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Leben und Philosophie, oder: “Philosophieren heißt sterben lernen”

„Intuitiv nämlich, oder in concreto, ist sich eigentlich jeder Mensch aller philosophischen Wahrheiten bewußt; sie aber in sein abstraktes Wissen, in die Reflexion zu bringen, ist das Geschäft des Philosophen, der weiter nichts soll, noch kann. […] Das ganze Wesen der Welt abstrakt, allgemein und deutlich in Begriffen zu wiederholen, und es so als reflektirtes Abbild in bleibenden und stets bereit liegenden Begriffen der Vernunft niederzulegen: dieses und nichts anderes ist Philosophie.“ – Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1. Band, 4. Buch, §68.

Ich habe in letzter Zeit die Gewohnheit angenommen, instinktiv davor zurückzuschrecken, meine persönlichen Erlebnisse unverändert als Fundament für meine Texte zu verwenden. Seine privatesten Erinnerungen — so konstruiert sie auch sein mögen, aber das ist wiederum ein anderes Thema, das eines eigenen ausführlichen Artikels bedarf  — roh auf dem Silbertablett zu präsentieren, ohne sie zuvor einer Stilisierung oder sonstigen Form der literarischen Transposition unterzogen zu haben, birgt oft die Gefahr, sich selbst und sein Innerstes nicht nur ungeschützt darzubieten, sondern auch unreflektiert zu wirken. Natürlich findet schon eine gewisse Metamorphose des Ereignisses statt, sobald man es aufs Papier bannt — egal in welchem Maße die Spuren der Impressionen, die ebendieses vermitteln, noch auf die Sinne nachwirken. Das sind nun einmal die Gegebenheiten des Mediums Schreiben. Nichtsdestotrotz gibt es verschiedene Grade der Distanz zwischen dem ursprünglichen Erlebnis und der finalen Form von ebendiesem im Werk des Autors. Manchmal sind die Wege, die von Ersterem zu Letzterem führen, offen und klar wie eine geradlinige Landstraße durch von einem azurnen Himmel überspannte Felder; dann wiederum sind sie verschlungen und nebulös, wie ein von dunklen Baumkronen überdeckter Pfad durch einen dichten Wald, bei der man nicht mehr zurück zur ursprünglichen Impression, die tief im Innern des schöpfenden Subjekts liegt, findet. Insbesondere Letzteres erfordert ein gewisses Maß an Zeit, um alles erst mit eigens angepflanzten Metaphern, Allegorien, Analogien und sich zu Fabeln aufschichtenden Gleichnissen überwurchern zu lassen, die dann wiederum den Weg durchs stilistische Dickicht erschweren.

Nun resultiert hieraus ein Problem, wenn man einen besonders gewichtigen Faktor, der gleichermaßen das Schreiben als auch alle anderen Formen menschlichen Ausdrucks betrifft, in Betracht zieht: Die schiere Unberechenbarkeit der Inspiration. Worte warten nämlich nicht. Sobald sie beginnen, sich als Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis oder einen besonderen Lebensabschnitt im Kopf des Schreibenden zu bilden, drängen sie sich schon heran und wollen in schriftlicher Form ihren Ausdruck finden; zögert man hierbei zu lange, entgleiten sie schon wieder dem nach ihnen greifenden Geist des schreibenden Subjekts. Ob der Moment, den sie abbilden wollen, ungeschliffen dargeboten wird oder nicht, kümmert sie dabei reichlich wenig — sie gönnen einem keinen noch so kurzen Augenblick der Ruhe, ehe sie ausformuliert und niedergeschrieben worden sind. Genau so ergeht es mir auch jetzt. Ich konnte das Geschehnis, das mich zu der vorliegenden Reflexion führte, zu dem Zeitpunkt, als die Worte über mich herfielen, nicht in die Form einer Fabel, eines Gleichnisses oder einer anderwertigen Form fiktiven Erzählens gießen, eben aufgrund der bereits oben erwähnten Dringlichkeit, mit der bestimmte Dinge manchmal verarbeitet werden müssen.

Doch dies ist nicht der einzige Grund, weswegen ich das Erlebnis, von dem die Rede sein wird, bewusst ungeformt lassen will — auch der an besagtes Ereignis anknüpfende Gedankengang ist nämlich, wie ihr es nachfolgend noch selbst feststellen werdet, sehr persönlicher Natur. Um gleichermaßen die subjektive Note der Impression als auch Reflexion zu konservieren und somit das, was mir in den Fingern brennt, so zu vermitteln wie es mich selbst ursprünglich ereilt hat, bietet es sich also um so mehr an, beide unverändert darzulegen.

