Monthly Archives: May 2014

Mehr Solidarität wagen!

“Solidarity does not assume that our struggles are the same struggles, or that our pain is the same pain, or that our hope is for the same future. Solidarity involves commitment, and work, as well as the recognition that even if we do not have the same feelings, or the same lives, or the same bodies, we do live on common ground.” – Sara Ahmed, 2004, The Cultural Politics of Emotion, p. 189.

Am 25. April 2014 strömten über 17,000 Schüler_innen und Student_innen auf die Straßen Luxemburg, um gegen den geplanten “projet de loi 6670” der luxemburgischen Regierung, der massive Einkürzungen bei den Studiengeldern vorsieht, zu streiken, und ließen die Platz Clairefontaine in der Nähe des luxemburgischen Parlaments aus allen Nähten platzen. Dies zeigt nicht nur äußerst eindrücklich, dass unsere Generation mit allen Mitteln dafür bereit ist, für ihre Zukunft einzustehen, sondern auch, welche beeindruckende Wirkung Solidarität zu entfalten vermag. Genau deren Dynamik anlässlich des Streiks könnte, wie ich im nachfolgenden Text erläutern möchte, wegweisend für eine bedeutsame gesellschaftliche und politische Veränderung hin zu mehr Verständnis und Zusammenhalt innerhalb der luxemburgischen, aber auch aller anderen europäischen Gesellschaften sein – denn das werden wir angesichts der geplanten Reformen im Rahmen der von der luxemburgischen und vielen weiteren europäischen Regierungen angestrebten Austeritätspolitik in der kommenden Zeit umso mehr benötigen.

Die Solidarität, die sich im Windschatten des Streiks innerhalb der luxemburgischen Bevölkerung ansammelte, zeigt sich in vielen verschiedenen Ausprägungen. Zuerst einmal setzt sich das “Aktionscomité 6670”, das den Streik und die gesamte Mobilisierung gegen die geplante Reform organisiert hat, aus Jugendlichen zusammen, die sich quer über ihre unterschiedlichen sozialen Hintergründen und politischen Einstellungen hinweg  für ein gemeinsames Ziel zusammengeschlossen haben – Jungsozialisten, Grüne, Linke, Vertreter_innen von Schüler_innen- und Student_innenorganisationen, aber auch Auszubildende, Absolventen und Schüler_innen und Student_innen, die keiner bestimmten Organisation angehören und auch nicht politisch weiter aktiv sind. Das Bündnis, das sich ihrerseits den Gesetzreformen entgegenstellt und das “Aktionscomité 6670” unterstützt, schafft dann einen noch breiteren gesellschaftlichen Rahmen der Solidarität – hier stehen beispielsweise die beiden größten Gewerkschaften Luxemburgs, OGBL und LCGB, repräsentativ für die Solidarisierung der Arbeitnehmer mit den Bestrebungen der Schüler_innen und Student_innen. Im Vorfeld des Streikes kam es zu einigen Anfeindungen seitens der Bevölkerung und überraschend vieler Studenten, auf die ich nachher noch im Kontext des Mangels an Solidarität als Argument für ebendiese eingehen werde – die Anfeindungen selbst würden zur ausführlichen Ausarbeitung wiederum einen eigenen Textes beanspruchen, weswegen ich an dieser Stelle auf die in in Kürze erscheinende Bekanntmachung des Aktionscomités verweise, der sich detailliert und differenziert mit genau dieser Thematik befassen wird. Die üblichen Anschuldigungen waren, dass das Aktionscomité anscheinend keine Ahnung hätte und wir nur für “Luxusprobleme” überhaupt erst einen Streik in Betracht ziehen würden. Nach dem Streik hat sich die Stimmung dann aber größenteils zu Gunsten der Protestbewegung umgeschlagen, was sich insbesondere auch in der umfassenden Berichterstattung manifestierte  – viele Journalisten waren den Bestrebungen der Schüler_innen und Student_innen wohlgesonnen, was für eine weitere Ebene des gegenseitigen Verständnisses sorgte (eine Auswahl der Artikel über den Streik findet ihr hier).

