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La Haine

[SPOILERWARNUNG – LEST EUCH DIE REVIEW ERST DURCH, WENN IHR DEN FILM GESEHEN HABT]

Mathieu Cassovitzs 1995 erschienener Film La Haine dreht sich zwar hauptsächlich, wie der Titel des Streifens bereits verlauten lässt, um die offensichtlich zerstörerischste aller menschlichen Emotionen – Hass in all seinen fürchterlichen Facetten -, doch die wahre, im Hintergrund lauernde Gefahr in ihm geht letztendlich von einem weitaus unscheinbareren Gefühl aus: der Langeweile. Charles Baudelaire beschrieb einst in seinem ‘Au Lecteur’ betitelten Vorwort zu seinem 1857 erstmals veröffentlichten und 1868 schließlich in seiner finalen, überarbeiteten Form erschienenen Hauptwerk Les Fleurs du Mal dieses “schlimmste” und “schmutzigste” aller Laster, die die menschliche Existenz plagen, folgendermaßen:

Mais parmi les chacals, les panthères, les lices,
Les singes, les scorpions, les vautours, les serpents,
Les monstres glapissants, hurlants, grognants, rampants,
Dans la ménagerie infâme de nos vices,

II en est un plus laid, plus méchant, plus immonde!
Quoiqu’il ne pousse ni grands gestes ni grands cris,
Il ferait volontiers de la terre un débris
Et dans un bâillement avalerait le monde;

C’est l’Ennui! L’oeil chargé d’un pleur involontaire,
II rêve d’échafauds en fumant son houka.
Tu le connais, lecteur, ce monstre délicat,
— Hypocrite lecteur, — mon semblable, — mon frère!

[Doch zwischen Panthern, Schakalen und Hunden,
In der Skorpionen, Schlangen, Affen Welt,
Die kriecht und schleicht und heult und kläfft und bellt,
Im Tierhaus unsrer Taster ward gefunden

Das schlimmste, schmutzigste von allen Dingen,
Die Qual, die nicht Gebärde hat noch Schrei,
Und doch die Erde macht zur Wüstenei
Und gähnend wird dereinst die Well verschlingen:

Der Uberdruss! – Tränen im Blick, dem bleichen,
Träumt vom Schafott er bei der Pfeife Bauch.
Du, Leser, kennst das holde Untier auch,
Heuchelnder Leser – Bruder –: meinesgleichen!]

Die drei Hauptcharaktere des Films – Saïd (gespielt von Saïd Taghmaoui), Hubert (Hubert Koundé) und Vincent alias “Vinz” (Vincent Cassel) – sind genau dieser von Baudelaire erläuterten “Qual” in all ihrer Intensität ausgesetzt. Es sind die Klauen des aus ihrem perspektivlosen Leben in einem tristen, nicht näher benannten Pariser Vorortes resultierenden Überdrusses, die schließlich die alles in Schutt und Asche legende, namensgebende Spirale aus Hass und Gewalt entfesseln werden. So wirkt das überdimensionale Porträt Baudelaires, das passenderweise am Ende dieses großartigen und erschütternden Filmes, den ich euch an dieser Stelle vorstellen möchte, an einer Hauswand prangt, im Nachhinein dann auch umso mehr wie ein bitteres Omen für die sich kurz darauf unter ihm abspielende Katastrophe, auf die alle sich im Laufe des Streifens abspielenden Ereignisse mit der Präzision eines Uhrwerks zurasen.

Die fürchterliche Konklusion des Films alleinig auf den besonders in ärmlichen Vororten grassierenden Überdruss einer oftmals arbeits- und perspektivlosen Jugend zurückzuführen wäre allerdings zu simplistisch. Dessen ist sich auch der Film bewusst, und breitet deswegen ein ganzes Netz aus verschiedenen Faktoren aus, die den gegenseitigen Hass zwischen Vorortjugend und Establishment gebären. Zunächst einmal stellt der Film dar, wie überfordert die Behörden und insbesondere die Polizei mit den Jugendlichen aus den Vororten sind, und wie dies zu Gewalt und notwendigerweise auch Gegengewalt führt. Dazu zeigt er, wie nach und nach den jungen Menschen in den Banlieues das Wenige, über das sie verfügen, entrissen wird. Es mangelt an Gemeinschaftsräumen; bei den dem Film vorausgehenden Krawallen wurde die Boxhalle – einer der wenigen Treffpunkte, an denen sich die Jugendliche ausspannen und von ihrem leeren Alltag ablenken konnten – niedergebrannt, und spontane und von den Bewohnern ausgehende Versuche, überhaupt so etwas wie ein Gemeinschaftsleben zu errichten, werden sofort von der Polizei im Keim erstickt, was wiederum zu gewaltsamen Reaktionen führt. All dies lässt den Zuschauer nicht nur die Beweggründe der drei Protagonisten, sondern auch die realer Jugendlicher in einer ähnlichen Situation nachvollziehen. Vinz – ein temperamentvoller, zu cholerischen Ausbrüchen neigender Jude -, Hubert – ein reflexiver, stiller Boxer, dessen Familie aus dem Benin stammt – und Saïd – ein immer wieder als Vermittler zwischen Vinz und Hubert agierender Araber – sind zwar kriminell, aber längst keine bösartigen Menschen. Beschränkt sich die mediale Berichterstattung in Frankreich und auch Deutschland, wenn es sich nicht gerade um eine Reportage auf arte handelt, zumeist darauf, Vorortkinder mit Migrationshintergrund ohne Differenzierung zu einer anonymisierten, jeglicher Menschlichkeit beraubte Masse aus Unruhestiftern und Verbrechern aufzuschichten, so verleiht La Haine ihnen mit seinen drei Hauptpersonen endlich einmal ein Antlitz – und eine Stimme. Ja, jeder von den dreien besitzt einen gewissen Hang zur Subversion; sie legen sich mit der Polizei an, klauen, konsumieren und dealen mit Drogen – La Haine schönt nichts. Trotzdem zeigt der Film eindrucksvoll, dass Vinz, Hubert und Saïd nicht nur irgendwelche abstrakten Entitäten sind, die den gehobenen gesellschaftlichen Ständen schlaflose Nächte bereiten, sondern atmende, lebende Menschen, mit eigenen Sorgen, Nöten und Träumen, die Gründe dafür haben, wie sie denken und handeln. Und diese Gründe liegen nicht in irgendwelchen diffusen und populistischen Konzepten wie etwa die gerne von den Medien verwendete “kriminelle Energie”, die anscheinend in jedem Vorortkind (und insbesondere jenen mit Migrationshintergrund) schlummert, sondern, wie der Film zeigt, ganz konkret in Armut, Perspektivlosigkeit und auch der daraus resultierenden, eingangs erwähnten Langeweile, die das Leben in den Banlieues besonders prägt. Nicht zuletzt illustriert der Film aber auch aufgrund seiner detaillierten Darstellung der Persönlichkeiten der drei Protagonisten, wie sehr auch diese in ihrem Handeln eine Rolle spielen und wie sehr daher auch der Umgang mit der schwierigen Situation in den Banlieues von Person zu Person variieren kann. So lehnt sich La Haine auch gegen Stigmatisierung und gar Diskriminierung von Individuen aufgrund ihrer kulturellen Hintergründe auf, und wirkt damit voreiligen abstrusen Schlussfolgerungen, wie sie gerne in verschiedenen Medien gezogen werden (“Er ist Muslim, also muss er aufgrund seiner Religion einen Hang zur Gewalt besitzen”), entgegen.                                                                                             Letztendlich muss man kein Verständnis haben für das, was die drei anrichten – jede mit gesundem Menschenverstand ausgestattete Person wird Abneigung bei der in diesem Film dargestellten Gewalt empfinden. Und doch kommt man nicht umhin, aufgrund eben dieser humanisierenden, tiefgehenden Charakterzeichnung Sympathie für Vinz, Saïd und Hubert zu empfinden – was nicht zuletzt auch an der grandiosen schauspielerischen Leistung der drei Hauptdarsteller liegt, die ihren Charakteren gekonnt Leben einhauchen. Besonders gefallen hat mir dabei Hubert Koundé in der Rolle des gleichnamigen Boxers aus dem Benin, der immer wieder als Stimme der Vernunft agiert und über einen äußerst angenehmen, beißenden Humor verfügt.

Genau so wie Baudelaire mit seinem poetischen, durchdringenden Blick die dekadente französische und insbesondere Pariser Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu sezieren und diese Beobachtungen in hinreißend schöne Sätze zu kleiden vermochte, so fängt auch La Haine mittels seines hervorragenden visuellen Stils das eingangs erwähnte triste Leben in den Parisern Vororten Ende des 20. Jahrhunderts ein. Cassovitz gelingt dabei der schwierige Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und quasi-dokumentarischer Authentizität, durch den ein äußerst interessantes Wechselspiel zwischen Form und Inhalt entsteht. In einer Szene fängt die Kamera noch unauffällig die exzellent geschriebenen und sehr realitätsnahen Dialoge ein, was La Haine in die Nähe eines Dokumentarfilms rückt, nur um ihn im nächsten Abschnitt mittels Bild-in-Bild-Mitteln, aufwendigen Zoomtechniken oder sorgfältig arrangierter Bildkomposition zu einer waschechten Arthouse-Augenweide hochzustilisieren. All dies wirkt aufgrund der sicheren Montage und dem nahtlosen Rhythmus des Films, die kein einziges Mal ins Schleudern geraten, letztendlich aber immer passend.

Auf ähnlich hohem Niveau bewegen sich auch die exzellent geschriebenen Dialoge. Das umgangssprachliche, mit vielen Kraftausdrücken und Slang gespickte Französisch, das den Film prägt, spiegelt die Realität in den Banlieues adequat wider und verstärkt den dokumentarischen Anspruch des Films. Sprache ist in La Haine dabei nicht nur inhaltlich, sondern auch formal ein wichtiges Motiv. Wo Baudelaire noch meisterhaft mit ihr jonglierte, um die unergründlichen Gefilde des menschlichen Geistes für jedermann sichtbar zu machen, so wird sie in La Haine vollends ihrer kommunikativen Funktion beraubt. Die jungen Menschen aus den Vororten mögen zwar die gleiche Sprache wie die ihnen gegenüber gestellten Polizisten sprechen, aber nichtsdestotrotz verstehen sie einander nicht mehr. La Haine zeigt immer wieder und unerbittlich die Machtlosigkeit der Sprache im Angesicht sozialer Klüfte und den daraus resultierenden Konflikten. In einer Szene wollen die drei Vorortjungs beispielsweise ihren Freund Abdel, der von einem Polizisten angeschossen wurde und wegen dem die Tumulte in der Nacht vor den Ereignissen des Films ausgebrochen sind, im Krankenhaus besuchen. Davor wartet ein Polizist, der sie darauf hinweist, dass er zum Schutz von Abdel und seiner Familie niemanden herein lassen darf. Daraufhin entbrennt eine Diskussion zwischen ihm und den drei Jugendlichen, die binnen von Sekunden in einen handfesten Streit und wüstes Beschimpfe gipfelt. In einer anderen Szene treiben sich die drei Jungs im nächtlichen Paris rum und stranden auf einer Vernissage, wo sie auch rasch in Streit mit den Veranstaltern geraten, als zwei Frauen ihre Anbändelungsversuche abweisen. Hier prallen exemplarisch zwei Welten – jene des Vorortes und die der “bürgerlichen” Gesellschaft beziehungsweise der Mittelklasse – aufeinander, die schon so weit auseinander gedriftet sind, dass jegliche Verständigungsansätze zum Desaster führen. Solcherlei Szenen gibt es in La Haine zuhauf. Der Streifen versteht sich meisterhaft auf die akribische Darstellung gradueller Eskalation in einzelnen Abschnitten, als auch über die gesamte Spiellänge verteilt – dazu passt dann auch die zum Motto des Films erkorene Erzählung Huberts vom Mann, der aus dem 50. Stockwerk eines Gebäudes springt und sich bei jedem vorbeiziehenden Stockwerk beruhigend sagt, dass bis dahin alles gut gegangen sei. Dabei ist es letztendlich die Landung, die zählt – und diese wird, gleichermaßen auf Vinzs, Huberts und Saïds Geschichte als auch auf den gesamtgesellschaftlichen Kontext, in den sie verstrickt sind, bezogen, äußerst schmerzhaft.

Doch auch wenn man das fatale Ende mit jedem einzelnen Schnitt herannahen spürt – nicht zuletzt durch die immer wieder eingeblendeten, stoisch nach vorne drängenden Zeitangaben zwischen einzelnen Segmenten des Films – , so schockiert es einen trotzdem. Man wird als Zuschauer selbst zum fallenden Mann aus Huberts Geschichte; gnadenlos zertrümmert der Film jegliche im Vorfeld aufgebaute, vergebliche Hoffnungen, dass das sich zusammenbrauende Desaster doch noch irgendwie aufzuhalten wäre. Zwar stellt man sich als Zuschauer nach dem anfänglichen Schock dann selbstverständlich noch einmal die Frage, ob man nicht irgendein kleines Detail übersehen hätte, dass das Ende verhindern hätten können – doch jegliches Streben nach einer beruhigenden Lösung erweist sich letztendlich als Sackgasse, da man weiß, dass, selbst wenn irgendein Faktor dazu beigetragen hätte, dass Vinz überlebt und Hubert den Polizisten doch nicht erschossen hätte, es sich jederzeit noch einmal hätte ereignen können. Und wenn sich diese Tragödie nicht mit Vinz, Saïd und Hubert abspielen hätte können, dann hätte sie es noch immer mit anderen, anonymen Jugendlichen aus den Banlieues tun können.

Das Ende von La Haine, dieser großartigen und vielschichtigen modernen Tragödie, die nach wie vor eine äußerst brisante Aktualität besitzt, lässt einen somit fassungslos und ohnmächtig zurück. Nur einen einziger Hoffnungsschimmer flackert schwach am Horizont: die Tatsache, dass man zumindest noch die Härte der Landung der sich von Hubert beschriebenen, im Fall befindenden Gesellschaft vermindern kann – und zwar indem man all den Saïds, Huberts und Vinzs dort draußen in den Paris Vororten eine Zukunftsperspektive bietet, die sie vor den Klauen des tobenden Ennui rettet.