnhinweise, dass man das eigene Auto nur mit Parkscheibe für anderthalb Stunden dort abstellen könnte, noch erheblich ein. Also hielt ich woanders nach einem Parkplatz Ausschau und fuhr ich jedes Mal, wenn ich beispielsweise von einem Konzert oder aus Luxemburg zurückkehrte, unzählige Runden um den Block. Trotz der Tatsache, dass ich mich generell nur selten hinters Lenkrad klemme, ging mir das nach einer Weile gehörig auf die Nerven — und so begann ich dann mein Auto auf dem Supermarktparkplatz abzustellen.

Da ich wie eingangs erwähnt nur selten Auto fahre, stand es gelegentlich mehrere Wochen an der gleichen Stelle. Seltsamerweise schien sich niemand von der Supermarktleitung groß dran zu stören. Am Anfang ereilte mich noch gelegentlich der Impuls, dass ich es auf dem Parkplatz umstellen müsste, damit es nicht zu auffällig wird — aber auch der verließ mich nach einer Weile. Ich schaute zwar noch in regelmäßigen Abständen nach, ob mein Auto noch immer da stand, aber ansonsten machte ich mir jedes Mal, wenn ich es wieder abstellte, keine allzu großen Sorgen, dass es irgendwie abgeschleppt werden könnte. Bald schon wähnte ich mich in (wie es sich aber letztendlich leider herausstellen sollte trügerischer) Sicherheit. Immerhin hatte sich monatelang niemand drum geschert, also würde es wohl auch in Zukunft so bleiben. Der einzige Makel des Supermarktplatzes war die Tatsache, dass er sonntags geschlossen wurde und ich mein Auto dann nicht nutzen konnte, sodass ich es umstellte, wenn ich wusste, dass ich an dem Tag fahren müsste. Aber selbst das war nicht immer gegeben — die beiden Pforten zum Supermarkt wurden nämlich nach Gutdünken immer wieder von einer unbekannten Macht geschlossen und geöffnet, manchmal mehrmals am Tag, sodass ich da keine richtige allgemeine Regel aufstellen konnte.

Letzten Freitag dann begab es sich, dass ich morgens früh aufstand, um eine Informationsveranstaltung über Berufsperspektiven für Sprach- und Literaturwissenschaftler und auch Philosophen (damit ich den “Was willst du später damit machen?”-Unkenrufen effektiver Paroli bieten könnte) an meiner Universität zu besuchen. Bis auf die Tatsache, dass ich wie so viele andere Studente Kurse an dem Tag normalerweise vermeide und mein Aufstehen dementsprechend eine Rarität darstellte, schien am Anfang nichts ungewöhnlich. Ehe ich zur Uni aufbrach, wollte ich mir noch schnell im Supermarkt einen Krapfen mitsamt Brezn gönnen; auf dem Weg dorthin blieb ich an der Ampel direkt vor unserem Studentenwohnheim stehen und hatte wie immer freie Sicht auf den Parkplatz. Instinktiv wanderte mein Blick zu der Stelle, an der ich mein Auto gestern in der Früh, nachdem ich von meiner Freundin zurückgekehrt war, in aller Eile abgestellt hatte — doch es stand nicht mehr da. Ich schaute noch mehrmals genau hin, da ich das, was mein Blick auf die Leinwand meiner Gedanken projizierte, nicht so recht glauben wollte. Als die Ampel schließlich auf Grün sprang und ich die Straße überquerte, wurde das, was ich bereits geahnt hatte, jedoch zur Gewissheit: Mein Auto war abgeschleppt worden. Es erschien mir beinahe wie eine Quittung dafür, dass ich es solange dort stehen gelassen hatte ohne mir auch nur einen Gedanken darüber zu machen, dass diese von mir zur Seite geschobene Möglichkeit doch noch eintreffen könnte. Am Parkplatzeingang fand ich dann auch einen neuen, an einem dürren Baumstamm angebrachten Warnhinweis mitsamt Telefonnummer der Abschleppgesellschaft vor, die mir nach einem Anruf meinerseits dann auch bestätigte, dass mein Auto von ihnen mitgenommen worden war. Dann musste ich erst einmal 276€ zahlen um rauszufinden, wo mein Auto überhaupt steht. Besagte Firma stand übrigens wegen genau diesen, nun, sagen wir mal dubiosen Geschäftspraktiken im Mai vor Gericht, aber das ist eine andere Geschichte.

Was hat das jetzt alles mit Humes Induktionsproblem zu tun?

Nun, die Erkenntnis, dass ich den ganzen damit verbundenen Ärger (und das Loch in meinem Geldbeutel) dank der praktischen Anwendung von ebendiesem in meinem Alltag vermeiden hätte können, ereilte mich dann im Gespräch mit meiner Mutter, die mich darauf hinwies, dass die Tatsache, dass etwas ist, nicht heißt, dass es immer so sein wird —  und damit war die Brücke zwischen diesem ärgerlichen Fauxpas meinerseits und Humes Induktionsproblem geschlagen. Warum dem so ist, möchte ich euch nun näher erläutern.

Verzwickte Gewohnheit

Meine Faszination für Hume begann im letzten Semester, als wir Ausschnitte aus einem seiner berühmtesten und einflussreichsten Werke — das 1748 erschienene An Enquiry Concerning Human Understanding — im Rahmen einer Vorlesung über Wissenschaftstheorie (also jenen Teil der Philosophie, der sich in oftmals kritischer Art und Weise mit den Wissenschaften und deren Methoden befasst) lasen. Am Gymnasium hatten wir bereits einige Auszüge daraus behandelt, die mich damals allerdings noch nicht so recht mitzureißen wussten, insbesondere weil ich zur damaligen Zeit noch kein besonders großes Interesse am Empirismus (also jener Strömung der Philosophie, die darauf pocht, dass man Wissen und Erkenntnisse über die Welt vorallem mittels empirischer Untersuchungen der Realität erlangt) empfand. Wie bereits eingangs erwähnt, sollte sich meine Begeisterung für seine Ideen erst kürzlich im Rahmen meiner universitären Auseinandersetzung mit diesen entfalten — und das tat sie dann auch in solch einem Maße, dass ich während den Semesterferien die Enquiry ganz verschlang und im Zuge der Schottlandreise mit meiner Freundin, die uns unter anderem nach Edinburgh (Humes Geburtsstadt) führte, die Gelegenheit ergriff, wortwörtlich auf den Spuren des schottischen Philosophen zu wandeln, indem ich auf dem durch vulkanische Aktivitäten entstandenen Calton Hill einen von Hume vorgeschlagenen Weg namens “Hume Walk” entlang spazierte und vor seiner an der High Street angebrachten Statue posierte.

Mein Homie Hume und ich in Edinburgh. (Photo Credits: Josie)

Mein Homie Hume und ich in Edinburgh. (Photo Credits: Josie)

Wegweiser zum Hume Walk am Calton Hill.

Wegweiser zum Hume Walk am Calton Hill.

Humes Bedeutung für die Philosophiegeschichte ist unermesslich groß — unter anderem berichtete Immanuel Kant einst, dass die Lektüre von Humes philosophischem Werk ihn aus seinem “dogmatischen Schlummer” (Prolegomena, Vorrede) weckte und dazu inspirierte, seine drei Kritiken zu verfassen. Auch heute berufen sich noch viele Empiristen und Wissenschaftstheoretiker auf Hume und insbesondere dessen Induktionsproblem.

Letzteres formuliert Hume nun in seiner Enquiry Concerning Human Understanding. Hume ist Empirist, dementsprechend beziehen wir seiner Meinung nach unsere Erkenntnisse und unser Wissen vorallem aus Impressionen, die wiederum in innere (Emotionen, Gefühle) und äußere (Eindrücke, die uns durch unsere Sinne vermittelt werden) Impressionen unterteilt sind. Auch unser Wissen über Kausalität, also Ursache und Effekt, beziehen wir einzig und allein aus dieser Wissensquelle. Die Idee von Ursache und Effekt hat sich in unseren Kopf eingeschlichen, weil wir Hume zufolge unzählige Ereignisse immer wieder in einer Relation zueinander beobachtet haben — und nicht etwa, weil eine notwendige, den Sinnen nicht zugängliche Verbindung zwischen diesem und jenem Ereignis besteht. Damit wehrt sich Hume gegen die auch heute noch weit verbreitete Ansicht, dass es in der Natur so etwas wie Naturgesetze gibt, die als ominöse Kraft im Hintergrund agieren und nicht durch die Sinne zugänglich sind.

Das Induktionsproblem besteht nun daraus, dass wir nur eine begrenzte Anzahl von Beobachtungen haben, aus denen wir aber allgemeingültige Sätze ableiten wollen, die in jedem Fall zutreffen. Das trifft nicht nur auf die Wissenschaft zu, die Aussagen über die Welt treffen will, sondern ist auch im Alltag bemerkbar, wie ich nun anhand meines geparkten Autos illustrieren möchte. Ehe es abgeschleppt wurde, habe ich es nämlich in regelmäßigen Abständen beobachtet. Jedes Mal, wenn ich von meinem Wohnzimmerfenster oder an der Ampel hinüber zum Parkplatz geschaut habe — was gewissermaßen das alltägliche Pendant zu einer empirischen Untersuchungsmethode darstellt —, stand es dort. Im Laufe der Monate habe ich so eine große, aber begrenzte Anzahl an Beobachtungen angestellt, die sich allesamt folgendermaßen ausdrücken lassen:  “Mein Auto steht nach wie vor auf dem Supermarktplatz und wurde nicht abgeschleppt.” Hume schreibt, dass wir Menschen nach einer Weile bei ähnlichen Ursachen auch ähnliche Effekte erwarten. Dementsprechend ergab sich für mich dann auch langsam, aber sicher ein allgemeingültiges Kausalverhältnis zwischen dem Ereignis des Parkens-auf-dem-Supermarktplatz und des Nicht-Abgeschlepptwerdens: “Wenn mein Auto auf dem Supermarktplatz steht (Ursache), dann wird es nicht abgeschleppt (Effekt).” Wie ich bereits erwähnt habe, sollte sich diese Inferenz aus meiner sinnlichen Erfahrung heraus letztendlich als falsch erweisen — mein Auto wurde letztendlich doch noch abgeschleppt, und diese einzelne Impression brachte mein Gerüst an Beobachtungen mitsamt allgemeingültigem Gesetz als Spitze zum Einsturz (was dann auch unter anderem Karl Popper dazu bewegt hat, das sogenannte Falsifikationsprinzip vorzuschlagen, über das ich an anderer Stelle auf meinem Blog schon einmal ausführlicher geschrieben habe).

Was verleitet uns Menschen denn nun zu solchen Fehlschlüssen? Hume zufolge liegt der Grund dafür in unserem oftmals unerschütterlichen Glauben, dass die Zukunft der Vergangenheit gleiche:

[…] [A]ll inferences from experience suppose, as their foundation, that the future will resemble the past, and that similar powers will be conjoined with similar sensible qualities. If there be any suspicion that the course of nature may change, and that the past may be no rule for the future, all experience becomes useless, and can give rise to no inference or conclusion. It is impossible, therefore, that any arguments from experience can prove this resemblance of the past to the future; since all these arguments are founded on the supposition of that resemblance.” (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 28)

Um euch das zu illustrieren, möchte ich gerne ein anderes Beispiel heranziehen. Die Menschheit hat, seit sie zu Bewusstsein gelangt ist, die Sonne während vielen tausend Jahren jeden Tag auf- und wieder untergehen sehen. Dementsprechend sind wir auch allesamt ziemlich überzeugt davon, dass sie auch morgen in der Früh wieder aufgehen und uns aus unseren Betten reißen wird; und falls wir jemandem begegnen, der das Gegenteil behauptet, halten wir ihn entweder für einen Wahnsinnigen oder Weltuntergangsfanatiker. Aber wieso sind wir uns eigentlich so sicher, dass die Sonnenstrahlen auch morgen wieder über unser Gesicht streichen werden? Immerhin ist es mit den momentan etablierten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbar, dass die Sonne eines Tages ihre Energie aufgebraucht haben und dementsprechend nicht mehr aufgehen wird — der Satz “Die Sonne wird morgen nicht aufgehen” stellt deswegen auch keinen unlösbaren Widerspruch dar. Wie im obigen Zitat von Hume erläutert, ist der Grund, weswegen wir glauben, dass die Sonne jeden Tag aufgehen wird, die Tatsache, dass wir der Überzeugung sind, dass die Zukunft der Vergangenheit gleichen werde. Aber worauf basiert diese Überzeugung? Darauf, dass ähnlichen Ursachen (Vergangenheit) immer ähnliche Effekte (Zukunft) folgen — und diese Annahme fußt wiederum, wie bereits eingangs erwähnt, darauf, dass die Vergangenheit der Zukunft gleicht. Es handelt sich hierbei also um einen sogenannten zirkulären Schluss. Hume kommt zur Feststellung, dass wir überhaupt keinen rationalen Anhaltspunkt haben, daran zu glauben, dass die Zukunft der Vergangenheit gleichen werde, und somit auch alle unsere aus unseren sinnlichen Empfindungen abgeleiteten allgemeingültigen Sätze über die Welt letztendlich auf wackligem Boden stehen. Nur weil etwas immer so war, heißt nicht, dass es auch immer so sein wird. Das lässt sich bei allen möglichen Bereiche des Lebens beobachten: Dass mein Auto bislang nicht abgeschleppt wurde, war kein Indiz dafür, dass es nicht letztendlich doch passieren könnte; dass die PEGIDA eine Zeit lang eine Flaute erlebt hat, heißt nicht, dass sie nicht noch einmal erstarken und unverhohlen rechtsextremes Gedankengut, das sogar dem der NSDAP in nichts nachsteht (wie Michael Bittner in einem sehr gelungenen Artikel illustriert), propagieren könnte, wie es zuletzt leider wieder der Fall war; und dass die aus etablierten Theorien der Quantenphysik deduzierte Vorhersagen bislang immer zugetroffen sind, heißt noch lange nicht, dass sie das auch künftig tun werden. All dies lässt sich darauf zurückführen, dass die Zukunft gerade eben nicht immer der Vergangenheit entspricht  — und dennoch basiert unser gesamtes Wissen über die Welt auf dieser irrationalen Annahme.