Und genau an diesem Punkt, bei sich die Solidarisierung nicht mehr nur auf Schüler_innen und Student_innen beschränkt, sondern sich quer durch alle gesellschaftlichen Klassen fortsetzt, wird ersichtlich, dass die durch den Streik ausgelöste demokratische Aufbruchsstimmung noch weitaus mehr bewirken kann.

Solidarität ist als eine der höchsten Formen der Empathie ein urmenschliches Gefühl – und begleitet uns schon seit Anfang unserer Geschichte, wie Peter Kropotkin – dessen philosophische, wirtschaftliche, soziologische, aber auch biologische Theorien wichtige Wegbereiter des Anarcho-Syndikalismus und Anarcho-Kommunismus darstellen – in seinem bereits 1902 erschienenen, im zeitgeschichtlichen Kontext aber nach wie vor sehr aktuellen Werk Mutual Aid: A Factor of Evolution feststellte:

“The number and importance of mutual-aid institutions which were developed by the creative genius of the savage and half-savage masses, during the earliest clan-period of mankind and still more during the next village-community period, and the immense influence which these early institutions have exercised upon the subsequent development of mankind, down to the present times, induced me to extend my researches to the later, historical periods as well; especially, to study that most interesting period – the free medieval city republics, whose universality and influence upon our modern civilization have not yet been duly appreciated. And finally, I have tried to indicate in brief the immense importance which the mutual-support instincts, inherited by mankind from its extremely long evolution, play even now in our modern society, which is supposed to rest upon the principle “every one for himself, and the State for all,” but which it never has succeeded, nor will succeed in realizing”.

Solidarität bewegt uns dazu, uns in die Situation anderer Menschen zu versetzen; uns mit ihren Motiven, Ängsten und Sorgen auseinander zu setzen und zu erkennen, dass die Interessen und Ziele der anderen sich oftmals mit unseren eigenen überschneiden, selbst wenn unsere Probleme unterschiedlich sind. Dies geht unter dem Lärm des kreischenden Konkurrenzdrucks unserer Zeit allzu gerne unter: viele Verfechter des Neoliberalismus und – in breiterem Rahmen – des aktuellen kapitalistischen Systems beteuern immer wieder allzu gerne, dass sich das Individuum nur in einer freien Marktwirtschaft und vorallem im zur Erhaltung ebendieses notwendigen, steten Konkurrenzkampf mit anderen entfalten kann. Das ist, mit Verlaub, blanker Blödsinn, denn diese Einstellung führt viel eher zu einer gefährlichen Atomisierung der Gesellschaft (von der Untergrabung der Individualität selbst in einer solchen von Marktinteressen dominierten Form des “Zusammen”lebens mag ich gar nicht erst sprechen), wie auch Noam Chomsky feststellte:

“There is a massive propaganda—it’s been going on for a century, but picking up enormously—that you really shouldn’t care about anyone else, you should just care about yourself. … To rebuild [class solidarity], even if it’s in small pieces of the society, can become very important, can change the conception of how a society ought to function.”

Eine wettbewerbsorientierte Gesellschaft ist keine gesunde Gesellschaft. Das sieht man schon am Deutlichsten im Schulsystem, das immer mehr an die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet wird: Schulklassen sind keine kleine gesellschaftliche Einheit, in denen die Schüler einander unterstützen, da sie ja das gemeinsame Ziel des Erlangens von Wissen verfolgen, sondern eher Schauplatz eines steten, erbarmungslosen Leistungs- und Konkurrenzkampf, was wiederum allzu oft für eine Raubtiermentalität innerhalb der Klasse sorgt – sozusagen ein “Klassenkampf” innerhalb der Schulklasse, bei der mit jene mit guten Noten Neid und Verachtung ernten, und jene mit schlechten oftmals ungerechtfertigt Spott oder den Vorwurf, dass es ihnen an Intelligenz und Leistungsbereitschaft mangeln würde, erdulden müssen. Wenn man dann wiederum Chomskys abschließenden Satz über die “class solidarity” in Betracht zieht – den er in Hinblick auf die Occupy Wallstreet-Bewegung äußerte, die damals in den USA eine Dynamik der Solidarität auslöste -, wird man sich vollends gewahr, dass eine vielmehr auf solidarischem Miteinander als Gegeneinander agierende Gesellschaft in allen möglichen Belangen – seien sie wirtschaftlicher, kultureller oder sozialer Natur – weitaus Größeres vollbringen, sich als feste Einheit gegenüber Regierungen und größeren Korporationen platzieren und somit ihre eigenen Interessen und Ziele besser durchsetzen könnte. All dies bedeutet aber nicht, dass unsere Individualität durch Solidarität anderen gegenüber leiden würde, ganz im Gegenteil; vielmehr sorgt Solidarität sogar für ein ausgewogeneres Verhältnis in der prekären Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, da man, wenn einem Solidarität entgegen gebracht wird, seine eigenen Träumen, Sorgen, Ängste und Ziele, die zum großen Teil die eigene Individualität konstitutieren, umso mehr gerechtfertigt und sich in seinem eigens gewählten Sein bestätigt sieht. Umgekehrt klappt es genau so.

Die Effektivität der Solidarität zeigt sich auch ex contradictione, wenn man im speziellen Fall des Schüler_innen und Student_innenstreiks genau jene Leute betrachtet, die keine Solidarität gegenüber den Schüler_innen und Student_innen aufzeigen. Solcherlei Reaktionen suchten, wie eingangs erwähnt, insbesondere im Vorfelde des Streiks die sozialen Netzwerke heim, und sind auch jetzt noch vermehrt in den Medien und auch in Leserbriefen vorzufinden. Sie sind deswegen ein Argument für Solidarität, weil sie aufzeigen, wie wenig konstruktiv ein Mangel an ebendieser ist. Die Gegner des Streiks zetern zwar zünftig rum, bieten aber selbst keine Lösung, die für bessere gesellschaftliche Umstände sorgen könnte; oftmals versuchen sie die Entscheidungen unserer glorreichen und ehrwürdigen Regierung, die ja immer nur unser aller Bestes will, hinsichtlich der Studiengeldkürzungen sogar zu rechtfertigen und die Austeritätspolitik als notwendiges Übel hinzunehmen – und das ist eine fatalistische Ansicht, da sie nämlich impliziert, dass es gar keine vorstellbare Alternative zu einer solchen Vorgehensweise gäbe. Anstelle sich mit den Betroffenen von solchen Reformen zu verbrüdern, vergraben sie sich hinter ihren Vorbehalten und sorgen dafür, dass die Gesellschaft als den Widrigkeiten des wüsten Meeres trotzende große Landmasse in zahlreiche kleine, sich einander feindselig begutachtende Archipel zersplittert. Fehlende Solidarität sorgt daher, genau so wie im eingangs erwähnten Beispiel der Schulklasse, für eine desolate Stimmung – und dies verdeutlicht sich dann vorallem noch einmal im Graben zwischen den sozialen Klassen. Wie oft habt ihr es erlebt, dass bestimmten gesellschaftlichen Klassen gewisse und oftmals ungerechtfertigte Vorurteile entgegengebracht wurden, oder dass man sich bewusst und, oftmals aus verzweifelter Angst vor dem gefürchteten gesellschaftlichen Abstieg, vehement von “niedrigeren” sozialen Schichten abgrenzt? Durch die geplante Studiengeldreform verdichtet sich vorallem die Atmosphäre des Neids und der Missgunst, die die luxemburgische Gesellschaft immer gerne wieder einhüllt – man gönnt den anderen nichts, weil man selbst scheinbar nicht davon profitiert oder die Bevormundung des anderen einem aus welchen Gründen auch immer ungerechtfertigt erscheint. So gibt es einige Erwachsene, die wenig Verständnis für die Belange der Student_innen aufbringen und diese als verwöhnt bezeichnen, weil sie selbst Zeit ihrer Jugend nie über diese Vorzüge verfügten. Solidarität jedoch sorgt dafür, genau dies zu überwinden; sie sorgt dafür, dass man als Akademiker anfängt, die Situation eines Handwerkers zu verstehen und ihm beim Streiken zu unterstützen, wenn massenhafte Entlassungen in seinem Betrieb anstehen, auch wenn man nicht davon betroffen ist; sie sorgt dafür, dass Schüler_innen und Student_innen aus wohlhabenden Familien, auf deren finanzielle Unterstützung sie beim Studium vertrauen können, sich nichtdestotrotz vehement für Schüler_innen und Student_innen aus ärmeren Haushalten, die sich durch die Kürzungen der Studienbeihilfen nicht mehr ihr Traumstudium leisten können, einsetzen; und sie sorgt dafür, dass man auch als Angestellter in einer Firma, auf den die Studiengeldeinsparungen keine Auswirkungen haben, Schüler_innen und Student_innen mit allen seinen zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützt. Letztendlich sitzen wir nämlich angesichts der auf uns zurasenden Wellen an Austeritätsreformen allesamt auf dem gleichen Schiff –  und genau darum ist Solidarität auch ein so dringend benötigtes Element in unserer Gesellschaft. Die Kürzungen im Bildungswesen waren nämlich erst der Anfang; die Austeritätspolitik und die damit verbundenen Sparmaßnahmen werden nämlich bald weiter ausgeweitet werden und andere Teile der Gesellschaft, die genau wie die Student_innen und Schüler_innen nicht für die missliche finanzielle Lage verantwortlich sind, betreffen. Das könnte die weiter oben beschriebenen Ressentiments nur noch umso drastischer verstärken und wie beispielsweise in Griechenland zu einem langsamen Verfall der Zivilgesellschaft führen – umso wichtiger ist es daher, sich miteinander zu solidarisieren, sich der Austeritätspolitik entgegen zu stemmen und effektivere wirtschaftliche Lösungsmittel dafür vorzuschlagen (wie wäre es beispielsweise mit einer Reichen- bzw. erhöhten Unternehmssteuer – es leuchtet mir nicht ein, wieso wir anscheinend “alle” demnächst sparen müssen, die in Luxemburg ansässigen großen Korporationen aber nach wie vor nur einen geradezu lachhaften Steuersatz entrichten müssen). Dazu sollte man die Solidarität auch über die Landesgrenzen hinweg ausweiten, beispielsweise indem man internationalen Studentenprotesten in Form von eigenen Demos Unterstützung zuspricht und sich gegenseitig dazu motiviert, den jeweiligen Regierungen gegenüber eine sorgenfreie Bildung einzufordern; oder indem man xenophoben Ressentiments gegen Kinder von Grenzgängern entgegenwirkt, die allzugerne als Sündenbock für die geplanten Studienkürzungen heran gezogen werden, dabei aber genau so ein Recht auf Studienbeihilfen haben wie wir.

Daher ist es letztendlich wichtig, dass wir die Dynamik der Solidarität, die mit 6670 ausgelöst wurde, aus dem Sprung heraus auch noch nach 6670 nutzen – dies könnte zu einer positiven gesellschaftlichen Entwicklung führen, indem es einerseits die Bindungen zwischen uns als Zivilgesellschaft quer über alle sozialen Klassen hinweg stärkt und dazu die Lethargie, die die politische Landschaft in Luxemburg bereits seit vielen Jahrzehnten kennzeichnet und lähmt, aufbrechen könnte. Eine Gesellschaft, die auf den Fundamenten der Solidarität anstelle der Konkurrenz errichtet wäre, oder zumindest Elemente der Solidarität in ihre bereits existierenden Strukturen aufnehmen würde, würde nämlich für weitaus mehr Gewicht der Zivilgesellschaft bei politischen Entscheidungen sorgen, mehr Möglichkeiten für breit angelegte Diskussionen und unabhängig organisierte Freiräume bereitstellen und dazu ein angenehmes und zu großen gesellschaftlichen Leistungen – auch über Landesgrenzen hinweg – motivierendes Klima des gegenseitigen Schätzens und Verständnisses, das ja letztendlich auch ein zutiefst menschliches Bedürfnis darstellt, erzeugen.

Weiterführende Links:

“CEDIES amplaz Täschegeld” – Offizielle Facebookseite des Aktionscomités 6670

Offizielle Seite des Aktionscomités 6670

Transcendence

Bösartige und außer Kontrolle geratende Künstliche Intelligenzen sind ein beliebtes Motiv im Science Fiction-Genre – fungieren sie doch praktischerweise als seltsam beunruhigende, zumeist körper- und vorallem emotionslose Bösewichte, aber auch als moralische Zeigefinger, die sich auf die oftmals schwer einschätzbaren Folgen des technologischen Fortschritts der Menschheit richten. Berühmtestes und auch ausgereiftestes Beispiel hierfür ist sicherlich HAL 9000 aus Stanley Kubricks zeitlosem Meisterwerk 2001: A Space Odyssey, der zu meinen absoluten Lieblingsstreifen zählt. Hinter diesem kryptischen Namen verbirgt sich ein mit künstlicher Intelligenz und einem eigenen Bewusstsein ausgestatteter Supercomputer, der auf einmal eigene Absichten zu entwickeln und sich gegen seine menschlichen Raumstationkollegen aufzulehnen beginnt – dabei aber, im Gegensatz zu ihnen, deutlich humanere Züge trägt, was einen wiederum über das Menschsein an sich reflektieren lässt. Transcendence fährt eine ähnliche Schiene – gerät aber, wie ich nachfolgend in meiner Kritik weiter erläutern werde, allzu oft ins Stocken und entgleist an vielen Stellen sogar ganz.

Die Prämisse des Films ist dabei eine durchaus vielversprechende Variation der üblichen K.I.-Thematik – und genau diese ist dann auch das einzig herausstellende Merkmal des Filmes. Dr. Will Carter (verkörpert von einem erstaunlich lustlos spielenden Johnny Depp), der Hauptcharakter des Films, ist ein angesehener Forscher auf dem Felde der K.I.-Forschung; nach einer Konferenz zum Thema – die geschickt die später auftretenden Motive ankündigt – wird er jedoch von dem heutigen technologischen Fortschritt und Carters darin involvierten Forschungsprojekten negativ gegenüberstehenden “Unplug”-Aktivisten mit einer radioaktiv (!) verseuchten Kugel angeschossen und hat daraufhin, dem Tode geweiht, nur noch mehr fünf Wochen zu leben. Seine Frau Evelyn und sein bester Freund Max fassen daraufhin den Entschluss, sein bereits begonnenes Projekt einer mit Selbstbewusstsein ausgestatteten Künstlichen Intelligenz fortzuführen und Will oder zumindest dessen Bewusstsein zu “retten”, indem sie ihn – wie der Name des Filmes es bereits ankündigt – transzendieren und eine neue Daseinsform als Künstliche Intelligenz innerhalb des Computers annehmen zu lassen.

Das etwas aufgesetzt wirkende Element der radioaktiven Verseuchung außer Acht gelassen, ist die erste Dreiviertelstunde des Filmes der überzeugendste Teil des Filmes – was einen dann nachher umso enttäuschter zurücklässt, wenn sich erst einmal der wacklige Rest vor einem entfaltet. Die philosophischen Implikationen, die die Digitalisierung von Will aufwirft, sind überaus faszinierend, und werden auch teilweise – wenn auch leider nur sehr oberflächlich – im Film behandelt.  Da wäre zunächst einmal die Frage, ob sich das Ich – also das, was einen Menschen einzigartig macht und ihm ein Selbstbewusstsein verleiht – wirklich nur aus elektrischen Impulsen zusammensetzt, oder ob es sich doch fernab im Gehirn messbarer Ströme befindet, sodass die menschliche Seele also letztlich doch mehr als nur von Synapsen vermittelte Signale wäre. Der Film liefert darauf verschiedene mögliche Antworten – überlasst die Entscheidung, welche davon nun als die richtige zu erachten ist, aber dem Zuschauer. Dennoch wird dies meinem Erachten nach zu kurz angeschnitten; mir wäre es lieber gewesen, wenn sie sich näher mit den Fragen, was denn nun das Ich auszeichnet, und ob es das gleiche bleibt, wenn man eine Kopie davon erschafft, befasst hätten. Erinnerungen beispielsweise sind – und da teile ich insbesondere Marcel Prousts Ansicht – konstitutiv für die Persönlichkeit und Einzigartigkeit eines Menschen. Letztendlich wird auch anhand von ihnen unser Ich geformt, denn jede unserer Erinnerungen ist einzigartig – und selbst wenn Erinnerungen hinsichtlich ihrer Reliabilität weitere philosophische Probleme generieren, so orientieren wir uns an ihnen und definieren uns über sie, selbst wenn wir manchmal an ihrem Wahrheitsgehalt zweifeln, da sie die Vergangenheit allzu oft in träumerische Sepiafarben hüllt und sie durch beigemischte Phantasien verfälscht. Will Carters digitales Pendant verfügt zwar über die gleichen Erinnerungen wie sein früheres Ich, aber es hat diese nicht bewusst erlebt – es sind sozusagen nur digitalisierte Echos einer Welt, die das transzendierte “Ich” von Carter nie wirklich am eigenen Leib erfahren hat. Das ist definitiv ein Problem, das im Film aber leider nicht weiter vertieft wird. Die Erfahrung belehrt zwar, dass man hinsichtlich der Aufarbeitung philosophischer Thematiken nicht allzu viel von größeren Hollywoodproduktionen erwarten sollte (bestes Beispiel hierfür wäre etwa die Tatsache, dass Weinstein, die Produktionsfirma der us-südkoreanischen Koproduktion Snowpiercer, diesen als zu intelligent für den US-Markt erachtete und ihn daher unter anderem um 20 Minuten kürzte) – aber dann gibt es immer wieder solche Ausnahmen wie 2001: A Space Odyssey, oder in rezenterer Zeit insbesondere The Matrix, die metaphysische Gedankenspielereien ansprechend und spannend inszenieren zu wissen und verdeutlichen, dass es nicht zu viel verlangt ist, auch in größeren Blockbustern anspruchsvolle und zur Reflexion anregende Fragestellungen zu erwarten.

