Category Archives: Fiktion

Chaudron fêlé

Eine Kurzgeschichte

Linus fixiert das Walross an der gegenüberliegenden Wand. Er weiß nicht, wie lange er es schon angestarrt hat, als die Tür des Cafés sich plötzlich öffnet und Bernhard eintritt. Linus schaut auf – ihre Blicke kreuzen sich, und er zuckt zusammen. Einem stockenden Uhrwerk gleich setzen sich seine Muskeln in Gang, um ein Lächeln auf seine Lippen zu befördern und die Hände zu einem mäßig festen Gruß nach vorne schnellen zu lassen, als Bernhard an seinen Tisch tritt.
Und, wie geht’s?, fragt Linus. Und wirft gleich hinterher: Gut, und dir?
Sonderbare Stille. Dann antwortet Bernhard: Auch gut.
Linus nickt, setzt seine Tasse Tee an die Lippen und wendet sich von Bernhard ab, um gleich wieder in der Betrachtung des Walrosses zu versinken.
Was machst du hier?, fragt Bernhard auf einmal.
Linus lässt die Teetasse etwas zu hastig herabsinken.
Warten.
Auf wen?
Linus tippt mit seinem Zeigefinger in unregelmäßigem Rhythmus gegen den Rand seiner Tasse Tee.
Gordon.
Bernhard nimmt gegenüber von Linus Platz und bestellt seinerseits ein Getränk. Linus öffnet den Mund – klappt ihn dann jedoch wieder zu.
Wann kommt er?, fragt Bernhard.
Linus zückt sein Smartphone und konsultiert die Uhr. Er betrachtet sie einige Zeit; dann merkt er, dass Bernhards fragende Blicke ihn durchbohren.
In zwei Minuten.
Das ist ja noch eine ganze Weile.
Ja.
Kann ich mit dir warten?
Bernhard lächelt erwartungsvoll. Linus blickt geradewegs durch ihn hindurch, während er sich mit gerunzelter Stirn eine Antwort zurechtlegt. Schließlich zuckt er mit den Achseln.
Warum nicht.
Gleich nachdem er die Worte ausgesprochen hat, gleitet Linus Blick wieder in die Ferne. In der erstickenden, betonlastigen Trostlosigkeit des Cafés ist das Jugendstilwalross das einzige Treibgut, an das sich Linus nach diesem Fauxpas noch festklammern kann.
Ich glaube, wir besuchen das gleiche Seminar, sagt Bernhard plötzlich.
Wer?
Wie wer?
Wer besucht das gleiche Seminar?
Wir.
Wer ist „wir“?
Wir beide.
Du und Gordon?
Nein. Du und ich.
Ach so. Ja, stimmt.
Wie findest du’s?
Was?
 Das Seminar.
Welches meinst du?
Das über Adorno.
Da bin ich nicht drin.
Dann besuchen wir doch nicht das gleiche Seminar.
Stimmt.
Bruchstücke eines Zitats, das Linus vor langer Zeit gelesen hat, hallen auf einmal in seinem Kopf wider: Die menschliche Sprache ist ein gesprungener Kessel, mit dem man verzweifelt Musik fabrizieren möchte … So oder so ähnlich muss es gewesen sein. Linus weiß weder, wie es weitergeht, noch von wem es stammt. Gedankenversunken starrt er wieder das Walross an. Es beginnt zurück zu starren.
Linus stürzt seine Tasse in einem Zug hinunter, während Bernhard weiter redet.
Nach einiger Zeit lässt er seinen Blick zum großen Fenster, das auf die mit Pflastersteinen ausgelegte Straße zeigt, schweifen. Mittlerweile herrscht Nacht, und die Musik ist berstend laut geworden. Linus sieht, dass Bernhard etwas zu ihm sagt, aber er kann den Inhalt nicht aus dem dichten Lärmteppich um ihn herum heraus destillieren. Bernhard setzt sich schließlich auf den Platz neben Linus, und führt seinen bierbeseelten Atem dicht an dessen Ohr.
Du studierst doch Philosophie, oder?
Linus muss sich von seiner Götze abwenden.
Ja. Wir besuchen doch das gleiche Seminar, über Adorno.
Stimmt! Er pausiert. Ich liebe es nämlich zu philosophieren.  Er lässt das Bier in seinem Glas bedeutungsvoll herum kreisen. Das ist das Gute an so Abenden hier im Café, so wie mit dir gerade – irgendwann denkt man weiter als die meisten Leute. Beispielsweise frage ich mich gerade, wieso man den Menschen „Mensch“ nennt, und nicht etwa … „Walross“.
Er blickt Linus an, lässt einige Augenblick verstreichen – und bricht dann in schallendes Lachen aus. Ehe Linus es vereiteln kann, schließt sich sein Zwerchfell Bernhards an. Auf halbem Wege in seinen Lachanfall hinein realisiert er, dass er das Ganze gar nicht witzig findet.
Bernhard kommt schleppend zur Ruhe, während er sich eine Träne aus den Augen wischt.
Genug davon. Er wird schlagartig ernst. Wo wir gerade beim Menschen waren: …
Die scheppernde Snare-Drum des aktuellen Lieds übertönt seine Frage und Linus’ Antwort.
Was? Ich verstehe dich nicht.
Linus sagt es ihm noch einmal. Bernhard runzelt die Stirn; dann verfallen beide in Schweigen.
Linus’ Handy vibriert plötzlich dezent. Er zückt es. Gordon hat abgesagt. Im Licht des Bildschirms beginnen sich Linus’ Züge zu verhärten.
Ich muss gehen, sagt er.
Schon?, fragt Bernhard. Kommt Gordon nicht mehr?
Nein.
Schade. Danke jedenfalls für das tolle Gespräch.
Linus ist bereits halb durch die Tür, als ihm doch noch ungewollt eine halb gemurmelte Antwort entgleitet.
Danke, dir auch.
Er seufzt. Gerade als er in die nächtliche Kälte tritt, läuft Mirela an ihm vorbei. Ein warmes Gefühl, das Bernhard in weite Ferne rücken lässt, breitet sich in seinem Brustkorb aus, als ihr Parfüm seine Nase hochsteigt und einen farbenfrohen Schwall aus Erinnerungen auslöst. Er berührt ihren Arm; sie wirbelt erschrocken herum – dann glätten sich ihre Züge.
Hallo Linus!, begrüßt sie ihn, Wie geht es dir?
Linus’ Gedanken singen wortlos in prächtigen Farben, während er sich die Antwort dieses Mal sorgfältig zurechtlegt.
Gut. Und dir?
Er senkt hastig den Blick, und streicht gedankenverloren über seine kalten Finger.
Auch gut.
Sie scheint auf eine weitere Bemerkung seinerseits zu warten, doch Linus Lippen rühren sich nicht von der Stelle. Schließlich lächelt sie zaghaft.
Wir sehen uns.
Sie verschwindet hinter der nächsten Straßenecke. Linus ballt die Fäuste, und bleibt noch eine Weile stehen. Dann eilt er nach Hause.
Das Firmament schweigt über ihm, während er die Schimpftirade seines Bewusstseins über sich ergehen lässt. An einem einzelnen, entlaubten Baum inmitten eines öden Felds unweit seines Elternhauses legt er auf einmal den Kopf in den Nacken, um doch noch Trost in den sternübersäten Tiefen des Alls zu finden. Suchend streift sein Blick umher, bis er schließlich beim Großen Bären stehen bleibt und dort verharrt. Nach einiger Zeit scheint es Linus, als ob das aus Sternen geformte Tier sich auf einmal aus seinen von den Naturgesetzen auferlegten Fesseln lösen würde; die abgelegenen Welten beginnen sich zu bewegen, bis sie sich schließlich in einen höhnischen, lautlosen Tanz hinein steigern.
Da fällt ihm auf einmal doch noch ein, von wem das Zitat mit dem gesprungenen Kessel stammte.
Flaubert. Es war Flaubert gewesen.
Nach einiger Zeit wendet Linus den Blick vom Firmament ab und zieht schweigend weiter.