Wenn wir denn nun nicht aus rationalen Gründen daran glauben, dass unser Auto auch noch am folgenden Tag am Supermarkplatz stehen wird oder die Sonne in der Früh aufgehen wird, aus welchen dann? Hume sagt dazu Folgendes:

There is some other principle which determines [humans] to form such a conclusion. This principle is Custom or Habit. For wherever the repetition of any particular act or operation produces a propensity to renew the same act or operation, without being impelled by any reasoning or process of the understanding, we always say, that this propensity is the effect of Custom. (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 33)

Dass ich geglaubt habe, dass mein Auto nicht auf dem Supermarktplatz abgeschleppt wurde, fußt also nicht auf einem rationalen Prinzip, sondern auf reiner Gewohnheit. Ich hätte es letztendlich also eigentlich besser wissen und mein Auto umparken sollen, anstelle einem auf solch irrationalem Fundament errichteten Urteil meinerseits zu folgen. Hume zufolge basieren auf diesem Aspekt der menschlichen Natur desweiteren nicht nur solcherlei Schlüsse, die unser alltägliches Leben betreffen, sondern auch all jene der Wissenschaft. Diese Feststellung hat gewaltige Implikationen, die auch noch Wissenschaftstheoretiker heute Kopfzerbrechen bereitet und unter anderem den Philosophen Nelson Goodman zur Formulierung des sogenannten neuen Induktionsproblems geführt hat (Humes Induktionsproblem wird  dementsprechend heutzutage als “altes Induktionsproblem” bezeichnet).

Ist das nun ein Grund, gleichermaßen das tagtägliche Schlüsseziehen als auch wissenschaftliche Forschen sein zu lassen? Natürlich nicht. Etwas anderes als unsere Erfahrungen haben wir Hume zufolge nämlich nicht zur Verfügung stehen, um Erkenntnisse über die Welt um uns herum zu sammeln — dementsprechend wäre es fatal, das aufzugeben. Wir dürfen uns nur nicht vormachen, dass diese Erkenntnisse rational zu rechtfertigen sind und gelegentlich unsere Urteile überdenken, gerade eben weil die Zukunft nicht immer der Vergangenheit gleicht. Die Tatsache, dass mein Auto abgeschleppt wurde, hat mir somit mitsamt Humes Induktionsproblem auch wieder vor Augen geführt, dass unsere alltäglichen Schlüsse, die wir zur Strukturierung unseres Alltags nutzen, auf brüchigem Boden stehen. Deswegen sollten wir uns umso mehr vor unvorhergesehenen Ereignissen wappnen und unsere alten Erkenntnisse und Überzeugungen des Alltags und vorallem deren Fundamente immer wieder re-evaluieren. Letztendlich kann uns die Philosophie genau dabei dann auch wieder behilflich sein:

And though none but a fool or madman will ever pretend to dispute the authority of experience, or to reject that great guide of human life, it may surely be allowed a philosopher to have so much curiosity at least as to examine the principle of human nature, which gives that mighty authority to experience, and makes us draw advantage from that similarity which nature has placed among different objects. (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 27).

Und weil ich neben Philosophie auch unter anderem Star Wars mag und dem Erscheinen von “The Force Awakens” im Dezember dementsprechend schon sehnsüchtig entgegenblicke, möchte ich den zurückliegenden Text noch mit einem grandiosen Comic der sehr empfehlenswerten Seite Existential Comics, in der beides miteinander vermengt und auch Humes radikal empirische Position in einem humorvollen Kontext aufgegriffen wird, abschließen:

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Quelle: http://existentialcomics.com/comic/103

Bildquelle: http://existentialcomics.com/comic/103

Quelle der Zitate von David Hume:
Hume, David & Chittom, Thom (1772/2004): An Enquiry Concerning Human Understanding and selections from A Treatise Of Human Nature, New York. (Barnes & Nobles)

 

 

Gustave_flaubert

Chaudron fêlé

Eine Kurzgeschichte

Linus fixiert das Walross an der gegenüberliegenden Wand. Er weiß nicht, wie lange er es schon angestarrt hat, als die Tür des Cafés sich plötzlich öffnet und Bernhard eintritt. Linus schaut auf – ihre Blicke kreuzen sich, und er zuckt zusammen. Einem stockenden Uhrwerk gleich setzen sich seine Muskeln in Gang, um ein Lächeln auf seine Lippen zu befördern und die Hände zu einem mäßig festen Gruß nach vorne schnellen zu lassen, als Bernhard an seinen Tisch tritt.
Und, wie geht’s?, fragt Linus. Und wirft gleich hinterher: Gut, und dir?
Sonderbare Stille. Dann antwortet Bernhard: Auch gut.
Linus nickt, setzt seine Tasse Tee an die Lippen und wendet sich von Bernhard ab, um gleich wieder in der Betrachtung des Walrosses zu versinken.
Was machst du hier?, fragt Bernhard auf einmal.
Linus lässt die Teetasse etwas zu hastig herabsinken.
Warten.
Auf wen?
Linus tippt mit seinem Zeigefinger in unregelmäßigem Rhythmus gegen den Rand seiner Tasse Tee.
Gordon.
Bernhard nimmt gegenüber von Linus Platz und bestellt seinerseits ein Getränk. Linus öffnet den Mund – klappt ihn dann jedoch wieder zu.
Wann kommt er?, fragt Bernhard.
Linus zückt sein Smartphone und konsultiert die Uhr. Er betrachtet sie einige Zeit; dann merkt er, dass Bernhards fragende Blicke ihn durchbohren.
In zwei Minuten.
Das ist ja noch eine ganze Weile.
Ja.
Kann ich mit dir warten?
Bernhard lächelt erwartungsvoll. Linus blickt geradewegs durch ihn hindurch, während er sich mit gerunzelter Stirn eine Antwort zurechtlegt. Schließlich zuckt er mit den Achseln.
Warum nicht.
Gleich nachdem er die Worte ausgesprochen hat, gleitet Linus Blick wieder in die Ferne. In der erstickenden, betonlastigen Trostlosigkeit des Cafés ist das Jugendstilwalross das einzige Treibgut, an das sich Linus nach diesem Fauxpas noch festklammern kann.
Ich glaube, wir besuchen das gleiche Seminar, sagt Bernhard plötzlich.
Wer?
Wie wer?
Wer besucht das gleiche Seminar?
Wir.
Wer ist „wir“?
Wir beide.
Du und Gordon?
Nein. Du und ich.
Ach so. Ja, stimmt.
Wie findest du’s?
Was?
 Das Seminar.
Welches meinst du?
Das über Adorno.
Da bin ich nicht drin.
Dann besuchen wir doch nicht das gleiche Seminar.
Stimmt.
Bruchstücke eines Zitats, das Linus vor langer Zeit gelesen hat, hallen auf einmal in seinem Kopf wider: Die menschliche Sprache ist ein gesprungener Kessel, mit dem man verzweifelt Musik fabrizieren möchte … So oder so ähnlich muss es gewesen sein. Linus weiß weder, wie es weitergeht, noch von wem es stammt. Gedankenversunken starrt er wieder das Walross an. Es beginnt zurück zu starren.
Linus stürzt seine Tasse in einem Zug hinunter, während Bernhard weiter redet.
Nach einiger Zeit lässt er seinen Blick zum großen Fenster, das auf die mit Pflastersteinen ausgelegte Straße zeigt, schweifen. Mittlerweile herrscht Nacht, und die Musik ist berstend laut geworden. Linus sieht, dass Bernhard etwas zu ihm sagt, aber er kann den Inhalt nicht aus dem dichten Lärmteppich um ihn herum heraus destillieren. Bernhard setzt sich schließlich auf den Platz neben Linus, und führt seinen bierbeseelten Atem dicht an dessen Ohr.
Du studierst doch Philosophie, oder?
Linus muss sich von seiner Götze abwenden.
Ja. Wir besuchen doch das gleiche Seminar, über Adorno.
Stimmt! Er pausiert. Ich liebe es nämlich zu philosophieren.  Er lässt das Bier in seinem Glas bedeutungsvoll herum kreisen. Das ist das Gute an so Abenden hier im Café, so wie mit dir gerade – irgendwann denkt man weiter als die meisten Leute. Beispielsweise frage ich mich gerade, wieso man den Menschen „Mensch“ nennt, und nicht etwa … „Walross“.
Er blickt Linus an, lässt einige Augenblick verstreichen – und bricht dann in schallendes Lachen aus. Ehe Linus es vereiteln kann, schließt sich sein Zwerchfell Bernhards an. Auf halbem Wege in seinen Lachanfall hinein realisiert er, dass er das Ganze gar nicht witzig findet.
Bernhard kommt schleppend zur Ruhe, während er sich eine Träne aus den Augen wischt.
Genug davon. Er wird schlagartig ernst. Wo wir gerade beim Menschen waren: …
Die scheppernde Snare-Drum des aktuellen Lieds übertönt seine Frage und Linus’ Antwort.
Was? Ich verstehe dich nicht.
Linus sagt es ihm noch einmal. Bernhard runzelt die Stirn; dann verfallen beide in Schweigen.
Linus’ Handy vibriert plötzlich dezent. Er zückt es. Gordon hat abgesagt. Im Licht des Bildschirms beginnen sich Linus’ Züge zu verhärten.
Ich muss gehen, sagt er.
Schon?, fragt Bernhard. Kommt Gordon nicht mehr?
Nein.
Schade. Danke jedenfalls für das tolle Gespräch.
Linus ist bereits halb durch die Tür, als ihm doch noch ungewollt eine halb gemurmelte Antwort entgleitet.
Danke, dir auch.
Er seufzt. Gerade als er in die nächtliche Kälte tritt, läuft Mirela an ihm vorbei. Ein warmes Gefühl, das Bernhard in weite Ferne rücken lässt, breitet sich in seinem Brustkorb aus, als ihr Parfüm seine Nase hochsteigt und einen farbenfrohen Schwall aus Erinnerungen auslöst. Er berührt ihren Arm; sie wirbelt erschrocken herum – dann glätten sich ihre Züge.
Hallo Linus!, begrüßt sie ihn, Wie geht es dir?
Linus’ Gedanken singen wortlos in prächtigen Farben, während er sich die Antwort dieses Mal sorgfältig zurechtlegt.
Gut. Und dir?
Er senkt hastig den Blick, und streicht gedankenverloren über seine kalten Finger.
Auch gut.
Sie scheint auf eine weitere Bemerkung seinerseits zu warten, doch Linus Lippen rühren sich nicht von der Stelle. Schließlich lächelt sie zaghaft.
Wir sehen uns.
Sie verschwindet hinter der nächsten Straßenecke. Linus ballt die Fäuste, und bleibt noch eine Weile stehen. Dann eilt er nach Hause.
Das Firmament schweigt über ihm, während er die Schimpftirade seines Bewusstseins über sich ergehen lässt. An einem einzelnen, entlaubten Baum inmitten eines öden Felds unweit seines Elternhauses legt er auf einmal den Kopf in den Nacken, um doch noch Trost in den sternübersäten Tiefen des Alls zu finden. Suchend streift sein Blick umher, bis er schließlich beim Großen Bären stehen bleibt und dort verharrt. Nach einiger Zeit scheint es Linus, als ob das aus Sternen geformte Tier sich auf einmal aus seinen von den Naturgesetzen auferlegten Fesseln lösen würde; die abgelegenen Welten beginnen sich zu bewegen, bis sie sich schließlich in einen höhnischen, lautlosen Tanz hinein steigern.
Da fällt ihm auf einmal doch noch ein, von wem das Zitat mit dem gesprungenen Kessel stammte.
Flaubert. Es war Flaubert gewesen.
Nach einiger Zeit wendet Linus den Blick vom Firmament ab und zieht schweigend weiter.

Nietzsche1882

Leben und Philosophie, oder: “Philosophieren heißt sterben lernen”

„Intuitiv nämlich, oder in concreto, ist sich eigentlich jeder Mensch aller philosophischen Wahrheiten bewußt; sie aber in sein abstraktes Wissen, in die Reflexion zu bringen, ist das Geschäft des Philosophen, der weiter nichts soll, noch kann. […] Das ganze Wesen der Welt abstrakt, allgemein und deutlich in Begriffen zu wiederholen, und es so als reflektirtes Abbild in bleibenden und stets bereit liegenden Begriffen der Vernunft niederzulegen: dieses und nichts anderes ist Philosophie.“ – Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1. Band, 4. Buch, §68.

Ich habe in letzter Zeit die Gewohnheit angenommen, instinktiv davor zurückzuschrecken, meine persönlichen Erlebnisse unverändert als Fundament für meine Texte zu verwenden. Seine privatesten Erinnerungen — so konstruiert sie auch sein mögen, aber das ist wiederum ein anderes Thema, das eines eigenen ausführlichen Artikels bedarf  — roh auf dem Silbertablett zu präsentieren, ohne sie zuvor einer Stilisierung oder sonstigen Form der literarischen Transposition unterzogen zu haben, birgt oft die Gefahr, sich selbst und sein Innerstes nicht nur ungeschützt darzubieten, sondern auch unreflektiert zu wirken. Natürlich findet schon eine gewisse Metamorphose des Ereignisses statt, sobald man es aufs Papier bannt — egal in welchem Maße die Spuren der Impressionen, die ebendieses vermitteln, noch auf die Sinne nachwirken. Das sind nun einmal die Gegebenheiten des Mediums Schreiben. Nichtsdestotrotz gibt es verschiedene Grade der Distanz zwischen dem ursprünglichen Erlebnis und der finalen Form von ebendiesem im Werk des Autors. Manchmal sind die Wege, die von Ersterem zu Letzterem führen, offen und klar wie eine geradlinige Landstraße durch von einem azurnen Himmel überspannte Felder; dann wiederum sind sie verschlungen und nebulös, wie ein von dunklen Baumkronen überdeckter Pfad durch einen dichten Wald, bei der man nicht mehr zurück zur ursprünglichen Impression, die tief im Innern des schöpfenden Subjekts liegt, findet. Insbesondere Letzteres erfordert ein gewisses Maß an Zeit, um alles erst mit eigens angepflanzten Metaphern, Allegorien, Analogien und sich zu Fabeln aufschichtenden Gleichnissen überwurchern zu lassen, die dann wiederum den Weg durchs stilistische Dickicht erschweren.

Nun resultiert hieraus ein Problem, wenn man einen besonders gewichtigen Faktor, der gleichermaßen das Schreiben als auch alle anderen Formen menschlichen Ausdrucks betrifft, in Betracht zieht: Die schiere Unberechenbarkeit der Inspiration. Worte warten nämlich nicht. Sobald sie beginnen, sich als Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis oder einen besonderen Lebensabschnitt im Kopf des Schreibenden zu bilden, drängen sie sich schon heran und wollen in schriftlicher Form ihren Ausdruck finden; zögert man hierbei zu lange, entgleiten sie schon wieder dem nach ihnen greifenden Geist des schreibenden Subjekts. Ob der Moment, den sie abbilden wollen, ungeschliffen dargeboten wird oder nicht, kümmert sie dabei reichlich wenig — sie gönnen einem keinen noch so kurzen Augenblick der Ruhe, ehe sie ausformuliert und niedergeschrieben worden sind. Genau so ergeht es mir auch jetzt. Ich konnte das Geschehnis, das mich zu der vorliegenden Reflexion führte, zu dem Zeitpunkt, als die Worte über mich herfielen, nicht in die Form einer Fabel, eines Gleichnisses oder einer anderwertigen Form fiktiven Erzählens gießen, eben aufgrund der bereits oben erwähnten Dringlichkeit, mit der bestimmte Dinge manchmal verarbeitet werden müssen.

Doch dies ist nicht der einzige Grund, weswegen ich das Erlebnis, von dem die Rede sein wird, bewusst ungeformt lassen will — auch der an besagtes Ereignis anknüpfende Gedankengang ist nämlich, wie ihr es nachfolgend noch selbst feststellen werdet, sehr persönlicher Natur. Um gleichermaßen die subjektive Note der Impression als auch Reflexion zu konservieren und somit das, was mir in den Fingern brennt, so zu vermitteln wie es mich selbst ursprünglich ereilt hat, bietet es sich also um so mehr an, beide unverändert darzulegen.

I. Leben und Philosophie

Vor knapp zwei Monaten, zu Beginn meines Familienurlaubs in La Baule an der Atlantikküste Frankreichs, las ich einen äußerst interessanten und exzellent geschriebenen Artikel über die Diskrepanz zwischen akademischer Philosophie — also die, die an den Universitäten gelehrt und in deren Rahmen heutzutage Philosophie betrieben wird — und eher “massentauglicher” pop philosophy, die in deutschsprachigen Gefilden beispielsweise von Richard David Precht vertreten wird. Letztere versucht, komplexe philosophische Zusammenhänge und Ideen einem breiten Publikum nahezubringen, indem es sie beispielsweise in Bezug zu aktuellen Themen oder dem alltäglichen Leben der Menschen setzt. Interessant ist hierbei vorallem, dass der im Artikel dargestellte Graben auf den allgemeineren und sehr alten Konflikt zwischen Philosophie und dem Leben selbst, der Erstere schon seit ihren frühen Anfangstagen beschäftigt und sich infolge der kontinuierlichen “Verwissenschaftlichung” der philosophischen Disziplin noch einmal verschärft hat, verweist. Der Autor Tom Stern stellt hierbei eine große Distanz zwischen beiden fest, die so ursprünglich nicht vorhanden war — kommt aber gleichzeitig zum Schluss, dass akademische Philosophie gar nicht den Anspruch erheben müsste oder sollte, von jedermann verstanden zu werden und auf das “eigentliche” Leben (also das abseits der Philosophie) anwendbar zu sein:

“When Plato tried to describe the relationship between philosophers and others, he too reached for a boat metaphor: some people are very good at steering boats; others aren’t. You might not be one of the lucky ones. If people ignore philosophers, the fault lies not with the philosophers, but with the people. Don’t worry about making a difference through philosophy, the Platonist might say: just do the best philosophy you can and let the rest take care of itself—if, that is, you are one of the lucky ones.”
Stern unterrichtet laut eigenen Angaben im Artikel vorallem Nietzsche. Zur gleichen Zeit, als ich seinen Artikel las, war ich mehr oder minder zufällig in Nietzsche Die fröhliche Wissenschaft vertieft, deren Inhalte (wie beispielsweise die bis in die Popkultur vorgedrungene Stelle, an der Nietzsche proklamiert: “Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!”) neben denen von Also sprach Zarathustra wohl am Stärksten im kollektiven Gedächtnis der Menschheit verankert sind — sogar bei all jenen, die sonst nicht viel mit Philosophie am Hut haben oder nur eine sehr oberflächliche Beziehung zu ihr pflegen.
Einige Tage später, während wir mittlerweile weiter südlich in La Rochelle verweilten und ich noch immer mit der Lektüre der Fröhlichen Wissenschaft beschäftigt war, erreichte uns dann die Nachricht, dass unser Kaninchen Josy zuhause in Luxemburg im Alter von neun Jahren plötzlich verstorben war. Seine Aufgewecktheit und Anhänglichkeit hatten dafür gesorgt, dass er mir von Anfang an ans Herz gewachsen war, und nicht zuletzt aufgrund seines für ein Kaninchen doch sehr bemerkenswerten Alters war der kleine Kerl zu einer regelrechten Konstante in meinem Leben geworden, die mich immerhin für fast die gesamte Dauer meiner Jugend begleitet hatte. Investiert man derlei Emotionen, wird man selbstverständlich auch verletztlicher und anfälliger für ihre dunkleren Schattierungen und Gegenpole.  Dementsprechend betroffen machte mich dann auch der Tod von Josy. Wir spendeten uns sofort gegenseitig in der Familie Trost, was die überwältigende Trauer milderte — aber bei der darauf folgenden Verarbeitung seines Todes war jeder von uns letztendlich auf sich selbst gestellt.
Wäre ich nun beispielsweise gläubiger Christ gewesen, hätte ich mich noch mit dem Gedanken trösten können, dass Tiere es bestimmten Auslegungen der Bibel zufolge sehr wohl ins Jenseits schaffen könnten. Da ich aber aus weltanschaulicher Sicht eher zu einem atheistischen Existenzialismus tendiere, wollte ich stattdessen woanders Methoden und Ratschläge zur Verarbeitung suchen — und wo konnte ich besser fündig werden als in der Philosophie, die schon von vornherein ein mir im Gegensatz zu anderen Aspekten des Lebens doch einigermaßen bekanntes Feld ist und sich dazu (zumindest in der Metaphysik und praktischen Philosophie) mit ähnlichen Fragen wie Religion beschäftigt?
An dieser Stelle kristallisiert sich dann auch langsam die Brücke zu dem, was ich in der Einleitung gesagt habe, heraus. Da ich gerade Nietzsche gelesen hatte, versuchte ich natürlich, noch immer ganz benebelt von dessen euphorischen Aphorismen, bei ihm Rat zu finden.
Dabei stellte ich jedoch schnell fest, dass Nietzsche nicht unbedingt die beste Anlaufstelle ist, um Trost zu suchen, wenn das geliebte Haustier verstorben ist. Im Gegensatz zu seinem großen philosophischen Mentor Arthur Schopenhauer hat Nietzsche nämlich vergleichsweise wenig für Tiere übrig — es sei denn, sie dienen ihm als Metaphern, um das menschliche Dasein zu charakterisieren. Die fehlende Beachtung von Tieren kompensiert Nietzsche dadurch umso mehr durch seine Liebe für den Menschen, die bei Schopenhauer bekanntermaßen weniger ausgeprägt war, auch wenn er Bertrand Russell zufolge entgegen seiner in seinen Werken hinaus posaunten Lobpreisung der Askese einen doch sehr ausschweifenden und menschennahen Lebensstil führte. Dass das keinen Widerspruch darstellen muss, möchte ich euch auch noch zeigen. Natürlich hätte ich mich auch anderen Autoren zuwenden können, aber dies wurde für mich einmal nebensächlich, da Josys Tod und der Verarbeitungsprozess von ebendiesem mich auf einmal zurück zu Tom Sterns Artikel und dessen viel allgemeineren Fragestellung geführt haben, der ich in dem vorliegenden Text aus einer sehr subjektiv geprägten Sicht auf die Spur gehen will:
Kann (akademische) Philosophie wirklich konkret im (alltäglichen) Leben weiterhelfen, als Mittel zur Lebensführung dienen und somit zur Lebensphilosophie werden — so wie die Philosophie auch ursprünglich verstanden wurde, zum Beispiel bei Diogenes von Sinope, der jeglichen gesellschaftlichen Normen abschwor und seinen eigenen Lehren gemäß in einer Tonne lebte, von der aus er unter anderem der Legende nach Alexander den Großen ärgerte?
Nahm seine eigene Philosophie wenigstens noch ernst: Diogenes von Sinope.

Nahm seine eigene Philosophie wenigstens noch ernst: Diogenes von Sinope. (Bild von Jean-Léon Gérôme, 1860)

Als Philosophiestudent habe ich nun aber schon von vornherein, wie bereits angedeutet, einen ganz anderen Zugang zur Philosophie. Sie ist bereits ein bedeutender Teil meines Lebens, mit dem ich sehr viel Zeit in Form von systematischer Lektüre von philosophischen Texten sowie Seminaren, Vorlesungen und Verfassen von philosophischen Essays und Hausarbeiten verbringe. Das Hauptaugenmerk meiner Fragestellung liegt dementsprechend vielmehr darauf, inwiefern dieser doch sehr wichtige Teil meines Lebens mit den anderen interagiert und bis zu welchem Grad in sie hinein wirkt. Welche anderen Teile meines alltäglichen Lebens abseits meines Studiums sind nun damit genau gemeint? Die Philosophie — und hierin liegt dann auch die Problematik — beschäftigt sich nämlich mit allen möglichen Themen, die den Menschen und seine Umwelt mehr oder minder direkt betreffen, und dementsprechend kommt man nicht umhin, das zu besprechende Feld einzugrenzen. Im Kontext von Josys Tod ging es vorallem um die die menschliche als auch tierische Existenz konstituierenden Elemente wie Leben, Tod, Leid und den Sinn beziehungsweise die Sinnlosigkeit hinter all dem und die Bewältigung der daran anknüpfenden Emotionen — alles Themen, mit denen sich die Philosophie umfassend auseinandergesetzt und zu denen sie auch ihre eigenen, sehr vielfältigen Positionen aufgestellt hat. Auch für Probleme hinsichtlich schwieriger moralischer Entscheidungen, vor die jeder von uns Zeit seines Lebens gestellt wird — zum Beispiel, ob man nun Tiere essen darf oder nicht, und unseren allgemeinen Umgang mit ihnen —, hat die Philosophie Lösungsansätze parat.
Hier kristallisiert sich aber auch schon das erste Problem heraus. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich immer mehr philosophische Systeme herausgebildet, die all diese Bereiche der menschlichen Existenz mehr oder minder vollständig abdecken. Aufgrund ihrer Rigidität, wissenschaftlichen Strenge und hohem Grad an Abstraktion sind sie allerdings umso schwieriger auf das alltägliche Leben und die Realität applizierbar. Immanuel Kants in seiner Kritik der praktischen Vernunft dargelegte Moralphilosophie, die wiederum auf seinem in seiner  Kritik der reinen Vernunft — das wahrscheinlich einflussreichste Werk der modernen Philosophiegeschichte — aufgestellten philosophischen System fußt, ist zwar prinzipiell auf alle menschlichen Handlungen anwendbar, scheitert aber rasch daran, dass der Alltag schnellere Entscheidungen erfordert, oder sich Situationen ereignen, die schwierig in die strengen Schemata einzuordnen sind. Wird man als Zeuge eines Gewaltverbrechens vor die Wahl gestellt, einzugreifen oder nicht, hat man schlicht und einfach nicht die Zeit zur Verfügung, es zu kategorisieren, eine allgemeingültige Maxime aufzustellen und dann noch gemäß dieser zu handeln — es sei denn, man nimmt Vereinfachungen und Kompromittierungen in Kauf, was Tom Stern in seinem Artikel wiederum (durchaus zurecht) kritisiert hat.
 Streng systematische Philosophien — die auch heute noch beispielsweise in Form der Analytischen Philosophie oder Wissenschaftstheorie die akademische Philosophie dominieren — sind also denkbar ungeeignet, als Lebensphilosophien zu fungieren. Nicht zuletzt weil sie auf präzisen Argumentationsketten aufbauen, läuft man Gefahr, ihre Validität und Stärke bei der Anwendung auf die eigenen Lebensumstände zu untergraben, da man, um sie überhaupt erst als Richtlinien für das eigene Leben nehmen zu können, oftmals zurecht schneidern muss. Vergisst man dabei ein Glied der Argumentation — was allzu leicht passieren kann, wenn man das sperrige Gerüst der eigenen, viel biegsameren Realität aufzwängen will — , bricht das ganze Gebäude des philosophischen Systems zusammen und wird nutzlos. Das bedeutet wiederum man nicht einfach mal so einzelne Argumentationsfragmente eines philosophischen Systems nutzen kann, um das eigene Leben zu strukturieren — aus ihrem systematischen Kontext gerissen ergeben sie oftmals nämlich keinen Sinn mehr.

