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USA Reisetagebuch – Teil 3

10. August 2014: Santa Barbara

Am heutigen Tage besuchten wir unsere 94-jährige Großtante Léonie, die vor 50 Jahren Luxemburg verlassen hatte, in die USA emigriert war und nun in einer Residenz für ältere Leute, in der sie über ihre eigene Wohnung mitsamt beschaulichem, von Avocado-Bäumen umrahmten Patio verfügt, lebt. Bis vor Kurzem ist sie noch munter mit ihrem Auto gefahren und hat sogar einmal jährlich den mehr als 10-stündigen Flug nach Luxemburg auf sich genommen. Mittlerweile (!) fühlt sie sich zwar etwas zu alt für all dies, und auch ihr Körper beginnt schon die vergangenen Lebensjahre zur Kenntnis zu nehmen, aber nichtsdestotrotz ist sie noch immer erfrischend aufgeweckt, lebhaft, und von einer unersättlichen Neugierde beseelt – als wir bei ihr waren, stellte sie uns mit unablässigem Interesse Fragen über alle möglichen Themen und stürzte sich auch des Öfteren mit meinem Vater in Gespräche über die US-amerikanische Politik und Gesellschaft. Dazu verfügt sie über einen großartigen Humor, der insbesondere heute bei einer äußerst amüsanten Szene nach unserem gemeinsamen Mittagessen in einem französischen Restaurant zum Vorschein gekommen war. Beim Verlassen ebendieses streiften wir draußen eine Geburtstagsgesellschaft, die den 99sten Geburtstag eines Familienmitglieds zelebriert hatte und noch die übliche Verabschiedungszeremonie vollführte. Plötzlich schälte sich ein älterer, vornehm gekleideter Herr aus der Menge und begann mit Léonie, die soeben an ihm vorbeizog, zu flirten. Als er ihr im Laufe des erheiternden und pointierten Gesprächs – ältere Menschen sind, wie ich in diesem Moment feststellen durfte, wahre Profis im gegenseitigen Anbändeln – schließlich sein Alter (er zählte 83 Lenze) verriet, antwortete unsere Tante ihm mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen, dass er ihr zu jung sei – den Altersgraben versuchte dieser dann noch kurzerhand noch mit dem Angebot einer Massage zu überwinden, ehe die beiden sich mit einem charmanten Abschiedsgruß voneinander verabschiedeten.

Nach dieser erheiternden Begebenheit kehrten wir dann zu Léonie zurück und pflückten noch einige Orangen, die am Weg entlang ihres Hauses wuchsen. Nachdem ich die ganze Reise über in Animal Crossing: New Leaf virtuelle Früchte geerntet hatte und an den Arbeitsprozess dort gewohnt war, war ich dementsprechend umso mehr verwundert, dass nun nach energischem Schütteln des Baumstammes keine drei Orangen herab purzelten.

Am Abend erkundeten meine Schwester und ich noch den Pier von Santa Barbara, auf dem wir unter anderem die Bekanntschaft mit einem Pelikan (siehe letztes Foto vom heutigen Tage) machten, der alle Touristen, die ihm zu nahe rückten um besonders spektakuläre und instagramwürdige Fotos zu ergattern, kurzerhand mit Drohgebärden in die Flucht schlug. IMG_8900 IMG_8903 IMG_8908 IMG_8924 IMG_8925 IMG_8928 IMG_8929 IMG_8935 IMG_8937 IMG_8951

11. August 2014: Santa Barbara

Heute fiel mir zum ersten Mal auf, dass sich in Santa Barbara beinahe täglich das gleiche faszinierende Naturschauspiel vollzog: kroch in den frühen Morgenstunden noch dichter Nebel durch die Straßen der Stadt und die bewaldeten Hügel in der Umgebung, so klärte sich dieser im Laufe des Tages auf, und der graue Himmel wurde in ein wolkenloses, strahlendes Azur getaucht, sodass Horizont und Meer im Farbenspektrum näher aneinander rückten und beinahe nahtlos ineinander übergingen. Ein weiteres herausstellendes Merkmal der Stadt ist die Eisenbahnstrecke, die quer durch diese verläuft – wo immer man sich auch in Santa Barbara befindet, vernimmt man mehrmals die Stunde einen vorbeirauschenden Zug.

Gegen Mittag zog es uns in die State Street – die architektonisch sehr ansehnliche und mehrere Meilen lange Hauptstraße von Santa Barbara -, auf der sich zahlreiche urige, kleine Einzelläden und hippe Restaurants tummeln. Dort befand sich auch der über ein großes Angebot an Postern, Alben und Vinyl verfügenden Musikladen, in dem ich bereits vor 3 Jahren einer wahren Stöberlust anheim gefallen war. Dieses Mal kaufte ich mir wieder etwas – und zwar, ganz im Zeichen meiner tierischen Begegnung am gestrigen Tage auf dem Pier, ein Album der Post Metal-Band Pelican. Auf dem Weg zurück zum Hotel stießen wir dann auch auf eine Scientology-Kirche – Tom Cruise war leider abwesend. IMG_8958

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In Santa Barbara scheinen sich auch einige unerbittliche Reagan-Nostalgiker niedergelassen zu haben.IMG_8962 IMG_8965 IMG_8966

Den Rest des Tages verbrachten wir dann im Hotel, wo ich in The Dragonbone Chair weiterlas. Während meiner Lektüre schwirrten unzählige verschiedene Sprachen aus aller Welt am offenen Fenster unseres Hotelzimmers vorbei. Unsere Hotelanlage zeichnete sich dadurch aus, dass sie sich eng um den zentral liegenden Pool schmiegte und somit alle Gäste näher beieinander wohnten; daher gelangte man – ähnlich wie bei einem Motel -, sofort an die frische Luft, sobald man das Zimmer verließ. Dadurch wirkte das Hotel auch weniger verlassen und weitaus heimlicher. Während ich also The Dragonbone Chair – das langsam auf die Zielgeraden zumanövrierte – verschlang, begann die Zeit langsam zu gerinnen, und jegliches Gespür dafür entwischte dem tastenden Griff meines Geistes. Irgendwann währenddessen erfuhr ich dann auch von Robin William’s Tod in San Francisco. Der Abend brach herein und die Sonne sank hernieder; schließlich schlossen wir mit einem Besuch im Restaurant und in einer Bar namens “Longboard’s Grill” den Tag ab. Letzterer bot den Gästen die Möglichkeit, sich soviele Erdnüsse wie einem beliebte aus einem bauchigen Fass zu nehmen, diese zu verspeisen und die Schalen kurzerhand auf den Boden zu schmeißen – so zelebrierten meine Familie und ich also unsere fernen animalischen Vorfahren, während die Nacht hereinbrach.

12. August 2014: Santa Barbara – Santa Monica

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Nach einem weiteren Mittagessen mit unserer Großtante Léonie in einem Restaurant am Strand machten wir uns schließlich auf den Weg zur letzten Station unserer USA-Reise – Santa Monica, Teil der Los Angeles County.

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Der schnelle junge Herr im Auto vor uns auf dem Wege nach Santa Monica war offenbar auch ein Freund der rasenden Musik.

Der Rest des Tages verlief vergleichsweise ereignislos. Was mir aber heute insbesondere wieder in den Restaurants auffiel, war die Tatsache, dass die bereits seit einiger Zeit grassierende Wasserknappheit in Kalifornien wahrhaftig spürbare Konsequenzen hatte. In besagten Restaurants befanden sich nämlich an jedem Tisch Infokarten, die auf den Mangel an Wasser im US-Bundesstaat hinwiesen, was unter anderem dazu führte, dass man Trinkwasser nur auf Anfrage und nicht, wie es sonst in US-amerikanischen Gaststätten üblich war und ich es auch noch von unseren letzten USA-Reisen in Erinnerung hatte, sofort serviert bekam.

13. August 2014: Santa Monica

Der heutige Tagesplan ließ mein Cineasten-Herz höher schlagen – unser Besuch in den Warner Bros. Studios stand nämlich an! Dafür fuhren wir von Santa Monica nach Los Angeles, was ungefähr eine halbe Stunde dauerte. Los Angeles ist, wie ich beim Durchfahren heute erneut feststellte, bis auf einige sehenswerte Plätze wie Hollywood, den Sunset Boulevard, Beverly Hills, Venice Beach und das LACMA keine besonders ansehnliche Stadt, was unter anderem an den endlosen, aus geduckten Häusern bestehenden Blocks und der zweckmäßigen Architektur der meisten Gebäude liegt – Santa Monica präsentiert sich im Vergleich dazu, insbesondere aufgrund der lebhaften Atmosphäre in seinen gepflegten Straßen, von einer weitaus ästhetischeren und auch weniger künstlichen Seite.

Vor unserer Tour durch die Warner Bros. Studios vertrieben wir noch einmal unsere Zeit auf dem Sunset Boulevard (der, da wir ihn schon zum dritten Mal besuchten, ähnlich wie Las Vegas bereits einiges an Reiz eingebüßt hatte); auf dem dort liegenden Walk of Fame hatte sich, wie wir sobald feststellten, eine riesige Menschentraube um den mit zahlreichen Trauerbekundungen geschmückten Stern vom zwei Tage zuvor verstorbenen Robin Williams gebildet. Dazu besuchten wir noch einmal das Chinese Theatre mit den zahlreichen in Beton verewigten Hand- und Fußabdrücken und krakeligen Unterschriften von Prominenten aus der Filmbranche und betrachteten den die um Los Angeles aufregenden Hügel schmückenden Hollywoodschriftzug, ehe wir schließlich hastig zu den Warner Bros. Studios eilten.

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Die zweistündige Tour durch die Warner Bros. Studios war eines meiner persönlichen Highlights auf unserer USA-Reise. Wir tuckerten in einem golfwagenähnlichen Gefährt über das riesige, von umtriebig umherwuselnden Filmschaffenden gefüllte Gelände, auf dem unzählige Serien wie The Big Bang Theory, Friends, Emergency Room, The Mentalist, Pretty Little Liars gefilmt und zum Teil zahlreiche meiner Lieblingsfilme, wie etwa The Dark Knight, Inception, und Minority Report gedreht worden waren. Unser äußerst sympathischer Guide – der über ein gewaltiges Filmwissen verfügte und daher auf alle unsere bohrenden Fragen zu antworten wusste – gab immer wieder amüsante Anekdoten zum Besten und ließ uns auch auf eigene Faust die verschiedenen Sehenswürdigkeiten und Sets  erkunden. Das wahrlich Interessante an den Studios ist, dass kein einziger Fleck ungenutzt bleibt – selbst die zweckmäßigsten Gebäude, die beispielsweise Drehbuchautoren beherbergen oder für Marketingbelange genutzt werden, können jederzeit zu einer Kulisse für einen Film umgewandelt werden. Dazu verfügen die Studios über eine gewaltige Requisitensammlung, einen wild wuchernden Wald (der unter anderem in Jurassic Park als Dschungelkulisse herhielt), und eine eigene Tankstelle. Zwischen den riesigen, charakteristischen Hallen wurde dazu, wie ich erfahren durfte, das berühmte Cover für eines meiner Lieblings-Pink Floyd-Alben, Wish You Were Here, aufgenommen.

Am Besten gefiel mir aber die Harry Potter-Austellung im studioeigenen Museum, das über zahlreiche Originalrequisiten aus den Filmen verfügte und mich als großen Fan der Bücher als auch der Filme dementsprechend in rege Begeisterung versetzte. Man erhielt dort übrigens auch die Möglichkeit, sich vom Sprechenden Hut in eines der vier Häuser von Hogwarts schicken zu lassen – meine Schwester und Mutter landeten in Slytherin, mein Vater in Hufflepuff und ich in Gryffindor (WUHU!). Ich möchte mir lieber nicht ausmalen, zu welchen familieninternen Streitigkeiten diese Aufteilung führen würde, wenn wir in der Zauberwelt von Harry Potter leben würden.

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Am Abend dann trafen wir noch meinen Cousin – unsere halbe Familie tummelte sich zu dem Zeitpunkt in den USA – und seine Freundin zum gemeinsamen Abendessen.

14. August 2014: Santa Monica

Am heutigen letzten Tag unserer USA-Reise ließen wir unseren Urlaub ruhig und gemächlich ausklingen. In der Zwischenzeit hatte ich The Dragonbone Chair beendet und verbrachte den Tag nun damit, ein bisschen in meinem nächsten Buch – Peter Kropotkins La Conquête du Pain, eines der bedeutendsten Werke des Anarcho-Kommunismus, – zu lesen; dazu besuchten wir noch das Bergamot Station Arts Center, in dem in zahlreichen Hallen kontemporäre Künstler ihre Werke ausstellen, ehe wir am Abend noch einmal am Pier von Santa Monica – an dem übrigens die weltberühmte Route 66, die von Chicago bis Santa Monica führt, endet – entlang flanierten und den Anblick des Sonnenuntergangs über dem endlosen Pazifik genossen.