Expulsion – Moon and Firelight

“L‘enfer, c‘est les autres.“
– Jean-Paul Sartre

2. Oktober 2014
Liebes Tagebuch,

Die Feier zu meinem 16. Geburtstag war rundum gelungen (bis auf die Tatsache, dass mir einige Menschen, von denen ich eigentlich mehr erwartet hätte, mir nur mit austauschbaren Glückwünschen auf Facebook gratuliert haben). Marie, Raphael und Rebecca haben mich besucht und zusammen mit meiner Familie und mir noch bis spät in die Nacht hinein gefeiert. Wir haben alle wie früher alberne Papierhüte gefaltet und uns diese dann aufgesetzt (ich hoffe, dass die Fotos davon auf ewig in der Versenkung verschwinden werden); dazu haben wir Maries eigens für mich mit dem Albumcover von Pink Floyds Animals dekorierten Kuchen – mit dem sie wieder einmal gleichermaßen ihre hervorragenden Backkünste als auch Kenntnisse über meine Wenigkeit unter Beweis gestellt hat – gegessen. Als Geschenke erhielt ich unter anderem von Mama den Roman The Road; Raphael schenkte mir eine Flasche Sekt (und grinste bis über beide hervorstehenden Ohren, als er vereinzelt schockierte Gesichtsausdrücke inmitten meiner Familie entdeckte), und Rebecca schließlich noch das Album Honor Found In Decay von Neurosis (damit sich mein Prozess der Akzeptanz gegenüber dieser Art von Musik etwas beschleunigt). Dazu erhielt ich noch mehrere Geburtstagskarten von schwankender humoristischer Qualität – und jede Menge Geld.
Jetzt ist es mittlerweile drei Uhr; der Großteil meiner Familie ist wieder nach Hause gefahren, und meine drei Freunde schlafen jetzt ruhig neben mir (bis auf Rebecca, die sich wieder dauernd im Schlaf herumwälzt und ziemlich belustigenden Nonsens von sich gibt). Ich versuche auch schon die ganze Zeit einzuschlafen, aber es gelingt mir nicht so recht. Ich bin noch viel zu viel aufgedreht vom zurückliegenden Tag, und wahrscheinlich auch etwas beschwipst von Raphaels Sekt (zumindest glaube ich das). Zwischenzeitlich habe ich, um wenigstens irgendetwas zu tun und nicht nur auf den Schlaf wartend rumzuliegen, heimlich meine drei Freunde in ihren bizarren Schlafpositionen fotografiert – als Rache fürs letzte Mal.
Dazu beschäftigen mich die üblichen Gedanken, die einen am eigenen Geburtstag ereilen, obwohl es an sich ein Tag wie jeder andere ist – nur halt mit dem Unterschied, dass ich an diesem arbiträr gewählten Zeitintervall das Licht der Welt erblickte. Ich habe in letzter Zeit die Gedanken an meine Zukunft etwas zur Seite geschoben, aber jetzt dringen sie wieder etwas intensiver auf mich ein. Meine letzten beiden Geburtstage sind ereignislos an mir vorbeigezogen; haben sich als Treibgut inmitten eines nicht enden wollenden und immer schneller werdenden Stroms der Zeit entpuppt.  Dieser Geburtstag fühlt sich im Nachhinein jedoch anders an, auch wenn sich nichts Bemerkenswertes ereignet hat. Bis auf die Tatsache, dass ich jetzt legal trinken und rauchen darf – wobei ich bei Letzterem nicht wirklich auf die staatlich legitimierte Erlaubnis dazu gewartet habe, aber das bleibt unter uns -, stellen 16 Jahre eigentlich keinen so tiefgreifenden Scheideweg im Leben eines Menschen dar. Trotzdem war der heutige Tag so voll von sonderbaren und unausgesprochenen Verheißungen gewesen, die ihn letztendlich aus dem grauen Fluss des alltäglichen Lebens entstiegen ließen.
Ich erinnere mich an gewisse Tage in der Grundschule, an denen wir sorglos auf dem Pausenhof Fangen spielten, die Köpfe beseelt von kindlicher Phantasie. Gelegentlich blieb ich dann stehen, um in den wolkenverhangenen Himmel empor zu starren. In solchen Momenten lag immer eine sonderbare, schwere Stimmung in der Luft – sie schien sich beinahe zu verdichten und zu knistern, wie bei einem herannahenden Gewitter. Doch der Sturm blieb jedes Mal aus – stattdessen stellte ich mir dann vor, dass auf einmal ein gewaltiger Riss den Himmel entzweien und etwas Großes, Unaussprechliches in die Welt hinaus dringen und sie für immer verändern würde.
Genau so fühlte ich mich heute den ganzen Tag über – alles schien im Schatten von etwas zu geschehen, das ich nicht so recht zu fassen vermochte. Doch das große Ereignis ließ auf sich warten. Was habe ich denn auch erwartet? Die tiefgreifenden Geschehnisse im Leben eines Menschen entwickeln sich sowieso nur schleppend.
Ich versuche jetzt wieder einmal einzuschlafen. Ah! Bevor ich es vergesse: Neben den unpersönlichen Geburtstagswünschen gab es noch etwas, das meine Stimmung getrübt hat – Judith ist noch immer ans Bett gefesselt und konnte deswegen auch leider nicht vorbei kommen. Stattdessen hat sie mir per Telefon gratuliert. Sie klang etwas schwach, war aber gleichzeitig guter Dinge, dass sie nächste Woche wieder zum Unterricht kommen und mir endlich mein Geschenk überreichen könnte. Ich bin gespannt – und hoffe, dass sie auch bald wieder fit sein wird.

10. Oktober 2014

Liebes Tagebuch,

Der zurückliegende Tag ließ mich wieder einmal so entfernt und losgelöst von allem fühlen – beinahe so, als hätte sich heimlich ein Schleier aus Gaze vor meinen Augen herab gelassen, der mich die Realität nur noch gefiltert wahrnehmen lässt. Vielleicht liegt es aber nicht an meiner Beziehung zur Welt, sondern vielmehr an den sonderbaren Dingen, die sich heute ereignet haben und sie im Nachhinein so irreal erschienen lassen.
Als ich heute Morgen in die Klasse kam, redeten alle nur von Elisa – einem Mädchen aus unserer Parallelklasse, das ich nur flüchtig aus dem Sportunterricht kenne. Sie war heute Morgen vor dem Eingang auf einmal bewusstlos zusammengebrochen und daraufhin ins Krankenhaus geliefert worden. Ich hatte die Szene nicht einmal mitbekommen. Gerüchte begannen sich in den Gängen unseres Gymnasiums zu bilden; anscheinend wäre sie vor ihrem Zusammenbruch von Halluzinationen befallen worden und hätte dazu wie von Sinnen gekreischt und wild um sich geschlagen.
Ab diesem Punkt fiel der sich entfaltende Tag der eingangs erwähnten sonderbaren Stimmung anheim, und sollte sich auch nicht mehr aus deren Umarmung lösen können.
Judiths Platz in unserem Klassensaal war auch an diesem Tag verwaist. Die letzten Tage hatte ich mehrmals versucht, sie per Telefon zu erreichen – doch es hatte niemand bei ihr zuhause aufgehoben. Haben sie sie etwa ins Krankenhaus liefern müssen und sind dann dort bei ihr geblieben? Auch unsere Klassenlehrerin weiß offenbar von nichts.
Ich mache mir Sorgen um sie.
All diese sonderbaren Ereignisse widersetzen sich den gewohnten Strukturen des Alltäglichen, sodass mein Kopf sie kurzerhand nicht als real anerkennt. Dabei erinnere ich mich an so viele Tage, an denen ich inständig gehofft habe, dass die alltägliche graue Monotonie einmal subversive Farbkleckse abkriegen würde – nun ist genau dies eingetroffen, und ich nehme es nicht einmal richtig wahr. Wahrscheinlich wird dieses Gefühl der Irrealität wie sonst auch wieder von selbst verschwinden, sobald die Farbtupfer sich aufgelöst und die ansonsten verhasste Normalität sich wieder meines Tagesablaufs bemächtigen haben wird.
Nach der Schule sollte Michael zu mir kommen, um sich gemeinsam mit mir Melancholia (so ich wie unsere Relation zueinander einschätzte würden wir wahrscheinlich nur ein Viertel davon mitbekommen), aber er sagte mir eine Stunde zuvor ab. Sein Vater war früher von der Arbeit gekommen, da er sich nicht wohl gefühlt hatte – da Michael alleine mit ihm lebte, musste er sich nun um ihn kümmern. Das war ein herber Dämpfer – aber ich glaube ihm. Michael ist zu reif, als dass er mich auf solch eine kindische Art und Weise zappeln lassen würde. Wenn er es tut, dann zumeist weitaus subtiler.
Am Abend versuchte ich mich abzulenken – da ich The Road innerhalb von zwei Tagen verschlungen hatte und mir dementsprechend der Lesestoff ausgegangen war, kramte ich in unserer Bibliothek einen der Kunstbände von Mama hervor. Ich hatte als kleines Mädchen immer ein Faible für Museen gehabt, und so erinnere ich mich gerne an die ausladenden Nachmittage zurück, die ich mit meinen Eltern in Ausstellungen verbracht habe. Jedes Mal, wenn ich ein Museum betrete, genieße ich die schon an sich beruhigende, stille Atmosphäre umso mehr, da ich diese mit meiner Kindheit in all ihrer farbenprächtigen Schönheit in Verbindung bringe. Dazu wird mir beim Betrachten von Kunstwerken immer wieder mit einem Anflug von Melancholie und Ehrfurcht bewusst, dass in ihnen die ganz persönliche, einzigartige Sicht der verschiedenen Künstler auf unsere Welt, die nur einmal existiert hat und existieren wird, weiter besteht und für die Ewigkeit eingefangen wird – oder zumindest bis niemand mehr da ist, um sie zu betrachten.
Ich durchblätterte das Buch ziellos, blieb bei einigen Gemälden stehen und zog dann wieder weiter. Eines der Bilder, die ich dabei betrachtete, brannte sich jedoch besonders deutlich in mein Gedächtnis ein. Ich kannte weder den Künstler noch das Gemälde selbst, doch es übte sofort eine ungeheure Anziehung auf mich aus.
Am rechten Rand des Bildes erhaschte man den Blick auf eine malerische, bewaldete Gegend, die durch ein lichtdurchflutetes, hohes, in den Felsen geschlagenes Tor von der verwüsteten, in düsteren Farbtönen gehaltenen Landschaft auf der anderen Seite getrennt war. Vom Tor führte eine natürliche Brücke aus Stein über eine gähnende Schlucht hinweg zu besagter Einöde, die in ewige Dämmerung gehüllt war, und über der, am linken Rande des Bildes, ein fahler Mond schwebte. Ein verkrüppelter Baum ragte im Vordergrund auf; undeutlich erkannte ich hinter der Brücke einen schmalen Wasserfall.
Dann fiel mir etwas auf.
Es waren keine Menschen auf dem Bild zu sehen.