Dazu darf man sich keinen Illusionen hingeben: Die meisten Erkenntnisse, die in der Philosophie gesammelt wurden und werden, finden kaum Einzug in das alltägliche Leben des Großteils der Menschheit, und wirken sich wenn dann nur indirekt auf dieses aus. Ob wissenschaftliche Theorien jetzt soziale Konstrukte sind oder sich tatsächlich auf in einer unabhängigen Realität existierende Entitäten beziehen, ist zwar für Philosophen ein großes Thema, aber für viele Menschen ändert das kaum etwas an der Art und Weise, wie sie ihr Leben führen.

“[…]in some moods, I feel certain that if all the professional philosophers stopped writing philosophy altogether—if a freak accident muted the profession, its students and its publishers—astonishingly few non-philosophers would notice. No industry anxiously awaits the latest philosophical innovations. No general public hangs on our words. Even within the profession, the average philosophy publication is cited once and probably only then to be mischaracterized, cast aside or pigeonholed by a new author, whose work, in turn, meets the same fate. Sometimes, even as I work on my next one, I imagine a philosophy publication as one of those giant, icebreaking vessels that rides at the head of an arctic convoy, powering a path homeward through the frozen ocean. Only in this case, the ocean is not blocked by ice but by other icebreaking vessels, bobbing, marooned where they ran out of fuel, just as this one will maroon somewhere, adding more debris for the next. And in this case, there is no clear sense of home—only homesickness. Ghastly glorious, these vessels.”

Von diesem “Problem” — wenn man es denn so nennen mag — sind allerdings auch andere Wissenschaften betroffen (wie beispielsweise die theoretischen Gefilden der Physik), und es wäre fatal, die Ergebnisse dieser Wissenschaften nur nach ihrem “Nutzen” für die Gesellschaft zu beurteilen.

Hinzu kommt noch eine weitere Schwierigkeit: Würde man manchen Philosophien bedingungslos folgen, würde man im wahrsten Sinne des Worte lebensunfähig werden. Man kann es zum Beispiel Schopenhauer kaum verübeln, dass er wie oben erwähnt nicht dem Folge leistete, was er in Die Welt als Wille und Vorstellung predigte — würde dies doch erfordern, dass er sich ständig und in allen Bereichen der Askese hingeben müsste, um dem Treiben des alles Seins durchdringenden Willens zu entrinnen. Russells Kritik erscheint also im Nachhinein ungerechtfertigt. Auch die antiken Skeptiker wie Pyrrho, die, genau wie beispielsweise die Kyniker (zu denen der eingangs erwähnte Diogenes von Sinope gehörte), Epikurer und Stoiker, Philosophie explizit als Mittel zur Führung eines besseren Lebens betrachteten, womit sie in deutlichem Gegensatz zur heutigen Auffassung akademischer Philosophie stehen, konnten ihre Doktrinen nur sehr schwer bis zur äußersten Konsequenz durchführen — und wenn doch, dann hatte dies zum Teil skurrile und bedenkliche Folgen. Diogenes beispielsweise begann, von der Last jeglicher Moral befreit, regelmäßig in aller Öffentlichkeit zu masturbieren; und auch die von den Skeptikern erstrebte Ataraxie — also die Enthaltung jeglichen Urteils, die wiederum zum inneren Seelenfrieden führen soll — war in der Realität nur sehr schwer umzusetzen, da es von ihnen erfordert hätte, bei allen möglichen, gleichermaßen einfachen als auch schwerwiegenden Entscheidungen tatenlos zu bleiben.

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Quelle: https://www.facebook.com/thephilosophersmouth/photos/pb.1652760244957595.-2207520000.1443542667./1680456498854636/?type=3&theater

Philosophie muss allerdings auch gar nicht den Anspruch erheben, in allen Lebenslagen und -fragen aushelfen zu können — in dieser Hinsicht stimme ich Stern zu. Nichtsdestotrotz bin ich der Auffassung, dass man die Ideen und Methoden verschiedener Philosophen selbst noch von einem akademischen und somit nicht vereinfachenden oder kompromittierenden Standpunkt her in der eigenen Lebensführung nutzen kann, ohne dass man dies, wie Stern schreibt, mit einem gewissen Schuldbewusstsein tun muss. Dies führt mich wieder zu Nietzsche zurück — denn er ist genau einer jener Philosophen, die die Kluft zwischen Leben und Philosophie zu überwinden vermögen. Dies liegt nicht zuletzt gerade eben an seiner Ablehnung gegenüber systematischer Philosophie (auch wenn sich in seiner Genealogie der Moral durchaus Ansätze finden, solch eine zu errichten) und seinen Fokus auf Aphorismen, die sich deutlich flexibler auf die eigenen Lebensumstände anwenden lassen, auch wenn sie übergeordneten Gedankengängen folgen. Um dies zu verdeutlichen, kehre ich wieder zur persönliche Ebene und der Bedeutung seiner und ähnlicher Philosophien für mein eigenes Leben zurück.

II. “Philosophieren heißt sterben lernen”

Zunächst scheint es problematisch, Nietzsche eine generelle philosophische Linie unterstellen zu wollen, da dies die schiere Vielfältigkeit an Interpretationen seiner Ideen untergraben und wieder eine Systematik aufstellen würde, die so nicht unbedingt von ihm intendiert war. Nichtsdestotrotz lassen sich durchaus Positionen bei ihm ausmachen, die sein ganzes Werk durchziehen und sich im Laufe der Jahre auch teilweise immer mehr gefestigt haben. Zwei davon hatten im Laufe meiner näheren Auseinandersetzung mit ihm eine besonders prägende Wirkung auf mich: Seine Ästhetik, also Philosophie der Kunst, und seine Haltung zum menschlichen Dasein, die wiederum eng miteinander verzahnt sind.

Nietzsche zufolge sind das menschliche Dasein und das daran anknüpfende, unvermeidliche Leiden sinn- und ziellos. Da der Mensch sich dies nicht eingestehen will, ersinnt er sich selbst einen Sinn — sei es in der Religion, die auf ein paradiesisches Jenseits nach dem Leben verweist, oder sei es in einer säkularisierten Form der Askese, in der man die menschliche Existenz zu transzendieren versucht, um den Schmerzen zu entfliehen. Nietzsche zufolge schafft das jedoch ein noch größeres Leiden als zuvor — denn indem man stets auf etwas zustrebt, das hinter dem Leben liegt, verneint man dieses, und vergiftet somit die Haltung zur eigenen Existenz. Den einzigen Ausweg aus dieser Misere schafft man sich, in dem man all den Dingen, die das menschliche Dasein verneinen und es nur als Zwischenstation auffassen, entsagt und es stattdessen aufrichtig und in all seinen Facetten bejaht. In der Fröhlichen Wissenschaft strickt er aus diesem Gedankengang seine sogenannte “Lehre der ewigen Wiederkunft”, die auch im Zarathustra eine prominente Rolle einnimmt und auf das übergreifende Konzept der amor fati verweist:

Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: “Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alls in der selben Reihe und Folge — und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht —  und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!” — Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämonen verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: “du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres?” – Friedrich Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, IV, 341

Was Nietzsche an dieser Stelle in so wundervollen Worten ausdrückt, hatte wie kaum eine andere philosophische Idee einen solch entscheidenden Einfluss auf meine Haltung gegenüber meinem Dasein als Menschen. Ich hatte mich bereits seit einigen Jahren mit den philosophischen Strömungen des Existenzialismus und Absurdismus, die ihre Wurzeln insbesondere in der Philosophie von Nietzsche und Kierkegaard haben, identifiziert, und fand die grundlegenden Ideen von deren namhaftesten und selbsterklärten Vertretern — also Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir im Falle des Existenzialismus und Albert Camus hinsichtlich des Absurdismus — nun auch in ähnlicher Form in Nietzsches Werk vor. Interessanterweise haben all diese Philosophen die Tendenz zu einem literarischen Schreibstil gemeinsam — gleichermaßen Sartre, de Beauvoir als auch Camus sind als namhafte Autoren der Weltliteratur bekannt. Auch Kierkegaard und wie eingangs erwähnt Nietzsche hatten die Tendenz, ihre Philosophie unter anderem durch stilistische Mittel, aber auch durch ihren bis dato noch nicht dagewesenen Fokus auf das Individuum und daran anhängig das individuelle Erlebnis als Mensch von den üblichen systematischen Strömungen, die den einzelnen Menschen und dessen Dasein dem abstrakteren gesamtmenschlichen Dasein unterordnen, abzugrenzen. Das führt auch zu einer gewissen Fluidität hinsichtlich der Auslegung ihrer Werke — Sartre beispielsweise hat in seinem Hauptwerk L’être et le néant zwar ein philosophisches System zur Deutung des menschlichen Seins dargelegt, aber dessen Inhalt findet sich auch, und das ist besonders bemerkenswert, fast unverändert in La nausée — die sein System quasi in eine literarische Form gießt — oder seiner deutlich kürzeren philosophischen Programmschrift L’existentialisme est un humanisme wieder, welche sich dann wiederum einfacher als Mittel zur Lebensführung anwenden lassen. Auch Camus’ Philosophie des Absurdismus, die er in Le mythe de Sisyphe dargelegt hat, findet sich in künstlerischer Form in La Peste oder L’Étranger wieder, und entfaltet von dort aus umso mehr die Möglichkeit, sich auf die Auffassung der Menschen gegenüber ihrem eigenen Leben auszuwirken.

Insbesondere Sartres zentrale These, dass der Mensch zur absoluten Freiheit verdammt sei und deswegen auch des Öfteren zur mauvais foi neige, also, Entscheidungen zu treffen, mit denen sich man vor der eigenen Freiheit und damit auch authentischen Selbstvewirklichung drückt, hat mich nun schon längere Zeit begleitet und mich deutlich in meinem Handeln und meinem Verhalten gegenüber der Welt beeinflusst. Mit der Lektüre von Nietzsche, die ich durch mein Studium deutlich intensiver und gründlicher betrieb, erweiterte ich Letztere dann noch um einige bedeutende Aspekte — und fand dann auch letztendlich Trost für Josys Tod. Die Philosophie, und insbesondere der Existenzialismus, reiben uns und allen anderen lebenden Wesen nämlich nur allzu gerne die unvermeidliche Vergänglichkeit allen Seins unter die Nase. “Philosophieren heißt sterben lernen” — so zitierte Montaigne einst in seinem gleichnamigen Essay Cicero, und diese Erkenntnis kann definitiv unterschreiben. Die schiere Sinnlosigkeit von Josys Leiden am Ende seines langen Lebens wäre eigentlich allgemein ein valider Grund zum Auflehnen gegen das Dasein, das am Ende zu nichts anderem als Schmerz und Verlust zu führen scheint — das wäre aber, wie Nietzsche im letzten Aphorismus seiner Genealogie schreibt, sinnbildlich für die Weigerung des Menschen, die Sinnlosigkeit vom Dasein und dem mit ihm notwendig verbundenen Leiden anzuerkennen. Anstelle also, dass ich den Schmerzen, dem Tod und der Existenz von Josy überhaupt selbst irgendeinen finalen, fixierten Sinn andichte, der im Kaninchenjenseits seine Erfüllung findet, sollte ich Nietzsche zufolge vielmehr den Tod und Schmerzen als notwendige Aspekte des Daseins begreifen, die Letzteres darum nicht umso weniger bejahens- und lebenswert machen. Auch wenn es wünschenswert ist, dass (und hier würde Nietzsche mir nicht zustimmen) menschliche Leiden so weit es geht verringert wird, so ist es doch in manchen Fällen unabwendbar, eben weil es ein notwendiger Faktor unseres Daseins ist — und Nietzsche lernt uns, damit umzugehen. Genau so ist es mit falschen Entscheidungen: Zu lernen, sie zu akzeptieren und auch mit dem daran anschließenden Bedauern umzugehen, hilft einem auch als Menschen zu reifen.  Das alles schafft ein besseres und gesünderes Verhältnis zum eigenen Dasein und der Unwiderrufbarkeit unserer Entscheidungen, die keinen Grund zur Verzweiflung darstellen sollen — deswegen ist die Lektüre von Nietzsches Werken manchen Psychologen zufolge auch besser als jedes Selbsthilfebuch. Nietzsche selbst gibt allerdings auch zu, dass es manchmal durchaus einem  “Willens zur Täuschung” bedarf, um das Dasein überhaupt erst erträglich zu machen — beispielsweise, indem man all die Erfahrungen, die es einem aufbürdet, so wie in meinem Falle Josys Tod, in eine künstlerische Form gießt, transformiert, und verarbeitet, um am Ende das Leben in all seiner Sinnlosigkeit doch noch zu bejahen. Dabei kann auch letztendlich die Philosophie helfen, und dementsprechend sollen die Philosophen der Zukunft Nietzsche zufolge nicht mehr nach einem abstrakten Ideal der Wahrheit streben, da sie damit das Dasein selbst, das solch objektive Werte nicht kennt, verneinen.

