Monthly Archives: April 2014

An alle Schüler_innen und Student_innen: streikt am 25. April – für eure Zukunft!

“Se taire, c’est laisser croire qu’on ne juge et ne désire rien, et, dans certains cas, c’est ne désirer tout, en général, et rien, ne particulier. Le silence le traduit bien. Mais à partir du moment où il parle, même en disant non, il désire et juge. Le révolté, au sens étymologique, fait volte-face. Il marchait sous le fouet du maître. Le voilà qui fait face. Il oppose ce qui est préférable à ce qui ne l’est pas.”

Albert Camus, “L’homme révolté”

Zum Formen und Ausdifferenzieren der eigenen Persönlichkeit ist das Revoltieren gegen die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Umstände essenziell – und keine anderen Lebensabschnitte als die Jugend und das frühe Erwachsenendasein eignen sich besser dazu, sind es doch zuerst einmal jene tumulthafte Epoche im Leben eines Menschen, die normalerweise die größten Umstürze bereit halten, aber auch gleichzeitig jene Jahre, in denen wir noch über die zeitlichen und persönlichen Ressourcen verfügen, um uns überhaupt in die Revolte stürzen zu können. Es ist eine von Idealen und großen Träumereien getränkte Zeit, aber auch jene, in der sich genau diese noch am besten umsetzen lassen, sofern man sich – und genau darin besteht die Aufgabe der Jugend als Zeitalter der Selbstschöpfung – nur mindestens einmal dazu hinreißt, die Umstände, in denen unser Leben stattfindet, und den ausgetretenen Weg, den wir den gesellschaftlichen Vorgaben entsprechend im späteren Verlauf der denkbar kurzen Zeitspanne zwischen dem uns umgebenden Nichts nehmen sollen, in Frage zu stellen und uns gegebenfalls dagegen zu wehren. Die luxemburgische Regierung jedenfalls hat uns in den letzten Wochen und Monaten genügend Gründe dazu gegeben, genau dies zu tun – weswegen nun letztendlich auch der landesweite Schüler- und Studentenstreik am 25. April ansteht.

Die geplanten Studiengeldkürzungen sind ein Aufopfern unser aller Zukunft auf dem Altar willkürlicher Budgetsentscheidungen. Die Studiengeldkürzungen erzürnen mich nicht nur auf inhaltlicher Ebene – unter anderem da sie keine Rücksicht auf Familien mit vielen Kindern nehmen, der Mobilitätsbeitrag nicht für Studenten in Luxemburg zählt die nicht mehr bei ihren Eltern wohnen, ein beträchtlicher Teil der Bourse einfach eingestampft wird und viele weitere Punkte, die zum Kopfschütteln anregen -, sondern auch auf ideeller. Wieso wird genau bei jenen gespart, die am wenigsten Schuld an der wirtschaftlichen Misere und den daraus resultierenden Budgetentscheidungen tragen, namentlich uns Schülern und Studenten? Es ist ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, wenn in dieser Studieren eher zu einer finanziellen Bürde als zu einer großartigen und einzigartigen Möglichkeit, sich selbst zu einem humanistischen und gebildeten Menschen zu formen, wird; und es ist ein unsägliches Trauerspiel, wenn genau in jenen Bereichen eingespart wird, die auf langfristige Sicht am Meisten dazu beitragen, die Situation zu bessern. Bildung ist das wichtigste immaterielle Gut dieser Welt – besitzt es doch die Macht, unseren Horizont bis an die Grenzen unserer Vorstellungskraft hin zu erweitern; Ignoranz, Rassismus, Sexismus, Homophobie und alle anderen Kräfte, die unser friedliches Zusammenleben miteinander zersetzen, zu zerstreuen und unser Streben als Menschen nach Erkenntnis und Verständnis zu fördern. Es ist unser Recht, freie Bildung vom Staat einzufordern, ohne den Rest unseres Leben im Schatten von Schuldenbergen (die man mit vielen, insbesondere kreativen Wunschstudiengängen, die durch die geplanten Änderungen wohl auch den Stadium eines Traumes bewahren werden müssen, gar nicht abtragen kann) fristen zu müssen. Jedes einzelne Studium ist eine reichhaltige Quelle für eine bessere Zukunft – wieso sollte man denn genau diese jetzt ausdörren lassen? Desweiteren verstehe ich auch nicht, wenn die laute Stimmen der Kritik auch aus den Reihen von Schülern und Studenten ertönen, die manchmal sogar Verständnis für die Entscheidungen der Regierung fordern oder die Forderung der Studenten, die Studienbeihilfen beizubeihalten, in die Lächerlichkeit ziehen und behaupten, dass der Aufschrei gegen die geplanten Kürzungen nur so ohrenbetäubend wäre, weil sich die Studenten dann nicht mehr all ihre geliebten Luxusartikel leisten könnten. Das ist eine Pauschalisierung, die sicherlich nicht der Realität entspricht – die Studienbeiträge reichen bei vielen Studenten, die an Orten mit hohen Lebenskosten, Mietpreisen und Studiengebühren, wie beispielsweise etwa Paris oder Großbritannien, studieren, schon jetzt gerade mal so aus, um überhaupt das Existenzminimum zu sichern. Viele von ihnen arbeiten jetzt schon, um sich überhaupt etwas gönnen zu können. Auch das Argument, dass wir uns nur beklagen würden, weil wir unseres Elfenbeinturms verwiesen worden und die Studienbeihilfen in anderen Ländern sowieso schon viel niedriger wären, ist in meinen Augen kaum haltbar. In Dänemark beispielsweise genießen die Studierenden ähnlich hohe Studienbeihilfen – und gingen zur Beibehaltung eben dieser auch auf die Straße.

Lasst euch auch nicht von all jenen einschüchtern, die euch sagen, ihr würdet das Gesetz brechen, wenn ihr am 25. April streiken geht. Dialoge mit dem Staat sind zwar schön und gut, aber letztendlich meistens zäh und unergiebig. Wie sollte dieser sich auch eingeschüchtert fühlen, wenn ihm nichts außer ein paar empörten Phrasen und bürokratischem Gezedere drohen? Ziviles Ungehorsam hingegen ist das effektivste Mittel in einer Demokratie, um den Staat in aller Intensität und Deutlichkeit die eigenen Forderungen spüren zu lassen – denn nicht wir sind abhängig von ihm, sondern er von uns. Er existiert nur, weil wir – mehr oder minder freiwillig – unter anderem durch unser Beugen vor seinen Gesetzen dazu beitragen, dass er dies auch weiterhin tut und mit uns verfahren kann, wie er möchte. Dies ist auch der Ursprung unseres omnipräsenten Gefühles der Machtlosigkeit angesichts politischer Entscheidungen – das aber letztendlich, und das wird spätestens, wenn man ziviles Ungehorsam ausübt, nur eine Einbildung ist. Wir können sehr wohl, wenn wir uns alle mobilisieren, das Gesetzesprojekt noch abwenden; wir haben die Mittel in der Hand, uns gegen die Willkürlichkeiten des Staates aufzulehnen, und das sind Streiks und andere Mittel des zivilen Ungehorsams, die den furchterregenden Leviathan, den der Staat normalerweise darstellt, auf die Größe eines harmlosen Karpadors zusammenschrumpfen lässt.

Deswegen möchte ich mit diesem Aufruf alle Schüler_innen und Student_innen, aber auch ihre Eltern und Familien dazu motivieren, sich am 25. April 2014 gegen den projet de loi 6670 aufzulehnen und hinaus auf die Straßen Luxemburg-Stadts streiken zu gehen. Löst die Zügel eurer Kreativität – die von den utilitaristischen und der Wirtschaft nahe stehenden Segmenten unserer Regierung allzu gerne als wenig effektive und marginalen Profit liefernde und von daher nutzlose Charaktereigenschaft abgestempelt wird – und entwerft farbenprächtige Banner, Transparente und Protestschilder; denkt euch markige (und am besten reimende) Phrasen aus, die die Demonstrationszüge gemeinsam rufen können, um in allen Winkeln Luxemburg-Stadts unsere Forderungen ertönen zu lassen; und zeigt letztendlich vorallem, dass ihr euch einerseits als mündige Individuen versteht, die sich nicht in der Entfaltung ihrer Individualität – zu der das Studium in dem Fach, das die eigenen Interessen am besten repräsentiert und erheblich vertieft, einen überaus beachtlichen Teil beiträgt – von willkürlichen Budgetkürzungen der Regierung aufhalten lassen wollen, andererseits aber auch als Teil einer Jugend seht, die es sich nicht bieten lässt unter einer rigiden und auf lange Sicht hin desaströsen Austeritätspolitik für Fehler, für die sie selbst nicht einmal im Geringsten verantwortlich ist, büßen und seine Zukunft und Träume aufgeben zu müssen.

Wir sehen uns dann am 25. April – ich werde auf dem Glacis, in der Nähe meines ehemaligen Gymnasiums, dem luxemburgischen Staat in Form von zünftigem und lautstarkem Protest mal wieder meine aufrichtige Zuneigung ausdrücken.

Weiterführende Links:

Die offizielle Seite des Streiks

Die offizielle Veranstaltung zum Streik auf Facebook

RTL.lu-Artikel zum Streik

Tageblatt.lu-Artikel zum Streik

Wort.lu-Artikel zum Streik

Petition#1 gegen die geplanten Studiengeldkürzungen (Chambre des Députés du Grand-Duché du Luxembourg)

Petition#2 gegen die geplanten Studiengeldkürzungen (Avaaz)

Cedies 2.0 – tëscht néideger Reform an Réckschrëtt

Kürzungen an der Uni.lu

UNEL und LUS schockiert über Einsparungen bei Bildung und Forschung

 

 

 

 

 

 

 

 

Öffentliche Unordnung

“Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken! Es ist nicht lange her, da wart ihr noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen, das ihr mich niesen und lachen machtet – und jetzt? […]

– Friedrich Nietzsche, “Jenseits von Gut und Böse”, 296

Die menschliche Sprache ist unbestritten das komplexeste und ausgereifteste Kommunikationsmittel unserer Spezies – eine evolutionäre Ausnahmeerscheinung, zu der es in der Natur bis dato kein vergleichbares Pendant gibt. Dank ihrer Entwicklung vermochte der Mensch erst, komplexen Gedankengängen eine verständliche Form zu verleihen und anderen mitzuteilen, zu abstrahieren und letztendlich auch Poesie und Literatur hervorzubringen, die die Eigenarten, Vielschichtigkeiten und Möglichkeiten zur Ambivalenz der menschlichen Sprache zur Vollendung brachte. Nichtsdestotrotz ist die Sprache auch eine unüberwindbare Barriere zwischen uns als Individuen und den Menschen um uns herum, denen wir gerne etwas mitteilen möchten. Allzu oft widerfährt es uns, dass wir die Emotionen, die beim Anblick einer geliebten Person in unserem Innern toben, nicht in Worte zu fassen vermögen und alles, was wir diesbezüglich über unsere zitternden Lippen bringen, nicht im Entferntesten an die Großartigkeit jener Gefühle in uns heranreicht und notwendigerweise Enttäuschung hervor ruft; allzu oft dringen die Sätze nicht so aus uns heraus, wie wir sie uns mühselig in unseren Gedanken zurechtgelegt haben, und wirken nur noch wie ein grauer und müder Abdruck ihrer selbst, da sie nicht mehr über jene ursprüngliche wilde Kraft und Intensität verfügen, die sie noch in den Tiefen unseres Kopfes besessen hatten; und allzu oft findet wir uns in erbitterten, ungewollten Streitgesprächen wieder, weil wir die eigentliche Aussage all unserer Gedanken und Gefühle zu einem bestimmten Thema nicht in eine sprachliche Form zu gießen wissen und so Missverständnisse zwischen uns und unseren Gesprächspartnern säen, aus der dann Isolation und Entfremdung vor den anderen Menschen sprießen. In der schmerzhaften Diskrepanz zwischen dem, was wir ursprünglich denken, und dem, was wir letztendlich sagen, offenbart sich die ganze Tragik der menschlichen Existenz – jeder ist für sich alleine, gefangen in seinem Körper und in seiner eigenen Gedankenwelt, und nicht einmal die Sprache vermag die hoch aufragende Mauer zwischen den einzelnen Subjekten niederzu reißen. Diese durch die Machtlosigkeit der Sprache, die Gedanken eines Menschen exakt wiederzugeben, ausgelöste Isolation des Individuums wurde insbesondere im Theater des Absurden ausgiebig erkundet – sei es in Eugène Ionescos Les chaises, La Leçon oder La cantatrice chauve, in der, durch skurrile und oftmals zu einem nachdenklichen Lachen anregende sinnlose Dialoge unsere alltäglichen Gespräche als eklatante Oberflächlichkeiten und leere Worthülsen, die unsere tiefsten Wünsche und Gedanken nicht einmal im Ansatz den Menschen um uns herum vermitteln können und somit zu unserer Entfremdung beitragen, entlarvt werden, oder in Samuel Becketts En attendant Godot, in der Sprache zum sinnentleerten Zeitvertrieb in einer feindseligen Welt degradiert wird.

Öffentliche Unordnung, das letzte Woche unter der Leitung von Katrin Kazubko und Jurij Diez auf der Studiobühne twm in München an mehreren Abenden aufgeführt wurde und auf dem Drama Désordre public der franko-kanadischen Dramatikern und Schauspielerin Evelyne de la Chenelière basiert, befasst sich nun auch mit diesem Thema, wenn auch in einer äußerst interessanten Variation. Es wirft nämlich die Frage auf, was passieren würde, wenn wir die scheinbar unüberwinderbare Mauer, die die Sprache um uns herum errichtet, kurzerhand durch Gedankenlesen zerschmettern könnten und somit einen direkten und ungefilterten Einblick in die tiefsten Gedanken, Hoffnungen und Wünsche unserer Mitmenschen erhalten würden – und die Antwort darauf ist gleichermaßen ungemein erheiternd, als auch unsagbar tragisch.

Max, der Protagonist des Theaterstücks (gespielt von Valentin Walch), ist ein egozentrischer und verkappter, erfolgloser Schauspieler, der eines Tages in einem bis zum Bersten gefüllten Bus – in dem die alltägliche, öffentliche Entfremdung zwischen den Menschen am Deutlichsten hervor tritt – feststellt, dass er die Gedanken der Menschen um ihn herum lesen kann. Wie ein plötzlich auftretender, aus Worten zahlloser Stimmen geformter tobender Sturm wälzt das Ereignis sein Leben komplett um – und lässt den bis dahin vorallem auf seine eigenen Wehwechen fixierten Egomanen im Laufe des eine Stunde dauernden Theaterstücks nicht nur die Sehnsüchte und Träume seiner Mitmenschen, sondern auch die Wunder als auch die Schrecken der steten Empathie entdecken.

Die eingangs erwähnte, einleitende Szene im Bus gibt dabei bereits die übergreifende Stimmung des gesamten Theaterstücks vor – eine stete Mischung aus existenzieller Tragik und feinsinniger Komik. Beide ergeben sich vorallem aus dem fehlenden Einklang zwischen dem Individuum und der ihn umgebenden Welt, und dieses Motiv wird im Laufe des Dramas immer wieder akzentuiert umgesetzt. Alleine schon das Bühnenbild in der Anfangsszene – zwei parallel verlaufende, in weitem Abstand zueinander befindliche Stuhlreihen an den Bühnenwänden, auf denen die Schauspieler Platz nehmen und die Busfahrtgemeinschaft simulieren – ist ein gelungen inszeniertes Echo der menschlichen Isolation. Der Bus wird zum Sinnbild für unsere moderne Gesellschaft, die sich aus, wie Noam Chomsky es ausdrücken würde, “atomisierten” Individuen zusammensetzt: wir verfügen zwar durch die technologischen Revolutionen der letzten Jahrzehnte über mehr Wege zur Kommunikation als jemals zuvor, aber gleichzeitig hat das zwischenmenschliche Interagieren enorm darunter gelitten. Wie im Theaterstück dargestellt, sitzen die Menschen zwar gemeinsam im Bus, geben sich dabei aber redlich Mühe, jegliche soziale Interaktion in Form von Gesprächen oder auch nur einem Lächeln zu vermeiden. Auch wenn dies, wenn es so dramatisiert dargestellt wird, befremdlich wirkt, so kann man sich auch in Rückbezug auf die Beschränktheit der menschlichen Sprache wiederum auch die unangenehme Frage stellen, ob es wirklich so beklagenswert ist, dass wir Gesprächen bewusst aus dem Weg gehen, wenn die Beschaffenheit der Sprache selbst uns schon daran hindert, unsere Gedanken überhaupt adequat wiedergeben und anderen verständlichen machen zu können.  Dies wird gleich im ersten Dialog, der sich in der Anfangsszene im Bus ereignet, ersichtlich. Max fährt erbost eine Frau in der gegenüberliegenden Sitzreihe an – noch unwissend, dass er gerade ihre Gedanken gehört hat -, sie solle gefälligst “leiser lesen”, was zu einem äußerst erheiternden Gespräch zwischen den beiden führt. Doch trotz der auflockernd belustigenden Sinnlosigkeit ihrer Unterhaltung verbleibt ein bitterer Nachgeschmack – ist sie doch bezeichnend dafür, wie wir, isoliert in unserer Gedankenwelt von den anderen Menschen, zu gereizten Eremiten werden, die durch die bereits erwähnte Beschränktheit der menschlichen Sprache nicht dazu fähig sind, miteinander zu kommunizieren und so zu Verständnis untereinander zu gelangen. Die Momente der Harmonie im Theaterstück treten erst auf, als Max sich in das Gedankenlesen stürzt – die direkten Gespräche zwischen den Menschen hingegen bleiben stets von Dissonanz gezeichnet und rutschen immer wieder in absurde Gespräche ab.

Als Max sich dann schließlich seiner Fähigkeit bewusst wird, taucht er ein in den oftmals verwirrenden und unergründlichen Ozean aus flirrenden Gedanken um ihn herum, der ihn schließlich am Höhepunkt des Stücks überwältigen und seine eigene Existenz in Frage stellen lassen wird. Mit präzisen, sorgfältig ausgearbeiteten Dialogen werden dabei die Sorgen und Nöten der Figuren, denen Max begegnet, und die ohne seine Fähigkeit zum Gedankenlesen wohl nur die anonymen Statisten vom Anfang des Stücks geblieben wären, vor den Zuschauern ausgebreitet. Max begegnet einer Frau (Gina Penzkofer), die über eine bevorstehende Verabredung reflektiert und sich in ihren Gedanken als einsam und nach Liebe und gelebten Erinnerungen sehnend offenbart; einem 8-jährigen, hochbegabten, frühreifen Jungen (Elisabeth Mascha), der mit einer Mischung aus kindlicher Naivität und teils schockierender Luzidität und Offenheit seine überprotektive Mutter und die Vorgänge um ihn herum reflektiert; einem jungen Mann (Marco Müller), dessen Freundin an ihrer eigenen Existenz zweifelt und der sie, in dem er ihr ihr Bild auf dem Fernseher zeigt, vom Gegenteil überzeugen möchte und letztlich doch daran scheitert; und einer jungen Frau (Anna Möhrle), das Ariane – Max’ Freundin und Fernsehstar, gespielt von Annette Arndt – nacheifert und innerlich in Selbstzweifeln versinkt. Die Charaktere aus Öffentliche Unordnung bestechen abseits von ihren persönlichen Problemen, die Max durch das Gedankenlesen miterlebt, durch eine geradezu liebenswürdige Skurrilität, die oftmals zum Lachen anregt, aber vor dem Hintergrund der existenziellen Nöte, die das Stück immer wieder in schwermütige Gewässer manövriert, auch eine überaus tragische Note erhält. Das bewahrt den Humor des Stücks aber auch gleichzeitig größenteils davor, ins allzu Klamaukhafte abzudriften – einzig und alleine die Szene, in der Max seine hippieske Mutter auf dem Lande besucht, die ein Autonomes Zentrum für Jugendliche, die gerne einen alternativen Lebensstil abseits der Gesellschaft führen wollen, eingerichtet hat, wirkte auf mich wie Klamauk um des Klamauk willen (auch wenn es durchaus Max’ Charakter weiter ausbaute, indem es dessen Beziehung zu seiner Mutter erkundete), insbesondere als die versammelten Bewohner des Anwesens ein Loblied auf den Hasen, den sie für das Abendessen schlachten wollten, anstimmten. Das ist aber alles andere als negativ einzuschätzen – durch die warme, an einen Sonnenuntergang erinnernde Beleuchtung und die vergleichsweise durchgehend lockere Stimmung sticht die Szene deutlich heraus, und fungiert gewissermaßen als Ruhepol.

Neben den bereits angesprochenen philosophischen Thematiken haben es mir auch die teils angenehm subtilen und amüsant verkleideten gesellschaftskritischen Töne des Stücks angetan. Ein Beispiel ist hierfür eine Szene, in der eine junge Frau sich zu Max in der U-Bahn gesellt und ihm vorschlägt, für die Dauer der Fahrt beste Freunde zu sein. Unter der schieren Absurdität ihres Vorschlages, die durch das sehr überzeugende Spiel von Ilka Bock umso mehr hervorgehoben wird und für einige sehr zwerchfellzerberstende Dialogzeilen sorgt, pulsiert dabei eine vehemente Kritik an der Oberflächlichkeit und Kurzlebigkeit moderner sozialer Relationen. In Zeiten von Facebook und anderen sozialen Netzwerken befindet man sich in ständigem Kontakt zu anderen, oftmals vergleichsweise fremden Menschen, mit denen man (vorausgesetzt man gibt nicht penibel Acht auf seine Privatsphäreeinstellungen) allerdings des Öfteren schreibt und alle möglichen Inhalte teilt. Die Grenzen zwischen den einzelnen Abstufungen sozialer Relationen verwischen dabei immer mehr unter der allgemeinen, gehetzten Oberflächlichkeit unserer Epoche, und die Szene zeigt überspitzt die Konsequenz in Bezug auf Freundschaften – die ja normalerweise eine Aufbauphase und darauf folgende sorgfältige Pflege brauchen – daraus.

Ein weiteres großes Lob möchte ich letztendlich auch an die Inszenierung und die schauspielerischen Leistungen richten. Öffentliche Unordnung ist vom Tempo und Rhythmus her nahezu makellos – das Stück geht zumeist überaus zügig voran, lässt sich aber auch zu gegebenen Momenten der Kadenz genügend Zeit und Freiraum, seine Charaktere auszuleuchten und ihnen die nötige Tiefe zu verleihen. Besonders hervorheben möchte ich dabei die hervorragenden und unglaublich flüssigen Übergänge zwischen den einzelnen Szenen, die mich teilweise an filmische Schnitte erinnert haben. Ein Beispiel hierfür ist beispielsweise das Ende eines Abschnitts des Stücks, in dem Max bereits die Position für die kommende Szene eingenommen hat und den dazu gehörigen Dialog beginnt, während sich in Echtzeit das Bühnenbild um ihn herum verändert und schließlich in genannte Szene mündet – das ist also quasi die theatralische Version eines filmischen Schnitts, bei dem bereits die Soundspur der nächsten Szene zu hören ist, ehe der Schnitt zu dieser springt. Der flüssige Ablauf der Übergänge ergibt sich aber auch aus dem sehr intelligent gestalteten Bühnenbild, bei dem vor allem ein – symbolisch gesehen sehr bedeutungsschwangerer – Spiegel und Stühle zum Einsatz kommen, und deren simple, aber geschickte Anordnung auf der einen Seite die Botschaft des Theaterstücks unterstreicht (beispielsweise wenn Ariane mit ihrem Stuhl von Max wegrückt und somit deren Entfremdung als Paar umso ersichtlicher macht), andererseits aber auch äußerst wirkungsvoll und eindrücklich die Schauplätze in den Köpfen der Zuschauer errichtet. Überaus überraschend, aber auch richtig gelungen war der Einsatz von Videoprojektionen. Die dabei gezeigte und mit viel Mühe gestaltete Parodie unsäglicher RTL-Daily Soaps ließ mich vor Lachen bersten; das darauffolgende Metagespräch zwischen Max und einem der Protagonisten der Serie, das die “fourth wall” innerhalb der Realität des Theaterstücks brach, war dann wiederum eine vorbildhafte Nutzung inszenatorischer Gestaltungsmittel und ein Musterbeispiel für die Vermengung von Theater und Film, wie ich es bislang noch nicht gesehen habe. Auch das auf einer Theaterbühne vergleichsweise schwierig darstellbare Gedankenlesen wurde raffiniert umgesetzt. Am Anfang der letzten Szene beispielsweise standen alle Figuren des Stücks über die Bühne verteilt und führten leise Gespräche mit sich selbst. Wann immer Max näher an eine von ihnen herantrat und ihren Gedanken lauschte, hoben die Schauspieler ihre Stimme – somit wurde die auditive Erfahrung von Max für die Zuschauer simuliert. Allgemein waren die schauspielerischen Leistungen der Darsteller – die sich größenteils aus Theaterwissenschaftlern, die das Theaterstück im Rahmen ihres szenischen Praktikums inszenierten, zusammensetzten – auf einem hohen Niveau, vermochten sie doch die Eigenarten ihrer Figuren passend umzusetzen.

Ein Kritikpunkt, den ich an Öffentliche Unordnung auszusetzen hätte, wäre die Kürze des Theaterstücks. Auch wenn die Themen und Charaktere ausreichend beleuchtet wurden, so zog alles doch irgendwie etwas zu schnell vorüber – was dann aber wiederum für die Qualität des Theaterstücks spricht. Desweiteren wurde, wie ich aus internen Kreisen erfuhr, die in dieser Rezension besprochene Inszenierung im Vergleich zum Original gekürzt – da ich dieses allerdings nicht kenne, kann ich auch nicht einschätzen, inwiefern sich die fehlenden Teile bemerkbar machen und möglicherweise zu Einbußen gegenüber der Vorlage führen.

Insgesamt also ist Öffentliche Unordnung ein mehr als gelungenes Theaterstück, und ich hoffe inständig, dass wir künftig noch mehr von den daran beteiligten jungen Theaterleuten, die ein überaus großes Potenzial bei der Inszenierung dieses über viele faszinierende existenzielle Fragen aufwerfenden Stücks zu Schau gestellt haben, zu sehen bekommen werden.

 

Ein Leben im nüchternen Rausch

Il faut être toujours ivre. Tout est là: c’est l’unique question. Pour ne pas sentir l’horrible fardeau du Temps qui brise vos épaules et vous penche vers la terre, il faut vous enivrer sans trêve.
Mais de quoi? De vin, de poésie, ou de vertu, à votre guise. Mais enivrez-vous.
Et si quelquefois, sur les marches d’un palais, sur l’herbe verte d’un fossé, dans la solitude morne de votre chambre, vous vous réveillez, l’ivresse déjà diminuée ou disparue, demandez au vent, à la vague, à l’étoile, à l’oiseau, à l’horloge, à tout ce qui fuit, à tout ce qui gémit, à tout ce qui roule, à tout ce qui chante, à tout ce qui parle, demandez quelle heure il est; et le vent, la vague, l’étoile, l’oiseau, l’horloge, vous répondront: “Il est l’heure de s’enivrer! Pour n’être pas les esclaves martyrisés du Temps, enivrez-vous; enivrez-vous sans cesse! De vin, de poésie ou de vertu, à votre guise.”
– Charles Baudelaire, Le Spleen de Paris (posthum, 1869)

Charles Baudelaire – in meinen Augen neben John Keats, Rimbaud und Goethe einer der größten Dichter, die jemals über die Erde gewandelt sind – krönt in diesem wie Labsal aus Worten über den Geist gleitenden “poème en prose”, das erst nach seinem Tode im Jahre 1867 veröffentlicht wurde, die Zeit zum großen Feind der Menschheit – sie ist jene boshafte Macht, die unserem Leben giftige Langweile einflößt, in seinen trübsten Momenten fade, zäh und langwierig werden lässt und es dann schließlich in die Abgründe des Nichts, in denen das unablässige Ticken der Uhrzähler verhallt, reißt. Wie wenig verwundert es da, dass wir Menschen, um die tragische Bedingtheit und Begrenztheit unserer Existenz zu vergessen, immer und immer wieder in die tröstenden Arme des Rausches flüchten. Baudelaire nahm den Begriff des Rausches dabei wortwörtlich, und versank in den Tiefen von Absinth von Opium. Und so tun es viele Menschen (wenn auch in weitaus weniger drastischen Ausmaßen als Baudelaire) – der Rausch ist unentbehrlich, um das Leben erst erträglich zu machen, und Drogen sind wahrscheinlich das am Weitesten verbreitete, effektivste und schnellste, wenn auch gefährlichste Mittel dazu.

Manche jedoch verzichten bewusst darauf, und suchen, wie Baudelaire bereits andeutet, den für uns Menschen notwendigen Rausch nicht in Drogen – so wie ich. Ich habe oftmals über meine Beweggründe dafür reflektiert – sei es, um meine Einstellung gegenüber Leuten, die mir Alkohol und andere Drogen aufdrängen wollten, zu verteidigen, oder es Leuten, die sich danach erkundigten, wieso ich mich davon fern halte, zu erklären -, und kam nun zum Schluss, sie letztendlich einmal zusammen zu tragen und darüber zu schreiben, vorallem, weil ich mein Dasein als Straight Edge auch gerne in Kontext mit meinen sonstigen philosophischen Überzeugungen und Einstellungen setzen möchte. Abstinent zu sein, bedeutet für mich nämlich weitaus mehr als nur persönlich bedingte Abneigung gegen den durch Drogen ausgelösten Rausch, sondern ist vornehmlich Ausdruck meiner Einstellung hinsichtlich der menschlichen Willensfreiheit und, in kleinerem Maße, den zahlreichen Willkürlichkeiten unserer Gesellschaft und allen anderen sozialen Systemen. Aus letzteren Gründen ergibt sich dann aber auch wiederum meine Befürwortung für die Entkriminalisierung und Legalisierung von Drogen – und das ist, wie ihr im nachfolgenden Text lesen werdet, weitaus weniger paradox, als es den Anschein hat.

Ich war mit meinen nunmehr 20 Jahren noch niemals in meinem Leben betrunken; habe noch niemals an einer Zigarette gezogen, noch einen Joint geraucht oder andere Drogen genommen. Die Entscheidung, gänzlich von jeglichen bewusstseinsverändernden Substanzen (auf Koffein im Hinblick auf einige Abwandlungen des Daseins als Straight edge komme ich später noch einmal zurück) abzulassen, traf ich vor meinem 16. Geburtstag. Ich hatte die Jahre zuvor gelegentlich an Sylvester an einem Champagnerglas genippt oder auch mal heimlich und – eher dem Reiz des Verbotenen als des Dranges betrunken zu werden wegen – ein paar Schlucke Bier auf dem Mittelalterfest in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, getrunken; desweiteren erinnere ich mich an zwei Abende in glorreich rebellischen Septièmes-Zeiten, bei denen ich ein-, zweimal an einer Wasserpfeife gezogen habe und mir beinahe die Lungen aus dem Leibe gehustet hätte. Als mein 16. Geburtstag dann heran nahte, dachte ich mir, dass ich anfangen könnte, regelmäßig mal ein Bier zu trinken – was ich dann auch eines Abends meinen Eltern mitteilte (die selbst gerne Rotwein trinken und mir somit immer den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol vermittelt haben). Diese fragten mich lapidar, warum ich denn gerade jetzt auf einmal, wegen dieser simplen Konvention, Alkohol trinken müsste – und ich wurde mir auf einmal schlagartig bewusst, dass ich noch nie den Drang dazu verspürt hatte, überhaupt Alkohol zu trinken, selbst nicht als Genussmittel; dass mein bis dahin vertretener Glaube, ab einem bestimmten Alter Alkohol trinken zu müssen, einzig und allein von der sozialen Akzeptanz und gesellschaftlichen Verbreitung ebendieses her rührte und ich selbst eigentlich niemals das genuine Bedürfnis verspürt hatte, Alkohol zu trinken. Es gehört insbesonders in der alkoholseligen luxemburgischen Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, zum guten Ton, Alkohol zu trinken; das berauschende Liquid ist dort ein Symbol für Geselligkeit, und in versammelter Runde nostalgisch in lückenhafte Erinnerungen an vergangene Saufeskapaden zu versinken ist gesellschaftlich anerkannt und belustigt. Doch dies ist nicht nur in Luxemburg, sondern an so gut wie allen Orte dieser Erde – auch und gar besonders an jenen, wo Alkohol verboten ist – derlei. Hier in München und in allen anderen bayrischen Breitengraden gilt Bier – den Klischees, die in vielen Köpfen umher schwirren, wunderbar entsprechend -, als Kulturgut – aber es ist ein Kulturgut, das mich ähnlich wenig reizt wie Musicals (oder vielmehr deren Schwester im Geiste, die Oper – die Fans von “Cats”, “Lion King” und “Parcifal” mögen jetzt empört meinen E-Mail-Posteingang mit YouTube-Videos von Musical-Auftritten bombardieren, aber ich kann mich einfach nicht dazu hinreißen, Begeisterung für diese Kunstform zu empfinden – auch wenn ich große Achtung für die darin zur Darstellung gebrachten künstlerischen Leistungen und das robuste Sitzfleisch der Zuhörern von sechsstündigen Wagner-Opern bei den Bayreuther Festspielen empfinde). Ich brauche einfach keinen Alkohol – auch nicht als Genussmittel. Soziale Integranz und Akzeptanz (wobei meine Freunde durchgängig meine Abstinenz als Teil und Charaktereigenschaft von mir sehen und respektieren, wofür ich ihnen immer wieder unschätzbar dankbar bin) aufgrund eines etwaigen Alkoholkonsums ziehe ich schon a priori nicht in Betracht, da ich noch nie besonders großen Wert darauf gelegt habe, der gesellschaftlichen Norm auch nur in irgendeiner Weise zu entsprechen – meine Individualität und Essenz sind mir zu wichtig, als dass ich sie irgendwelchen flüchtigen sozialen Systemen unterordnen würden wolle. Auch die Tatsache, dass mir durch meine Entscheidung, abstinent zu leben, die ganze vielfältige Bandbreite an alkoholischen Genüssen in Form von verschiedenen erlesenen Weinen oder Biersorten verwehrt bleibt, stört mich reichlich wenig – ich habe einfach nicht das Gefühl, dass mir irgendetwas fehlt. Deswegen musste ich auch seit jeher vergleichsweise wenig Willensstärke aufwenden, um meine Selbstdisziplin zu bewahren – nur in manchen Momenten hat es mich schon arg gestört, wenn Leute mir Alkohol aufdrängen wollten und selbst nach mehrmaligem Ablehnen meinerseits nicht nachgaben.

Einige Leute (in fast allen Fällen Unbekannte) reagieren nämlich mit Unverständnis auf meine Abstinenz und versuchen mich eben zum Trinken zu motivieren; andere Leute bringen mir dann wiederum Achtung entgegen; und dann gibt es noch jene, äußerst sympathische, gehässig agierende Menschen, die mir auf die Schulter klopfen und behaupten, ich würde noch zum Alkohol finden; spätestens, wenn ich die Universität nicht mehr ertragen würde; spätestens, wenn irgendein Ereignis mich aus der Bahn schleudern würde und der Taumel in den durch Drogen ausgelösten Rausch förmlich unabwendbar werden würde – zumindest können sie es sich nicht anders vorstellen. Oftmals werfen die gleichen Leute mir dann auch vor, ich wäre wahrscheinlich ein sich jeglichen Genüssen verweigernder, freudloser und missmutiger Mensch, der sich nicht gehen lassen könnte. Spätestens dann schenke ich ihnen ein müdes Lächeln – ich finde es bedauernswert, wenn jemand meint, Drogen wären die einzige Möglichkeit, sich fallen und treiben zu lassen. Ich stimme gerne zu, dass es der wahrscheinlich effizienteste Weg ist, sich selbst, die Welt um einen herum und all die in ihr herum schwirrenden Sorgen, zumindest für einige Stunden, zu einer nurmehr trüben Ahnung werden zu lassen – aber es gibt, wenn man sich nur einmal umschaut, genügend andere Wege dazu.

Mein bewusster Verzicht auf Drogen ist nämlich nicht mit einem Verzicht auf Kontrollverlust gleich zu setzen – ich verliere allzu gerne gelegentlich, selbst wenn ich das in diesem Moment nicht immer sofort zugeben möchte, die Kontrolle über Dinge, so wie jeder andere Mensch auch. Aber mir ist wichtig, dass ich im Entscheidungsmoment des Kontrollverlust letztendlich vollkommen autonom bleibe. Das hängt eng mit der wichtigen Stellung zusammen, die meine eigene Willensfreiheit in meinem Leben einnimmt. Ich möchte nämlich schon seit jeher um keinen Preis fremdbestimmt werden – weder durch andere Menschen, noch durch irgendeine Substanz, die meine Willens- und Handlungsfreiheit einschränkt und mich nicht mehr mich selbst sein lässt. Mein Freiheitsverständnis (das auf Jean-Paul Sartres Begriff der Freiheit in seinem Hauptwerke “L’être et le néant” fußt) und das daraus resultierende Bewusstsein meiner absoluten Freiheit (falls irgendeiner meiner werten Leser ein fieser Determinist ist und die menschliche Willensfreiheit als ungefähr genau so real wie Einhörner oder intelligentes Leben in der luxemburgischen Regierung erachtet, der möge mich gerne für ein erbittertes philosophisches Streitgespräch anschreiben) sind die wichtigsten Güter in meinem Leben – immerhin garantieren sie mir, dass ich jeden meiner Schritte selbst planen, mein Leben selbst vollkommen frei nach meinen eigenen Vorstellungen gestalten und meine Essenz selbst bestimmen kann. Trotzdem lasse ich Situationen – auch wenn ich dies in dem Moment weder mir noch anderen zwingend zugebe –  liebend gerne ausarten, denn auch das ist Ausdruck meiner Freiheit. Ich genieße insgeheim solche abstrusen Augenblicke, wenn ich mich in Diskussionen hinein stürze und merke, wie ich mich immer mehr auf einen Eklat zu bewege; wenn ich gerade mit Freunden auf dem Weg zu einem Nachtclub bin und trotz in mir aufkeimender Bedenken entschließe, in Eiseskälte rutschige Steintreppen, bei denen jeder Schritt zum Sturz führen könnte, zu erklimmen; wenn ich trotz lauthals in mir aufkreischender Sorgen im Affekt eine unreflektierte Nachricht abschicke, die eine fatale Kette von Ereignissen auslösen könnte; und wenn ich schließlich während einer Geburtstagsparty die zig Klopapierrollen aus der Toilette entwende und damit die Halle, in der die Fete stattfindet, verschönere, selbst wenn jede einzelne Faser in mir im Takte eines Liedes pulsiert, das besingt, dass ich genau dies nicht tun sollte. Da der Kontrollverlust bei immer unter nüchternen Umständen geschieht, bin ich mir auch sicher, dass keine Fremdeinwirkung mich zu solchen Handlungen bewegt. Ich gebe mein Los in solchen Momenten gerne mal in die Hände des Zufalls – aber es war meine freie Entscheidung, und nicht eine durch Alkohol oder sonstige Drogen beeinflusste, und somit kann ich dafür auch immer zur Verantwortung gezogen werden. Dies sehe ich letztendlich als notwendige Bedingung dafür, dass ich mich Mensch frei fühlen beziehungsweise die Existenz meiner Freiheit überhaupt  erst annehmen kann.

Aus dem eingangs Beschriebenen ergibt sich dann eine weitere logische Konsequenz, die der Ansicht all jener Leute, die mich zum Trinken bewegen wollen, widerspricht: ich brauche keinen Alkohol, um Spaß bei jenen Anlässen zu empfinden, während denen er am Meisten konsumiert wird – namentlich Partys, Betriebsfeiern, Galas, Altersheimfeste, Junggesellenabschiede und schlaflose Nächte in Clubs. Ich bin leidenschaftlicher Clubgänger; zu Gymnasiumszeiten ging ich mindestens ein- oder zweimal pro Woche – zumeist am Wochenende – zünftig feiern und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz mit wildem Tanz und abgedrehten Aktionen zelebrieren, und auch jetzt, auf der Universität, tue ich dies in ähnlich regelmäßigen Abständen. Mir fällt dabei zwar auch auf, dass insbesondere Alkohol durchaus die Empfängnisbereitschaft für Spaß erhöhen und auch die Atmosphäre auflockern kann – aber gleichzeitig keimt in mir auch gelegentlich die Frage auf, warum man sich dazu zwingen sollte, Spaß zu empfinden, wenn alle anderen Launen und Sorgen mit ihren tiefen und durchdringenden Stimmen die Bereitschaft für diesen im Seelenchor übertönen. Wenn ich beim Rausgehen wohlgelaunt bin, so schlägt sich das auch normalerweise in meiner nach außen zur Schau gestellten Stimmung nieder – wenn ich hingegen von Sorgen umwölkt bin, verstecke ich das auch instinktiv gerne, um den anderen nicht die Laune zu verderben, aber letztendlich blicken die meisten meiner engeren Freunde sowieso immer hinter meine brüchige Fassade, die meinen fehlenden schauspielerischen Leistungen und meinem mangelhaften Talent dafür, meine Gefühle geschickt vor anderen Menschen zu verbergen, geschuldet sind. Würde ich trinken, würde sich meine Laune wahrscheinlich auch weiter in die Richtung jener Fassung, in der sie sich gerade befindet, bewegen – ein weiterer Grund für mich, darauf zu verzichten. Wenn ich keinen Spaß beim Rausgehen empfinde, dann liegt es nicht daran, dass ich nicht trinke, sondern einfach weil ich mich nicht in der körperlichen oder emotionalen Verfassung dazu befinde oder weil der Abend selbst einfach ungeheuerlich mau ist – und über beide Hindernisse hilft kein Alkohol hinweg, denn die Verfassung würde es wie eingangs erwähnt nur noch weiter verschlimmern oder nur über diese hinweg täuschen (wenn man nicht in der Verfassung ist, rauszugehen, ist man meiner Ansicht nach auch nicht in der Verfassung zu trinken, weil es dann nur Trinken um des Vergessens irgendeines nagenden Gefühls oder Ereignisses willens ist, und das würde ich für mich persönlich als Realitätsflucht empfinden, da ich mich selbst schon so nicht oft genug meinen eigenen Problemen stelle), und ein Abend, der schon per se nicht besonders erquicklich ist, lässt sich auch durch Alkohol und Drogen nicht mehr retten, sondern nimmt höchstens nur noch mehr das Format einer dekadenten Misere an – nur des reinen Hedonismus willen möchte ich mich dann auch wieder nicht berauschen. Hierbei möchte ich allerdings einwenden, dass ein Abend, der bereits die Voraussetzungen dafür mitbringt, überaus gelungen zu werden, durch Alkohol und dergleichen noch mehr in diese Richtung empor gehievt werden kann – allerdings brauche ich selbst keine Rauschmittel dafür, um dann in dessen farbenprächtigen und wirbelnden Sog aus Musik und flirrenden Lichtern einzutauchen, denn meine Stimmung passt sich auch der Laune der anderen an, und wird dementsprechend auch immer ausschweifender, sodass ich ab einem bestimmten Punkte und mich in der Gesellschaft von Betrunkenen wähnend, selbst anfange jegliche Vorsicht und jegliches Maß zu vergessen. Ich bin der Ansicht, dass jeder Mensch nüchtern genau soviel Freude im Beisammensein und Feiern mit Freunden erfahren kann – es ist nur von der Einstellung, Stimmung und der Bereitschaft, sich auch bei vollem Bewusstsein fallen zu lassen – was aber wiederum, wie ich einwenden muss, von der eigenen Persönlichkeit und daraus resultierenden, von Person zu Person unterschiedlichen Bereitschaft dafür beeinflusst wird -, abhängig.

Um noch auf einmal auf den Straight edge-Begriff zurück zu kommen: ich bezeichne mich explizit als Straight edge, weil ich liebend gerne Hardcore – und insbesondere Bands, bei denen zumindest einige der Mitglieder straight edge sind – höre, dieser Begriff (der dazu anstatt ellenlanger Erklärungen kurz und bündig vermittelt, dass ich keine Drogen nehme) beziehungsweise die ihm angehörige Szene meinem Lebensstil am Besten entsprechen und ich mich somit mit diesen identifizieren kann. Hierbei muss ich allerdings anmerken, dass es innerhalb der Straight edge-Bewegung verschiedene Strömungen gibt, die sich auch Koffein und Sex mit wechselnden Partnern entsagen oder anderwertig ziemlich fragwürdig sind. Für das Thema der sexuellen Enthaltsamkeit ist mein öffentlich einsehbarer Blog ein denkbar ungeeigneter Ort – immerhin ist meine leidenschaftliche Anziehung zu Kakteen und anderem Zimmergewächs nicht besonders gesellschaftsfähig -, aber zur Abstinenz in Sachen Koffein möchte ich dennoch etwas äußern. Zuerst einmal ist es selbst in der Straight edge-Szene heftig umstritten, ob Koffein jetzt als Droge gezählt werden soll, oder nicht – ich persönlich bin jedenfalls der Auffassung, dass es keine ist. In meinen Augen sind Drogen etwas, die den Bewusstseinszustand verzerren – Koffein verändert ihn zwar auch, aber nur insofern, dass es als Wachmacher wirkt. Das gilt nun, mag man einwenden, auch für Ecstasy und die liebreizende Emma – wie sonst sollten Raver mehrere Nächte hinter einander in furiose Tänze verfallen -, jedoch verleitet Koffein mich nicht zu irrationalen Entscheidungen oder lässt mich die Kontrolle über mich selbst verlieren, ohne dass ich dem etwas entgegen setzen könnte. Dazu lässt es mich vorallem in keinen Rausch verfallen.
Manche Leser mögen mir zwar jetzt vorwerfen, dass dies letztendlich alles eine reine, subjektiv bedingte Begriffsdreherei sei, insbesondere im Bezug darauf, wie man einen “Rausch” definiert, und dass Koffein auch den eigenen Bewusstseinszustand verändert, in dem es die Wachsamkeit erhöht – aber letztendlich sehe ich meine eigene Willensfreiheit nicht durch eine Tasse Kaffee oder einen nächtlichen Energydrink gefährdet.
Als jemand, der überhaupt keine Drogen nimmt, erscheint es mir desweiteren auch umso willkürlicher, dass gerade Alkohol, im Gegensatz zu anderen Drogen, legal ist. Wie ich bereits am Anfang des vorliegenden Textes erwähnte, ist Alkohol tief in der Gesellschaft verankert und als Genussmittel anerkannt – aus welchen Gründen auch immer. Man muss sich einmal die Lächerlichkeit der Argumentationen in Bezug auf die hiesige Drogenpolitik vor Augen führen: Alkohol trinken ist erlaubt, weil Alkohol seit jeher in den westlichen Gesellschaften legal ist (sehen wir einmal von der Epoche der Prohibition in den USA ab), und Marihuana rauchen nicht, weil nun einmal von irgendwelchen paternalistischen Politikern, die in all ihrer gütigen Weisheit wissen, wie ihre Untertanen ihre Leben am Besten zu führen haben, bestimmt wurde, dass das illegal ist – trotz der Tatsache, dass übermäßiger Alkoholkonsum horrende Schäden materieller und psychologischer Natur verursacht und jedes Jahr unzählige Menschen an den Folgen ihrer Alkoholsucht sterben, mehr als bei allen anderen Drogen zusammen. Wie aus dem, was ich bis zu diesem Punkte geschrieben habe, wahrscheinlich klar wurde, bin ich beileibe kein besonders großer Freund von Drogen und befürworte weder das Rauchen von Marihuana, Crack, Meth noch das Trinken von Alkohol besonders – aber ich bin letztendlich der Ansicht, dass jeder Mensch selbst entscheiden sollte, was gut für ihn ist und was nicht. Der Staat wirkt zwar zumeist wie ein monströser und zumeist schädlicher, bürokratischer, um es in Hobbes Worten auszudrücken, Leviathan, aber – und das sollte man sich immer wieder in Erinnerung rufen -: er konstituiert sich letztendlich doch aus Menschen. Woher nehmen diese sich nun also das Recht zu bestimmen, was andere Menschen mit ihrem Körper anstellen dürfen und was nicht? Hier ziehe ich auch wieder meine Überzeugung von der Willensfreiheit des Menschen mit ein: der Mensch genießt eine absolute, uneingeschränkte Freiheit, den Lauf seines Lebens zu bestimmen – also sollte er auch frei, ohne dass irgendeine illegitime autoritäre Instanz ihn daran hindert, entscheiden dürfen, welchen Genüssen (und dazu gehören nun einmal auch Drogen) er frönt. Desweiteren haben sich die aktuelle Drogenpolitik in vielen Ländern, die selbst “weiche” Drogen kriminalisiert, und insbesondere der “war on drugs” in den USA bereits zur Genüge als ineffektive Maßnahmen gegen Drogenkriminalität und irrationaler Umgang mit Drogenkonsum heraus kristalliert.

Um abschließend wieder Baudelaires Aufforderung, im Leben nach dem steten Rausch zu streben, aufzugreifen: ich suche den Rausch, der uns daran hindern soll an der zeitlichen Bedingtheit der menschlichen Existenz zu verzweifeln, einzig und allein in der Nüchternheit, indem ich versuche, mein Leben zu gegebenen Zeitpunkten selbst in einen Rausch zu verwandeln und es in vollen, erhöhten Zügen zu genießen. Auch wenn meine Geduld an manchen Abenden als einziger verbliebener Nüchterner schon, zugegebenermaßen, arg strapaziert wurde, so habe ich auch genügend Anlässe erlebt, in denen ich große Freude erlebt und mich nüchtern umso mehr daran laben konnte. Ich sehe Baudelaires “Enivrez-vous!” daher auch eher als in eine poetische Form gegossene Aufforderung – fern jeglicher hedonistischer Absichten – sich an allen Aspekten des Leben selbst zu berauschen und bis zum äußersten Gipfel jeden einzelnen Moment davon ausgiebig zu kosten und zu einem ewigen Jetzt auszudehnen, wann immer die Möglichkeit dazu besteht. Deswegen lasse ich auch ohne Drogen keine Chance ungenutzt, mein Leben in einen Rausch zu steigern, der es aus den Fängen des simplen und freudlosen Vor-sich-hin-Existieren löst – und den besten Rausch in der Hinsicht liefern mir letztendlich noch immer die Musik und das Schreiben.

Das Bild, das diesen Artikel begleitet, zeigt übrigens Jacob Bannon – seines Zeichens auch Vegetarier, Straight edge und dazu Sänger einer meiner Lieblingsbands, Converge – bei einem jener Dinge, das mir einen der größtmöglichen Rauschzustände verschafft: dem Auftreten mit meiner Band und dem Versinken in der Musik.

“Epilogue” – Neues vom Weltuntergang Teil 1

Im grau umwölkten September 2013, während den letzten Wochen meiner langsam ausklingenden Sommerferien, begann ich mit den Dreharbeiten zu meinem kommenden Kurzfilm Epilogue, den ich im Juni 2014 auf YouTube und Vimeo veröffentlichen werde. Dieser spielt nach dem Weltuntergang und soll die filmische Antwort auf eine Frage liefern, die mich schon seit Längerem beschäftigt und mich schließlich, nebst meiner Leidenschaft für das in Literatur, Videospielen und eben auch in der siebenten Kunst weit verbreitete Genre der Postapokalypse zum Drehen dieses Films bewegte: was geht im Innern des letzten auf Erden wandelnden Menschens vor?

Anfang April habe ich nach längerer Pause endlich den Dreh der finalen Szenen mit Gavin abgeschlossen – im nachfolgenden ersten Teil meines Textes Neues vom Weltuntergang, in der ich euch Näheres zur Entstehungsgeschichte von Epilogue erzählen möchte, werde ich mich nun den Drehorten, die die im Film dargestellte postapokalyptische Welt glaubwürdig rüberbringen sollen, widmen.

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Adam (gespielt von Gavin Lesh), der durch unsere verlassene Welt wandernde und schreibende Protagonist in “Epilogue”

Auch wenn Luxemburg an vielen Stellen dank seines ausufernden materiellen Wohlstands geradezu einem Prospekt für glatt polierte Neu- und wohl gepflegte Altbauten entsprungen zu sein scheint, haben mich die Dreharbeiten zu meinem neuen Kurzfilm an Orte geführt, die diesem Bild in all ihrem wilden und doch verwunschenen Verfall widersprechen. Im Zuge der Dreharbeiten zu meinem Film wurde ich – teils durch Zufall, teils durch Tipps – zu einem alten, seit Jahren verlassenen und dem Zerfall überlassenen Hotel, abgesperrten und verwilderten Industriegebieten – derer sich die grünen Klauen der Natur längst wieder bemächtigt hatten – und im Sonnenlicht träumenden Ruinen von alten Bauernhäusern geführt. All diese Orte eigneten sich aufgrund ihres heruntergekommenen und unter den Zahnrädern der Zeit zermahlenen Äußeren hervorragend als Schauplätze für meinen in der Post-Apokalypse angesiedelten Streifen.

Als ich das Drehbuch zu Epilogue verfasste, tauchten bei der Beschreibung der Orte ständig Bilder von verlassenen Ruinen vor meinem inneren Auge auf – Adam, der Protagonist des Filmes (gespielt von meinem werten Freund Gavin Lesh, der bereits nebst meiner Schwester Marie die Hauptrolle in meinem Musikvideo für die US-amerikanische Sludge-Band Snail verkörperte), sollte schon seit einiger Zeit die postapokalyptische Erde durchstreifen, und deswegen sollten auch die Schauplätze alleine schon durch ihr zerfallenes Äußeres als Symbol für das Verschwinden der Menschen dienen, indem sie die Folgen ebendieses in all ihrer vergehenden und sonderbaren Schönheit verdeutlichen. Desweiteren wird an solchen Orten die Gleichgültigkeit der Natur gegenüber des Menschen ersichtlich: das Aussterben der Menschheit hat letztendlich reichlich wenig Gewicht im Angesicht der Geschehnisse im schweigenden und unbarmherzigen Universum – dieses existiert auch ohne Menschen unbekümmert weiter. Durch Adam wird die Erde dabei zum letzten Mal durch die Augen eines Menschen beobachtet; durch seine Vernunft – durch die der Menschen letztlich zum einzigen Lebewesen wird, das sich seiner eigenen Vergänglichkeit in all ihrer unausweichlichen Endgültigkeit bewusst ist – wird sie noch einmal erhellt, ehe sie für immer in Dunkelheit versinkt. Außerdem sollten die Häuser(ruinen), die Adam aufsucht, noch eine weitere Rolle für ihn spielen, und zwar als Denkmäler des längst untergegangenen Konzepts der “Zivilisation”, die für Adam selbst noch in diesen Zeiten Zuflucht, Komfort und Wärme verheißt.

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Hier ist nun der erste Schauplatz, über den ich mehr erzählen möchte – dabei handelt es sich um ein offenbar seit vielen Jahren verlassenes Hotel, das mitten in Esch-Sûre im Norden von Luxemburg, in der Gegend des Stausees, steht. Der kleine, in einem bewaldeten, durch die namensgebende Sûre geformte Tal gelegene Ort, über dem eine gut erhaltene Burg thront, ist ein beliebtes Ziel für Touristen; umso verwunderter war ich, als ich mit meiner Ex-Freundin diesen vergleichsweise großen Komplex, der zentral gelegen ist und inmitten von ansonsten vorbildlich erhaltenen Altbauten und engen, gepflasterten und den Hügel hinaufschlängelnden Straßen dem Verfall überlassen wurde, vor einigen Jahren entdeckte und uns auch durch Zufall auffiel, dass eine der Zugangstüren geöffnet war. An manchen Stellen im Hotel erschien es gar, als ob es in aller Eile verlassen worden wäre – im Eingangsbereich lagen beispielsweise noch Bibeln für die einzelnen Zimmer in Kartons rum. Je mehr die Nacht mit dunklen Wogen durch die Fenster quoll, desto unheimlicher wurde auch die Stimmung während des Drehs – die endlosen und verwinkelten Gänge lockten uns immer wieder in die Irre, und dazu wirkten manche Stellen im Boden in den oberen Stockwerken einbruchgefährdet.

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Die beiden obigen Aufnahmen sind bei einem verlassenen Bauernhauses mitsamt kollabierter Scheune entstanden, das auf dem Weg von meinem Dorf nach Luxemburg-Stadt, den ich zu Gymnasiumszeiten täglich befuhr und den an sich doch sehr ungewöhnlichen Anblick somit Teil meines Alltags werden ließ, befindet. Trotzdem sollte ich dieses verwunschen wirkende Anwesen, das wie natürlich die Kulissen der in meinen Erinnerungen konstruierten Wege zwischen verschiedenen Orten formte, erst vor einigen Tagen das erste Mal anlässlich des Drehs zu Epilogue auch tatsächlich betreten – dabei erhielt die sonst immer nur aus einer gewissen Distanz erspähte Hintergrundkulisse, deren objektiver Realität ich mir (wie bei allen niemals von mir betretenen Hintergrundkulissen meines alltäglichen Lebens) nie so sicher gewesen war, erstmals eine gewisse Plastizität und etwas unheimlich Reales. Weder Gavin noch ich wissen genau was an diesem Ort – der am Ende eines dicht bewachsenen Hangs, etwas abseits der viel befahrenen Straße innerhalb des kleinen Dorfes liegt – passiert ist; besonders aufgefallen ist uns dabei der unter der Wucht des Einbruchs verbogene, abgesunkene hölzerne Boden der Scheune. Weiter vorgewagt als bis in den Eingangsbereich des Hauses haben wir uns nicht, da die hölzernen Treppen im Innern arg brüchig wirkten. In der Gegend dieser Ruine, etwas weiter weg in den umliegenden Feldern, befindet sich übrigens noch ein weiteres Bauernhaus, bei dem allerdings schon das Dach und auch teilweise das obere Stockwerk eingebrochen sind. Auch hier weiß niemand so genau, was vorgefallen ist – doch genau dies nährt dann auch umso mehr die eigene Imagination.

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Am letzten Tage verschlug es Gavin und mich dann in den Süden von Luxemburg, in die Randgebiete der zweitgrößten Stadt und das zweite “Esch” des Landes neben Esch-Sûre – Esch-Alzette. Als einstiges Zentrum der Schwermetall- und Bergbauindustrie verfügen die Randgebiete des Ortes – insbesondere die “Terres Rouges” und Umgebung – über zahlreiche zerfallene, längst wieder von wilden Pflanzen eroberte und mit Graffiti übersäte Anlagen, Hütten und Fabriken, in denen von Rost zerfressene Maschinen zur Förderung und Verarbeitung der in diesen Gefilden verbreiteten Rohstoffe ihre letzte Ruhe finden. Anlässlich meines Besuches eines von der CNA veranstalteten Workshops über die Arbeit des Location Managers und Regieassistenten hatte der für den Kurs zuständige Location Manager mir, nachdem ich ihm erzählt hatte, dass ich an einem postapokalyptischen Film arbeiten würde, einige Schauplätze im Süden Luxemburgs verraten, die sich hervorragend zur Porträtierung einer postapokalyptischen Welt eignen würden. Einen davon seht ihr nun auf den obigen Fotos –  Gavin und ich waren ganz ungemein fasziniert von diesem an Frankreich angrenzenden Ort, den wir durch ein großzügiges Loch im ihn umgebenden Sicherheitszaun betreten hatten. Im Film dient er als Schauplatz für die letzten Szenen, in dem Adam immer mehr in den durch sein Dasein als letzter Mensch ausgelösten Wahnsinn hinein schlittert und schließlich seinem größten Feind in der verlassenen Wildnis gegenübertritt – sich selbst.

Nachdem ich also mit Gavin nun den Großteil des Films bereits abgedreht habe, werde ich Anfang Mai noch einige Szenen alleine in Luxemburg aufnehmen, ehe ich dann hinter dem Schnittpult Platz nehmen und dem Film sein finales Korsett schneidern werde. Zum Abschluss des ersten Teiles von Neues vom Weltuntergang möchte ich euch dann an dieser Stelle noch einige Szenen aus dem Film präsentieren, die es auch höchstwahrscheinlich in die finale Version schaffen werden.

Der nächste Teil von Neues vom Weltuntergang wird dann in einigen Wochen folgen – nachdem ich im vorliegenden Text vorallem die Drehorte berücksichtigt habe, werde ich mich im zweiten Teil mit den Dreharbeiten selbst befassen und rekonstruieren, wie die postapokalyptische Welt und Adams Weg in “Epilogue” Gestalt annahmen.

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London 2014

Vom 19. bis 26.März dieses Jahres war ich bei einem meiner besten Freunde, Gavin, der momentan Schauspiel in London studiert, zu Besuch. Es war bereits das vierte Mal, dass ich dorthin reiste, und jedes dieser Male enthüllte die Hauptstadt Großbritanniens neue faszinierende Facetten – an dieser Stelle möchte ich nun einige Impressionen von meinem letzten Aufenthalt dort mit euch teilen.

 

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