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Alcest – Shelter

Nachdem deafheaven mit seinem meisterhaften Album Sunbather 2013 die Musikwelt in Aufruhr versetzt und das Genre des “Blackgaze”, das Blastbeats und kreischenden Black Metal-Gesang mit warmen Shoegaze-Gitarrenwänden und sphärischen Melodien vermengt, erstmals Mainstreamgefilde betreten hatte, folgte Anfang dieses Jahr mit dem Album Shelter von Alcest unter der Leitung des Multi-Instrumentalisten und Singer-Songwriter Neige , der zu den einflussreichsten Künstlern im Blackgaze zählt, bereits der nächste große Höhepunkt dieser sehr lebhaften und immer wieder großartige Perlen erschaffenden Musikrichtung.

Der Name des Albums kündigt die Musik, die den geneigten Hörer auf diesem erwartet, bereits äußerst treffend an. Shelter ist wahrhaftig eine Zuflucht voller jener für Blackgaze – und hier grenzt sich das Genre am Deutlichsten von seinen Black Metal-Ursprüngen ab –  so typischen Wärme; es errichtet mit seinen Klängen ein nostalgisches Refugium aus Erinnerungen und Visionen, die beim Zuhören vor dem inneren Auge auftauchen. Das einleitende Instrumentalstück “Wings” lässt bereits in der Ferne vage Echos ertönen, ehe man sich dann beim kraftvoll einsetzenden “Opale” auf einmal in der orangenen Abendsonne an einem jener niemals enden wollenden Sommertage wieder findet, im Auto beim offenen Fenster durch lichtdurchflutete Wälder, Schluchten und Felder fährt und sich von den aufblühenden Reminiszenzen einhüllen lässt. Neige hat auf Shelter nämlich nicht nur – was einigen Fans der Band, denen eher die Black Metal-Schlagseite der früheren Alben zugesagt hat, möglicherweise missfallen wird – von seinen Screams abgelassen, sondern auch beinahe jegliche Kälte aus der Musik verbannt. An ihre Stelle tritt eine mit Hoffnungsschimmern gepunktete Melancholie – Shelter ist ein tiefer, von zahlreichen Stimmungswechseln durchsetzter Ozean, in den der Zuhörer eintaucht und von dessen warmen Wogen er umfangen wird. Er spürt unter sich zwar gelegentlich, wie etwa bei “La Nuit Marche Avec Moi” oder “L’éveil des muses”, noch die dunklen, von den Klängen verzerrter Gitarren und Tremolo-Picking erfüllten Tiefen der Schwermut, doch an den meisten Stellen des Albums dringt zartes Licht in Form von teilweise überwältigend schöne und aufbauenden Melodien durch die Wasseroberfläche. Dies kommt beispielsweise bei “L’éveil des muses”, das noch eines der vergleichsweise schwermütigsten Lieder auf dem Album darstellt, besonders zum Vorschein: Das Anfang des Liedes vermittelt durch die tröpfelnde, einfache Gitarrenmelodie eine bittersüße Sehnsucht nach einem auf immer in den Gewölben der Erinnerungen verschollenen Paradies, um dann kurz in schwermütiges Tremolo-Picking umzuschlagen, ehe es schließlich in einem hymnenhaften Chorgesang aufgeht. Insgesamt ist der Gesang auf Shelter sehr gelungen – Neiges Stimme, die immer wieder in sphärische Höhen entgleitet, ist sehr prägnant und von einem äußerst angenehmen Timbre, das viel zur tröstenden und träumerischen Atmosphäre auf dem Album beiträgt. Seine sehr poetischen und vom Geiste der Romantik beseelten Texte tragen, unter anderem durch die sanfte Musikalität der französischen Sprache, sehr viel zur Wirkung der Musik bei. Gelegentlich schallen nicht nur seine Stimme, sondern auch die von anderen (Chor)sänger_innen durch die Weiten des Ozeans. Zumeist gliedert sich das dann auch sehr natürlich in das restliche Klangbild ein – einzig und allein beim reduzierten und beinahe nur von akustischer Gitarre und Streichern getragenen “Away” wirken die Gastvocals am Anfang etwas deplatziert. Bei “Voix Sereine” und insbesondere dem abschließenden 10-Minuten-Epos “Délivrance” werden dann auch noch die mittlerweile sehr prominent vertretenen Post Rock-Einflüsse, die teilweise frappierend an Mono, God Is An Astronaut und Konsorten erinnern, in Alcests Musik ersichtlich.  Hierbei ist insbesondere “Délivrance” hervorzuheben – ein großartiges Finale, dessen wiederkehrendes musikalisches Motiv sich langsam und erhaben aus dem Ozean empor schraubt, immer mehr an Intensität gewinnt und den Zuschauer inmitten von immer mächtigeren Wellen treiben lässt, der bis es, seinem Namen entsprechend, in einen erlösenden Höhepunkt gipfelt und, nur noch von Chor und Streichern getragen, schließlich langsam ausklingt.

Shelter ist das bis dato ausgereifteste Werk Alcest – sie zelebrieren Musik als wahrhaft dionysische Kunst, die sich letzten Endes jeglicher Rationalisierung entzieht, und skulptieren mit ihrem charakteristischen, auf diesem Album sehr homogenen und stimmungsvoll zu Ende gedachten Stil mitreißende, unbeschreibliche Gefühlslandschaften, in deren träumerischen Tiefen man nur zu gerne versinkt.