18. Oktober 2014

Liebes Tagebuch,

Papa hat mich heute aus New York angerufen. Nicht nur hier in Europa, sondern überall auf der Welt häufen sich diese seltsamen Krankheitsfälle, die in so gut wie allen Fällen zum Tod der Betroffenen führen; alle Zeitungen, TV-Sendungen und auch mein Facebookfeed sind voll von Berichten über die sich ausbreitende Pandemie. Bei ähnlichen Krankheitsausbrüchen in den Jahren zuvor hatte ich die Berichterstattung darüber zumeist belächelt, mich nicht besonders davon beeinflussen lassen (vielleicht auch, weil ich noch zu jung gewesen war um die wahren Ausmaße des Geschehens zu erfassen) und stattdessen lieber über die unweigerlich daraus resultierenden Memes gelacht – doch dieses Mal beunruhigen sie mich wirklich. Und nicht nur mich.
Papa erzählte mir, dass er heute auf dem Weg zur Arbeit einen Umweg hatte fahren müssen, da der gesamte Times Square abgeriegelt gewesen war. Irgendein Wahnsinniger hatte am Morgen angefangen, mitten in die dort versammelte Menschenmenge zu schießen, ehe er sich selbst das Leben mit seiner Waffe genommen hatte. Die Polizei fand bei ihm einen wirren Abschiedsbrief, in dem er mittels konfuser Verschwörungstheorien zu belegen versuchte, dass die US-amerikanische Regierung bewusst den Impfstoff gegen die Krankheit zurückhielt.
Als ich nach dem Telefonat den Fernseher einschaltete, sprang mir sofort ein Bericht über den Vorfall entgegen. Ein sichtlich aufgeregter Reporter interviewte schaulustige Menschen, die sich an der Absperrung um den Times Square versammelt hatten. Manche von ihnen verurteilten zwar die Tat, glaubten aber zugleich laut eigener Aussage den kruden Theorien des Attentäters. Scheint so, als ob in solch kritischen Zeiten wie momentan Vernunft nie einen besonders hohen Stellenrang genießen würde. Auch ich selbst spüre mich immer mehr im unerbittlichen Griff der Angst – doch das Schlimme ist, dass sie mir zum ersten Mal in meinem Leben alles andere als irrational erscheint.

21. Oktober 2014

Liebes Tagebuch,

Die Krankheit hält immer mehr Einzug in unser Leben. Alle Leute mit grippeähnlichen Symptomen werden mittlerweile unserer Schule verwiesen, weil man glaubt, dass die Krankheit per Tröpfcheninfektion übertragen wird; so sicher ist das aber nicht. Niemand scheint wirklich zu wissen, wie die Krankheit übertragen wird. Vielleicht schwirrt sie auch nicht einmal zwischen uns in der Luft umher, sondern ist einfach nur Teil einer eingeplanten Obsoleszenz der Menschheit.
Aus den unübersehbaren Ereignissen der letzten wenigen Tage kristallisiert sich vor allem eines heraus: unsere hoffnungslose Machtlosigkeit. Es geht alles zu schnell; jeden Tag erreicht die Anzahl der bisherigen Toten neue schwindelerregende Höhen und löst irgendwo auf der Welt eine weitere humanitäre Katastrophe aus. Ich bin stumpf geworden gegenüber all diesem menschlichen Leid, das nicht mehr nur als abstrakte Zahlen auf dem flimmernden Bildschirm, sondern als in meinen Augenwinkeln inmitten der Einkaufsstraße zusammenbrechende, geifernde und mit weit aufgerissenen Augen ihren letzten Atemhauch aushauchenden, realen Individuen ausdrückt.
Bei den Nachrichten heute Abend wurde am Anfang noch kurz über Proteste gegen Kürzungen bei Studienbeihilfen berichtet, ehe der Fokus sich auf Ausschreitungen bei der UN-Krisensitzung in Kopenhagen legte. Die schnell zusammengeschnittenen Bilder zeigten wie ein unablässige fließendes Bewusstsein schnell hintereinander angst- und zornerfüllte Gesichter, in die Luft gereckte Schilder, aufbäumende Polizeipferde und von Rauchbomben verhüllte Straßen, in denen umherirrenden Schemen sich erbitterte Schlachten mit Steinen lieferten.
Bilder tauchten auf und verschwanden wieder: Wissenschaftler, die ratlos mit den Achseln zuckten und im Anschluss doch noch so etwas wie ein aufmunterndes Lächeln zustande bringen wollten, dabei jedoch scheiterten und sich stattdessen in vagen Erklärungen verloren; Leichen auf der Champs Elysée, die einfach dort liegen gelassen wurden, weil mittlerweile nicht mehr genügend Hilfskräfte zur Verfügung stehen um sie zu bergen; brennende Viertel in Tokyo. Dann Aufnahmen von Tieren – ein Adler über der russischen Tundra; ein winselnder Hund inmitten eines von unkenntlich gemachten Leichen übersäten Straßenzugs in einer Favela; eine Zecke auf einem im Wind wiegenden Grashalm. Eine der wenigen Erkenntnisse über die Krankheit ist, dass sie offenbar nur uns Menschen betrifft und ihr Verlauf immer der gleiche ist. Zuerst klagen die Betroffenen über grippeähnliche Symptome, ehe sie schließlich anfangen, Halluzinationen zu bekommen und wahnsinnig zu werden, ehe sie zusammenbrechen und ihr Herz zu schlagen aufhört.
Nur für einen kurzen Moment am heutigen Tage erschien mir all dies sonderbar fern. Michael und ich haben uns heute Abend nämlich zum ersten Mal geküsst; abseits der Gespräche im Café, die sich nur um die wild grassierende Krankheit gedreht hatten, im Lichtkegel einer Straßenlampe, die den gepflasterten Boden in der Altstadt illuminierte und doch genügend Schatten warf, um uns vor den Blicken der anderen zu verbergen. Warme Ahnungen unserer zukünftigen Beziehung blitzten vor mir auf, und erfüllen mich auch jetzt mit einem Anflug von Glück.
Noch sind sie siegreich gegen die heran kriechenden Schatten der Zukunft.

24. Oktober 2014

Liebes Tagebuch,

Michaels Vater ist tot.
Ich fühle mich so furchtbar. Ich wusste nicht, wie ich ihn richtig trösten sollte, da ich nichts von alledem an mich heran lassen möchte. Ich tue dies, um mich selbst zu schützen – doch genau deswegen konnte ich ihm in diesem wichtigen Moment nicht in dem Maße beistehen, wie ich es sonst getan hätte (oder zumindest rede ich mir ein, dass es die Umstände waren und nicht ein Teil von mir, mit dem ich mich generell nicht auseinander setzen möchte). Die Zeit schien so quälend langsam zu gerinnen, als ich ihn vorhin in der Tür in Armen hielt und hilflos über seinen Rücken strich, der leise bebte. Wetterleuchten blitzten in der Ferne auf.
Ich spüre die Angst herannahen, doch ich möchte ihr Kommen nicht anerkennen. Unerbittlich klammere ich mitsamt meiner Mutter noch immer an unserem üblichen Tagesablauf fest. Heute fiel unsere Schule, wie die letzten beiden Tage, aufgrund der Umstände aus; nichtsdestotrotz stand ich wie immer um Punkt sechs Uhr auf, frühstückte mit meiner Mutter und ging danach spazieren, um die Krankheit weiter in die Ferne rücken lassen. Es war ein grauer Herbstmittag; unser Dorf war sonst auch nie besonders betriebsam, aber nun schien es noch verlassener als zuvor. Die meisten Menschen hatten sich in ihre Wohnungen verschanzt und die Rollladen runtergelassen – beinahe so, als ob das Abwenden ihres Blickes von der Welt sie vor dem Kommenden schützen würde.
Als ich mit kalten Ohren und steifen Händen wieder nach Hause kam, wartete meine Mutter bereits mit einem warmen Lächeln (das kaum die in ihr rumorenden Sorgen zu überdecken vermochte) und einem roten Tee von Mariage Frères auf mich; wir redeten und schauten uns miteinander alte Fotobände an, flüchteten in die umsorgende Umarmung der Nostalgie und errichteten uns in diesen trauten Momenten eine temporäre Zuflucht inmitten der um uns tobenden Ruhe vor dem Sturm.
Dann tauchte Michael auf und erinnerte mich daran, dass wir diesen trügerischen Hort der Normalität nicht mehr lange aufrecht erhalten werden können. Wir fallen, immer tiefer, an den Schluchten der Zeit hinab – und der Aufprall steht kurz bevor.

4. November 2014

Liebes Tagebuch,

Früher habe ich mir, wenn ich meiner Imagination in endlosen Schulstunden oder während langen Busfahrten freien Lauf ließ, gelegentlich vorgestellt, wie der Weltuntergang wohl aussehen würde. Ich habe mir ausgemalt, dass der Mond sich aus den Fesseln der Erde lösen und auf sie hinab stürzen würde – so wie in Majora‘s Mask, das Rebecca mir einmal bei ihr zuhause auf ihrem alten Nintendo 64 gezeigt hatte. Gelegentlich war es auch ein Komet auf Abwegen gewesen, der in meiner Phantasie alles Leben auf der Erde ausgelöscht hat – der Gedanke hat mich zumeist ereilt, wenn ich hinauf in das kalte, mit hellen Punkten bestickte Firmament gestarrt habe. Ich habe versucht mir vorzustellen, wie dann auf einen Schlag auf einmal kollektiv die gesamte Menschheit, von einem anderen Moment zu dem anderen, sich in der Schwärze, die hinter dem Schleier lauerte, befinden würde – und mich dann stets gefragt, ob wir überhaupt merken würden, dass wir nicht mehr unter den Lebenden weilen.
All diese Gedankenspielereien erscheinen mir vergleichsweise unschuldig angesichts dessen, was sich gerade ereignet. Ich weiß nicht, was mich heute dazu geführt hat zu realisieren, dass die Welt, wie wir sie kennen, zerfällt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich mir überhaupt der Ausmaßen des Ganzen bewusst bin – aber etwas ist gewiss: Es wird nichts mehr wie vorher sein. Und diese Erkenntnis lauert in den tiefsten Katakomben meines Unterbewusstseins; nährt meine Gedanken mit Missmut und Angst, selbst wenn sie an der Oberfläche noch nicht wahrnehmen wollen, was gerade passiert.
Es gab bereits zuvor Tage in meinem Leben, die wie Einschnitte wirkten – so, als ob ich bis zu dem Zeitpunkt in einer verfilmten Biographie meines Lebens mitgewirkt hätte und nun der Abspann rollen würde. Doch im Gegensatz zum definitiven Ende von Filmen ging mein eigenes Leben weiter – was dazu führte, dass ich mich fühlte, als ob schon alles hätte vorbei sein müssen. Als ob ich meinen Tod und den alles auslöschenden Schlag verpasst hätte und nun auf ewig als Geist herumirren müsste. Denn es geht immer weiter; es ist keine punktuelle, sondern eine sich in die Zeit hinein ausbreitende Katastrophe.
Nichtsdestotrotz hat diese jetzt spürbar einen Punkt überschritten, an dem es kein Zurück mehr gibt – und das beunruhigt mich zutiefst.
Der Strom fällt immer wieder aus; dazu erhalten wir keinen Zugriff aufs Internet. Unser Fernseher hat seit gestern keinen Empfang mehr und sendet fast nur noch Störsignale; zuvor hatten wenigstens die ausländischen Sender noch größtenteils funktioniert. Allerdings hatten Mama und ich sowieso nur selten ferngeschaut und versucht, die besorgniserregenden Nachrichten, die im Sekundentakt über den flimmernden Bildschirm gejagt wurden, so weit es ging zu ignorieren. Wir schnappten nur auf, dass in Frankreich ein AKW in die Luft gegangen war, es jedoch nicht genug Einsatzkräfte gegeben hatte um die umliegende Bevölkerung zu evakuieren, da die Krankheit nach wie vor pausenlos und unvorhergesehen Menschen sterben ließ. Das hatte zu Massenpanik, Ausschreitungen und weiteren Toten geführt.
Seit zwei Tagen kommt keine Zeitung mehr; das letzte Mal prangte auf der Titelseite, dass auch in unserer Region nun der Ausnahmezustand ausgerufen worden sei und Rettungsdienste und Feuerwehr dementsprechend auch niemandem mehr zu Hilfe eilen könnten. Noch hilft man sich bei uns im Dorf gegenseitig aus; die Zahl der Toten bei uns ist gering, und dementsprechend geht alles mit einer gespenstischen Ruhe zugange, die gar nicht zum Ernst der Lage passt.
Ich bin in ständiger Sorge um meine Familie und Freunde. Das Handynetz fällt immer wieder aus, und es ist daher unmöglich, irgendjemanden zu erreichen. Ich habe Michael seit zwei Tagen nicht mehr gesehen; meine Sehnsucht nach ihm ist zwar kaum in Worte zu fassen, aber gleichzeitig bin ich auch – und das möchte ich mir noch immer nicht so recht eingestehen – erleichtert, dass er nicht auftaucht. Das schlechte Gewissen über meine fehlende emotionale Reaktion auf den Tod seines Vaters und meinen bewussten Mangel an Empathie nagt nämlich nach wie vor an mir.
Etwas Erleichterung hat es mir verschafft, als Raphael heute Morgen bei uns zuhause auftauchte – immerhin wohnt er nur drei Straßen weg – und zum Mittagessen (das, wie ich mit einem beruhigenden Anflug von Galgenhumor bemerkte, nicht aus Konservennahrung bestand) über blieb. Seine Präsenz munterte mich etwas auf – ich merkte ihm an, dass er auch unter der Situation litt, aber nichtsdestotrotz legte er eine Lebensfreude an den Tag, die ansteckend wirkte und mich für einige Stunden aus dem Griff meiner aufzehrenden Grübeleien befreite.
Wir wollen morgen gemeinsam zu Rebecca fahren, auch wenn wir uns noch überlegen müssen, wie wir das bewerkstelligen, da kaum noch Busse verkehren – wenn überhaupt. Mama hätte uns auch zu ihr fahren können, aber die nächstgelegene Tankstelle wurde schon seit Tagen nicht mehr beliefert.
Marie hat sich bereits vor einigen Tagen von uns verabschiedet. Ihre Eltern sind mit ihr nach Neuseeland zu Verwandten geflüchtet, als noch die letzten Flugverbindungen intakt waren. Jetzt ist der Himmel tagsüber leer; das klare Azur von keinen ausgefransten, weißen Parallelen mehr durchkreuzt. Der Abschied von Marie war viel zu kurz gewesen – auch wenn er wahrscheinlich nur noch unerträglicher geworden wäre, wenn er sich in die Länge gezogen hätte.
Ich habe mir nie vorstellen wollen, wie es wohl wäre, so wie Marie alles zurücklassen zu müssen – doch nun eignet sich dieser Gedanke auf einmal eine unangenehme Realität an.

6. November 2014

Liebes Tagebuch,

Ich bin eigentlich gar nicht so recht dazu in der Lage, aber ich will mich dir heute dennoch anvertrauen – zu sehr pochen die Gedanken in meinem Kopf und wollen eine feste Form annehmen. Ich schreibe dir nicht mehr von zuhause aus. Ein Teil von mir kann es noch immer nicht so recht fassen, und möchte es auch gar nicht. Wie so vieles. Das Gefühl der Irrealität dauert nun schon mehr als zwei Wochen an – und ich werde es wohl auch sobald nicht mehr loswerden. Es ist sogar noch schlimmer geworden, sodass der zurückliegende Tag wie ein langer Fiebertraum wirkt.
Er begann damit, dass heute Mittag in der Küche auf einem der wenigen verbliebenen Radiosenders die blecherne Stimme eines Nachrichtensprechers – dem jeglichen rhetorischen Fähigkeiten abhanden gekommen und stattdessen furchtsamem Haspeln gewichen waren – von plündernden und mordenden Banden in unserer Umgebung berichtet hatte. Manche der Dorfbewohner in den umliegenden Ortschaften hatten sich zusammengeschlossen und sich gegen sie zur Wehr gesetzt, doch ihre Verteidigung war rasch zusammengebrochen, und so trieben die Gruppierungen weiter ungehindert ihr Unwesen und hinterließen dabei eine Schneise aus brennenden Dörfern und Leichenbergen. Die Angst vor dem sicheren Tod durch die Krankheit, der uns, wie die letzten Wochen verdeutlicht hatten, allen in absehbarer Zeit bevorstand, schien ihrem Verstand ein noch frühzeitigeres Ende bereitet und ihn mit tobendem, bewusst erlebtem Wahn ersetzt zu haben.
Die Stimme im Radio erlosch schließlich; für einige lange Momente schwebte noch das Knistern der Frequenz als einziger vernehmbarer Laut in der Luft.
Dann ergriff meine Mutter meine Hand, langsam und bedächtig – ich blickte auf, und zum ersten Mal in meinem Leben sah ich, dass sich echte, tiefe Angst ihrer Züge und Augen bemächtigt hatte. Der Anblick riss mir den Boden, über den ich bislang sicheren Schrittes gewandelt bin, unter den Füßen weg. Ich war seit dem Erwachen meines Bewusstseins und damit auch meiner irrationalen Ängste an die beruhigende Präsenz meiner Eltern gewohnt gewesen, die stets zur Stelle gewesen waren, wann immer mich irgendeine Furcht mich ergriffen hatte, um sie mit aufmunternden Worten, einem warmen Lächeln oder neckendem Humor als harmloses Schreckensgespenst meiner Imagination zu entlarven. Gelegentlich habe ich mich gefragt, ob meine Eltern auch in ernsthaften, gefährlichen Situationen, in denen unser Leben tatsächlich auf dem Spiel stünde, ihre Fassade bewahren würden – nur um mich zu beruhigen. Meine Mutter lieferte mir die Antwort auf diese Frage in Form eines Gesichtsausdrucks, der mich jeglichen Halt, den ich in meinem Leben zu besitzen geglaubt hatte, verlieren ließ. In diesem Moment realisierte der bewusste Teil meines Geistes, dass wir nicht hier bleiben könnten; dass unser eigenes Zuhause uns keine Sicherheit mehr vor den Albträumen in Menschenform, die die Welt in ihren letzten Atemzügen gebar, bieten könnte.
Vor meinen Augen zerbarst alles, an das ich mich zeit meines Lebens geklammert hatte, zu einem Meer aus Scherben. Michael, Rebecca, Marie, Raphael, Papa – ich hatte nie in Betracht gezogen, sie einmal zu verlieren. Sie alle entglitten mir nun und wurden in den lichtlosen Abgrund des Ungewissen hinab gezerrt, der eine gewaltige Leere in mein Innerstes hineinriss.
Wir flüchteten Richtung Norden, durch weite Roggen- und Maiskolbenfelder in die Wälder hinein, die unser Dorf umgaben. Die einzigen Dinge, die ich im Rausch unseres hastigen Aufbruchs von zuhause mitnehmen konnte, sind einige wenige Kleidungsstücke, eine Taschenlampe, eine Taschenbuchausgabe von Du côté de chez Swann, etwas Proviant und mein Lieblingsstofftier.
Wir liefen an dem kleinen Teich vorbei, den wir in der Grundschule auf einigen Klassenausflügen in die Natur aufgesucht hatten; der Schleier der Realität schob sich für einen Moment zur Seite und gab den Blick frei auf mein umherlaufendes und die Natur mit unersättlichen Augen beobachtendes neunjähriges Ich an einem kalten, fernen und endlos erscheinenden Winternachmittag.
Meine Mutter und ich ließen uns auf dem steinernen Mauer beim  Teich nieder, um für wenige Minuten Pause zu machen; sie wirkte trotz der angespannten Situation sonderbar gefasst. Ich bewunderte sie dafür und schalt mich einen Narren, wann immer ich mich dabei erwischte, wie ich nervöse Blicke in den sich verdunkelnden Wald warf. Ich senkte wieder den Blick, um mich abzulenken; vor meinen Füßen erspähte ich zwei Ein-Euromünzen. Ich ließ sie inmitten des farbenprächtigen Blätterteppichs auf dem Waldboden liegen, als wir mit der untergehenden Sonne zu unserer Linken weiterzogen.
Nach einer Weile begann der Boden abzufallen; wir erreichten ein abgelegenes Hotel auf einer Lichtung inmitten eines Tals. Meine Mutter war in ihrer Kindheit bereits einige Mal mit ihren eigenen Eltern dort gewesen.
Wie es ihnen wohl gehen mag?
Als meine Mutter und ich erschöpft und nach Luft schnappend aus dem Wald traten und die alte Brücke überquerten, die über einen reißenden Fluss hinweg zum Hotel führte, näherten sich uns vom anderen Ende her sofort zwei Männer. In ihren Händen hielten sie Holzknüppel, an deren oberem Ende sie notdürftig Eisennägel angebracht hatten; dazu ragten die Läufe von Gewehren, die sie sich auf den Rücken geschnallt hatten, über ihre Köpfe hinweg. Instinktiv ergriff ich die Hand meiner Mutter und bereitete mich auf das Schlimmste vor – doch die beiden machten keine Anstalten, uns anzugreifen. Stattdessen begutachteten sie uns kurz, begrüßten uns dann höflich, aber mit ernsten Gesichtsausdrücken und teilten uns mit, dass sich im Hotel bereits eine Gruppe von Flüchtlingen zusammengefunden hätte. Ohne lange zu zögern willigten meine Mutter und ich ein, zu ihnen dazu zustoßen. Die beiden führten uns schließlich über den mit zahlreichen Pfützen versehenen Kiesboden zum Hotel. Im ersten Augenblick geriet ich ins Zweifeln – wieso sollten wir von der einen Niederlassung in die nächste flüchten, wo wir doch wahrscheinlich sicherer wären, wenn wir uns ständig fortbewegen würden? Gleichzeitig wurde ich mir bewusst, dass weder meine Mutter noch ich eine Ahnung hatten, wie wir im Freien auf Dauer überleben könnten, und dass wir zu zweit verletzlicher wären als mit weiteren Menschen. Ein Blick in ihre Richtung bestätigte, dass sie ähnlich dachte und sich sicher war, dass es allemal besser war hier zu bleiben, als alleine durch die Gegend zu irren.
Ich bin ausgelaugt, gleichermaßen physisch als psychisch; dazu ermüdet es mich, im kargen Licht meiner Taschenlampe zu schreiben. Ich werde wohl erst noch eine oder mehrere Nächte brauchen, um zu realisieren, was heute passiert ist. Mama schläft neben mir im Hotelbett – doch ich muss den Blick immer wieder abwenden. Im Schlaf ist ihr Gesicht auf einmal von Unruhe und Sorge gezeichnet – als stete Erinnerung daran, dass wir in dieser zerfallenden Welt nirgendwo mehr sicher sind.

7. November 2014

Liebes Tagebuch,

Der zurückliegende erste Tag im Hotel hat meine Sicht auf die Dinge etwas geklärt. Ich habe von unserer überstürzten Flucht und Michael geträumt; als ich aufwachte und mich noch mit geschlossenen Lidern im Halbschlaf herumwälzte, fühlte ich für den Bruchteil eines Augenblicks die Geborgenheit meines heimischen Bettes – bis ich die Augen aufschlug und auf die unvertraute Decke eines viel zu kleinen Zimmers starrte. Unter meinem Rücken spürte ich dazu eine viel zu weiche, ungewöhnlich schmale Matratze. Ich drehte den Kopf zur Seite – der Umriss meiner Mutter, die am Rande des Bettes saß und zum Fenster hinaus starrte, schob sich in mein Blickfeld und ließ die Erinnerungen an das Geschehene quälend langsam wieder in meinem Innern aufsteigen.
Wie gerne noch hätte ich diesen Moment kurz nach dem Aufwachen heute Morgen ausgekostet. Für einen kurzen Augenblick hatte ich weder gewusst, wo ich war, noch welche Sorgen mir auf dem Gemüt lagen – mein Geist war befreit vom Bewusstsein seines Selbst gewesen und durch tausend unbekannte Leben in tausend verschiedenen Zimmern gewandert, fernab jeglicher Gefahren.
Das Hotel ist ein zweistöckiges, ausgebleichtes weißes Gebäude, das schon eindeutig glorreichere Zeiten gesehen hat und sich inmitten eines Tals mit hoch aufragenden, bewaldeten Hügeln befindet. An der Süd- und Nordwand des quadratischen Hauptgebäudes, das aus dem Querhaus hervorragt, befinden sich zwei zusätzliche bungalowähnliche Anbauten mit flachen Dächern; dazu ist das Querhaus des Hotels auf seiner südlichen Seite mit einem weiteren, scheinbar neueren Gebäude in einem anderen Baustil verbunden. Dadurch bietet das Hotel auch genügend Platz für die drei Dutzend Menschen, die neben uns in ihm Zuflucht gefunden haben. Die meisten von ihnen stammen vornehmlich aus benachbarten Dörfern; manche der Jüngeren kenne ich flüchtig von Dorffesten. Ich hatte mit fünfzehn angefangen, regelmäßig auf solche Veranstaltungen zu gehen – jetzt auf einmal erschien mir der Gedanke, rauszugehen und bis in die Nacht hinein zu feiern, ausgesprochen exotisch.
Jede Familie – die wenigsten sind noch vollständig – im Hotel hat Anrecht auf ein eigenes Zimmer; Menschen, die alleine sind, teilen sich das Zimmer zumeist mit mehreren Fremden. Die Erleichterung, in diesen Zeiten in einem Hotelbett – selbst wenn man nur eine Seite der Matratze für sich beanspruchen darf – schlafen zu dürfen, ein Dach über einem Kopf zu haben und sich einigermaßen in Sicherheit zu befinden, erstickt die meisten Einwände, die dabei geäußert werden könnten, bereits im Keim.
Den Großteil des Tages habe ich auf unserem Zimmer mit Mama gesprochen und gelesen. Gegen Nachmittag bekamen wir beide Hunger, und so führte uns ein hilfsbereiter Hotelbewohner – ein älterer Herr mit Hornbrille namens Samuel – zur Vorratskammer, die sich im Keller befand. Samuel zufolge hatten die ersten Bewohner des Hotels, die vor ungefähr einer Woche hier eingetroffen waren, unter sich ausgemacht, dass jeder sich so viele Rationen aus den Vorratskammern nehmen sollte, wie er es gerade nötig hätte, und dass ihm die ganze Küche zur Verfügung stünde, um dort zu kochen. Jeder von uns hat selbstverständlich zuerst sein eigenes Überleben im Sinn, aber die Bewohner des Hotels haben eingesehen, dass man nur gemeinsam gegen die bevorstehenden Widrigkeiten bestehen könnte. Anstelle also dass die Anzahl der Rationen auf Basis der Dienste, die man der Hotelgemeinschaft gegenüber erwiesen hat, verteilt werden – was dazu führen würde, dass Menschen, die den Eindruck hätten, dass ihre Tätigkeit mehr zum Fortbestehen unserer kleinen Gesellschaft beitragen, auch Anspruch auf mehr Rationen erheben und somit weitaus weniger für jene übrig bleiben würde, die nicht mithelfen können oder noch gar nicht die Chance dazu hatten, so wie meine Mutter und ich -, darf sich kurzerhand jeder nach eigenem Ermessen in der Vorratskammer bedienen.
Auf dem Weg dorthin beobachtete ich zum ersten Mal die anderen Bewohner des Hotels genauer. Nur wenige von ihnen trieben sich auf den Gängen herum; die meisten verweilten lieber hinter geschlossenen Türen auf ihren Zimmern und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Am Ende unseres Gangs stand eine Tür offen. Ich warf im Vorbeigehen einen Blick hinein und erspähte eine großgewachsenen Frau Mitte vierzig, die ein schreiend gelbes Karohemd trug und auf einem wuchtigen Schreibtisch konzentriert ein kleines Radio reparierte. Neben Letzterem lagen, fein säuberlich aufgereiht Schraubenzieher, verschiedenfarbige Kabel, Drähte, Aluminiumstreifen und zahlreiche weitere Utensilien. Später am Abend sollte ich erfahren, dass die am Radio tüftelnde Frau auf den Namen Mirjam hörte, früher einmal Radioingenieurin gewesen war und nun versuchte, den Kontakt mit der Außenwelt wieder herzustellen.
Ich blieb stehen und beobachtete sie fasziniert bei der Arbeit. Ich hatte den technologischen Fortschritt der Menschheit stets als etwas sehr Fragiles begriffen, der dementsprechend, wie auch in den letzten Wochen ersichtlich geworden war, rasch zusammenbrechen kann. Umso mühevoller erscheint nun, insbesondere aufgrund der bereits erwähnten Komplexität unser technischen Errungenschaften, der Wiederaufbau. Ein Radio mag zwar einen in technischen Belangen ungeübten Menschen wie mich überfordern, aber für einen Radioingenieur, der sich das Wissen über seinen Aufbau über die Jahre hinweg angeeignet hat und selbst die kleinsten Bestandteile und ihre Beziehungen zueinander kennt, stellt seine Reparatur wohl kein allzu großes Problem dar. Ein so komplexes System wie das Internet, von dem viele an dessen Erhalt Involvierte nur einzelne Aspekte in ihrer Gänze begriffen, wieder aufzubauen, würde aber die koordinierte Arbeit unzähliger Menschen erfordern – was in dieser prekären Situation aber quasi unmöglich erscheint.
Die Menschen, die in den Gängen des Hotels oder in der kleinen Lobby saßen, unterhielten sich bloß im Flüsterton miteinander. Es herrschte eine sonderbare Stimmung – ich weiß nicht, ob ich sie als angespannt, niedergeschlagen, oder eine Mischung aus beidem beschreiben soll. Der relative Komfort vermag jedenfalls nicht die Gefahren, die draußen lauern, aus den Köpfen der Menschen zu verbannen. In manche erschöpfte Augen, die sich auf mich richteten, als ich mit meiner Mutter die mit Fliesen ausgelegte Lobby durchquerte, konnte ich kaum mehr als einige Sekunden blicken; zu sehr waren sie von den Grausamkeiten, die sie erblickt hatten, gezeichnet. Noch kann man den anderen Leuten im Hotel, wenn man sich nach etwas Ruhe sehnt, aus dem Weg gehen – viele Gänge sind verwaist, und ein ganzer Flügel des Hotels verfügt noch über unbelegte Zimmer. Nichtsdestotrotz führt das Gefühl, ständig von fremden Menschen beobachtet zu werden, an solch einem vergleichsweise geschlossenen und engen Ort wie unserem Hotel, schnell zu Nervosität und Anspannung – selbst wenn jene, die einen fragend oder, sofern sie noch dazu fähig sind, neugierig anblicken, keine böswilligen Intentionen dabei hegen.
Die Vorratskammer befindet sich direkt neben der mit weißen Fliesen ausgelegten, über mehrere Räume verteilte Küche im Erdgeschoss, und ist äußerst weitläufig. Noch vertrieb der von Vorfreude getränkte Gedanke an das bevorstehende Essen – ich hatte seit unserer Flucht nichts mehr zu mir genommen – die nagende Frage, wie lange die zahlreichen, aber dennoch endlichen Reihen an Vorräten, die wir durchschritten, wohl die knapp fünfzig Menschen im Hotel ernähren mochten.
Diesen Abend nahmen Mama und ich dann auch zum ersten Mal an der alltäglichen Sitzung ums Feuer, das bei Einbruch der Nacht in der Lobby mittels Ordnern und umherliegenden Zeitungen aus den Zimmern angezündet wurde, teil. Wie in der Frühzeit der Menschheit saßen wir im Kreis um die züngelnden Flammen, die Schatten an die Wände unserer Höhle malten und die Schluchten in den erschöpften und gezeichneten Gesichtern tiefer erschienen ließen. Eines von ihnen kam mir sonderbar bekannt vor – bis ich realisierte, dass Raphael mitsamt seiner kleinen Schwester bei uns am Feuer saß. Während die Erwachsenen sich leise miteinander berieten, schlich ich mich leise zu ihm und umarmte ihn. Heiße Tränen, in denen das Feuer sich spiegelte, rannen meine Wangen hinab.

10. November 2014

Liebes Tagebuch,

Raphael und ich haben heute zusammen mit den Kindern im Hotel – es sind derer zwölf –  Lampions aus Stoff, den wir in Regalen im Keller des Hotels gefunden haben, und Papierschiffe gebastelt; die Lampions haben wir dann mithilfe von Kerzen, die wir in einem Schrank in der Lobby gefunden haben, erleuchtet. Die Kinder – das Älteste von ihnen ist gerade mal zehn Jahre alt – scheinen noch nicht so richtig zu realisieren, was ihnen gerade widerfährt, auch wenn ich heute Mittag in manchen Gesichtern schon eine gewisse Ahnung davon zu entdecken glaubte. Einer der Jungen zeigte mir stolz sein Trikot, auf dem drei Fußballer abgebildet waren. Ich kannte ihre Namen nicht – nur die im gelben Trikot und in Siegerpose laufende Nummer 9 kam mir ansatzweise bekannt vor -, zeigte aber dennoch großes Interesse an dem T-Shirt und fragte den Jungen darüber aus. Das neu entzündete Leuchten in seinen Augen war mitsamt dem Basteln eine sehr angenehme Ablenkung – in diesen Zeiten hilft mir dabei sonst nur das Schreiben. Raphael hatte noch ein ungenutztes Notizheft in seinem Rucksack, das er mir gegeben hat – neben meinen täglichen Einträgen, die ich an dich richte, schreibe ich jetzt darin noch an meinem neuen Roman. Dazu erkunde ich mit Raphael das Hotel – es ist noch verwinkelter als ich anfangs angenommen habe. Gestern haben wir im Keller noch ein altes Ledersofa gefunden, dass wir nach oben geschleppt und in die Mitte des Gangs, in dem sich kaum Schlafräume befinden, verfrachtet haben. Jetzt sitzen wir den Großteil des Tages über dort, während wir uns abwechselnd aus Du côte de chez Swann vorlesen und gemeinsam in Erinnerungen schwelgen.

13. November 2014

Liebes Tagebuch,

Mirjam hat heute das Radio wieder zum Laufen gebracht, was für großen Aufruhr an unserem allabendlichen Rat am Feuer sorgte. Das kleine Gerät wirkte wie ein kultisches Relikt aus längst vergangenen Zeiten, das Archäologen wieder ans Tageslicht gebracht hatten und um das wir uns nun neugierig scharten – dabei war es erst wenige Wochen her, seit die Meisten von uns zum letzten Mal eines gesehen hatten.
Dann begannen die Diskussionen. Einige der Versammelten waren der Ansicht, dass man versuchen sollte, mittels des angeschlossenen Mikrofons Kontakt mit möglichen anderen Überlebenden aufzunehmen; andere wiederum sagten, wir sollten erst warten, bis wir wüssten, wie wir uns selbst weiter versorgen könnten, wenn erst einmal die Vorgänge zur Neige gehen würden. Erst dann sollten wir uns um die Kontaktaufnahme mit der Außenwelt bemühen. Die Argumentierenden kamen zu keinem Konsens, weswegen sie die finale Entscheidung auf einen späteren Tag verlegten.
Während der Rat danach noch alle möglichen Frequenzen auf dem Radio ausprobierte, um mögliche Botschaften von noch intakten ausländischen Nachrichtensendern zu empfangen, stand ich auf und bewegte mich, von einer plötzlichen Unruhe getrieben, weg vom Feuer, nach draußen – hinaus in die Nacht.
Ein bleicher Vollmond hing am klaren Firmament. Ich entkleidete mich neben dem kahlen Baum am Ufer des Flusses und stieg bis zu den Schultern in das eiskalte Wasser, um mich zu baden. Das fahle Licht des Mondes spiegelte sich auf der Oberfläche des Flusses, der an mir zog und zerrte, und ließ meine Haut in einem bläulichen Ton leuchten. Langsam schloss ich die Augen, versank in seiner Umarmung und verweilte in dieser, während die Zeit sich mit dem Murmeln des Wassers vermengte und sich schließlich ganz in ihm auflöste.

16. November 2014

Liebes Tagebuch,

Nach dreitägigen Verhandlungen ist unser Rat zum Schluss gekommen, dass wir dennoch Radiobotschaften aussenden sollen. Insbesondere aufgrund des nahenden Winters wäre es wichtig, dass wir andere Überlebende auf uns aufmerksam machen, um gemeinsam zu planen, wie wir ihn durchstehen können, und um mögliche Rationen an Vorräten miteinander zu teilen – falls sie denn bereit dazu wären. Unsere Koordinaten würden wir nicht sofort preisgeben – zu groß ist die Gefahr, dass die umhertreibenden Gruppen, vor denen wir geflüchtet sind, auf uns aufmerksam werden.
Trotz dieser Vorsichtsmaßnahme durchfuhr mich ein kalter Stich der Angst, als ich heute an Mirjams Zimmer vorbei ging und ihr lauschte, wie sie mit gefasster, von leichter Hoffnung beseelte Stimme unsere Hilferufe hinaus sandte.

20. November 2014

Liebes Tagebuch,

So sonderbar es klingt, aber selbst an den Weltuntergang kann man sich scheinbar gewöhnen. Die Stimmung im Hotel ist sehr niedergeschlagen, und wohin ich auch gehe, blicke ich fast nur in erschöpfte, zermürbte und ausgelaugte Gesichter – aber nichtsdestotrotz gehen sie allesamt einem mehr oder minder geregelten Tagesablauf nach. Inmitten unserer geschlossenen Gesellschaft hat sich so etwas wie eine post-apokalyptische soziale Ordnung gebildet, die trotz vereinzelter Zwischenfälle letztendlich alle Schranken zwischen uns aufgehoben hat. Es kam mehrere Male zu Komplikationen in den Vorratskammern, da manche den Eindruck hatten, dass einige Familien mehr Vorräte mit sich nahmen, als sie wirklich benötigten; dazu ereigneten sich hier und da einige Streitigkeiten zwischen einigen Bewohnern des Hotels – doch das wird dann immer am allabendlichen Feuer angesprochen und so auch meistens geklärt, da wir uns aufgrund unserer relativen Sicherheit Zeit dafür nehmen können, die Probleme in aller Ausführlichkeit miteinander zu bereden. Bei den Diskussionen am Lagerfeuer fallen zwar einige Menschen auf, die des Öfteren das Wort ergreifen und auch über größere Überzeugungskraft als andere verfügen, aber dennoch haben sich dadurch bislang noch keine Machtgefälle herauskristallisiert – dafür erachten die Menschen im Hotel ihre eigene Freiheit und die der anderen als zu wertvoll.
Meine Vergangenheit ist ein verklärtes Paradies – ich frage mich, ob es nur aufgrund der Nostalgie daran liegt, dass ich überhaupt noch an sie zurückdenke. Mag sein, dass wir erheblich an Komfort eingebüßt haben, die Krankheit als omnipräsente Gefahr im Hintergrund lauert und in der Nähe möglicherweise mörderische Banden lauern – doch gleichzeitig wird mir bewusst, dass die Menschen hier im Hotel den Weltuntergang als Chance begriffen haben, ganz von vorne anzufangen und alles anders zu probieren, mit den Erfahrungen des Vergangenen im Hinterkopf.
Raphael und ich helfen auch, um uns die Zeit zu vertreiben, den Erwachsenen gelegentlich beim Bewachen des Hotels oder bei der Inventur der Vorratskammer.
Auch wenn ich das alles gutheiße, zweifele ich dennoch – rede ich mir das alles nur ein, um nicht an unserer Situation zu verzweifeln, oder empfinde ich das wirklich alles so?
Ich frage mich, wie lange all dies noch anhalten wird. Zum einen gab es seit Längerem keinen Krankheitsfall mehr, der für Panik hätte sorgen können; zum anderen sind bislang noch ausreichend Lebensmittel vorhanden, sodass kein Streit um die Ressourcen entsteht. Dazu steht die schwerste Zeit – der kalte Winter – uns erst noch bevor.  Das Brennmaterial geht gerade jetzt, wo es kälter wird und wir das wärmende Feuer umso dringender benötigen, schon merklich zur Neige; wir haben vor zwei Tagen die Betten demontiert, um Brennholz zu haben, und schlafen dafür jetzt nur noch auf den Matratzen.
Manche haben vorgeschlagen, in die Wälder jagen zu gehen, um der bald eintretenden Lebensmittelknappheit entgegen zu wirken – doch diese Vorschläge erreichten in unserem allabendlichen Rat beim Lagerfeuer selbst nach lange und zähen Verhandlungen keinen Konsens, sodass manche Bewohner schon heimlich auf eigene Faust die Wälder nach Essbarem erkunden gegangen sind. Mirjam sendet dazu weiterhin jeden Tag Botschaften mit ihrem Radio hinaus; bislang hat sie allerdings noch keine Antwort erhalten. Gelegentlich empfangen wir, wenn wir alle zusammen während des Rates Radio hörten, knisternde und rauschende Nachrichtensendungen aus dem Ausland. Nicht nur hier, sondern auch anderswo schienen die Schrecken in Menschenform, die meine Mutter und mich zur Flucht bewegt hatten, nach wie vor ihr Unwesen zu treiben – niemand weiß, was sie dazu führt, durch die Gegend zu ziehen und alles auf ihrem Weg in Schutt und Asche zu legen. Anscheinend nennen sie sich selbst die Seraphim – aber nicht einmal das ist sicher.
So scheint es beinahe, als ob die bewusstlose, grausame Krankheit in ihnen ihre menschlichen, mehr oder minder bewusst agierenden Handlanger zur Errichtung der Hölle auf Erden gefunden hat.

27. November 2014

Liebes Tagebuch,

Raphael erzählte mir heute, dass es sich bei den umherziehenden Seraphim angeblich größtenteils um religiöse Fanatiker unterschiedlichster Glaubensrichtungen und einige versprengte Wahnsinnige handelt, die in der Krankheit die Strafe Gottes sehen und das Heraufkommen des Jüngsten Gerichts beschleunigen wollen. Bewundernswert, dass sie ihre konfessionellen und ideologischen Streitigkeiten im Angesicht des nahenden Endes über Bord geworfen und sich endlich miteinander ausgesöhnt haben. Manche im Hotel munkeln auch, dass es sich bei ihnen um Menschen handelt, die die Krankheit zwar überlebt haben, dafür aber noch immer von den damit verbundenen Halluzination und Wahnvorstellungen heimgesucht werden. Auch Raphael ist ins Grübeln darüber geraten, ob Gott, oder irgendeine höhere Macht uns Menschen damit strafen wollten – wofür auch immer.
Ich glaube nicht daran. Strafe ist ein menschliches Konzept – es gibt dort draußen niemanden, dem wir uns gegenüber schuldig gemacht haben. Das Universum kümmert sich nicht um uns Menschen.
Wir wären so oder so einmal alle zu Staub zergangen, ohne dass auch nur der leiseste Klage- oder Triumphlaut in den Tiefen des kalten Alls erschollen wäre – die Krankheit hat diesen Prozess bloß früher eingeleitet.
Ich erspähte heute bei meinem Herumwandern durch den bis zum Bersten mit Sperrmüll gefüllten Keller die Nachbildung einer antiken Marmorbüste. Bei ihrem Anblick musste ich wieder an all die Kunstwerke denken, von denen viele wahrscheinlich bei Unruhen oder durch Brände zerstört worden sein mussten, einige aber dennoch noch irgendwo sicher in Safes lagern. Wenigstens das würde teilweise noch von uns bleiben; wenn auch nicht für die Ewigkeit, dann doch wenigstens noch als langsam verblassende Erinnerung, als Zeichen. Wir waren hier gewesen, selbst wenn unsere kurze Existenz keine spürbaren Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte des Universums gehabt hatte. Wir haben vermocht, unsere Leben in etwas Zeitloses und Schönes umzuwandeln, von denen manches vielleicht noch bis ans Ende der Zeit von uns künden wird. Nur – wird jemals wieder jemand oder etwas diese Dinge auch bewusst erblicken und mit dem gleichen Staunen betrachten können?

10. Dezember 2014

Liebes Tagebuch,

Die Krankheit ist wieder da – es scheint so, als ob sie gespürt hätte, dass wir sie beinahe vergessen hätten, und aus genau diesem Grund als leibhaftig gewordene Erinnerung aus dunklen Zeiten zurückgekehrt wäre. Heute war Johanna, die einige Türen weiter in unserem Stockwerk lebte auf einmal, wie von einem Dämon besessen, von ihrem Bett aufgesprungen und nach draußen auf den Flur gestürmt. Raphael und ich hatten gerade dem kleinen Jungen im Fußballtrikot dabei geholfen, seine Eltern in den verwinkelten Gängen des Hotels wieder zu finden, als auf einmal Johanna um die Ecke kam, auf uns zustürmte und wirr vor sich her redete, ehe sich ihre Stimme in ein schrilles Kreischen verwandelte, das die Wände des Hotels zum Erzittern zu bringen schien. Sie stürzte auf die Knie, ehe sie uns erreichte; das dumpfe Geräusch war wie ein Glockenschlag durch meinen fassungslosen Geist getönt. Ihre Haut hatte eine gräuliche Färbung angenommen, auf der sich ihre Adern wie ein purpurnes Relief aus verästelten Flüssen abzeichneten. Mit spasmischen Bewegungen führte sie ihre Hände zum Kopf und fing an, sich die Haare auszureißen, während sie sich weiter die Seele aus dem Leib schrie. Schließlich verstummte sie, und ihre Bewegungen erlahmten; sie rollte ihre Augen nach hinten und klappte tot zusammen.
Der Junge starrte zuerst sie, dann uns mit weit aufgerissenen Augen an, ehe er stumm von dannen zog und in den Tiefen des Hotels verschwand, ohne weiter nach seinen Eltern zu fragen.

12. Dezember 2014

Liebes Tagebuch,

Die Schrecken der Realität holen uns weiter ein. Heute hatte Gabriel – ein Mann Mitte vierzig, mit schütterem grauem Haar, der seine gesamte Familie an die Krankheit verloren hatte – einen handfesten Streit mit einem anderen Bewohner des Hotels angezettelt. Der Grund dafür erschloss sich mir aus dem wütenden Geschrei, das die beiden von sich gaben, nicht einmal; auch nachher konnte mir noch immer niemand erklären, wer die Auseinandersetzung losgetreten hatte, und vor allem weshalb. Es dauerte jedenfalls kaum zwei Minuten, bis die Situation eskalierte, ein Messer aufblitzte und Gabriel auf einmal aus einer Wunde am Hals blutend auf dem Boden lag.
Der Täter wurde überwältigt und des Hotels verwiesen; den Toten begruben wir etwas abseits des Hotels, zusammen mit vier weiteren Personen, die in den letzten Tagen der Krankheit anheimgefallen sind.
Ich erinnere mich nicht an ihre Namen.

15. Dezember 2014

Liebes Tagebuch,

Ich weiß nicht, woher ich noch die Willenskraft nehme, um all dieses Grauen zu ertragen. Diese Resignation, die sich immer mehr in meinem Innern breitmacht, dämpft es einigermaßen – und das bereitet mir weitaus mehr Sorgen als all die furchtbaren Bilder.
Unser Rat am Feuer hat entschieden, dass wir nicht mehr im Hotel verweilen können und weiterziehen müssen, wenn wir überleben wollen. Dazu wurden zwei junge Männer und Frauen ausgewählt, um die nahegelegenen Dörfer zu erkunden und sicherzustellen, dass keine Seraphim sich dort herumtreiben.
Wir müssen unsere Vorräte rationieren. Es ist kaum noch Brennmaterial vorhanden. Die Sitzungen des Rats finden nicht mehr – wenn sie denn überhaupt noch zustande kommen – am wärmenden Feuer, sondern in alles umhüllender Dunkelheit statt.
Ich habe Angst.

20. Dezember 2014

Liebes Tagebuch,

Ich frage mich, wie es Papa geht. Mama und ich reden so oft es geht und möglichst ausschweifend über ihn, um die Erinnerung an ihn am Leben zu halten – wie eine kleine, lodernde Flamme in ihren letzten Atemzügen.

25. Dezember 2014

Raphaels kleine Schwester hat soeben von ihrem Fenster aus Lichter im Wald gesehen.
Ist es der Spähtrupp, der zurückgekehrt ist?

1. Januar 2015

Dies hier wird vielleicht mein letzter Eintrag sein. Ich habe nicht mehr viel Zeit zum Schreiben.
Die Lichter gehörten nicht zum Spähtrupp.
Es sind die Seraphim.
Wie haben sie uns gefunden? Hat Mirjams Radiosignal etwa … ?
Sie haben sich lautlos dem Hotel genährt; die Wachen, die ihnen zur Begrüßung entgegen eilten, waren ohne Vorwarnung von ihnen niedergeschossen worden. Der berstende Laut der Schüsse hallt noch immer in meinen Ohren nach. Dann haben sie die Fenster mit Steinen eingeworfen und sind hindurch geklettert, ohne dass die Scherben ihnen auch nur im Geringsten etwas ausgemacht haben …
Sie singen. Ich höre ihren Gesang von hier oben aus durch die Gänge hallen, während sie den Putz der Wände mit bloßen Händen runterreißen und das Mobiliar umwerfen …
So viele von uns sind tot. Raphael … Mirjam … der Junge im Trikot … Immer wieder dringen Schreie und Schüsse von unten zu uns nach oben.
Ich will nicht in Worte fassen, was ich gesehen habe, als wir nach oben geflüchtet sind. Alles, woran ich jetzt noch klammere, sind meine Erinnerungen und die kalte Hand von Mama im Bett neben mir.
Mein 16. Geburtstag liegt erst drei Monate zurück.

Eva

 

“Expulsion – Moon and Firelight” basiert auf meinem Kurzfilm ‘Epilogue’: