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Mein abgeschlepptes Auto und Humes Induktionsproblem

Ende September hatte ich bereits in einem längeren Text auf das schwierige Verhältnis zwischen Philosophie und Leben hingewiesen und am Ende dafür argumentiert, dass sich auch komplexere philosophische Ideen unverändert — indem man von der Primärquelle selbst speist, ohne den Umweg über die pop philosophy zu gehen — auf das eigene Leben applizieren lassen und im Alltag hilfreich sein können. Friedrich Nietzsches philosophisches Werk kann uns den Umgang mit den Gefühlen der Schuld und des Verlustes näherbringen; Jean-Paul Sartre wiederum führt uns die immer wieder auftretende Schwierigkeit, zu unser frei gewählten Individualität zu stehen, vor Augen; und wie ich vor Kurzem zähneknirschend feststellte, hätte der schottische Philosoph David Hume mich davor bewahren können, dass mein Auto abgeschleppt wird. Letzteres verleitete mich dann auch dazu, den vorliegenden Text über einen besonders interessanten und hilfreichen Aspekt seiner Philosophie zu schreiben, den ich euch unbedingt näher bringen will: Das Induktionsproblem.

Der Ausgangspunkt

Ehe ich dazu übergehe, Humes Induktionsproblem näher zu erläutern, möchte ich euch zunächst einmal vom Ereignis selbst, das mich dazu geführt hat diesen Text zu verfassen, erzählen.

Da ich in München lebe und studiere, habe ich nicht nur mit horrenden Mietpreisen, überfüllten U-Bahnen während Fußballspielen und torkelnden Wiesngängern zu kämpfen, sondern auch mit einem eklatanten Mangel an Parkplätzen. Letzterer ist auch in dem etwas abgelegeneren Stadtteil München, in dem ich wohne, deutlich spürbar — die meisten Parklücken in der näheren Umgebung meines Wohnheims sind den größten Teil der Zeit entweder besetzt oder so eng, dass ich mich mit meinen bescheidenen Rück- und Seitwärtsparkkünsten nicht traue, mich dort hinein zu manövrieren. Besagtes Wohnheim selbst lässt sich Stellplätze in seiner Garage so einiges kosten, sodass ich auch darauf lieber verzichte, insbesondere weil die Lebenskosten in München schon so gelinde gesagt happig sind.

Glücklicherweise hause ich direkt gegenüber der Filiale einer an dieser Stelle nicht näher benannten großen deutschen Supermarktkette. Diese lädt nämlich nicht nur zu Einkäufen in letzter Minute, wenn der München jede Woche lahmlegende Sonntag sich heran bahnt, ein, sondern verfügt dazu noch über einen großen, offenen Parkplatz. Am Anfang meiner seit bereits zwei Jahren andauernden Studien schüchterten mich die dort überall angebrachten Warnhinweise, dass man das eigene Auto nur mit Parkscheibe für anderthalb Stunden dort abstellen könnte, noch erheblich ein. Also hielt ich woanders nach einem Parkplatz Ausschau und fuhr ich jedes Mal, wenn ich beispielsweise von einem Konzert oder aus Luxemburg zurückkehrte, unzählige Runden um den Block. Trotz der Tatsache, dass ich mich generell nur selten hinters Lenkrad klemme, ging mir das nach einer Weile gehörig auf die Nerven — und so begann ich dann mein Auto auf dem Supermarktparkplatz abzustellen.

Da ich wie eingangs erwähnt nur selten Auto fahre, stand es gelegentlich mehrere Wochen an der gleichen Stelle. Seltsamerweise schien sich niemand von der Supermarktleitung groß dran zu stören. Am Anfang ereilte mich noch gelegentlich der Impuls, dass ich es auf dem Parkplatz umstellen müsste, damit es nicht zu auffällig wird — aber auch der verließ mich nach einer Weile. Ich schaute zwar noch in regelmäßigen Abständen nach, ob mein Auto noch immer da stand, aber ansonsten machte ich mir jedes Mal, wenn ich es wieder abstellte, keine allzu großen Sorgen, dass es irgendwie abgeschleppt werden könnte. Bald schon wähnte ich mich in (wie es sich aber letztendlich leider herausstellen sollte trügerischer) Sicherheit. Immerhin hatte sich monatelang niemand drum geschert, also würde es wohl auch in Zukunft so bleiben. Der einzige Makel des Supermarktplatzes war die Tatsache, dass er sonntags geschlossen wurde und ich mein Auto dann nicht nutzen konnte, sodass ich es umstellte, wenn ich wusste, dass ich an dem Tag fahren müsste. Aber selbst das war nicht immer gegeben — die beiden Pforten zum Supermarkt wurden nämlich nach Gutdünken immer wieder von einer unbekannten Macht geschlossen und geöffnet, manchmal mehrmals am Tag, sodass ich da keine richtige allgemeine Regel aufstellen konnte.

Letzten Freitag dann begab es sich, dass ich morgens früh aufstand, um eine Informationsveranstaltung über Berufsperspektiven für Sprach- und Literaturwissenschaftler und auch Philosophen (damit ich den “Was willst du später damit machen?”-Unkenrufen effektiver Paroli bieten könnte) an meiner Universität zu besuchen. Bis auf die Tatsache, dass ich wie so viele andere Studente Kurse an dem Tag normalerweise vermeide und mein Aufstehen dementsprechend eine Rarität darstellte, schien am Anfang nichts ungewöhnlich. Ehe ich zur Uni aufbrach, wollte ich mir noch schnell im Supermarkt einen Krapfen mitsamt Brezn gönnen; auf dem Weg dorthin blieb ich an der Ampel direkt vor unserem Studentenwohnheim stehen und hatte wie immer freie Sicht auf den Parkplatz. Instinktiv wanderte mein Blick zu der Stelle, an der ich mein Auto gestern in der Früh, nachdem ich von meiner Freundin zurückgekehrt war, in aller Eile abgestellt hatte — doch es stand nicht mehr da. Ich schaute noch mehrmals genau hin, da ich das, was mein Blick auf die Leinwand meiner Gedanken projizierte, nicht so recht glauben wollte. Als die Ampel schließlich auf Grün sprang und ich die Straße überquerte, wurde das, was ich bereits geahnt hatte, jedoch zur Gewissheit: Mein Auto war abgeschleppt worden. Es erschien mir beinahe wie eine Quittung dafür, dass ich es solange dort stehen gelassen hatte ohne mir auch nur einen Gedanken darüber zu machen, dass diese von mir zur Seite geschobene Möglichkeit doch noch eintreffen könnte. Am Parkplatzeingang fand ich dann auch einen neuen, an einem dürren Baumstamm angebrachten Warnhinweis mitsamt Telefonnummer der Abschleppgesellschaft vor, die mir nach einem Anruf meinerseits dann auch bestätigte, dass mein Auto von ihnen mitgenommen worden war. Dann musste ich erst einmal 276€ zahlen um rauszufinden, wo mein Auto überhaupt steht. Besagte Firma stand übrigens wegen genau diesen, nun, sagen wir mal dubiosen Geschäftspraktiken im Mai vor Gericht, aber das ist eine andere Geschichte.

Was hat das jetzt alles mit Humes Induktionsproblem zu tun?

Nun, die Erkenntnis, dass ich den ganzen damit verbundenen Ärger (und das Loch in meinem Geldbeutel) dank der praktischen Anwendung von ebendiesem in meinem Alltag vermeiden hätte können, ereilte mich dann im Gespräch mit meiner Mutter, die mich darauf hinwies, dass die Tatsache, dass etwas ist, nicht heißt, dass es immer so sein wird —  und damit war die Brücke zwischen diesem ärgerlichen Fauxpas meinerseits und Humes Induktionsproblem geschlagen. Warum dem so ist, möchte ich euch nun näher erläutern.

