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Mein abgeschlepptes Auto und Humes Induktionsproblem

Ende September hatte ich bereits in einem längeren Text auf das schwierige Verhältnis zwischen Philosophie und Leben hingewiesen und am Ende dafür argumentiert, dass sich auch komplexere philosophische Ideen unverändert — indem man von der Primärquelle selbst speist, ohne den Umweg über die pop philosophy zu gehen — auf das eigene Leben applizieren lassen und im Alltag hilfreich sein können. Friedrich Nietzsches philosophisches Werk kann uns den Umgang mit den Gefühlen der Schuld und des Verlustes näherbringen; Jean-Paul Sartre wiederum führt uns die immer wieder auftretende Schwierigkeit, zu unser frei gewählten Individualität zu stehen, vor Augen; und wie ich vor Kurzem zähneknirschend feststellte, hätte der schottische Philosoph David Hume mich davor bewahren können, dass mein Auto abgeschleppt wird. Letzteres verleitete mich dann auch dazu, den vorliegenden Text über einen besonders interessanten und hilfreichen Aspekt seiner Philosophie zu schreiben, den ich euch unbedingt näher bringen will: Das Induktionsproblem.

Der Ausgangspunkt

Ehe ich dazu übergehe, Humes Induktionsproblem näher zu erläutern, möchte ich euch zunächst einmal vom Ereignis selbst, das mich dazu geführt hat diesen Text zu verfassen, erzählen.

Da ich in München lebe und studiere, habe ich nicht nur mit horrenden Mietpreisen, überfüllten U-Bahnen während Fußballspielen und torkelnden Wiesngängern zu kämpfen, sondern auch mit einem eklatanten Mangel an Parkplätzen. Letzterer ist auch in dem etwas abgelegeneren Stadtteil München, in dem ich wohne, deutlich spürbar — die meisten Parklücken in der näheren Umgebung meines Wohnheims sind den größten Teil der Zeit entweder besetzt oder so eng, dass ich mich mit meinen bescheidenen Rück- und Seitwärtsparkkünsten nicht traue, mich dort hinein zu manövrieren. Besagtes Wohnheim selbst lässt sich Stellplätze in seiner Garage so einiges kosten, sodass ich auch darauf lieber verzichte, insbesondere weil die Lebenskosten in München schon so gelinde gesagt happig sind.

Glücklicherweise hause ich direkt gegenüber der Filiale einer an dieser Stelle nicht näher benannten großen deutschen Supermarktkette. Diese lädt nämlich nicht nur zu Einkäufen in letzter Minute, wenn der München jede Woche lahmlegende Sonntag sich heran bahnt, ein, sondern verfügt dazu noch über einen großen, offenen Parkplatz. Am Anfang meiner seit bereits zwei Jahren andauernden Studien schüchterten mich die dort überall angebrachten Warnhinweise, dass man das eigene Auto nur mit Parkscheibe für anderthalb Stunden dort abstellen könnte, noch erheblich ein. Also hielt ich woanders nach einem Parkplatz Ausschau und fuhr ich jedes Mal, wenn ich beispielsweise von einem Konzert oder aus Luxemburg zurückkehrte, unzählige Runden um den Block. Trotz der Tatsache, dass ich mich generell nur selten hinters Lenkrad klemme, ging mir das nach einer Weile gehörig auf die Nerven — und so begann ich dann mein Auto auf dem Supermarktparkplatz abzustellen.

Da ich wie eingangs erwähnt nur selten Auto fahre, stand es gelegentlich mehrere Wochen an der gleichen Stelle. Seltsamerweise schien sich niemand von der Supermarktleitung groß dran zu stören. Am Anfang ereilte mich noch gelegentlich der Impuls, dass ich es auf dem Parkplatz umstellen müsste, damit es nicht zu auffällig wird — aber auch der verließ mich nach einer Weile. Ich schaute zwar noch in regelmäßigen Abständen nach, ob mein Auto noch immer da stand, aber ansonsten machte ich mir jedes Mal, wenn ich es wieder abstellte, keine allzu großen Sorgen, dass es irgendwie abgeschleppt werden könnte. Bald schon wähnte ich mich in (wie es sich aber letztendlich leider herausstellen sollte trügerischer) Sicherheit. Immerhin hatte sich monatelang niemand drum geschert, also würde es wohl auch in Zukunft so bleiben. Der einzige Makel des Supermarktplatzes war die Tatsache, dass er sonntags geschlossen wurde und ich mein Auto dann nicht nutzen konnte, sodass ich es umstellte, wenn ich wusste, dass ich an dem Tag fahren müsste. Aber selbst das war nicht immer gegeben — die beiden Pforten zum Supermarkt wurden nämlich nach Gutdünken immer wieder von einer unbekannten Macht geschlossen und geöffnet, manchmal mehrmals am Tag, sodass ich da keine richtige allgemeine Regel aufstellen konnte.

Letzten Freitag dann begab es sich, dass ich morgens früh aufstand, um eine Informationsveranstaltung über Berufsperspektiven für Sprach- und Literaturwissenschaftler und auch Philosophen (damit ich den “Was willst du später damit machen?”-Unkenrufen effektiver Paroli bieten könnte) an meiner Universität zu besuchen. Bis auf die Tatsache, dass ich wie so viele andere Studente Kurse an dem Tag normalerweise vermeide und mein Aufstehen dementsprechend eine Rarität darstellte, schien am Anfang nichts ungewöhnlich. Ehe ich zur Uni aufbrach, wollte ich mir noch schnell im Supermarkt einen Krapfen mitsamt Brezn gönnen; auf dem Weg dorthin blieb ich an der Ampel direkt vor unserem Studentenwohnheim stehen und hatte wie immer freie Sicht auf den Parkplatz. Instinktiv wanderte mein Blick zu der Stelle, an der ich mein Auto gestern in der Früh, nachdem ich von meiner Freundin zurückgekehrt war, in aller Eile abgestellt hatte — doch es stand nicht mehr da. Ich schaute noch mehrmals genau hin, da ich das, was mein Blick auf die Leinwand meiner Gedanken projizierte, nicht so recht glauben wollte. Als die Ampel schließlich auf Grün sprang und ich die Straße überquerte, wurde das, was ich bereits geahnt hatte, jedoch zur Gewissheit: Mein Auto war abgeschleppt worden. Es erschien mir beinahe wie eine Quittung dafür, dass ich es solange dort stehen gelassen hatte ohne mir auch nur einen Gedanken darüber zu machen, dass diese von mir zur Seite geschobene Möglichkeit doch noch eintreffen könnte. Am Parkplatzeingang fand ich dann auch einen neuen, an einem dürren Baumstamm angebrachten Warnhinweis mitsamt Telefonnummer der Abschleppgesellschaft vor, die mir nach einem Anruf meinerseits dann auch bestätigte, dass mein Auto von ihnen mitgenommen worden war. Dann musste ich erst einmal 276€ zahlen um rauszufinden, wo mein Auto überhaupt steht. Besagte Firma stand übrigens wegen genau diesen, nun, sagen wir mal dubiosen Geschäftspraktiken im Mai vor Gericht, aber das ist eine andere Geschichte.

Was hat das jetzt alles mit Humes Induktionsproblem zu tun?

Nun, die Erkenntnis, dass ich den ganzen damit verbundenen Ärger (und das Loch in meinem Geldbeutel) dank der praktischen Anwendung von ebendiesem in meinem Alltag vermeiden hätte können, ereilte mich dann im Gespräch mit meiner Mutter, die mich darauf hinwies, dass die Tatsache, dass etwas ist, nicht heißt, dass es immer so sein wird —  und damit war die Brücke zwischen diesem ärgerlichen Fauxpas meinerseits und Humes Induktionsproblem geschlagen. Warum dem so ist, möchte ich euch nun näher erläutern.

Verzwickte Gewohnheit

Meine Faszination für Hume begann im letzten Semester, als wir Ausschnitte aus einem seiner berühmtesten und einflussreichsten Werke — das 1748 erschienene An Enquiry Concerning Human Understanding — im Rahmen einer Vorlesung über Wissenschaftstheorie (also jenen Teil der Philosophie, der sich in oftmals kritischer Art und Weise mit den Wissenschaften und deren Methoden befasst) lasen. Am Gymnasium hatten wir bereits einige Auszüge daraus behandelt, die mich damals allerdings noch nicht so recht mitzureißen wussten, insbesondere weil ich zur damaligen Zeit noch kein besonders großes Interesse am Empirismus (also jener Strömung der Philosophie, die darauf pocht, dass man Wissen und Erkenntnisse über die Welt vorallem mittels empirischer Untersuchungen der Realität erlangt) empfand. Wie bereits eingangs erwähnt, sollte sich meine Begeisterung für seine Ideen erst kürzlich im Rahmen meiner universitären Auseinandersetzung mit diesen entfalten — und das tat sie dann auch in solch einem Maße, dass ich während den Semesterferien die Enquiry ganz verschlang und im Zuge der Schottlandreise mit meiner Freundin, die uns unter anderem nach Edinburgh (Humes Geburtsstadt) führte, die Gelegenheit ergriff, wortwörtlich auf den Spuren des schottischen Philosophen zu wandeln, indem ich auf dem durch vulkanische Aktivitäten entstandenen Calton Hill einen von Hume vorgeschlagenen Weg namens “Hume Walk” entlang spazierte und vor seiner an der High Street angebrachten Statue posierte.

Mein Homie Hume und ich in Edinburgh. (Photo Credits: Josie)

Mein Homie Hume und ich in Edinburgh. (Photo Credits: Josie)

Wegweiser zum Hume Walk am Calton Hill.

Wegweiser zum Hume Walk am Calton Hill.

Humes Bedeutung für die Philosophiegeschichte ist unermesslich groß — unter anderem berichtete Immanuel Kant einst, dass die Lektüre von Humes philosophischem Werk ihn aus seinem “dogmatischen Schlummer” (Prolegomena, Vorrede) weckte und dazu inspirierte, seine drei Kritiken zu verfassen. Auch heute berufen sich noch viele Empiristen und Wissenschaftstheoretiker auf Hume und insbesondere dessen Induktionsproblem.

Letzteres formuliert Hume nun in seiner Enquiry Concerning Human Understanding. Hume ist Empirist, dementsprechend beziehen wir seiner Meinung nach unsere Erkenntnisse und unser Wissen vorallem aus Impressionen, die wiederum in innere (Emotionen, Gefühle) und äußere (Eindrücke, die uns durch unsere Sinne vermittelt werden) Impressionen unterteilt sind. Auch unser Wissen über Kausalität, also Ursache und Effekt, beziehen wir einzig und allein aus dieser Wissensquelle. Die Idee von Ursache und Effekt hat sich in unseren Kopf eingeschlichen, weil wir Hume zufolge unzählige Ereignisse immer wieder in einer Relation zueinander beobachtet haben — und nicht etwa, weil eine notwendige, den Sinnen nicht zugängliche Verbindung zwischen diesem und jenem Ereignis besteht. Damit wehrt sich Hume gegen die auch heute noch weit verbreitete Ansicht, dass es in der Natur so etwas wie Naturgesetze gibt, die als ominöse Kraft im Hintergrund agieren und nicht durch die Sinne zugänglich sind.

Das Induktionsproblem besteht nun daraus, dass wir nur eine begrenzte Anzahl von Beobachtungen haben, aus denen wir aber allgemeingültige Sätze ableiten wollen, die in jedem Fall zutreffen. Das trifft nicht nur auf die Wissenschaft zu, die Aussagen über die Welt treffen will, sondern ist auch im Alltag bemerkbar, wie ich nun anhand meines geparkten Autos illustrieren möchte. Ehe es abgeschleppt wurde, habe ich es nämlich in regelmäßigen Abständen beobachtet. Jedes Mal, wenn ich von meinem Wohnzimmerfenster oder an der Ampel hinüber zum Parkplatz geschaut habe — was gewissermaßen das alltägliche Pendant zu einer empirischen Untersuchungsmethode darstellt —, stand es dort. Im Laufe der Monate habe ich so eine große, aber begrenzte Anzahl an Beobachtungen angestellt, die sich allesamt folgendermaßen ausdrücken lassen:  “Mein Auto steht nach wie vor auf dem Supermarktplatz und wurde nicht abgeschleppt.” Hume schreibt, dass wir Menschen nach einer Weile bei ähnlichen Ursachen auch ähnliche Effekte erwarten. Dementsprechend ergab sich für mich dann auch langsam, aber sicher ein allgemeingültiges Kausalverhältnis zwischen dem Ereignis des Parkens-auf-dem-Supermarktplatz und des Nicht-Abgeschlepptwerdens: “Wenn mein Auto auf dem Supermarktplatz steht (Ursache), dann wird es nicht abgeschleppt (Effekt).” Wie ich bereits erwähnt habe, sollte sich diese Inferenz aus meiner sinnlichen Erfahrung heraus letztendlich als falsch erweisen — mein Auto wurde letztendlich doch noch abgeschleppt, und diese einzelne Impression brachte mein Gerüst an Beobachtungen mitsamt allgemeingültigem Gesetz als Spitze zum Einsturz (was dann auch unter anderem Karl Popper dazu bewegt hat, das sogenannte Falsifikationsprinzip vorzuschlagen, über das ich an anderer Stelle auf meinem Blog schon einmal ausführlicher geschrieben habe).

Was verleitet uns Menschen denn nun zu solchen Fehlschlüssen? Hume zufolge liegt der Grund dafür in unserem oftmals unerschütterlichen Glauben, dass die Zukunft der Vergangenheit gleiche:

[…] [A]ll inferences from experience suppose, as their foundation, that the future will resemble the past, and that similar powers will be conjoined with similar sensible qualities. If there be any suspicion that the course of nature may change, and that the past may be no rule for the future, all experience becomes useless, and can give rise to no inference or conclusion. It is impossible, therefore, that any arguments from experience can prove this resemblance of the past to the future; since all these arguments are founded on the supposition of that resemblance.” (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 28)

Um euch das zu illustrieren, möchte ich gerne ein anderes Beispiel heranziehen. Die Menschheit hat, seit sie zu Bewusstsein gelangt ist, die Sonne während vielen tausend Jahren jeden Tag auf- und wieder untergehen sehen. Dementsprechend sind wir auch allesamt ziemlich überzeugt davon, dass sie auch morgen in der Früh wieder aufgehen und uns aus unseren Betten reißen wird; und falls wir jemandem begegnen, der das Gegenteil behauptet, halten wir ihn entweder für einen Wahnsinnigen oder Weltuntergangsfanatiker. Aber wieso sind wir uns eigentlich so sicher, dass die Sonnenstrahlen auch morgen wieder über unser Gesicht streichen werden? Immerhin ist es mit den momentan etablierten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbar, dass die Sonne eines Tages ihre Energie aufgebraucht haben und dementsprechend nicht mehr aufgehen wird — der Satz “Die Sonne wird morgen nicht aufgehen” stellt deswegen auch keinen unlösbaren Widerspruch dar. Wie im obigen Zitat von Hume erläutert, ist der Grund, weswegen wir glauben, dass die Sonne jeden Tag aufgehen wird, die Tatsache, dass wir der Überzeugung sind, dass die Zukunft der Vergangenheit gleichen werde. Aber worauf basiert diese Überzeugung? Darauf, dass ähnlichen Ursachen (Vergangenheit) immer ähnliche Effekte (Zukunft) folgen — und diese Annahme fußt wiederum, wie bereits eingangs erwähnt, darauf, dass die Vergangenheit der Zukunft gleicht. Es handelt sich hierbei also um einen sogenannten zirkulären Schluss. Hume kommt zur Feststellung, dass wir überhaupt keinen rationalen Anhaltspunkt haben, daran zu glauben, dass die Zukunft der Vergangenheit gleichen werde, und somit auch alle unsere aus unseren sinnlichen Empfindungen abgeleiteten allgemeingültigen Sätze über die Welt letztendlich auf wackligem Boden stehen. Nur weil etwas immer so war, heißt nicht, dass es auch immer so sein wird. Das lässt sich bei allen möglichen Bereiche des Lebens beobachten: Dass mein Auto bislang nicht abgeschleppt wurde, war kein Indiz dafür, dass es nicht letztendlich doch passieren könnte; dass die PEGIDA eine Zeit lang eine Flaute erlebt hat, heißt nicht, dass sie nicht noch einmal erstarken und unverhohlen rechtsextremes Gedankengut, das sogar dem der NSDAP in nichts nachsteht (wie Michael Bittner in einem sehr gelungenen Artikel illustriert), propagieren könnte, wie es zuletzt leider wieder der Fall war; und dass die aus etablierten Theorien der Quantenphysik deduzierte Vorhersagen bislang immer zugetroffen sind, heißt noch lange nicht, dass sie das auch künftig tun werden. All dies lässt sich darauf zurückführen, dass die Zukunft gerade eben nicht immer der Vergangenheit entspricht  — und dennoch basiert unser gesamtes Wissen über die Welt auf dieser irrationalen Annahme.

Wenn wir denn nun nicht aus rationalen Gründen daran glauben, dass unser Auto auch noch am folgenden Tag am Supermarkplatz stehen wird oder die Sonne in der Früh aufgehen wird, aus welchen dann? Hume sagt dazu Folgendes:

There is some other principle which determines [humans] to form such a conclusion. This principle is Custom or Habit. For wherever the repetition of any particular act or operation produces a propensity to renew the same act or operation, without being impelled by any reasoning or process of the understanding, we always say, that this propensity is the effect of Custom. (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 33)

Dass ich geglaubt habe, dass mein Auto nicht auf dem Supermarktplatz abgeschleppt wurde, fußt also nicht auf einem rationalen Prinzip, sondern auf reiner Gewohnheit. Ich hätte es letztendlich also eigentlich besser wissen und mein Auto umparken sollen, anstelle einem auf solch irrationalem Fundament errichteten Urteil meinerseits zu folgen. Hume zufolge basieren auf diesem Aspekt der menschlichen Natur desweiteren nicht nur solcherlei Schlüsse, die unser alltägliches Leben betreffen, sondern auch all jene der Wissenschaft. Diese Feststellung hat gewaltige Implikationen, die auch noch Wissenschaftstheoretiker heute Kopfzerbrechen bereitet und unter anderem den Philosophen Nelson Goodman zur Formulierung des sogenannten neuen Induktionsproblems geführt hat (Humes Induktionsproblem wird  dementsprechend heutzutage als “altes Induktionsproblem” bezeichnet).

Ist das nun ein Grund, gleichermaßen das tagtägliche Schlüsseziehen als auch wissenschaftliche Forschen sein zu lassen? Natürlich nicht. Etwas anderes als unsere Erfahrungen haben wir Hume zufolge nämlich nicht zur Verfügung stehen, um Erkenntnisse über die Welt um uns herum zu sammeln — dementsprechend wäre es fatal, das aufzugeben. Wir dürfen uns nur nicht vormachen, dass diese Erkenntnisse rational zu rechtfertigen sind und gelegentlich unsere Urteile überdenken, gerade eben weil die Zukunft nicht immer der Vergangenheit gleicht. Die Tatsache, dass mein Auto abgeschleppt wurde, hat mir somit mitsamt Humes Induktionsproblem auch wieder vor Augen geführt, dass unsere alltäglichen Schlüsse, die wir zur Strukturierung unseres Alltags nutzen, auf brüchigem Boden stehen. Deswegen sollten wir uns umso mehr vor unvorhergesehenen Ereignissen wappnen und unsere alten Erkenntnisse und Überzeugungen des Alltags und vorallem deren Fundamente immer wieder re-evaluieren. Letztendlich kann uns die Philosophie genau dabei dann auch wieder behilflich sein:

And though none but a fool or madman will ever pretend to dispute the authority of experience, or to reject that great guide of human life, it may surely be allowed a philosopher to have so much curiosity at least as to examine the principle of human nature, which gives that mighty authority to experience, and makes us draw advantage from that similarity which nature has placed among different objects. (An Enquiry Concerning Human Understanding, S. 27).

Und weil ich neben Philosophie auch unter anderem Star Wars mag und dem Erscheinen von “The Force Awakens” im Dezember dementsprechend schon sehnsüchtig entgegenblicke, möchte ich den zurückliegenden Text noch mit einem grandiosen Comic der sehr empfehlenswerten Seite Existential Comics, in der beides miteinander vermengt und auch Humes radikal empirische Position in einem humorvollen Kontext aufgegriffen wird, abschließen:

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Quelle: http://existentialcomics.com/comic/103

Bildquelle: http://existentialcomics.com/comic/103

Quelle der Zitate von David Hume:
Hume, David & Chittom, Thom (1772/2004): An Enquiry Concerning Human Understanding and selections from A Treatise Of Human Nature, New York. (Barnes & Nobles)

 

 

Chaudron fêlé

Eine Kurzgeschichte

Linus fixiert das Walross an der gegenüberliegenden Wand. Er weiß nicht, wie lange er es schon angestarrt hat, als die Tür des Cafés sich plötzlich öffnet und Bernhard eintritt. Linus schaut auf – ihre Blicke kreuzen sich, und er zuckt zusammen. Einem stockenden Uhrwerk gleich setzen sich seine Muskeln in Gang, um ein Lächeln auf seine Lippen zu befördern und die Hände zu einem mäßig festen Gruß nach vorne schnellen zu lassen, als Bernhard an seinen Tisch tritt.
Und, wie geht’s?, fragt Linus. Und wirft gleich hinterher: Gut, und dir?
Sonderbare Stille. Dann antwortet Bernhard: Auch gut.
Linus nickt, setzt seine Tasse Tee an die Lippen und wendet sich von Bernhard ab, um gleich wieder in der Betrachtung des Walrosses zu versinken.
Was machst du hier?, fragt Bernhard auf einmal.
Linus lässt die Teetasse etwas zu hastig herabsinken.
Warten.
Auf wen?
Linus tippt mit seinem Zeigefinger in unregelmäßigem Rhythmus gegen den Rand seiner Tasse Tee.
Gordon.
Bernhard nimmt gegenüber von Linus Platz und bestellt seinerseits ein Getränk. Linus öffnet den Mund – klappt ihn dann jedoch wieder zu.
Wann kommt er?, fragt Bernhard.
Linus zückt sein Smartphone und konsultiert die Uhr. Er betrachtet sie einige Zeit; dann merkt er, dass Bernhards fragende Blicke ihn durchbohren.
In zwei Minuten.
Das ist ja noch eine ganze Weile.
Ja.
Kann ich mit dir warten?
Bernhard lächelt erwartungsvoll. Linus blickt geradewegs durch ihn hindurch, während er sich mit gerunzelter Stirn eine Antwort zurechtlegt. Schließlich zuckt er mit den Achseln.
Warum nicht.
Gleich nachdem er die Worte ausgesprochen hat, gleitet Linus Blick wieder in die Ferne. In der erstickenden, betonlastigen Trostlosigkeit des Cafés ist das Jugendstilwalross das einzige Treibgut, an das sich Linus nach diesem Fauxpas noch festklammern kann.
Ich glaube, wir besuchen das gleiche Seminar, sagt Bernhard plötzlich.
Wer?
Wie wer?
Wer besucht das gleiche Seminar?
Wir.
Wer ist „wir“?
Wir beide.
Du und Gordon?
Nein. Du und ich.
Ach so. Ja, stimmt.
Wie findest du’s?
Was?
 Das Seminar.
Welches meinst du?
Das über Adorno.
Da bin ich nicht drin.
Dann besuchen wir doch nicht das gleiche Seminar.
Stimmt.
Bruchstücke eines Zitats, das Linus vor langer Zeit gelesen hat, hallen auf einmal in seinem Kopf wider: Die menschliche Sprache ist ein gesprungener Kessel, mit dem man verzweifelt Musik fabrizieren möchte … So oder so ähnlich muss es gewesen sein. Linus weiß weder, wie es weitergeht, noch von wem es stammt. Gedankenversunken starrt er wieder das Walross an. Es beginnt zurück zu starren.
Linus stürzt seine Tasse in einem Zug hinunter, während Bernhard weiter redet.
Nach einiger Zeit lässt er seinen Blick zum großen Fenster, das auf die mit Pflastersteinen ausgelegte Straße zeigt, schweifen. Mittlerweile herrscht Nacht, und die Musik ist berstend laut geworden. Linus sieht, dass Bernhard etwas zu ihm sagt, aber er kann den Inhalt nicht aus dem dichten Lärmteppich um ihn herum heraus destillieren. Bernhard setzt sich schließlich auf den Platz neben Linus, und führt seinen bierbeseelten Atem dicht an dessen Ohr.
Du studierst doch Philosophie, oder?
Linus muss sich von seiner Götze abwenden.
Ja. Wir besuchen doch das gleiche Seminar, über Adorno.
Stimmt! Er pausiert. Ich liebe es nämlich zu philosophieren.  Er lässt das Bier in seinem Glas bedeutungsvoll herum kreisen. Das ist das Gute an so Abenden hier im Café, so wie mit dir gerade – irgendwann denkt man weiter als die meisten Leute. Beispielsweise frage ich mich gerade, wieso man den Menschen „Mensch“ nennt, und nicht etwa … „Walross“.
Er blickt Linus an, lässt einige Augenblick verstreichen – und bricht dann in schallendes Lachen aus. Ehe Linus es vereiteln kann, schließt sich sein Zwerchfell Bernhards an. Auf halbem Wege in seinen Lachanfall hinein realisiert er, dass er das Ganze gar nicht witzig findet.
Bernhard kommt schleppend zur Ruhe, während er sich eine Träne aus den Augen wischt.
Genug davon. Er wird schlagartig ernst. Wo wir gerade beim Menschen waren: …
Die scheppernde Snare-Drum des aktuellen Lieds übertönt seine Frage und Linus’ Antwort.
Was? Ich verstehe dich nicht.
Linus sagt es ihm noch einmal. Bernhard runzelt die Stirn; dann verfallen beide in Schweigen.
Linus’ Handy vibriert plötzlich dezent. Er zückt es. Gordon hat abgesagt. Im Licht des Bildschirms beginnen sich Linus’ Züge zu verhärten.
Ich muss gehen, sagt er.
Schon?, fragt Bernhard. Kommt Gordon nicht mehr?
Nein.
Schade. Danke jedenfalls für das tolle Gespräch.
Linus ist bereits halb durch die Tür, als ihm doch noch ungewollt eine halb gemurmelte Antwort entgleitet.
Danke, dir auch.
Er seufzt. Gerade als er in die nächtliche Kälte tritt, läuft Mirela an ihm vorbei. Ein warmes Gefühl, das Bernhard in weite Ferne rücken lässt, breitet sich in seinem Brustkorb aus, als ihr Parfüm seine Nase hochsteigt und einen farbenfrohen Schwall aus Erinnerungen auslöst. Er berührt ihren Arm; sie wirbelt erschrocken herum – dann glätten sich ihre Züge.
Hallo Linus!, begrüßt sie ihn, Wie geht es dir?
Linus’ Gedanken singen wortlos in prächtigen Farben, während er sich die Antwort dieses Mal sorgfältig zurechtlegt.
Gut. Und dir?
Er senkt hastig den Blick, und streicht gedankenverloren über seine kalten Finger.
Auch gut.
Sie scheint auf eine weitere Bemerkung seinerseits zu warten, doch Linus Lippen rühren sich nicht von der Stelle. Schließlich lächelt sie zaghaft.
Wir sehen uns.
Sie verschwindet hinter der nächsten Straßenecke. Linus ballt die Fäuste, und bleibt noch eine Weile stehen. Dann eilt er nach Hause.
Das Firmament schweigt über ihm, während er die Schimpftirade seines Bewusstseins über sich ergehen lässt. An einem einzelnen, entlaubten Baum inmitten eines öden Felds unweit seines Elternhauses legt er auf einmal den Kopf in den Nacken, um doch noch Trost in den sternübersäten Tiefen des Alls zu finden. Suchend streift sein Blick umher, bis er schließlich beim Großen Bären stehen bleibt und dort verharrt. Nach einiger Zeit scheint es Linus, als ob das aus Sternen geformte Tier sich auf einmal aus seinen von den Naturgesetzen auferlegten Fesseln lösen würde; die abgelegenen Welten beginnen sich zu bewegen, bis sie sich schließlich in einen höhnischen, lautlosen Tanz hinein steigern.
Da fällt ihm auf einmal doch noch ein, von wem das Zitat mit dem gesprungenen Kessel stammte.
Flaubert. Es war Flaubert gewesen.
Nach einiger Zeit wendet Linus den Blick vom Firmament ab und zieht schweigend weiter.

Leben und Philosophie, oder: “Philosophieren heißt sterben lernen”

„Intuitiv nämlich, oder in concreto, ist sich eigentlich jeder Mensch aller philosophischen Wahrheiten bewußt; sie aber in sein abstraktes Wissen, in die Reflexion zu bringen, ist das Geschäft des Philosophen, der weiter nichts soll, noch kann. […] Das ganze Wesen der Welt abstrakt, allgemein und deutlich in Begriffen zu wiederholen, und es so als reflektirtes Abbild in bleibenden und stets bereit liegenden Begriffen der Vernunft niederzulegen: dieses und nichts anderes ist Philosophie.“ – Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1. Band, 4. Buch, §68.

Ich habe in letzter Zeit die Gewohnheit angenommen, instinktiv davor zurückzuschrecken, meine persönlichen Erlebnisse unverändert als Fundament für meine Texte zu verwenden. Seine privatesten Erinnerungen — so konstruiert sie auch sein mögen, aber das ist wiederum ein anderes Thema, das eines eigenen ausführlichen Artikels bedarf  — roh auf dem Silbertablett zu präsentieren, ohne sie zuvor einer Stilisierung oder sonstigen Form der literarischen Transposition unterzogen zu haben, birgt oft die Gefahr, sich selbst und sein Innerstes nicht nur ungeschützt darzubieten, sondern auch unreflektiert zu wirken. Natürlich findet schon eine gewisse Metamorphose des Ereignisses statt, sobald man es aufs Papier bannt — egal in welchem Maße die Spuren der Impressionen, die ebendieses vermitteln, noch auf die Sinne nachwirken. Das sind nun einmal die Gegebenheiten des Mediums Schreiben. Nichtsdestotrotz gibt es verschiedene Grade der Distanz zwischen dem ursprünglichen Erlebnis und der finalen Form von ebendiesem im Werk des Autors. Manchmal sind die Wege, die von Ersterem zu Letzterem führen, offen und klar wie eine geradlinige Landstraße durch von einem azurnen Himmel überspannte Felder; dann wiederum sind sie verschlungen und nebulös, wie ein von dunklen Baumkronen überdeckter Pfad durch einen dichten Wald, bei der man nicht mehr zurück zur ursprünglichen Impression, die tief im Innern des schöpfenden Subjekts liegt, findet. Insbesondere Letzteres erfordert ein gewisses Maß an Zeit, um alles erst mit eigens angepflanzten Metaphern, Allegorien, Analogien und sich zu Fabeln aufschichtenden Gleichnissen überwurchern zu lassen, die dann wiederum den Weg durchs stilistische Dickicht erschweren.

Nun resultiert hieraus ein Problem, wenn man einen besonders gewichtigen Faktor, der gleichermaßen das Schreiben als auch alle anderen Formen menschlichen Ausdrucks betrifft, in Betracht zieht: Die schiere Unberechenbarkeit der Inspiration. Worte warten nämlich nicht. Sobald sie beginnen, sich als Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis oder einen besonderen Lebensabschnitt im Kopf des Schreibenden zu bilden, drängen sie sich schon heran und wollen in schriftlicher Form ihren Ausdruck finden; zögert man hierbei zu lange, entgleiten sie schon wieder dem nach ihnen greifenden Geist des schreibenden Subjekts. Ob der Moment, den sie abbilden wollen, ungeschliffen dargeboten wird oder nicht, kümmert sie dabei reichlich wenig — sie gönnen einem keinen noch so kurzen Augenblick der Ruhe, ehe sie ausformuliert und niedergeschrieben worden sind. Genau so ergeht es mir auch jetzt. Ich konnte das Geschehnis, das mich zu der vorliegenden Reflexion führte, zu dem Zeitpunkt, als die Worte über mich herfielen, nicht in die Form einer Fabel, eines Gleichnisses oder einer anderwertigen Form fiktiven Erzählens gießen, eben aufgrund der bereits oben erwähnten Dringlichkeit, mit der bestimmte Dinge manchmal verarbeitet werden müssen.

Doch dies ist nicht der einzige Grund, weswegen ich das Erlebnis, von dem die Rede sein wird, bewusst ungeformt lassen will — auch der an besagtes Ereignis anknüpfende Gedankengang ist nämlich, wie ihr es nachfolgend noch selbst feststellen werdet, sehr persönlicher Natur. Um gleichermaßen die subjektive Note der Impression als auch Reflexion zu konservieren und somit das, was mir in den Fingern brennt, so zu vermitteln wie es mich selbst ursprünglich ereilt hat, bietet es sich also um so mehr an, beide unverändert darzulegen.

I. Leben und Philosophie

Vor knapp zwei Monaten, zu Beginn meines Familienurlaubs in La Baule an der Atlantikküste Frankreichs, las ich einen äußerst interessanten und exzellent geschriebenen Artikel über die Diskrepanz zwischen akademischer Philosophie — also die, die an den Universitäten gelehrt und in deren Rahmen heutzutage Philosophie betrieben wird — und eher “massentauglicher” pop philosophy, die in deutschsprachigen Gefilden beispielsweise von Richard David Precht vertreten wird. Letztere versucht, komplexe philosophische Zusammenhänge und Ideen einem breiten Publikum nahezubringen, indem es sie beispielsweise in Bezug zu aktuellen Themen oder dem alltäglichen Leben der Menschen setzt. Interessant ist hierbei vorallem, dass der im Artikel dargestellte Graben auf den allgemeineren und sehr alten Konflikt zwischen Philosophie und dem Leben selbst, der Erstere schon seit ihren frühen Anfangstagen beschäftigt und sich infolge der kontinuierlichen “Verwissenschaftlichung” der philosophischen Disziplin noch einmal verschärft hat, verweist. Der Autor Tom Stern stellt hierbei eine große Distanz zwischen beiden fest, die so ursprünglich nicht vorhanden war — kommt aber gleichzeitig zum Schluss, dass akademische Philosophie gar nicht den Anspruch erheben müsste oder sollte, von jedermann verstanden zu werden und auf das “eigentliche” Leben (also das abseits der Philosophie) anwendbar zu sein:

“When Plato tried to describe the relationship between philosophers and others, he too reached for a boat metaphor: some people are very good at steering boats; others aren’t. You might not be one of the lucky ones. If people ignore philosophers, the fault lies not with the philosophers, but with the people. Don’t worry about making a difference through philosophy, the Platonist might say: just do the best philosophy you can and let the rest take care of itself—if, that is, you are one of the lucky ones.”
Stern unterrichtet laut eigenen Angaben im Artikel vorallem Nietzsche. Zur gleichen Zeit, als ich seinen Artikel las, war ich mehr oder minder zufällig in Nietzsche Die fröhliche Wissenschaft vertieft, deren Inhalte (wie beispielsweise die bis in die Popkultur vorgedrungene Stelle, an der Nietzsche proklamiert: “Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!”) neben denen von Also sprach Zarathustra wohl am Stärksten im kollektiven Gedächtnis der Menschheit verankert sind — sogar bei all jenen, die sonst nicht viel mit Philosophie am Hut haben oder nur eine sehr oberflächliche Beziehung zu ihr pflegen.
Einige Tage später, während wir mittlerweile weiter südlich in La Rochelle verweilten und ich noch immer mit der Lektüre der Fröhlichen Wissenschaft beschäftigt war, erreichte uns dann die Nachricht, dass unser Kaninchen Josy zuhause in Luxemburg im Alter von neun Jahren plötzlich verstorben war. Seine Aufgewecktheit und Anhänglichkeit hatten dafür gesorgt, dass er mir von Anfang an ans Herz gewachsen war, und nicht zuletzt aufgrund seines für ein Kaninchen doch sehr bemerkenswerten Alters war der kleine Kerl zu einer regelrechten Konstante in meinem Leben geworden, die mich immerhin für fast die gesamte Dauer meiner Jugend begleitet hatte. Investiert man derlei Emotionen, wird man selbstverständlich auch verletztlicher und anfälliger für ihre dunkleren Schattierungen und Gegenpole.  Dementsprechend betroffen machte mich dann auch der Tod von Josy. Wir spendeten uns sofort gegenseitig in der Familie Trost, was die überwältigende Trauer milderte — aber bei der darauf folgenden Verarbeitung seines Todes war jeder von uns letztendlich auf sich selbst gestellt.
Wäre ich nun beispielsweise gläubiger Christ gewesen, hätte ich mich noch mit dem Gedanken trösten können, dass Tiere es bestimmten Auslegungen der Bibel zufolge sehr wohl ins Jenseits schaffen könnten. Da ich aber aus weltanschaulicher Sicht eher zu einem atheistischen Existenzialismus tendiere, wollte ich stattdessen woanders Methoden und Ratschläge zur Verarbeitung suchen — und wo konnte ich besser fündig werden als in der Philosophie, die schon von vornherein ein mir im Gegensatz zu anderen Aspekten des Lebens doch einigermaßen bekanntes Feld ist und sich dazu (zumindest in der Metaphysik und praktischen Philosophie) mit ähnlichen Fragen wie Religion beschäftigt?
An dieser Stelle kristallisiert sich dann auch langsam die Brücke zu dem, was ich in der Einleitung gesagt habe, heraus. Da ich gerade Nietzsche gelesen hatte, versuchte ich natürlich, noch immer ganz benebelt von dessen euphorischen Aphorismen, bei ihm Rat zu finden.
Dabei stellte ich jedoch schnell fest, dass Nietzsche nicht unbedingt die beste Anlaufstelle ist, um Trost zu suchen, wenn das geliebte Haustier verstorben ist. Im Gegensatz zu seinem großen philosophischen Mentor Arthur Schopenhauer hat Nietzsche nämlich vergleichsweise wenig für Tiere übrig — es sei denn, sie dienen ihm als Metaphern, um das menschliche Dasein zu charakterisieren. Die fehlende Beachtung von Tieren kompensiert Nietzsche dadurch umso mehr durch seine Liebe für den Menschen, die bei Schopenhauer bekanntermaßen weniger ausgeprägt war, auch wenn er Bertrand Russell zufolge entgegen seiner in seinen Werken hinaus posaunten Lobpreisung der Askese einen doch sehr ausschweifenden und menschennahen Lebensstil führte. Dass das keinen Widerspruch darstellen muss, möchte ich euch auch noch zeigen. Natürlich hätte ich mich auch anderen Autoren zuwenden können, aber dies wurde für mich einmal nebensächlich, da Josys Tod und der Verarbeitungsprozess von ebendiesem mich auf einmal zurück zu Tom Sterns Artikel und dessen viel allgemeineren Fragestellung geführt haben, der ich in dem vorliegenden Text aus einer sehr subjektiv geprägten Sicht auf die Spur gehen will:
Kann (akademische) Philosophie wirklich konkret im (alltäglichen) Leben weiterhelfen, als Mittel zur Lebensführung dienen und somit zur Lebensphilosophie werden — so wie die Philosophie auch ursprünglich verstanden wurde, zum Beispiel bei Diogenes von Sinope, der jeglichen gesellschaftlichen Normen abschwor und seinen eigenen Lehren gemäß in einer Tonne lebte, von der aus er unter anderem der Legende nach Alexander den Großen ärgerte?
Nahm seine eigene Philosophie wenigstens noch ernst: Diogenes von Sinope.

Nahm seine eigene Philosophie wenigstens noch ernst: Diogenes von Sinope. (Bild von Jean-Léon Gérôme, 1860)

Als Philosophiestudent habe ich nun aber schon von vornherein, wie bereits angedeutet, einen ganz anderen Zugang zur Philosophie. Sie ist bereits ein bedeutender Teil meines Lebens, mit dem ich sehr viel Zeit in Form von systematischer Lektüre von philosophischen Texten sowie Seminaren, Vorlesungen und Verfassen von philosophischen Essays und Hausarbeiten verbringe. Das Hauptaugenmerk meiner Fragestellung liegt dementsprechend vielmehr darauf, inwiefern dieser doch sehr wichtige Teil meines Lebens mit den anderen interagiert und bis zu welchem Grad in sie hinein wirkt. Welche anderen Teile meines alltäglichen Lebens abseits meines Studiums sind nun damit genau gemeint? Die Philosophie — und hierin liegt dann auch die Problematik — beschäftigt sich nämlich mit allen möglichen Themen, die den Menschen und seine Umwelt mehr oder minder direkt betreffen, und dementsprechend kommt man nicht umhin, das zu besprechende Feld einzugrenzen. Im Kontext von Josys Tod ging es vorallem um die die menschliche als auch tierische Existenz konstituierenden Elemente wie Leben, Tod, Leid und den Sinn beziehungsweise die Sinnlosigkeit hinter all dem und die Bewältigung der daran anknüpfenden Emotionen — alles Themen, mit denen sich die Philosophie umfassend auseinandergesetzt und zu denen sie auch ihre eigenen, sehr vielfältigen Positionen aufgestellt hat. Auch für Probleme hinsichtlich schwieriger moralischer Entscheidungen, vor die jeder von uns Zeit seines Lebens gestellt wird — zum Beispiel, ob man nun Tiere essen darf oder nicht, und unseren allgemeinen Umgang mit ihnen —, hat die Philosophie Lösungsansätze parat.
Hier kristallisiert sich aber auch schon das erste Problem heraus. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich immer mehr philosophische Systeme herausgebildet, die all diese Bereiche der menschlichen Existenz mehr oder minder vollständig abdecken. Aufgrund ihrer Rigidität, wissenschaftlichen Strenge und hohem Grad an Abstraktion sind sie allerdings umso schwieriger auf das alltägliche Leben und die Realität applizierbar. Immanuel Kants in seiner Kritik der praktischen Vernunft dargelegte Moralphilosophie, die wiederum auf seinem in seiner  Kritik der reinen Vernunft — das wahrscheinlich einflussreichste Werk der modernen Philosophiegeschichte — aufgestellten philosophischen System fußt, ist zwar prinzipiell auf alle menschlichen Handlungen anwendbar, scheitert aber rasch daran, dass der Alltag schnellere Entscheidungen erfordert, oder sich Situationen ereignen, die schwierig in die strengen Schemata einzuordnen sind. Wird man als Zeuge eines Gewaltverbrechens vor die Wahl gestellt, einzugreifen oder nicht, hat man schlicht und einfach nicht die Zeit zur Verfügung, es zu kategorisieren, eine allgemeingültige Maxime aufzustellen und dann noch gemäß dieser zu handeln — es sei denn, man nimmt Vereinfachungen und Kompromittierungen in Kauf, was Tom Stern in seinem Artikel wiederum (durchaus zurecht) kritisiert hat.
 Streng systematische Philosophien — die auch heute noch beispielsweise in Form der Analytischen Philosophie oder Wissenschaftstheorie die akademische Philosophie dominieren — sind also denkbar ungeeignet, als Lebensphilosophien zu fungieren. Nicht zuletzt weil sie auf präzisen Argumentationsketten aufbauen, läuft man Gefahr, ihre Validität und Stärke bei der Anwendung auf die eigenen Lebensumstände zu untergraben, da man, um sie überhaupt erst als Richtlinien für das eigene Leben nehmen zu können, oftmals zurecht schneidern muss. Vergisst man dabei ein Glied der Argumentation — was allzu leicht passieren kann, wenn man das sperrige Gerüst der eigenen, viel biegsameren Realität aufzwängen will — , bricht das ganze Gebäude des philosophischen Systems zusammen und wird nutzlos. Das bedeutet wiederum man nicht einfach mal so einzelne Argumentationsfragmente eines philosophischen Systems nutzen kann, um das eigene Leben zu strukturieren — aus ihrem systematischen Kontext gerissen ergeben sie oftmals nämlich keinen Sinn mehr.