Insofern taugen diverse philosophische Ideen also auch heutzutage definitiv noch zur Lebensphilosophie. Auch sie mir nicht alle meine Entscheidungen, vor die ich Zeit meines Lebens gestellt werde, abnehmen können, so helfen sie mir doch, sie leichter fällen zu können und so zu handeln, dass ich zu dem Menschen werde, der ich sein möchte, und auch zu diesem Dasein, dass ich aus meiner eigenen Freiheit heraus entworfen habe, stehe.

Eine sehr gelungene Erläuterung einiger Ideen, die ich in meinem Text besprochen habe,  findet ihr übrigens auch in den folgenden Videos aus der “8-Bit Philosophy”-Reihe, die dazu ein ein passendes Beispiel für meine Auffassung, dass sich auch akademische Philosophie ohne Sinnverlust für jeden Menschen erklären lässt, liefern. Im ersten geht es um Nietzsches Lehre der ewigen Wiederkunft, im zweiten um Sartres Konzept der mauvais foi. Beide Videos ersetzen selbstverständlich keine ausführliche philosophische Lektüre — die stellt letztendlich nämlich noch immer die beste Methode dar, um sich mit der Thematik auseinandersetzen und auch in vollem Umfang auf das eigene Leben anwenden zu können:

 

Oliver Burkeman: No Regrets? Why Not? (The Guardian)

Rassismus 2.0 – Wie die rechte Szene sich soziale Netzwerke zu Nutze macht (Gastbeitrag von Xavier Hofmann)

Der 4. Gastbeitrag von Xavier Hofmann zum Thema “Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken”. Den Originalartikel findet ihr hier.
In den ersten drei Einträgen meines Blogs ging es allgemein um die Funktionsweise sozialer Netzwerke und das Verhalten mancher Nutzer. In diesem Post wird es nun darum gehen, wie die politisch rechte Ecke versucht, ihr Gedankengut in sozialen Netzwerken zu verbreiten und teilweise unterschwellig gegen Minderheiten jeder Art zu hetzen und eine allgemeine fremdenfeindliche Stimmung in der Gesellschaft zu erzeugen.
Beginnen werde ich mit einem Beitrag, der von der Facebook-Seite “NPD-Kreisverband Westpfalz” veröffentlicht wurde. Kurz gesagt: In Kaiserslautern sollen angebliche Asylanten den gefährlichen Ebola-Virus nach Deutschland gebracht haben. Natürlich stimmt das nicht, was man auch in meinen Quellenangaben detailliert nachlesen kann. Das Interessante ist an dieser Stelle die Art, wie der Beitrag verfasst wurde. Ähnlich wie es auch etliche “normale” Seitenbetreiber tun, wird hier versucht, die Reichweite der eigenen Posts mit Provokation und dem Aufstellen pikanter Fragen zu steigern. Darauf springen natürlich viele Nutzer an, die schon seit Monaten in der Angst vor dem tödlichen Ebola-Virus leben. Dabei ist es ihnen im Endeffekt egal, dass sie dabei die NPD indirekt unterstützen. Es geht primär um die Angst um das eigene Leben. Diese Angst wird hier genutzt, um Fremdenhass und Intoleranz gegenüber Asylanten zu schüren. In diesem anderen Beispiel bedient sich die NPD einer ähnlichen Vorgehensweise. Die Angst davor, die eigene Unterkunft zu verlieren, wird dazu genutzt, um gegen Asylanten zu wettern. Natürlich wurde auch hier mit allen Mitteln der Kunst versucht, ausgehend von einem realen Sachverhalt irgendwie eine provokante Meldung auf die Beine zu stellen. Auch in diesem letzten Beispiel wird noch einmal deutlich, dass die politisch rechte Ecke vor keiner Falschmeldung zurückschreckt, um auch nur irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. Hier wurde die sogenannte „Eingliederungshilfe“, die eigentlich nur körperlich oder geistig wesentlich behinderten Menschen zusteht, so uminterpretiert, als dass sie dazu dienen würde Asylbewerbern das Eingliedern in die Gesellschaft zu erleichtern. Da es sich in diesem Fall um mehr als 2000 Euro handelte, war die Empörung enorm.

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Zusätzlich zu den hier beispielhaft genannten Beiträgen, die aus offensichtlich rechtsextremen Federn stammen, gibt es noch eine subtilere Art, um in sozialen Netzwerken den Hass auf Minderheiten zu schüren. Als Beispiel sei hier auf die oberen Bilder hingewiesen. An dieser Stelle kann man nur über die eigentliche Herkunft und den Sinn der Beiträge spekulieren, jedoch scheinen diese alle einen faden, rechten Beigeschmack zu haben, was besagten Gruppierungen zweifellos entgegenkommt. Teilweise bestehen solche Statusbeiträge aus riesigen Texten, die wohl den Eindruck vermitteln sollen, dass es sich um einen seriösen, gut recherchierten Beitrag handelt. Im Endeffekt wird auch hier nur wieder versucht, ein Maximum an Aufmerksamkeit zu erlangen. Beiläufig werden dann Informationen bezüglich einer ausländischen Herkunft der in den Beiträgen behandelten Täter erwähnt. Diese Informationen führen dazu, dass Nutzer, die diese Beiträge glauben, sich – nach dem Entdecken etlicher ähnlich gelagerter Fälle – “in ihrem eigenen Land nicht mehr sicher fühlen”. Hier und hier kann man sich zwei Musterbeispiele für solche Beiträge ansehen. Besonders bei Letzterem kann man erkennen, wie schnell und unkontrolliert sich die Meldung im Internet verbreitet hat. Das Dementieren dieser Meldungen durch die Polizei ist hier nur noch ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke ist es auch für die rechte Szene einfacher geworden, neue Mitglieder zu werben. Wo man sich früher erst einmal informieren musste, wo sich die rechte Szene im eigenen Ort denn eigentlich traf und zusätzlich den Mut aufbringen musste dort vorstellig zu werden, so kann man heute mit nur wenigen Klicks den Kontakt mit solchen Personen aufnehmen. Deren angewandte Taktiken zur Rekrutierung sind vielfältig, und es wird gezielt versucht, potenzielle Interessenten Schritt für Schritt in den braunen Morast zu ziehen. Wenn man erst merkt, worauf man sich eingelassen hat, so ist meist schon zu spät, um aus eigener Kraft wieder heraus zu kommen. Auffällig ist hier auch die Anzahl der rechten Seiten, die sich immer gegenseitig referenzieren und wohl auch von den gleichen Betreibern administriert werden. Auch die aktiven Mitglieder solcher Seiten scheinen offensichtlich immer auf die gleiche Menge von echten Personen abzubilden. So entstehen unter Posts teilweise gestellte Diskussionen, die den Zweck haben, Dritte zu beeinflussen und Sympathien für die besprochenen Inhalte zu wecken.
Zum Abschluss dieses Beitrags bleibt nur noch einmal zu wiederholen, dass man unter keinen Umständen, wahllos Beiträge in sozialen Netzwerken weiterleiten sollte. Ist es eigentlich schon schlimm genug, dass man hier (unwissentlich) Falschmeldungen verbreitet und Hetze betreibt, so kann dies eigentlich nur noch schlimmer werden, wenn man durch unüberlegtes Handeln rechts orientierten Gruppierungen den Wind in die Segel bläst. Der Einfluss, den das braune Gedankengut in sozialen Netzwerken ausübt, scheint immer größer zu werden. Der altbekannte Satz “Ich bin ja kein Rassist, aber…” und seine gleichgesinnten Konsorten scheinen, auch dadurch, wohl immer salonfähiger zu werden. Diese Entwicklung unserer Gesellschaft empfinde ich als sehr beunruhigend, da uns auch die Vergangenheit nicht davor bewahrt, empfänglich für offensichtliche Manipulationsversuche seitens des rechten Randes zu sein.

Quellen:

http://www.mimikama.at/allgemein/angeblicher-ebola-verdacht-in-kaiserslautern-nichts-als-ein-laues-lftchen-von-rechts/
http://www.mimikama.at/allgemein/privatwohnungen-knnen-fr-asylanten-beschlagnahmt-werden-sagt-die-npd/
http://www.mimikama.at/allgemein/unfassbar-kein-fake/
http://www.mimikama.at/allgemein/angeblicher-versuch-einer-kindesentfuehrung-in-duisburg/
http://www.mimikama.at/allgemein/die-organmafia-in-essen-und-duisburg-ein-fake-verbreitet-angst/
http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/180893/das-braune-netz

Bildquellen:

http://www.mimikama.at/wp-content/uploads/2014/04/image15.png
http://www.mimikama.at/wp-content/uploads/2014/04/image24.png

Nico Castiglia – Der neue Kopf der rechten Szene in Luxemburg

Die seit einigen Monaten herrschende Stille rund um die rechte und rechtsextreme Szene Luxemburgs in den sozialen Medien wurde vor wenigen Tagen mit einem Paukenschlag durchbrochen. Ein gewisser Nico Castiglia – dessen Treiben ich bereits seit einiger Zeit beobachte – hat in einem Gespräch mit RTL.lu angekündigt, das luxemburgische Pendant des rechtsextremen Front National – einer Partei, die trotz ihrer angeblichen Entdämonisierung durch Marine Le Pen nach wie vor an die niedersten Ängste der Menschen appelliert und somit auf Stimmenfang geht – zu gründen. Am 25. April 2015 soll die neue Partei namens “Sozial Demokratesch Vollëkspartei”, die in der politischen Landschaft Luxemburgs den braunen Morast rechts der ADR für sich beanspruchen möchte und in der angeblich schon 40-50 Leute involviert sind, das Licht der Welt erblicken. Alarmiert von dieser beunruhigenden Nachricht, wollte ich der Sache dementsprechend näher auf den Grund gehen.

Nach einigen Recherchen, die ich euch nun nachfolgend präsentieren möchte, erhielt ich bereits einen sehr unangenehmen Vorgeschmack auf die Anhängerschaft Castiglias – die lässt seine Aussagen auf RTL, dass seine Partei angeblich weniger extrem wie der FN werden soll, sogleich wie blanken Hohn erscheinen. Sein Facebookprofil hat sich nämlich abseits der Öffentlichkeit in den letzten Monaten als das neue Sammelbecken für allerlei rassistische und menschenfeindliche Aussagen – die von Castiglia dazu mehr als offensichtlich toleriert und gar gezielt gefördert werden – herauskristallisiert. Die rechte Szene Luxemburgs ist nach einigen Rückschlägen, unter anderem in Form von Gerichtsurteilen aufgrund des Aufrufs zum Hass, also wieder wieder im Inbegriff, sich zu organisieren – und erstmals droht die braune Welle, unter dem Deckmantel von Castiglias “Sozial Demokratischer Volkspartei”, auch aus den sozialen Netzwerken in die reale Welt überzuschwappen.


Ehe ich aber näher auf Castiglias Profil selbst und die dort anzutreffenden rassistischen Eruptionen eingehe, möchte ich, um die Gründung der SDV zu kontextualisieren, noch einmal die allgemeinen Strukturen und auch den aktuellen Stand der rechten und rechtsextremen Szene in Luxemburg näher beleuchten. Für all diejenigen, die mehr über deren Entwicklung in den letzten Jahren erfahren möchten, habe ich dazu am Ende des vorliegenden Texts eine Übersicht meiner bisherigen Arbeit zum Thema zusammengestellt.

Die rezenten Ausbrüche von Rechtsextremismus in Luxemburg konzentrieren sich fast ausschließlich auf die sozialen Medien – in diesem Falle insbesondere Facebook; die letzten Versuche zur Gründung von rechtsextremen Parteien (wie beispielsweise durch den berühmt-berüchtigten Pierre Peters in den 90ern) schlugen gnadenlos fehl. Rassistische Kommentare in den Kommentarspalten großer luxemburgischer Tageszeitungen sind leider gang und gäbe, nehmen aber nie eine strukturierte Form an. In regelmäßigen Abständen – insbesondere im Anschluss an öffentliche Debatten, wie etwa die komplexe Diskussion um die Sprachensituation in Luxemburg oder jüngst etwa das Ausländerwahlrecht, was für sehr viel emotional geladene Polemik sorgt – tauchen dann Seiten auf, die als sogenannte Hubpages der rechten Szene fungieren. Dort tummelt sich dann deren harter Kern, der sich aus einigen wenigen Individuen, die immer wieder durch rassistische, islamo- und homophobe Kommentare auffallen, rekrutiert. Meistens verschwinden die Seiten nach einiger Zeit von selbst, wenn die gesellschaftliche Debatte wieder abflaut oder die Mitglieder sich durch interne Streitereien gegenseitig zerfleddern – Letzteres passierte bislang häufig bei all den kläglichen Versuchen, die rechten Strömungen in der luxemburgischen Bevölkerung in diversen Gruppierungen, wie etwa die “NDU”, “Lëtzebuerger Patrioten” oder “Luxemburg Defence League” zu kanalisieren. Zwischen dem rechtsextremen und dem rechtspopulistischen Rand, der in Luxemburg vorallem durch die Partei ADR repräsentiert wird, besteht desweiteren immer wieder reger, oftmals auch persönlicher Austausch – diverse jüngere ADR-Politiker sind mit Leuten, die in der Vergangenheit durch rassistische Kommentare auffielen, befreundet, und die Partei hat sich – auch wenn immer wieder das Gegenteil beteuert – nie ausdrücklich von klar rechtsextremen Mitgliedern distanziert und lässt sogar zu, dass sie immer wieder auf Parteiveranstaltungen auftauchen. Die ADR und insbesondere ihre Jugendorganisation ADRenalin selbst fristen wiederum ein Schattendasein – auch wenn die Verantwortlichen immer wieder die angeblich bevorstehende “konservative Revolution” (das Wort selbst stellt schon ein äußerst belustigendes Oxymoron dar) heraufbeschwören. Viele führende Persönlichkeiten innerhalb der Partei, wie etwa der Vorsitzende der Jugendorganisation, Joe Thein, oder Fernand Kartheiser, der ehemalige Parteipräsident, fallen auf ihren jeweiligen Blogs auch immer wieder durch äußerst krude Aussagen und Sympathiebekundungen gegenüber PEGIDA auf, mit denen sie verdeutlichen, auf welcher äußerst bedenklichen politischen Linie sich die ADR mittlerweile befindet.

Rechts dieser Partei möchte sich nun also die SDV ansiedeln und somit, nach zahlreichen gescheiterten Versuchen durch andere berühmt-berüchtigte Persönlichkeiten der rechten Szene, einen erneuten Vorstoß menschenfeindlicher Ansichten in die luxemburgische Politlandschaft wagen – das verspricht schonmal rosige Aussichten.


Zeit also, nun endlich mal Nico Castiglias Facebookprofil genauer unter die Lupe zu nehmen. Auch auf diesem macht er, wie man schnell feststellt, keinen Hehl aus seiner überhaupt nicht bedenklichen Bewunderung für den Front National:

Nico Castiglia - "Gefällt mir"

Sehr auffällig ist, dass er nicht nur FN-Parteichefin Marine Le Pen – die unter anderem, um die aufwallenden Ängste nach den Terroranschlägen in Frankreich auszunutzen, die Wiedereinführung der guten alten Guillotine befürwortet hat und der wegen einer Rede, in der sie muslimische Gebete mit der Nazi-Besatzung Frankreichs verglich, ein Strafverfahren angedroht wurde – seine Sympathie in Form seines Likedaumens bekundet, sondern auch ihrem Vater Jean-Marie Le Pen, einem der bekanntesten und furchtbarsten Rechtsextremisten Europas, der unter anderem vor Kurzem wieder einmal bekräftigt hat, dass der Holocaust für ihn nur ein “Detail” des 2. Weltkriegs darstellt. Mit solch dem Humanismus verpflichteten politischen Vorbildern kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen! Ein Blick auf seine Lieblingsfilme zeigt dann auch, wo er sein fundiertes politisches Wissen herhat, und zwar aus dem unerreichten König der dubiosen und miserabel recherchierten YouTube-Videos, auf den sich so gut wie alle Verschwörungstheoretiker und Pseudo-Erleuchteten gerne berufen – “Zeitgeist”:

Nico Castiglia - Profil (Filme)

Stöbert man dann ein bisschen weiter, stößt man auch schnell auf seine feinfühligen lyrischen Ergüsse:

Politische Ohnmacht

Herr Castiglia ist im Gegensatz zu den von ihn angeprangerten, bösartigen Politikern natürlich ein ehrbarer Mann. Immerhin verdiente er sich seinen Lebensunterhalt früher unter anderem dadurch, älteren Damen ihr Erspartes abzuknüpfen, indem er sie davon überzeugte, in eine phantomhafte Fluggesellschaft zu investieren – bis ihm schließlich die Staatsanwaltschaft auf die Schliche kam und er eine saftige Gefängnisstrafe kassierte. Im Lichte dieser heldenhaften Taten erscheinen seine Selbstinszenierung als leidenschaftlicher Verfechter der “Wahrheit” (allerdings nur jener, die ihm in den Kram passt) und immer wieder auf Facebook von ihm hinaus posaunten Pamphlete gegen Politiker, die ihm zufolge die Bevölkerung ausbeuten, umso glaubwürdiger und authentischer.

Castiglia hat um die 4000 Freunde, die er zumeist mit sehr geschmackvollen und von seinem feinsinnigen Humor zeugenden Witzeleien über Erektionen und Blondinen auf Trab hält:

9.1 Castiglia verfügt auch über einen sehr subtilen Humor

Von Zeit zu Zeit wirft er dann aber immer wieder politisch aufgeladene Beiträge in die Mitte seiner Anhängerschaft, die vom offensichtlichen Verlangen beseelt sind, an die niedersten Ängste zu appellieren und möglichst rabiate Reaktionen hervorzurufen.

Ein Beitrag löste dabei einen besonders fürchterlichen rassistischen Sturm aus:

1.1 Castiglia Artikel 50 Millionen

Wenn man sich den von Castiglia verlinkten Artikel selbst näher anschaut, merkt man ziemlich schnell, dass es sich dabei um eine wirre Ansammlung von diversen rechten Verschwörungstheorien und gezielter Angstmache ohne fundierte Quellen handelt. Beispielsweise greift der Autor des besagten Artikels am Ende auf die in rechten Kreisen gerne verbreitete Zahl von 51, 72 Millionen (!) Muslimen zurück, die 2045 angeblich in Deutschland leben sollen – wie sich diese Verzehnfachung (!!) der muslimischen Bevölkerung in Deutschland alleine schon vom rechnerischen Standpunkt her innerhalb von 30 Jahren ereignen soll, will sich mir nicht so recht erschließen (wenn ihr wirklich valide Prognosen zu diesem Thema haben wollt, empfehle ich euch übrigens diesen Link zu Rate zu ziehen).

Nico Castiglia verteidigt den Artikel trotzdem erbittert mit allen erdenklichen argumentativen Mitteln und vorbildlichen Quellenangaben:

1.14 Brillante Quellenangabe vom Herrn Castiglia.

Übersetzung: “Die Artikel sind nicht Dumm die sogar schon im Fernsehen Thema gewesen …!”

Nico Castiglia postet nun diesen ganz offensichtlich auf falschen Fakten und vollkommen irrsinnigen Prämissen basierenden Artikel mit der plakativen und sehr aussagekräftigen Überschrift “Vollidioten !!!” – was dann auch die gewünschten Reaktionen des sich um ihn scharenden braunen Mobs, dem jeder noch so lächerliche Vorwand Recht ist, um dem in ihm schwelenden Hass freien Lauf zu lassen, hervorruft. Die dabei zustande gekommenen Kommentare sprechen in all ihrer Ignoranz und ihrem blanken und unverhohlenen Rassismus für sich:

1.2 Crystal Cryster Erster rassistischer Kommentar

Übersetzung: “Ach Jesus, normal dass Leute keine Kinder mehr machen, kein Geld !!!! Und dann bringen sie gerne faule Säcke herein, aber nun ja, was erhoffen die sich dabei !!!!”

1.3 Knutschiwutschi Miri Noch ein rassistischer Kommentar

Übersetzung: “was heißt hier ausgebeutet ??? Sie hätten ja selbst etwas machen können !! Aber dafür sind die ja zu faul.”

1.5 Rassistische Sicht auf Afrika

Übersetzung: “Zur Sache “Kriegs-Länder”. Kann jemand mich aufklären WO im ganzen ehemaligen Jugoslawien (Ich weiß, ist nicht Afrika) Krieg ist. Weil noch JEDEN TAG welche ankommen ! Lampedusa, schau dir die Reportagen an ! Lauter JUNGE kraftstrotzende Männer. In ganz Europa, egal in welchem Land, ist mit denen “ach so geplagten” Flüchtlingen die Kriminalität sprunghaft nach oben gegangen. Und ich sage NOCH einmal, das sind KEINE Flüchtlinge, zu 99% nicht. Die, die als erstes weglaufen, hauptsächlich die die ich vorhin erwähnt habe, sind Feiglinge, die ihre Familie im Stich gelassen habe. Und so etwas braucht Europa NICHT. Schaut die Fotos hier. Trotz ein paar 100 Jahren “Entwicklungs-Hilfe” gibt es dort noch so etwas dort. Und das kommt eben vor, wenn man für ein paar Milliarden supermodernes Kriegs-Material kauft. Dreht denen den “Spenden-Hahn” zu, ihr werdet euch wundern, wie schnell dort Ruhe ist.”

1.6 Rassistischer Kommentar von "Kleiner Mann"

Übersetzung: “Frank Scheer, glaube das kaum. Ist eine Frage von Bildung. Und sorry, das, ist etwas was diese “Leute” NICHT haben.”

1.7 Noch mehr Rassismus

Übersetzung: Crystal Crystal: “Und dann müssen wir hier auf unsere Diamanten und Ringe aufpassen.” Kleiner Mann: “Nur noch eins, ich weiß mich zu wehren. Avis aux Amateurs.”

1.8 Afrikaner werden kollektiv als "Neger" bezeichnet

Übersetzung: “Nun denn, wenn die EU 50 Millionen (ja 50.000.000 !!!) Neger in die EU nehmen will, dann wandere ich in Afrika aus, weil dort sind ja fast keine mehr da, dann sind die fast alle bei uns. Und dann kann man noch so lange in Afrika ruhig leben, man braucht keine Angst mehr zu haben, weil mit den 50 Millionen kommen auch eine ganze Reihe Terroristen und Fanatiker mit zu uns (die kommen jetzt schon mit den “Flüchtlings”-Booten) 3x sollen das Juxusburg und 3x die EU hochleben mit hieren politischen Gehirnkrüppeln!!!!!!!!!”

1.9 "Brauchen wir nicht hier in Europa, beurk"

Übersetzung: “Brauchen wir nicht hier in Europa, Beurk”

1.12 Afrikaner werden alle kollektiv als Verbrecher und "Abschaum" abgestempelt

Übersetzung: “Theid, du hast ja auch einen echten Luxemburger Namen, genau wie ich, aber wer hat diese Namen überhaupt erfunden? Und ein Name ist noch lange kein Landesverräter, das will ich dir aber auch sagen. Auch wenn du in der Politik tätig bist, schau mal was für ein Abschaum ihr mittlerweile in Esch (-Alzette) rumlaufen habt, und nicht nur in Esch auch in Schifflange, Diddelange, Stadt und dann im Norden vom Land. Mord, Raub, Überfälle, usw. ohne von den Sachen zu sprechen die vertuscht werden. Ich glaube wir hatten die goldenen Jahre nach dem Krieg erwischt, Theid, unsere Kinder schon nicht mehr so. Also es ist kein Platz mehr für nach mehr Verbrecher, wir haben schon genug in der Politik sitzen denen wir schon nicht mehr Herr werden.”

1.16 Knallst du einem "Neger" eine ...

Übersetzung: “Knalls du einem Neger eine bist du Rassist, knallt er dir eine ist er schlecht integriert. Kommt drauf an wie du es siehst. Oder wie ein Kollege sagte: Wenn sie klein sind sind sie nett, wenn sie groß sind klauen sie dir dein Auto. Wenn du dich hier im Land wehrst bist du sofort Rassist. Nico ich stehe hinter deiner Meinung.”

Bei solch unverhohlenem Rassismus fällt es mir wirklich schwer, gleichermaßen meine sarkastische Distanz als auch meine Fassung zu bewahren – es ist wahrhaftig eine Schande, dass nach wie vor solche ignoranten und redundanten Ansichten von der unbeschreiblich schönen Vielfalt Afrikas in Teilen der luxemburgischen Bevölkerung kursieren. Deren Vertreter besitzen dann gar noch zusätzlich die bodenlose Frechheit jegliche Vorwürfe des Rassismus abzuwimmeln und sich selbst zum Opfer von ‘reverse racism’ (der übrigens ein Mythos ist) hochzustilisieren:

1.10 Trauriges Herz liefert flawless logic

“Das hier hat nix mit Rassismus zu tun das ist Realität !!!! Weil wir in unserem eigenen Land werden rassistisch dumm und blöd angemacht, und dann dürfen wir hier unsere Meinung nicht sagen? Kein Wunder dass man so denkt !!! Und dann ist hier schon zu Wort gekommen dass die wo dagegen sind dass wir uns wehren können sie alle bei sich aufnehmen !!! Darf jetzt nicht weiter schreiben was ich denke !!! Schönen Tag noch !!!”