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15. August 2014: Santa Monica – Los Angeles; Los Angeles – Paris; Paris – Luxemburg

Heute stand unsere lange Rückreise nach Europa an – und bei dieser Gelegenheit flog ich auch zum ersten Mal in einem Airbus A380, dem größten Passagierflugzeug der Welt. Ich habe zeit meines Lebens, in dem ich schon sehr viel geflogen bin, noch nie einen solch weichen und grazilen Start erlebt. Es ist schon beeindruckend genug, dass eine solch gewaltige und schwere Maschine sich überhaupt in die Luft emporzuheben vermag – aber dass sie sich dann so dermaßen leicht und unmerklich in die Höhe schraubt, dass einem nicht einmal auffällt, dass man sich auf einmal mehrere tausend Meter über dem Erdboden befindet, ist wahrlich eindrucksvoll. Die 10-stündige Reise verging dann – man vergebe mir die abgegriffene Floskel – auch tatsächlich wie im Flug, den ich vorallem mit Schauen von TV-Serien – unter anderem Modern Family, die dafür sorgte dass ich immer wieder in Lachen ausbrach und so wohl so einige schlummernde Fluggäste aufweckte – , etwas Animal Crossing, Arbeiten an meinen Filmen und Good Will Hunting – in dem Robin Williams eine seiner überzeugendsten Rollen in wunderbar geschriebenen Dialogen und Monologen zum Besten gibt – verbrachte. Da ich aufgrund einiger Turbulenzen über dem Atlantik zu aufgeregt war um zu schlafen, tat ich während des gesamten Flugs kein einziges Auge zu – und hatte somit zum ersten Mal seit Längerem mal wieder einen zünftigen 26-Stunden-Tag, bei dem man am Ende nur noch mit Schlafzimmerblick durch die Gegend torkelt und jeglichen Sinn beraubtes Zeug über die eigenen Lippen dringt. Nachdem wir nach einem Zwischenstopp in Paris in Luxemburg landeten und dann schließlich nach einer weiteren halbstündigen Fahrt unser Dorf erreichten, ging ich noch etwas mit meiner Familie spazieren und versuchte meinen sehnsüchtig erwarteten Schlaf noch so lange wie möglich hinaus zu zögern, ehe ich in meine weichen Laken stürzte und, noch berauscht von den unzähligen Impressionen der hinter mir liegenden dreiwöchigen Reise, in tiefe Träume versank.

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Es waren erlebnisreiche und wunderbare drei Wochen, und die USA sind eine weitaus zu vielfältige Gegend, als dass ich sie jetzt in einem einzelnen Schlusskommentar zusammenfassen könnte. Auch mit meinem Reisetagebuch habe ich letztendlich nur einen vergleichsweise äußerst kleinen Teil all dessen, was die USA zu bieten haben und was sie ausmachen, abbilden können – und dazu nur aus der Perspektive eines Wandernden. Deswegen bleibt mir am Schluss nur übrig, euch anzuraten, selbst einmal dorthin zu reisen – es lohnt sich, und selbst als Tourist erhält man, sofern man sich die Zeit dafür nimmt alles um sich herum genau zu beobachten und auch über mehrere Wochen bleibt, bereits einen sehr erhellenden Blick in das Leben in den USA und die US-amerikanische Gesellschaft.

Die letzten Worte meiner Serie gehören dann aber Walt Whitman, dem größten US-amerikanischen Poeten aller Zeiten, der wie kein anderer eine die zerrütteten und widersprüchlichen, aber auch äußerst interessanten Vereinigten Staaten von Amerika in Worte zu fassen vermochte:

'I hear America singing, the varied carols I hear,
Those of mechanics, each one singing his as it should be blithe
     and strong,
The carpenter singing his as he measures his plank or beam,
The mason singing his as he makes ready for work, or leaves off
     work,
The boatman singing what belongs to him in his boat, the
     deckhand singing on the steamboat deck,
The shoemaker singing as he sits on his bench, the hatter singing
     as he stands,
The wood-cutter’s song, the ploughboy’s on his way in the
     morning, or at noon intermission or at sundown,
The delicious singing of the mother, or of the young wife at
     work, or of the girl sewing or washing,
Each singing what belongs to him or her and to none else,
The day what belongs to the day—at night the party of young
     fellows, robust, friendly,
Singing with open mouths their strong melodious songs.'
- Walt Whitman, 'I Hear America Singing'