Category Archives: Gastbeitrag

Rassismus 2.0 – Wie die rechte Szene sich soziale Netzwerke zu Nutze macht (Gastbeitrag von Xavier Hofmann)

Der 4. Gastbeitrag von Xavier Hofmann zum Thema “Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken”. Den Originalartikel findet ihr hier.
In den ersten drei Einträgen meines Blogs ging es allgemein um die Funktionsweise sozialer Netzwerke und das Verhalten mancher Nutzer. In diesem Post wird es nun darum gehen, wie die politisch rechte Ecke versucht, ihr Gedankengut in sozialen Netzwerken zu verbreiten und teilweise unterschwellig gegen Minderheiten jeder Art zu hetzen und eine allgemeine fremdenfeindliche Stimmung in der Gesellschaft zu erzeugen.
Beginnen werde ich mit einem Beitrag, der von der Facebook-Seite “NPD-Kreisverband Westpfalz” veröffentlicht wurde. Kurz gesagt: In Kaiserslautern sollen angebliche Asylanten den gefährlichen Ebola-Virus nach Deutschland gebracht haben. Natürlich stimmt das nicht, was man auch in meinen Quellenangaben detailliert nachlesen kann. Das Interessante ist an dieser Stelle die Art, wie der Beitrag verfasst wurde. Ähnlich wie es auch etliche “normale” Seitenbetreiber tun, wird hier versucht, die Reichweite der eigenen Posts mit Provokation und dem Aufstellen pikanter Fragen zu steigern. Darauf springen natürlich viele Nutzer an, die schon seit Monaten in der Angst vor dem tödlichen Ebola-Virus leben. Dabei ist es ihnen im Endeffekt egal, dass sie dabei die NPD indirekt unterstützen. Es geht primär um die Angst um das eigene Leben. Diese Angst wird hier genutzt, um Fremdenhass und Intoleranz gegenüber Asylanten zu schüren. In diesem anderen Beispiel bedient sich die NPD einer ähnlichen Vorgehensweise. Die Angst davor, die eigene Unterkunft zu verlieren, wird dazu genutzt, um gegen Asylanten zu wettern. Natürlich wurde auch hier mit allen Mitteln der Kunst versucht, ausgehend von einem realen Sachverhalt irgendwie eine provokante Meldung auf die Beine zu stellen. Auch in diesem letzten Beispiel wird noch einmal deutlich, dass die politisch rechte Ecke vor keiner Falschmeldung zurückschreckt, um auch nur irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. Hier wurde die sogenannte „Eingliederungshilfe“, die eigentlich nur körperlich oder geistig wesentlich behinderten Menschen zusteht, so uminterpretiert, als dass sie dazu dienen würde Asylbewerbern das Eingliedern in die Gesellschaft zu erleichtern. Da es sich in diesem Fall um mehr als 2000 Euro handelte, war die Empörung enorm.

image15

Zusätzlich zu den hier beispielhaft genannten Beiträgen, die aus offensichtlich rechtsextremen Federn stammen, gibt es noch eine subtilere Art, um in sozialen Netzwerken den Hass auf Minderheiten zu schüren. Als Beispiel sei hier auf die oberen Bilder hingewiesen. An dieser Stelle kann man nur über die eigentliche Herkunft und den Sinn der Beiträge spekulieren, jedoch scheinen diese alle einen faden, rechten Beigeschmack zu haben, was besagten Gruppierungen zweifellos entgegenkommt. Teilweise bestehen solche Statusbeiträge aus riesigen Texten, die wohl den Eindruck vermitteln sollen, dass es sich um einen seriösen, gut recherchierten Beitrag handelt. Im Endeffekt wird auch hier nur wieder versucht, ein Maximum an Aufmerksamkeit zu erlangen. Beiläufig werden dann Informationen bezüglich einer ausländischen Herkunft der in den Beiträgen behandelten Täter erwähnt. Diese Informationen führen dazu, dass Nutzer, die diese Beiträge glauben, sich – nach dem Entdecken etlicher ähnlich gelagerter Fälle – “in ihrem eigenen Land nicht mehr sicher fühlen”. Hier und hier kann man sich zwei Musterbeispiele für solche Beiträge ansehen. Besonders bei Letzterem kann man erkennen, wie schnell und unkontrolliert sich die Meldung im Internet verbreitet hat. Das Dementieren dieser Meldungen durch die Polizei ist hier nur noch ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke ist es auch für die rechte Szene einfacher geworden, neue Mitglieder zu werben. Wo man sich früher erst einmal informieren musste, wo sich die rechte Szene im eigenen Ort denn eigentlich traf und zusätzlich den Mut aufbringen musste dort vorstellig zu werden, so kann man heute mit nur wenigen Klicks den Kontakt mit solchen Personen aufnehmen. Deren angewandte Taktiken zur Rekrutierung sind vielfältig, und es wird gezielt versucht, potenzielle Interessenten Schritt für Schritt in den braunen Morast zu ziehen. Wenn man erst merkt, worauf man sich eingelassen hat, so ist meist schon zu spät, um aus eigener Kraft wieder heraus zu kommen. Auffällig ist hier auch die Anzahl der rechten Seiten, die sich immer gegenseitig referenzieren und wohl auch von den gleichen Betreibern administriert werden. Auch die aktiven Mitglieder solcher Seiten scheinen offensichtlich immer auf die gleiche Menge von echten Personen abzubilden. So entstehen unter Posts teilweise gestellte Diskussionen, die den Zweck haben, Dritte zu beeinflussen und Sympathien für die besprochenen Inhalte zu wecken.
Zum Abschluss dieses Beitrags bleibt nur noch einmal zu wiederholen, dass man unter keinen Umständen, wahllos Beiträge in sozialen Netzwerken weiterleiten sollte. Ist es eigentlich schon schlimm genug, dass man hier (unwissentlich) Falschmeldungen verbreitet und Hetze betreibt, so kann dies eigentlich nur noch schlimmer werden, wenn man durch unüberlegtes Handeln rechts orientierten Gruppierungen den Wind in die Segel bläst. Der Einfluss, den das braune Gedankengut in sozialen Netzwerken ausübt, scheint immer größer zu werden. Der altbekannte Satz “Ich bin ja kein Rassist, aber…” und seine gleichgesinnten Konsorten scheinen, auch dadurch, wohl immer salonfähiger zu werden. Diese Entwicklung unserer Gesellschaft empfinde ich als sehr beunruhigend, da uns auch die Vergangenheit nicht davor bewahrt, empfänglich für offensichtliche Manipulationsversuche seitens des rechten Randes zu sein.

Quellen:

http://www.mimikama.at/allgemein/angeblicher-ebola-verdacht-in-kaiserslautern-nichts-als-ein-laues-lftchen-von-rechts/
http://www.mimikama.at/allgemein/privatwohnungen-knnen-fr-asylanten-beschlagnahmt-werden-sagt-die-npd/
http://www.mimikama.at/allgemein/unfassbar-kein-fake/
http://www.mimikama.at/allgemein/angeblicher-versuch-einer-kindesentfuehrung-in-duisburg/
http://www.mimikama.at/allgemein/die-organmafia-in-essen-und-duisburg-ein-fake-verbreitet-angst/
http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/180893/das-braune-netz

Bildquellen:

http://www.mimikama.at/wp-content/uploads/2014/04/image15.png
http://www.mimikama.at/wp-content/uploads/2014/04/image24.png

“Todesstrafe” für alles und jeden! – Hetze in sozialen Netzwerken (Gastbeitrag von Xavier Hofmann)

Der 4. Gastbeitrag von Xavier Hofmann zum Thema “Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken”. Den Originalartikel findet ihr hier.

“Todesstrafe” für alles und jeden! – Hetze in sozialen Netzwerken

Wie bereits in der Einleitung angekündigt, wird dieser Post sich mit der Hetze in sozialen Netzwerken – wieder am Beispiel von Facebook – beschäftigen. Viel zu oft sind solche Aktionen schon in Selbstjustiz oder falsche Verdächtigungen ausgeartet. Außerdem ist es immer wieder erschreckend, anzusehen, wie schnell Menschen dazu bereit sind, sich für die Todesstrafe auszusprechen oder private Daten von vermeintlichen Verdächtigen zu veröffentlichen und diese für vogelfrei zu erklären. Besonders im Internet stellt dies ein Problem von bisher unbekanntem Ausmaß dar.
Im Folgenden werde ich kurz skizzieren, wie sich das in diesem konkreten Fall zugetragen hat. Ein Video von einem jungen Mann, der ein Tier quält, wird veröffentlicht. Anscheinend werden auch der reale Name und die Adresse dieses Tierquälers bekannt. Nun versuchen etliche Seitenbetreiber, wie bereits im vorherigen Blogpost erklärt, ihre Reichweite durch das Verbreiten dieses Videos zu erhöhen. Zusätzlich dazu verweisen sie auf eine, offensichtlich von ihnen erstellte, Seite, die nur dazu dienen soll, speziell gegen die Person zu hetzen, die im Video zu sehen ist. Schließlich will man als empörter Nutzer auch auf dem neuesten Stand jedes Skandals sein. Auf dieser neuen Seite wird dann wieder das entsprechende Video mit dem Aufruf, diesen Tierquäler zu finden und ihm seine “gerechte” Strafe zu erteilen, geteilt. Hierbei handelt es ganz klar um einen privaten Fahndungsaufruf, welcher auch noch dazu anstiftet Selbstjustiz zu begehen. Auf diese rechtlichen Aspekte werde ich vertieft in einem späteren Post eingehen. Vorweg sei schon einmal klargestellt, dass man sich hiermit ganz klar strafbar macht!
Für den Seitenbetreiber bringt dieses ganze Geschehen mit sich, dass seine Abonnenten nun praktisch doppelt mit von ihm administrierten Seiten interagieren. Folglich erhöht sich seine Reichweite, und ihm steht nun eine weitere, gut besuchte Seite zu Verfügung, um seine Interessen zu verfolgen. Nun muss die neue Seite mit Posts versorgt werden. Dazu erfanden die Seitenbetreiber im Beispiel eine angebliche Presseinformation von der DPA, in der es hieß, der besagte Tierquäler sei in der Nacht von einem maskierten Täter angegriffen worden und schwebe nun in Lebensgefahr. Der Vermerk des Seitenbetreibers: “GERECHTIGKEIT SIEGT EBEN DOCH!!!!!!!!!!!!” Selbstjustiz ist jedoch niemals gerecht! Ich möchte darauf hinweisen, dass ich keinerlei Sympathien mit dem im Video abgebildeten Menschen empfinde, ich verlasse mich lediglich auf das Rechtssystem, welches sich um solche Probleme kümmert.
Noch dreister wurde das Ganze, als diese Seiten einige Zeit nach dem hier angesprochenen Skandal, weitere Videos hochluden, auf denen Tierquäler zu sehen waren. Auch für diese wurde – natürlich – erst einmal die Todesstrafe gefordert. Man muss sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, wie lange die Menschheit dafür kämpft und gekämpft hat, um sich nicht von einer staatlichen Institution das Recht auf das eigene Leben aberkennen lassen zu können. Wie kann man sich jetzt also dafür aussprechen? Jede Rationalität scheint an diesem Punkt verloren.
Natürlich wurde der im Video gezeigte Mann sehr schnell angezeigt und von der Polizei in Gewahrsam genommen, auch um ihn vor eventueller Selbstjustiz zu schützen. Das schien notwendig, denn die im Internet angedeuteten Gewaltandrohungen wurden real, als zwei Einbrecher sich Zugang zur Wohnung des Tierquälers verschafften, der sich aber an einem anderen Ort aufhielt. Abschließend sollte erwähnt sein, dass der hier gezeigte junge Mann wohl aufgrund seiner Polizeiakte nie mehr richtig in das soziale Leben zurückfinden wird. Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche sind wohl auch nicht auszuschließen. Handelt es sich dabei nicht schon um eine angemessene Strafe? Gewalt ist niemals eine Lösung. Gleiches mit Gleichem zu vergelten ebenso wenig.
Ein noch viel größeres als das gerade dargestellte Problem ist wohl die Tatsache, dass bei solchen privaten Fahndungsaufrufen auch falsche Personen verdächtigt werden können. Meist sind die Beschreibungen einfach zu ungenau, als dass man genau erkennen kann, um welche Person es sich handeln soll. Manchmal veröffentlicht auch ein übereifriger Nutzer eine angebliche Adresse des vermeintlichen Täters, die anschließend vom Seitenbetreiber weiterverbreitet wird. Die resultierenden Folgen sind leicht auszumalen und traten auch schon mehrmals auf.
Schließlich bleibt hier nur der Rat übrig, sich von solchen Hetzaktionen im Internet fernzuhalten. Um ihrer Reichweite Willen sind viele Seitenbetreiber dazu bereit, über das Gesetz hinaus zu gehen und Informationen nach Belieben zu verdrehen. Fahndungsaufrufe sowie die Ausübung von Justiz sind nicht ohne Grund der Öffentlichkeit verwehrt. Wenn überhaupt, dann sollte nur der Staat die Möglichkeit besitzen, im Netz nach mutmaßlichen Verbrechern zu fahnden, denn auch dies birgt eine große Problematik mit sich, da die Reichweite in sozialen Netzwerken ungeahnte Größen erreichen kann. Es genügt eigentlich schon, dass eine Seite den Beitrag ausschmückt und weiterleitet, um in Teufels Küche zu landen.

Quellen:

Von weinenden Kätzchen und “Kinderschändern”… (Gastbeitrag von Xavier Hofmann)

Der 3. Gastbeitrag von Xavier Hofmann zum Thema “Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken”. Den Originalartikel findet ihr hier.

Von weinenden Kätzchen und “Kinderschändern”…

In diesem Artikel möchte ich gerne eine kleine Beschreibung und Analyse über das allgemeine Verhalten mancher Menschen in sozialen Netzwerken, insbesondere Facebook, aufstellen. An diesem Punkt weise ich auch sofort darauf hin, dass sich dieses Thema eigentlich nicht ausführlich im Rahmen eines Blogposts bearbeiten lässt. Zu groß ist der anzugehende Bereich, um auch nur annähernd alles abzudecken. Nichtsdestotrotz werde ich einige, für mich interessante, Phänomene untersuchen. Etwas konkreter umrissen, soll es im Folgenden um die Reaktionen und resultierendes Verhalten der Menschen gehen, welche auf Facebook Videos oder Bilder sehen und diese anschließend (unsachlich) kommentieren und teilen.
Beginnen wollte ich mit folgendem Beispiel: anscheinend soll in Uganda ein Kind von seinem Kindermädchen misshandelt worden sein, jedenfalls suggeriert dies die Videobeschreibung. In einem späteren Schnitt sieht man nun, dass ein Mann auf eine wehrlose Frau einprügelt. Die Beschreibung erklärt, dass dies der Vater des Kindes ist, der sich am Kindermädchen rächt. Dass sich der Sachverhalt so eigentlich nicht zugetragen hat, kann man hier, hier und hier nachlesen. Der Seitenbetreiber wollte wohl seine eigene Reichweite erhöhen und hat sich deshalb dazu verleiten lassen, falsche Informationen online zu stellen.
Das Interessante an dieser Stelle ist aber, dass das Video und dessen Hintergrundgeschichte trotzdem unzählige Male geteilt wurden. Der Grund dahinter könnte wohl an der Funktionsweise sozialer Netzwerke und der daraus resultierenden Mentalität der Nutzer liegen. Anfangs sollten solche Netzwerke nämlich dazu dienen, sich mit seinen Freunden auszutauschen. Erhielt man von jemandem den Hinweis, sich einen Artikel, Video oder Ähnliches anzuschauen, so konnte man sich bereits im voraus darauf einstellen, was der entsprechende Freund einem zeigen wollte, da man ihn ja kannte. Das Gelesene wird von einem selber eher akzeptiert, wenn man es von einer Person erhält, welche einem sympathisch ist. Dies machen sich die Seitenbetreiber zu Nutze. Diejenigen, die den Newsfeed besagter Seite abonniert haben, sehen den Post und – da sie die Seite kennen und mögen – teilen diesen mit ihren Freunden. Nun erscheint der Post auch bei Nutzern, welche nicht direkt in Kontakt mit der Seite stehen. Sie sehen, dass ein guter Freund eine wichtige Mitteilung hat und versuchen nun durch das Teilen ihrerseits, diese Information unter die Leute zu bringen. Ob die geteilte Information stimmt oder wirklich relevant ist, scheint immer unwichtiger zu werden. Schließlich hat es jemand aus dem Freundeskreis bereits als wichtig empfunden, und man nimmt an, dass derjenige sich schon von der Richtigkeit des Beitrags überzeugt hat.
Zusätzlich erlebt man durch das Teilen solcher Posts ein Gefühl des Zusammenhalts. Man gehört zu denen, die versuchen, durch das öffentliche Aufzeigen von Missständen Aufmerksamkeit zu erregen. Dadurch werden, so der Gedankengang beim Benutzer, die Verursacher besagten Missstandes bestimmt dazu gezwungen, für ihren Fehler geradezustehen. Doch ist es nicht scheinheilig, zu glauben, man würde gegen Probleme in der Welt ankämpfen, wenn man irgendwelche Inhalte über ein soziales Netzwerk teilt? Dieses unreflektierte, konzeptlose Handeln lässt sich wohl getrost als plumper Aktionismus betiteln. Wir erinnern uns alle an das Kony-Video, welches weltweit für Empörung sorgte. Ungeachtet der einseitigen Darstellung des Problems und der zweifelhaften Recherche verbreitete sich das Video wie ein Lauffeuer im Internet. Einen wirklich positiven Effekt hat das Teilen des Videos nicht bewirkt, wie man nachher gesehen hat. Als weiteres Beispiel ließe sich ein Vergewaltigungsskandal aus Indien nennen, der in blutiger Selbstjustiz endete. Die Wurzel des Problems – die indische Justiz – blieb unangetastet.
Ein anderes Phänomen ist die Lebensdauer solcher Beiträge. Manche scheinen nach einem kurzen Aufblühen sofort wieder zu verschwinden, während andere sehr lange im Umlauf sind. Viele dürften etwa den hier angesprochenen Beitrag gesehen haben. Der Witz an der Sache ist, dass die Täter bereits vor Jahren ihre Strafe erhielten. Viele Seitenbetreiber graben das Bild immer wieder aus, da es reichlich Klicks und somit Reichweite für ihre Seite generiert. Die Nachricht, dass die Täter gefasst wurden, verbreitet sich dagegen nur schleppend bis gar nicht. Allgemein scheint die Internetgemeinde auf das Thema Tierquälerei sehr gut anzuspringen, was auch großzügig ausgenutzt wird. Dazu treten wohl nur noch Beiträge zu sogenannten “Kinderschändern” – ein schreckliches Wort, welches dem Opfer die “Schande” zuweist – in Konkurrenz. Oder Kombinationen von beidem.
http://www.mimikama.at/wp-content/uploads/2012/07/image14.png

Wirft man einen Blick in den Kommentarbereich von Facebook, so erstaunt es einen immer wieder, zu sehen, zu welchen menschenverachtenden Behauptungen manche im Internet fähig sind. Selbst wenn man über Facebook doch sehr schnell identifiziert werden kann, scheint die Tatsache, dass man keinem Menschen direkt gegenüber steht, die Hemmschwelle für diverse Aussagen doch stark zu senken. Tendenziell werden auch solche Kommentare bevorzugt mit “Gefällt mir”-Angaben versehen, welche der Meinung des wütenden Mobs am ehesten (und in plumpster Ausführung) entsprechen. Gerade dieser virtuelle Ego-Boost verführt wohl viele Nutzer dazu, auch einmal einen „gepfefferten“ Kommentar zu hinterlassen. Durch ihre hanebüchenen Argumente, mangelhafte Rechtschreibkenntnisse und frei erfundenen Statistiken befördern sich diese Menschen in Diskussionen aber meist selber ins Aus.

http://www.mimikama.at/wp-content/uploads/2014/07/image_thumb14.png
Welche Lösungen könnte man für die hier beschriebenen Probleme suchen? Was unternimmt Facebook bereits in diesem Moment dagegen? Nicht viel, so hat es jedenfalls den Anschein. Versucht man, anstößige Inhalte zu melden, so werden Anträge auf deren Entfernung, besonders im Fall von Gewaltdarstellung und -verherrlichung, nicht gelöscht. In diesem Bereich besteht dringender Nachbesserungsbedarf von Seiten der Betreiber sozialer Netzwerke, wobei auch das geltende Gesetz gegenüber rechtswidriger Äußerungen im Internet strikter angewandt werden müsste.

 

Quellen:
http://www.mimikama.at/allgemein/stille-post-2-0-zwei-unterschiedliche-videos-mit-verschiedenen-themen-wurden-nun-zu-einem-thema-zusammengefhrt/
http://www.mimikama.at/allgemein/mann-schlgt-frau-mit-kantholz-facebook-video-analyse/
http://www.mimikama.at/allgemein/kindermaedchen-schlaegt-ein-kind/
http://www.mimikama.at/allgemein/facebook-die-zwei-jungen-die-einen-kleinen-hund/
http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-03/kony-2012-invisible-children-kritik
http://www.mimikama.at/allgemein/gewaltvideos-und-hetzkampagnen-was-tut-facebook/

Zuerst wollte er nur diesen Blog lesen, doch was dann geschah, war einfach nur unglaublich… (Gastbeitrag von Xavier Hofman)

Der 2. Gastbeitrag von Xavier Hofmann zum Thema “Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken”. Den Originalartikel findet ihr hier.

http://imgs.xkcd.com/comics/headlines.png

http://imgs.xkcd.com/comics/headlines.png

Na, Interesse geweckt? Derlei Überschriften und Beiträge sind Ihnen sicherlich schon beim Durchstöbern Ihres Newsfeeds im sozialen Netzwerk Ihrer Wahl begegnet. Vielleicht haben Sie auch schon einen dieser Links angeklickt und waren anschließend vom Resultat enttäuscht. “Da ist ja gar kein skandalöses Video von Promi A im Bett mit Promi B!” Trotzdem haben Sie vorher zugestimmt, die Seite mit Ihren Freunden zu teilen und eine Umfrage ausgefüllt, um auf die Seite zu gelangen – zu groß ist die Versuchung gewesen.

Bei der eben beschriebenen Situation handelt es sich um ein Paradebeispiel für sogenanntes „Clickbaiting“. Mithilfe reißerischer Überschriften und Bilder, die das Interesse der Nutzer wecken sollen, wird versucht, auf der eigenen Internetseite für ordentlich Verkehr zu sorgen. Wie der Seitenbetreiber diesen Verkehr auf seiner Internetseite für eigene Zwecke nutzt, und warum solche Seiten generell problematisch sind, will ich in diesem Artikel näher erläutern. Zusätzlich will ich am Beispiel von Facebook aufzeigen, warum gerade Beiträge wie das oben genannte Beispiel die Eigenschaft besitzen, sich wie ein Lauffeuer über die Startseiten der Nutzer zu verbreiten.

Sieht man sich ein paar Vertreter der Fraktion Clickbaiting-Seiten etwas genauer an, so erkennt man, dass diese alle in etwa nach dem gleichen Muster gestrickt sind. An allen Ecken und Enden quellen Überschriften und Bilder hervor, die einen dazu animieren sollen, sich nach Lust und Laune durch Fotostrecken, süße Videos von kleinen Tieren und “unglaubliche Geschichten” zu klicken. Dabei fällt auf, dass relevante und erklärende Informationen zu den verschiedenen Themen, sofern diese überhaupt vorhanden sind, relativ schwierig aufzufinden sind. Besonders bei den Fotostrecken erlauben sich die Ersteller öfters, selbst eine lustige/ergreifende/unglaubliche Hintergrundgeschichte zum jeweiligen Bild auszudenken. Manchmal würde ich gerne in den Quellenangaben nachprüfen, ob sich das auch wirklich so zugetragen hat, aber dieses sucht man – genau wie das Impressum – meist vergebens. Wenn diese beiden elementaren Angaben auf einer “professionellen” Internetseite fehlen, so ist bestimmt auch das Thema Urheberrechtsverletzung nicht fern. Tatsächlich fand ich bei meinen Recherchen heraus, dass etwa die Betreiber der Seite “heftig.co” in dieser Richtung schon einige Probleme hatten. Es bleibt aber zu erwähnen, dass (wenigstens) “heftig.co” in Sachen Quellen und Impressum nachgebessert hat.

Weiterführend sollte man anmerken, dass es sich bei solchen Seiten, wie “heftig.co” und “buzzfeed.com” wohl noch um das kleinere Übel handelt. In Anbetracht der Umstände muss man diesen Seiten wenigstens gutheißen, dass die angepriesenen Inhalte wenigstens auch geboten werden. Wie die Seitenbetreiber dieser Websites mit ihrer enormen Reichweite Geld verdienen, lässt sich wohl am einfachsten mit dem Stichwort „Werbegebühren“ beschreiben. Denn derlei oft frequentierte Inhalte stellen natürlich eine interessante Werbeplattform für diverse Unternehmen dar.

Im Gegensatz zu den gerade erwähnten Seiten kursieren auch noch Links von Seiten in den sozialen Netzwerken, welche mit grenzwertigen Inhalten werben. An dieser Stelle treten nun die Mechanismen in Kraft, die auch schon im einleitenden Beispiel genannt worden sind. Es wird mit allen Mitteln versucht, sich die Daten der Nutzer anzueignen. Und dass man mit Nutzerdaten bares Geld machen kann, sollte mittlerweile jedem bekannt sein. Bei solchen Links kann einem nur geraten werden, sie unter keinen Umständen anzuklicken.

Wie bereits vorhin angedeutet, werde ich in diesem Beitrag auch kurz, am Beispiel von Facebook, erläutern, warum solche Clickbaiting-Posts sich rasend schnell in den sozialen Netzwerken verbreiten können. Dies liegt daran, wie Facebook die Beiträge, mit denen das System tagtäglich überflutet wird, sortiert und entscheidet, wer welche Posts zu Gesicht bekommt. Prinzipiell sind die Betreiber von Facebook daran interessiert, dass deren Nutzer interessante Beiträge in ihrem Newsfeed vorfinden, damit sie sich nicht für ein anderes soziales Netzwerk entscheiden. Also versuchen sie, Beiträge dahingehend zu bewerten, ob diese für einen Nutzer von Interesse sein könnten. Wie dies genau vonstattengeht, ist ein wohl behütetes Geheimnis, und Facebook bemüht sich, die zu Grunde liegenden Algorithmen stetig zu verfeinern. Den Seitenbetreibern steht lediglich die Anzahl von Nutzern zur Verfügung, welche die eigenen Beiträge gesehen und mit ihnen interagiert haben. Merkt man nun, dass ein Post eine besonders große Reichweite erreicht, versucht man, beim nächsten Post ähnlich vorzugehen, um die Reichweite der eigenen Seite stets zu vergrößern. Schnell wird klar, dass es im Grundlegenden darum geht, wie viele Interaktionen (Likes, Comments, Shares, Tags) mit dem Post in Verbindung gebracht werden können. Seitenbetreiber, die ihre Reichweite erhöhen wollen, sind also quasi gezwungen, ihre Posts so aufzubauen, dass sich möglichst viele Nutzer dazu aufgefordert fühlen, damit zu interagieren. Am Beispiel von „heftig.co“ kann man gut erkennen, welche Mühe sich die Ersteller der Inhalte geben, um herauszufinden welche Kombination von Formulierung und Bild pro Beitrag potentiell die meisten Klicks ergibt und somit auf Facebook landet.

Dass unter diesen Umständen die allgemeine journalistische Qualität der Beiträge auf Facebook leidet, sollte nicht unerwähnt bleiben. Sind die Startseiten der Nutzer mit sensationalistischen Beiträgen zugekleistert, weil die Algorithmik von Facebook dahinter interessante Artikel vermutet, gehen womöglich lesenswerte Artikel dabei unter. Zusätzlich besteht nun auch die Gefahr, dass Internetpräsenzen von seriösen Unternehmen auf die Methoden des Click Baiting umsteigen (müssen), um überhaupt noch Nutzer zu erreichen. Sollte man jetzt als Betreiber einer relativ kleinen Facebookseite auf die Idee kommen, sich mit kostenpflichtiger Werbung zu behelfen, um die eigene Reichweite zu erhöhen, so kann ich nur davon abraten. Hier wird erklärt, warum gerade dies ein Todesstoß für die eigene Seite sein kann.

http://www.poynter.org/wp-content/uploads/2013/09/newswhiptop-publishers.jpg

http://www.poynter.org/wp-content/uploads/2013/09/newswhiptop-publishers.jpg

In der Chefetage von Facebook ist das Problem mit den Clickbaiting-Seiten schon länger bekannt, und es wird versucht, die Algorithmen dahingehend anzupassen, dass solche Beiträge nicht mehr so schnell in die Newsfeeds der Nutzer gelangen können. Eine erfreuliche Entwicklung, denn diese Seiten sind vielen Nutzern ein Dorn im Auge. Nebst der bereits aufgezählten Aspekte stört mich persönlich am Prinzip des Clickbaiting, wie es sich, meiner Meinung nach, auf die Psyche des Menschen auswirkt. Man wird mit einem “information overload” aus Überschriften übersät, niemals kann man sich alle Artikel im Detail anschauen. Die Faulheit zwingt einen schließlich dazu, Sachverhalte alleine aus dem Lesen der Überschrift und einer kurzen Beschreibung zu schließen. Diese ersten Textpassagen scheinen praktisch darauf ausgelegt, die Meinung des Lesenden zu prägen. Gepaart mit der Möglichkeit, sich sofort über das Gelesene mit anderen Nutzern auszutauschen, kann dies zu fragwürdigen Aussagen führen. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass das Surfen auf solchen Websites zu einem immer größeren Zwang heranwächst, die Inhalte einen emotional ermüden, was nun das Verhalten in sozialen Netzwerken maßgeblich zu beeinflussen scheint. Und genau an dieser Thematik wird der zweite Teil meines Artikels auf diesem Blog andocken. Dort werde ich versuchen, das allgemeine Verhalten verschiedener Facebooknutzer zu skizzieren, zu analysieren und zu bewerten.Quellen:

 

“Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken” – Einleitung (Gastbeitrag von Xavier Hofman)

Ein Gastbeitrag von Xavier Hofmann, Gitarrist bei Mindpatrol und Produzent bei Muschel Productions, der bereits im Januar 2014 auf meinem Blog eine Gastreview zu Kratons neuem Album veröffentlicht hat. Den Originalartikel findet ihr hier.

Sehr geehrter Leser,

Unter dieser Anlaufstelle werden Sie, im Rahmen der Veranstaltung “Einführung in die Sozioinformatik” an der TU Kaiserslautern, in Zukunft einen siebenteiligen Artikel zum Thema “Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken” vorfinden. Von vorne herein möchte ich hier klarstellen, dass es nicht darum gehen wird die Ursachen des gegebenen Verhaltens wissenschaftlich zu ergründen, sondern dieses zu beschreiben und Fragen dazu aufzuwerfen. Sollte ich im Folgenden Ursachen für verschiedene Verhaltensmuster andeuten, so handelt es sich hierbei um reine Spekulation meinerseits und somit ist dies keinesfalls für bare Münze zu nehmen.

365

In dieser Einleitung werde ich kurz die Themen der kommenden sieben Teile umreißen und erklären, warum diese für mich wichtig scheinen.

Starten werde ich mit dem Thema “Clickbaiting-Seiten”. Hierbei handelt es sich um Websites, welche in ihrer Vorschau oft mit reißerischen Titeln versehen sind, um den Nutzer auf die Seite zu locken. Im Prinzip ist dieses Vorgehen nicht verwerflich. Warum es trotzdem zu Problemen kommen kann, werde ich in diesem Teil erläutern. Die Einführung zu Clickbaiting-Seiten ist auch dahingehend wichtig, dass in späteren Teilen des Artikels erläutert wird, wie Clickbaiting dazu genutzt wird, um diverses Gedankengut erfolgreich in sozialen Netzwerken zu verteilen.

Für den zweiten Teil habe ich noch kein passendes Stichwort gefunden, welches diesen exakt zusammenfassen würde. Thema sollte speziell das Verhalten von Menschen in sozialen Netzwerken sein, wenn es um heikle Themen wie Selbstjustiz, Kindermisshandlung, Tierquälerei geht. Hierbei stelle ich mir die Frage, warum es so scheint, als ob Menschen im richtigen Leben pazifistisch und friedfertig eingestellt sind und im Internet dann ein gegensätzliches Verhalten an den Tag legen.

Anschließend wird das Thema konkret auf die öffentliche Bloßstellung im Internet geleitet. Hierzu zählt insbesondere die Hetze in sozialen Netzwerken. Besonders heikel ist dies, wenn persönliche Informationen vermeintlicher Täter veröffentlicht werden.

Im vierten Teil wird die politisch rechte Ecke und deren (vermeintliche) Aktivität in sozialen Netzwerken beleuchtet. Anhänger dieser Mentalität versuchen auf neuen Wegen, Mitglieder für ihre Vereinigungen zu werben. Von Falschmeldungen bis zu subtilem Anstacheln zum Fremdenhass scheint es hier alles zu geben. Eine für mich persönlich beängstigende Entwicklung ist, dass Aussagen wie “Ich bin ja kein Rassist, aber…” immer salonfähiger zu werden scheinen.

Der fünfte Teil des Artikels wird dazu dienen, die rechtlichen Konsequenzen für Hetze in sozialen Netzwerken kurz aufzuzeigen. Das Internet ist trotz der vermeintlichen Anonymität der Nutzer kein rechtsfreier Raum. So gibt es auch hier ein paar sehenswerte Gerichtsurteile zu nennen.

Nachdem in den Teilen eins bis fünf sozusagen die Missstände aufgezeigt wurden, werde ich im sechsten Teil denjenigen Aufmerksamkeit schenken, welche sich gegen diese einsetzen. Es ist wichtig, zu erwähnen, dass bereits aktiv versucht wird, Menschen auf ihr Verhalten im Internet aufmerksam zu machen und sie zu sensibilisieren. Auch gibt es humorvolle und satirische Ansätze, welche ich in diesem Teil ebenfalls andeuten werde.

Abschließend wird als praktischer Exkurs ein Ereignis, das Anfang 2014 in Luxemburg stattfand, beleuchtet. Besonders dadurch, dass es sich hier um ein kleines Land mit einer eigenen Sprache handelt, werden Inhalte in sozialen Netzwerken innerhalb von Stunden potenziell für alle Einwohner des Landes sichtbar, was auch schon öfters nach hinten losging. Da ich selbst Luxemburger bin, ist es für mich interessant, anhand dieses Beispiels noch einmal konkret das Verhalten von Menschen in sozialen Netzwerken aufzuzeigen.

Zusammenfassend sollen also diverse Phänomene in sozialen Netzwerken und die dadurch ausgelösten Konsequenzen und Gegenreaktionen beleuchtet werden. Das konkrete Fallbeispiel zum Schluss soll einen genaueren Einblick liefern und die zuvor aufgestellten Überlegungen illustrieren.

Kraton – World Eater (Gastbeitrag von Xavier Hofmann)

Ein Gastbeitrag von Xavier Hofmann, Gitarrist bei Mindpatrol und Produzent bei Muschel Productions.

Kraton – World Eater

Kraton ist eine Band, die seit einiger Zeit innerhalb der luxemburgischen Metal-Szene immer bekannter wird. Dies liegt nicht zuletzt an Auftritten wie etwa auf dem luxemburgischen WOA Metal Battle oder dem lokalen Bang Your Head Festival. In diesem Review widme ich mich der aktuellen Scheibe „World Eater“. Kraton schafft es mit dieser Veröffentlichung, eine ganz spezielle Atmosphäre aus Melancholie und Beklemmung zu schaffen, welche durch abwechslungsreiches und durchdachtes Songwriting gestützt wird. Zwar wurden die Songs stellenweise mit stimmungsmäßigen Aufschwüngen versehen, die schlussendlich jedoch immer in die besagte Stimmung zurück navigieren und somit ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit in das Klangbild einfügen. „Schwarz-Weiß“ – wie das Coverartwork – wäre wohl eine passende Beschreibung.

Auf instrumentaler Ebene bewegen sich Kraton auf einem angenehm hohen Niveau und bieten viel Abwechslung. Hier werden munter Death-, Black- und Doommetal kombiniert und gekonnt miteinander verwoben. Auch die Übergänge, welche die teilweise sehr unterschiedlichen Parts verbinden, wirken fließend und zeugen von hohem musikalischen Verständnis. Des öfteren habe ich beim Anhören der CD zurückgespult, um mir noch einmal anzuhören, wie gerade die instrumentale Kulisse nahtlos um 180° gedreht wurde. Zusätzlich zu den Übergangen wissen der Aufbau und die Entwicklung der Songs zu überzeugen. Kein Part wirkt unnatürlich eingesetzt oder ohne Daseinsberechtigung. Hier lässt sich das Ende des ersten Songs „World Eater“ als Paradebeispiel aufführen. Mit musikalisch simplen aber effektiven Methoden wird hier Stück für Stück Spannung aufgebaut, die sich schließlich im letzten Anschlag des Stückes entlädt.

Abgesehen vom hervorragenden Songwriting ist der konsequente Einsatz von zwei Gitarren ein Erkennungsmerkmal des Schriftzugs von Kraton. Dabei wählen die beiden Gitarristen nämlich häufig verschiedene Wege, statt sich nur bei Soli, Melodien oder Harmonien in erste und zweite Gitarre aufzuspalten, wie es im Metal meist praktiziert wird. Viele Progressionen leben von den zwei unterschiedlichen und doch hervorragend aufeinander abgestimmten Rhythmen, welche dem Song eine angenehme Fülle verleihen, ohne ihn überladen wirken zu lassen. Auch trifft man ungewöhnlich oft auf melodische Gitarren, was mir persönlich sehr gefällt und die oben bereits beschriebene Stimmung enorm verstärkt. Die Melodien tragen gleichberechtigt zum Rest der Klangkulisse zu dieser Atmosphäre bei und wirken zu keinem Zeitpunkt als billiges Allheilmittel, um dem Stück eine emotionale Note zu verleihen, denn auch Parts ohne eine definierte Melodieführung vermitteln stets die passende Atmosphäre. Das knallharte Introriff zu „Drag Your Coffin“ bringt etwa durch die sorgfältig ausgewählten Akkorde in den Akzenten sofort die richtige Stimmung in das Stück, statt „nur“ loszubrettern.

Eine weitere Besonderheit der EP ist, dass alle Instrumente gleichzeitig und miteinander aufgenommen wurden, was dem Ganzen einen organischen und authentischen Klang verleiht. Nur die gewohnt starke Stimmarbeit von Mike „Bördi“ Bertemes wurde verständlicherweise im Nachhinein aufgezeichnet. Nach einer Minute vermisst man nicht einmal mehr den gewohnt sauberen Studio-Sound – von einem kleinen Detail abgesehen. Die Stimme könnte für meinen Geschmack etwas präsenter im Mix sein, sie wirkt teils etwas dumpf, was aber nicht an der stimmlichen Leistung selbst liegt. Mehr ein Wunsch als eine Kritik ist darüber hinaus noch die Bemerkung, dass die Band versuchen könnte, eine breitere Palette an Emotionen zu präsentieren. Bei einer EP ist dies durch die kurze Spieldauer praktisch irrelevant, bei einer LP würde es vielleicht trotz der innerhalb der Songs gebotenen Abwechslung langweilig werden, da das Ohr sich zu sehr an die gebotene Kost gewöhnt.

Vergleicht man „World Eater“ mit Kratons Erstling „Ker“, welcher nicht einmal zwei Jahre vor der aktuellen EP erschienen ist, so erkennt man, dass die Band sich nun viel sicherer durch die musikalischen Gefilde begibt und sich ihrem eigenen, einzigartigen Sound genähert hat. Auf „Ker“ wurden Ideen teils langatmig aufgebaut und inkonsequent weitergeführt. Diese Kritik braucht sich Kraton auf „World Eater“ nicht mehr gefallen zu lassen. In diesem Aspekt hat sich die Band deutlich weiterentwickelt! Ich bin gespannt, was man von Kraton in Zukunft noch hören wird und hoffe, dass sie den aktuellen Sound beibehalten und stetig verbessert. Bei der ersten LP zeigt Kraton hoffentlich, dass sie nicht nur gute Songs schreiben können, sondern diese darüber hinaus auch überzeugend als Ganzes zu präsentieren wissen. Das Fundament hierzu wäre schon einmal gelegt.

Wertung: 8/10

http://www.kraton.lu/

https://www.facebook.com/kratonofficial

http://www.youtube.com/watch?v=vJLqLaDgblA