Achja, einen regelrechten Aufruf zu Lynchjustiz gibt es unter dem Artikel dann auch noch:

1.11 Aufruf zu Lynchjustiz

Übersetzung: “und dann sagen sie Schwarzarbeit ist verboten!!!! Soweit ich weiß ist auch Sklaverei nicht erlaubt, also wer muss dann jetzt wieder lohnen, na natürlich der dumme Bürger aus der EU. Was sind wir doch alle Volltrottel dass wir unsere Zertreter nicht einen Kopf kürzer machen. Also die müssten alle ohne Ausnahme an den Pränger und öffentlich hingerichtet werden. Dann das Schauspiel müsste in der ganzen Welt gezeigt werden, dass die Flüchtlinge in ihren Heimen bleiben und um ihnen zu zeigen dass es hier nicht mehr zu spaßen ist mit den Bürgern.”

Angesichts all dieser Kommentare sorgt Nico Cogliatis folgende Aussage dann für umso mehr Kopfschütteln:

Castiglia hat anscheinend rassistische Kommentare gelöscht

Übersetzung: “Herr Daniel Feypel es ist richtig dass verschiedene Aussagen (die ich auch sofort gelöscht habe) nicht gut geheißen werden können, es spiegelt aber wieder was der Bürger denkt und was viele Leute sich nicht trauen zu sagen (…)”

Castiglia hat also anscheinend die schlimmsten Kommentare alle schon gelöscht – wenn man dann allerdings bedenkt, dass er solche wie die obigen, in denen aus Afrika stammende Menschen kollektiv als “Neger”, “faule Säcke” und “Abschaum” bezeichnet werden, offenbar als nicht allzu schlimm empfunden und dementsprechend stehen gelassen hat, möchte ich wirklich nicht wissen, was in den Kommentaren stand, die er (angeblich) gelöscht hat. Glücklicherweise sind die hasserfüllten Kommentare unter Castiglias Artikel, entgegen seiner Auffassung, dazu nicht repräsentativ für das, was “der Bürger” sich insgeheim denkt – auch wenn es schon mehr als bedenklich ist, dass solche Gedanken überhaupt in den Köpfen einiger Menschen in Luxemburg herumschwirren.

Castiglia glänzt aber nicht nur dadurch, dass er auf dem rechten Auge vollkommen blind ist, sondern unter anderem auch durch seine gewählte Ausdrucksweise, die nicht zuletzt durch doch sehr erheiternde Widersprüche besticht:

Jetzt hör auf Leute

Übersetzung: Tom Rancour: “Wenn die ganzen Patridioten wenigstens ihre eigene Sprache richtig schreiben könnten … “Lëtzebuerger”, nicht “Letzeboier”. Es ist doch nicht so schwer.” Castiglia Nico: “Tom Rancour der Idiot musst du wohl sein … weil als ich in die Schule ging ist hier kein Luxemburgisch an der Schule gelehrt worden … und jetzt hörst du auf die Leute zu beleidigen du Sau da”

Dass Herr Castiglia seinen politischen Opponenten zuerst als “Idiot” und “Sau” bezeichnet, und dann im gleichen Atemzug von diesem fordert, damit aufzuhören, andere Leute zu beleidigen, zeugt nicht nur von dessen exzellenten rhetorischen Fähigkeiten, sondern festigt auch sein Dasein als musterhafte Realsatire des sich immer mehr in Widersprüche und Vulgaritäten verheddernden Patrioten.

Anhand dieses Kommentars von Castiglia zeichnet sich dazu wieder die herrliche Hypokrisie, die viele eifriger Patrioten auszeichnet, ab. Herrn Castiglias Ortographie im Luxemburgischen ist, wie anhand dieses Beispiels jedem, der der luxemburgischen Sprache mächtig ist, gewahr wird, gelinde ausgedrückt ziemlich fehlerhaft. Er selbst wimmelt jedoch jegliche (berechtigte) Forderungen, er solle nicht nur seiner schon so sehr angeschlagenen Kredibilität zuliebe gefälligst selbst zuerst einmal richtig Luxemburgisch schreiben lernen, ehe er das von Ausländern fordert, kurzerhand mit der Behauptung, er selbst habe halt niemals Luxemburgisch in der Schule gelernt, ab. Herrn Castiglias brennende Heimatliebe und sein Dasein als Patriot erlösen ihn also offenbar nicht nur von jeglichen ortographischen Eingrenzungen, sondern auch davon, sich in Luxemburgischkurse zu setzen und Ortographie- und Grammatikregeln zu pauken. Erstaunlich, dass die selbsternannten Retter von Luxemburg sich auf der einen Seite, von rassistischen Ressentiments getrieben, immer über die angeblich ach-so-faulen Ausländer, die kein Luxemburgisch lernen wollen, beklagen, auf der anderen Seite aber selbst offensichtlich keinen einzigen ihrer stattdessen fleißig xenophobe Kommentare auf Facebook formulierenden Finger rühren wollen, um selbst ihr fast in allen Fällen fehlerhaftes Luxemburgisch einmal gehörig aufzubessern. Natürlich könnte man die daraus resultierende kryptische Natur besagter Kommentare auch als einen Segen auffassen – immerhin entgehen einem so ihre wirren und haarsträubenden Gedanken, weil man schon alleine aufgrund ihrer mangelnden ortographischen als auch grammatikalischen Kenntnisse daran scheitert, überhaupt einen Sinn aus diesen vor Ignoranz strotzenden Gedankenergüssen, die bar jeglicher Struktur oder Reflexion sind und nur in Wörter gegossene, primitivste Regungen darstellen, herauszudistillieren.


Nico Castiglia nutzt auch die momentan sowieso schon sehr aufgeheizte und feindselige Stimmung rund um das anstehende Refenderum, bei dem unter anderem über das Ausländerwahlrecht abgestimmt werden soll, aus. Anstelle eine differenzierte und fundierte Diskussion über das Thema zu initiieren und auch die Positionen jener, die für das Ausländerwahlrecht sind – so wie etwa erfreulicherweise ein Großteil der Jugendparteien Luxemburgs in einer ungewöhnlichen Geschlossenheit -, schmeißt er lieber folgende aus dem Kontext gerissene Statistik (die mit einer ähnlich bewusst provozierenden Intention von meinem Lieblings-ADRler Joe Thein gepostet wurde) inmitten des nach Futter für seine rassistischen Ressentiments dürstenden braunen Mob los:

10.1 Joe und Castiglia

Übersetzung: “Wollt ihr das Ausländerwahlrecht??? Ich nicht !!! Für das Referendum 3x NEIN!”

Nico Castiglia entpuppt sich hier wieder einmal als schamloser Populist. Er macht sich, genau so wie Joe Thein, nicht einmal die Mühe, irgendwelche kausalen Bezüge zwischen dem  prozentualen Anteil an Ausländern in der luxemburgischen Bevölkerung und seiner in seinem dazugehörigen Kommentar geäußerten Ablehnung des Ausländerwahlrechts herzustellen – wodurch seine rein provozierende Absicht hinter dem Beitrag klar ersichtlich wird. Die Kommentare unter dem Artikel sprechen dementsprechend wieder Bände:

10.4 "Alles raus"#2

Übersetzung: “Was für ein Blödsinn raus alle grgr”

10.5 "Abschaum"

Übersetzung: “Nicht alle ich kenne auch feine Ausländer die sich angepasst haben und Luxemburgisch sprechen und mit Luxemburgern zusammen oder verheiratet sind. Aber der Abschaum alles raus und keiner mehr rein.”

10.3 "Alles muss raus"

Kommentare wie diese lassen keinen Zweifel mehr daran, dass die SDV nicht einmal den geringsten konstruktiven Beitrag zur Referendumsdiskussion liefern könnte.


Nico Castiglia unternimmt dazu noch zahlreiche weitere Anstrengungen, sich selbst möglichst effizient als ignoranten Pseudo-Duce der luxemburgischen Politik zu entlarven:

6.1 Die bösartige Europaschule

Übersetzung: “Jetzt geht es endgültig zu weit! Wir müssen uns endlich wehren! Und zwar jetzt!”

6.2 Castiglia kann es kaum fassen, dass es tatsächlich eine Europaschule soll geben

Übersetzung: Castiglia Nico: “Es fängt mit einer sogenannter Europaschule an und wird dann an unseren Schulen übernommen ! Das politische Hintendrum kennen wir zur Genüge” Frank Scheer: “Ich habe das diesen Morgen schon auf dem Radio hören … Eine Europaschule und eine Grundschule in der das Gewicht auf das Portugiesische gelegt wird … Mir ist der Mund aufstehen geblieben. Wo bleibt da noch die Integration? Lernen die jetzt gar kein Luxemburgisch mehr? Hier wird wirklich alles gemacht um die Integration zu verhindern!! Das da ist eine Farce !!”

Ich bezweifle, dass Nico Castiglia und seine treuen Pöbler den von ihm verlinkten Beitrag überhaupt gelesen haben – es scheint mir eher so, dass sie wieder einmal die Fakten so zurechtbiegen, dass sie in ihr kleinkariertes Weltbild hineinpassen, denn in besagtem Artikel steht überhaupt nichts von einem obligatorischen Portugiesischunterricht. Oh, und was wird denn nur aus unseren Kindern, wenn sie auf einmal mehrere Sprachen beherrschen – weltgewandte und offene Menschen? Welch grausige Vorstellung! Danke Herr Castiglia, dass Sie uns davor bewahren und die Menschen eher Ihrem wundervollen Ebenbild entsprechend maßschneidern wollen.

In einem anderen Artikel zum Thema heißt es dazu:

Das Konzept legt großen Wert auf den Sprachenunterricht. Neu ist vor allem, dass erstmals Portugiesisch an einer öffentlichen Schule in Luxemburg unterrichtet wird. Aber auch auf Luxemburgisch als Integrationssprache soll laut Unterrichtsminister Claude Meisch großen Wert gelegt werden.

Damit ist endgültig bewiesen, dass sich Nico Castiglia, von einer offensichtlichen kognitiven Dissonanz befallen, nicht um Fakten schert und lieber einzelne Informationen aus dem Gesamtkontext reißt, um mit diesen gezielt Angst – wie etwa in diesem Falle vor der angeblichen Vernachlässigung der luxemburgischen Sprache im öffentlichen Schulwesen zugunsten des Portugiesischen – zu schüren.

Und, weiterer Fun Fact: Es gibt in Luxemburg schon eine European School – und zwar seit 1957. Da war der Herr Castiglia noch nicht einmal auf der Welt.


Den absoluten Gipfel der Ironie erreicht aber dieser Beitrag mitsamt Kommentaren, bei denen ich mir mehrmals die Augen reiben musste, weil ich die schiere Absurdität, die sich vor ihnen darbot, nicht so recht fassen wollte:

Switch

Übersetzung: Castiglia Nico: “Ich würde mal sagen dass wir Luxemburger erwachen müssen!” Carmen Casulli: “Wir Luxemburger … verschwanden ruckzuck – und du bist weg!” Castiglia Nico: “Wir können uns auch wehren, wir werden schon nicht still halten … ich auf jeden Fall nicht.” Marie’chen Thérèse Braas: “Oh gleich weiß keiner mehr was überhaupt ein Luxemburger ist.” Kleiner Jang: “Ich warte auf solche! Werde ganz freundlich mit denen sein ! Versprochen !” Yvonne Wagner: “Es würde Zeit werden weil es sind schon nicht mehr viele da und die fürchten um etwas zu sagen” Patricia Lahyr: “Ich werde auch nicht still stehen …”

Dieser Beitrag kondensiert noch einmal die ganze Paradoxie, die das Dasein als luxemburgischer Rechtsextremer charakterisiert. Die Mentalität von Castiglia und Konsorten unterscheidet sich nur marginal von den im Video von Switch porträtierten Nazis, die Jagd auf Luxemburger machen – trotzdem schließen sie jegliche Ähnlichkeit mit ihnen aus und nutzen die offensichtliche Satire sogar noch als willkommenen Vorwand, um sich weiter in ihrer vermeintlichen Opferrolle, die gar keine ist, zu suhlen.

Insbesondere Klein Jang würde, wenn man sich seine anderen Kommentare auf Castiglias Seite – die auch wieder von diesem toleriert werden – zu Gemüte führt, wohl auf Gleichgesinnte einprügeln, wenn er seinem großspurig hinausposaunten Vorhaben Folge leisten würde:

"Pseudo-Flüchtlinge"

Übersetzung: “Joo, Nico, die Griechen sind ganz ok. Wir auch. Und trotzdem sind wir genauso da. Jetzt frage ich mich schon seit Längerem. Wieviele Pseudo-Flüchtlinge und Asylanten werden in Griechenland gemästet? So wie HIER?”


Glücklicherweise legen sich Castiglia und seine Anhänger letztendlich nicht nur selbst mit ihren haarsträubenden Äußerungen Steine in den Weg, sondern stoßen auch auf deutliche Ablehnung in der luxemburgischen Bevölkerung: unter anderem weigerte sich der Besitzer des Casino Bonnevoie, in dem die Gründung der SDV am 25. April ursprünglich stattfinden sollte, dieses für Castiglias Machenschaften bereit zu stellen:

Der Betreiber des Casino Bonnevoie erklärt seine Beweggründe

Übersetzung: “Also bin nicht unter Druck gesetzt worden! Ich habe euch den Saal nicht zur Verfügung gestellt weil ihr auf RTL mit dem FN verglichen wurdet. Mein Vater ist IMMIGRANT UND ICH SOHN EINES IMMIGRANTEN! Will keinen Front National Luxembourgois bei mir haben !!!”

Letztendlich ist es wichtig, sich solchen Initiativen wie der SDV, die auf die Spaltung von Gesellschaften ausgerichtet sind und mit ihren simplistischen Lösungsvorschlägen sozio-politische Probleme vielmehr verschlimmern als lösen, aktiv entgegen zu stellen – auch wenn diese sich selbst schon, wie vorhin erläutert wurde, zur Genüge selbst diskreditieren. In Zeiten, wo unter anderem wieder Brandanschläge auf Flüchtlingsheime die Schlagzeilen beherrschen und die Stimmung in Europa allgemein wieder zu gefährlichen nationalistischen Wahnanfällen hin tendiert, ist eine rechtsextremistische Partei nämlich wirklich das Letzte, was die politische Landschaft Luxemburgs gebrauchen kann.

Doch auch wenn die SDV nicht nur wegen dem sich ihr entgegen stellenden Widerstand, sondern auch aufgrund der schieren Inkompetenz von Castiglia und seinen Anhängern scheitern sollte – was zu diesem Zeitpunkt durchaus anzunehmen ist -, so ist das Problem von rechtsextremen Strömungen in der luxemburgischen Gesellschaft noch längst nicht aus der Welt geschafft. Genauso wie PEGIDA und alle anderen immer wieder auflebenden Protestbewegungen, ist auch die SDV bloß das Symptom weitaus tiefgreifenderer Probleme eines von Unzufriedenheit und schon seit längerer Zeit schwelenden Ressentimenten geprägten Teils der Bevölkerung, zu dem die Politik längst nicht mehr vorzudringen vermag. Verschwindet die SDV von der Bildfläche, wird es nicht lange dauern, bis die nächste rechtsextreme Bewegung aus dem latenten Nährboden des Hasses hervor sprießt.
Um all dem effektiver entgegenzuwirken, und nicht mehr bloß die immer wiederkehrenden Symptome zu bekämpfen, muss man sich der Frage stellen, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass sie immer wieder auftauchen, und daraufhin versuchen, die Ursachen für diesen strukturellen Rassismus, der Teile der luxemburgischen Bevölkerung noch viel tiefer durchdringt als es auf den ersten Blick erscheint, aufzuspüren. Dabei darf man auch nicht davor zurückschrecken, eigene, bereits seit dem Erwachen des eigenen Bewusstseins gepflegte Überzeugungen bezüglich Konzepten wie Identität und Nation – auf denen viele solcher rassistischen Ressentiments fußen – anzuzweifeln und möglicherweise gar über Bord zu werfen. Nur so wird man sich den Ursachen für solches Denken nähern können. Eng verwoben hiermit sind auch soziale Missstände, die letztendlich wieder auf ökonomische Problematiken hinweisen und mit diesen mögliche Erklärungen (aber beileibe keine Rechtfertigungen) für bestimmte rassistische Reaktionen liefern.
Ihr seht bereits: Um die Strukturen dieses Problems herauszudifferenzieren und es langfristig zu lösen, müssen alle möglichen Aspekte, die damit zusammenhängen, näher beleuchtet werden. Denn man kann sich letztendlich noch so erbittert immer wieder in den Kampf gegen die äußerlich sichtbaren Manifestationen von Rassismus und anderen Ausgrenzungsmechanismen stürzen – sie werden, ähnlich den Köpfen der Hydra, jedes Mal nachwachsen. Für jeden rechten Agitator und Pseudo-Politiker, dessen Argumente ich wie im vorliegenden Text zu dekonstruieren versuche, tauchen wiederum drei neue auf, deren haarsträubende Äußerungen mir entgehen – und das wird solange weitergehen, bis wir uns als Gesellschaft dazu entschließen, uns nicht nur gegen Rassismus zur Wehr zu setzen, sondern auch seinen Ursprüngen auf den Grund zu gehen, indem wir unsere eigenen ökonomischen und sozialen Fundamente, auf denen die Bestie ja ruht und gedeiht, einmal bis auf den letzten Stein auseinander nehmen und kritisch beäugen.

Quellen und weiterführende Links:

“Sozial Demokratesch Vollekspartei” gëtt 25. Abrëll gegrënnt (RTL.lu)
Le Pen fonce sur la guillotine (Libération)
Jean-Marie Le Pen récidive sur “le point de détail” (Le Monde)
Nico Castiglia, détrousseur converti à la politique (Paperjam)
Politmonitor zum Referendum – Ein Mal Ja, zwei Mal Nein (wort.lu)
“Wahlrecht hat gar nichts mit Nationalität zu tun.” (L’essentiel Online)
Das Facebook-Event zur Gründung der SDV
Neue internationale Schule in Differdingen – Eine Schule aller Kulturen (wort.lu)
Das Facebook-Profil von Nico Castiglia
Jean Le Pen über NS-Gaskammern – Ein Detail des Krieges (taz)
Fremdenfeindlichkeit – Tröglitz ist kein Einzelfall (ZEIT Online)
7 Reasons why reverse racism doesn’t exist (The Daily Dot)
Opruff zum Haass – 2 Leit verurteelt zu 9 Méint mat resp. ouni Sursis (RTL.lu)
Muslim populations by country: how big will each Muslim population be by 2030? (The Guardian)
Pierre Peters? Nee Merci (sehr empfehlenswerte Facebookseite, die in luxemburgischer Sprache über Rechtsextremismus informiert)
Islamfeindliche Äußerungen – Marine Le Pen droht Strafverfahren
Sehr empfehlenswerte Studien der Uni Leipzig zum Thema Rechtsextremismus und “Extremismus der Mitte”
Sascha Lobo über Tröglitz: “Ausländerfeindliche Kommentare: Aufblitzen der Unmenschlichkeit”
Wie Facebook von rechten Hetzern missbraucht wird (Die Welt)

Meine bisherigen Texte über die rechte Szene in Luxemburg:

Nein zu PEGIDA – jetzt umso mehr als zuvor!
Fernand Kartheisers Kritik am Feminismus und die Legitimation der Diskriminierung von Homosexuellen
Liebe luxemburgische Patrioten, …
Pierre Peters erneut an der Seite der NPD
Neue Einblicke in die rechtsextreme “Luxemburg Defence League”
Rechtsextremismus in Luxemburg – neue Einblicke
Ausländer- und Homosexuellenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus & Co. in Luxemburg
Ein beunruhigender Blick in die Vereinigung der “Lëtzebuerger Patrioten”
“Lëtzebuerger Patrioten”
Neue “rhetorische” Ergüsse der NDU
“(…) die houer Kaméildreiwer!”
“Durchforstet eure Pizzabroschüren!”
“Mäer sinn dach keng Rassisten – erklär du uns mol wat dat ass”
1. Artikel über die NDU

“Todesstrafe” für alles und jeden! – Hetze in sozialen Netzwerken (Gastbeitrag von Xavier Hofmann)

Der 4. Gastbeitrag von Xavier Hofmann zum Thema “Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken”. Den Originalartikel findet ihr hier.

“Todesstrafe” für alles und jeden! – Hetze in sozialen Netzwerken

Wie bereits in der Einleitung angekündigt, wird dieser Post sich mit der Hetze in sozialen Netzwerken – wieder am Beispiel von Facebook – beschäftigen. Viel zu oft sind solche Aktionen schon in Selbstjustiz oder falsche Verdächtigungen ausgeartet. Außerdem ist es immer wieder erschreckend, anzusehen, wie schnell Menschen dazu bereit sind, sich für die Todesstrafe auszusprechen oder private Daten von vermeintlichen Verdächtigen zu veröffentlichen und diese für vogelfrei zu erklären. Besonders im Internet stellt dies ein Problem von bisher unbekanntem Ausmaß dar.
Im Folgenden werde ich kurz skizzieren, wie sich das in diesem konkreten Fall zugetragen hat. Ein Video von einem jungen Mann, der ein Tier quält, wird veröffentlicht. Anscheinend werden auch der reale Name und die Adresse dieses Tierquälers bekannt. Nun versuchen etliche Seitenbetreiber, wie bereits im vorherigen Blogpost erklärt, ihre Reichweite durch das Verbreiten dieses Videos zu erhöhen. Zusätzlich dazu verweisen sie auf eine, offensichtlich von ihnen erstellte, Seite, die nur dazu dienen soll, speziell gegen die Person zu hetzen, die im Video zu sehen ist. Schließlich will man als empörter Nutzer auch auf dem neuesten Stand jedes Skandals sein. Auf dieser neuen Seite wird dann wieder das entsprechende Video mit dem Aufruf, diesen Tierquäler zu finden und ihm seine “gerechte” Strafe zu erteilen, geteilt. Hierbei handelt es ganz klar um einen privaten Fahndungsaufruf, welcher auch noch dazu anstiftet Selbstjustiz zu begehen. Auf diese rechtlichen Aspekte werde ich vertieft in einem späteren Post eingehen. Vorweg sei schon einmal klargestellt, dass man sich hiermit ganz klar strafbar macht!
Für den Seitenbetreiber bringt dieses ganze Geschehen mit sich, dass seine Abonnenten nun praktisch doppelt mit von ihm administrierten Seiten interagieren. Folglich erhöht sich seine Reichweite, und ihm steht nun eine weitere, gut besuchte Seite zu Verfügung, um seine Interessen zu verfolgen. Nun muss die neue Seite mit Posts versorgt werden. Dazu erfanden die Seitenbetreiber im Beispiel eine angebliche Presseinformation von der DPA, in der es hieß, der besagte Tierquäler sei in der Nacht von einem maskierten Täter angegriffen worden und schwebe nun in Lebensgefahr. Der Vermerk des Seitenbetreibers: “GERECHTIGKEIT SIEGT EBEN DOCH!!!!!!!!!!!!” Selbstjustiz ist jedoch niemals gerecht! Ich möchte darauf hinweisen, dass ich keinerlei Sympathien mit dem im Video abgebildeten Menschen empfinde, ich verlasse mich lediglich auf das Rechtssystem, welches sich um solche Probleme kümmert.
Noch dreister wurde das Ganze, als diese Seiten einige Zeit nach dem hier angesprochenen Skandal, weitere Videos hochluden, auf denen Tierquäler zu sehen waren. Auch für diese wurde – natürlich – erst einmal die Todesstrafe gefordert. Man muss sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, wie lange die Menschheit dafür kämpft und gekämpft hat, um sich nicht von einer staatlichen Institution das Recht auf das eigene Leben aberkennen lassen zu können. Wie kann man sich jetzt also dafür aussprechen? Jede Rationalität scheint an diesem Punkt verloren.
Natürlich wurde der im Video gezeigte Mann sehr schnell angezeigt und von der Polizei in Gewahrsam genommen, auch um ihn vor eventueller Selbstjustiz zu schützen. Das schien notwendig, denn die im Internet angedeuteten Gewaltandrohungen wurden real, als zwei Einbrecher sich Zugang zur Wohnung des Tierquälers verschafften, der sich aber an einem anderen Ort aufhielt. Abschließend sollte erwähnt sein, dass der hier gezeigte junge Mann wohl aufgrund seiner Polizeiakte nie mehr richtig in das soziale Leben zurückfinden wird. Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche sind wohl auch nicht auszuschließen. Handelt es sich dabei nicht schon um eine angemessene Strafe? Gewalt ist niemals eine Lösung. Gleiches mit Gleichem zu vergelten ebenso wenig.
Ein noch viel größeres als das gerade dargestellte Problem ist wohl die Tatsache, dass bei solchen privaten Fahndungsaufrufen auch falsche Personen verdächtigt werden können. Meist sind die Beschreibungen einfach zu ungenau, als dass man genau erkennen kann, um welche Person es sich handeln soll. Manchmal veröffentlicht auch ein übereifriger Nutzer eine angebliche Adresse des vermeintlichen Täters, die anschließend vom Seitenbetreiber weiterverbreitet wird. Die resultierenden Folgen sind leicht auszumalen und traten auch schon mehrmals auf.
Schließlich bleibt hier nur der Rat übrig, sich von solchen Hetzaktionen im Internet fernzuhalten. Um ihrer Reichweite Willen sind viele Seitenbetreiber dazu bereit, über das Gesetz hinaus zu gehen und Informationen nach Belieben zu verdrehen. Fahndungsaufrufe sowie die Ausübung von Justiz sind nicht ohne Grund der Öffentlichkeit verwehrt. Wenn überhaupt, dann sollte nur der Staat die Möglichkeit besitzen, im Netz nach mutmaßlichen Verbrechern zu fahnden, denn auch dies birgt eine große Problematik mit sich, da die Reichweite in sozialen Netzwerken ungeahnte Größen erreichen kann. Es genügt eigentlich schon, dass eine Seite den Beitrag ausschmückt und weiterleitet, um in Teufels Küche zu landen.

Quellen: