Monthly Archives: August 2014

USA Reisetagebuch – 2. Woche

3. August 2014: Zion National Park – Las Vegas

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Am heutigen Tage ging es vom gottesfürchtigen Utah zurück ins sündige Las Vegas. Die Fahrt dauerte knapp über zwei Stunden und führte uns durch ein wüstes Niemandsland. Während wir uns der Stadt näherten, häuften sich entlang der Straßen die Fast-Foods-Ketten, Tankstellen und andere Zeichen der Zivilisation – falls man denn Cappuccino-Chips und zuckrige Getränke als Zeichen einer solchen betrachten möchte. Aufällig hierbei ist, dass sich aufgrund des dezentralisierten Aufbaus US-amerikanischer Städte immer irgendwo in der Nähe Filialen von großen Restaurantketten oder endlosen Shoppingmalls vorfinden – da sich dadurch die Vororte allesamt wie ein Ei dem anderen gleichen, verliert man auch allzu oft die Notion davon, wo man sich gerade überhaupt befindet.

Bevor wir nun zum bereits zweiten Male während dieser Reise in unser Hotel in Las Vegas eincheckten, besuchten wir noch den alten Strip von Las Vegas. Der “neue” Las Vegas-Strip, das emblematische Erkennungszeichen der Stadt heutzutage, ist schon tagsüber nicht besonders ansehnlich, aber der alte Strip ist noch um Weiten trostloser, selbst wenn sich zur Mittagsstunde viele Menschen dort tummeln. Bis auf weitere unzählige Casinos, Souvenirshops, Stripclubs und den ulkigen “Heart Attack Grill”, der allen Gästen ab einer bestimmten (hohen) Gewichtsgrenze gratis Essen gewährt und sich selbst (in mehr oder minder ironischer Manier) als letzte Bastion gegen die wachsende Nachfrage nach gesundem organic food in den USA sieht, gab es dort nicht besonders viel zu sehen.

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Las Vegas ist nun aber nicht nur für seine Casinos, sondern auch für seine schillernden und bombastischen Shows berühmt – so wie beispielsweise das vom Cirque du Soleil inszenierte O, das wir uns an diesem Abend zu Gemüte fuhren. Anno 2008 hatten wir uns im MGM Grand bereits das hervorragende , das auch von der gleichen Artistengruppe auf die Bühne gebracht worden war, angeschaut – dementsprechend groß waren auch meine Erwartungen an die Show. Schlussendlich wurden sie sogar übertroffen – O ist einfach nur atemberaubend. Zentrales Thema der Show ist, wie ihr Name bereits verlauten lässt, das Element des Wassers, und dies ist auch der eigentliche Hauptdarsteller der Inszenierung: inmitten der Bühne, die eigens für das Stück gebaut wurde, befindet sich nämlich ein riesiger Pool, der sich nach Belieben heben oder senken lässt. So können die Akrobaten gleichermaßen über das Wasser laufen als auch in diesem versinken. Die Show selbst muss man sich nun als Mischung aus Zirkus und Wasserballett vorstellen: immer wieder schwingen in schwindelerregenden Höhen Zirkusakrobaten auf dem Trapez umher und vollführen beeindruckend grazile Sprünge, während unter ihnen im Wasser und entlang des Beckenrands Tänzer im Takte der mitreißenden Musik ihre vor Synchronität und Grazie strotzende Choreographie vollführen; dann wieder ändert sich die Szenerie, und Feuerakrobaten betreten auf einmal die Bühne, um in einer hypnotisierenden Einlage ihre Fackeln umherzu schwingen und Feuerwälle vor sich aufflammen zu lassen. Auch Turmspringen wird in die Darstellung integriert; an einem Punkte treten auf einmal, von einem an russische Volksmusik erinnernden Soundtrack untermalt, Schwimmer auf, die sich – wohlgemerkt stets im Rhythmus der Musik – mittels Schaukeln in Schwung versetzen, losspringen und unglaubliche Saltos und Drehungen von beinahe schon olympischer Qualität in der Luft vollführen, ehe sie schließlich punktgenau ins Wasser eintauchen. Die ästhetische Dimension des Stücks ist allgemein sehr gelungen; die barocken Kostüme mancher Tänzer und das Bühnenbild erinnern teilweise an Tim Burton-Filme, bewahren dabei aber ihren eigenen charakteristischen, opulenten und durchaus geschmackvollen Stil. Besonderes beeindruckend ist auch die ausgefeilte Bühnentechnik. Wie bereits eingangs erwähnt ist der wandelbare Pool das herausstellendste Merkmal der Show, doch auch die beweglichen Bühnenobjekte – wie beispielsweise ein im Pool schwimmendes Haus, auf dem zwei einsame, als comic relief agierende Clowns allerlei Schabernack treiben, ein autonom herumfahrendes Klavier, das schließlich im Wasser versinkt, oder das über dem Schwimmbecken schwebende metallene Skelett eines fliegenden Bootes – und die umherfliegenden Vorhänge versetzen einen immer wieder in Staunen. Einziges Manko ist, dass sich, im Gegensatz zu KÀ, nicht so recht eine zusammenhängende Geschichte aus dem regen Geschehen auf der Bühne heraus distillieren lässt. Dies stellt dann aber letztlich auch wieder einen Vorteil dar, da man sich so selbst seine eigene Geschichte ausmalen kann – ich beispielsweise habe mir vorgestellt, dass die zwei Clowns auf dem durchs Wasser schwimmenden Hausdach durch eine überflutete post-apokalyptische Welt treiben, auf der Suche nach anderen Überlebenden.

Nach dem Stück und dem Essen in einem Restaurant im Bellagio, von dem aus man das viertelstündliche, von klassischer Musik untermalte Fontänenschauspiel vor dem Hotel betrachten konnte, fiel ich dann schließlich mit einem Feuerwerk an beeindruckenden und fantasievollen Bildern, die O in meinem Kopf heraufbeschworen hatte, müde ins weiche Hotelbett.

4. August 2014: Las Vegas 

Heute stand ein besonderes Ereignis bevor: meine kleine Schwester Marie zelebrierte – ich kann es noch immer nicht so recht fassen – ihren 18. Geburtstag. Und welcher Ort eignet sich wohl besser dazu als das laute und vor Feiermöglichkeiten strotzende Las Vegas? Da man in den USA allerdings erst ab 21 die Nachtclubs unsicher machen und auf deren Tanzflächen im pumpenden Takte der Musik abzucken darf, besuchten wir im Gegensatz dazu eine Indoor Skydiving-Anlage, über deren Besuch meine Schwester sich, wie man anhand der Fotos erkennen kann, rege freute:

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5. August 2014: Las Vegas

An diesem Abend schauten wir uns die Show “Believe” des berühmt-berüchtigten MTV-Hausmagiers Criss “Mindfreak” Angel an. Da ich mir seine Serie auf besagtem Sender gelegentlich angeschaut und seine Tricks als teilweise sehr beeindruckend empfunden hatte, empfand ich durchaus eine gewisse Vorfreude – die jedoch gnadenlos enttäuscht wurde. “Believe” ist einfach nur unerträglich. Es ist mir durchaus bewusst, dass die Bühnentricks eines Magiers viel Vorbereitungszeit benötigen und er diese auch irgendwie füllen muss, damit das Publikum sich nicht zu Tode langweilt. Im Falle von “Believe” wäre es mir aber schlussendlich lieber gewesen, wenn ich den Vorhang während der Hälfte der Show – denn genau so lange zogen sich die schwer verdaulichen Zwischengänge insgesamt hin – anstarren hätte müssen, anstatt mit diesen Paroxysmen des schlechten Geschmacks malträtiert zu werden. Zuerst einmal waren Criss Angels bizarre Sidekicks und Assistenten ungeheuer nervtötend; einer von ihnen war beispielsweise ein bedenklich stereotypisierter Mexikaner, der dauernd mit starkem Akzent vulgäre Witze unterster Schublade, gegen die selbst ein Begräbnis ungeheuer amüsant wirkt, zum Besten gab oder, den abgebrochenen Zeigefinger einer riesigen Gipshand als Peniserweiterung benutzend, über die Bühne huschte und dabei wie von Sinnen rumkreischte. Dass Criss Angel ihn aufgrund seines Verhaltens und seiner Körpergröße mehrmals als “gay leprechaun” bezeichnete, verlieh dem Ganzen noch einen bedenklich bitteren Nachgeschmack. Doch Criss Angel gewährte uns gnädigerweise nicht nur einen Einblick in seine Vorstellung von Homosexuellen, sondern auch in sein Frauenbild – und dieses fiel unerbittlich sexistisch aus. Insbesondere Criss’ Assistentin Holly – ich möchte wirklich nicht in ihrer Haut stecken – diente einzig und allein als Dekoration, wurde immer wieder von Criss Angel begrabscht und als Ziel von unflätigen Witzen weit jenseits der Grenze des Erträglichen benutzt  – all dies unter dem Gejohle und Gelächter der Zuschauer im Saal. Als ob dies nicht alles schon fürchterlich genug gewesen wäre, nutzte Criss Angel die Zeit zwischen seinen Tricks dann auch noch zur gnadenlosen Selbstberieselung, bei denen er den Leuten im Saal hektische und pixelige Mitschnitte seiner Tricks, die man in der Form schon unzählige Male bei MTV zu sehen bekommen hatte, vorführte und sie an vor Kitsch triefenden und emotionalisierten Kindheitserinnerungen teilhaben ließ.

Umso schlimmer war es dann, dass die Tricks von Criss Angel all dies nicht einmal im Ansatz wieder wettmachten. Die Inszenierung war zwar beeindruckend und sauber choreographiert, allerdings vermochten die trommelfellzerfetzende und schlecht abgemischte Dubstepmusik und die wild umherspringenden humanoiden Hasen, die frappierend an misslungene Plagiate von Frank aus Donnie Darko erinnerten, nicht darüber hinwegzutäuschen, dass Criss’ Tricks nur Standardware darstellten. Metarmophosis, Verschlucken von Rasierklingen, das Herbeizaubern von Tauben und Zersägen von Assistentinnen – all dies war schon tausendmal von anderen Magiern durchgekaut worden, nur dass Criss Angel es bei seiner Show durch einen betäubenden Verstärker jagte und ins Korsett einer Pseudo-Industrial-Ästhetik zwängte. Als dieses Desaster einer Show dann nach anderthalber Stunde endlich seinen letzten Atemzug aushauchte und uns in die Freiheit entließ, war ich ungeheuer erleichtert.

Meine Mutter versuchte sich nach Criss Angels Auftritt im Casino unseres Hotels noch an einem einarmigen Bandit und erspielte mit 2$ Einsatz 7,45$ – die sogleich in unsere Reisekasse wanderten, damit wir nicht wieder per Anhalter zurück nach Luxemburger fliegen müssen.

6. August 2014: Las Vegas – San Francisco

An diesem Tage verließen wir die Goldgrube Las Vegas, um weiter nach San Francisco zu ziehen. Als wir zu diesem Zwecke den Flughafen betraten, fiel mir auf, dass selbst dieser nicht vor dem Glücksspielwahn gefeit und daher mit zahlreichen Spielautomaten bestückt war. Die Sicherheitskontrollen zogen sich dieses Mal nicht allzu sehr in die Länge, und auch der Flug war äußerst angenehm und ruhig. Als wir dann schließlich nach einer Stunde Flug in San Francisco landeten, wurde ich noch Zeuge einer zum Fremdschämen anregenden Szene, bei der ein junger Mann, der offenbar mit uns gereist war, bei der Gepäckausgabe auf eine gleichaltrige Frau zustürmte und diese küssen wollte – diese aber mit peinlich berührtem Gesichtsausdruck geschickt den Kopf abwendete und ihm stattdessen eine Umarmung schenkte. Nachher klatschte er ihr dann aber auf den Allerwertesten, was mich dann zur Annahme verleitete, dass es sich bei ihm wohl um Criss Angel in einer äußerst subtilen Verkleidung handeln musste.

Die darauf folgende Anfahrt auf San Francisco über den Highway bot einen spektakulären Anblick: Zu unserer Linken stülpte sich, einem gigantischen, aus Watte gestickten Leichentuch gleich, Nebel über die Berge in der Ferne, während zu unserer Rechten die Wolkenkratzer der Innenstadt in die Höhe stoben. San Francisco als Stadt mutet eher europäisch an, was nicht zuletzt an den zahlreichen charakteristischen Häusern im viktorianischen Baustil – wie jenes aus der berühmten 90er-Jahre Sitcom Full House, das wir nach einigem Umherirren in den Straßen San Franciscos auch tatsächlich fanden und in Erinnerungen schwelgend betrachteten – und der Tatsache, dass die meisten Häuser mehrstöckig sind und nicht so geduckt wie etwa in Los Angeles daherkommen, liegt. Die Wolkenkratzer in der Innenstadt erreichen dabei nicht ganz die Ausmaße jener in Manhattan, nichtsdestotrotz muss man aber immer wieder den Kopf in den Nacken legen um die Bauwerke in ihrem ganzen opulenten Ausmaß erfassen zu können.IMG_8641 IMG_8695 IMG_8696 IMG_8718 IMG_8730

Inmitten all dieser architektonischen Schönheit lauerte aber auch das Elend – während wir unter den meterhohen Stockwerken hindurch fuhren, erblickte ich auffällig viele Obdachlose, die vor den Filialien internationaler Ladenketten schliefen und als personifizierte Mahnwachen für die Schattenseiten der hier auf den Einkaufsmeilen auf die Spitze getriebenen Konsumgesellschaft dienten. Immerhin ist in San Francisco noch niemand auf die Idee gekommen, ihre bemitleidenswerte Situation noch weiter zu verschlimmern – so wie jüngst in Großbritannien, wo zahlreiche jegliche Humanität und Mitgefühl mit den Füßen tretenden Ladenbesitzer Stacheln auf dem Boden installiert hatten, damit die Obdachlosen an diesen Stellen nicht übernachten können. Obdachlosigkeit gibt es auch in Europa zuhauf, aber nicht in den Ausmaßen und einer solchen Frequenz wie in den USA, wo man auch immer wieder beispielsweise von Obdachlosen bewohnte Zeltstädte an den Straßenrändern erspäht. Doch nicht nur die Bürger befinden sich in einer finanziell misslichen Lage – Kalifornien balanciert momentan auf einem schmalen Seil über dem gähnenden Abgrund des Staatsbankrotts, weswegen sich auch San Francisco teilweise in einem auffällig heruntergekommenen Zustand befindet und an manchen Orten arg zugemüllt ist.

7. August 2014: San Francisco

Am heutigen Tage besuchten wir Berkeley, eine Nachbarstadt San Franciscos und einer der politisch liberalsten Orte der USA. Hier begannen einst in den 60ern die Proteste gegen den damals tobenden Vietnamkrieg, und der revolutionäre und politisch liberale Geist von damals geht nach wie vor in den hübschen Straßen, die von alteingesessenen Hippies, Straßenverkäufern, die ihre Waren feilbieten, Leuten mit Pluderhosen in schillernden Farben, bärtigen Hipster, mit stachelübersäten Kutten bewehrten Punks, kleinen urigen und vor Charme sprühenden Läden und Restaurants bevölkert werden, um. In den Schaufenstern von Bücherläden hängen Plakate, wo man sich für das Recht auf Abtreibung in Texas einsetzt; revolutionäre Literatur wird verkauft; Regenbogenflaggen flattern über Ladeneingängen; Flyer informieren über den Mord an Trayvon Martin, und auf dem Boden vor dem Campus von Berkeley hatte jemand als wir dort waren “Justice for Palestine” hingekreidet.  In Berkeley spürte ich dementsprechend auch erstmals wieder so etwas wie eine echte städtische Atmosphäre, die ich im artifiziellen Las Vegas einigermaßen vermisst hatte. Was mir auch gefiel waren die zahlreichen urigen Bücher- und CD-Läden, in denen man stundenlang rumstöbern konnte – in einem von diesen stockte ich meine Albumsammlung noch um drei Exemplare auf. Sehr sehenswert war auch der “People’s Park”, dessen Geschichte ihr auf dem vierten Foto nachlesen könnt:

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Der Campus der Stadt war eine weitere Augenweide – leider fand ich nicht die philosophische Fakultät, da ich mich sonst ein bisschen mehr in in den Namenspaten der Stadt reingelesen hätte.

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Auf dem Rückweg besuchten wir noch einmal die Golden Gate Bridge, die zu dem Zeitpunkt in dichten Nebeldünsten versank – zu meiner großen Enttäuschung tauchte, während wir dort waren, jedoch kein Kaiju wie am Anfag von Pacific Rim auf.

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Am Abend dann trat in der Nähe der 16th Street in San Francisco eine meiner Lieblingsbands, Cult Leader, mitsamt Oathbreaker als Main Act und drei weiteren Gruppen namens Seizures, Scalped und Worship, auf, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Dazu war es mein erstes (lokales) Konzert in den USA überhaupt, und ich war dementsprechend gespannt, inwiefern sich dieses insbesondere in atmosphärischen Belangen von den europäischen unterschied. Das Ganze fand in einer kleinen Konzerthalle namens “Submission Art Space” statt, in der ein altes, über den Köpfen schwebendes Auto als Soundstation fungierte. Die ersten drei Konzerte waren selbst für Hard- und Grindcore-Verhältnisse auffällig kurz, dauerten sie doch nicht mehr als 10-15 Minuten. Worship boten groovigen Hardcore mit einigen zünftig schmetternden Breakdowns; Scalped fuhren eine chaotischere Grindcore-Schiene, die mir insbesondere aufgrund ihres sehr energetischen und viel Bühnenpräsenz zeigenden Sängers gefiel; und Seizures schließlich durften, so wie Oathbreaker und Cult Leader, auf der höher gelegenen Hauptbühne auftreten und gaben düsteren und schweren Hardcore zum Besten, der sich allerdings nicht besonders in meine Gehörgänge einprägte. Dann, gegen neun Uhr, betraten endlich Cult Leader die Bühne und verwandelten sie in einen Altar der in musikalische Form gegossenen Wut. Den Sound ihrer Vorgängerband Gaza – deren grandioses Album No Absolutes In Human Suffering ich rauf und runter gehört hatte – wurde einst von den Bandmitgliedern als “Math Piss” bezeichnet, und diese Beschreibung trifft meines Erachtens nach auch sehr passend auf die Musik von Cult Leader zu. Vertrackte Riffs, Songstrukturen und wechselnde -dynamiken weit jenseits der üblichenSchemata, enorm viel Feedback, ein bestialisch growlender Sänger und schwindelerregende Drum Fills vermischen zu einem mitreißenden Cocktail blanker Wut, die sich bei Cult Leader vorallem gegen religiösen Fanatismus jeglicher Art richtet und die daraus resultierenden humanitären Tragödien beklagt. Trotz des teils schwer heraushörbaren Sängers war ich sehr angetan von der Performance und redete nachher noch ein bisschen mit der Band am Merchstand, um herauszufinden, wann es sie denn nach Europa verschlagen würde – anscheinend ist es 2015 soweit. Nach Cult Leader stand dann noch der Auftritt von Oathbreaker an. Ich hatte bislang noch nicht sehr viel von ihnen gehört, und bereute dies sogleich, denn ihre sehr von überraschenden Stimmungswechseln, die die Musik nahtlos von brachialen Hardcorepassagen mit leichtem Black Metal-Einschlag hin zu introvertierten Abschnitten mit Post-Rock Anklängen schweifen lassen, und der unglaublichen Stimme ihrer Frontfrau geprägten Songs wissen nämlich zu überzeugen. Das Publikum war desweiteren auffällig ruhig. Die Leute wippten zwar allesamt energisch im Rhythmus der Musik, aber jegliche Versuche einen Moshpit zu entfesseln schlugen gnadenlos fehl – was mich im Endeffekt allerdings auch nicht allzusehr störte.

Nach dem Konzert dann wagte ich mich dann allein durch die zu diesem Zeitpunkt – es war bereits halb zwölf – noch sehr belebten Straßen und U-Bahn-Stationen San Franciscos zurück zu unserem Hotel und verfiel dort sogleich in einen tiefen Schlaf.

8. August 2014: San Francisco – Morro Bay

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Heute mussten wir San Francisco – das mir auch dieses Mal sehr gut gefallen hatte – auch schon wieder verlassen, und fuhren entlang des Pazifiks auf dem Highway 1 weiter nach Morro Bay, einem kleinen Fischerort am Pazifik. Dieser Weg dauerte zwar doppelt so lange wie die kürzeste Route von San Francisco nach Morro Bay, bot dafür aber umso atemberaubendere Panorama und führte uns entlang kurvenreichen Wegen durch tiefe Wälder und über zerklüftete, über den Ozean hinwegragende Klippen.

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An einer Haltestelle sichteten wir dann auch eine sich im Abendlicht am Strand sonnende Gruppe See-Elefanten. Die Männchen dieser majestätischen und aus direkter Nähe ungemein beeindruckenden Meeressäugetiere können übrigens bis zu 5 Meter groß werden und 2,3 Tonnen wiegen, die Weibchen wiederum bis zu 3 Meter und 800 Kilogramm – ihr Name kommt also nicht von ungefähr.

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Kurz vor Morro Bay frohlockte dann auch mein Filmliebhaberherz, da wir an Hearst Castle, der Vorlage für das Schloss Xanadu aus einem meiner absoluten Lieblingsfilme, Citizen Kane, vorbeifuhren – und genau wie in Orson Welles’ zeitlosem Klassiker trieben sich überraschenderweise auch Zebras auf den umliegenden Feldern rum.

Im orangenen Licht der untergehenden Sonne badend öffnete sich schließlich die Bucht von Morro Bay vor unseren Augen, und bot vor Einbruch der Nacht noch einmal einen wundervollen Anblick:

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9. August 2014: Morro Bay – Santa Barbara

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Wir verweilten nur eine Nacht im kleinen Fischerort Morro Bay, besichtigten diesen aber noch am heutigen Morgen, ehe wir unsere Reise nach Santa Barbara fortsetzten.

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USA Reisetagebuch – 1. Woche

“Long, too long America,
Traveling roads all even and peaceful you learn’d from joys and prosperity only,
But now, ah now, to learn from crises of anguish, advancing, grappling with direst fate and recoiling not,
And now to conceive and show to the world what your children en-masse really are,
(For who except myself has yet conceiv’d what your children en-masse really are?)”

– Walt Whitman, “Long, Too Long America”

27. Juli 2014: Luxemburg-Amsterdam; Amsterdam-Minneapolis; Minneapolis-Las Vegas

Ausgangspunkt meiner USA-Reise am frühen Morgen des 27. Julis 2014 war der Camping des Food For Your Senses Festival in Bissen, Luxemburg, auf dem ich die letzten drei Tage verbracht hatte. Ursprünglich hatte ich geplant, die Nacht durchzumachen, um nachher im Flieger meinen Schlaf nachzuholen, doch dann hatte die Müdigkeit mich schließlich doch noch überwältigt, und ich war mitsamt einiger Freunde meinerseits draußen auf dem Campingstuhl eingenickt. Wir hätten wahrscheinlich auch noch weiter durchgeschlafen, wäre nicht um halb fünf auf einmal eine Horde betrunkener Witzbolde aufgetaucht, die sich zu uns gesellte, uns mit ihrem Gegröle aufweckte und daraufhin in absurde Gespräche verwickelte. Da meine Schwester und ich bereits um sieben Uhr zuhause sein mussten, um rechtzeitig am Flughafen anzukommen, begann ich schließlich um sechs Uhr mit dem kläglichen Versuch, mein Zelt zusammenzupacken; die ganze Prozedur zog sich aufgrund meiner Postfestivalerschöpfung und allgemeinen Inkompetenz in Campingbelangen jedoch einige Zeit hin (was die betrunkenen Herren zu sarkastischen Kommentaren bezüglich meiner Packkünste verleitete). Danach klaubte ich meine Schwester auf, schulterte unsere Campingausrüstung und schlich mich mit ihr über das in eine friedfertige morgendliche Atmosphäre getauchte Festivalgelände zum Ausgang. Die Tatsache, dass ich noch eine 20-stündige Reise vor mir hatte, erschien mir in diesem Moment ziemlich surreal; zu sehr hallten noch die vielfältigen Erlebnisse des Festivals nach und ließen mich wie durch einen Traum wandeln.

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Zuhause warteten bereits unsere emsig herumeilenden und letzte Vorbereitungen treffenden Eltern auf uns; ich befand mich mittlerweile in einem durch akuten Schlafmangel provozierten Delirium und schlief auf der Stelle ein, sobald ich mich irgendwo auch nur für den Bruchteil eines Augenblicks niederließ. Nachdem wir unser Gepäck verstaut hatten, brausten wir schließlich zum Flughafen los. Unser erster, vergleichsweise ruhiger und rasch vergehender Flug führte uns nach Amsterdam, wo wir dann schnell in den nächsten Flieger, der uns über den großen Teich nach Minneapolis führen sollte, umstiegen. Die darauffolgenden acht Stunden in luftigen Gefilden verbrachte ich vornehmlich mit Schreiben und dem Nachholen von Schlaf (was allerdings nur teilweise gelang); dazu schaute ich mir Divergent an, ein ziemlich gelungener dystopischer Science-Fiction-Film im Stile von Hunger Games – die Hauptdarsteller wussten zu überzeugen, die Prämisse mit den verschiedenen Fraktionen, in die die Menschen in der post-apokalyptischen Welt eingeteilt wurden, war interessant und gut durchdacht, und dazu stellte die Handlung ein beeindruckendes Plädoyer für die menschliche Individualität dar.
Schließlich landeten wir dann auf US-amerikanischem Boden, und zwar in Minneapolis, Hauptstadt des Bundesstaates Minnesota. Meine Vorstellungen von Letzterem war vorallem durch den grandiosen Thriller Fargo der Coen-Brüder geprägt – und der Flughafen erfüllte mit seinen grässlich biederen Teppichmustern auch all meine Erwartungen. Nach zwei Stunden Aufenthalt stand dann die letzte Etappe unserer Reise vor: der dreistündige, von Turbulenzen geplagte Flug nach Las Vegas, während dessen ich mich vornehmlich am Sitz vor mir festkrallte und Fruitvale Station, ein realistisches und mit viel emotionalem Fingerspitzengefühl inszeniertes filmisches Porträt des 22-jährigen Afro-Amerikaners Oscar Grant III, der in der Sylvesternacht 2009 in der titelgebenden Station der Bay Area von einem weißen Polizisten erschossen wurde, schaute.

Nachdem wir nach unserer mehr als 20-stündigen Reise in Las Vegas gelandet waren, machte sich dann schließlich die Tatsache, dass ich die letzten drei Tage insgesamt summa summarum nicht mehr als zehn Stunden geschlafen und mich hauptsächlich von Chips, Baguette und Ananas (ein herzliches Danke an Alija für Letztere) ernährt hatte, in Form von marternden Kopfschmerzen bemerkbar. Nichtsdestotrotz nahm ich durch deren peinigenden Dunstnebel noch wahr, dass in Las Vegas, und somit an einem der trockensten Orte auf diesem Planeten, gerade ein Gewitter (!) tobte, was seine an diesen Umstand nicht gewohnten Bewohner immer wieder zu erstaunten Ausrufen und Schreien hinriss, wann immer ein Blitz irgendwo am Himmel aufzuckte und grollender Donner über die 1-Millionen-Einwohner-Stadt hinwegrollte. Das Lichterspektakel des Las Vegas Strips, das mich bereits 2008 und 2011, bei unseren beiden ersten USA-Reisen, in Erstaunen versetzt hatte, verpasste ich dieses Mal – ich war nämlich sofort wieder eingenickt, nachdem ich in unseren Leihwagen gestiegen war. Im Delano Hotel, unserer Bleibe für die kommenden Tage, angekommen, fiel ich dann sogleich – noch vollständig angezogen – in einen tiefen Schlaf.

28. Juli 2014 – Las Vegas

Da mein Schlafrhythmus ohnehin schon durch das Food For Your Senses komplett aus dem Ruder gelaufen war, hatte mich der Jetlag diese Nacht offenbar verschont – ich war nämlich nur ein einziges Mal erwacht, um schnell noch ein paar M&M‘s zu verschlingen und gleich darauf wieder in tiefen Schlummer zu versinken, bis ich schließlich relativ früh aufstand, um mitsamt meiner Familie zum Buffet zu gehen.

Den Tag verbrachten wir dann damit, den Las Vegas Strip zu erkunden. Da ich die Stadt bereits zweimal besucht hatte, bot sie auch nicht allzuviel Neues – nichtsdestotrotz versetzte mich ihre schiere Megalomanie in allen möglichen Belangen wieder einmal in Staunen. Die berühmten, die Grenzen des blanken Kitschs um Meilen überschreitenden und hoffnungslos verklärten Nachbildungen der Pyramiden von Gizeh, der Sphinx, des Eiffelturms, von Manhattan und Venedig gesellen sich dort zu riesigen, modernen und ästhetischen Glasbauten, die auch vornehmlich als Hotels fungieren; in deren Innern befinden sich wiederum schier endlose, verwinkelte Casinos, durch die pausenlos schrille Töne erschallen und Lichter aufblitzen. Eine schier wahnwitzige flächendeckende Klimatisierung sorgt dazu dafür, dass man jedes Mal einen klirrenden Kälteschock erhält, sobald man von der brütenden Wüstenhitze in das kühle Innere der Gebäude tritt. Las Vegas hört nicht umsonst auch noch den leidlich schmeichelhaften Spitznamen Sin City –  bei jedem einzelnen Schritt (und vor allem jedem einzelnen Duschgang) jault das eigene Schuldbewusstsein angesichts all dieser grotesken, wahnwitzigen und garantiert nicht umweltschonenden Mühe, die die Stadt aufwendet, um der Wüste zu trotzen, auf. Doch so sehr die ganze Verschwendung und die kitschigen Bauten einen auch abstoßen und verwirren mögen – gerade dadurch erhält Las Vegas erst seinen sonderbaren Charme.

Einen weiteren Höhepunkt der Bizarrerie erlebten wir, als auf einmal Elvis Presley in einem dieser typischen Walmart-Roller an uns am Strip vorbei düste und lauthals johlte. Glaubt nicht all die im Internet verbreiteten Lügen, er sei ums Leben gekommen – ich habe ihn mit eigenen Augen in all seiner Rock‘n‘Roll-Glorie erblicken dürfen! Auf dem Weg zum Bellagio – einem der schönsten Hotels in Las Vegas, in dem unter anderem Oceans Eleven spielte – misslang es mir dann, einen seine EP verteilenden Nachwuchsrapper konsequent genug zu ignorieren, woraufhin dieser mir kurzerhand die mit einem grässlichen Layout, das den tiefsten Abgründen von MS Paint entsprungen zu sein schien, versehene Schnupperprobe seiner musikalischen Tätigkeiten in die Hand drückte. Jegliche Versuche, ihn abzuwimmeln, wurden ad absurdum geführt, als er mir auch noch ein krakeliges Autogramm auf die Hülle kritzelte. Als er schließlich nach Geld verlangte, schob ich ihm kurzerhand 5€, die ich noch schnell aus meiner Hosentasche hervor gekramt hatte, zu. Trotz meiner Warnungen, dass er damit nicht besonders viel in den USA erwerben könnte, da diese mal wieder aus der Eurozone gekickt worden seien, nahm er sie freudig entgegen. Seinen heran eilenden Freund, der mir auch noch sein Album andrehen wollte, wehrte ich dann mit einem für meine Verhältnisse unglaublich lässigen „Sorry bro, I ain‘t got no money“ ab (ich weiß bis zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht wie diese Worte auf einmal über meine Lippen gedrungen sind). Nach dem Bellagio besuchten wir dann noch den Caesars Palace – in dem bekanntermaßen Cäsar höchstpersönlich nach seinem erfolgreich USA-Feldzug gelebt hatte -, ehe wir wieder zu unserem Hotel zurückkehrten.

Hier hat einst Cäsar gelebt. Glaubt mir. Ich habe immerhin ein Latinum.

Hier hat einst Cäsar gelebt. Glaubt mir. Ich habe ein Latinum.

Auf dem Wege dorthin entschied mein Körper dann, dass es offensichtlich eine überaus grandiose und amüsante Idee wäre, meinen Kreislauf kollabieren und mich mit dem Boden Bekanntschaft machen zu lassen – dass seine Knie sich danach in einem desolaten Zustand befinden würden, war wohl nicht Teil seines überaus wohldurchdachten Planes gewesen. Dazu verbündete sich dann noch die SD-Karte meiner Canon-Spiegelreflexkamera mit ihm im Versuch, mich zu ärgern, indem sie kurzerhand nicht mehr funktionieren wollte und ich keinen Zugriff mehr auf alle Fotos und Videos, die ich bis zu diesem Zeitpunkt erstellt hatte, erhielt. Glücklicherweise lieh mir mein Vater aber dann am Tage darauf eine seiner SD-Karten, sodass ich euch dennoch nicht nur iPhone-Fotos von den nächsten Stationen unserer Reise werde präsentieren müssen.

29. Juli 2014 – Las Vegas-Monument Valley (Navajo Tribal Park)

Der nächste Tag begann dann wieder mit einem weitaus belustigerenden Vorfall. Meine Mutter erzählte uns nämlich, dass eine Frau beim Frühstücksbuffet kurzerhand einen ganzen Teller Trauben in ihre Handtasche geschüttet und sich dann aus dem Staub gemacht hätte – welch überaus geschickte, wenn auch mit viel Putzarbeit verbundene Aktion!

An diesem Tage sollten wir fürs Erste Las Vegas verlassen, ehe wir kommenden Sonntag wieder dorthin zurück kehren würden, und ins Monument Valley fahren, zum Hotel “The View”, das vom Indianerstamm der Navajo betrieben wird. Diese hatten den Nationalpark mitsamt dem Monument Valley von der US-amerikanischen Regierungen zurückerhalten, nachdem sie zuvor jahrzehntelang in eng abgesteckten Reservaten hausen mussten, und kümmerten sich nun um die Ländereien und das, wie wir feststellen sollten, äußerst reichhaltige kulturelle Erbe ihrer Vorfahren.

Unsere Route von Las Vegas bis zum Monument Valley (Navajo Tribal Park)

Unsere Route von Las Vegas bis zum Monument Valley (Navajo Tribal Park)

Die mitsamt kurzer Pause auf einem Rasthof in Arizona knapp acht Stunden andauernde Fahrt führte uns dabei durch drei Bundesstaaten – Nevada, Arizona und Utah -, und bot dementsprechend eine großes Abwechslungsreichtum an verschiedenen, beeindruckenden Landschaften. Was mich dabei vorallem an ihnen faszinierte war ihre immense Größe. Wir durchquerten gewaltige, mal mehr, mal weniger bewachsene und kaum besiedelte Ebenen, die bis zum Horizont und darüber hinaus reichten – so etwas findet man in Europa in der Form und in diesem riesigen Ausmaße nicht vor.

Aussicht von einem Rasthof in Arizona aus

Aussicht von einem Rasthof in Arizona aus

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Dabei durchfuhren wir auch Kayenta, einen der größeren Orte in der ansonsten sehr spärlich besiedelten Gegend. Dort sah ich zum ersten Mal mit eigenen Augen, welche langfristigen Folgen der furchtbare Umgang der ersten Siedler und späterer US-Regierungen mit den Indianern hatte – Kayenta war ein trostloser, heruntergekommener Ort, mit ärmlichen, geduckten Häusern und vielen verwaisten Plätzen. Später sollte ich dann erfahren, dass ungefähr 40% der in Navajo Nation – die sich über Arizona, Nevada, New Mexico und Utah erstreckt – beheimateten Navajo-Indianer unterhalb der Armutsgrenze leben.

Die Reise selbst verbrachte ich vornehmlich mit Schlafen und Lesen in Friedrich Nietzsches – einem meiner absoluten Lieblingsphilosophen – Unzeitgemäße[n] Betrachtungen, ein äußerst faszinierendes Werk, in dem er so wundervolle Weisheiten wie die folgende darbringt:

“Ein Gelehrter kann nie Philosoph werden; denn selbst Kant vermochte es nicht, sondern blieb bis zum Ende trotz dem angeborenen Drange seines Genius in einem gleichsam verpuppten Zustande. Wer da glaubt, dass ich mit diesem Worte Kanten Unrecht thue, weiss nicht, was ein Philosoph ist, nämlich nicht nur ein grosser Denker, sondern auch ein wirklicher Mensch; und wann wäre je aus einem Gelehrten ein wirklicher Mensch geworden?”

Nachdem wir dann in der Zeit um eine Stunde nach vorne gereist waren, landeten wir schließlich gegen acht Uhr Ortszeit beim Hotel “The View” – in dem sich, wie wir nach eifrigem Lauschen zur Kenntnis nahmen, vornehmlich Schweden, Deutsche, Franzosen, Schweizer und Spanier aufhielten. Das Hotel selbst, das wie bereits erwähnt von Navajo-Indianern geleitet wird, sehr abgelegen liegt und sich durch seine Farbe und unauffällige Form geradezu natürlich in die Landschaft einschmiegt, scheint geradewegs einem Western entsprungen; überall zieren Medizinmänner, Schamanen, Krieger und Legenden die Wände, und selbst die Bettwäsche erinnert mit seinen Mustern an die farbenprächtigen Teppiche der Ureinwohner.

30. Juli 2014 – Monument Valley (Navajo Tribal Park)

Am heutigen Tage unternahmen wir morgens eine knapp dreistündige Reise ins Monument Valley selbst – eine Erfahrung, die kaum in Worte zu fassen ist, weswegen ich an dieser Stelle lieber die Bilder, die ich dabei aufgenommen habe, für sich sprechen lasse.

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Von links nach rechts: Unser Guide Daniel, meine Mutter, Daniels Tochter und Enkel, meine Schwester.

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Ich beim Ausleben meines inneren Atlas.

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Unser Guide, Daniel, selbst ein Navajo-Indianer mit herrlich trockenem Humor, erzählte uns während der sehr wackligen Fahrt durch das unwegsame Gelände, bei der wir immer wieder in unseren Sitzen rumgeschleudert wurden, allerlei von der Navajo-Kultur, und verriet uns auch die jeweiligen Namen der gewaltigen Felsmonumente, die wirkten, als ob die Natur selbst sich künstlerisch betätigt und dabei diese bizarren, aber wunderschönen Skulpturen hervorgebracht hätte. Daniel zufolge stammen die Navajo-Indianer beispielsweise ursprünglich aus Asien – vornehmlich den Philippinnen, der koreanischen Halbinsel und Japan -, und sind von Insel zu Insel weitergezogen, ehe sie vor einigen Jahrtausenden an der Westküste der heutigen USA landeten. Der Stamm der Hopi, der in einer Enklave in der Navajo-Nation beheimatet ist, wiederum stammt ursprünglich aus Südamerika. Die Ursprünge der Indianerstämme in den USA sind also über die gesamte Welt verteilt – was wiederum einmal eindrucksvoll vor Augen führt, wie eng wir Menschen letztendlich allesamt miteinander verwandt sind.

Später führte uns Daniel dann noch in die mit gebackenem Lehm bedeckte Hütte einer sogenannten Hogan, der Matriarchin und somit das Familienzentrum der Navajo. Interessanterweise gibt es auch einen männlichen Hogan mit eigener Hütte, der Daniel zufolge aggressiver ist – womit dann wohl auch der offensichtliches Ursprung des Namens eines gewissen, mit charakteristischem blonden Bart ausgestatteten US-amerikanischen Wrestlers geklärt wäre.

Das Nähwerkzeug des Hogans zum Anfertigen von Teppichen.

Das Nähwerkzeug der Hogan zum Anfertigen von Teppichen.

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Die Hütte der Hogan.

Diese bizarre Felsformation hört Daniel zufolge auf den Namen "Yoda".

Diese Felsformation hört Daniel zufolge auf den Namen “Yoda”.

Ein paar friedlich schlummernde Touristen.

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Einige in den Fels eingeritzte Zeichnungen der Navajo.

Einige in den Fels eingeritzte Zeichnungen der Navajo.

Am Abend wurde dann noch draußen auf der Terrasse, die tagsüber einen herrlichen Ausblick über den Nationalpark bot, ein alter John Wayne-Film – der im Monument Valley gedreht worden war – aufgeführt. Während ich mir anschaute, wie in diesem rebellische Indianer von weißen US-Amerikanern niedergeschossen wurden, keimte in mir die Frage auf, was wohl die Nachfahren von Ersteren, die den Film zeigten, über die ziemlich einseitige und negative Darstellung ihrer Vorfahren denken mussten.

31. Juli 2014 – Monument Valley (Navajo Tribal Park) – Bryce Canyon National Park

Unsere Route vom Monument Valley (Navajo Tribal Park) bis hin zum Bryce Canyon National Park

Unsere Route vom Monument Valley (Navajo Tribal Park) bis hin zum Bryce Canyon National Park

Am heutigen Tage stand erneut eine längere Reise an – dieses Mal in den (relativ) nahe gelegenen Bryce Canyon National Park. Während der Fahrt wurde die Vegetation um uns herum allmählich wieder üppiger und grüner, und es tauchten erstmals wieder Bäume auf. Während der Fahrt habe ich Nietzsches Unzeitgemäße Schriften – die er mit einem beeindruckenden, ästhetischen Text über die Opern Wagners abschloss – fertig gelesen, Peripherys zweites Album, Converges No Heroes und Coldplays Ghost Stories gehört und an meiner neuen Webshow gewerkelt. Nur soviel zu Letzterer: Es wird eine auf YouTube-freundliche Episoden von 5-10 Minuten verteilte Krimiserie, die sich um die abgedrehten Fälle zweier Ermittler – ein Mensch und ein Tier, welches ich an dieser Stelle noch nicht verraten werde -, in einem kleinen Dorf mit lauter verbrecherischen Einwohnern dreht. Bisherige Arbeitstitel: Benanna Crimes, Useldange Vice und Hot Fur(r).

