Monthly Archives: March 2014

Zieht euch an wie ihr wollt – laut, bunt und aufrührerisch!

“Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.”

– Friedrich Nietzsche, “Also Sprach Zarathustra”

Die staatlichen Institutionen Luxemburgs geben sich in letzter Zeit, so scheint mir, redlich und überaus lobenswert Mühe, die Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung ihrer Schüler und Studenten unablässig mit Füßen zu treten. Nicht nur, dass die luxemburgische Regierung das Budget für Studiengelder um 40% (das heißt in blanken Zahlen 70 Millionen€) kürzen möchte, um solch überaus wichtigen und prestigeträchtigen Projekten wie einem neuen Fußballstadion – das natürlich äußerst sinnvoll angesichts der sich in schwindelerregend hohen Tiefen rumkriechenden Platzierungen der luxemburgischen Fußballnationalmannschaft in internationalen Ranglisten scheint – den Vorrang gegenüber dem langfristig wichtigsten Gut, das der Staat überhaupt seinen Bürgern garantieren kann, zu geben; nein, jetzt scheinen auch noch einige Schuldirektionen in all ihrer fürchterlichen und autoritären Pracht zu erblühen und den Schülern das Recht auf Selbstbestimmung verweigern zu wollen, indem sie willkürliche Kleiderordnungen einführen – wie jüngst am hauptstädtischen LTC und am LTMA in Pétange und einem Dutzend weiteren Schulen in Luxemburg. Unsere Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung werden also nicht nur mit Füßen getreten, sondern auch noch in Schuldenschlünde und Abgründe normativen Wahns geschleudert.

Da an anderer Stelle bereits sehr ausführlich und treffend formuliert die Reformen des Studiengelds angeprangert wurden, möchte ich mich in diesem Artikel nun diesen Kleiderordnungen, die ihr Unwesen an luxemburgischen Schulen treiben, widmen. Aufmerksam auf diese wurde ich durch zwei Artikel auf L’Essentiel Online und Wort.lu. Während der Artikel auf L’Essentiel Online nüchtern und sachlich über das Thema berichtet hat, ließ mich die polemische Farce eines Artikels von Wort.lu wahrlich in Wellen aus Schaudern ertrinken. Nicht nur, dass die neuen Kleiderordnungen an sich schon bedenklich genug wären – nein, der Artikel scheint sie, seinem gehässigen Tonfall – der geradewegs aus dem Mund eines offensichtlich bestens informierten Konservativen, der sich Jugendlichen wahrscheinlich nur mit Schutzanzug und Gasmaske nähert, zu stammen scheint – nach zu urteilen, auch noch zu befürworten.
Deswegen ist mein eigener vorliegender Text nun einerseits eine Auseinandersetzung mit dem Thema der Kleiderordnungen selbst, andererseits wird er aber auch besagten Artikel von Wort.lu kritisch durchleuchten, da ich dessen Aussagen, auf die ich als Quelle zu eben diesem Thema zurückgreife, nicht unkommentiert lassen möchte. Die ersten Sätze des vorliegenden Wort.lu-Artikels umreißen schon mal die ganze Problematik – und entblößen seinen Autor sofort in seiner ganzen unverhohlenen Ignoranz:

“Leggins, bauchfreie Tops und Baseball-Kappen: Bei vielen Schülern ist der „Ghetto-Look“ angesagt – zum Ärgernis ihrer Lehrer. Ein gutes Dutzend von Lyzeen hat deshalb eine Kleiderordnung erlassen.

Zerrissene Jeans und tief ausgeschnittene Dekolletees im Klassensaal mögen zwar die Mitschüler erfreuen, aber solche Modeerscheinungen stoßen nicht auf ungeteilte Zustimmung. Nach dem Empfinden von Schulleitungen orientiert sich der Kleidungsstil von vielen Schülern in letzter Zeit eher an Rap-Videos als an europäischer Straßenkleidung. Eine „Charte vestimentaire“ soll da gegensteuern. An rund der Hälfte der 31 Lyzeen in Luxemburg regelt sie genau, was erlaubt ist und was nicht.”

