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Fernand Kartheisers Kritik am Feminismus und die Legitimation der Diskriminierung von Homosexuellen

Durch die rezente Diskussion um die luxemburgische Sprache befindet sich der öffentliche Diskurs in Luxemburg seit den letzten beiden Wochen eindeutig im Wickelgriff von nationalistischen, rassistischen und xenophoben Strömungen innerhalb der Bevölkerung – und zu allem Übel scheint die Welle an Intoleranz noch längst nicht ihren Zenit erreicht zu haben.

An diesem Sonntag, dem 2.Februar, ist auf der “Kinnekswiss” im Park von Luxemburg-Stadt nämlich jetzt noch eine Demonstration gegen die Homosexuellenheirat geplant, bei der die sogenannten “Veilleurs Lux Ville” zeitgleich mit ihren internationalen Partnerorganisationen ihre bodenlose Intoleranz unter dem Deckmantel des Schutzes der traditionelle Familie (ergo der stereotypische Haufen aus Vater, Mutter und Balg, wie man ihn nur zu gut aus all diesen fürchterlichen Werbungen für irgendwelche nutzlosen Produkte, bei denen genannte Familienmitglieder in pseudo-idyllischer Stimmung um den Tisch versammelt sitzen und ohne jeglichen Realitätsbezug penetrant rum grinsen, kennt) zelebrieren wollen.

Auch wenn dies keinen kausalen Zusammenhang mit der Sprachendiskussion und ihren Ausfällen besitzt, so sehe ich es als Symptom für einige sehr beunruhigende Entwicklungen in der luxemburgischen Gesellschaft, die in letzter Zeit immer stärker auftreten und dementsprechend unbedingt einer entsprechenden Gegenreaktion bedürfen.

Indirekt erfahren habe ich von der Demonstration durch Fernand Kartheiser, seines Zeichens ehemaliger Parteipräsident der rechtskonservativen ADR-Partei und Abgeordneter in der „chambres des députées“, dem luxemburgischen Parlament. Kartheiser betreibt nämlich einen Blog, und auf diesem bekundete er am Ende eines Artikels, in dem er sich über die baldige Legalisierung der Homosexuellenheirat aufregte, seine Unterstützung für die Demonstration, von der mir bis zu dem Zeitpunkt noch nichts zu Ohren gekommen war.

Grund genug für mich, Fernands Kartheisers fragwürdige politische Positionen, die er auf seinem Blog regelmäßig kundtut – insbesondere im Bezug auf seine Stellung gegenüber Frauen und Homosexuellen -, einmal näher zu beleuchten; somit zu zeigen, dass die brodelnde Intoleranz in all ihren Auswüchsen in Luxemburg nicht nur ein gesellschaftliches Randphänomen in sozialen Netzwerken ist, sondern ihren Weg sogar bis ins luxemburgische Parlament und den politischen Diskurs gefunden hat – und dass es dementsprechend wirklich an der Zeit ist, etwas dagegen zu unternehmen. Mein erster Schritt in die Richtung ist meine nachfolgende Analyse und Entwaffnung von Kartheisers haarsträubender und wirklich zu Bedenken gebender Argumentation (betrachtet dies als rationales, komplementäres Gegenstück zu meinem doch sehr emotional geprägten Brief an die luxemburgischen Patrioten), die den Begriff der „Diskriminierung“ verharmlost – und sie im Falle von Homosexuellen sogar als legitim erachtet.

Diese Verknüpfung zwischen Ablehnug des Feminismus und Homosexualität, die Kartheiser auf seinen konservativen “Wertvorstellungen” und einem biologischen Determinismus basiert, werden besonders in seinem Artikel “Feminismus und die Verleugnung der Natur des Menschen“, den er Anfang November postete, ersichtlich.

Dort kritisiert Kartheiser eine Aussage von Alice Schwarzer, die auf ihrem Blog unter “Meine Position” schrieb, dass unser Begehren “kulturell geprägt und nicht biologisch determiniert” sei:

Et stéiert mech net nëmmen, datt eng biologesch Evidenz verleegent gëtt fir “Politik” ze maachen, et stéiert mech och dat de Politikbegrëff sou iwwerdeent gëtt, datt dat Privat säi geschützte Raum verléiert. Et ass nun eemol eng Charakteristik vum totalitären Denken, datt der Politik en  Universalkompetenzusproch zougestaane gëtt.

(„Es stört mich nicht nur, dass eine biologische Evidenz verleugnet wird um „Politik“ zu machen, es stört mich auch dass der Politikbegriff so überdehnt wird, dass das Private seinen geschützten Raum verliert. Es ist nun einmal eine Charakteristik totalitären Denkens, dass der Politik ein Universalkompetenzzuspruch zugestanden wird.“)

Herr Kartheiser widerspricht sich hier zuerst einmal selbst. Er greift Alice Schwarzers Zitat auf, um die Vermischung zwischen Politik und Privatsphäre zu beklagen – erhebt die Thematik der menschlichen Sexualität aber in seinem Blogartikel selbst zu einem Politikum. Kartheiser – der auch schon mal Vorsitzender des Männerschutzverbandes AHL – “Assocation des Hommes de Luxembourg” war –  sieht den Feminismus als regelrechte Bedrohung für das männliche Geschlecht, die die Gesellschaft bis in die letzten Faser durchdringen und kontrollieren möchte. Den grundlegenden Fehler, den er aber dabei begeht ist, dass er in seiner geradezu paranoid anmutenden Angst vor den achso bösartigen, emanzipatorisch gestimmten Frauen nicht zwischen Feminismus und radikalem Feminismus differenziert.

Feministinnen setzen sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein, ohne Männer dabei benachteiligen zu wollen – vielmehr geht es beim Feminismus ja primär darum, Frauen in der Gesellschaft die gleichen Rechte wie Männer zu verleihen, ohne den Männern ihre eigenen Rechte aberkennen zu wollen. Wie kann es nun diskriminierend für Männer sein, wenn Frauen Rechte zugesprochen bekommen, über die das männliche Geschlecht schon längst verfügt und die es auch nicht verlieren wird? Ohne die feministische Bewegung gäbe es heute beispielsweise kein Wahlrecht für Frauen, und Ehefrauen müssten noch immer ihren Mann darum bitten, doch ein Bankkonto für sie zu eröffnen – so wie es in Luxemburg noch bis in die 70er-Jahre (!) hinein der Fall war.

Der Feminismus setzt sich vor allem dafür ein, die alten patriarchalischen Strukturen in der Gesellschaft aufzulösen; dabei ist es leider üblich, dass Männer wie Kartheiser sich davon in ihrer Machtposition, die ebendiese patriarchalische Gesellschaft ihnen ungerechtfertigterweise verliehen hat, bedroht fühlen. Dabei wollen Feministinnen nicht, so wie Kartheiser irrwitzigerweise glaubt,  die alte Form der Unterdrückung durch eine neue ersetzen und etwa ein totalitäres Matriarchat errichten – vielmehr ist das Auflehnen der Frauen gegen die patriarchalischen Strukturen exemplarisch für ein Auflehnen gegen alle Formen der Unterdrückung. Der Feminismus ist somit alles andere als eine totalitäre Ideologie – denn totalitäre Ideologien basieren eben auf Unterdrückung und Gleichschaltung – , sondern vielmehr Rebellion, die sich eben auch politischer Mittel bedient um etwa Frauen wie eingangs erwähnt Rechte zu verleihen, die ihnen genau so sehr zustehen wie Männern.

Kartheiser setzt nun aber diesen Feminismus mit dem radikalen Feminismus gleich. Alice Schwarzer, die er zitiert hat, ist sicherlich keine radikale Feministin, auch wenn Kartheiser dies glauben mag. Manche radikale Feministinnen sind nämlich tatsächlich männerhassend, und basieren ihr Auflehnen gegen das Patriarchat eben auf dieser oftmals rein subjektiv bedingten Abneigung gegenüber Männern. Der Großteil der Feministinnen hat aber erkannt, dass diese Einstellung kontraproduktiv für das Erstreben der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist – daher ist sie in der aktuellen, dritten Welle des Feminismus auch kaum mehr verbreitet.

Dat wat d’Fortbestoen vum Mënschegeschlecht iwwerhaapt erméiglecht, nämlech déi géigesäiteg sexuell Attraktioun vu Mann a Fra gëtt hei als eng “kulturell” Konstruktioun duergestallt. Da froen ech mech awer, op dat och soss an der Natur kulturell determinéiert ass?

(„Das was das Fortbestehen des Menschengeschlechts überhaupt ermöglicht, nämlich die gegenseitige sexuelle Attraktion von Mann und Frau wird hier als „kulturelle“ Konstruktion dargestellt. Dann frage ich mich aber, ob das auch sonst in der Natur kulturell determiniert ist?“)

Kartheiser – welch großartiger Retter des „Menschengeschlechts“!

Natürlich ist die sexuelle Attraktion zwischen Mann und Frau keine „kulturelle“ Konstruktion  – genauso wenig wie auch die sexuelle Attraktion zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau es ist.  Das erwähnt Kartheiser aber ganz bewusst nicht, da er Homosexualität als etwas Unnatürliches erachtet, das der Natur des Menschen widerspricht – dabei ist Homosexualität aber auch in der Natur anzutreffen.

Dazu ist es nicht die sexuelle Anziehung, die eine kulturelle beziehungsweise gesellschaftliche Konstruktion ist, sondern das soziale Geschlecht, das Gender also – und es ist wahrscheinlich das, was Alice Schwarzer mit ihrem Zitat gemeint hat.

Männer und Frauen unterscheiden sich nämlich durchaus biologisch – aber diese nicht besonders gravierenden Unterschiede werden von der Gesellschaft umso stärker hervor gehoben und unnötigerweise hoch stilisiert, oder es werden kurzerhand künstliche Unterschiede erschaffen. Unser ganzes „Männer“- und „Frauen“-Bild ist ausschließlich ein soziales Konstrukt. Dass Frauen beispielsweise weniger verdienen als Männer fußt nicht auf einem biologischen Unterschied, sondern ist gesellschaftsbedingt. Dass Frauen sich anders anziehen als Männer, liegt nicht an ihrem biologischen Geschlecht, sondern am Frauenbild in der Gesellschaft. Dass Frauen anscheinend emotionaler sind als Männer, liegt nicht am Geschlecht, sondern an der Gesellschaft, die Männern einbläut, sie sollten ihre Emotionen unterdrücken, weil sie nur so „richtige“ Männer im Sinne des klassischen Genderbilds seien – ein fataler Trugschluss, der schon seit vielen Jahrhunderten herumgeistert und unzählige junge Männer in ihrer persönlichen und emotionalen Entwicklung stark negativ beeinflusst hat und es noch immer tut. Trotzdem: viele Teile der Gesellschaft sind in der Hinsicht glücklicherweise schon weiter als Kartheiser, auch wenn noch viel Nachholbedarf besteht.

Kartheisers Ansichten sind in zweierlei Hinsicht enorm fragwürdig: einerseits hat er ein sehr konservatives Bild der Frau in der Gesellschaft – und zwar sieht er sie, drastisch ausgedrückt, als Gebärmaschine und Küchenhüterin, – ein Rollenbild also, von der sie sich glücklicherweise schon vor Jahrzehnten gelöst hat – und desweiteren sieht er dieses Bild dann noch durch geringfügige biologischen Unterschiede des Geschlechts legitimiert, anstelle einen Unterschied zwischen biologischem und sozialem Geschlecht zu ziehen. Denn die Unterschiede zwischen Mann und Frau sind im sozialen Geschlecht, dem Gender also, weitaus zahlreicher als im biologischen Geschlecht vertreten – und anders als biologische Unterschiede lassen sich all diese gesellschaftsbedingten Unterschiede glücklicherweise sehr wohl ausmerzen, besonders wenn sie Frauen benachteiligen. Wir haben das Genderbild der Frau selbst in der Hand und können die geringfügigen biologischen Geschlechtsunterschiede dabei getrost außer Acht lassen – das scheint Kartheiser allerdings nicht begreifen zu wollen. Deswegen möchte ich hier noch einmal Kartheisers Thesen ein sehr passendes Zitat von Simone de Beauvoire entgegenstellen:

« On ne naît pas femme : on le devient. »

(“Le Deuxième Sexe”, p.13)

Anders als Kartheiser in seiner deterministischen Weltansicht annimmt, werden Frauen nicht als Frauen geboren, sondern werden erst zur Frau; und hierin liegt auch die Freiheit, diesen Prozess selbst in die Hand zu nehmen, ungeachtet irgendwelcher vernachlässigbaren geschlechtlichen Bedingungen. Letztlich widerspricht es sicher nicht unserer Natur, Frauen Rechte – welche letztendlich auch soziale Konstrukte sind – zuzugestehen, über die Männer schon längst verfügen, und sie mit Männern gleichzustellen.

Kartheiser geht nun aber noch einen Schritt weiter:

Ech sinn a bleiwe ebe naïv. Fir mech ass souwuel d’Konstruktioun vun de respektive Geschlechtsorganer wéi de Prinzip selwer vum Entstoe vum neie Liewen iwwereestëmmend mat der reziproker a komplementarer sexueller Zougeuerdentheet vun denen zwee Geschlechter. Sexuell Loscht ass en agreable Niewephänomen vun der Sexualitéit, net hire Sënn an Zweck.

Dat Leit kënnen aner Gefiller hunn ka virkommen. Dat verschidde Mënsche biologesch aanecht gebaut sinn, och. Dat läit a mengen An ausserhalb vun der sexueller “Norm” – als “Standard” definéiert a net als moralesch Wäertungskategorie –  an ass an dem Sënn eng “A-Normalie”.  Ech wëll Leit déi anecht fillen oder anecht sinn net méi schlecht a net besser behandele wéi anerer, ech wëll awer net déi Manéier wéi hir Sexualitéit ass ”norméieren” also zum Standard erhiewen.  Ech wëll och net eng net-reproduktiv Sexualitéit gläichsetzen mat enger reproduktiver – net konzeptuell an net rechtlech.

(„Ich bin und bleibe eben naiv. Für mich ist sowohl die Konstruktion von den respektiven Geschlechtsorganen wie der Prinzip selbst vom Entstehen von neuem Leben übereinstimmend mit der reziproken und komplementären, sexuellen Zugeordenheit von den zwei Geschlechtern. Sexuelle Lust ist ein angenehmes Nebenphänomen von der Sexualität, nicht deren Sinn und Zweck.

Dass Leute andere Gefühle haben kann vorkommen. Dass verschiedene Menschen biologisch anders gebaut sind, auch. Das liegt in meinen Augen außerhalb der sexuellen „Norm“ – als „Standard“ definiert und nicht als moralische Wertungskategorie – und ist in diesem Sinne eine „A-Normalie“. Ich will Leuten die anders nicht schlechter und auch nicht besser behandeln als andere, ich will aber auch nicht die Art und Weise, wie ihre Sexualität ist, “normieren”, also zum Standard erheben. Ich will nicht nicht-reproduktive Sexualität gleichsetzen mit reproduktiver – nicht konzeptuell und rechtlich.”)

Es ist Kartheisers an sich schon sehr dünner Argumentation nicht besonders zuträglich, wenn er sich selbst noch – geradezu süffisant-trotzig – gleich als „naiv“ darstellt. Seine Fokussierung auf den fortpflanzungstechnischen Aspekt der Sexualität geht wohl mit seinen christlichen Wertvorstellungen einher – Sex als Selbstzweck und nicht als Mittel zur Fortpflanzung ist für ihn Sinnbild einer enthemmten, unmoralischen und nur auf das Erfüllen ihrer Lüste ausgerichteten Gesellschaft.

Diese Position untergräbt allerdings die Komplexität der menschlichen Sexualität in all ihren Facetten. Es stimmt sehr wohl, dass die Sexualität des Menschen als Teil des Selbsterhaltungstrieb einen biologischen Ursprung hat. Allerdings hat die menschliche Sexualität schon vor langer Zeit – nämlich zu dem Zeitpunkte, als der Mensch seine Vernunft entwickelte und die Sexualität mitsamt seiner anderen Triebe nicht nur eine biologische, sondern auch soziale, kulturelle und politische Dimension erhielt – ihre biologischen Grenzen transzendiert. Zur menschlichen Sexualität gehört längst viel mehr als sich nur fortzupflanzen und das Fortbestehen der Menschheit zu sichern – dass jene, die dieses sichern laut Kartheiser bevormundet werden sollen, ist Zeichen eines zynischen Utilitarismus. Dazu widerspricht er sich in seiner Argumentation offenkundig selbst: er möchte Leute, die anders fühlen oder anders sind nicht schlechter oder besser behandeln (damit sind wohl offensichtlich Homosexuelle gemeint) – tut aber genau das, in dem er so gleich im darauffolgenden Satz sagt, dass er “reproduktive” und “nicht-reproduktive” Sexualität „konzeptuell“ und „rechtlich“ nicht gleich setzen will. Homosexuelle sind in Kartheisers Augen also nicht dem Fortbestehen der Menschheit dienlich und sollten dementsprechend nicht die gleichen Rechte wie Heterosexuelle erhalten – nun vermehrt sich aber besonders in den Industrienationen schon seit Jahrzehnten die Anzahl der heterosexuellen Paare, die keine Kinder haben wollen. Müssten die in Kartheisers Logik nicht auch genauso wie homosexuelle Paare behandelt werden?

Der Mensch besitzt mit der Vernunft die Möglichkeit, sich über seine biologische Bedingtheit hinweg zu setzen und nicht mehr nach ihr agieren zu müssen – und das ist auch gut so. Wieso also versuchen, zwecks der Vernunft wieder biologische Bedingtheiten in den Mittelpunkt des Interesses stellen zu wollen? Sollte die Vernunft nicht eben diese überwinden und insbesondere unsere Sexualität zu mehr machen als nur einem reinen Fortpflanzungstrieb?

Kartheisers Schlussfolgerung – die einen sehr fragwürdigen Bogen zwischen Kritik am Feminismus, Gender/Geschlecht-Prinzip und Homosexualität als “A-Normalie” schlägt – am Ende des Artikels ist dann wiederum mehr als beunruhigend, wenn nicht gar regelrecht schockierend:

An dem Sënn ass de Begrëff  vun der “Diskriminéierung”, dem  “Anecht-Behandelen”,  legitim wann en holistesch interpretéiert gëtt – an am Kontext vun der Sexualitéit kann dat nëmmen heeschen, datt déi Dimensioun vun der Reproduktioun an d’Interessien vun de Kanner musse mat abezu ginn.

 

(…)

 

Mir liewen an enger Gesellschaft déi wëll vergiessen datt diskriminéieren, also anecht behandelen, ka richteg a legitim sinn. Mir sinn net all an all Hinsicht gläich a mir sollen och net vun der Politik gläich gemaach ginn.

 

(„In dem Sinne ist der Begriff von der „Diskrimination“, dem „Anders-Behandeln“, legitim wenn er holistisch interpretiert wird – und im Kontext der Sexualität kann das nur heißen, dass die Dimension der Reproduktion und die Interessen der Kinder mit einbezogen werden müssen.

 

(…)

 

Wir leben in einer Gesellschaft, die vergessen will dass diskriminieren, also anders behandeln, richtig und legitim sein kann. Wir sind nicht in aller Hinsicht gleich und wir sollten auch nicht von der Politik gleich gemacht werden.“)

Kartheiser setzt hier tatsächlich „Diskriminierung“ mit „Anders-Behandeln“ gleich – das ist ein ungeheurer Euphemismus. Er verharmlost also den negativen Begriff der Diskriminierung und relativiert ihn, indem er ihn als Synonym für den an sich neutral Ausdruck „anders behandeln“ benutzt. Und nicht nur das: er erachtet „Diskriminierung“ in manchen Fällen sogar als „legitim“ und „recht.“

Man muss sich einmal vor Augen führen, was für eine schiere Monstrosität Kartheiser da von sich gibt: Homosexuelle, die in Russland nicht mehr öffentlich ihre Liebe zeigen dürfen und von der Politik systematisch als Menschen zweiter Klasse stigmatisiert werden, werden in seinen Augen nur „anders behandelt“;  Obdachlose, die in Ungarn von der Regierung in andere Viertel zwangsverlegt werden, werden in seiner Logik nur „anders behandelt“; Millionen von Afroamerikanern, die ihr ganzes Leben in den Ketten der institutionalisierten und legitimierten Sklaverei verbrachten, wurden nur „anders behandelt“; Frauen, die einzig und allein ihres Geschlechts wegen weniger als Männer verdienen und weniger Rechte haben, werden also nur „anders behandelt“; und religiöse Gruppen, die von der Politik daran gehindert werden ungestört ihren Glauben auszuleben, werden auch nur „anders behandelt“.

In diesem Abschnitt macht sich auch die Hypokrisie, die Kartheisers gesamten Artikel durchzieht, deutlich bemerkbar. Hat er den Feminismus noch am Anfang dafür kritisiert, als totalitäre Ideologie bis in das Privatleben der Menschen vordringen zu wollen, ist es für ihn allerdings offenbar vollkommen in Ordnung, dass die Politik Menschen diskriminiert – und somit auch sehr tief bis in ihr Privatleben vordringt.

Um die ganzen Ausmaße dieser hypokritischen Argumentation zu verdeutlichen, wende ich sie jetzt einmal auf ein extremeres Beispiel an. In Uganda werden Homosexuelle durchaus „anders behandelt“ – dort gab es nämlich vor Kurzem Entwürfe für ein Gesetz, Homosexualität unter Todesstrafe zu stellen. Kartheisers Logik besagt, dass eine Gleichstellung der Homosexualität mit der Heterosexualität durch die Politik ein zu verheerender Einschnitt ins Privatleben sei – die Todesstrafe (oder jegliche andere Strafe) auf Homosexualität aber offenbar nicht, denn immerhin würde die Politik Homosexuelle ja auf diese Art und Weise „anders behandeln“ als Heterosexuelle, und das wäre „legitim“. Natürlich sagt Kartheiser an keiner Stelle, dass man Homosexuelle umbringen sollte – aber seine Deutung der „Diskrimination“ und seine Ablehnung gegenüber der Gleichstellung von Hetero- und Homosexuellen könnte im drastischsten der Fälle auch so angewandt werden.

Zusammengefasst darf die Politik laut Kartheiser uns Menschen also auf keinen Fall gleichmachen – uns diskriminieren aber schon.

Ech wëll keng Gläichheetsideologie a keng Gläichmaacherei, mee eng differenzéierend Gerechtegkeet.

(„Ich will keine Gleichheitsideologie und keine Gleichmacherei, sondern eine differenzierende Gerechtigkeit.“)

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf den Begriff der „differenzierend(en) Gerechtigkeit“ eingehen, den Kartheiser hier anwendet: dieser Ausdruck impliziert, dass die „Gerechtigkeit“ und somit auch die Rechtssprechung zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts und Sexualität differenzieren und sie so letztendlich auch anders behandeln soll. Das untergräbt meiner Meinung nach auf eine Besorgnis erregende Art und Weise die Grundlage des Rechtsstaates, in dem jeder Bürger – egal welchen Geschlechts, welcher Sexualität oder Herkunft – gleich vor dem Gesetz sein und über die gleichen Rechte verfügen sollte. Ein Staat, der bei der Rechtssprechung auf diese Eigenschaften – die sehr wohl Teil des Privatlebens sind – Bezug nimmt, anstelle alle Menschen a priori als gleichgestellt zu erachten, ist willkürlich, gefährlich und nahe an eben jener totalitären Ideologie, die Kartheiser am Anfang seines Artikels noch kritisiert hat.

Kartheisers Auffassung des Menschen bezüglich seiner Natur ist dazu sehr deterministisch geprägt – ein bemerkenswert negatives Bild, denn es untergräbt die Freiheit des Menschen. Der Mensch kann sich aber schon alleine durch die Tatsache, dass er Vernunft besitzt, seiner Natur  widersetzen – und wird es auch immer tun. Und das ist auch gut so, denn dadurch besitzen wir nämlich die Möglichkeit, uns aus unserer natürlichen und biologischen Bedingtheit zu befreien oder diese zumindest zu lindern und das Leben somit weitaus facettenreicher zu erleben. Dieses Wissen um die Freiheit lässt einen auch letztlich voranschreiten – ganz im Gegensatz zu dem regressiven, durch und durch konservativen Determinismus, den Kartheiser vertritt.

Nach alldem verwundert es auch gar nicht, dass Kartheiser, wie am Anfang meines Artikels erwähnt, Werbung für die Anti-Homosexuellenheiratdemo macht:

Demonstratioun vun e Sonndeg fir d’Famill

Publiziert am 31. Januar 2014 von fkartheiser

Hei eng Informatioun vun de “Veilleurs”:

“Chers amis,

Le 2 février ce sont pas moins de 10 villes et capitales européennes qui seront là pour porter haut les couleurs de la FAMILLE: Paris, Lyon, Madrid, Varsovie, Rome, Bruxelles, Bucarest, Budapest, Riga et LUXEMBOURG! Mais la mobilisation sur ces valeurs universelles dépassera aussi les frontières de l’Europe avec des rassemblements prévus à Buenos Aires, Hong Kong et Taiwan!

La FAMILLE est plus que jamais une valeur universelle et elle n’a jamais eu autant d’importance que par temps de crise, car la cellule familiale est la structure sociale de proximité par excellence! Défendons notre modèle de société, défendons la Famille! Ce sera aussi l’occasion de réaffirmer notre refus de cette société déshumanisée que l’on nous promet: NON à la PMA, NON à la GPA, NON à la marchandisation du corps humain! NON au brouillage des repères: un enfant aura toujours besoin d’un Père et d’une Mère pour se construire!

Alors pas question de louper ce grand RDV: on vous atttend tous pour ce rassemblement familial et festif le dimanche 2 février de 15h à 17h, au Kinnékswiss à Luxembourg-ville, grande esplanade verte située à deux pas du Glacis.

Au programme :

  • 15h-16h : Défi familial et sportifpour les « actifs » de tous âges et ateliers d’argumentationpour les « intellectuels »
  • 16h-16h15 : Discours sur le sens et la portée de notre engagement.
  • 16h15 – 17h : « Vin et chocolat chauds pour tous »
  • Au-delà, pour les volontaires, Veilleurs Debouts – Sentinelles

Merci de venir :

  • avec des drapeaux de vos pays pour marquer la dimension internationale de l’événement
  • des tenues colorées, des ballons, des banderoles au couleur bleu et rose
  • des thermos de vin et chocolat chauds à partager.

Nous comptons sur votre présence ! Merci de diffuser largement autour de vous !

ONLRJJJ,

 

Les Veilleurs du Luxembourg

Ihr wisst also, was zu tun ist: trommelt Freunde, Familie und Gleichgesinnte zusammen, stellt euch den homophoben Demonstrierenden am Sonntag, den 2.Februar, von 15-18 Uhr auf der Königswiese, entgegen und tanzt, feiert und schreit sie nieder – zeigt ihnen, dass Intoleranz, Diskriminierung und Homophobie nirgendwo willkommen sind!

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Fernand_Kartheiser

http://fkartheiser.lu/?p=4575

http://fkartheiser.lu/?p=4311

http://fkartheiser.lu/?p=3681

http://fkartheiser.lu/?p=4571

http://www.rtl.lu/letzebuerg/505937.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Association_des_Hommes_du_Luxembourg

Simone de Beauvoir : Le Deuxième Sexe. Le livre fondateur du féminisme moderne en situation, ouvrage dirigé par Ingrid Galster, Paris, Éditions Champion, 2004

Liebe luxemburgische Patrioten, …

Liebe luxemburgische Patrioten,

(ich habe sogar extra nicht gegendert, da ihr ja schon genug unter den bösen Gutmenschen, die euer schönes heiles patriarchistisches Weltbild zerstören wollen, leiden müsst !)

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ihr und ich – ihr habt ja die Tendenz, euch immer künstlich von anderen Menschen abgrenzen zu wollen, also dürfte euch diese Einteilung wohl recht sein – noch nie eine besonders freundliche Beziehung zueinander hatten. Das könnte unter anderem daran liegen, dass ich Patriotismus und Nationalismus als überflüssig, stumpfsinnig, abstrus und gefährlich empfinde und euch gerne öffentlich (insbesondere auf meinem alten Blog) mitsamt eurer polemischen Hasstiraden – die bar jeglicher Logik oder Argumente sin –  der Lächerlichkeit preisgegeben habe. Das hat dann auch immer wieder zu sehr liebreizenden Reaktionen eurerseits geführt. (Ich habe mir jedenfalls all eure sorgfältig formulierten Morddrohungen und Obszönitäten, die ihr mir zumeist anonym – ein waschechter, stolzer Luxemburger ist ja immerhin dermaßen von Mut beseelt, dass er nicht seinen richtigen Vor- und Nachnamen zu nennen braucht –  zugesendet habt, eingerahmt und als Zeichen meiner Zuneigung über meinem nicht-existenten Kamin aufgehängt).

In den vergangenen Monaten wart ihr beachtenswert ruhig – was darauf schließen lässt, dass sich eure Synapsen wohl gerade erholt haben. Immerhin ist sinnloses Rumhämmern auf der Tastatur, um dieser eure widerlichen, in patriotische Lobeshymnen verpackten rassistischen Ressentiments mit möglichst vielen Ausrufezeichen zu entlocken, eine mentale Meisterleistung, die eben Opfer fordert (unter anderem auch unzählige graue Zellen beim Lesen dieser sprachlichen und argumentativen Meisterleistungen).

Das hat dann für das Abebben unserer reichhaltigen und erbaulichen Diskussionen, bei denen ihr euch so gerne auf die Meinungsfreiheit berufen habt (solange diese nur für euch galt; kritische Stimmen sind in einer Demokratie, deren Werte ihr vertritt, ja schließlich da um geblockt zu werden), gesorgt. Und ich muss sagen: ich habe euch allmählich ganz dolle vermisst – ähnlich diesem Abszess, das immer gerne in regelmäßigen Abständen meinen Mund malträtiert.

In den letzten Tagen aber kam ich bei der schier unermesslichen Fülle an euren vor Intelligenz nur so strotzenden Beiträgen, die meine Facebookwall in Form von stumpfen, nationalistisch geprägten Memes („Keep Calm and Schwätz Letzebuergesch“ – ehrlich? Ich kann gar nicht fassen wie grandios sich dieser Spruch selbst ins Knie schießt), Statussen an der Grenze zur geistigen Umnachtung, linguistisch-historischem Halbwissen über das Luxemburgische, falschen Statistiken zur Anzahl der Luxemburgischsprechenden (es sind 73% der Gesamtbevölkerung, übrigens) und xenophoben und rassistischen Ausfälle wieder einmal zum Schluss, dass aus unserer Relation zueinander wohl keinerlei Blüten der Sympathie mehr hervor sprießen werden. Und ihr habt mit eurem Gehabe unter Beweis gestellt, dass man kein gesundes Verhältnis zum Patriotismus haben kann, weil das Gebilde des Patriotismus an sich schon krank ist.

Warum, um alle erdenklichen Götter willen, beharrt ihr dermaßen auf der luxemburgischen Sprache und verlangt unerbittlich von Ausländern sie zu erlernen, wenn ihr selbst sie nicht einmal richtig schreiben könnt und anscheinend auch nicht einmal dazu imstande seid, Abendkurse im Luxemburgischen zu besuchen? Wenn euch soviel an eurer heiß geliebten Sprache liegt, dass ihr diese sogar als Vorwand benutzt um euren ekelhaften rassistischen Vorbehalten freien Lauf zu lassen, dann ist es umso unfassbar erbärmlicher dass ihr offenbar doch nicht genügend Zeit besitzt, sie richtig lernen zu wollen. Habt ihr als waschechte Luxemburger etwa das angeborene Recht dazu, auf solche Kurse zu verzichten, während die ausländischen Mitbürger sie sehr wohl besuchen sollen? Wie widersprüchlich ist das?

Oh, und welch unermessliches Mitleid mich befällt bei all den tragischen Schicksalen, die ihr auf dieser neu ins Leben gekrochenen und vor braunem Gedankengut starrenden Seite, die definitiv von viel zu vielen Leuten aus meiner Freundesliste geliked wurde (und die sich gar nicht bewusst sind, dass sie von Steve Melmer, einem Rechtsradikalen, der in seiner Freizeit gerne in SS-Uniform posiert und liebend gerne Hitler zitiert, betrieben wird) mit den Menschen teilt – ich weine mich tagtäglich in den Schlaf und verschütte so viele bittere Tränen deswegen, dass sogar der Pazifik vor den angestauten Wassermassen erbleicht! Kaum zu fassen, welch schier unerträgliches Leid sich in all den luxemburgischen Bäckereien – offenbar der beliebteste und einzige Aufenthaltsort der Luxemburger, da die Mehrheit der auf der Seite geschilderten Ereignisse sich bizarrerweise dort zugetragen hat – tagtäglich abspielt, wenn den böswilligen Verkäufern nicht das gewünschte liebreizende „MOIEN“ über die Lippen dringt, sondern ein in den Ohren der Patrioten geradezu wie ein in der Hölle geschmiedetes Lied erklingendes „EN FRANÇAIS S.V.P.“.

Was in aller Welt trägt die Schilderung solcher lächerlichen Banalitäten – mit darauf folgenden hypokritischen, haarsträubend xenophoben und rassistischen Aussagen, die auffällig oft mit „Ich bin kein Rassist, aber…“ beginnen – auch nur in irgendeiner Form zu einer Lösung der Probleme, die durch die unbestritten komplexe Sprachsituation in Luxemburg entstehen, bei? Was bitte tragen eure stumpfsinnigen patriotische Bekundungen, dass ihr stolz auf den Fleck Erde seid, auf dem ihr das unverschämte Glück hattet geboren zu werden, überhaupt Konstruktives bei?

Genau: nichts. Rein gar nichts. Ihr tragt nichts zu der Diskussion bei; ihr beruft euch nur auf ein eingebildetes Gefühl für den empirisch nicht einmal erfahrbaren Begriff der Nation; glaubt, ihr könntet damit etwas bewegen und steigert euch immer mehr in eure kruden Verschwörungstheorien, die auf falschen Statistiken und Halbwissen basieren und eure Paranoia, man wolle die ach so armen Luxemburger „ausrotten“, hinein. Dabei beruht eure Auffassung, Luxemburgisch würde aussterben, auf eurem subjektiv verzerrten Bild der Realität – dem ihr aber das Recht verleiht, als so allgemeingültig zu gelten, dass ihr andere Menschen dafür aufgrund ihrer Herkunft beleidigen und ausgrenzen dürft.

Ach du meine Güte! Mir fällt jetzt erst mein harscher Tonfall auf. Entschuldigt mich bitte vielmals dafür, meine verehrten Patrioten: ich wollte euch nur auf diplomatische und einfühlsame Art und Weise verdeutlichen, dass ihr Witzfiguren seid.

Da ihr aber vor allem Mitleid wollt, weil ihr immer wieder beim morgendlichen Brötchenkauf die Hölle durchlebt, versuche ich jetzt trotzdem mal, anders an die Sache heranzugehen. Ihr habt nämlich vor allem eines: ein Identitätsproblem. Und eure Auffassung von Identität korreliert mit der Auffassung, dass eine Nation nur einem „Volk“ gehöre und nur eine einzige Sprache spreche. Ganz davon abgesehen, dass das Konzept von Nationen überholt ist – so sieht die Welt heutzutage nicht mehr aus, und so hat sie auch nie ausgesehen. Und besonders im Falle von Luxemburg, das sich über seine Mehrsprachigkeit definiert, ist es schon seit der Staatsgründung so, dass Französisch, Deutsch und Luxemburgisch alle drei die Nationalsprachen Luxemburgs sind.

Somit muss ich euch, meinen liebenswürdigen Patrioten, leider mitteilen, dass ihr unter einer gravierenden kognitiven Dissonanz leidet: wenn man denn den Staat und die Nation Luxemburg als solche anerkennt – was ich nicht tue, aber das ist jetzt nicht von Belange – und sich auf dessen Einzigartigkeit beruft, so schließt man somit auch gleich die Mehrsprachigkeit mit ein. Dass ihr – also die selbsternannten Patrioten und Nationalisten – genau diese aufheben möchten, ist dann geradezu belustigend – denn so negiert ihr bewusst eines der wenigen Dinge, das euer verehrtes Luxemburg überhaupt auszeichnet. Verzwickt, nicht wahr?

Um noch mal zum Problem der Identität in Kombination mit daraus umso stärker auftretendem Nationalstolz zurückzukommen – Arthur Schopenhauer, einer meiner Lieblingsphilosophen, hat den Grund dafür sehr treffend formuliert:

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.” – Parerga und Paralipomena, Aphorismen zur Lebensweisheit, Von dem was einer vorstellt. pp. 360

Und – Überraschung! -, seine Identität kann man auch definieren, ohne patriotischen und nationalistischen Schwachsinn von sich zu geben oder etwas für eine Nation zu „empfinden“ und daraufhin so emotional befangen zu sein, dass man ständig weinen oder in Zorn ausbrechen oder beides gleichzeitig tun muss weil die arme luxemburgische Sprache anscheinend auf dem Sterbebette liegt weil sie von den diabolischen Ausländern so arg verprügelt wurde. Anstelle euch also ständig auf euren plumpen Stolz zu verschränken: tut etwas Sinnvolles und Konstruktives, auf das ihr auch wirklich stolz sein könnt – beispielsweise, in dem ihr versucht, eine konkrete (bildungs)-politische Lösung für die durch die Sprachsituation in Luxemburg auftretenden Probleme zu finden.

Und die besteht sicherlich nicht draus, dass ihr eure Croissants bei Fischer auf einmal auf Luxemburgisch bestellen könnt oder ihr alle ausländischen Mitbürger (wie mich diese willkürliche Einteilung in Ausländer und Einheimische schon per se aufregt, aber des Verständnis und der Veranschaulichung wegen greife ich darauf zurück) des Landes verweist, damit die Wirtschaft schön zusammenbricht. Ich dachte da schon viel eher beispielsweise an ein breiteres Angebot an Luxemburgischkursen oder eine einheitliche Alphabetisierung einerseits in Luxemburgisch, aber auch auf Deutsch und Französisch in der Schule – aber das wäre euch dann ja wieder zu anstrengend, nicht wahr?

Mit freundlichen Grüßen,

Maxime Weber

P.S.: Im Anhang habe ich euch noch ein paar schöne Screenshots von Aussagen des Betreiber der bereits eingangs erwähnten Seite “Fir all dei et satt hun gesot ze kreien “scheiss letzeboier”    :O”, die in den letzten Tagen für soviel Aktivität eurerseits gesorgt hat, mitgeschickt. Enjoy 🙂

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Kraton – World Eater (Gastbeitrag von Xavier Hofmann)

Ein Gastbeitrag von Xavier Hofmann, Gitarrist bei Mindpatrol und Produzent bei Muschel Productions.

Kraton – World Eater

Kraton ist eine Band, die seit einiger Zeit innerhalb der luxemburgischen Metal-Szene immer bekannter wird. Dies liegt nicht zuletzt an Auftritten wie etwa auf dem luxemburgischen WOA Metal Battle oder dem lokalen Bang Your Head Festival. In diesem Review widme ich mich der aktuellen Scheibe „World Eater“. Kraton schafft es mit dieser Veröffentlichung, eine ganz spezielle Atmosphäre aus Melancholie und Beklemmung zu schaffen, welche durch abwechslungsreiches und durchdachtes Songwriting gestützt wird. Zwar wurden die Songs stellenweise mit stimmungsmäßigen Aufschwüngen versehen, die schlussendlich jedoch immer in die besagte Stimmung zurück navigieren und somit ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit in das Klangbild einfügen. „Schwarz-Weiß“ – wie das Coverartwork – wäre wohl eine passende Beschreibung.

Auf instrumentaler Ebene bewegen sich Kraton auf einem angenehm hohen Niveau und bieten viel Abwechslung. Hier werden munter Death-, Black- und Doommetal kombiniert und gekonnt miteinander verwoben. Auch die Übergänge, welche die teilweise sehr unterschiedlichen Parts verbinden, wirken fließend und zeugen von hohem musikalischen Verständnis. Des öfteren habe ich beim Anhören der CD zurückgespult, um mir noch einmal anzuhören, wie gerade die instrumentale Kulisse nahtlos um 180° gedreht wurde. Zusätzlich zu den Übergangen wissen der Aufbau und die Entwicklung der Songs zu überzeugen. Kein Part wirkt unnatürlich eingesetzt oder ohne Daseinsberechtigung. Hier lässt sich das Ende des ersten Songs „World Eater“ als Paradebeispiel aufführen. Mit musikalisch simplen aber effektiven Methoden wird hier Stück für Stück Spannung aufgebaut, die sich schließlich im letzten Anschlag des Stückes entlädt.

Abgesehen vom hervorragenden Songwriting ist der konsequente Einsatz von zwei Gitarren ein Erkennungsmerkmal des Schriftzugs von Kraton. Dabei wählen die beiden Gitarristen nämlich häufig verschiedene Wege, statt sich nur bei Soli, Melodien oder Harmonien in erste und zweite Gitarre aufzuspalten, wie es im Metal meist praktiziert wird. Viele Progressionen leben von den zwei unterschiedlichen und doch hervorragend aufeinander abgestimmten Rhythmen, welche dem Song eine angenehme Fülle verleihen, ohne ihn überladen wirken zu lassen. Auch trifft man ungewöhnlich oft auf melodische Gitarren, was mir persönlich sehr gefällt und die oben bereits beschriebene Stimmung enorm verstärkt. Die Melodien tragen gleichberechtigt zum Rest der Klangkulisse zu dieser Atmosphäre bei und wirken zu keinem Zeitpunkt als billiges Allheilmittel, um dem Stück eine emotionale Note zu verleihen, denn auch Parts ohne eine definierte Melodieführung vermitteln stets die passende Atmosphäre. Das knallharte Introriff zu „Drag Your Coffin“ bringt etwa durch die sorgfältig ausgewählten Akkorde in den Akzenten sofort die richtige Stimmung in das Stück, statt „nur“ loszubrettern.

Eine weitere Besonderheit der EP ist, dass alle Instrumente gleichzeitig und miteinander aufgenommen wurden, was dem Ganzen einen organischen und authentischen Klang verleiht. Nur die gewohnt starke Stimmarbeit von Mike „Bördi“ Bertemes wurde verständlicherweise im Nachhinein aufgezeichnet. Nach einer Minute vermisst man nicht einmal mehr den gewohnt sauberen Studio-Sound – von einem kleinen Detail abgesehen. Die Stimme könnte für meinen Geschmack etwas präsenter im Mix sein, sie wirkt teils etwas dumpf, was aber nicht an der stimmlichen Leistung selbst liegt. Mehr ein Wunsch als eine Kritik ist darüber hinaus noch die Bemerkung, dass die Band versuchen könnte, eine breitere Palette an Emotionen zu präsentieren. Bei einer EP ist dies durch die kurze Spieldauer praktisch irrelevant, bei einer LP würde es vielleicht trotz der innerhalb der Songs gebotenen Abwechslung langweilig werden, da das Ohr sich zu sehr an die gebotene Kost gewöhnt.

Vergleicht man „World Eater“ mit Kratons Erstling „Ker“, welcher nicht einmal zwei Jahre vor der aktuellen EP erschienen ist, so erkennt man, dass die Band sich nun viel sicherer durch die musikalischen Gefilde begibt und sich ihrem eigenen, einzigartigen Sound genähert hat. Auf „Ker“ wurden Ideen teils langatmig aufgebaut und inkonsequent weitergeführt. Diese Kritik braucht sich Kraton auf „World Eater“ nicht mehr gefallen zu lassen. In diesem Aspekt hat sich die Band deutlich weiterentwickelt! Ich bin gespannt, was man von Kraton in Zukunft noch hören wird und hoffe, dass sie den aktuellen Sound beibehalten und stetig verbessert. Bei der ersten LP zeigt Kraton hoffentlich, dass sie nicht nur gute Songs schreiben können, sondern diese darüber hinaus auch überzeugend als Ganzes zu präsentieren wissen. Das Fundament hierzu wäre schon einmal gelegt.

Wertung: 8/10

http://www.kraton.lu/

https://www.facebook.com/kratonofficial

http://www.youtube.com/watch?v=vJLqLaDgblA

 

 

 

Mindpatrol – Downfall Theatre

Als ersten richtigen Artikel auf meinem neuen Blog präsentiere ich euch heute eine Review zum Erstlingsalbum der Band Mindpatrol, die sich letztes Jahr unter der Regie von Luc Francois formiert hat und einen äußerst interessanten musikalischen Ansatz bietet.

Die Gruppe, bestehend aus Luc am Mikrofon, Xavier Hoffmann und Frank Laux an den Gitarren und Sandy Moschetti am Bass, spielt nämlich “Konzeptmetal” – anstelle sich also einem einzigen, in diesem Falle dann vergleichsweise eng abgesteckten Metalgenre zu verschreiben, setzen sie sich stilistisch keine Grenzen und stellen die Musik vielmehr in den Dienst des von Luc Francois erarbeiteten Konzepts, um eine Geschichte zu erzählen und diese entsprechend musikalisch darzustellen.

Dieses übergreifende Konzept ist im Falle von “Downfall Theatre” – wie der Titel es bereits verlauten lässt – der tragische Niedergang eines jungen Mannes, der anfangs von einer ihn zu seelischen Höhenflügen emporhebenden Liebe beseelt ist, doch nach deren Verlust immer mehr in den Wahnsinn hinab steigt. Luc Francois erzählt seine Geschichte dabei in oftmals einfachen (wobei sich das im Laufe des Albums noch ändert), aber prägnanten und treffend formulierten Lyrics, die manchmal zwar arg an Klischees und am Kitsch vorbei schrammen, aber, in Symbiose mit der Musik, in ihrer Wirkung umso mehr verstärkt werden und die Story letztendlich überzeugend und spannend vortragen. Somit manifestieren sich die immer mehr in den Wahnsinn hinab gleitenden Gedankengänge des Protagonisten in der Musik, die im Laufe des Albums immer härter und dunkler wird und von leichten Balladen und eher optimistisch gestimmten Power Metal-Liedern hin zu brachialem Thrash-, Death- und Black Metal abdriftet – was seinerseits auch die Lyrics wieder in einem anderen Licht erscheinen lässt. Dieses immer wieder neue Facetten erschaffende Wechselspiel zwischen literarischem Konzept und Musik lässt meiner Meinung nach Konzeptalben als Kunstform eine besondere Faszination ausüben, da man immer wieder neue Zusammenhänge entdeckt und die einzelnen Songs somit über mehrere Dimensionen, die es zu erkunden gilt, verfügen – und genau darauf zielt auch „Downfall Theatre“ ab.

Da man ein Konzeptalbum als Kunstwerk auch immer als eigene Entität, in dem die einzelnen Songs letztendlich eher dem Konzept untergeordnet sind und erst im großen Zusammenhang ihre ganze Wirkung entfalten, betrachten sollte, ist es ratsam das ganze Album am Stück zu hören. Dennoch möchte ich noch einmal näher auf die einzelnen Songs eingehen, insbesondere da sie – bis auf die Zwischenspiele – auch alleinstehend sehr gut funktionieren.

Das einleitende Stück „A Story From Beyond“ setzt mit Synthiestreichern und verwunschener Akustikgitarre ein und liefert einen gelungenen Einstand, der bereits für einiges an Atmosphäre sorgt und den Rahmen für die Geschichte schafft, da der Protagonist in diesem einige Hinweise auf das Kommende gibt und somit die Spannung des Zuhörers weckt. Mich persönlich erinnert das Lied auch an einige mir besonders lieb gewonnene Videospielintros – insbesondere einige Melodien aus „The Legend of Zelda“ und „Fire Emblem“ geisterten beim Hören von „A Story From Beyond“ als vages Echo durch meinen Kopf.

„Forever Mine“ ist dann das erste richtige Lied und besitzt durch Lucs Gesang, die cleane Gitarre, Streicher im Hintergrund und den relativ simplen Aufbau Balladencharakter. Trotz der Tatsache, dass das Lied, im Gesamtkontext des Konzepts betrachtet, durchaus passt und von daher stimmig wirkt – immerhin schwärmt der Protagonist hier von der ewigen Liebe zu seinem Sohne, und das würde wohl kaum Resonanz in einem brachialen Grindcore-Lied finden, auch wenn dies zugegebenermaßen reichlich amüsant wäre -, fällt der Song meiner Meinung nach im Vergleich zu den anderen, und vor allem den härteren, späteren Liedern des Albums, deutlich ab. Die Melodien besitzen trotz oder gerade wegen dem leichten – gewollten – Kitschfaktor Ohrwurmqualitäten, allerdings trifft Luc nicht immer den Ton, was besonders im Refrain zum Vorschein kommt. Bei seinem Cleangesang besteht allgemein noch Nachholbedarf, da er noch etwas dünn und wacklig klingt; mit etwas Feilen müsste da aber noch einiges rauszuholen zu sein.

Das nachfolgende „Golden Light“ startet dann sehr überraschend mit einem etwas unsauberen und zu abrupten Übergang, der den Hörer sofort in die Mitte des Geschehens katapultiert. Ab dann entwickelt sich das Lied aber zu einem wirklich mitreißenden, schnellen und launigen Power Metal-Titel (ein Genre, das ich einst sehr mochte und für das ich, insbesondere aufgrund meiner Affinität für alles was mit Fantasy zu tun hat, noch immer reichlich Sympathie hege, selbst wenn mein Musikgeschmack sich in der Hinsicht gewandelt hat), getragen von Lucs deutlich epischerem Gesang, der wie bei „Forever Mine“ noch manchmal am Ton vorbei schrammt, dafür aber die Gitarrenläufe sehr gut begleitet und beeindruckende Höhen erreicht. Das Abbremsen des Tempos beim Refrain sorgt dazu für Abwechslung, und der rasante Gang des Lieds fängt die Stimmung des von der Liebe, wie eingangs erwähnt, zu seelischen Höhenflügen inspirierten Protagonisten passend ein.

Nach einem weiteren kurzen Interludium namens „Eclipse“, das mit einer Spieluhr im Hintergrund für Stimmung sorgt und kurz Lucs luxemburgischen Akzent (der aber ansonsten meiner Meinung nach nicht allzu sehr auffällt) durchsickern lässt, folgt „To Heaven Again“. Auch hier muss ich Luc auf der einen Seite mein Lob dafür aussprechen, dass er sich wirklich Mühe gibt seinen Gesang so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten, mir auf der anderen Seite aber seine Growls und Screams, die im späteren Verlauf des Liedes dann zum ersten Mal auf dem Album auftauchen, im Vergleich zum Cleangesang deutlich besser gefallen. Hervorheben möchte ich bei diesem Lied auch die gelungenen Basslines am Anfang!

Der Aufbau der Lieder wird ab diesem Zeitpunkt deutlich komplexer und die Stimmung, im Einklang mit der sich verdunkelnden Gedankenwelt des Protagonisten, dramatischer – das spiegelt sich auch im darauffolgenden Song „The Void“ wider, der mit genau acht Minuten Spielzeit das längste Stück des Albums bildet und dazu einen meiner persönlichen Favoriten darstellt. Nach einem kurzen Intro prescht die Instrumentalfraktion unaufhaltsam nach vorne und verfällt gelegentlich in grandiose, headbanginduzierende Thrash Metal-Raserei – dazu ist der zweistimmige Gesang am Anfang dieses Mal wirklich sehr gelungen. Die Struktur des Lieds verzichtet auf das übliche Strophe-Verse-Refrain-Schema und bietet dadurch, wie eingangs erwähnt, eine erfrischende Komplexität, sodass man richtig darin versinken kann – und kurzzeitig vernahmen meine frohlockenden Ohren unter dem dichten Soundteppich sogar Blastbeats!

Ab nun wird die Stimmung der Lyrics und somit auch die der Musik stetig verzweifelter und verwandelt sich in das Echo des klagenden Protagonisten. „Cold“ demonstriert das sehr eindrucksvoll und kommt als eines der ungewöhnlichsten und interessantesten Lieder daher – es drosselt das Tempo und vertraut fast ausschließlich auf hypnotisierende Gitarrenleitern, gleichermaßen flüsternden, beschwörenden und klagenden Gesang und baut sehr viel Atmosphäre auf. Das darauf folgende Zwischenstück „Metamorphosis“ kommt gleichermaßen schräg und beunruhigend daher, und markiert letztendlich den Punkt im Niedergang des Protagonisten, an dem es kein Zurück mehr für ihn gibt.

Mit “Depulsoris Ira” bricht dann mein ganz persönliches Lieblingslied vom Album, bei dem mein innerer Metalhead in Entzückung verfällt und diesen Nackenbrecher einfach bejubeln muss, wie ein Fegefeuer aus der Hölle geradewegs über den Zuhörer herein. Der Song bereitet Unmengen an Spaß und besticht durch ein hohes, spieltechnisches Niveau, einen treibenden Rhythmus, eine angenehme Vertracktheit und einige sehr köstliche dissonante Riffs. Dazu sind Lucs Growls angenehm tief und keifen dem Zuhörer die klischeebehafteten, aber passenden Lyrics mit der nötigen Durchschlagskraft entgegen.

„Crossroads“ ist ein solides Instrumental und verdeutlicht wieder einmal dass die Jungs an den Instrumenten ihr Metier beherrschen.

„King of Existence“ ist besonders von den Lyrics her sehr interessant, da er die Thematik des Theaters, in dem auch die Handlung eingebettet ist, (immerhin erzählt der Protagonist seinen Fall selbst in der Form eines Theaterstücks, wie auch im Roman nachzulesen ist) aufgreift und den Protagonisten zum namensgebenden König werden lässt, der seine Armee aus Geistern beschwört – was bereits durch entsprechende Samples am Ende von „Crossroads“ angekündigt wird. Hier möchte ich besonders noch einmal die Riffs hervorheben, die sich sehr ausgeklügelt und sauber in die Gehörgänge des Zuhörers fräsen. Dazu gibt es einen zünftigen und gelungenen Breakdown – das Lied hat nämlich einen starken Metalcore-Einschlag – mit unheimlichem Geistergesange im Hintergrund.

Auch „Masquerade“  verfährt ähnlich, in dem es den Protagonisten über seine Maske, die er sich angezogen hat, um seinen Verlustschmerz zu verbergen, sinnieren lässt. Das erinnert frappierend an Shakespeares Devise  “All the world‘s a stage“, was der Geschichte hinter dem Album und somit dem Konzept wiederum einen doppelten Interpretationsboden schafft – vordergründig steht somit der Inhalt des Theaterstücks und die Geschichte des Niedergangs des Protagonisten; dahinter, auf einer Metaebene, das Reflektieren des Hauptcharakters über das Schauspielern und Annehmen von bestimmten Rollen, wie wir es letztendlich alle im Leben tun, selbst. Dies zeigt, dass Luc Francois sich beim Erarbeiten des Konzepts und seiner Facetten wirklich viel Mühe gegeben hat und dem Zuhörer auch gerne Interpretationsmöglichkeiten überlässt, insbesondere da er die Lyrics durch diverse Ellipsen und eine eher implizite Erzählweise doch sehr offen für eigene Auslegungen ausformuliert hat.

„Black Elixir“ stürmt als geballter, in Schallform gefasster Hass heran – mittlerweile befindet sich der Härtegrad der Lieder in Death Metal-Gefilden. Das Lied ist eher konventionell gestrickt und sticht auf dem Album nicht besonders hervor, rettet sich am Ende aber noch einmal mit Chorgesängen und einem richtig gelungenen Solo aus dem Mittelmaß.

„Omega“s dramatische Orgelklänge kündigen dann das bevorstehende Ende an, das in Form von „My Final Sin“ als eiskalter Black Metal-Klumpen mit genreüblichem Tremolo-Picking und peitschenden Drums heran gefegt kommt. Der Protagonist wird sich seiner bereits angedeuteten Maskerade bewusst und setzt, vom Wahnsinn zerfressen, seinem Leben letztendlich ein Ende. Der dazu passende leichte Doom-Einschlag am Ende des Songs ist ein weiterer Pluspunkt, der zusätzlich Atmosphäre schafft. So endet also das „Downfall Theatre“ – Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Produktionstechnisch habe ich nichts gegen das Album einzuwenden – die Soundqualität befindet sich auf einem durchgängig guten Niveau, besonders wenn man in Betracht zieht dass es sich hierbei um eine Eigenproduktion handelt. Xavier, der neben seinem sehr überzeugenden Klampfenspiel auch über viel Finesse bei der Produktion verfügt – ich durfte mich schon selbst bei den Aufnahmen zur EP meiner Band Plaguewielder von seinen Kenntnissen als Leiter von Muschel Productions überzeugen -, hat eine mehr als beachtliche Arbeit geleistet. Die Instrumente ertönen nämlich differenziert und klar voneinander unterscheidbar, und besonders in den Liedern, die über mehr Heaviness verfügen, wie etwa „Depulsoris Ira“ oder „My Final Sin“, klingen die Gitarren richtig schön fies, brachial und druckvoll. Ein weiteres Lob meinerseits gilt den Instrumentalisten – alles wurde (bis auf einige bereits erwähnte abrupte Übergänge) sehr sauber eingespielt, und dazu sind die Solos überzeugend.  Auch der Drumcomputer – die Band sucht nämlich momentan noch nach einem Drummer – klingt organisch. Vom Aufbau her erinnert mich das Album übrigens  – und das ist ein Kompliment meinerseits – an das absolut grandiose „Pelagial“ von The Ocean, wobei ich „Downfall Theatre“ eine stilistisch gesehen größere Vielfalt zusprechen muss; auch Symphony X fällt mir als Reminiszenz ein, insbesondere durch den gelegentlich sehr orchestralen und mit “Segues” gepflasterten Aufbau.

Insgesamt hat mich Mindpatrols Erstlingswerk also, trotz einiger Makel – wie etwa dem verbesserungswürdigen Cleangesang, einigen klischeehaften Passagen in den Lyrics oder diversen harschen Übergängen – überzeugt, insbesondere aufgrund seines musikalischen Abwechslungsreichtums und der dichten und überzeugenden Atmosphäre. Man merkt der Truppe um Luc Francois jedenfalls die großen Ambitionen, die hinter ihrem musikalischen Projekt stecken, an, und das finde ich bewunderns- und unterstützenswert, insbesondere in einer Zeit, in der das Konzeptalbum durch die Entwicklungen in der Musikindustrie – durch die heutzutage eher einzelne Songs als ganze Alben gekauft beziehungsweise gedownloadet werden – als Kunstform doch nicht allzu häufig auftritt. Letztendlich finde ich, dass die „harten“ Passagen des Albums die besten darstellen, was mich dann aber zu einem Dilemma führt: einerseits finde ich diese nämlich so gelungen, dass ich mir wünschte, sie hätten die Balladen ganz ausgelassen; gleichzeitig aber hätte das dazu geführt, dass viel Atmosphäre, Abwechslung und Stimmigkeit verloren gegangen wären und das Konzept nicht mehr geklappt hätte. Deswegen hoffe ich, dass beim nächsten Release die sanfteren Seiten von Mindpatrol – auf die sie auf keinen Fall verzichten sollen! – sich auf einem ähnlich hohen Niveau wie ihre düstereren Facetten befinden und somit zu einem runden Gesamteindruck führen.

Trotz alldem kann ich aber jedermann, der auf interessante musikalische Erfahrungen steht, wärmstens empfehlen, sich „Downfall Theatre“ anzuhören und die Herren von Mindpatrol zu unterstützen, denn die Band zeigt mit ihrem sehr gelungenen Einstand bereits großes Potenzial.

Downloaden könnt ihr das Album übrigens auf Bandcamp, oder ihr hört es euch auf YouTube an, dort stehen auch die Lyrics in der Videobeschreibung.

 

Herzlich Willkommen auf meinem neuen Blog!

Hallo liebe Leser_innen,

Herzlich Willkommen auf meinem neuen Blog!

Mein Name ist Maxime Weber, und ich bin Autor und Betreiber dieses Blogs. Bis zum jetzigen Zeitpunkt habe ich vorallem mehr oder minder anonym Artikel zu allen möglichen Themen – insbesondere aber solche über die rechtsextreme Szene in Luxemburg in sozialen Netzwerken, Reviews, meine Projekte und Absurditäten aus dem Alltag – auf meinem vorherigen Blog, Lorgthars mythische Schreibkammer, veröffentlicht.

Wieso nun also der Wechsel meiner Internetpräsenz?

Nun, zuerst einmal wollte ich die Artikel und Inhalte, die ich veröffentliche, stärker an mich als Person binden. “Lorgthars mythische Schreibkammer” erschien mir in letzter Zeit als zu kryptisch und ominös als Namen für eine Internetpräsenz, weswegen ich das Beispiel einiger befreundeter Blogger aufgreifen und unter meinem richtigen Namen veröffentlichen wollte.

Dazu mache ich immer wieder gerne so viele Menschen wie möglich auf meine Projekte oder jene, an denen ich teilhabe – wie etwa meine Novelle, Bands in denen ich spiele oder die ich unterstütze, Flashmobs oder Filme die ich drehe –  aufmerksam. Da der Blog nun auch mit meinem richtigen Namen korrespondiert, ist es leichter, mich damit in Verbindung zu setzen.

Letztendlich ist es aber auch ein Schritt meinerseits, stärker in der Öffentlichkeit für meine Ansichten und Überzeugungen einzustehen. Unter einem Pseudonym zu agieren ist zwar praktisch, aber es entsteht immer auch der Eindruck, man würde sich hinter diesem verbergen wollen, insbesondere wenn es um politisch und gesellschaftlich eher brisante Themen geht.

Was könnt ihr also künftig auf diesem Blog erwarten?

Ich werde selbsverständlich weiterhin über politische und gesellschaftliche Themen schreiben – insbesondere mit einem kritischen Blick auf Rechtsextremismus, Nationalismus und Patriotismus und alle möglichen Formen der Unterdrückung und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft -, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit der Menschen auf diverse Themen zu lenken, die letztendlich uns alle betreffen. Dazu werde ich aber auch Reviews zu CDs, Filmen, Büchern und allen möglichen Formen der Kunst schreiben, gelegentlich Exkurse in eine meiner großen Leidenschaften, die Philosophie, wagen und auch mal kürzere Gedankengänge zu bestimmten Themen veröffentlichen, wenn ich euch unbedingt etwas mitteilen möchte. Desweiteren werde ich euch auf meinem Blog auch, wie eingangs erwähnt, über meine aktuellen Projekte auf dem Laufenden halten – seien es meine Novelle, die ich gerade veröffentlichen möchte, ein neuer Film meinerseits oder Veröffentlichungen der Bands, in denen ich spiele.

Schlussendlich möchte ich mich noch einmal bei all jenen bedanken, die bis zu diesem Zeitpunkt meinen vorherigen Blog, Lorgthars mythische Schreibkammer, rege unterstützt, mir viel Feedback geliefert und meine Artikel weiterverbreitet haben – ohne euch hätte er wahrscheinlich niemals eine ähnliche Verbreitung erfahren!

Morgen folgt dann bereits der erste richtige Artikel, und zwar eine Review zu Mindpatrols – einer sehr vielversprechenden Band aus Luxemburg – erstem Album  “Downfall Theatre”!

Bis dann,

Maxime Weber