Verzwickte Gewohnheit

Meine Faszination für Hume begann im letzten Semester, als wir Ausschnitte aus einem seiner berühmtesten und einflussreichsten Werke — das 1748 erschienene An Enquiry Concerning Human Understanding — im Rahmen einer Vorlesung über Wissenschaftstheorie (also jenen Teil der Philosophie, der sich in oftmals kritischer Art und Weise mit den Wissenschaften und deren Methoden befasst) lasen. Am Gymnasium hatten wir bereits einige Auszüge daraus behandelt, die mich damals allerdings noch nicht so recht mitzureißen wussten, insbesondere weil ich zur damaligen Zeit noch kein besonders großes Interesse am Empirismus (also jener Strömung der Philosophie, die darauf pocht, dass man Wissen und Erkenntnisse über die Welt vorallem mittels empirischer Untersuchungen der Realität erlangt) empfand. Wie bereits eingangs erwähnt, sollte sich meine Begeisterung für seine Ideen erst kürzlich im Rahmen meiner universitären Auseinandersetzung mit diesen entfalten — und das tat sie dann auch in solch einem Maße, dass ich während den Semesterferien die Enquiry ganz verschlang und im Zuge der Schottlandreise mit meiner Freundin, die uns unter anderem nach Edinburgh (Humes Geburtsstadt) führte, die Gelegenheit ergriff, wortwörtlich auf den Spuren des schottischen Philosophen zu wandeln, indem ich auf dem durch vulkanische Aktivitäten entstandenen Calton Hill einen von Hume vorgeschlagenen Weg namens “Hume Walk” entlang spazierte und vor seiner an der High Street angebrachten Statue posierte.

Mein Homie Hume und ich in Edinburgh. (Photo Credits: Josie)

Mein Homie Hume und ich in Edinburgh. (Photo Credits: Josie)

Wegweiser zum Hume Walk am Calton Hill.

Wegweiser zum Hume Walk am Calton Hill.

Humes Bedeutung für die Philosophiegeschichte ist unermesslich groß — unter anderem berichtete Immanuel Kant einst, dass die Lektüre von Humes philosophischem Werk ihn aus seinem “dogmatischen Schlummer” (Prolegomena, Vorrede) weckte und dazu inspirierte, seine drei Kritiken zu verfassen. Auch heute berufen sich noch viele Empiristen und Wissenschaftstheoretiker auf Hume und insbesondere dessen Induktionsproblem.

Letzteres formuliert Hume nun in seiner Enquiry Concerning Human Understanding. Hume ist Empirist, dementsprechend beziehen wir seiner Meinung nach unsere Erkenntnisse und unser Wissen vorallem aus Impressionen, die wiederum in innere (Emotionen, Gefühle) und äußere (Eindrücke, die uns durch unsere Sinne vermittelt werden) Impressionen unterteilt sind. Auch unser Wissen über Kausalität, also Ursache und Effekt, beziehen wir einzig und allein aus dieser Wissensquelle. Die Idee von Ursache und Effekt hat sich in unseren Kopf eingeschlichen, weil wir Hume zufolge unzählige Ereignisse immer wieder in einer Relation zueinander beobachtet haben — und nicht etwa, weil eine notwendige, den Sinnen nicht zugängliche Verbindung zwischen diesem und jenem Ereignis besteht. Damit wehrt sich Hume gegen die auch heute noch weit verbreitete Ansicht, dass es in der Natur so etwas wie Naturgesetze gibt, die als ominöse Kraft im Hintergrund agieren und nicht durch die Sinne zugänglich sind.

Das Induktionsproblem besteht nun daraus, dass wir nur eine begrenzte Anzahl von Beobachtungen haben, aus denen wir aber allgemeingültige Sätze ableiten wollen, die in jedem Fall zutreffen. Das trifft nicht nur auf die Wissenschaft zu, die Aussagen über die Welt treffen will, sondern ist auch im Alltag bemerkbar, wie ich nun anhand meines geparkten Autos illustrieren möchte. Ehe es abgeschleppt wurde, habe ich es nämlich in regelmäßigen Abständen beobachtet. Jedes Mal, wenn ich von meinem Wohnzimmerfenster oder an der Ampel hinüber zum Parkplatz geschaut habe — was gewissermaßen das alltägliche Pendant zu einer empirischen Untersuchungsmethode darstellt —, stand es dort. Im Laufe der Monate habe ich so eine große, aber begrenzte Anzahl an Beobachtungen angestellt, die sich allesamt folgendermaßen ausdrücken lassen:  “Mein Auto steht nach wie vor auf dem Supermarktplatz und wurde nicht abgeschleppt.” Hume schreibt, dass wir Menschen nach einer Weile bei ähnlichen Ursachen auch ähnliche Effekte erwarten. Dementsprechend ergab sich für mich dann auch langsam, aber sicher ein allgemeingültiges Kausalverhältnis zwischen dem Ereignis des Parkens-auf-dem-Supermarktplatz und des Nicht-Abgeschlepptwerdens: “Wenn mein Auto auf dem Supermarktplatz steht (Ursache), dann wird es nicht abgeschleppt (Effekt).” Wie ich bereits erwähnt habe, sollte sich diese Inferenz aus meiner sinnlichen Erfahrung heraus letztendlich als falsch erweisen — mein Auto wurde letztendlich doch noch abgeschleppt, und diese einzelne Impression brachte mein Gerüst an Beobachtungen mitsamt allgemeingültigem Gesetz als Spitze zum Einsturz (was dann auch unter anderem Karl Popper dazu bewegt hat, das sogenannte Falsifikationsprinzip vorzuschlagen, über das ich an anderer Stelle auf meinem Blog schon einmal ausführlicher geschrieben habe).

Was verleitet uns Menschen denn nun zu solchen Fehlschlüssen? Hume zufolge liegt der Grund dafür in unserem oftmals unerschütterlichen Glauben, dass die Zukunft der Vergangenheit gleiche:

[…] [A]ll inferences from experience suppose, as their foundation, that the future will resemble the past, and that similar powers will be conjoined with similar sensible qualities. If there be any suspicion that the course of nature may change, and that the past may be no rule for the future, all experience becomes useless, and can give rise to no inference or conclusion. It is impossible, therefore, that any arguments from experience can prove this resemblance of the past to the future; since all these arguments are founded on the supposition of that resemblance.” (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 28)

Um euch das zu illustrieren, möchte ich gerne ein anderes Beispiel heranziehen. Die Menschheit hat, seit sie zu Bewusstsein gelangt ist, die Sonne während vielen tausend Jahren jeden Tag auf- und wieder untergehen sehen. Dementsprechend sind wir auch allesamt ziemlich überzeugt davon, dass sie auch morgen in der Früh wieder aufgehen und uns aus unseren Betten reißen wird; und falls wir jemandem begegnen, der das Gegenteil behauptet, halten wir ihn entweder für einen Wahnsinnigen oder Weltuntergangsfanatiker. Aber wieso sind wir uns eigentlich so sicher, dass die Sonnenstrahlen auch morgen wieder über unser Gesicht streichen werden? Immerhin ist es mit den momentan etablierten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbar, dass die Sonne eines Tages ihre Energie aufgebraucht haben und dementsprechend nicht mehr aufgehen wird — der Satz “Die Sonne wird morgen nicht aufgehen” stellt deswegen auch keinen unlösbaren Widerspruch dar. Wie im obigen Zitat von Hume erläutert, ist der Grund, weswegen wir glauben, dass die Sonne jeden Tag aufgehen wird, die Tatsache, dass wir der Überzeugung sind, dass die Zukunft der Vergangenheit gleichen werde. Aber worauf basiert diese Überzeugung? Darauf, dass ähnlichen Ursachen (Vergangenheit) immer ähnliche Effekte (Zukunft) folgen — und diese Annahme fußt wiederum, wie bereits eingangs erwähnt, darauf, dass die Vergangenheit der Zukunft gleicht. Es handelt sich hierbei also um einen sogenannten zirkulären Schluss. Hume kommt zur Feststellung, dass wir überhaupt keinen rationalen Anhaltspunkt haben, daran zu glauben, dass die Zukunft der Vergangenheit gleichen werde, und somit auch alle unsere aus unseren sinnlichen Empfindungen abgeleiteten allgemeingültigen Sätze über die Welt letztendlich auf wackligem Boden stehen. Nur weil etwas immer so war, heißt nicht, dass es auch immer so sein wird. Das lässt sich bei allen möglichen Bereiche des Lebens beobachten: Dass mein Auto bislang nicht abgeschleppt wurde, war kein Indiz dafür, dass es nicht letztendlich doch passieren könnte; dass die PEGIDA eine Zeit lang eine Flaute erlebt hat, heißt nicht, dass sie nicht noch einmal erstarken und unverhohlen rechtsextremes Gedankengut, das sogar dem der NSDAP in nichts nachsteht (wie Michael Bittner in einem sehr gelungenen Artikel illustriert), propagieren könnte, wie es zuletzt leider wieder der Fall war; und dass die aus etablierten Theorien der Quantenphysik deduzierte Vorhersagen bislang immer zugetroffen sind, heißt noch lange nicht, dass sie das auch künftig tun werden. All dies lässt sich darauf zurückführen, dass die Zukunft gerade eben nicht immer der Vergangenheit entspricht  — und dennoch basiert unser gesamtes Wissen über die Welt auf dieser irrationalen Annahme.

Wenn wir denn nun nicht aus rationalen Gründen daran glauben, dass unser Auto auch noch am folgenden Tag am Supermarkplatz stehen wird oder die Sonne in der Früh aufgehen wird, aus welchen dann? Hume sagt dazu Folgendes:

There is some other principle which determines [humans] to form such a conclusion. This principle is Custom or Habit. For wherever the repetition of any particular act or operation produces a propensity to renew the same act or operation, without being impelled by any reasoning or process of the understanding, we always say, that this propensity is the effect of Custom. (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 33)

Dass ich geglaubt habe, dass mein Auto nicht auf dem Supermarktplatz abgeschleppt wurde, fußt also nicht auf einem rationalen Prinzip, sondern auf reiner Gewohnheit. Ich hätte es letztendlich also eigentlich besser wissen und mein Auto umparken sollen, anstelle einem auf solch irrationalem Fundament errichteten Urteil meinerseits zu folgen. Hume zufolge basieren auf diesem Aspekt der menschlichen Natur desweiteren nicht nur solcherlei Schlüsse, die unser alltägliches Leben betreffen, sondern auch all jene der Wissenschaft. Diese Feststellung hat gewaltige Implikationen, die auch noch Wissenschaftstheoretiker heute Kopfzerbrechen bereitet und unter anderem den Philosophen Nelson Goodman zur Formulierung des sogenannten neuen Induktionsproblems geführt hat (Humes Induktionsproblem wird  dementsprechend heutzutage als “altes Induktionsproblem” bezeichnet).

Ist das nun ein Grund, gleichermaßen das tagtägliche Schlüsseziehen als auch wissenschaftliche Forschen sein zu lassen? Natürlich nicht. Etwas anderes als unsere Erfahrungen haben wir Hume zufolge nämlich nicht zur Verfügung stehen, um Erkenntnisse über die Welt um uns herum zu sammeln — dementsprechend wäre es fatal, das aufzugeben. Wir dürfen uns nur nicht vormachen, dass diese Erkenntnisse rational zu rechtfertigen sind und gelegentlich unsere Urteile überdenken, gerade eben weil die Zukunft nicht immer der Vergangenheit gleicht. Die Tatsache, dass mein Auto abgeschleppt wurde, hat mir somit mitsamt Humes Induktionsproblem auch wieder vor Augen geführt, dass unsere alltäglichen Schlüsse, die wir zur Strukturierung unseres Alltags nutzen, auf brüchigem Boden stehen. Deswegen sollten wir uns umso mehr vor unvorhergesehenen Ereignissen wappnen und unsere alten Erkenntnisse und Überzeugungen des Alltags und vorallem deren Fundamente immer wieder re-evaluieren. Letztendlich kann uns die Philosophie genau dabei dann auch wieder behilflich sein:

And though none but a fool or madman will ever pretend to dispute the authority of experience, or to reject that great guide of human life, it may surely be allowed a philosopher to have so much curiosity at least as to examine the principle of human nature, which gives that mighty authority to experience, and makes us draw advantage from that similarity which nature has placed among different objects. (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 27).

Und weil ich neben Philosophie auch unter anderem Star Wars mag und dem Erscheinen von “The Force Awakens” im Dezember dementsprechend schon sehnsüchtig entgegenblicke, möchte ich den zurückliegenden Text noch mit einem grandiosen Comic der sehr empfehlenswerten Seite Existential Comics, in der beides miteinander vermengt und auch Humes radikal empirische Position in einem humorvollen Kontext aufgegriffen wird, abschließen:

starWars1 starWars2starWars2

Quelle: http://existentialcomics.com/comic/103

Bildquelle: http://existentialcomics.com/comic/103

Quelle der Zitate von David Hume:
Hume, David & Chittom, Thom (1772/2004): An Enquiry Concerning Human Understanding and selections from A Treatise Of Human Nature, New York. (Barnes & Nobles)

 

 

Chaudron fêlé

Eine Kurzgeschichte

Linus fixiert das Walross an der gegenüberliegenden Wand. Er weiß nicht, wie lange er es schon angestarrt hat, als die Tür des Cafés sich plötzlich öffnet und Bernhard eintritt. Linus schaut auf – ihre Blicke kreuzen sich, und er zuckt zusammen. Einem stockenden Uhrwerk gleich setzen sich seine Muskeln in Gang, um ein Lächeln auf seine Lippen zu befördern und die Hände zu einem mäßig festen Gruß nach vorne schnellen zu lassen, als Bernhard an seinen Tisch tritt.
Und, wie geht’s?, fragt Linus. Und wirft gleich hinterher: Gut, und dir?
Sonderbare Stille. Dann antwortet Bernhard: Auch gut.
Linus nickt, setzt seine Tasse Tee an die Lippen und wendet sich von Bernhard ab, um gleich wieder in der Betrachtung des Walrosses zu versinken.
Was machst du hier?, fragt Bernhard auf einmal.
Linus lässt die Teetasse etwas zu hastig herabsinken.
Warten.
Auf wen?
Linus tippt mit seinem Zeigefinger in unregelmäßigem Rhythmus gegen den Rand seiner Tasse Tee.
Gordon.
Bernhard nimmt gegenüber von Linus Platz und bestellt seinerseits ein Getränk. Linus öffnet den Mund – klappt ihn dann jedoch wieder zu.
Wann kommt er?, fragt Bernhard.
Linus zückt sein Smartphone und konsultiert die Uhr. Er betrachtet sie einige Zeit; dann merkt er, dass Bernhards fragende Blicke ihn durchbohren.
In zwei Minuten.
Das ist ja noch eine ganze Weile.
Ja.
Kann ich mit dir warten?
Bernhard lächelt erwartungsvoll. Linus blickt geradewegs durch ihn hindurch, während er sich mit gerunzelter Stirn eine Antwort zurechtlegt. Schließlich zuckt er mit den Achseln.
Warum nicht.
Gleich nachdem er die Worte ausgesprochen hat, gleitet Linus Blick wieder in die Ferne. In der erstickenden, betonlastigen Trostlosigkeit des Cafés ist das Jugendstilwalross das einzige Treibgut, an das sich Linus nach diesem Fauxpas noch festklammern kann.
Ich glaube, wir besuchen das gleiche Seminar, sagt Bernhard plötzlich.
Wer?
Wie wer?
Wer besucht das gleiche Seminar?
Wir.
Wer ist „wir“?
Wir beide.
Du und Gordon?
Nein. Du und ich.
Ach so. Ja, stimmt.
Wie findest du’s?
Was?
 Das Seminar.
Welches meinst du?
Das über Adorno.
Da bin ich nicht drin.
Dann besuchen wir doch nicht das gleiche Seminar.
Stimmt.
Bruchstücke eines Zitats, das Linus vor langer Zeit gelesen hat, hallen auf einmal in seinem Kopf wider: Die menschliche Sprache ist ein gesprungener Kessel, mit dem man verzweifelt Musik fabrizieren möchte … So oder so ähnlich muss es gewesen sein. Linus weiß weder, wie es weitergeht, noch von wem es stammt. Gedankenversunken starrt er wieder das Walross an. Es beginnt zurück zu starren.
Linus stürzt seine Tasse in einem Zug hinunter, während Bernhard weiter redet.
Nach einiger Zeit lässt er seinen Blick zum großen Fenster, das auf die mit Pflastersteinen ausgelegte Straße zeigt, schweifen. Mittlerweile herrscht Nacht, und die Musik ist berstend laut geworden. Linus sieht, dass Bernhard etwas zu ihm sagt, aber er kann den Inhalt nicht aus dem dichten Lärmteppich um ihn herum heraus destillieren. Bernhard setzt sich schließlich auf den Platz neben Linus, und führt seinen bierbeseelten Atem dicht an dessen Ohr.
Du studierst doch Philosophie, oder?
Linus muss sich von seiner Götze abwenden.
Ja. Wir besuchen doch das gleiche Seminar, über Adorno.
Stimmt! Er pausiert. Ich liebe es nämlich zu philosophieren.  Er lässt das Bier in seinem Glas bedeutungsvoll herum kreisen. Das ist das Gute an so Abenden hier im Café, so wie mit dir gerade – irgendwann denkt man weiter als die meisten Leute. Beispielsweise frage ich mich gerade, wieso man den Menschen „Mensch“ nennt, und nicht etwa … „Walross“.
Er blickt Linus an, lässt einige Augenblick verstreichen – und bricht dann in schallendes Lachen aus. Ehe Linus es vereiteln kann, schließt sich sein Zwerchfell Bernhards an. Auf halbem Wege in seinen Lachanfall hinein realisiert er, dass er das Ganze gar nicht witzig findet.
Bernhard kommt schleppend zur Ruhe, während er sich eine Träne aus den Augen wischt.
Genug davon. Er wird schlagartig ernst. Wo wir gerade beim Menschen waren: …
Die scheppernde Snare-Drum des aktuellen Lieds übertönt seine Frage und Linus’ Antwort.
Was? Ich verstehe dich nicht.
Linus sagt es ihm noch einmal. Bernhard runzelt die Stirn; dann verfallen beide in Schweigen.
Linus’ Handy vibriert plötzlich dezent. Er zückt es. Gordon hat abgesagt. Im Licht des Bildschirms beginnen sich Linus’ Züge zu verhärten.
Ich muss gehen, sagt er.
Schon?, fragt Bernhard. Kommt Gordon nicht mehr?
Nein.
Schade. Danke jedenfalls für das tolle Gespräch.
Linus ist bereits halb durch die Tür, als ihm doch noch ungewollt eine halb gemurmelte Antwort entgleitet.
Danke, dir auch.
Er seufzt. Gerade als er in die nächtliche Kälte tritt, läuft Mirela an ihm vorbei. Ein warmes Gefühl, das Bernhard in weite Ferne rücken lässt, breitet sich in seinem Brustkorb aus, als ihr Parfüm seine Nase hochsteigt und einen farbenfrohen Schwall aus Erinnerungen auslöst. Er berührt ihren Arm; sie wirbelt erschrocken herum – dann glätten sich ihre Züge.
Hallo Linus!, begrüßt sie ihn, Wie geht es dir?
Linus’ Gedanken singen wortlos in prächtigen Farben, während er sich die Antwort dieses Mal sorgfältig zurechtlegt.
Gut. Und dir?
Er senkt hastig den Blick, und streicht gedankenverloren über seine kalten Finger.
Auch gut.
Sie scheint auf eine weitere Bemerkung seinerseits zu warten, doch Linus Lippen rühren sich nicht von der Stelle. Schließlich lächelt sie zaghaft.
Wir sehen uns.
Sie verschwindet hinter der nächsten Straßenecke. Linus ballt die Fäuste, und bleibt noch eine Weile stehen. Dann eilt er nach Hause.
Das Firmament schweigt über ihm, während er die Schimpftirade seines Bewusstseins über sich ergehen lässt. An einem einzelnen, entlaubten Baum inmitten eines öden Felds unweit seines Elternhauses legt er auf einmal den Kopf in den Nacken, um doch noch Trost in den sternübersäten Tiefen des Alls zu finden. Suchend streift sein Blick umher, bis er schließlich beim Großen Bären stehen bleibt und dort verharrt. Nach einiger Zeit scheint es Linus, als ob das aus Sternen geformte Tier sich auf einmal aus seinen von den Naturgesetzen auferlegten Fesseln lösen würde; die abgelegenen Welten beginnen sich zu bewegen, bis sie sich schließlich in einen höhnischen, lautlosen Tanz hinein steigern.
Da fällt ihm auf einmal doch noch ein, von wem das Zitat mit dem gesprungenen Kessel stammte.
Flaubert. Es war Flaubert gewesen.
Nach einiger Zeit wendet Linus den Blick vom Firmament ab und zieht schweigend weiter.