Ach du meine Güte – werte Damen und Herren, schützt eure Kinder vor dem infernalischen Kostümtrio des Teufels in persona: die diabolischen Leggins, die aufgrund ihrer zumeist düster-grauen Farbgebung auf den Einfluss des Satanismus auf unsere Kinder hinweisen; die bauchfreien Tops, die ihre zarte Haut den grausigen Winden unserer unbarmherzigen kalten Welt aussetzen und unsere Schützlinge mit daraus resultierenden Blasenentzündungen malträtieren; und wehe den – ich mag kaum den Namen auszusprechen –  in stofflicher Form manifestierten Albträumen eines jeden Lehrers: die Hüte des Baphomet, auch bekannt als – mich schaudert’s und graust’s dass mir die Haare zu Berge stehen – Baseball-Kappen, vor denen bereits an irgendwelchen Bibelstellen – die ich nicht zu finden befähigt bin, da meine Bibel sich aus dem Staub gemacht hat um mit Jesus Wein zu süffeln – gewarnt wurde. Oh habt so überaus viel Dank, wertes Wort.lu und das es mit heiliger Hand befehligende Bistum, dass ihr uns vor den Schändern, den unheiligen Befleckern unserer Jugend – den Leggins, bauchfreien Tops und Baseball-Kappen – warnet!

Ich vermag kaum zu glauben, dass der Artikel keine Satire sein soll – es geht aber noch weiter! Denn ganz davon abgesehen, dass diese Monstrosität eines Schlagwortes namens “Ghetto-Look” offensichtlich und unverhohlen an die weit verbreiteten, stereotypischen Bilder vom (am besten noch schwarzen) Gangster aus US-amerikanischen Suburbs appelliert, ohne irgendeine Differenzierung erfolgen zu lassen oder die dort herrschenden sozialen Probleme zu berücksichtigen: was bei den neun Höllenkreisen soll bitteschön dieser jeglicher Aussage beraubte Pseudo-Begriff “europäische[…] Straßenkleidung” bezeichnen? Ich habe Zeit meines Lebens schon viele lächerliche Neologismen erblicken dürfen, aber dieses hat sich definitiv einen Ehrenplatz im Pantheon der bescheuertesten Wortschöpfungen – neben “Sozialtourismus” und “Entlassungsproduktivität” – verdient. Wie kann ein Journalist – der immerhin bei der Onlineausgabe der größten Tageszeitung in Luxemburg angestellt ist – sich nur dermaßen in solchen nichtssagenden und absurden Verallgemeinerungen vergreifen? Was soll “europäische Straßenkleidung” bitte sein? Wie kleidet sich der Durchschnittseuropäer? In den Farben der EU-Flagge? Ist das etwa so genau definiert, dass der Kleidungsstil der Hip-Hop-Subkultur nicht zum exklusiven Kreis der “europäischen Straßenkleidung” dazu gehören darf? Als ob die schiere Willkür der im Artikel angekündigten Kleiderordnung nicht schon genug zum Kopfschütteln anregen würde, strickt der Autor seinen Text dazu noch aus hanebüchenen Vorurteilen (wahrscheinlich, um nicht allzusehr von der Redaktionslinie seines konservativen Schlachtschiffs in Form einer Zeitung abzuweichen) zusammen. Das Amüsante-Tragische daran aber ist: nicht einmal diese vermeintlichen Vorurteile gegenüber des “Ghetto-Looks” sind legitim! Denn – und das wird dem Durchschnittsscheuklappenträgerkonservativen sicherlich nicht einmal auffallen – Leggins, bauchfreie Tops und Baseball-Kappen sind die denkbar ungünstigten Beispiele, um den “Ghetto-Look” zu beschreiben, da  diese Kleidungsstücke auch reichlich von Jugendlichen außerhalb der Hip Hop-Subkultur getragen werden, und sind von daher alles andere als bezeichnend für diese.

Nachdem der Autor des Artikels sich schon genügend selbst diskreditiert hat, lässt er nun endlich die glorreichen Ordnungshüter in all ihrem autoritären Glanze erstrahlen:

“LTC-Direktor Jean-Paul Lenertz beschreibt die Situation so: „Der Kleidungsstil wird immer legerer. Mädchen in ihrem pubertären Alter meinen, sie müssten ihre Reize ganz unverhüllt zeigen. Wir denken aber, man muss den Speck nicht unbedingt sehen.“

Ganz ehrlich – wer kam auf die überaus brillante Idee, einen Menschen, der solch haarsträubenden Aussagen von sich gibt, zum Schuldirektor zu ernennen? Herr Lenertz ist, wie aus seiner “Argumentation” ersichtlich wird, ein Musterbeispiel für patriarchalistisches Gehabe, das leider noch immer nicht aus unserer Gesellschaft verschwunden ist. Mich erfüllt vorallem sein autoritärer und vulgärer Tonfall mit schierem Ärger, und das aus vielerlei Gründen: zuerst einmal möchte er ganz offensichtlich Mädchen – und hier kommt der unverhohlene, als Paternalismus getarnter Patriarchalismus zum Vorschein – ihr Recht auf Selbstbestimmung nehmen, denn Herr Lenertz und die anderen Verantwortlichen scheinen, sich offenbar sehr sicher in ihrer eigenen überheblichen ideologischen Überlegenheit wähnend, besser als die Mädchen und Frauen zu wissen, was gut für sie ist und wie sie sich anziehen sollen. Ehrlich: mit welchem Recht – außer jenem der an sich schon fragwürdigen hierarchischen Ordnung in der Schule – glauben Herr Lenertz und Konsorten solche Entscheidungen treffen zu dürfen? Inwiefern stört “legere” Kleidung (die dazu noch sehr vage umrissen und nicht weiter erläutert wird, also viel Spielraum für die schiere Willkür der Kleiderordnungen lässt) den Schulalltag dermaßen gravierend, dass man dafür Mädchen und Frauen das Recht auf Selbstbestimmung verwehrt? Meistens folgt dann ja das Argument, dass die zu offen gezeigten “Reize” männliche Schüler und Lehrer ablenken würde, und schiebt die Schuld somit gleich wieder auf die Mädchen und Frauen, anstatt dass man sich mal darüber Gedanken darüber macht sie weniger zu objektifizieren und nur auf ihr Aussehen zu reduzieren. Aber nicht nur Mädchen sind von den Kleiderordnungen betroffen – auch die Jungen an den  Schulen werden dazu genötigt, einen “korrekten” Kleidungsstil zur Schau zu stellen und etwa das Tragen von Baseballkappen zu unterlassen.

“Am LTMA ist die „Charte vestimentaire“ übrigens nicht von oben herab diktiert worden. Vielmehr hat sich der „Conseil d’éducation“, in dem auch Vertreter von Eltern und Schüler sitzen, darauf geeinigt.

Die „Charte vestimentaire“ steht zudem auf festem legalen Boden, denn sie formuliert eine allgemein gehaltene Vorschrift aus. Im Schulgesetz von 2004 steht wortwörtlich: „La tenue vestimentaire des élèves doit être correcte.“

Ich möchte wirklich nicht wissen, was für spießbürgerliche und ihre begrenzte Weltsicht als die einzig legitime auserkorende Philister sich in diesem “Conseil d’éducation” rumtreiben. Und dann: “Allgemein gehaltene Vorschrift”? Mich dünkt, der Herr Autor des Artikels ist nicht nur ignorant, sondern es beliebt ihm offenbar auch noch heftig zu scherzen und untertreiben. “Korrekt” verheißt die vollkommene Willkür – jede Schule kann, wie in diesem Text meinerseits bereits dargelegt wird, nach Gutdünken entscheiden, was sie unter “korrekt” versteht. So drängt sich mir unverweigerlich auch der unangenehme Gedanke an, dass Lehrer und Direktion nach Gutdünken unliebsame Schüler einfach so vom Unterricht ausschließen könnten, wenn sie wollten, und zwar in dem sie als Rechtfertigung für den Ausschluss einfach behaupten würden, seine Kleidung sei – aus welchem Grunde auch immer – nicht “korrekt” gewesen. Alleine der Begriff des sozial legitimierten “Korrekten” ist schon ein Affront an die Individualität selbst. Uns steht noch unser ganzes Erwachsenendasein zur Verfügung, um uns in Demut vor der Glorie der gesellschaftlichen Masse, der Norm und der Angepasstheit den Rücken krumm zu verbeugen und möglichst “korrekt” im Staub bis zum Tode vorwärts zu kriechen – wieso will man uns dann nicht jenen Zeitabschnitt, in dem dem Menschen eigentlich noch die größte Freiheit und Möglichkeit zur Entfaltung seiner selbst zur Verfügung stehen sollte, überlassen, um genau dieses zu tun? “Sei ganz du selbst – aber doch nicht so, meine Güte!” Kleider sind natürlich nur ein bemerkenswert kleiner Aspekt in der Selbstbestimmung und -verwirklichung eines Menschen, und dazu ein zugegebenermaßen ziemlich oberflächlicher und an die uns vorgegaukelten materiellen Bedürfnisse unserer kommerzialisierten Gesellschaft gekoppelter – aber nichtsdestotrotz können Kleider im besten Falle einem Menschen auch dazu dienen, sich selbst auszudrücken. Mag sein, dass ich mich zu sehr wegen einer vordergründigen Banalität erzürne – aber in meinen Augen sind diese Kleiderordnungen symptomatisch für das Untergraben der Individualität in unserer Gesellschaft, die nach außen hin immer wieder trügerisch auf deren Wichtigkeit pocht, und sie doch letzten Endes, sobald sie anfängt auch nur im Geringsten von der Norm abzuweichen, in paranoiden Ausfällen wie jüngst diesem unterjocht.

Das Schockierendste an dieser ganzen Kleiderordnung folgt aber dann noch am Ende des zweiten Abschnitts des Artikels:

“Die Kleiderordnung richtet sich zudem nicht nur gegen Baseballkappen und freizügige Outfits, sondern auch gegen auffällige religiöse Kleidung. Am LTC möchte man beispielsweise nicht, dass islamische Mädchen verschleiert zum Unterricht kommen.”

Diese Kleiderordnung möchte nicht nur das Gleichgewichtsverhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum zum Kippen bringen, sondern ist tatsächlich auch noch eine Rechtfertigung für Intoleranz gegenüber anderen Religionen. Im Gegensatz zu Frankreich beispielsweise gibt es in Luxemburg keine Gesetze, die religiös motivierte Verschleierung verbieten – das scheint die Direktionen aber nicht daran zu hindern, ihre Islamophobie unverhohlen und ohne jegliche Rechtfertigung auszuleben. Ob man die Verschleierung muslimischer Frauen nun als (auch patriarchalistisch motivierte) Unterdrückung oder Selbstbestimmung betrachten soll ist ein sehr heikles Thema, für dessen Behandlung in diesem Text meinerseits leider kein Platz ist, aber nichtsdestotrotz könnte man die Bestimmungen alleine schon als ohne über jegliche Gesetzesbasis verfügenden Eingriff in die religiöse Freiheit und als Zeichen von bis in die Schuldirektionen vordringender Islamophobie sehen.

Angesichts all dessen kann ich nur folgenden Aufruf an alle betroffenen Jugendlichen, deren Schulen diese Diktatur des “Angemessenen” errichtet haben, richten : ignoriert die Kleiderordnungen an eurer Schule! Zieht euch an wie es euch dünkt – am Besten laut, bunt, aufrührerisch und provozierend, sodass eure Kleider zu einem auflehnenden Schrei gegen diese willkürlichen Bestimmungen werden. Zeigt, wer ihr seid, und lasst euer tiefstes Selbst, eure Essenz auch in eurem Kleidungsstil widerspiegeln, entgegen jeglicher gesellschaftlicher Konventionen.

Wir sind Menschen, und ein jeder von uns ist ein kostbares, wunderbares, herausragendes Individuum – kein Staat der Welt oder seine zuckenden Klauen in Form von Institutionen wie der unser geistiges Wachstum nur spärlich berieselnde, uns auf ihrem als Bildung getarnten Karrierefließband vom kritischen Denken ablenkende und unsere Stärken und hervorstechenden Fähigkeiten verkümmern lassende Schule haben das Recht, sich an dieser Individualität, dieser Einzigartigkeit, die uns unseren Kopf im ewig kreiselnden Mahlstrom der Zeit über Wasser halten lässt, zu vergreifen und ihr die Ketten der willkürlichen “Ordnung” und “Angemessenheit” auferlegen zu wollen.

Das Gemälde

Das Gemälde

In manch ziellos wandernden Nächten zerrte dein Geist an der rostigen Kette, die uns nach wie vor aneinander band und mich nur schweren Schrittes durch mein Leben nach dir trotten ließ, und ließ deine nur mehr gehauchte Präsenz unerträglich werden. Einem alten, dampfbetriebenen und schwarz lackierten Zug gleich fräste sich ihr lautes, metallenes Klirren durch meinen Kopf und hinterließ dunstig aufquellende Erinnerungen. Vergeblich versuchte ich sie zum Kondensieren zu bringen und in einem erlösenden, kühlen Regen erblühen zu lassen, doch stattdessen hüllten sie mich in einen schmerzenden, heißen Nebel. Ich flüchtete beinahe immer, fiebrig auf der Suche nach einem Weg hinaus; nicht wagend den Blick zu heben, meine Aufmerksamkeit auf die vagen Gedanken zu richten und ihnen somit die konkrete Gestalt von Ungeheuern zu verleihen, die mich sogleich mit Klauen aus Trauer und Ungewissen zu Boden rissen und verschlangen.
In einigen dieser Nächte jedoch ergab ich mich ihnen, zumeist aus einer sich plötzlich erhebenden Sehnsucht, die ich mir selbst kaum eingestehen mochte und deren mächtiger Flügelschlag doch immer wieder, trotz allem, meine Oberfläche aufwühlte, heraus – wobei ich letztendlich nie genau zu sagen vermochte, ob es dein Geist war, der diese Sehnsucht hervor rief, oder ob all diese Erinnerungen nur nach einem Gefäß suchten und es in diesem unbestimmten Langen schließlich vorfanden.
In diesen Nächten durchstöberte ich alte, auf Fotopapier gebannte Echos eines früheren Lebens, die längst vom Lärm des salzige Gischt versprühenden Mahlstroms der Zeit übertönt worden waren. Du wolltest nie gerne fotografiert werden, doch einige der Bilder ließen mich deine Präsenz wieder stärker spüren und das Klirren der Ketten in einem Crescendo ansteigen. Denn auch wenn dein Gesicht – das, wie mir schien, noch im vorigen Atemzug in meinen nun zitternden Händen gebettet gelegen hatte und nun immer mehr verblasste – nicht auf den Fotos zu sehen war, so beschworen die Artefakte, die du auf ihnen hinterlassen hattest, dich wieder in all deiner erschlagenden Wucht herauf.
Sobald ich diese auf einem Foto erblickte, begann mein nächtliches Zimmer, nur von einer flackernden, orangenen Lampe beleuchtet, um mich herum zu bersten; und im gleichen Moment erhoben sich aus seinen staubigen Trümmern die endlosen, mit hohen Spitzbogenfenstern versehenen und von Mondlicht gefluteten Gängen meines Geistes.  Das Foto entglitt meiner Hand, schwebte hinauf in die deckenlosen Schwärze des mit schweren Teppichen ausgelegten Gangs und schwoll dort an; sank wieder hinab, schmiegte sich in den leeren, mit goldenen, verschnörkelten Mustern versehenen Rahmen an der Mauer vor mir, und verschwand.
Stattdessen prangte nun dort eine weiße Leinwand. Die Impression, die das Foto und die ihr anhaftenden Echos in mir hervor gerufen hatten, war noch spürbar – beinahe so, als wäre sie gleichermaßen auf meine Netzhaut und in meinem Kopf eingebrannt worden. Sogleich begann ich, aus einem tiefen, mich bis in die letzten Fasern meines Seins durchdringenden Drängen heraus, die Farben der Erinnerungen, die an diesem Ort umso kräftiger und stärker leuchteten, aufzutragen und die Vergangenheit selbst zu schaffen – eine Interpretation des Fotos durch den Schleier meines zitternden Geistes.
Das Zimmer des Ferienhauses, das auf diesem zu sehen war, hüllte ich in die warmen Ockerfarben der Provence, in der wir damals unseren Urlaub gemeinsam verbracht hatten, und ließ einen einzelnen, weißen Sonnenstreifen gedämpft durch die Jalousien seines Fensters am linken Bildrande hinein fließen. Es war der letzte Tag, vollgesogen mit Erwartung und bereits zu diesem Zeitpunkt aufkeimender Sehnsucht nach dem, was bald nur noch in Form von Echos weiter bestehen sollte; dementsprechend lag unser Gepäck verstreut rum, der materialisierten, zögernden Aufbruchsstimmung gleich.
Ich deutete das tiefe Schwarz deiner mit hohen Absätzen und beigefarbenen Sohlen versehenen Schuhe in der rechten unteren Ecke des Bildes nur an; meine Erinnerungen vervollständigten von selbst die Ahnungen deiner hellen Beine, die sich sicheren Gangs gleichermaßen ihren Weg durch lange, gemeinsam verbrachte Nächte in von flirrenden, farbigen Lichtern erfüllten Clubs als auch über die steinigen Straßen provençalischer Dörfer, die unter Zypressen und einem azurblauen Himmel träumten, bahnten. Neben ihnen lag dein Koffer, in dem deine lange, seidene Robe ruhte. Bald schon schmiegte sich diese vor meinem inneren Auge um deinen Körper, und ließ ihn vor mir im gleißenden Sonnenlicht leuchten. Während du, angeregt durch die verstreuten Bruchstücke unserer auf diesem Foto gestrandeten Vergangenheit, wieder in meinen Erinnerungen vor mir auf dem farbenprächtigen, belebten Markt am Ende der steil abfallenden Gasse in Banon umher flaniertest und deine sich, einem dunkelblonden Wasserfall gleich, über deine Robe ergießenden Haare mein Blickfeld ausfüllten, erhielt der Geist deiner Präsenz etwas seltsam Plastisches, Festes. Ich wusste nicht mehr, ob sich all diese sich an mich drängenden Erinnerungen sich auch wirklich so oder überhaupt ereignet hatten, da abseits meines schaffenden Geistes, der alles in eine feste Form goss, die gedanklichen Fragmente meines früheren Ichs in einem ewig wilden Tanz aus willkürlichen Eindrücken, in denen sich der benebelnde Geruch von Lavendel gleichermaßen mit Bildern von dir als auch von meinem ersten Sturz auf meinem Fahrrad vermischte, umher wirbelten.
Mein Geist rückte näher an das Gemälde heran, um deine Brille, die auf der mit Büchern – deren Charaktere und Geschichten in diesem Moment an meinem malenden Ich vorbei in einem bunten Schwall aus Erinnerungen vorbei rauschten -, einer Buddhastatue, einem Wecker und einer Zimmerpflanze übersäten, erhöhten Ablage am Bettkopf mit einigen wenigen, fest geführten Strichen zu vervollständigen. Mit den selben körperlosen Fingern, mit denen er die Brille soeben erschaffen hatte, setzte mein Geist sie dir auf; und ich fuhr mit angehaltenem Atem über dein Antlitz. Ich hatte dich so oft betrachtet, dass du vor mir in all deinem Sein, das ich mir immer wieder meines Glückes ungläubig einflüstern musste, zu Nichts geronnen warst.
Dann ließ ich das breite Doppelbett selbst die Mitte des Gemäldes erobern; malte sorgfältig jeden einzelnen Schatten in den Falten auf seinen zerwühlten, grauen Laken aus und bestückte es mit ausladenden Kissen, Erinnerungen an gemeinsam auf diesem verbrachte Stunden in niemals ausklingen wollenden Morgen und Gespräche, die deiner Präsenz wieder eine Stimme verliehen. Jeder einzelne Pinselstrich riss dabei eine neue Kluft in der Zeit, hinter der eine Erinnerung ruhte, auf, und zusammen reihten sie sich als mit Sehnsucht beseelte Impressionen aneinander; und jeden einzelnen dieser meine Erinnerung konstituierenden Bausteine schichtete ich auf zu einem melancholischen Denkmal.
Ich atmete tief aus, und vollführte den letzten Strich, der die tobenden Klüfte der Zeit, deren Ränder immer mehr ausfransten und zu bersten drohten, schloss. Erschöpft sank ich vor dem Bilde nieder, die Palette aus Dunst und Schwermut noch in der Hand, und fiel sogleich in einen tiefen Schlaf, der den langen, mit Gemälden geschmückten Gang auflöste. Aus seinen nun wild im leeren Raum umher fliegenden Formen bildeten sich die flirrenden, unsteten Gestalten meiner Träume.
Eine von ihnen warst wieder einmal du; und in dieser Nacht erschienst du mir in all deiner Flüchtigkeit sonderbar näher als sonst.