I. Leben und Philosophie

Vor knapp zwei Monaten, zu Beginn meines Familienurlaubs in La Baule an der Atlantikküste Frankreichs, las ich einen äußerst interessanten und exzellent geschriebenen Artikel über die Diskrepanz zwischen akademischer Philosophie — also die, die an den Universitäten gelehrt und in deren Rahmen heutzutage Philosophie betrieben wird — und eher “massentauglicher” pop philosophy, die in deutschsprachigen Gefilden beispielsweise von Richard David Precht vertreten wird. Letztere versucht, komplexe philosophische Zusammenhänge und Ideen einem breiten Publikum nahezubringen, indem es sie beispielsweise in Bezug zu aktuellen Themen oder dem alltäglichen Leben der Menschen setzt. Interessant ist hierbei vorallem, dass der im Artikel dargestellte Graben auf den allgemeineren und sehr alten Konflikt zwischen Philosophie und dem Leben selbst, der Erstere schon seit ihren frühen Anfangstagen beschäftigt und sich infolge der kontinuierlichen “Verwissenschaftlichung” der philosophischen Disziplin noch einmal verschärft hat, verweist. Der Autor Tom Stern stellt hierbei eine große Distanz zwischen beiden fest, die so ursprünglich nicht vorhanden war — kommt aber gleichzeitig zum Schluss, dass akademische Philosophie gar nicht den Anspruch erheben müsste oder sollte, von jedermann verstanden zu werden und auf das “eigentliche” Leben (also das abseits der Philosophie) anwendbar zu sein:

“When Plato tried to describe the relationship between philosophers and others, he too reached for a boat metaphor: some people are very good at steering boats; others aren’t. You might not be one of the lucky ones. If people ignore philosophers, the fault lies not with the philosophers, but with the people. Don’t worry about making a difference through philosophy, the Platonist might say: just do the best philosophy you can and let the rest take care of itself—if, that is, you are one of the lucky ones.”
Stern unterrichtet laut eigenen Angaben im Artikel vorallem Nietzsche. Zur gleichen Zeit, als ich seinen Artikel las, war ich mehr oder minder zufällig in Nietzsche Die fröhliche Wissenschaft vertieft, deren Inhalte (wie beispielsweise die bis in die Popkultur vorgedrungene Stelle, an der Nietzsche proklamiert: “Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!”) neben denen von Also sprach Zarathustra wohl am Stärksten im kollektiven Gedächtnis der Menschheit verankert sind — sogar bei all jenen, die sonst nicht viel mit Philosophie am Hut haben oder nur eine sehr oberflächliche Beziehung zu ihr pflegen.
Einige Tage später, während wir mittlerweile weiter südlich in La Rochelle verweilten und ich noch immer mit der Lektüre der Fröhlichen Wissenschaft beschäftigt war, erreichte uns dann die Nachricht, dass unser Kaninchen Josy zuhause in Luxemburg im Alter von neun Jahren plötzlich verstorben war. Seine Aufgewecktheit und Anhänglichkeit hatten dafür gesorgt, dass er mir von Anfang an ans Herz gewachsen war, und nicht zuletzt aufgrund seines für ein Kaninchen doch sehr bemerkenswerten Alters war der kleine Kerl zu einer regelrechten Konstante in meinem Leben geworden, die mich immerhin für fast die gesamte Dauer meiner Jugend begleitet hatte. Investiert man derlei Emotionen, wird man selbstverständlich auch verletztlicher und anfälliger für ihre dunkleren Schattierungen und Gegenpole.  Dementsprechend betroffen machte mich dann auch der Tod von Josy. Wir spendeten uns sofort gegenseitig in der Familie Trost, was die überwältigende Trauer milderte — aber bei der darauf folgenden Verarbeitung seines Todes war jeder von uns letztendlich auf sich selbst gestellt.
Wäre ich nun beispielsweise gläubiger Christ gewesen, hätte ich mich noch mit dem Gedanken trösten können, dass Tiere es bestimmten Auslegungen der Bibel zufolge sehr wohl ins Jenseits schaffen könnten. Da ich aber aus weltanschaulicher Sicht eher zu einem atheistischen Existenzialismus tendiere, wollte ich stattdessen woanders Methoden und Ratschläge zur Verarbeitung suchen — und wo konnte ich besser fündig werden als in der Philosophie, die schon von vornherein ein mir im Gegensatz zu anderen Aspekten des Lebens doch einigermaßen bekanntes Feld ist und sich dazu (zumindest in der Metaphysik und praktischen Philosophie) mit ähnlichen Fragen wie Religion beschäftigt?
An dieser Stelle kristallisiert sich dann auch langsam die Brücke zu dem, was ich in der Einleitung gesagt habe, heraus. Da ich gerade Nietzsche gelesen hatte, versuchte ich natürlich, noch immer ganz benebelt von dessen euphorischen Aphorismen, bei ihm Rat zu finden.
Dabei stellte ich jedoch schnell fest, dass Nietzsche nicht unbedingt die beste Anlaufstelle ist, um Trost zu suchen, wenn das geliebte Haustier verstorben ist. Im Gegensatz zu seinem großen philosophischen Mentor Arthur Schopenhauer hat Nietzsche nämlich vergleichsweise wenig für Tiere übrig — es sei denn, sie dienen ihm als Metaphern, um das menschliche Dasein zu charakterisieren. Die fehlende Beachtung von Tieren kompensiert Nietzsche dadurch umso mehr durch seine Liebe für den Menschen, die bei Schopenhauer bekanntermaßen weniger ausgeprägt war, auch wenn er Bertrand Russell zufolge entgegen seiner in seinen Werken hinaus posaunten Lobpreisung der Askese einen doch sehr ausschweifenden und menschennahen Lebensstil führte. Dass das keinen Widerspruch darstellen muss, möchte ich euch auch noch zeigen. Natürlich hätte ich mich auch anderen Autoren zuwenden können, aber dies wurde für mich einmal nebensächlich, da Josys Tod und der Verarbeitungsprozess von ebendiesem mich auf einmal zurück zu Tom Sterns Artikel und dessen viel allgemeineren Fragestellung geführt haben, der ich in dem vorliegenden Text aus einer sehr subjektiv geprägten Sicht auf die Spur gehen will:
Kann (akademische) Philosophie wirklich konkret im (alltäglichen) Leben weiterhelfen, als Mittel zur Lebensführung dienen und somit zur Lebensphilosophie werden — so wie die Philosophie auch ursprünglich verstanden wurde, zum Beispiel bei Diogenes von Sinope, der jeglichen gesellschaftlichen Normen abschwor und seinen eigenen Lehren gemäß in einer Tonne lebte, von der aus er unter anderem der Legende nach Alexander den Großen ärgerte?
Nahm seine eigene Philosophie wenigstens noch ernst: Diogenes von Sinope.

Nahm seine eigene Philosophie wenigstens noch ernst: Diogenes von Sinope. (Bild von Jean-Léon Gérôme, 1860)

Als Philosophiestudent habe ich nun aber schon von vornherein, wie bereits angedeutet, einen ganz anderen Zugang zur Philosophie. Sie ist bereits ein bedeutender Teil meines Lebens, mit dem ich sehr viel Zeit in Form von systematischer Lektüre von philosophischen Texten sowie Seminaren, Vorlesungen und Verfassen von philosophischen Essays und Hausarbeiten verbringe. Das Hauptaugenmerk meiner Fragestellung liegt dementsprechend vielmehr darauf, inwiefern dieser doch sehr wichtige Teil meines Lebens mit den anderen interagiert und bis zu welchem Grad in sie hinein wirkt. Welche anderen Teile meines alltäglichen Lebens abseits meines Studiums sind nun damit genau gemeint? Die Philosophie — und hierin liegt dann auch die Problematik — beschäftigt sich nämlich mit allen möglichen Themen, die den Menschen und seine Umwelt mehr oder minder direkt betreffen, und dementsprechend kommt man nicht umhin, das zu besprechende Feld einzugrenzen. Im Kontext von Josys Tod ging es vorallem um die die menschliche als auch tierische Existenz konstituierenden Elemente wie Leben, Tod, Leid und den Sinn beziehungsweise die Sinnlosigkeit hinter all dem und die Bewältigung der daran anknüpfenden Emotionen — alles Themen, mit denen sich die Philosophie umfassend auseinandergesetzt und zu denen sie auch ihre eigenen, sehr vielfältigen Positionen aufgestellt hat. Auch für Probleme hinsichtlich schwieriger moralischer Entscheidungen, vor die jeder von uns Zeit seines Lebens gestellt wird — zum Beispiel, ob man nun Tiere essen darf oder nicht, und unseren allgemeinen Umgang mit ihnen —, hat die Philosophie Lösungsansätze parat.
Hier kristallisiert sich aber auch schon das erste Problem heraus. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich immer mehr philosophische Systeme herausgebildet, die all diese Bereiche der menschlichen Existenz mehr oder minder vollständig abdecken. Aufgrund ihrer Rigidität, wissenschaftlichen Strenge und hohem Grad an Abstraktion sind sie allerdings umso schwieriger auf das alltägliche Leben und die Realität applizierbar. Immanuel Kants in seiner Kritik der praktischen Vernunft dargelegte Moralphilosophie, die wiederum auf seinem in seiner  Kritik der reinen Vernunft — das wahrscheinlich einflussreichste Werk der modernen Philosophiegeschichte — aufgestellten philosophischen System fußt, ist zwar prinzipiell auf alle menschlichen Handlungen anwendbar, scheitert aber rasch daran, dass der Alltag schnellere Entscheidungen erfordert, oder sich Situationen ereignen, die schwierig in die strengen Schemata einzuordnen sind. Wird man als Zeuge eines Gewaltverbrechens vor die Wahl gestellt, einzugreifen oder nicht, hat man schlicht und einfach nicht die Zeit zur Verfügung, es zu kategorisieren, eine allgemeingültige Maxime aufzustellen und dann noch gemäß dieser zu handeln — es sei denn, man nimmt Vereinfachungen und Kompromittierungen in Kauf, was Tom Stern in seinem Artikel wiederum (durchaus zurecht) kritisiert hat.
 Streng systematische Philosophien — die auch heute noch beispielsweise in Form der Analytischen Philosophie oder Wissenschaftstheorie die akademische Philosophie dominieren — sind also denkbar ungeeignet, als Lebensphilosophien zu fungieren. Nicht zuletzt weil sie auf präzisen Argumentationsketten aufbauen, läuft man Gefahr, ihre Validität und Stärke bei der Anwendung auf die eigenen Lebensumstände zu untergraben, da man, um sie überhaupt erst als Richtlinien für das eigene Leben nehmen zu können, oftmals zurecht schneidern muss. Vergisst man dabei ein Glied der Argumentation — was allzu leicht passieren kann, wenn man das sperrige Gerüst der eigenen, viel biegsameren Realität aufzwängen will — , bricht das ganze Gebäude des philosophischen Systems zusammen und wird nutzlos. Das bedeutet wiederum man nicht einfach mal so einzelne Argumentationsfragmente eines philosophischen Systems nutzen kann, um das eigene Leben zu strukturieren — aus ihrem systematischen Kontext gerissen ergeben sie oftmals nämlich keinen Sinn mehr.

Dazu darf man sich keinen Illusionen hingeben: Die meisten Erkenntnisse, die in der Philosophie gesammelt wurden und werden, finden kaum Einzug in das alltägliche Leben des Großteils der Menschheit, und wirken sich wenn dann nur indirekt auf dieses aus. Ob wissenschaftliche Theorien jetzt soziale Konstrukte sind oder sich tatsächlich auf in einer unabhängigen Realität existierende Entitäten beziehen, ist zwar für Philosophen ein großes Thema, aber für viele Menschen ändert das kaum etwas an der Art und Weise, wie sie ihr Leben führen.

“[…]in some moods, I feel certain that if all the professional philosophers stopped writing philosophy altogether—if a freak accident muted the profession, its students and its publishers—astonishingly few non-philosophers would notice. No industry anxiously awaits the latest philosophical innovations. No general public hangs on our words. Even within the profession, the average philosophy publication is cited once and probably only then to be mischaracterized, cast aside or pigeonholed by a new author, whose work, in turn, meets the same fate. Sometimes, even as I work on my next one, I imagine a philosophy publication as one of those giant, icebreaking vessels that rides at the head of an arctic convoy, powering a path homeward through the frozen ocean. Only in this case, the ocean is not blocked by ice but by other icebreaking vessels, bobbing, marooned where they ran out of fuel, just as this one will maroon somewhere, adding more debris for the next. And in this case, there is no clear sense of home—only homesickness. Ghastly glorious, these vessels.”

Von diesem “Problem” — wenn man es denn so nennen mag — sind allerdings auch andere Wissenschaften betroffen (wie beispielsweise die theoretischen Gefilden der Physik), und es wäre fatal, die Ergebnisse dieser Wissenschaften nur nach ihrem “Nutzen” für die Gesellschaft zu beurteilen.

Hinzu kommt noch eine weitere Schwierigkeit: Würde man manchen Philosophien bedingungslos folgen, würde man im wahrsten Sinne des Worte lebensunfähig werden. Man kann es zum Beispiel Schopenhauer kaum verübeln, dass er wie oben erwähnt nicht dem Folge leistete, was er in Die Welt als Wille und Vorstellung predigte — würde dies doch erfordern, dass er sich ständig und in allen Bereichen der Askese hingeben müsste, um dem Treiben des alles Seins durchdringenden Willens zu entrinnen. Russells Kritik erscheint also im Nachhinein ungerechtfertigt. Auch die antiken Skeptiker wie Pyrrho, die, genau wie beispielsweise die Kyniker (zu denen der eingangs erwähnte Diogenes von Sinope gehörte), Epikurer und Stoiker, Philosophie explizit als Mittel zur Führung eines besseren Lebens betrachteten, womit sie in deutlichem Gegensatz zur heutigen Auffassung akademischer Philosophie stehen, konnten ihre Doktrinen nur sehr schwer bis zur äußersten Konsequenz durchführen — und wenn doch, dann hatte dies zum Teil skurrile und bedenkliche Folgen. Diogenes beispielsweise begann, von der Last jeglicher Moral befreit, regelmäßig in aller Öffentlichkeit zu masturbieren; und auch die von den Skeptikern erstrebte Ataraxie — also die Enthaltung jeglichen Urteils, die wiederum zum inneren Seelenfrieden führen soll — war in der Realität nur sehr schwer umzusetzen, da es von ihnen erfordert hätte, bei allen möglichen, gleichermaßen einfachen als auch schwerwiegenden Entscheidungen tatenlos zu bleiben.

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Quelle: https://www.facebook.com/thephilosophersmouth/photos/pb.1652760244957595.-2207520000.1443542667./1680456498854636/?type=3&theater

Philosophie muss allerdings auch gar nicht den Anspruch erheben, in allen Lebenslagen und -fragen aushelfen zu können — in dieser Hinsicht stimme ich Stern zu. Nichtsdestotrotz bin ich der Auffassung, dass man die Ideen und Methoden verschiedener Philosophen selbst noch von einem akademischen und somit nicht vereinfachenden oder kompromittierenden Standpunkt her in der eigenen Lebensführung nutzen kann, ohne dass man dies, wie Stern schreibt, mit einem gewissen Schuldbewusstsein tun muss. Dies führt mich wieder zu Nietzsche zurück — denn er ist genau einer jener Philosophen, die die Kluft zwischen Leben und Philosophie zu überwinden vermögen. Dies liegt nicht zuletzt gerade eben an seiner Ablehnung gegenüber systematischer Philosophie (auch wenn sich in seiner Genealogie der Moral durchaus Ansätze finden, solch eine zu errichten) und seinen Fokus auf Aphorismen, die sich deutlich flexibler auf die eigenen Lebensumstände anwenden lassen, auch wenn sie übergeordneten Gedankengängen folgen. Um dies zu verdeutlichen, kehre ich wieder zur persönliche Ebene und der Bedeutung seiner und ähnlicher Philosophien für mein eigenes Leben zurück.

II. “Philosophieren heißt sterben lernen”

Zunächst scheint es problematisch, Nietzsche eine generelle philosophische Linie unterstellen zu wollen, da dies die schiere Vielfältigkeit an Interpretationen seiner Ideen untergraben und wieder eine Systematik aufstellen würde, die so nicht unbedingt von ihm intendiert war. Nichtsdestotrotz lassen sich durchaus Positionen bei ihm ausmachen, die sein ganzes Werk durchziehen und sich im Laufe der Jahre auch teilweise immer mehr gefestigt haben. Zwei davon hatten im Laufe meiner näheren Auseinandersetzung mit ihm eine besonders prägende Wirkung auf mich: Seine Ästhetik, also Philosophie der Kunst, und seine Haltung zum menschlichen Dasein, die wiederum eng miteinander verzahnt sind.

Nietzsche zufolge sind das menschliche Dasein und das daran anknüpfende, unvermeidliche Leiden sinn- und ziellos. Da der Mensch sich dies nicht eingestehen will, ersinnt er sich selbst einen Sinn — sei es in der Religion, die auf ein paradiesisches Jenseits nach dem Leben verweist, oder sei es in einer säkularisierten Form der Askese, in der man die menschliche Existenz zu transzendieren versucht, um den Schmerzen zu entfliehen. Nietzsche zufolge schafft das jedoch ein noch größeres Leiden als zuvor — denn indem man stets auf etwas zustrebt, das hinter dem Leben liegt, verneint man dieses, und vergiftet somit die Haltung zur eigenen Existenz. Den einzigen Ausweg aus dieser Misere schafft man sich, in dem man all den Dingen, die das menschliche Dasein verneinen und es nur als Zwischenstation auffassen, entsagt und es stattdessen aufrichtig und in all seinen Facetten bejaht. In der Fröhlichen Wissenschaft strickt er aus diesem Gedankengang seine sogenannte “Lehre der ewigen Wiederkunft”, die auch im Zarathustra eine prominente Rolle einnimmt und auf das übergreifende Konzept der amor fati verweist:

Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: “Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alls in der selben Reihe und Folge — und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht —  und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!” — Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämonen verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: “du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres?” – Friedrich Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, IV, 341

Was Nietzsche an dieser Stelle in so wundervollen Worten ausdrückt, hatte wie kaum eine andere philosophische Idee einen solch entscheidenden Einfluss auf meine Haltung gegenüber meinem Dasein als Menschen. Ich hatte mich bereits seit einigen Jahren mit den philosophischen Strömungen des Existenzialismus und Absurdismus, die ihre Wurzeln insbesondere in der Philosophie von Nietzsche und Kierkegaard haben, identifiziert, und fand die grundlegenden Ideen von deren namhaftesten und selbsterklärten Vertretern — also Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir im Falle des Existenzialismus und Albert Camus hinsichtlich des Absurdismus — nun auch in ähnlicher Form in Nietzsches Werk vor. Interessanterweise haben all diese Philosophen die Tendenz zu einem literarischen Schreibstil gemeinsam — gleichermaßen Sartre, de Beauvoir als auch Camus sind als namhafte Autoren der Weltliteratur bekannt. Auch Kierkegaard und wie eingangs erwähnt Nietzsche hatten die Tendenz, ihre Philosophie unter anderem durch stilistische Mittel, aber auch durch ihren bis dato noch nicht dagewesenen Fokus auf das Individuum und daran anhängig das individuelle Erlebnis als Mensch von den üblichen systematischen Strömungen, die den einzelnen Menschen und dessen Dasein dem abstrakteren gesamtmenschlichen Dasein unterordnen, abzugrenzen. Das führt auch zu einer gewissen Fluidität hinsichtlich der Auslegung ihrer Werke — Sartre beispielsweise hat in seinem Hauptwerk L’être et le néant zwar ein philosophisches System zur Deutung des menschlichen Seins dargelegt, aber dessen Inhalt findet sich auch, und das ist besonders bemerkenswert, fast unverändert in La nausée — die sein System quasi in eine literarische Form gießt — oder seiner deutlich kürzeren philosophischen Programmschrift L’existentialisme est un humanisme wieder, welche sich dann wiederum einfacher als Mittel zur Lebensführung anwenden lassen. Auch Camus’ Philosophie des Absurdismus, die er in Le mythe de Sisyphe dargelegt hat, findet sich in künstlerischer Form in La Peste oder L’Étranger wieder, und entfaltet von dort aus umso mehr die Möglichkeit, sich auf die Auffassung der Menschen gegenüber ihrem eigenen Leben auszuwirken.

Insbesondere Sartres zentrale These, dass der Mensch zur absoluten Freiheit verdammt sei und deswegen auch des Öfteren zur mauvais foi neige, also, Entscheidungen zu treffen, mit denen sich man vor der eigenen Freiheit und damit auch authentischen Selbstvewirklichung drückt, hat mich nun schon längere Zeit begleitet und mich deutlich in meinem Handeln und meinem Verhalten gegenüber der Welt beeinflusst. Mit der Lektüre von Nietzsche, die ich durch mein Studium deutlich intensiver und gründlicher betrieb, erweiterte ich Letztere dann noch um einige bedeutende Aspekte — und fand dann auch letztendlich Trost für Josys Tod. Die Philosophie, und insbesondere der Existenzialismus, reiben uns und allen anderen lebenden Wesen nämlich nur allzu gerne die unvermeidliche Vergänglichkeit allen Seins unter die Nase. “Philosophieren heißt sterben lernen” — so zitierte Montaigne einst in seinem gleichnamigen Essay Cicero, und diese Erkenntnis kann definitiv unterschreiben. Die schiere Sinnlosigkeit von Josys Leiden am Ende seines langen Lebens wäre eigentlich allgemein ein valider Grund zum Auflehnen gegen das Dasein, das am Ende zu nichts anderem als Schmerz und Verlust zu führen scheint — das wäre aber, wie Nietzsche im letzten Aphorismus seiner Genealogie schreibt, sinnbildlich für die Weigerung des Menschen, die Sinnlosigkeit vom Dasein und dem mit ihm notwendig verbundenen Leiden anzuerkennen. Anstelle also, dass ich den Schmerzen, dem Tod und der Existenz von Josy überhaupt selbst irgendeinen finalen, fixierten Sinn andichte, der im Kaninchenjenseits seine Erfüllung findet, sollte ich Nietzsche zufolge vielmehr den Tod und Schmerzen als notwendige Aspekte des Daseins begreifen, die Letzteres darum nicht umso weniger bejahens- und lebenswert machen. Auch wenn es wünschenswert ist, dass (und hier würde Nietzsche mir nicht zustimmen) menschliche Leiden so weit es geht verringert wird, so ist es doch in manchen Fällen unabwendbar, eben weil es ein notwendiger Faktor unseres Daseins ist — und Nietzsche lernt uns, damit umzugehen. Genau so ist es mit falschen Entscheidungen: Zu lernen, sie zu akzeptieren und auch mit dem daran anschließenden Bedauern umzugehen, hilft einem auch als Menschen zu reifen.  Das alles schafft ein besseres und gesünderes Verhältnis zum eigenen Dasein und der Unwiderrufbarkeit unserer Entscheidungen, die keinen Grund zur Verzweiflung darstellen sollen — deswegen ist die Lektüre von Nietzsches Werken manchen Psychologen zufolge auch besser als jedes Selbsthilfebuch. Nietzsche selbst gibt allerdings auch zu, dass es manchmal durchaus einem  “Willens zur Täuschung” bedarf, um das Dasein überhaupt erst erträglich zu machen — beispielsweise, indem man all die Erfahrungen, die es einem aufbürdet, so wie in meinem Falle Josys Tod, in eine künstlerische Form gießt, transformiert, und verarbeitet, um am Ende das Leben in all seiner Sinnlosigkeit doch noch zu bejahen. Dabei kann auch letztendlich die Philosophie helfen, und dementsprechend sollen die Philosophen der Zukunft Nietzsche zufolge nicht mehr nach einem abstrakten Ideal der Wahrheit streben, da sie damit das Dasein selbst, das solch objektive Werte nicht kennt, verneinen.

Insofern taugen diverse philosophische Ideen also auch heutzutage definitiv noch zur Lebensphilosophie. Auch sie mir nicht alle meine Entscheidungen, vor die ich Zeit meines Lebens gestellt werde, abnehmen können, so helfen sie mir doch, sie leichter fällen zu können und so zu handeln, dass ich zu dem Menschen werde, der ich sein möchte, und auch zu diesem Dasein, dass ich aus meiner eigenen Freiheit heraus entworfen habe, stehe.

Eine sehr gelungene Erläuterung einiger Ideen, die ich in meinem Text besprochen habe,  findet ihr übrigens auch in den folgenden Videos aus der “8-Bit Philosophy”-Reihe, die dazu ein ein passendes Beispiel für meine Auffassung, dass sich auch akademische Philosophie ohne Sinnverlust für jeden Menschen erklären lässt, liefern. Im ersten geht es um Nietzsches Lehre der ewigen Wiederkunft, im zweiten um Sartres Konzept der mauvais foi. Beide Videos ersetzen selbstverständlich keine ausführliche philosophische Lektüre — die stellt letztendlich nämlich noch immer die beste Methode dar, um sich mit der Thematik auseinandersetzen und auch in vollem Umfang auf das eigene Leben anwenden zu können:

 

Oliver Burkeman: No Regrets? Why Not? (The Guardian)