Ein weiteres Problem wäre das der Zeitempfindung, das auch eng mit der Bedingtheit des Ichs zusammenhängt. Descartes Cogito – “je pense, donc je suis” – wurde zurecht dafür kritisiert, dass es vollkommen außer Acht lässt, dass das Ich, das denkt und sich somit seiner Existenz als denkendes Ich bewusst wird, erst unter Einwirkung der Zeit auch wirklich als solches existieren kann. Philosophische Diskussionen darüber, ob Zeit nun existiert oder nicht, einmal zur Seite geschoben – das Phänomen der Zeit nehmen wir vorallem durch die Verbindung unseres Ichs und unseres Bewusstseins zur sinnlich wahrnehmbaren Welt, deren Objekt wir sind, um uns herum wahr. Aber was ist, wenn diese Liaison nicht mehr vorhanden ist, da unser Bewusstsein sich nun im Innern eines Computers befindet, transzendiert ist und von daher nicht mehr an Raum und Zeit gebunden ist? Wir sind letztlich zeitbedingte Wesen – doch was ist, wenn diese irrelevant für uns wird? Sind wir dann überhaupt noch fähig, Ereignisse chronologisch einzuordnen und uns zu orientieren; werden diese nicht vielmehr zu einem unübersichtlichen Chaos aus Gedanken und Eindrücken inmitten eines unendlichen und zeitlosen digitalen Raums? Auf diese dringlichen Fragen liefert der Film leider keine Antwort – wobei diese Problematik sicherlich zu Komplikationen hinsichtlich der Handlung geführt hätte, denn wie kommuniziert man mit jemanden, der über keinen Sinn für Raum oder – noch problematischer – Zeit mehr verfügt?

Dass der Film nicht allzu tief in die Materie eintaucht, wäre noch zu verkraften, wenn diese zumindest als Rahmen für eine überzeugend umgesetzte Handlung dienen würde – doch dafür sind die dramaturgischen Schwächen des Filmes, die insbesondere in seinen letzten zwei Dritteln schmerzhaft ersichtlich werden, zu gravierend. Der Augenblick, in dem Will das erste Mal aus dem Innern des Computers, auf dem er hochgeladen wurde, mit seiner Frau Evelyn kommuniziert, ist die denkwürdigste und spannendste Szene des gesamten Films – danach jedoch geht es steil bergab. Tänzelte der Anfang des Films noch, unter anderem dank der wie eingangs erwähnten spannenden Grundidee, in einem mitreißenden Rhythmus, so gerät er ins Straucheln, als der in binäre Form gegossene Will Carter seine expansionistischen Tendenzen auszuleben und mithilfe seiner Frau in einem heruntergekommenen Dorf im US-amerikanischen Niemandsland seine Basis zu errichten beginnt. Ich hatte zuvor noch erwartet, dass der digitale Carter sich in seiner aufgrund seiner scheinbar dem Menschen gegenüber überlegenen Daseinsform ausufernden Megalomanie in einen erbitterten Cyberkrieg stürzen und die weltweite Vernetzung der Menschheit geschickt gegen sie ausspielen lassen würde – doch stattdessen verwandelt er sich, da er mittlerweile die Singularität erreicht hat und das Wachsen seiner künstlichen Intelligenz nicht mehr aufzuhalten ist, in einen sonderbaren Messias, der Kranke heilt und sich schließlich zu einer pantheistischen Gottheit empor schwingt, die noch einmal transzendiert und auch unsere Welt zu beeinflussen beginnt, in dem er als Regen (!) auf sie nieder prasselt und sich in das Ökosystem einmischt. Nachher wird er dann doch noch ein bisschen fies; die “Unplug”-Aktivisten verbünden sich daher mit der US-Regierung und erweisen zusammen dann der hoch entwickelnden Rationalität des Menschen alle Ehre, in dem sie Will Carters Forschungsbasis, die ihnen irgendwie nicht so recht passt – die sich dahinter befindlichen ethischen Bedenken werden nie weiter explizit erklärt -, in Grund und Boden schießen. Das alles löscht den letzten verbliebenen Funken Glaubwürdigkeit, über den der Film noch verfügte, aus und treibt zuweilen unfreiwillig komische Blüten. Besonders hängen geblieben in den Fangnetzen meiner Erinnerung ist die Szene, in der Will einen seiner Patienten, dem er zuvor das Leben gerettet hatte, sozusagen als Wirt benutzt und sich in dessen Bewusstsein einklinkt, um sich wieder seiner Frau anzunähern – sie schließlich aber mit seinem überaus steifen und vorallem gruseligen Auftreten (das jedoch eher an der mangelhaften schauspielerischen Leistung des Nebendarstellers liegt) in die Flucht jagt. Die Handlung versiegt vollends im Wüstensand, auf dem Carter sein Forschungsimperium aufbaut. Er wird zwar, wie eingangs erwähnt, teilweise zum Bösewicht, in dem er die Bevölkerung des kleinen Wüstenorts zu kontrollieren beginnt, aber ansonsten wird man als Zuschauer – und hier kristallisiert sich ein weiteres schwerwiegendes Problem des Films heraus – nicht einmal Zeuge davon, wie er sich denn nun konkret in das Ökosystem einmischt und sich über die ganze Erde verteilt. Unter anderem dadurch, dass nur die lokalen Auswirkungen seines Treibens im Wüstendorf gezeigt werden, bekommt man nie so recht den Eindruck, dass es sich beim K.I.-Carter um eine wirkliche Gefahr oder Bedrohung handelt – und das ist desaströs für die Darstellung des eigentlichen Antagonisten eines Streifens.

Neben dem sich kaum entwickelnden Plot ist letztendlich auch der fehlende Spannungsbogen einer der größten Makel des Streifens – die auf der Stelle strampelnde Handlung ist in den letzten zwei Dritteln so verworren, dass es den Machern komplett misslingt auch nur im Geringsten Nervenkitzel zu erzeugen. Daher zündet auch die Klimax nicht: man treibt als Zuschauer orientierungslos in den Weiten aneinandergereihter Handlungsetappen, die nacheinander in stockendem Rhythmus abgearbeitet werden, bis dann auf einmal das Finale vorbei geschwemmt wird und man sich dessen nicht einmal so recht bewusst wird. Nicht einmal mehr die Darsteller vermögen den Film vor der Unterdurchschnittlichkeit zu retten – es erzeugt große Trauer in mir, dass der Film mit Johnny Depp, Morgan Freeman und Cilian Murphy überaus hochkarätige Schauspieler aufweist, diese aber kaum ihr Potenzial ausschöpfen können, da sie durchgehend uninteressante und seltsam flache Figuren, zu denen man während der gesamten Dauer des Films keine rechte Bindung aufzubauen vermag, verkörpern.

Auch aus inszenatorischer Sicht ist der Film nichts Besonderes – der Regisseur verfügt über keinerlei persönlichen Stil, der den Film irgendwie aus der Masse an Science Fiction-Streifen hervor heben könnte. Der Schnitt und die Kameraführung sind zwar solide und sauber, aber nun einmal nicht mehr – kein einziger Shot bleibt im Gedächtnis haften. Die eigentlich zufriedenstellende musikalische Untermalung – die gelegentlich von einigen sehr gelungenen Chorgesängen durchgesetzt ist – folgt dazu noch leider dem Rhythmus des Films, und verstärkt deswegen umso mehr dessen verwirrende Wirkung auf den Zuschauer.

Transcendence ist insgesamt also ein mäßiger Science Fiction-Streifen, dessen grandiose Grundidee hoffnungslos in den verschlingenden Tiefen des von Plotlöchern zerfaserten Drehbuchs versinkt, während ihre interessanten Implikationen nur an der Oberfläche behandelt werden. Will Carter als K.I.-Fiesling bleibt enttäuschend blass, und erreicht nicht einmal im Ansatz die Brillanz eines HAL 9000. Dessen Ende war aufgrund der Tiefe und der überaus interessanten und teilweise sogar sympathischen Persönlichkeit des Supercomputers einer der ergreifendsten Momente der Kinogeschichte, da man nicht nur in aller Ausführlichkeit mit der tiefgreifenden Frage, wie man denn nun “Bewusstsein” und das Menschsein selbst definiert, sondern auch mit widersträubenden und teilweise unangenehmen Emotionen konfrontiert wurde – ja 2001: A Space Odyssey brachte es gar fertig, Mitleid mit HAL zu empfinden und von Schaudern überwältigt zu werden, als dieser in ihren letzten wachen Augenblicken “Daisy Bell” anstimmte, während seine Stimme immer mehr verklang und er schließlich sein digitales Leben aushauchte. Transcendence hingegenfehlt es trotz dem überaus faszinierenden Ausgangspunkt und einigen interessanten Gedankenspielereien an solchen denkwürdigen Momenten, die einen Film erst wirklich sehenswert machen und das Medium zu einer wahrhaftig kunstvollen und bereichernden Erfahrung empor heben. Das Kino verfügt wie jede andere Kunstform über die Möglichkeit, uns als Menschheit einen ästhetischen Spiegel vorzusetzen, und auch Transcendence bietet einige solcher vielversprechender Pfade hinein in reflektive Gefilde – wagt es aber nie, sie bis zum Ende zu beschreiten. Die Charaktere des Films sind dafür viel zu viel austauschbar, man empfindet als Zuschauer weder Sympathie noch Bedauern mit ihnen; man kann die Handlung, deren Rhythmus abgehackt und verwirrend ist, kaum als solche bezeichnen; und dazu ist der Stil des Regisseurs nüchtern und unauffällig, die Shots dementsprechend unspektakulär und generisch und die Schauspieler unmotiviert. Insgesamt ist man meiner Meinung nach daher besser beraten, das Geld in eine DVD oder Blu-Ray von 2001: A Space Odyssey zu investieren und sich an HAL 9000s unheimlicher K.I.-Präsenz zu erfreuen, die die von Will Carter gnadenlos übertrifft und – was dann meinem Erachten nach auch letztendlich beim Zuschauer für den moralischen Nervenkitzel, der diese Thematik auszeichnet, sorgt – auch wirklich Empathie zu erzeugen vermag. Dementsprechend überlasse ich ihm auch gerne die abschließenden Worte meines vorliegenden Textes – unter anderem zu verdeutlichen, wie – im Gegensatz zu Transcendence – anrührend und ergreifend man die Thematik der K.I letztendlich doch darstellen kann:

HAL: I’m afraid. I’m afraid, Dave. Dave, my mind is going. I can feel it. I can feel it. My mind is going. There is no question about it. I can feel it. I can feel it. I can feel it. I’m a… fraid. Good afternoon, gentlemen. I am a HAL 9000 computer. I became operational at the H.A.L. plant in Urbana, Illinois on the 12th of January 1992. My instructor was Mr. Langley, and he taught me to sing a song. If you’d like to hear it I can sing it for you.
Dave Bowman: Yes, I’d like to hear it, HAL. Sing it for me.
HAL: It’s called “Daisy.”
[sings while slowing down]
HAL: Daisy, Daisy, give me your answer do. I’m half crazy all for the love of you. It won’t be a stylish marriage, I can’t afford a carriage. But you’ll look sweet upon the seat of a bicycle built for two.