Nach etwas mehr als fünf Stunden Fahrt landeten wir dann schließlich in einem Ort namens Ruby’s Inn, an dem sich ein gewisser Ruby 1916 niedergelassen und die titelgebende Schenke eröffnet hatte – sonst gibt es, außer einer nachgebauten Wild West-Dorfstraße, unserem Hotel und einem Rodeosplatz auch nicht besonders viel dort zu sehen. Besagte, aus massiven Holzbalken und Steinen errichtete Gaststätte wurde mittlerweile zu einem wahrhaftigen Touristen-Hub mit Souvenirshop und Einkaufszentrum umfunktioniert, in dem ich tatsächlich Sriracha-Chips entdecken durfte – oh danke dir, USA, Heimat der ausgefallenen und exquisiten Geschmacksrichtungen! Desweiteren erspähten wir noch einige Franzosen, die sich im Wild West-Stil verkleidet hatten – was wiederum weniger geschmackvoll ausfiel.

1. August 2014 – Bryce Canyon National Park – Zion National Park

Der Tag begann erfreulich – immerhin hatte ich endlich genügend Spenden für die zweite Brücke in meinem auf den Namen Baggins getauften Dorf in Animal Crossing: New Leaf gesammelt und diese fertig gestellt, was meine tierischen Mitbewohner und ich mit reichlich Pyrotechnik zelebrierten. In der Realität wiederum verschlug es uns in der ersten Hälfte des Tages in den 1923 gegründeten Bryce Canyon National Park, der wieder einmal zahlreiche überwältigende Landschaften bot, die ich euch nachfolgend zeigen möchte.

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Besonders angetan haben es mir die sogenannten Limber Pines, die an den unwirtlichsten Stellen aus dem Boden empor sprießen können und mich irgendwie an Ents erinnern:

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Nachdem wir genügend Postkartenmotive gesammelt hatten um damit zukünftig unschuldige Familienmitglieder und Freunde in endlosen Dia-Sessions quälen zu können, wagten wir uns in brütender Hitze an den Abstieg hinab in den Canyon. Der zu diesem Zweck von uns beschrittene “Navajo Trail” war mit 1,6 Kilometern nicht ausufernd lang, aber sehr anstrengend, da er vornehmlich aus steilen Serpentinen bestand, die sich ins Tal hinab schlängelten.

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Die sogenannten “Legend People”, die den Sagen der einheimischen Ureinwohner zufolge Menschen sind, die von einem trügerischen Gott in Gestalt eines Fuchses zu Stein erstarrt wurden.

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Danach sollten wir eigentlich weiterfahren, verirrten uns stattdessen jedoch in den tiefen Wäldern Utahs und mussten uns von wilden Schwarzbären, Beeren und Sträuchern ernähren, ehe wir, nach unsäglich langen zwanzig Minuten, endlich wieder die Zivilisation erreichten und weiter zum Zion National Park fuhren. Auf dem Weg dorthin begutachtete ich die trotz ihrer Nähe zur Wüste und hohen Temperaturen ausgesetzten grünen und schönen Prärien Utahs, die von blauen Bergen in der Ferne gekrönt wurden – bis auf einmal bei der Farm irgendeines offensichtlich zu schwarzem Humor neigenden Bauern ein Traktor, der von einem täuschend echten Modelskelett geritten wurde, auftauchte und mir einen regen Schrecken einjagte. Also vertiefte ich mich lieber wieder in die Lektüre von Tad Williams’ The Dragonbone Chair, dem ersten Teil der Memory, Sorrow and Thorn-Tetralogie und dazu mein erster Fantasyroman seit Langem. Die Motive der Geschichte rund um den Küchenjungen Simon Mooncalf, der in ein von Magie und Schwertergeklirr erfülltes Abenteuer hineinstürzt, sind zwar klischeehaft, und die Ereignisse kommen nur langsam ins Rollen, aber das stört nicht weiter, da Williams sich ausgiebig Zeit lässt die sehr interessante und mit vielen Geheimnissen versehene Welt mit den in ihr beheimateten Charakteren vor den Augen des geneigten Lesers zu entfalten – und dazu ist das Ganze in einem reichhaltigen und schönen Englisch verfasst, das einem beim Lesen eine wahre Freude bereitet.

Unsere Route vom Bryce Canyon National Park bis zum Zion National Park.

Unsere Route vom Bryce Canyon National Park bis zum Zion National Park.

Gegen Abend erreichten wir dann schließlich unser Ferienresort, das etwas außerhalb des Zion National Parks liegt und eine Fitnesssekte beherbergt, die im Spa sonderbare Rituale abhält und wie aus dem Nichts morgens beim Buffet in ihren religiösen Zeremoniegewändern – Jogginghosen und Spamorgenmäntel – auftaucht.

2. August 2014 – Zion National Park

Dass Utah eine Mormonenhochburg ist, hatten wir schon aufgrund der Tatsache, dass wir in Ruby’s Inn gratis Bibeln mitnehmen, dafür aber nirgendwo Alkohol kaufen konnten, festgestellt – aber auch im Zion National Park, den wir am heutigen Tage besuchten, wimmelte es nur so vor religiösen Reminiszenzen. Der breite Fluss, der sich seinen Weg durch den Canyon bahnt, hört auf den Namen Virgin River, und über ihm thronen drei Bergriesen, die Abraham, Isaak und Jacob heißen – was mich wiederum an meine rezente Hausarbeit erinnerte, in der ich mich ellenlang mit Sören Kierkegaards philosophischer Nacherzählung von Abrahams Glaubensprüfung und deren absurder Natur beschäftigt hatte.

Heute drosselten wir unsere tägliche Hiking-Dosis und bewältigten den kürzesten Pfad, den der National Park bot – immerhin erwarteten uns dafür aber wieder einmal berauschende Landschaften, ein tröpfelnder Wasserfall und eine überraschende Begegnung mit einer Ringelnatter.

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