Monthly Archives: June 2014

Der graue Herr und das ewige Jetzt

«Il vaut mieux rêver sa vie que la vivre, encore que la vivre, ce soit encore la rêver.»

– Marcel Proust, «Les Plaisirs et les Jours»

In meinem Kopf sitzt ein grauer Herr und lässt mich um mein Leben fürchten. Doch es ist nicht die Furcht vor der Mauer aus Nichts, die sich vor mir in scheinbarer Ferne in die Höhe empor schraubt und hinter die ich nicht zu blicken vermag, sondern es ist vielmehr die Angst davor, das eigene Leben auf dem Weg hin zum besagten Wall zu verpassen.

Einer von Michael Endes charakteristischen grauen Herren nimmt also in meinem eigenen Geist die Gestalt eines nagenden Gefühls an; er ist dem Zeiger einer Uhr, die sich mit jedem verstreichenden Augenblick schmerzhaft in meine Haut bohrt, gleich; er ist der donnernde Glockenschlag, der meine Existenz zum Erzittern bringt; er ist der Strom aus feinen Sandkörnern – jedes von ihnen ein einzelner Moment -, unter dessen Last ich in meinem Käfig ersticke, während ich verzweifelt mit blutigen Fäusten gegen dessen gläsernen Wände hämmere. Sei es, dass ich im Inbegriff bin, mich all den kleinen und in ihrer Gesamtheit doch aufzehrenden Widrigkeiten des alltäglichen Lebens entgegenzustellen, die sich nur allzugerne zu einem geifernden bürokratischen Monstrum der Banalität, das mich mit Rechnungen, Verträgen, Werbungen, Einkäufen, vergessenen Portemonnaies, endlosen Fahrten in überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln, Wartesälen, Smalltalk, Räumen, Spülen beharkt; sei es, dass ich morgens nach dem Aufwachen in der wohligen Wärme meines Bettes verweile und auf meinem Smartphone in das Leben von anderen Menschen, an dem ich sowieso nie teilnehmen werde, eintauche, und mein eigenes dabei an der Oberfläche dieses bodenlosen Ozeans zurücklässe; oder sei es schließlich, dass ich während unzähligen Stunden im fahlen Licht meiner Tischlampe über spröden Texten verharre, die meinen Geist nicht einmal im Geringsten anzuregen und zu berühren vermögen, nur um einige klägliche Punkte zu ergattern – stets vernehme ich die Stimme des grauen Herrn, die meine Adern wie flüssiger Blei durchströmt. Ich stürze auf meine Knie, während sie mich mit dem zerschmetternden Bewusstsein erfüllt, dass ich gerade mein Leben vergeude und Momente – die nur ein einziges zerbrechliches Mal in der gesamten Spanne, die das Universum inmitten des ihn umgebenden erdrückenden Nichts einnimmt, das Licht der Welt erblicken – für Dinge, die nicht einmal einer Erinnerung würdig sind, auf dem Altar der Zeit opfere. Wann immer ich, aufgeweckt durch das finstere Flüstern, innehalte und die mal gleißenden, mal flackernden Scheinwerfer meines Erinnerungsvermögens vergangene Abschnitte meines Lebens erhellen, so fahren sie des Öfteren über Abgründe, bis zu deren Grund kein Licht hinabdringt – tiefe, schmerzende Klüfte, geformt aus verlorener Zeit, die unantastbar und auf ewig keine mein Dasein bereichernden Erinnerungen mehr zu füllen vermögen. So wird jeder Augenblick letztlich zu einer Gussform die, einmal erkaltet, nicht mehr verwendbar ist. Das Flüstern des grauen Herrn beschwört Impressionen, sinnliche Eindrücke und Reflexionen aller Art aus meiner Vergangenheit hervor, die sich um meinen zitternden Geist winden, ihre Zähne in ihn rammen und ihn mit Bedauern und Sehnsucht nach einem chimärenhaften Paradies vergiften. Ich bin wieder vierzehn, die Jahre zergehen zu Staub und werden zu Tränengas in meinen Augen. Zefressende Selbstzweifel, kollabierende Ambitionen, fehlende Überzeugung und das Scheitern sozialer Anbindungen frieren meinen Geist zu und lassen mich monatelang durch eine kalte Finsternis schwimmen. Ich bin wieder fünfzehn, die Eisdecke beginnt aufzutauen; doch während ich mich bei unserer Klassenfeier am Lagerfeuer aufwärme, starre ich erneut regungslos in die Flammen, aufstiebende Funken steigen in die Nacht empor und besprenkeln das Firmament mit fernen Sehnsüchten. Mein Leben wird zu einem beinahe immerwährenden Sommer aus lichtdurchtränkten Erinnerungen; doch ich bleibe noch zu oft stehen, den Kopf nach unten oder oben gerichtet und mit dem sengenden Gefühl in meinem Brustkorb, dass dennoch soviel mehr in diesem Leben ruht. Ich bin wieder siebzehn, die Gespräche an diesem warmen, endlosen Abend im Café verschmelzen mit dem sachte einsetzenden Laternenlicht, doch mein Blick schweift immer wieder in die Ferne. Ich bin noch immer siebzehn und sitze mit Freunden auf einem stillen Hof im Niemandsland in der Sonne, die über weiten Roggenfeldern untergeht, doch ich sehne mich nach etwas, das ich nicht in Worte fassen kann, nach einer Fortsetzung, nach einer Steigerung all dieses Glücks. Ich bin wieder achtzehn und  verschmelze auf dem Weg von einem ausschweifenden Abend mit den Lichtern der Autobahn, meine Hand ruht in der jenes lebendigen Traumes, den ich mir vor einiger Zeit noch nicht einmal auszumalen getraut hätte – und doch verläuft diese Nacht, wie soviele, in einem alles verschlingenden Treibsand meiner niemals erfüllten Sehnsüchte und Träume. All die Jahre meiner Jugend, in denen ich meine Zeit vornehmlich in tagträumerischen Gefilden verbracht habe, und die ich stattdessen mit gelebten Erinnerungen hätte schmücken können, gerinnen zu einem schreienden Nichts: Es ist zu spät. Es ist alles zu spät.

Trotzdem sind es nicht nur die Widrigkeiten des Lebens – denen man noch soviel Sinn andichten kann wie man möchte und letztlich doch immer wieder an dieser Intention scheitert -, die einem die Zeit entreißen. Es sind auch der graue Herr selbst – seiner Rolle in Momo entsprechend -, und die ihm entspringenden Sorgen, die die eingangs illustrierten Gedankengänge hervorrufen,  und somit auch meine Feder in diesem Augenblick führen.

Ich vermag nicht mehr zu sagen, wie oft ich schon inmitten einer gerade ausgeführten Handlung von ebendieser abgelassen habe, weil das Flüstern des grauen Herrn mich wie ein Schwarm aus Heuschrecken befiel und meinen Kopf leergefegt hinterließ, oder sie möglichst schnell und somit auch nur halberherzig in ein Stadium, das nicht einmal im Ansatz dem Begriff der “Vollendung” entspricht, gebracht habe; ich vermag nicht mehr zu sagen, wie oft ich inmitten des täglichen Geschehens inne gehalten habe und für unsäglich lange Zeit wie zu einer Salzsäule erstarrt auf der Stelle stehen geblieben war, nur um in Reflexionen darüber zu versinken, wie ich die verstreichenden Augenblicke gerade dem Strom der Zeit zum Fraß vorwarf und wie ich dies in Zukunft – die ich in eben so umso mehr aufs Spiel setzte – besser vermeiden könnte; und ich vermag nicht auszusprechen, wie viele wertvolle, unwiederbringbar verlorene Momente meines Lebens ich durch die mich umwölkenden Sorgen um Nichtigkeiten nicht in all ihrer intensiven Wärme auszukosten und zu einem ewigen Jetzt auszudehnen vermochte. Dieses ewige Jetzt ist der Augenblick, der sich über seine eigene angeborene Vergänglichkeit hinweg setzt und zu etwas Zeitlosem anschwillt, sodass er das enge Flussbett der fließenden Zeit verlässt; zu einem jener sagenumwobenen Orte in unseren Erinnerungen wird, der über alle anderen hineweg ragt und uns in eine unstillbare, gleichermaßen verzehrende als auch mit stillem Glück erfüllende Sehnsucht verfallen lässt, sobald wir an ihn zurückdenken. Genau dies zu erreichen verwehrt mir der graue Herr – denn er erweist sich immer wieder als geschickter Gegenspieler. So muss ich letztendlich vor seinem Einfluss flüchten, hinein in die Ländereien des Unbewussten und des Vergessens, dort, wo sich der Moment noch in seiner ganzen Unschuld in das ewige Jetzt hinein zu entfalten vermag, und hinein in das Schreiben, das den Augenblick der Zeitlichkeit enthebt und ihn gleichzeitig wieder für alle anderen, wann immer diese ihn im Nachhinein durch das Lesen erleben, in diese zurückführt. Es ist ein schwieriges Unterfangen, sich den latenten Flüchen des grauen Herrn über dem brodelnden Hexenkessel der verlorenen Zeit zu erwehren, aber noch längst kein unmögliches.

Somit mag in meinem Kopf zwar ein grauer Herr sitzen und mich um mein Leben fürchten lassen. Doch ich kann seinen Hexentrunk noch immer in einem Zuge runterstürzen – als notgedrungene amor fati; als Umarmung all dessen, das mich letztendlich konstituiert.