Dazu darf man sich keinen Illusionen hingeben: Die meisten Erkenntnisse, die in der Philosophie gesammelt wurden und werden, finden kaum Einzug in das alltägliche Leben des Großteils der Menschheit, und wirken sich wenn dann nur indirekt auf dieses aus. Ob wissenschaftliche Theorien jetzt soziale Konstrukte sind oder sich tatsächlich auf in einer unabhängigen Realität existierende Entitäten beziehen, ist zwar für Philosophen ein großes Thema, aber für viele Menschen ändert das kaum etwas an der Art und Weise, wie sie ihr Leben führen.

“[…]in some moods, I feel certain that if all the professional philosophers stopped writing philosophy altogether—if a freak accident muted the profession, its students and its publishers—astonishingly few non-philosophers would notice. No industry anxiously awaits the latest philosophical innovations. No general public hangs on our words. Even within the profession, the average philosophy publication is cited once and probably only then to be mischaracterized, cast aside or pigeonholed by a new author, whose work, in turn, meets the same fate. Sometimes, even as I work on my next one, I imagine a philosophy publication as one of those giant, icebreaking vessels that rides at the head of an arctic convoy, powering a path homeward through the frozen ocean. Only in this case, the ocean is not blocked by ice but by other icebreaking vessels, bobbing, marooned where they ran out of fuel, just as this one will maroon somewhere, adding more debris for the next. And in this case, there is no clear sense of home—only homesickness. Ghastly glorious, these vessels.”

Von diesem “Problem” — wenn man es denn so nennen mag — sind allerdings auch andere Wissenschaften betroffen (wie beispielsweise die theoretischen Gefilden der Physik), und es wäre fatal, die Ergebnisse dieser Wissenschaften nur nach ihrem “Nutzen” für die Gesellschaft zu beurteilen.

Hinzu kommt noch eine weitere Schwierigkeit: Würde man manchen Philosophien bedingungslos folgen, würde man im wahrsten Sinne des Worte lebensunfähig werden. Man kann es zum Beispiel Schopenhauer kaum verübeln, dass er wie oben erwähnt nicht dem Folge leistete, was er in Die Welt als Wille und Vorstellung predigte — würde dies doch erfordern, dass er sich ständig und in allen Bereichen der Askese hingeben müsste, um dem Treiben des alles Seins durchdringenden Willens zu entrinnen. Russells Kritik erscheint also im Nachhinein ungerechtfertigt. Auch die antiken Skeptiker wie Pyrrho, die, genau wie beispielsweise die Kyniker (zu denen der eingangs erwähnte Diogenes von Sinope gehörte), Epikurer und Stoiker, Philosophie explizit als Mittel zur Führung eines besseren Lebens betrachteten, womit sie in deutlichem Gegensatz zur heutigen Auffassung akademischer Philosophie stehen, konnten ihre Doktrinen nur sehr schwer bis zur äußersten Konsequenz durchführen — und wenn doch, dann hatte dies zum Teil skurrile und bedenkliche Folgen. Diogenes beispielsweise begann, von der Last jeglicher Moral befreit, regelmäßig in aller Öffentlichkeit zu masturbieren; und auch die von den Skeptikern erstrebte Ataraxie — also die Enthaltung jeglichen Urteils, die wiederum zum inneren Seelenfrieden führen soll — war in der Realität nur sehr schwer umzusetzen, da es von ihnen erfordert hätte, bei allen möglichen, gleichermaßen einfachen als auch schwerwiegenden Entscheidungen tatenlos zu bleiben.

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Quelle: https://www.facebook.com/thephilosophersmouth/photos/pb.1652760244957595.-2207520000.1443542667./1680456498854636/?type=3&theater

Philosophie muss allerdings auch gar nicht den Anspruch erheben, in allen Lebenslagen und -fragen aushelfen zu können — in dieser Hinsicht stimme ich Stern zu. Nichtsdestotrotz bin ich der Auffassung, dass man die Ideen und Methoden verschiedener Philosophen selbst noch von einem akademischen und somit nicht vereinfachenden oder kompromittierenden Standpunkt her in der eigenen Lebensführung nutzen kann, ohne dass man dies, wie Stern schreibt, mit einem gewissen Schuldbewusstsein tun muss. Dies führt mich wieder zu Nietzsche zurück — denn er ist genau einer jener Philosophen, die die Kluft zwischen Leben und Philosophie zu überwinden vermögen. Dies liegt nicht zuletzt gerade eben an seiner Ablehnung gegenüber systematischer Philosophie (auch wenn sich in seiner Genealogie der Moral durchaus Ansätze finden, solch eine zu errichten) und seinen Fokus auf Aphorismen, die sich deutlich flexibler auf die eigenen Lebensumstände anwenden lassen, auch wenn sie übergeordneten Gedankengängen folgen. Um dies zu verdeutlichen, kehre ich wieder zur persönliche Ebene und der Bedeutung seiner und ähnlicher Philosophien für mein eigenes Leben zurück.

II. “Philosophieren heißt sterben lernen”

Zunächst scheint es problematisch, Nietzsche eine generelle philosophische Linie unterstellen zu wollen, da dies die schiere Vielfältigkeit an Interpretationen seiner Ideen untergraben und wieder eine Systematik aufstellen würde, die so nicht unbedingt von ihm intendiert war. Nichtsdestotrotz lassen sich durchaus Positionen bei ihm ausmachen, die sein ganzes Werk durchziehen und sich im Laufe der Jahre auch teilweise immer mehr gefestigt haben. Zwei davon hatten im Laufe meiner näheren Auseinandersetzung mit ihm eine besonders prägende Wirkung auf mich: Seine Ästhetik, also Philosophie der Kunst, und seine Haltung zum menschlichen Dasein, die wiederum eng miteinander verzahnt sind.

Nietzsche zufolge sind das menschliche Dasein und das daran anknüpfende, unvermeidliche Leiden sinn- und ziellos. Da der Mensch sich dies nicht eingestehen will, ersinnt er sich selbst einen Sinn — sei es in der Religion, die auf ein paradiesisches Jenseits nach dem Leben verweist, oder sei es in einer säkularisierten Form der Askese, in der man die menschliche Existenz zu transzendieren versucht, um den Schmerzen zu entfliehen. Nietzsche zufolge schafft das jedoch ein noch größeres Leiden als zuvor — denn indem man stets auf etwas zustrebt, das hinter dem Leben liegt, verneint man dieses, und vergiftet somit die Haltung zur eigenen Existenz. Den einzigen Ausweg aus dieser Misere schafft man sich, in dem man all den Dingen, die das menschliche Dasein verneinen und es nur als Zwischenstation auffassen, entsagt und es stattdessen aufrichtig und in all seinen Facetten bejaht. In der Fröhlichen Wissenschaft strickt er aus diesem Gedankengang seine sogenannte “Lehre der ewigen Wiederkunft”, die auch im Zarathustra eine prominente Rolle einnimmt und auf das übergreifende Konzept der amor fati verweist:

Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: “Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alls in der selben Reihe und Folge — und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht —  und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!” — Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämonen verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: “du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres?” – Friedrich Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, IV, 341

Was Nietzsche an dieser Stelle in so wundervollen Worten ausdrückt, hatte wie kaum eine andere philosophische Idee einen solch entscheidenden Einfluss auf meine Haltung gegenüber meinem Dasein als Menschen. Ich hatte mich bereits seit einigen Jahren mit den philosophischen Strömungen des Existenzialismus und Absurdismus, die ihre Wurzeln insbesondere in der Philosophie von Nietzsche und Kierkegaard haben, identifiziert, und fand die grundlegenden Ideen von deren namhaftesten und selbsterklärten Vertretern — also Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir im Falle des Existenzialismus und Albert Camus hinsichtlich des Absurdismus — nun auch in ähnlicher Form in Nietzsches Werk vor. Interessanterweise haben all diese Philosophen die Tendenz zu einem literarischen Schreibstil gemeinsam — gleichermaßen Sartre, de Beauvoir als auch Camus sind als namhafte Autoren der Weltliteratur bekannt. Auch Kierkegaard und wie eingangs erwähnt Nietzsche hatten die Tendenz, ihre Philosophie unter anderem durch stilistische Mittel, aber auch durch ihren bis dato noch nicht dagewesenen Fokus auf das Individuum und daran anhängig das individuelle Erlebnis als Mensch von den üblichen systematischen Strömungen, die den einzelnen Menschen und dessen Dasein dem abstrakteren gesamtmenschlichen Dasein unterordnen, abzugrenzen. Das führt auch zu einer gewissen Fluidität hinsichtlich der Auslegung ihrer Werke — Sartre beispielsweise hat in seinem Hauptwerk L’être et le néant zwar ein philosophisches System zur Deutung des menschlichen Seins dargelegt, aber dessen Inhalt findet sich auch, und das ist besonders bemerkenswert, fast unverändert in La nausée — die sein System quasi in eine literarische Form gießt — oder seiner deutlich kürzeren philosophischen Programmschrift L’existentialisme est un humanisme wieder, welche sich dann wiederum einfacher als Mittel zur Lebensführung anwenden lassen. Auch Camus’ Philosophie des Absurdismus, die er in Le mythe de Sisyphe dargelegt hat, findet sich in künstlerischer Form in La Peste oder L’Étranger wieder, und entfaltet von dort aus umso mehr die Möglichkeit, sich auf die Auffassung der Menschen gegenüber ihrem eigenen Leben auszuwirken.

Insbesondere Sartres zentrale These, dass der Mensch zur absoluten Freiheit verdammt sei und deswegen auch des Öfteren zur mauvais foi neige, also, Entscheidungen zu treffen, mit denen sich man vor der eigenen Freiheit und damit auch authentischen Selbstvewirklichung drückt, hat mich nun schon längere Zeit begleitet und mich deutlich in meinem Handeln und meinem Verhalten gegenüber der Welt beeinflusst. Mit der Lektüre von Nietzsche, die ich durch mein Studium deutlich intensiver und gründlicher betrieb, erweiterte ich Letztere dann noch um einige bedeutende Aspekte — und fand dann auch letztendlich Trost für Josys Tod. Die Philosophie, und insbesondere der Existenzialismus, reiben uns und allen anderen lebenden Wesen nämlich nur allzu gerne die unvermeidliche Vergänglichkeit allen Seins unter die Nase. “Philosophieren heißt sterben lernen” — so zitierte Montaigne einst in seinem gleichnamigen Essay Cicero, und diese Erkenntnis kann definitiv unterschreiben. Die schiere Sinnlosigkeit von Josys Leiden am Ende seines langen Lebens wäre eigentlich allgemein ein valider Grund zum Auflehnen gegen das Dasein, das am Ende zu nichts anderem als Schmerz und Verlust zu führen scheint — das wäre aber, wie Nietzsche im letzten Aphorismus seiner Genealogie schreibt, sinnbildlich für die Weigerung des Menschen, die Sinnlosigkeit vom Dasein und dem mit ihm notwendig verbundenen Leiden anzuerkennen. Anstelle also, dass ich den Schmerzen, dem Tod und der Existenz von Josy überhaupt selbst irgendeinen finalen, fixierten Sinn andichte, der im Kaninchenjenseits seine Erfüllung findet, sollte ich Nietzsche zufolge vielmehr den Tod und Schmerzen als notwendige Aspekte des Daseins begreifen, die Letzteres darum nicht umso weniger bejahens- und lebenswert machen. Auch wenn es wünschenswert ist, dass (und hier würde Nietzsche mir nicht zustimmen) menschliche Leiden so weit es geht verringert wird, so ist es doch in manchen Fällen unabwendbar, eben weil es ein notwendiger Faktor unseres Daseins ist — und Nietzsche lernt uns, damit umzugehen. Genau so ist es mit falschen Entscheidungen: Zu lernen, sie zu akzeptieren und auch mit dem daran anschließenden Bedauern umzugehen, hilft einem auch als Menschen zu reifen.  Das alles schafft ein besseres und gesünderes Verhältnis zum eigenen Dasein und der Unwiderrufbarkeit unserer Entscheidungen, die keinen Grund zur Verzweiflung darstellen sollen — deswegen ist die Lektüre von Nietzsches Werken manchen Psychologen zufolge auch besser als jedes Selbsthilfebuch. Nietzsche selbst gibt allerdings auch zu, dass es manchmal durchaus einem  “Willens zur Täuschung” bedarf, um das Dasein überhaupt erst erträglich zu machen — beispielsweise, indem man all die Erfahrungen, die es einem aufbürdet, so wie in meinem Falle Josys Tod, in eine künstlerische Form gießt, transformiert, und verarbeitet, um am Ende das Leben in all seiner Sinnlosigkeit doch noch zu bejahen. Dabei kann auch letztendlich die Philosophie helfen, und dementsprechend sollen die Philosophen der Zukunft Nietzsche zufolge nicht mehr nach einem abstrakten Ideal der Wahrheit streben, da sie damit das Dasein selbst, das solch objektive Werte nicht kennt, verneinen.

Insofern taugen diverse philosophische Ideen also auch heutzutage definitiv noch zur Lebensphilosophie. Auch sie mir nicht alle meine Entscheidungen, vor die ich Zeit meines Lebens gestellt werde, abnehmen können, so helfen sie mir doch, sie leichter fällen zu können und so zu handeln, dass ich zu dem Menschen werde, der ich sein möchte, und auch zu diesem Dasein, dass ich aus meiner eigenen Freiheit heraus entworfen habe, stehe.

Eine sehr gelungene Erläuterung einiger Ideen, die ich in meinem Text besprochen habe,  findet ihr übrigens auch in den folgenden Videos aus der “8-Bit Philosophy”-Reihe, die dazu ein ein passendes Beispiel für meine Auffassung, dass sich auch akademische Philosophie ohne Sinnverlust für jeden Menschen erklären lässt, liefern. Im ersten geht es um Nietzsches Lehre der ewigen Wiederkunft, im zweiten um Sartres Konzept der mauvais foi. Beide Videos ersetzen selbstverständlich keine ausführliche philosophische Lektüre — die stellt letztendlich nämlich noch immer die beste Methode dar, um sich mit der Thematik auseinandersetzen und auch in vollem Umfang auf das eigene Leben anwenden zu können:

 

Oliver Burkeman: No Regrets? Why Not? (The Guardian)

Projekte für 2015

Der letzte Text auf meinem Blog liegt nun schon eine ganze Weile zurück – dies liegt aber nicht nur an diversen universitären Verpflichtungen in Form von Klausuren und Hausarbeiten, sondern auch an der Tatsache, dass ich abseits meiner Tätigkeit als Blogger noch mit einer ganzen Reihe anderer Projekte beschäftigt bin. Um meinem Bestreben, einerseits in etwas regelmäßigeren Abständen Texten auf meinem Blog zu veröffentlichen, entgegenzukommen, und andererseits die Aufmerksamkeit meiner Leser auf besagte Projekte zu lenken, habe ich mich dann einfach kurzerhand entschlossen, euch mittels meines Blogs einen Überblick über all dies, was mich momentan beschäftigt und meine Zeit vereinnahmt, zu verschaffen.

6-teilige Webshow ‘Ben, Anna & Thomas Crimes’ & Filmkollektiv

Anfang dieses Jahres habe ich bereits den Pilot meiner Webshow ‘Ben, Anna & Thomas Crimes’ namens ‘The Pot Gang’ veröffentlicht. Aufgrund des positiven Feedbacks darauf und der Motivation der Beteiligten, weitere Folgen zu produzieren, habe ich mich vor Kurzem in die Konzeption fünf weiterer Folgen, die mitsamt des Pilots die 1. Staffel von ‘Ben, Anna & Thomas Crimes’ bilden, gestürzt. Mittlerweile habe ich das Drehbuch für die 3. Folge fast fertig, und die Konzepte für zwei weitere Folgen stehen auch schon – unter anderem erwarten die chaotische Detektivtruppe eine Reise in die Vergangenheit, existenzielle Verzweiflung auf einer einsamen Bushaltestelle und eine geschlossene Abendgesellschaft. Um die Ideen hinter den beiden restlichen Folgen werde ich mich dann im Laufe des Jahres noch kümmern, ehe wir uns in den konkreten Vorbereitungen für die Dreharbeiten im Herbst widmen werden.

Zu diesem Zweck haben wir – also die drei Hauptdarsteller und ich – auf einen Vorschlag von Gavin (der die Rolle des Thomas in der Serie übernimmt) hin auch ein bislang noch namenloses Filmkollektiv gebildet, unter dessen Banner wir fortan die Serie und auch weitere Filmprojekte, in die wir involviert sind, veröffentlichen werden. Im Laufe des Jahres wird es dazu noch auf meinem Blog Näheres geben.

‘Maxime Weber Blog’ als Webshow

Dies ist ein weiteres, bislang noch nicht konkret definiertes Projekt, das mir bereits seit einigen Jahren im Kopf herumgeistert und immer wieder in unterschiedlichen Farben und Formen an die Oberfläche meines Bewusstseins getreten ist. Und zwar wollte ich eine satirische Webshow starten, die im Stile meines Blogs gesellschaftliche Missstände anprangert – ich habe nämlich schon seit Längerem ein Faible für öffentliche Aktions- und Performancekunst, und erachte dies, mitsamt YouTube als sehr effekten Mitteilungskanal, als ideale Methode, um Themen und Probleme, die mir am Herzen liegen und mich aufwühlen, in eine möglichst ästhetisch anspreche und erheiternde, aber auch zum Nachdenken anregende Form zu gießen. Den jüngsten Stein des Anstoßes, mich an so etwas zu wagen, gaben mir die in den letzten Monaten überall in Deutschland (aber auch in anderen Teilen Europas wie etwa Dänemark oder Großbritannien) aufkeimenden Protestbewegungen “besorgter Bürger” von Pegida & Co., von deren hasserfüllter Gesinnung ich insbesondere durch den hier in München tätigen Ableger Bagida – in dem sich allerlei bekannte Gesichter aus der rechtsextremen Szene Bayerns tummeln – Zeuge wurde. Besagte -gida-Bewegungen verweigern sich nun jeglichem rationalen Argumentationsfundament, sodass Diskussionen mit ihnen von vornherein sinnlos erscheinen – gleichzeitig aber darf man sie auch nicht ignorieren, da sie das besorgniserregende Symptom weitaus tiefgreifenderer Probleme darstellen. Die beste Lösung, um diesem Teufelskreis zu entrinnen, die mir einfällt, ist nun, sich ihrer mittels Humor – und in diesem Falle insbesondere Satire – anzunehmen. So bin ich auch schon teilweise bei meinen Artikeln über die rechtsextreme Szene in Luxemburg verfahren, aber da jene aus München auch (leider) öffentlich auftritt, möchte ich das Ganze hier noch auf eine weitere, neue Stufe emporhieven – und zwar in Form besagter Webshow. Nähere Informationen dazu werde ich in den kommenden Monaten auf meinem Blog veröffentlichen.

Veröffentlichung des ersten Albums von PLAGUEWIELDER und Musikvideo

'Chambers Of Death' Albumcover

Trotz aktueller Konzert- und Neuigkeitenflaute aufgrund der Tatsache, dass wir bei PLAGUEWIELDER – die Atmospheric Doom Metal-Band, in der ich Synthesizer spiele und für die Videoprojektionen verantwortlich bin – über halb Europa verstreut sind, stecken wir momentan Hals über Kopf in den Vorbereitungen zur Veröffentlichung unseres ersten Albums Chambers Of Death und einem Musikvideo zu einem der Songs auf der Platte, das wir in München drehen und im Laufe der nächsten Monate dann auch auf unserem jüngst neu eingerichteten YouTube-Channel hochladen werden. Ihr dürft gespannt sein – bis dahin könnt ihr euch auf Bandcamp unsere selbstbetitelte EP zu Gemüte führen.

Neues Bandprojekt MALAISE

Apropos Musik: Mit Nicholas, Sänger und Bassisten bei Plaguewielder, bin ich gerade im Inbegriff, eine neue Band namens MALAISE in München auf die Beine zu stellen. Wir wollen noisigen Sludge im Stile von EYEHATEGOD, NEUROSIS, CONVERGE, LACK OF INTEREST, EARTH, BORIS, IRON MONKEY und anderen Bands spielen; momentan sind wir noch auf der Suche nach einem Drummer und Bassisten.

Trotzdem!-Kulturfestival 2015

Mit meinen Freunden vom SuriC-Kollektiv bin ich dazu in die Planung der zweiten Ausgabe des Trotzdem!-Kulturfestivals in der Glockenbachwerkstatt in München involviert – nachdem das vom letzten Jahr so ein großartiger Erfolg war, wollen wir nun auch 2015 wieder versuchen, unabhängigen Künstlern – seien es Maler, Literaten, Filmemacher oder Musiker – aus München und Umgebung eine Plattform zu bieten. Auf vimeo könnt ihr euch schon einmal einen Eindruck vom letzten Jahr verschaffen.

Neues Romanprojekt

Das sicherlich wichtigste und persönlichste Projekt für 2015 für mich ist letztendlich mein neuer Roman, den ich momentan vorbereite und irgendwann im Laufe des kommenden Jahres beginnen werde. Um zu garantieren, dass mein Blog während dem Schreibprozess nicht verstaubt, habe ich mich kurzerhand dazu entschlossen, in dem Zeitraum in regelmäßigen Abständen jeweils ein Kapitel aus meiner Novelle ‘Ghost Highway’, über die ich bereits an anderer Stelle auf meinem Blog berichtet habe, zu veröffentlichen, damit ihr euch einen Eindruck von meinem bereits Geschriebenen machen könnt. Trotz alldem werde ich 2015 aber auch nach wie vor versuchen, als Blogger aktiv bleiben – die meisten meiner Texte entstehen nämlich sowieso meist unter unvorhergesehenen Umständen und Eingebungen, sodass ich wahrscheinlich auch selbst während des Schreibprozesses an meinem neuen Roman noch in unregelmäßigen Abständen neben meiner Novelle andere, auf gesellschaftliche, politischen und philosophischen Themen bezogene Texte auf meinem Blog online stellen werde.

Expulsion – Moon and Firelight

“L‘enfer, c‘est les autres.“
– Jean-Paul Sartre

2. Oktober 2014
Liebes Tagebuch,

Die Feier zu meinem 16. Geburtstag war rundum gelungen (bis auf die Tatsache, dass mir einige Menschen, von denen ich eigentlich mehr erwartet hätte, mir nur mit austauschbaren Glückwünschen auf Facebook gratuliert haben). Marie, Raphael und Rebecca haben mich besucht und zusammen mit meiner Familie und mir noch bis spät in die Nacht hinein gefeiert. Wir haben alle wie früher alberne Papierhüte gefaltet und uns diese dann aufgesetzt (ich hoffe, dass die Fotos davon auf ewig in der Versenkung verschwinden werden); dazu haben wir Maries eigens für mich mit dem Albumcover von Pink Floyds Animals dekorierten Kuchen – mit dem sie wieder einmal gleichermaßen ihre hervorragenden Backkünste als auch Kenntnisse über meine Wenigkeit unter Beweis gestellt hat – gegessen. Als Geschenke erhielt ich unter anderem von Mama den Roman The Road; Raphael schenkte mir eine Flasche Sekt (und grinste bis über beide hervorstehenden Ohren, als er vereinzelt schockierte Gesichtsausdrücke inmitten meiner Familie entdeckte), und Rebecca schließlich noch das Album Honor Found In Decay von Neurosis (damit sich mein Prozess der Akzeptanz gegenüber dieser Art von Musik etwas beschleunigt). Dazu erhielt ich noch mehrere Geburtstagskarten von schwankender humoristischer Qualität – und jede Menge Geld.
Jetzt ist es mittlerweile drei Uhr; der Großteil meiner Familie ist wieder nach Hause gefahren, und meine drei Freunde schlafen jetzt ruhig neben mir (bis auf Rebecca, die sich wieder dauernd im Schlaf herumwälzt und ziemlich belustigenden Nonsens von sich gibt). Ich versuche auch schon die ganze Zeit einzuschlafen, aber es gelingt mir nicht so recht. Ich bin noch viel zu viel aufgedreht vom zurückliegenden Tag, und wahrscheinlich auch etwas beschwipst von Raphaels Sekt (zumindest glaube ich das). Zwischenzeitlich habe ich, um wenigstens irgendetwas zu tun und nicht nur auf den Schlaf wartend rumzuliegen, heimlich meine drei Freunde in ihren bizarren Schlafpositionen fotografiert – als Rache fürs letzte Mal.
Dazu beschäftigen mich die üblichen Gedanken, die einen am eigenen Geburtstag ereilen, obwohl es an sich ein Tag wie jeder andere ist – nur halt mit dem Unterschied, dass ich an diesem arbiträr gewählten Zeitintervall das Licht der Welt erblickte. Ich habe in letzter Zeit die Gedanken an meine Zukunft etwas zur Seite geschoben, aber jetzt dringen sie wieder etwas intensiver auf mich ein. Meine letzten beiden Geburtstage sind ereignislos an mir vorbeigezogen; haben sich als Treibgut inmitten eines nicht enden wollenden und immer schneller werdenden Stroms der Zeit entpuppt.  Dieser Geburtstag fühlt sich im Nachhinein jedoch anders an, auch wenn sich nichts Bemerkenswertes ereignet hat. Bis auf die Tatsache, dass ich jetzt legal trinken und rauchen darf – wobei ich bei Letzterem nicht wirklich auf die staatlich legitimierte Erlaubnis dazu gewartet habe, aber das bleibt unter uns -, stellen 16 Jahre eigentlich keinen so tiefgreifenden Scheideweg im Leben eines Menschen dar. Trotzdem war der heutige Tag so voll von sonderbaren und unausgesprochenen Verheißungen gewesen, die ihn letztendlich aus dem grauen Fluss des alltäglichen Lebens entstiegen ließen.
Ich erinnere mich an gewisse Tage in der Grundschule, an denen wir sorglos auf dem Pausenhof Fangen spielten, die Köpfe beseelt von kindlicher Phantasie. Gelegentlich blieb ich dann stehen, um in den wolkenverhangenen Himmel empor zu starren. In solchen Momenten lag immer eine sonderbare, schwere Stimmung in der Luft – sie schien sich beinahe zu verdichten und zu knistern, wie bei einem herannahenden Gewitter. Doch der Sturm blieb jedes Mal aus – stattdessen stellte ich mir dann vor, dass auf einmal ein gewaltiger Riss den Himmel entzweien und etwas Großes, Unaussprechliches in die Welt hinaus dringen und sie für immer verändern würde.
Genau so fühlte ich mich heute den ganzen Tag über – alles schien im Schatten von etwas zu geschehen, das ich nicht so recht zu fassen vermochte. Doch das große Ereignis ließ auf sich warten. Was habe ich denn auch erwartet? Die tiefgreifenden Geschehnisse im Leben eines Menschen entwickeln sich sowieso nur schleppend.
Ich versuche jetzt wieder einmal einzuschlafen. Ah! Bevor ich es vergesse: Neben den unpersönlichen Geburtstagswünschen gab es noch etwas, das meine Stimmung getrübt hat – Judith ist noch immer ans Bett gefesselt und konnte deswegen auch leider nicht vorbei kommen. Stattdessen hat sie mir per Telefon gratuliert. Sie klang etwas schwach, war aber gleichzeitig guter Dinge, dass sie nächste Woche wieder zum Unterricht kommen und mir endlich mein Geschenk überreichen könnte. Ich bin gespannt – und hoffe, dass sie auch bald wieder fit sein wird.

10. Oktober 2014

Liebes Tagebuch,

Der zurückliegende Tag ließ mich wieder einmal so entfernt und losgelöst von allem fühlen – beinahe so, als hätte sich heimlich ein Schleier aus Gaze vor meinen Augen herab gelassen, der mich die Realität nur noch gefiltert wahrnehmen lässt. Vielleicht liegt es aber nicht an meiner Beziehung zur Welt, sondern vielmehr an den sonderbaren Dingen, die sich heute ereignet haben und sie im Nachhinein so irreal erschienen lassen.
Als ich heute Morgen in die Klasse kam, redeten alle nur von Elisa – einem Mädchen aus unserer Parallelklasse, das ich nur flüchtig aus dem Sportunterricht kenne. Sie war heute Morgen vor dem Eingang auf einmal bewusstlos zusammengebrochen und daraufhin ins Krankenhaus geliefert worden. Ich hatte die Szene nicht einmal mitbekommen. Gerüchte begannen sich in den Gängen unseres Gymnasiums zu bilden; anscheinend wäre sie vor ihrem Zusammenbruch von Halluzinationen befallen worden und hätte dazu wie von Sinnen gekreischt und wild um sich geschlagen.
Ab diesem Punkt fiel der sich entfaltende Tag der eingangs erwähnten sonderbaren Stimmung anheim, und sollte sich auch nicht mehr aus deren Umarmung lösen können.
Judiths Platz in unserem Klassensaal war auch an diesem Tag verwaist. Die letzten Tage hatte ich mehrmals versucht, sie per Telefon zu erreichen – doch es hatte niemand bei ihr zuhause aufgehoben. Haben sie sie etwa ins Krankenhaus liefern müssen und sind dann dort bei ihr geblieben? Auch unsere Klassenlehrerin weiß offenbar von nichts.
Ich mache mir Sorgen um sie.
All diese sonderbaren Ereignisse widersetzen sich den gewohnten Strukturen des Alltäglichen, sodass mein Kopf sie kurzerhand nicht als real anerkennt. Dabei erinnere ich mich an so viele Tage, an denen ich inständig gehofft habe, dass die alltägliche graue Monotonie einmal subversive Farbkleckse abkriegen würde – nun ist genau dies eingetroffen, und ich nehme es nicht einmal richtig wahr. Wahrscheinlich wird dieses Gefühl der Irrealität wie sonst auch wieder von selbst verschwinden, sobald die Farbtupfer sich aufgelöst und die ansonsten verhasste Normalität sich wieder meines Tagesablaufs bemächtigen haben wird.
Nach der Schule sollte Michael zu mir kommen, um sich gemeinsam mit mir Melancholia (so ich wie unsere Relation zueinander einschätzte würden wir wahrscheinlich nur ein Viertel davon mitbekommen), aber er sagte mir eine Stunde zuvor ab. Sein Vater war früher von der Arbeit gekommen, da er sich nicht wohl gefühlt hatte – da Michael alleine mit ihm lebte, musste er sich nun um ihn kümmern. Das war ein herber Dämpfer – aber ich glaube ihm. Michael ist zu reif, als dass er mich auf solch eine kindische Art und Weise zappeln lassen würde. Wenn er es tut, dann zumeist weitaus subtiler.
Am Abend versuchte ich mich abzulenken – da ich The Road innerhalb von zwei Tagen verschlungen hatte und mir dementsprechend der Lesestoff ausgegangen war, kramte ich in unserer Bibliothek einen der Kunstbände von Mama hervor. Ich hatte als kleines Mädchen immer ein Faible für Museen gehabt, und so erinnere ich mich gerne an die ausladenden Nachmittage zurück, die ich mit meinen Eltern in Ausstellungen verbracht habe. Jedes Mal, wenn ich ein Museum betrete, genieße ich die schon an sich beruhigende, stille Atmosphäre umso mehr, da ich diese mit meiner Kindheit in all ihrer farbenprächtigen Schönheit in Verbindung bringe. Dazu wird mir beim Betrachten von Kunstwerken immer wieder mit einem Anflug von Melancholie und Ehrfurcht bewusst, dass in ihnen die ganz persönliche, einzigartige Sicht der verschiedenen Künstler auf unsere Welt, die nur einmal existiert hat und existieren wird, weiter besteht und für die Ewigkeit eingefangen wird – oder zumindest bis niemand mehr da ist, um sie zu betrachten.
Ich durchblätterte das Buch ziellos, blieb bei einigen Gemälden stehen und zog dann wieder weiter. Eines der Bilder, die ich dabei betrachtete, brannte sich jedoch besonders deutlich in mein Gedächtnis ein. Ich kannte weder den Künstler noch das Gemälde selbst, doch es übte sofort eine ungeheure Anziehung auf mich aus.
Am rechten Rand des Bildes erhaschte man den Blick auf eine malerische, bewaldete Gegend, die durch ein lichtdurchflutetes, hohes, in den Felsen geschlagenes Tor von der verwüsteten, in düsteren Farbtönen gehaltenen Landschaft auf der anderen Seite getrennt war. Vom Tor führte eine natürliche Brücke aus Stein über eine gähnende Schlucht hinweg zu besagter Einöde, die in ewige Dämmerung gehüllt war, und über der, am linken Rande des Bildes, ein fahler Mond schwebte. Ein verkrüppelter Baum ragte im Vordergrund auf; undeutlich erkannte ich hinter der Brücke einen schmalen Wasserfall.
Dann fiel mir etwas auf.
Es waren keine Menschen auf dem Bild zu sehen.

18. Oktober 2014

Liebes Tagebuch,

Papa hat mich heute aus New York angerufen. Nicht nur hier in Europa, sondern überall auf der Welt häufen sich diese seltsamen Krankheitsfälle, die in so gut wie allen Fällen zum Tod der Betroffenen führen; alle Zeitungen, TV-Sendungen und auch mein Facebookfeed sind voll von Berichten über die sich ausbreitende Pandemie. Bei ähnlichen Krankheitsausbrüchen in den Jahren zuvor hatte ich die Berichterstattung darüber zumeist belächelt, mich nicht besonders davon beeinflussen lassen (vielleicht auch, weil ich noch zu jung gewesen war um die wahren Ausmaße des Geschehens zu erfassen) und stattdessen lieber über die unweigerlich daraus resultierenden Memes gelacht – doch dieses Mal beunruhigen sie mich wirklich. Und nicht nur mich.
Papa erzählte mir, dass er heute auf dem Weg zur Arbeit einen Umweg hatte fahren müssen, da der gesamte Times Square abgeriegelt gewesen war. Irgendein Wahnsinniger hatte am Morgen angefangen, mitten in die dort versammelte Menschenmenge zu schießen, ehe er sich selbst das Leben mit seiner Waffe genommen hatte. Die Polizei fand bei ihm einen wirren Abschiedsbrief, in dem er mittels konfuser Verschwörungstheorien zu belegen versuchte, dass die US-amerikanische Regierung bewusst den Impfstoff gegen die Krankheit zurückhielt.
Als ich nach dem Telefonat den Fernseher einschaltete, sprang mir sofort ein Bericht über den Vorfall entgegen. Ein sichtlich aufgeregter Reporter interviewte schaulustige Menschen, die sich an der Absperrung um den Times Square versammelt hatten. Manche von ihnen verurteilten zwar die Tat, glaubten aber zugleich laut eigener Aussage den kruden Theorien des Attentäters. Scheint so, als ob in solch kritischen Zeiten wie momentan Vernunft nie einen besonders hohen Stellenrang genießen würde. Auch ich selbst spüre mich immer mehr im unerbittlichen Griff der Angst – doch das Schlimme ist, dass sie mir zum ersten Mal in meinem Leben alles andere als irrational erscheint.

21. Oktober 2014

Liebes Tagebuch,

Die Krankheit hält immer mehr Einzug in unser Leben. Alle Leute mit grippeähnlichen Symptomen werden mittlerweile unserer Schule verwiesen, weil man glaubt, dass die Krankheit per Tröpfcheninfektion übertragen wird; so sicher ist das aber nicht. Niemand scheint wirklich zu wissen, wie die Krankheit übertragen wird. Vielleicht schwirrt sie auch nicht einmal zwischen uns in der Luft umher, sondern ist einfach nur Teil einer eingeplanten Obsoleszenz der Menschheit.
Aus den unübersehbaren Ereignissen der letzten wenigen Tage kristallisiert sich vor allem eines heraus: unsere hoffnungslose Machtlosigkeit. Es geht alles zu schnell; jeden Tag erreicht die Anzahl der bisherigen Toten neue schwindelerregende Höhen und löst irgendwo auf der Welt eine weitere humanitäre Katastrophe aus. Ich bin stumpf geworden gegenüber all diesem menschlichen Leid, das nicht mehr nur als abstrakte Zahlen auf dem flimmernden Bildschirm, sondern als in meinen Augenwinkeln inmitten der Einkaufsstraße zusammenbrechende, geifernde und mit weit aufgerissenen Augen ihren letzten Atemhauch aushauchenden, realen Individuen ausdrückt.
Bei den Nachrichten heute Abend wurde am Anfang noch kurz über Proteste gegen Kürzungen bei Studienbeihilfen berichtet, ehe der Fokus sich auf Ausschreitungen bei der UN-Krisensitzung in Kopenhagen legte. Die schnell zusammengeschnittenen Bilder zeigten wie ein unablässige fließendes Bewusstsein schnell hintereinander angst- und zornerfüllte Gesichter, in die Luft gereckte Schilder, aufbäumende Polizeipferde und von Rauchbomben verhüllte Straßen, in denen umherirrenden Schemen sich erbitterte Schlachten mit Steinen lieferten.
Bilder tauchten auf und verschwanden wieder: Wissenschaftler, die ratlos mit den Achseln zuckten und im Anschluss doch noch so etwas wie ein aufmunterndes Lächeln zustande bringen wollten, dabei jedoch scheiterten und sich stattdessen in vagen Erklärungen verloren; Leichen auf der Champs Elysée, die einfach dort liegen gelassen wurden, weil mittlerweile nicht mehr genügend Hilfskräfte zur Verfügung stehen um sie zu bergen; brennende Viertel in Tokyo. Dann Aufnahmen von Tieren – ein Adler über der russischen Tundra; ein winselnder Hund inmitten eines von unkenntlich gemachten Leichen übersäten Straßenzugs in einer Favela; eine Zecke auf einem im Wind wiegenden Grashalm. Eine der wenigen Erkenntnisse über die Krankheit ist, dass sie offenbar nur uns Menschen betrifft und ihr Verlauf immer der gleiche ist. Zuerst klagen die Betroffenen über grippeähnliche Symptome, ehe sie schließlich anfangen, Halluzinationen zu bekommen und wahnsinnig zu werden, ehe sie zusammenbrechen und ihr Herz zu schlagen aufhört.
Nur für einen kurzen Moment am heutigen Tage erschien mir all dies sonderbar fern. Michael und ich haben uns heute Abend nämlich zum ersten Mal geküsst; abseits der Gespräche im Café, die sich nur um die wild grassierende Krankheit gedreht hatten, im Lichtkegel einer Straßenlampe, die den gepflasterten Boden in der Altstadt illuminierte und doch genügend Schatten warf, um uns vor den Blicken der anderen zu verbergen. Warme Ahnungen unserer zukünftigen Beziehung blitzten vor mir auf, und erfüllen mich auch jetzt mit einem Anflug von Glück.
Noch sind sie siegreich gegen die heran kriechenden Schatten der Zukunft.

24. Oktober 2014

Liebes Tagebuch,

Michaels Vater ist tot.
Ich fühle mich so furchtbar. Ich wusste nicht, wie ich ihn richtig trösten sollte, da ich nichts von alledem an mich heran lassen möchte. Ich tue dies, um mich selbst zu schützen – doch genau deswegen konnte ich ihm in diesem wichtigen Moment nicht in dem Maße beistehen, wie ich es sonst getan hätte (oder zumindest rede ich mir ein, dass es die Umstände waren und nicht ein Teil von mir, mit dem ich mich generell nicht auseinander setzen möchte). Die Zeit schien so quälend langsam zu gerinnen, als ich ihn vorhin in der Tür in Armen hielt und hilflos über seinen Rücken strich, der leise bebte. Wetterleuchten blitzten in der Ferne auf.
Ich spüre die Angst herannahen, doch ich möchte ihr Kommen nicht anerkennen. Unerbittlich klammere ich mitsamt meiner Mutter noch immer an unserem üblichen Tagesablauf fest. Heute fiel unsere Schule, wie die letzten beiden Tage, aufgrund der Umstände aus; nichtsdestotrotz stand ich wie immer um Punkt sechs Uhr auf, frühstückte mit meiner Mutter und ging danach spazieren, um die Krankheit weiter in die Ferne rücken lassen. Es war ein grauer Herbstmittag; unser Dorf war sonst auch nie besonders betriebsam, aber nun schien es noch verlassener als zuvor. Die meisten Menschen hatten sich in ihre Wohnungen verschanzt und die Rollladen runtergelassen – beinahe so, als ob das Abwenden ihres Blickes von der Welt sie vor dem Kommenden schützen würde.
Als ich mit kalten Ohren und steifen Händen wieder nach Hause kam, wartete meine Mutter bereits mit einem warmen Lächeln (das kaum die in ihr rumorenden Sorgen zu überdecken vermochte) und einem roten Tee von Mariage Frères auf mich; wir redeten und schauten uns miteinander alte Fotobände an, flüchteten in die umsorgende Umarmung der Nostalgie und errichteten uns in diesen trauten Momenten eine temporäre Zuflucht inmitten der um uns tobenden Ruhe vor dem Sturm.
Dann tauchte Michael auf und erinnerte mich daran, dass wir diesen trügerischen Hort der Normalität nicht mehr lange aufrecht erhalten werden können. Wir fallen, immer tiefer, an den Schluchten der Zeit hinab – und der Aufprall steht kurz bevor.

4. November 2014

Liebes Tagebuch,

Früher habe ich mir, wenn ich meiner Imagination in endlosen Schulstunden oder während langen Busfahrten freien Lauf ließ, gelegentlich vorgestellt, wie der Weltuntergang wohl aussehen würde. Ich habe mir ausgemalt, dass der Mond sich aus den Fesseln der Erde lösen und auf sie hinab stürzen würde – so wie in Majora‘s Mask, das Rebecca mir einmal bei ihr zuhause auf ihrem alten Nintendo 64 gezeigt hatte. Gelegentlich war es auch ein Komet auf Abwegen gewesen, der in meiner Phantasie alles Leben auf der Erde ausgelöscht hat – der Gedanke hat mich zumeist ereilt, wenn ich hinauf in das kalte, mit hellen Punkten bestickte Firmament gestarrt habe. Ich habe versucht mir vorzustellen, wie dann auf einen Schlag auf einmal kollektiv die gesamte Menschheit, von einem anderen Moment zu dem anderen, sich in der Schwärze, die hinter dem Schleier lauerte, befinden würde – und mich dann stets gefragt, ob wir überhaupt merken würden, dass wir nicht mehr unter den Lebenden weilen.
All diese Gedankenspielereien erscheinen mir vergleichsweise unschuldig angesichts dessen, was sich gerade ereignet. Ich weiß nicht, was mich heute dazu geführt hat zu realisieren, dass die Welt, wie wir sie kennen, zerfällt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich mir überhaupt der Ausmaßen des Ganzen bewusst bin – aber etwas ist gewiss: Es wird nichts mehr wie vorher sein. Und diese Erkenntnis lauert in den tiefsten Katakomben meines Unterbewusstseins; nährt meine Gedanken mit Missmut und Angst, selbst wenn sie an der Oberfläche noch nicht wahrnehmen wollen, was gerade passiert.
Es gab bereits zuvor Tage in meinem Leben, die wie Einschnitte wirkten – so, als ob ich bis zu dem Zeitpunkt in einer verfilmten Biographie meines Lebens mitgewirkt hätte und nun der Abspann rollen würde. Doch im Gegensatz zum definitiven Ende von Filmen ging mein eigenes Leben weiter – was dazu führte, dass ich mich fühlte, als ob schon alles hätte vorbei sein müssen. Als ob ich meinen Tod und den alles auslöschenden Schlag verpasst hätte und nun auf ewig als Geist herumirren müsste. Denn es geht immer weiter; es ist keine punktuelle, sondern eine sich in die Zeit hinein ausbreitende Katastrophe.
Nichtsdestotrotz hat diese jetzt spürbar einen Punkt überschritten, an dem es kein Zurück mehr gibt – und das beunruhigt mich zutiefst.
Der Strom fällt immer wieder aus; dazu erhalten wir keinen Zugriff aufs Internet. Unser Fernseher hat seit gestern keinen Empfang mehr und sendet fast nur noch Störsignale; zuvor hatten wenigstens die ausländischen Sender noch größtenteils funktioniert. Allerdings hatten Mama und ich sowieso nur selten ferngeschaut und versucht, die besorgniserregenden Nachrichten, die im Sekundentakt über den flimmernden Bildschirm gejagt wurden, so weit es ging zu ignorieren. Wir schnappten nur auf, dass in Frankreich ein AKW in die Luft gegangen war, es jedoch nicht genug Einsatzkräfte gegeben hatte um die umliegende Bevölkerung zu evakuieren, da die Krankheit nach wie vor pausenlos und unvorhergesehen Menschen sterben ließ. Das hatte zu Massenpanik, Ausschreitungen und weiteren Toten geführt.
Seit zwei Tagen kommt keine Zeitung mehr; das letzte Mal prangte auf der Titelseite, dass auch in unserer Region nun der Ausnahmezustand ausgerufen worden sei und Rettungsdienste und Feuerwehr dementsprechend auch niemandem mehr zu Hilfe eilen könnten. Noch hilft man sich bei uns im Dorf gegenseitig aus; die Zahl der Toten bei uns ist gering, und dementsprechend geht alles mit einer gespenstischen Ruhe zugange, die gar nicht zum Ernst der Lage passt.
Ich bin in ständiger Sorge um meine Familie und Freunde. Das Handynetz fällt immer wieder aus, und es ist daher unmöglich, irgendjemanden zu erreichen. Ich habe Michael seit zwei Tagen nicht mehr gesehen; meine Sehnsucht nach ihm ist zwar kaum in Worte zu fassen, aber gleichzeitig bin ich auch – und das möchte ich mir noch immer nicht so recht eingestehen – erleichtert, dass er nicht auftaucht. Das schlechte Gewissen über meine fehlende emotionale Reaktion auf den Tod seines Vaters und meinen bewussten Mangel an Empathie nagt nämlich nach wie vor an mir.
Etwas Erleichterung hat es mir verschafft, als Raphael heute Morgen bei uns zuhause auftauchte – immerhin wohnt er nur drei Straßen weg – und zum Mittagessen (das, wie ich mit einem beruhigenden Anflug von Galgenhumor bemerkte, nicht aus Konservennahrung bestand) über blieb. Seine Präsenz munterte mich etwas auf – ich merkte ihm an, dass er auch unter der Situation litt, aber nichtsdestotrotz legte er eine Lebensfreude an den Tag, die ansteckend wirkte und mich für einige Stunden aus dem Griff meiner aufzehrenden Grübeleien befreite.
Wir wollen morgen gemeinsam zu Rebecca fahren, auch wenn wir uns noch überlegen müssen, wie wir das bewerkstelligen, da kaum noch Busse verkehren – wenn überhaupt. Mama hätte uns auch zu ihr fahren können, aber die nächstgelegene Tankstelle wurde schon seit Tagen nicht mehr beliefert.
Marie hat sich bereits vor einigen Tagen von uns verabschiedet. Ihre Eltern sind mit ihr nach Neuseeland zu Verwandten geflüchtet, als noch die letzten Flugverbindungen intakt waren. Jetzt ist der Himmel tagsüber leer; das klare Azur von keinen ausgefransten, weißen Parallelen mehr durchkreuzt. Der Abschied von Marie war viel zu kurz gewesen – auch wenn er wahrscheinlich nur noch unerträglicher geworden wäre, wenn er sich in die Länge gezogen hätte.
Ich habe mir nie vorstellen wollen, wie es wohl wäre, so wie Marie alles zurücklassen zu müssen – doch nun eignet sich dieser Gedanke auf einmal eine unangenehme Realität an.

6. November 2014

Liebes Tagebuch,

Ich bin eigentlich gar nicht so recht dazu in der Lage, aber ich will mich dir heute dennoch anvertrauen – zu sehr pochen die Gedanken in meinem Kopf und wollen eine feste Form annehmen. Ich schreibe dir nicht mehr von zuhause aus. Ein Teil von mir kann es noch immer nicht so recht fassen, und möchte es auch gar nicht. Wie so vieles. Das Gefühl der Irrealität dauert nun schon mehr als zwei Wochen an – und ich werde es wohl auch sobald nicht mehr loswerden. Es ist sogar noch schlimmer geworden, sodass der zurückliegende Tag wie ein langer Fiebertraum wirkt.
Er begann damit, dass heute Mittag in der Küche auf einem der wenigen verbliebenen Radiosenders die blecherne Stimme eines Nachrichtensprechers – dem jeglichen rhetorischen Fähigkeiten abhanden gekommen und stattdessen furchtsamem Haspeln gewichen waren – von plündernden und mordenden Banden in unserer Umgebung berichtet hatte. Manche der Dorfbewohner in den umliegenden Ortschaften hatten sich zusammengeschlossen und sich gegen sie zur Wehr gesetzt, doch ihre Verteidigung war rasch zusammengebrochen, und so trieben die Gruppierungen weiter ungehindert ihr Unwesen und hinterließen dabei eine Schneise aus brennenden Dörfern und Leichenbergen. Die Angst vor dem sicheren Tod durch die Krankheit, der uns, wie die letzten Wochen verdeutlicht hatten, allen in absehbarer Zeit bevorstand, schien ihrem Verstand ein noch frühzeitigeres Ende bereitet und ihn mit tobendem, bewusst erlebtem Wahn ersetzt zu haben.
Die Stimme im Radio erlosch schließlich; für einige lange Momente schwebte noch das Knistern der Frequenz als einziger vernehmbarer Laut in der Luft.
Dann ergriff meine Mutter meine Hand, langsam und bedächtig – ich blickte auf, und zum ersten Mal in meinem Leben sah ich, dass sich echte, tiefe Angst ihrer Züge und Augen bemächtigt hatte. Der Anblick riss mir den Boden, über den ich bislang sicheren Schrittes gewandelt bin, unter den Füßen weg. Ich war seit dem Erwachen meines Bewusstseins und damit auch meiner irrationalen Ängste an die beruhigende Präsenz meiner Eltern gewohnt gewesen, die stets zur Stelle gewesen waren, wann immer mich irgendeine Furcht mich ergriffen hatte, um sie mit aufmunternden Worten, einem warmen Lächeln oder neckendem Humor als harmloses Schreckensgespenst meiner Imagination zu entlarven. Gelegentlich habe ich mich gefragt, ob meine Eltern auch in ernsthaften, gefährlichen Situationen, in denen unser Leben tatsächlich auf dem Spiel stünde, ihre Fassade bewahren würden – nur um mich zu beruhigen. Meine Mutter lieferte mir die Antwort auf diese Frage in Form eines Gesichtsausdrucks, der mich jeglichen Halt, den ich in meinem Leben zu besitzen geglaubt hatte, verlieren ließ. In diesem Moment realisierte der bewusste Teil meines Geistes, dass wir nicht hier bleiben könnten; dass unser eigenes Zuhause uns keine Sicherheit mehr vor den Albträumen in Menschenform, die die Welt in ihren letzten Atemzügen gebar, bieten könnte.
Vor meinen Augen zerbarst alles, an das ich mich zeit meines Lebens geklammert hatte, zu einem Meer aus Scherben. Michael, Rebecca, Marie, Raphael, Papa – ich hatte nie in Betracht gezogen, sie einmal zu verlieren. Sie alle entglitten mir nun und wurden in den lichtlosen Abgrund des Ungewissen hinab gezerrt, der eine gewaltige Leere in mein Innerstes hineinriss.
Wir flüchteten Richtung Norden, durch weite Roggen- und Maiskolbenfelder in die Wälder hinein, die unser Dorf umgaben. Die einzigen Dinge, die ich im Rausch unseres hastigen Aufbruchs von zuhause mitnehmen konnte, sind einige wenige Kleidungsstücke, eine Taschenlampe, eine Taschenbuchausgabe von Du côté de chez Swann, etwas Proviant und mein Lieblingsstofftier.
Wir liefen an dem kleinen Teich vorbei, den wir in der Grundschule auf einigen Klassenausflügen in die Natur aufgesucht hatten; der Schleier der Realität schob sich für einen Moment zur Seite und gab den Blick frei auf mein umherlaufendes und die Natur mit unersättlichen Augen beobachtendes neunjähriges Ich an einem kalten, fernen und endlos erscheinenden Winternachmittag.
Meine Mutter und ich ließen uns auf dem steinernen Mauer beim  Teich nieder, um für wenige Minuten Pause zu machen; sie wirkte trotz der angespannten Situation sonderbar gefasst. Ich bewunderte sie dafür und schalt mich einen Narren, wann immer ich mich dabei erwischte, wie ich nervöse Blicke in den sich verdunkelnden Wald warf. Ich senkte wieder den Blick, um mich abzulenken; vor meinen Füßen erspähte ich zwei Ein-Euromünzen. Ich ließ sie inmitten des farbenprächtigen Blätterteppichs auf dem Waldboden liegen, als wir mit der untergehenden Sonne zu unserer Linken weiterzogen.
Nach einer Weile begann der Boden abzufallen; wir erreichten ein abgelegenes Hotel auf einer Lichtung inmitten eines Tals. Meine Mutter war in ihrer Kindheit bereits einige Mal mit ihren eigenen Eltern dort gewesen.
Wie es ihnen wohl gehen mag?
Als meine Mutter und ich erschöpft und nach Luft schnappend aus dem Wald traten und die alte Brücke überquerten, die über einen reißenden Fluss hinweg zum Hotel führte, näherten sich uns vom anderen Ende her sofort zwei Männer. In ihren Händen hielten sie Holzknüppel, an deren oberem Ende sie notdürftig Eisennägel angebracht hatten; dazu ragten die Läufe von Gewehren, die sie sich auf den Rücken geschnallt hatten, über ihre Köpfe hinweg. Instinktiv ergriff ich die Hand meiner Mutter und bereitete mich auf das Schlimmste vor – doch die beiden machten keine Anstalten, uns anzugreifen. Stattdessen begutachteten sie uns kurz, begrüßten uns dann höflich, aber mit ernsten Gesichtsausdrücken und teilten uns mit, dass sich im Hotel bereits eine Gruppe von Flüchtlingen zusammengefunden hätte. Ohne lange zu zögern willigten meine Mutter und ich ein, zu ihnen dazu zustoßen. Die beiden führten uns schließlich über den mit zahlreichen Pfützen versehenen Kiesboden zum Hotel. Im ersten Augenblick geriet ich ins Zweifeln – wieso sollten wir von der einen Niederlassung in die nächste flüchten, wo wir doch wahrscheinlich sicherer wären, wenn wir uns ständig fortbewegen würden? Gleichzeitig wurde ich mir bewusst, dass weder meine Mutter noch ich eine Ahnung hatten, wie wir im Freien auf Dauer überleben könnten, und dass wir zu zweit verletzlicher wären als mit weiteren Menschen. Ein Blick in ihre Richtung bestätigte, dass sie ähnlich dachte und sich sicher war, dass es allemal besser war hier zu bleiben, als alleine durch die Gegend zu irren.
Ich bin ausgelaugt, gleichermaßen physisch als psychisch; dazu ermüdet es mich, im kargen Licht meiner Taschenlampe zu schreiben. Ich werde wohl erst noch eine oder mehrere Nächte brauchen, um zu realisieren, was heute passiert ist. Mama schläft neben mir im Hotelbett – doch ich muss den Blick immer wieder abwenden. Im Schlaf ist ihr Gesicht auf einmal von Unruhe und Sorge gezeichnet – als stete Erinnerung daran, dass wir in dieser zerfallenden Welt nirgendwo mehr sicher sind.

7. November 2014

Liebes Tagebuch,

Der zurückliegende erste Tag im Hotel hat meine Sicht auf die Dinge etwas geklärt. Ich habe von unserer überstürzten Flucht und Michael geträumt; als ich aufwachte und mich noch mit geschlossenen Lidern im Halbschlaf herumwälzte, fühlte ich für den Bruchteil eines Augenblicks die Geborgenheit meines heimischen Bettes – bis ich die Augen aufschlug und auf die unvertraute Decke eines viel zu kleinen Zimmers starrte. Unter meinem Rücken spürte ich dazu eine viel zu weiche, ungewöhnlich schmale Matratze. Ich drehte den Kopf zur Seite – der Umriss meiner Mutter, die am Rande des Bettes saß und zum Fenster hinaus starrte, schob sich in mein Blickfeld und ließ die Erinnerungen an das Geschehene quälend langsam wieder in meinem Innern aufsteigen.
Wie gerne noch hätte ich diesen Moment kurz nach dem Aufwachen heute Morgen ausgekostet. Für einen kurzen Augenblick hatte ich weder gewusst, wo ich war, noch welche Sorgen mir auf dem Gemüt lagen – mein Geist war befreit vom Bewusstsein seines Selbst gewesen und durch tausend unbekannte Leben in tausend verschiedenen Zimmern gewandert, fernab jeglicher Gefahren.
Das Hotel ist ein zweistöckiges, ausgebleichtes weißes Gebäude, das schon eindeutig glorreichere Zeiten gesehen hat und sich inmitten eines Tals mit hoch aufragenden, bewaldeten Hügeln befindet. An der Süd- und Nordwand des quadratischen Hauptgebäudes, das aus dem Querhaus hervorragt, befinden sich zwei zusätzliche bungalowähnliche Anbauten mit flachen Dächern; dazu ist das Querhaus des Hotels auf seiner südlichen Seite mit einem weiteren, scheinbar neueren Gebäude in einem anderen Baustil verbunden. Dadurch bietet das Hotel auch genügend Platz für die drei Dutzend Menschen, die neben uns in ihm Zuflucht gefunden haben. Die meisten von ihnen stammen vornehmlich aus benachbarten Dörfern; manche der Jüngeren kenne ich flüchtig von Dorffesten. Ich hatte mit fünfzehn angefangen, regelmäßig auf solche Veranstaltungen zu gehen – jetzt auf einmal erschien mir der Gedanke, rauszugehen und bis in die Nacht hinein zu feiern, ausgesprochen exotisch.
Jede Familie – die wenigsten sind noch vollständig – im Hotel hat Anrecht auf ein eigenes Zimmer; Menschen, die alleine sind, teilen sich das Zimmer zumeist mit mehreren Fremden. Die Erleichterung, in diesen Zeiten in einem Hotelbett – selbst wenn man nur eine Seite der Matratze für sich beanspruchen darf – schlafen zu dürfen, ein Dach über einem Kopf zu haben und sich einigermaßen in Sicherheit zu befinden, erstickt die meisten Einwände, die dabei geäußert werden könnten, bereits im Keim.
Den Großteil des Tages habe ich auf unserem Zimmer mit Mama gesprochen und gelesen. Gegen Nachmittag bekamen wir beide Hunger, und so führte uns ein hilfsbereiter Hotelbewohner – ein älterer Herr mit Hornbrille namens Samuel – zur Vorratskammer, die sich im Keller befand. Samuel zufolge hatten die ersten Bewohner des Hotels, die vor ungefähr einer Woche hier eingetroffen waren, unter sich ausgemacht, dass jeder sich so viele Rationen aus den Vorratskammern nehmen sollte, wie er es gerade nötig hätte, und dass ihm die ganze Küche zur Verfügung stünde, um dort zu kochen. Jeder von uns hat selbstverständlich zuerst sein eigenes Überleben im Sinn, aber die Bewohner des Hotels haben eingesehen, dass man nur gemeinsam gegen die bevorstehenden Widrigkeiten bestehen könnte. Anstelle also dass die Anzahl der Rationen auf Basis der Dienste, die man der Hotelgemeinschaft gegenüber erwiesen hat, verteilt werden – was dazu führen würde, dass Menschen, die den Eindruck hätten, dass ihre Tätigkeit mehr zum Fortbestehen unserer kleinen Gesellschaft beitragen, auch Anspruch auf mehr Rationen erheben und somit weitaus weniger für jene übrig bleiben würde, die nicht mithelfen können oder noch gar nicht die Chance dazu hatten, so wie meine Mutter und ich -, darf sich kurzerhand jeder nach eigenem Ermessen in der Vorratskammer bedienen.
Auf dem Weg dorthin beobachtete ich zum ersten Mal die anderen Bewohner des Hotels genauer. Nur wenige von ihnen trieben sich auf den Gängen herum; die meisten verweilten lieber hinter geschlossenen Türen auf ihren Zimmern und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Am Ende unseres Gangs stand eine Tür offen. Ich warf im Vorbeigehen einen Blick hinein und erspähte eine großgewachsenen Frau Mitte vierzig, die ein schreiend gelbes Karohemd trug und auf einem wuchtigen Schreibtisch konzentriert ein kleines Radio reparierte. Neben Letzterem lagen, fein säuberlich aufgereiht Schraubenzieher, verschiedenfarbige Kabel, Drähte, Aluminiumstreifen und zahlreiche weitere Utensilien. Später am Abend sollte ich erfahren, dass die am Radio tüftelnde Frau auf den Namen Mirjam hörte, früher einmal Radioingenieurin gewesen war und nun versuchte, den Kontakt mit der Außenwelt wieder herzustellen.
Ich blieb stehen und beobachtete sie fasziniert bei der Arbeit. Ich hatte den technologischen Fortschritt der Menschheit stets als etwas sehr Fragiles begriffen, der dementsprechend, wie auch in den letzten Wochen ersichtlich geworden war, rasch zusammenbrechen kann. Umso mühevoller erscheint nun, insbesondere aufgrund der bereits erwähnten Komplexität unser technischen Errungenschaften, der Wiederaufbau. Ein Radio mag zwar einen in technischen Belangen ungeübten Menschen wie mich überfordern, aber für einen Radioingenieur, der sich das Wissen über seinen Aufbau über die Jahre hinweg angeeignet hat und selbst die kleinsten Bestandteile und ihre Beziehungen zueinander kennt, stellt seine Reparatur wohl kein allzu großes Problem dar. Ein so komplexes System wie das Internet, von dem viele an dessen Erhalt Involvierte nur einzelne Aspekte in ihrer Gänze begriffen, wieder aufzubauen, würde aber die koordinierte Arbeit unzähliger Menschen erfordern – was in dieser prekären Situation aber quasi unmöglich erscheint.
Die Menschen, die in den Gängen des Hotels oder in der kleinen Lobby saßen, unterhielten sich bloß im Flüsterton miteinander. Es herrschte eine sonderbare Stimmung – ich weiß nicht, ob ich sie als angespannt, niedergeschlagen, oder eine Mischung aus beidem beschreiben soll. Der relative Komfort vermag jedenfalls nicht die Gefahren, die draußen lauern, aus den Köpfen der Menschen zu verbannen. In manche erschöpfte Augen, die sich auf mich richteten, als ich mit meiner Mutter die mit Fliesen ausgelegte Lobby durchquerte, konnte ich kaum mehr als einige Sekunden blicken; zu sehr waren sie von den Grausamkeiten, die sie erblickt hatten, gezeichnet. Noch kann man den anderen Leuten im Hotel, wenn man sich nach etwas Ruhe sehnt, aus dem Weg gehen – viele Gänge sind verwaist, und ein ganzer Flügel des Hotels verfügt noch über unbelegte Zimmer. Nichtsdestotrotz führt das Gefühl, ständig von fremden Menschen beobachtet zu werden, an solch einem vergleichsweise geschlossenen und engen Ort wie unserem Hotel, schnell zu Nervosität und Anspannung – selbst wenn jene, die einen fragend oder, sofern sie noch dazu fähig sind, neugierig anblicken, keine böswilligen Intentionen dabei hegen.
Die Vorratskammer befindet sich direkt neben der mit weißen Fliesen ausgelegten, über mehrere Räume verteilte Küche im Erdgeschoss, und ist äußerst weitläufig. Noch vertrieb der von Vorfreude getränkte Gedanke an das bevorstehende Essen – ich hatte seit unserer Flucht nichts mehr zu mir genommen – die nagende Frage, wie lange die zahlreichen, aber dennoch endlichen Reihen an Vorräten, die wir durchschritten, wohl die knapp fünfzig Menschen im Hotel ernähren mochten.
Diesen Abend nahmen Mama und ich dann auch zum ersten Mal an der alltäglichen Sitzung ums Feuer, das bei Einbruch der Nacht in der Lobby mittels Ordnern und umherliegenden Zeitungen aus den Zimmern angezündet wurde, teil. Wie in der Frühzeit der Menschheit saßen wir im Kreis um die züngelnden Flammen, die Schatten an die Wände unserer Höhle malten und die Schluchten in den erschöpften und gezeichneten Gesichtern tiefer erschienen ließen. Eines von ihnen kam mir sonderbar bekannt vor – bis ich realisierte, dass Raphael mitsamt seiner kleinen Schwester bei uns am Feuer saß. Während die Erwachsenen sich leise miteinander berieten, schlich ich mich leise zu ihm und umarmte ihn. Heiße Tränen, in denen das Feuer sich spiegelte, rannen meine Wangen hinab.

10. November 2014

Liebes Tagebuch,

Raphael und ich haben heute zusammen mit den Kindern im Hotel – es sind derer zwölf –  Lampions aus Stoff, den wir in Regalen im Keller des Hotels gefunden haben, und Papierschiffe gebastelt; die Lampions haben wir dann mithilfe von Kerzen, die wir in einem Schrank in der Lobby gefunden haben, erleuchtet. Die Kinder – das Älteste von ihnen ist gerade mal zehn Jahre alt – scheinen noch nicht so richtig zu realisieren, was ihnen gerade widerfährt, auch wenn ich heute Mittag in manchen Gesichtern schon eine gewisse Ahnung davon zu entdecken glaubte. Einer der Jungen zeigte mir stolz sein Trikot, auf dem drei Fußballer abgebildet waren. Ich kannte ihre Namen nicht – nur die im gelben Trikot und in Siegerpose laufende Nummer 9 kam mir ansatzweise bekannt vor -, zeigte aber dennoch großes Interesse an dem T-Shirt und fragte den Jungen darüber aus. Das neu entzündete Leuchten in seinen Augen war mitsamt dem Basteln eine sehr angenehme Ablenkung – in diesen Zeiten hilft mir dabei sonst nur das Schreiben. Raphael hatte noch ein ungenutztes Notizheft in seinem Rucksack, das er mir gegeben hat – neben meinen täglichen Einträgen, die ich an dich richte, schreibe ich jetzt darin noch an meinem neuen Roman. Dazu erkunde ich mit Raphael das Hotel – es ist noch verwinkelter als ich anfangs angenommen habe. Gestern haben wir im Keller noch ein altes Ledersofa gefunden, dass wir nach oben geschleppt und in die Mitte des Gangs, in dem sich kaum Schlafräume befinden, verfrachtet haben. Jetzt sitzen wir den Großteil des Tages über dort, während wir uns abwechselnd aus Du côte de chez Swann vorlesen und gemeinsam in Erinnerungen schwelgen.

13. November 2014

Liebes Tagebuch,

Mirjam hat heute das Radio wieder zum Laufen gebracht, was für großen Aufruhr an unserem allabendlichen Rat am Feuer sorgte. Das kleine Gerät wirkte wie ein kultisches Relikt aus längst vergangenen Zeiten, das Archäologen wieder ans Tageslicht gebracht hatten und um das wir uns nun neugierig scharten – dabei war es erst wenige Wochen her, seit die Meisten von uns zum letzten Mal eines gesehen hatten.
Dann begannen die Diskussionen. Einige der Versammelten waren der Ansicht, dass man versuchen sollte, mittels des angeschlossenen Mikrofons Kontakt mit möglichen anderen Überlebenden aufzunehmen; andere wiederum sagten, wir sollten erst warten, bis wir wüssten, wie wir uns selbst weiter versorgen könnten, wenn erst einmal die Vorgänge zur Neige gehen würden. Erst dann sollten wir uns um die Kontaktaufnahme mit der Außenwelt bemühen. Die Argumentierenden kamen zu keinem Konsens, weswegen sie die finale Entscheidung auf einen späteren Tag verlegten.
Während der Rat danach noch alle möglichen Frequenzen auf dem Radio ausprobierte, um mögliche Botschaften von noch intakten ausländischen Nachrichtensendern zu empfangen, stand ich auf und bewegte mich, von einer plötzlichen Unruhe getrieben, weg vom Feuer, nach draußen – hinaus in die Nacht.
Ein bleicher Vollmond hing am klaren Firmament. Ich entkleidete mich neben dem kahlen Baum am Ufer des Flusses und stieg bis zu den Schultern in das eiskalte Wasser, um mich zu baden. Das fahle Licht des Mondes spiegelte sich auf der Oberfläche des Flusses, der an mir zog und zerrte, und ließ meine Haut in einem bläulichen Ton leuchten. Langsam schloss ich die Augen, versank in seiner Umarmung und verweilte in dieser, während die Zeit sich mit dem Murmeln des Wassers vermengte und sich schließlich ganz in ihm auflöste.

16. November 2014

Liebes Tagebuch,

Nach dreitägigen Verhandlungen ist unser Rat zum Schluss gekommen, dass wir dennoch Radiobotschaften aussenden sollen. Insbesondere aufgrund des nahenden Winters wäre es wichtig, dass wir andere Überlebende auf uns aufmerksam machen, um gemeinsam zu planen, wie wir ihn durchstehen können, und um mögliche Rationen an Vorräten miteinander zu teilen – falls sie denn bereit dazu wären. Unsere Koordinaten würden wir nicht sofort preisgeben – zu groß ist die Gefahr, dass die umhertreibenden Gruppen, vor denen wir geflüchtet sind, auf uns aufmerksam werden.
Trotz dieser Vorsichtsmaßnahme durchfuhr mich ein kalter Stich der Angst, als ich heute an Mirjams Zimmer vorbei ging und ihr lauschte, wie sie mit gefasster, von leichter Hoffnung beseelte Stimme unsere Hilferufe hinaus sandte.

20. November 2014

Liebes Tagebuch,

So sonderbar es klingt, aber selbst an den Weltuntergang kann man sich scheinbar gewöhnen. Die Stimmung im Hotel ist sehr niedergeschlagen, und wohin ich auch gehe, blicke ich fast nur in erschöpfte, zermürbte und ausgelaugte Gesichter – aber nichtsdestotrotz gehen sie allesamt einem mehr oder minder geregelten Tagesablauf nach. Inmitten unserer geschlossenen Gesellschaft hat sich so etwas wie eine post-apokalyptische soziale Ordnung gebildet, die trotz vereinzelter Zwischenfälle letztendlich alle Schranken zwischen uns aufgehoben hat. Es kam mehrere Male zu Komplikationen in den Vorratskammern, da manche den Eindruck hatten, dass einige Familien mehr Vorräte mit sich nahmen, als sie wirklich benötigten; dazu ereigneten sich hier und da einige Streitigkeiten zwischen einigen Bewohnern des Hotels – doch das wird dann immer am allabendlichen Feuer angesprochen und so auch meistens geklärt, da wir uns aufgrund unserer relativen Sicherheit Zeit dafür nehmen können, die Probleme in aller Ausführlichkeit miteinander zu bereden. Bei den Diskussionen am Lagerfeuer fallen zwar einige Menschen auf, die des Öfteren das Wort ergreifen und auch über größere Überzeugungskraft als andere verfügen, aber dennoch haben sich dadurch bislang noch keine Machtgefälle herauskristallisiert – dafür erachten die Menschen im Hotel ihre eigene Freiheit und die der anderen als zu wertvoll.
Meine Vergangenheit ist ein verklärtes Paradies – ich frage mich, ob es nur aufgrund der Nostalgie daran liegt, dass ich überhaupt noch an sie zurückdenke. Mag sein, dass wir erheblich an Komfort eingebüßt haben, die Krankheit als omnipräsente Gefahr im Hintergrund lauert und in der Nähe möglicherweise mörderische Banden lauern – doch gleichzeitig wird mir bewusst, dass die Menschen hier im Hotel den Weltuntergang als Chance begriffen haben, ganz von vorne anzufangen und alles anders zu probieren, mit den Erfahrungen des Vergangenen im Hinterkopf.
Raphael und ich helfen auch, um uns die Zeit zu vertreiben, den Erwachsenen gelegentlich beim Bewachen des Hotels oder bei der Inventur der Vorratskammer.
Auch wenn ich das alles gutheiße, zweifele ich dennoch – rede ich mir das alles nur ein, um nicht an unserer Situation zu verzweifeln, oder empfinde ich das wirklich alles so?
Ich frage mich, wie lange all dies noch anhalten wird. Zum einen gab es seit Längerem keinen Krankheitsfall mehr, der für Panik hätte sorgen können; zum anderen sind bislang noch ausreichend Lebensmittel vorhanden, sodass kein Streit um die Ressourcen entsteht. Dazu steht die schwerste Zeit – der kalte Winter – uns erst noch bevor.  Das Brennmaterial geht gerade jetzt, wo es kälter wird und wir das wärmende Feuer umso dringender benötigen, schon merklich zur Neige; wir haben vor zwei Tagen die Betten demontiert, um Brennholz zu haben, und schlafen dafür jetzt nur noch auf den Matratzen.
Manche haben vorgeschlagen, in die Wälder jagen zu gehen, um der bald eintretenden Lebensmittelknappheit entgegen zu wirken – doch diese Vorschläge erreichten in unserem allabendlichen Rat beim Lagerfeuer selbst nach lange und zähen Verhandlungen keinen Konsens, sodass manche Bewohner schon heimlich auf eigene Faust die Wälder nach Essbarem erkunden gegangen sind. Mirjam sendet dazu weiterhin jeden Tag Botschaften mit ihrem Radio hinaus; bislang hat sie allerdings noch keine Antwort erhalten. Gelegentlich empfangen wir, wenn wir alle zusammen während des Rates Radio hörten, knisternde und rauschende Nachrichtensendungen aus dem Ausland. Nicht nur hier, sondern auch anderswo schienen die Schrecken in Menschenform, die meine Mutter und mich zur Flucht bewegt hatten, nach wie vor ihr Unwesen zu treiben – niemand weiß, was sie dazu führt, durch die Gegend zu ziehen und alles auf ihrem Weg in Schutt und Asche zu legen. Anscheinend nennen sie sich selbst die Seraphim – aber nicht einmal das ist sicher.
So scheint es beinahe, als ob die bewusstlose, grausame Krankheit in ihnen ihre menschlichen, mehr oder minder bewusst agierenden Handlanger zur Errichtung der Hölle auf Erden gefunden hat.

27. November 2014

Liebes Tagebuch,

Raphael erzählte mir heute, dass es sich bei den umherziehenden Seraphim angeblich größtenteils um religiöse Fanatiker unterschiedlichster Glaubensrichtungen und einige versprengte Wahnsinnige handelt, die in der Krankheit die Strafe Gottes sehen und das Heraufkommen des Jüngsten Gerichts beschleunigen wollen. Bewundernswert, dass sie ihre konfessionellen und ideologischen Streitigkeiten im Angesicht des nahenden Endes über Bord geworfen und sich endlich miteinander ausgesöhnt haben. Manche im Hotel munkeln auch, dass es sich bei ihnen um Menschen handelt, die die Krankheit zwar überlebt haben, dafür aber noch immer von den damit verbundenen Halluzination und Wahnvorstellungen heimgesucht werden. Auch Raphael ist ins Grübeln darüber geraten, ob Gott, oder irgendeine höhere Macht uns Menschen damit strafen wollten – wofür auch immer.
Ich glaube nicht daran. Strafe ist ein menschliches Konzept – es gibt dort draußen niemanden, dem wir uns gegenüber schuldig gemacht haben. Das Universum kümmert sich nicht um uns Menschen.
Wir wären so oder so einmal alle zu Staub zergangen, ohne dass auch nur der leiseste Klage- oder Triumphlaut in den Tiefen des kalten Alls erschollen wäre – die Krankheit hat diesen Prozess bloß früher eingeleitet.
Ich erspähte heute bei meinem Herumwandern durch den bis zum Bersten mit Sperrmüll gefüllten Keller die Nachbildung einer antiken Marmorbüste. Bei ihrem Anblick musste ich wieder an all die Kunstwerke denken, von denen viele wahrscheinlich bei Unruhen oder durch Brände zerstört worden sein mussten, einige aber dennoch noch irgendwo sicher in Safes lagern. Wenigstens das würde teilweise noch von uns bleiben; wenn auch nicht für die Ewigkeit, dann doch wenigstens noch als langsam verblassende Erinnerung, als Zeichen. Wir waren hier gewesen, selbst wenn unsere kurze Existenz keine spürbaren Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte des Universums gehabt hatte. Wir haben vermocht, unsere Leben in etwas Zeitloses und Schönes umzuwandeln, von denen manches vielleicht noch bis ans Ende der Zeit von uns künden wird. Nur – wird jemals wieder jemand oder etwas diese Dinge auch bewusst erblicken und mit dem gleichen Staunen betrachten können?

10. Dezember 2014

Liebes Tagebuch,

Die Krankheit ist wieder da – es scheint so, als ob sie gespürt hätte, dass wir sie beinahe vergessen hätten, und aus genau diesem Grund als leibhaftig gewordene Erinnerung aus dunklen Zeiten zurückgekehrt wäre. Heute war Johanna, die einige Türen weiter in unserem Stockwerk lebte auf einmal, wie von einem Dämon besessen, von ihrem Bett aufgesprungen und nach draußen auf den Flur gestürmt. Raphael und ich hatten gerade dem kleinen Jungen im Fußballtrikot dabei geholfen, seine Eltern in den verwinkelten Gängen des Hotels wieder zu finden, als auf einmal Johanna um die Ecke kam, auf uns zustürmte und wirr vor sich her redete, ehe sich ihre Stimme in ein schrilles Kreischen verwandelte, das die Wände des Hotels zum Erzittern zu bringen schien. Sie stürzte auf die Knie, ehe sie uns erreichte; das dumpfe Geräusch war wie ein Glockenschlag durch meinen fassungslosen Geist getönt. Ihre Haut hatte eine gräuliche Färbung angenommen, auf der sich ihre Adern wie ein purpurnes Relief aus verästelten Flüssen abzeichneten. Mit spasmischen Bewegungen führte sie ihre Hände zum Kopf und fing an, sich die Haare auszureißen, während sie sich weiter die Seele aus dem Leib schrie. Schließlich verstummte sie, und ihre Bewegungen erlahmten; sie rollte ihre Augen nach hinten und klappte tot zusammen.
Der Junge starrte zuerst sie, dann uns mit weit aufgerissenen Augen an, ehe er stumm von dannen zog und in den Tiefen des Hotels verschwand, ohne weiter nach seinen Eltern zu fragen.

12. Dezember 2014

Liebes Tagebuch,

Die Schrecken der Realität holen uns weiter ein. Heute hatte Gabriel – ein Mann Mitte vierzig, mit schütterem grauem Haar, der seine gesamte Familie an die Krankheit verloren hatte – einen handfesten Streit mit einem anderen Bewohner des Hotels angezettelt. Der Grund dafür erschloss sich mir aus dem wütenden Geschrei, das die beiden von sich gaben, nicht einmal; auch nachher konnte mir noch immer niemand erklären, wer die Auseinandersetzung losgetreten hatte, und vor allem weshalb. Es dauerte jedenfalls kaum zwei Minuten, bis die Situation eskalierte, ein Messer aufblitzte und Gabriel auf einmal aus einer Wunde am Hals blutend auf dem Boden lag.
Der Täter wurde überwältigt und des Hotels verwiesen; den Toten begruben wir etwas abseits des Hotels, zusammen mit vier weiteren Personen, die in den letzten Tagen der Krankheit anheimgefallen sind.
Ich erinnere mich nicht an ihre Namen.

15. Dezember 2014

Liebes Tagebuch,

Ich weiß nicht, woher ich noch die Willenskraft nehme, um all dieses Grauen zu ertragen. Diese Resignation, die sich immer mehr in meinem Innern breitmacht, dämpft es einigermaßen – und das bereitet mir weitaus mehr Sorgen als all die furchtbaren Bilder.
Unser Rat am Feuer hat entschieden, dass wir nicht mehr im Hotel verweilen können und weiterziehen müssen, wenn wir überleben wollen. Dazu wurden zwei junge Männer und Frauen ausgewählt, um die nahegelegenen Dörfer zu erkunden und sicherzustellen, dass keine Seraphim sich dort herumtreiben.
Wir müssen unsere Vorräte rationieren. Es ist kaum noch Brennmaterial vorhanden. Die Sitzungen des Rats finden nicht mehr – wenn sie denn überhaupt noch zustande kommen – am wärmenden Feuer, sondern in alles umhüllender Dunkelheit statt.
Ich habe Angst.

20. Dezember 2014

Liebes Tagebuch,

Ich frage mich, wie es Papa geht. Mama und ich reden so oft es geht und möglichst ausschweifend über ihn, um die Erinnerung an ihn am Leben zu halten – wie eine kleine, lodernde Flamme in ihren letzten Atemzügen.

25. Dezember 2014

Raphaels kleine Schwester hat soeben von ihrem Fenster aus Lichter im Wald gesehen.
Ist es der Spähtrupp, der zurückgekehrt ist?

1. Januar 2015

Dies hier wird vielleicht mein letzter Eintrag sein. Ich habe nicht mehr viel Zeit zum Schreiben.
Die Lichter gehörten nicht zum Spähtrupp.
Es sind die Seraphim.
Wie haben sie uns gefunden? Hat Mirjams Radiosignal etwa … ?
Sie haben sich lautlos dem Hotel genährt; die Wachen, die ihnen zur Begrüßung entgegen eilten, waren ohne Vorwarnung von ihnen niedergeschossen worden. Der berstende Laut der Schüsse hallt noch immer in meinen Ohren nach. Dann haben sie die Fenster mit Steinen eingeworfen und sind hindurch geklettert, ohne dass die Scherben ihnen auch nur im Geringsten etwas ausgemacht haben …
Sie singen. Ich höre ihren Gesang von hier oben aus durch die Gänge hallen, während sie den Putz der Wände mit bloßen Händen runterreißen und das Mobiliar umwerfen …
So viele von uns sind tot. Raphael … Mirjam … der Junge im Trikot … Immer wieder dringen Schreie und Schüsse von unten zu uns nach oben.
Ich will nicht in Worte fassen, was ich gesehen habe, als wir nach oben geflüchtet sind. Alles, woran ich jetzt noch klammere, sind meine Erinnerungen und die kalte Hand von Mama im Bett neben mir.
Mein 16. Geburtstag liegt erst drei Monate zurück.

Eva

 

“Expulsion – Moon and Firelight” basiert auf meinem Kurzfilm ‘Epilogue’:

Der graue Herr und das ewige Jetzt

«Il vaut mieux rêver sa vie que la vivre, encore que la vivre, ce soit encore la rêver.»

– Marcel Proust, «Les Plaisirs et les Jours»

In meinem Kopf sitzt ein grauer Herr und lässt mich um mein Leben fürchten. Doch es ist nicht die Furcht vor der Mauer aus Nichts, die sich vor mir in scheinbarer Ferne in die Höhe empor schraubt und hinter die ich nicht zu blicken vermag, sondern es ist vielmehr die Angst davor, das eigene Leben auf dem Weg hin zum besagten Wall zu verpassen.

Einer von Michael Endes charakteristischen grauen Herren nimmt also in meinem eigenen Geist die Gestalt eines nagenden Gefühls an; er ist dem Zeiger einer Uhr, die sich mit jedem verstreichenden Augenblick schmerzhaft in meine Haut bohrt, gleich; er ist der donnernde Glockenschlag, der meine Existenz zum Erzittern bringt; er ist der Strom aus feinen Sandkörnern – jedes von ihnen ein einzelner Moment -, unter dessen Last ich in meinem Käfig ersticke, während ich verzweifelt mit blutigen Fäusten gegen dessen gläsernen Wände hämmere. Sei es, dass ich im Inbegriff bin, mich all den kleinen und in ihrer Gesamtheit doch aufzehrenden Widrigkeiten des alltäglichen Lebens entgegenzustellen, die sich nur allzugerne zu einem geifernden bürokratischen Monstrum der Banalität, das mich mit Rechnungen, Verträgen, Werbungen, Einkäufen, vergessenen Portemonnaies, endlosen Fahrten in überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln, Wartesälen, Smalltalk, Räumen, Spülen beharkt; sei es, dass ich morgens nach dem Aufwachen in der wohligen Wärme meines Bettes verweile und auf meinem Smartphone in das Leben von anderen Menschen, an dem ich sowieso nie teilnehmen werde, eintauche, und mein eigenes dabei an der Oberfläche dieses bodenlosen Ozeans zurücklässe; oder sei es schließlich, dass ich während unzähligen Stunden im fahlen Licht meiner Tischlampe über spröden Texten verharre, die meinen Geist nicht einmal im Geringsten anzuregen und zu berühren vermögen, nur um einige klägliche Punkte zu ergattern – stets vernehme ich die Stimme des grauen Herrn, die meine Adern wie flüssiger Blei durchströmt. Ich stürze auf meine Knie, während sie mich mit dem zerschmetternden Bewusstsein erfüllt, dass ich gerade mein Leben vergeude und Momente – die nur ein einziges zerbrechliches Mal in der gesamten Spanne, die das Universum inmitten des ihn umgebenden erdrückenden Nichts einnimmt, das Licht der Welt erblicken – für Dinge, die nicht einmal einer Erinnerung würdig sind, auf dem Altar der Zeit opfere. Wann immer ich, aufgeweckt durch das finstere Flüstern, innehalte und die mal gleißenden, mal flackernden Scheinwerfer meines Erinnerungsvermögens vergangene Abschnitte meines Lebens erhellen, so fahren sie des Öfteren über Abgründe, bis zu deren Grund kein Licht hinabdringt – tiefe, schmerzende Klüfte, geformt aus verlorener Zeit, die unantastbar und auf ewig keine mein Dasein bereichernden Erinnerungen mehr zu füllen vermögen. So wird jeder Augenblick letztlich zu einer Gussform die, einmal erkaltet, nicht mehr verwendbar ist. Das Flüstern des grauen Herrn beschwört Impressionen, sinnliche Eindrücke und Reflexionen aller Art aus meiner Vergangenheit hervor, die sich um meinen zitternden Geist winden, ihre Zähne in ihn rammen und ihn mit Bedauern und Sehnsucht nach einem chimärenhaften Paradies vergiften. Ich bin wieder vierzehn, die Jahre zergehen zu Staub und werden zu Tränengas in meinen Augen. Zefressende Selbstzweifel, kollabierende Ambitionen, fehlende Überzeugung und das Scheitern sozialer Anbindungen frieren meinen Geist zu und lassen mich monatelang durch eine kalte Finsternis schwimmen. Ich bin wieder fünfzehn, die Eisdecke beginnt aufzutauen; doch während ich mich bei unserer Klassenfeier am Lagerfeuer aufwärme, starre ich erneut regungslos in die Flammen, aufstiebende Funken steigen in die Nacht empor und besprenkeln das Firmament mit fernen Sehnsüchten. Mein Leben wird zu einem beinahe immerwährenden Sommer aus lichtdurchtränkten Erinnerungen; doch ich bleibe noch zu oft stehen, den Kopf nach unten oder oben gerichtet und mit dem sengenden Gefühl in meinem Brustkorb, dass dennoch soviel mehr in diesem Leben ruht. Ich bin wieder siebzehn, die Gespräche an diesem warmen, endlosen Abend im Café verschmelzen mit dem sachte einsetzenden Laternenlicht, doch mein Blick schweift immer wieder in die Ferne. Ich bin noch immer siebzehn und sitze mit Freunden auf einem stillen Hof im Niemandsland in der Sonne, die über weiten Roggenfeldern untergeht, doch ich sehne mich nach etwas, das ich nicht in Worte fassen kann, nach einer Fortsetzung, nach einer Steigerung all dieses Glücks. Ich bin wieder achtzehn und  verschmelze auf dem Weg von einem ausschweifenden Abend mit den Lichtern der Autobahn, meine Hand ruht in der jenes lebendigen Traumes, den ich mir vor einiger Zeit noch nicht einmal auszumalen getraut hätte – und doch verläuft diese Nacht, wie soviele, in einem alles verschlingenden Treibsand meiner niemals erfüllten Sehnsüchte und Träume. All die Jahre meiner Jugend, in denen ich meine Zeit vornehmlich in tagträumerischen Gefilden verbracht habe, und die ich stattdessen mit gelebten Erinnerungen hätte schmücken können, gerinnen zu einem schreienden Nichts: Es ist zu spät. Es ist alles zu spät.

Trotzdem sind es nicht nur die Widrigkeiten des Lebens – denen man noch soviel Sinn andichten kann wie man möchte und letztlich doch immer wieder an dieser Intention scheitert -, die einem die Zeit entreißen. Es sind auch der graue Herr selbst – seiner Rolle in Momo entsprechend -, und die ihm entspringenden Sorgen, die die eingangs illustrierten Gedankengänge hervorrufen,  und somit auch meine Feder in diesem Augenblick führen.

Ich vermag nicht mehr zu sagen, wie oft ich schon inmitten einer gerade ausgeführten Handlung von ebendieser abgelassen habe, weil das Flüstern des grauen Herrn mich wie ein Schwarm aus Heuschrecken befiel und meinen Kopf leergefegt hinterließ, oder sie möglichst schnell und somit auch nur halberherzig in ein Stadium, das nicht einmal im Ansatz dem Begriff der “Vollendung” entspricht, gebracht habe; ich vermag nicht mehr zu sagen, wie oft ich inmitten des täglichen Geschehens inne gehalten habe und für unsäglich lange Zeit wie zu einer Salzsäule erstarrt auf der Stelle stehen geblieben war, nur um in Reflexionen darüber zu versinken, wie ich die verstreichenden Augenblicke gerade dem Strom der Zeit zum Fraß vorwarf und wie ich dies in Zukunft – die ich in eben so umso mehr aufs Spiel setzte – besser vermeiden könnte; und ich vermag nicht auszusprechen, wie viele wertvolle, unwiederbringbar verlorene Momente meines Lebens ich durch die mich umwölkenden Sorgen um Nichtigkeiten nicht in all ihrer intensiven Wärme auszukosten und zu einem ewigen Jetzt auszudehnen vermochte. Dieses ewige Jetzt ist der Augenblick, der sich über seine eigene angeborene Vergänglichkeit hinweg setzt und zu etwas Zeitlosem anschwillt, sodass er das enge Flussbett der fließenden Zeit verlässt; zu einem jener sagenumwobenen Orte in unseren Erinnerungen wird, der über alle anderen hineweg ragt und uns in eine unstillbare, gleichermaßen verzehrende als auch mit stillem Glück erfüllende Sehnsucht verfallen lässt, sobald wir an ihn zurückdenken. Genau dies zu erreichen verwehrt mir der graue Herr – denn er erweist sich immer wieder als geschickter Gegenspieler. So muss ich letztendlich vor seinem Einfluss flüchten, hinein in die Ländereien des Unbewussten und des Vergessens, dort, wo sich der Moment noch in seiner ganzen Unschuld in das ewige Jetzt hinein zu entfalten vermag, und hinein in das Schreiben, das den Augenblick der Zeitlichkeit enthebt und ihn gleichzeitig wieder für alle anderen, wann immer diese ihn im Nachhinein durch das Lesen erleben, in diese zurückführt. Es ist ein schwieriges Unterfangen, sich den latenten Flüchen des grauen Herrn über dem brodelnden Hexenkessel der verlorenen Zeit zu erwehren, aber noch längst kein unmögliches.

Somit mag in meinem Kopf zwar ein grauer Herr sitzen und mich um mein Leben fürchten lassen. Doch ich kann seinen Hexentrunk noch immer in einem Zuge runterstürzen – als notgedrungene amor fati; als Umarmung all dessen, das mich letztendlich konstituiert.

An alle Schüler_innen und Student_innen: streikt am 25. April – für eure Zukunft!

“Se taire, c’est laisser croire qu’on ne juge et ne désire rien, et, dans certains cas, c’est ne désirer tout, en général, et rien, ne particulier. Le silence le traduit bien. Mais à partir du moment où il parle, même en disant non, il désire et juge. Le révolté, au sens étymologique, fait volte-face. Il marchait sous le fouet du maître. Le voilà qui fait face. Il oppose ce qui est préférable à ce qui ne l’est pas.”

Albert Camus, “L’homme révolté”

Zum Formen und Ausdifferenzieren der eigenen Persönlichkeit ist das Revoltieren gegen die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Umstände essenziell – und keine anderen Lebensabschnitte als die Jugend und das frühe Erwachsenendasein eignen sich besser dazu, sind es doch zuerst einmal jene tumulthafte Epoche im Leben eines Menschen, die normalerweise die größten Umstürze bereit halten, aber auch gleichzeitig jene Jahre, in denen wir noch über die zeitlichen und persönlichen Ressourcen verfügen, um uns überhaupt in die Revolte stürzen zu können. Es ist eine von Idealen und großen Träumereien getränkte Zeit, aber auch jene, in der sich genau diese noch am besten umsetzen lassen, sofern man sich – und genau darin besteht die Aufgabe der Jugend als Zeitalter der Selbstschöpfung – nur mindestens einmal dazu hinreißt, die Umstände, in denen unser Leben stattfindet, und den ausgetretenen Weg, den wir den gesellschaftlichen Vorgaben entsprechend im späteren Verlauf der denkbar kurzen Zeitspanne zwischen dem uns umgebenden Nichts nehmen sollen, in Frage zu stellen und uns gegebenfalls dagegen zu wehren. Die luxemburgische Regierung jedenfalls hat uns in den letzten Wochen und Monaten genügend Gründe dazu gegeben, genau dies zu tun – weswegen nun letztendlich auch der landesweite Schüler- und Studentenstreik am 25. April ansteht.

Die geplanten Studiengeldkürzungen sind ein Aufopfern unser aller Zukunft auf dem Altar willkürlicher Budgetsentscheidungen. Die Studiengeldkürzungen erzürnen mich nicht nur auf inhaltlicher Ebene – unter anderem da sie keine Rücksicht auf Familien mit vielen Kindern nehmen, der Mobilitätsbeitrag nicht für Studenten in Luxemburg zählt die nicht mehr bei ihren Eltern wohnen, ein beträchtlicher Teil der Bourse einfach eingestampft wird und viele weitere Punkte, die zum Kopfschütteln anregen -, sondern auch auf ideeller. Wieso wird genau bei jenen gespart, die am wenigsten Schuld an der wirtschaftlichen Misere und den daraus resultierenden Budgetentscheidungen tragen, namentlich uns Schülern und Studenten? Es ist ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, wenn in dieser Studieren eher zu einer finanziellen Bürde als zu einer großartigen und einzigartigen Möglichkeit, sich selbst zu einem humanistischen und gebildeten Menschen zu formen, wird; und es ist ein unsägliches Trauerspiel, wenn genau in jenen Bereichen eingespart wird, die auf langfristige Sicht am Meisten dazu beitragen, die Situation zu bessern. Bildung ist das wichtigste immaterielle Gut dieser Welt – besitzt es doch die Macht, unseren Horizont bis an die Grenzen unserer Vorstellungskraft hin zu erweitern; Ignoranz, Rassismus, Sexismus, Homophobie und alle anderen Kräfte, die unser friedliches Zusammenleben miteinander zersetzen, zu zerstreuen und unser Streben als Menschen nach Erkenntnis und Verständnis zu fördern. Es ist unser Recht, freie Bildung vom Staat einzufordern, ohne den Rest unseres Leben im Schatten von Schuldenbergen (die man mit vielen, insbesondere kreativen Wunschstudiengängen, die durch die geplanten Änderungen wohl auch den Stadium eines Traumes bewahren werden müssen, gar nicht abtragen kann) fristen zu müssen. Jedes einzelne Studium ist eine reichhaltige Quelle für eine bessere Zukunft – wieso sollte man denn genau diese jetzt ausdörren lassen? Desweiteren verstehe ich auch nicht, wenn die laute Stimmen der Kritik auch aus den Reihen von Schülern und Studenten ertönen, die manchmal sogar Verständnis für die Entscheidungen der Regierung fordern oder die Forderung der Studenten, die Studienbeihilfen beizubeihalten, in die Lächerlichkeit ziehen und behaupten, dass der Aufschrei gegen die geplanten Kürzungen nur so ohrenbetäubend wäre, weil sich die Studenten dann nicht mehr all ihre geliebten Luxusartikel leisten könnten. Das ist eine Pauschalisierung, die sicherlich nicht der Realität entspricht – die Studienbeiträge reichen bei vielen Studenten, die an Orten mit hohen Lebenskosten, Mietpreisen und Studiengebühren, wie beispielsweise etwa Paris oder Großbritannien, studieren, schon jetzt gerade mal so aus, um überhaupt das Existenzminimum zu sichern. Viele von ihnen arbeiten jetzt schon, um sich überhaupt etwas gönnen zu können. Auch das Argument, dass wir uns nur beklagen würden, weil wir unseres Elfenbeinturms verwiesen worden und die Studienbeihilfen in anderen Ländern sowieso schon viel niedriger wären, ist in meinen Augen kaum haltbar. In Dänemark beispielsweise genießen die Studierenden ähnlich hohe Studienbeihilfen – und gingen zur Beibehaltung eben dieser auch auf die Straße.

Lasst euch auch nicht von all jenen einschüchtern, die euch sagen, ihr würdet das Gesetz brechen, wenn ihr am 25. April streiken geht. Dialoge mit dem Staat sind zwar schön und gut, aber letztendlich meistens zäh und unergiebig. Wie sollte dieser sich auch eingeschüchtert fühlen, wenn ihm nichts außer ein paar empörten Phrasen und bürokratischem Gezedere drohen? Ziviles Ungehorsam hingegen ist das effektivste Mittel in einer Demokratie, um den Staat in aller Intensität und Deutlichkeit die eigenen Forderungen spüren zu lassen – denn nicht wir sind abhängig von ihm, sondern er von uns. Er existiert nur, weil wir – mehr oder minder freiwillig – unter anderem durch unser Beugen vor seinen Gesetzen dazu beitragen, dass er dies auch weiterhin tut und mit uns verfahren kann, wie er möchte. Dies ist auch der Ursprung unseres omnipräsenten Gefühles der Machtlosigkeit angesichts politischer Entscheidungen – das aber letztendlich, und das wird spätestens, wenn man ziviles Ungehorsam ausübt, nur eine Einbildung ist. Wir können sehr wohl, wenn wir uns alle mobilisieren, das Gesetzesprojekt noch abwenden; wir haben die Mittel in der Hand, uns gegen die Willkürlichkeiten des Staates aufzulehnen, und das sind Streiks und andere Mittel des zivilen Ungehorsams, die den furchterregenden Leviathan, den der Staat normalerweise darstellt, auf die Größe eines harmlosen Karpadors zusammenschrumpfen lässt.

Deswegen möchte ich mit diesem Aufruf alle Schüler_innen und Student_innen, aber auch ihre Eltern und Familien dazu motivieren, sich am 25. April 2014 gegen den projet de loi 6670 aufzulehnen und hinaus auf die Straßen Luxemburg-Stadts streiken zu gehen. Löst die Zügel eurer Kreativität – die von den utilitaristischen und der Wirtschaft nahe stehenden Segmenten unserer Regierung allzu gerne als wenig effektive und marginalen Profit liefernde und von daher nutzlose Charaktereigenschaft abgestempelt wird – und entwerft farbenprächtige Banner, Transparente und Protestschilder; denkt euch markige (und am besten reimende) Phrasen aus, die die Demonstrationszüge gemeinsam rufen können, um in allen Winkeln Luxemburg-Stadts unsere Forderungen ertönen zu lassen; und zeigt letztendlich vorallem, dass ihr euch einerseits als mündige Individuen versteht, die sich nicht in der Entfaltung ihrer Individualität – zu der das Studium in dem Fach, das die eigenen Interessen am besten repräsentiert und erheblich vertieft, einen überaus beachtlichen Teil beiträgt – von willkürlichen Budgetkürzungen der Regierung aufhalten lassen wollen, andererseits aber auch als Teil einer Jugend seht, die es sich nicht bieten lässt unter einer rigiden und auf lange Sicht hin desaströsen Austeritätspolitik für Fehler, für die sie selbst nicht einmal im Geringsten verantwortlich ist, büßen und seine Zukunft und Träume aufgeben zu müssen.

Wir sehen uns dann am 25. April – ich werde auf dem Glacis, in der Nähe meines ehemaligen Gymnasiums, dem luxemburgischen Staat in Form von zünftigem und lautstarkem Protest mal wieder meine aufrichtige Zuneigung ausdrücken.

Weiterführende Links:

Die offizielle Seite des Streiks

Die offizielle Veranstaltung zum Streik auf Facebook

RTL.lu-Artikel zum Streik

Tageblatt.lu-Artikel zum Streik

Wort.lu-Artikel zum Streik

Petition#1 gegen die geplanten Studiengeldkürzungen (Chambre des Députés du Grand-Duché du Luxembourg)

Petition#2 gegen die geplanten Studiengeldkürzungen (Avaaz)

Cedies 2.0 – tëscht néideger Reform an Réckschrëtt

Kürzungen an der Uni.lu

UNEL und LUS schockiert über Einsparungen bei Bildung und Forschung

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Leben im nüchternen Rausch

Il faut être toujours ivre. Tout est là: c’est l’unique question. Pour ne pas sentir l’horrible fardeau du Temps qui brise vos épaules et vous penche vers la terre, il faut vous enivrer sans trêve.
Mais de quoi? De vin, de poésie, ou de vertu, à votre guise. Mais enivrez-vous.
Et si quelquefois, sur les marches d’un palais, sur l’herbe verte d’un fossé, dans la solitude morne de votre chambre, vous vous réveillez, l’ivresse déjà diminuée ou disparue, demandez au vent, à la vague, à l’étoile, à l’oiseau, à l’horloge, à tout ce qui fuit, à tout ce qui gémit, à tout ce qui roule, à tout ce qui chante, à tout ce qui parle, demandez quelle heure il est; et le vent, la vague, l’étoile, l’oiseau, l’horloge, vous répondront: “Il est l’heure de s’enivrer! Pour n’être pas les esclaves martyrisés du Temps, enivrez-vous; enivrez-vous sans cesse! De vin, de poésie ou de vertu, à votre guise.”
– Charles Baudelaire, Le Spleen de Paris (posthum, 1869)

Charles Baudelaire – in meinen Augen neben John Keats, Rimbaud und Goethe einer der größten Dichter, die jemals über die Erde gewandelt sind – krönt in diesem wie Labsal aus Worten über den Geist gleitenden “poème en prose”, das erst nach seinem Tode im Jahre 1867 veröffentlicht wurde, die Zeit zum großen Feind der Menschheit – sie ist jene boshafte Macht, die unserem Leben giftige Langweile einflößt, in seinen trübsten Momenten fade, zäh und langwierig werden lässt und es dann schließlich in die Abgründe des Nichts, in denen das unablässige Ticken der Uhrzähler verhallt, reißt. Wie wenig verwundert es da, dass wir Menschen, um die tragische Bedingtheit und Begrenztheit unserer Existenz zu vergessen, immer und immer wieder in die tröstenden Arme des Rausches flüchten. Baudelaire nahm den Begriff des Rausches dabei wortwörtlich, und versank in den Tiefen von Absinth von Opium. Und so tun es viele Menschen (wenn auch in weitaus weniger drastischen Ausmaßen als Baudelaire) – der Rausch ist unentbehrlich, um das Leben erst erträglich zu machen, und Drogen sind wahrscheinlich das am Weitesten verbreitete, effektivste und schnellste, wenn auch gefährlichste Mittel dazu.

Manche jedoch verzichten bewusst darauf, und suchen, wie Baudelaire bereits andeutet, den für uns Menschen notwendigen Rausch nicht in Drogen – so wie ich. Ich habe oftmals über meine Beweggründe dafür reflektiert – sei es, um meine Einstellung gegenüber Leuten, die mir Alkohol und andere Drogen aufdrängen wollten, zu verteidigen, oder es Leuten, die sich danach erkundigten, wieso ich mich davon fern halte, zu erklären -, und kam nun zum Schluss, sie letztendlich einmal zusammen zu tragen und darüber zu schreiben, vorallem, weil ich mein Dasein als Straight Edge auch gerne in Kontext mit meinen sonstigen philosophischen Überzeugungen und Einstellungen setzen möchte. Abstinent zu sein, bedeutet für mich nämlich weitaus mehr als nur persönlich bedingte Abneigung gegen den durch Drogen ausgelösten Rausch, sondern ist vornehmlich Ausdruck meiner Einstellung hinsichtlich der menschlichen Willensfreiheit und, in kleinerem Maße, den zahlreichen Willkürlichkeiten unserer Gesellschaft und allen anderen sozialen Systemen. Aus letzteren Gründen ergibt sich dann aber auch wiederum meine Befürwortung für die Entkriminalisierung und Legalisierung von Drogen – und das ist, wie ihr im nachfolgenden Text lesen werdet, weitaus weniger paradox, als es den Anschein hat.

Ich war mit meinen nunmehr 20 Jahren noch niemals in meinem Leben betrunken; habe noch niemals an einer Zigarette gezogen, noch einen Joint geraucht oder andere Drogen genommen. Die Entscheidung, gänzlich von jeglichen bewusstseinsverändernden Substanzen (auf Koffein im Hinblick auf einige Abwandlungen des Daseins als Straight edge komme ich später noch einmal zurück) abzulassen, traf ich vor meinem 16. Geburtstag. Ich hatte die Jahre zuvor gelegentlich an Sylvester an einem Champagnerglas genippt oder auch mal heimlich und – eher dem Reiz des Verbotenen als des Dranges betrunken zu werden wegen – ein paar Schlucke Bier auf dem Mittelalterfest in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, getrunken; desweiteren erinnere ich mich an zwei Abende in glorreich rebellischen Septièmes-Zeiten, bei denen ich ein-, zweimal an einer Wasserpfeife gezogen habe und mir beinahe die Lungen aus dem Leibe gehustet hätte. Als mein 16. Geburtstag dann heran nahte, dachte ich mir, dass ich anfangen könnte, regelmäßig mal ein Bier zu trinken – was ich dann auch eines Abends meinen Eltern mitteilte (die selbst gerne Rotwein trinken und mir somit immer den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol vermittelt haben). Diese fragten mich lapidar, warum ich denn gerade jetzt auf einmal, wegen dieser simplen Konvention, Alkohol trinken müsste – und ich wurde mir auf einmal schlagartig bewusst, dass ich noch nie den Drang dazu verspürt hatte, überhaupt Alkohol zu trinken, selbst nicht als Genussmittel; dass mein bis dahin vertretener Glaube, ab einem bestimmten Alter Alkohol trinken zu müssen, einzig und allein von der sozialen Akzeptanz und gesellschaftlichen Verbreitung ebendieses her rührte und ich selbst eigentlich niemals das genuine Bedürfnis verspürt hatte, Alkohol zu trinken. Es gehört insbesonders in der alkoholseligen luxemburgischen Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, zum guten Ton, Alkohol zu trinken; das berauschende Liquid ist dort ein Symbol für Geselligkeit, und in versammelter Runde nostalgisch in lückenhafte Erinnerungen an vergangene Saufeskapaden zu versinken ist gesellschaftlich anerkannt und belustigt. Doch dies ist nicht nur in Luxemburg, sondern an so gut wie allen Orte dieser Erde – auch und gar besonders an jenen, wo Alkohol verboten ist – derlei. Hier in München und in allen anderen bayrischen Breitengraden gilt Bier – den Klischees, die in vielen Köpfen umher schwirren, wunderbar entsprechend -, als Kulturgut – aber es ist ein Kulturgut, das mich ähnlich wenig reizt wie Musicals (oder vielmehr deren Schwester im Geiste, die Oper – die Fans von “Cats”, “Lion King” und “Parcifal” mögen jetzt empört meinen E-Mail-Posteingang mit YouTube-Videos von Musical-Auftritten bombardieren, aber ich kann mich einfach nicht dazu hinreißen, Begeisterung für diese Kunstform zu empfinden – auch wenn ich große Achtung für die darin zur Darstellung gebrachten künstlerischen Leistungen und das robuste Sitzfleisch der Zuhörern von sechsstündigen Wagner-Opern bei den Bayreuther Festspielen empfinde). Ich brauche einfach keinen Alkohol – auch nicht als Genussmittel. Soziale Integranz und Akzeptanz (wobei meine Freunde durchgängig meine Abstinenz als Teil und Charaktereigenschaft von mir sehen und respektieren, wofür ich ihnen immer wieder unschätzbar dankbar bin) aufgrund eines etwaigen Alkoholkonsums ziehe ich schon a priori nicht in Betracht, da ich noch nie besonders großen Wert darauf gelegt habe, der gesellschaftlichen Norm auch nur in irgendeiner Weise zu entsprechen – meine Individualität und Essenz sind mir zu wichtig, als dass ich sie irgendwelchen flüchtigen sozialen Systemen unterordnen würden wolle. Auch die Tatsache, dass mir durch meine Entscheidung, abstinent zu leben, die ganze vielfältige Bandbreite an alkoholischen Genüssen in Form von verschiedenen erlesenen Weinen oder Biersorten verwehrt bleibt, stört mich reichlich wenig – ich habe einfach nicht das Gefühl, dass mir irgendetwas fehlt. Deswegen musste ich auch seit jeher vergleichsweise wenig Willensstärke aufwenden, um meine Selbstdisziplin zu bewahren – nur in manchen Momenten hat es mich schon arg gestört, wenn Leute mir Alkohol aufdrängen wollten und selbst nach mehrmaligem Ablehnen meinerseits nicht nachgaben.

Einige Leute (in fast allen Fällen Unbekannte) reagieren nämlich mit Unverständnis auf meine Abstinenz und versuchen mich eben zum Trinken zu motivieren; andere Leute bringen mir dann wiederum Achtung entgegen; und dann gibt es noch jene, äußerst sympathische, gehässig agierende Menschen, die mir auf die Schulter klopfen und behaupten, ich würde noch zum Alkohol finden; spätestens, wenn ich die Universität nicht mehr ertragen würde; spätestens, wenn irgendein Ereignis mich aus der Bahn schleudern würde und der Taumel in den durch Drogen ausgelösten Rausch förmlich unabwendbar werden würde – zumindest können sie es sich nicht anders vorstellen. Oftmals werfen die gleichen Leute mir dann auch vor, ich wäre wahrscheinlich ein sich jeglichen Genüssen verweigernder, freudloser und missmutiger Mensch, der sich nicht gehen lassen könnte. Spätestens dann schenke ich ihnen ein müdes Lächeln – ich finde es bedauernswert, wenn jemand meint, Drogen wären die einzige Möglichkeit, sich fallen und treiben zu lassen. Ich stimme gerne zu, dass es der wahrscheinlich effizienteste Weg ist, sich selbst, die Welt um einen herum und all die in ihr herum schwirrenden Sorgen, zumindest für einige Stunden, zu einer nurmehr trüben Ahnung werden zu lassen – aber es gibt, wenn man sich nur einmal umschaut, genügend andere Wege dazu.

Mein bewusster Verzicht auf Drogen ist nämlich nicht mit einem Verzicht auf Kontrollverlust gleich zu setzen – ich verliere allzu gerne gelegentlich, selbst wenn ich das in diesem Moment nicht immer sofort zugeben möchte, die Kontrolle über Dinge, so wie jeder andere Mensch auch. Aber mir ist wichtig, dass ich im Entscheidungsmoment des Kontrollverlust letztendlich vollkommen autonom bleibe. Das hängt eng mit der wichtigen Stellung zusammen, die meine eigene Willensfreiheit in meinem Leben einnimmt. Ich möchte nämlich schon seit jeher um keinen Preis fremdbestimmt werden – weder durch andere Menschen, noch durch irgendeine Substanz, die meine Willens- und Handlungsfreiheit einschränkt und mich nicht mehr mich selbst sein lässt. Mein Freiheitsverständnis (das auf Jean-Paul Sartres Begriff der Freiheit in seinem Hauptwerke “L’être et le néant” fußt) und das daraus resultierende Bewusstsein meiner absoluten Freiheit (falls irgendeiner meiner werten Leser ein fieser Determinist ist und die menschliche Willensfreiheit als ungefähr genau so real wie Einhörner oder intelligentes Leben in der luxemburgischen Regierung erachtet, der möge mich gerne für ein erbittertes philosophisches Streitgespräch anschreiben) sind die wichtigsten Güter in meinem Leben – immerhin garantieren sie mir, dass ich jeden meiner Schritte selbst planen, mein Leben selbst vollkommen frei nach meinen eigenen Vorstellungen gestalten und meine Essenz selbst bestimmen kann. Trotzdem lasse ich Situationen – auch wenn ich dies in dem Moment weder mir noch anderen zwingend zugebe –  liebend gerne ausarten, denn auch das ist Ausdruck meiner Freiheit. Ich genieße insgeheim solche abstrusen Augenblicke, wenn ich mich in Diskussionen hinein stürze und merke, wie ich mich immer mehr auf einen Eklat zu bewege; wenn ich gerade mit Freunden auf dem Weg zu einem Nachtclub bin und trotz in mir aufkeimender Bedenken entschließe, in Eiseskälte rutschige Steintreppen, bei denen jeder Schritt zum Sturz führen könnte, zu erklimmen; wenn ich trotz lauthals in mir aufkreischender Sorgen im Affekt eine unreflektierte Nachricht abschicke, die eine fatale Kette von Ereignissen auslösen könnte; und wenn ich schließlich während einer Geburtstagsparty die zig Klopapierrollen aus der Toilette entwende und damit die Halle, in der die Fete stattfindet, verschönere, selbst wenn jede einzelne Faser in mir im Takte eines Liedes pulsiert, das besingt, dass ich genau dies nicht tun sollte. Da der Kontrollverlust bei immer unter nüchternen Umständen geschieht, bin ich mir auch sicher, dass keine Fremdeinwirkung mich zu solchen Handlungen bewegt. Ich gebe mein Los in solchen Momenten gerne mal in die Hände des Zufalls – aber es war meine freie Entscheidung, und nicht eine durch Alkohol oder sonstige Drogen beeinflusste, und somit kann ich dafür auch immer zur Verantwortung gezogen werden. Dies sehe ich letztendlich als notwendige Bedingung dafür, dass ich mich Mensch frei fühlen beziehungsweise die Existenz meiner Freiheit überhaupt  erst annehmen kann.

Aus dem eingangs Beschriebenen ergibt sich dann eine weitere logische Konsequenz, die der Ansicht all jener Leute, die mich zum Trinken bewegen wollen, widerspricht: ich brauche keinen Alkohol, um Spaß bei jenen Anlässen zu empfinden, während denen er am Meisten konsumiert wird – namentlich Partys, Betriebsfeiern, Galas, Altersheimfeste, Junggesellenabschiede und schlaflose Nächte in Clubs. Ich bin leidenschaftlicher Clubgänger; zu Gymnasiumszeiten ging ich mindestens ein- oder zweimal pro Woche – zumeist am Wochenende – zünftig feiern und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz mit wildem Tanz und abgedrehten Aktionen zelebrieren, und auch jetzt, auf der Universität, tue ich dies in ähnlich regelmäßigen Abständen. Mir fällt dabei zwar auch auf, dass insbesondere Alkohol durchaus die Empfängnisbereitschaft für Spaß erhöhen und auch die Atmosphäre auflockern kann – aber gleichzeitig keimt in mir auch gelegentlich die Frage auf, warum man sich dazu zwingen sollte, Spaß zu empfinden, wenn alle anderen Launen und Sorgen mit ihren tiefen und durchdringenden Stimmen die Bereitschaft für diesen im Seelenchor übertönen. Wenn ich beim Rausgehen wohlgelaunt bin, so schlägt sich das auch normalerweise in meiner nach außen zur Schau gestellten Stimmung nieder – wenn ich hingegen von Sorgen umwölkt bin, verstecke ich das auch instinktiv gerne, um den anderen nicht die Laune zu verderben, aber letztendlich blicken die meisten meiner engeren Freunde sowieso immer hinter meine brüchige Fassade, die meinen fehlenden schauspielerischen Leistungen und meinem mangelhaften Talent dafür, meine Gefühle geschickt vor anderen Menschen zu verbergen, geschuldet sind. Würde ich trinken, würde sich meine Laune wahrscheinlich auch weiter in die Richtung jener Fassung, in der sie sich gerade befindet, bewegen – ein weiterer Grund für mich, darauf zu verzichten. Wenn ich keinen Spaß beim Rausgehen empfinde, dann liegt es nicht daran, dass ich nicht trinke, sondern einfach weil ich mich nicht in der körperlichen oder emotionalen Verfassung dazu befinde oder weil der Abend selbst einfach ungeheuerlich mau ist – und über beide Hindernisse hilft kein Alkohol hinweg, denn die Verfassung würde es wie eingangs erwähnt nur noch weiter verschlimmern oder nur über diese hinweg täuschen (wenn man nicht in der Verfassung ist, rauszugehen, ist man meiner Ansicht nach auch nicht in der Verfassung zu trinken, weil es dann nur Trinken um des Vergessens irgendeines nagenden Gefühls oder Ereignisses willens ist, und das würde ich für mich persönlich als Realitätsflucht empfinden, da ich mich selbst schon so nicht oft genug meinen eigenen Problemen stelle), und ein Abend, der schon per se nicht besonders erquicklich ist, lässt sich auch durch Alkohol und Drogen nicht mehr retten, sondern nimmt höchstens nur noch mehr das Format einer dekadenten Misere an – nur des reinen Hedonismus willen möchte ich mich dann auch wieder nicht berauschen. Hierbei möchte ich allerdings einwenden, dass ein Abend, der bereits die Voraussetzungen dafür mitbringt, überaus gelungen zu werden, durch Alkohol und dergleichen noch mehr in diese Richtung empor gehievt werden kann – allerdings brauche ich selbst keine Rauschmittel dafür, um dann in dessen farbenprächtigen und wirbelnden Sog aus Musik und flirrenden Lichtern einzutauchen, denn meine Stimmung passt sich auch der Laune der anderen an, und wird dementsprechend auch immer ausschweifender, sodass ich ab einem bestimmten Punkte und mich in der Gesellschaft von Betrunkenen wähnend, selbst anfange jegliche Vorsicht und jegliches Maß zu vergessen. Ich bin der Ansicht, dass jeder Mensch nüchtern genau soviel Freude im Beisammensein und Feiern mit Freunden erfahren kann – es ist nur von der Einstellung, Stimmung und der Bereitschaft, sich auch bei vollem Bewusstsein fallen zu lassen – was aber wiederum, wie ich einwenden muss, von der eigenen Persönlichkeit und daraus resultierenden, von Person zu Person unterschiedlichen Bereitschaft dafür beeinflusst wird -, abhängig.

Um noch auf einmal auf den Straight edge-Begriff zurück zu kommen: ich bezeichne mich explizit als Straight edge, weil ich liebend gerne Hardcore – und insbesondere Bands, bei denen zumindest einige der Mitglieder straight edge sind – höre, dieser Begriff (der dazu anstatt ellenlanger Erklärungen kurz und bündig vermittelt, dass ich keine Drogen nehme) beziehungsweise die ihm angehörige Szene meinem Lebensstil am Besten entsprechen und ich mich somit mit diesen identifizieren kann. Hierbei muss ich allerdings anmerken, dass es innerhalb der Straight edge-Bewegung verschiedene Strömungen gibt, die sich auch Koffein und Sex mit wechselnden Partnern entsagen oder anderwertig ziemlich fragwürdig sind. Für das Thema der sexuellen Enthaltsamkeit ist mein öffentlich einsehbarer Blog ein denkbar ungeeigneter Ort – immerhin ist meine leidenschaftliche Anziehung zu Kakteen und anderem Zimmergewächs nicht besonders gesellschaftsfähig -, aber zur Abstinenz in Sachen Koffein möchte ich dennoch etwas äußern. Zuerst einmal ist es selbst in der Straight edge-Szene heftig umstritten, ob Koffein jetzt als Droge gezählt werden soll, oder nicht – ich persönlich bin jedenfalls der Auffassung, dass es keine ist. In meinen Augen sind Drogen etwas, die den Bewusstseinszustand verzerren – Koffein verändert ihn zwar auch, aber nur insofern, dass es als Wachmacher wirkt. Das gilt nun, mag man einwenden, auch für Ecstasy und die liebreizende Emma – wie sonst sollten Raver mehrere Nächte hinter einander in furiose Tänze verfallen -, jedoch verleitet Koffein mich nicht zu irrationalen Entscheidungen oder lässt mich die Kontrolle über mich selbst verlieren, ohne dass ich dem etwas entgegen setzen könnte. Dazu lässt es mich vorallem in keinen Rausch verfallen.
Manche Leser mögen mir zwar jetzt vorwerfen, dass dies letztendlich alles eine reine, subjektiv bedingte Begriffsdreherei sei, insbesondere im Bezug darauf, wie man einen “Rausch” definiert, und dass Koffein auch den eigenen Bewusstseinszustand verändert, in dem es die Wachsamkeit erhöht – aber letztendlich sehe ich meine eigene Willensfreiheit nicht durch eine Tasse Kaffee oder einen nächtlichen Energydrink gefährdet.
Als jemand, der überhaupt keine Drogen nimmt, erscheint es mir desweiteren auch umso willkürlicher, dass gerade Alkohol, im Gegensatz zu anderen Drogen, legal ist. Wie ich bereits am Anfang des vorliegenden Textes erwähnte, ist Alkohol tief in der Gesellschaft verankert und als Genussmittel anerkannt – aus welchen Gründen auch immer. Man muss sich einmal die Lächerlichkeit der Argumentationen in Bezug auf die hiesige Drogenpolitik vor Augen führen: Alkohol trinken ist erlaubt, weil Alkohol seit jeher in den westlichen Gesellschaften legal ist (sehen wir einmal von der Epoche der Prohibition in den USA ab), und Marihuana rauchen nicht, weil nun einmal von irgendwelchen paternalistischen Politikern, die in all ihrer gütigen Weisheit wissen, wie ihre Untertanen ihre Leben am Besten zu führen haben, bestimmt wurde, dass das illegal ist – trotz der Tatsache, dass übermäßiger Alkoholkonsum horrende Schäden materieller und psychologischer Natur verursacht und jedes Jahr unzählige Menschen an den Folgen ihrer Alkoholsucht sterben, mehr als bei allen anderen Drogen zusammen. Wie aus dem, was ich bis zu diesem Punkte geschrieben habe, wahrscheinlich klar wurde, bin ich beileibe kein besonders großer Freund von Drogen und befürworte weder das Rauchen von Marihuana, Crack, Meth noch das Trinken von Alkohol besonders – aber ich bin letztendlich der Ansicht, dass jeder Mensch selbst entscheiden sollte, was gut für ihn ist und was nicht. Der Staat wirkt zwar zumeist wie ein monströser und zumeist schädlicher, bürokratischer, um es in Hobbes Worten auszudrücken, Leviathan, aber – und das sollte man sich immer wieder in Erinnerung rufen -: er konstituiert sich letztendlich doch aus Menschen. Woher nehmen diese sich nun also das Recht zu bestimmen, was andere Menschen mit ihrem Körper anstellen dürfen und was nicht? Hier ziehe ich auch wieder meine Überzeugung von der Willensfreiheit des Menschen mit ein: der Mensch genießt eine absolute, uneingeschränkte Freiheit, den Lauf seines Lebens zu bestimmen – also sollte er auch frei, ohne dass irgendeine illegitime autoritäre Instanz ihn daran hindert, entscheiden dürfen, welchen Genüssen (und dazu gehören nun einmal auch Drogen) er frönt. Desweiteren haben sich die aktuelle Drogenpolitik in vielen Ländern, die selbst “weiche” Drogen kriminalisiert, und insbesondere der “war on drugs” in den USA bereits zur Genüge als ineffektive Maßnahmen gegen Drogenkriminalität und irrationaler Umgang mit Drogenkonsum heraus kristalliert.

Um abschließend wieder Baudelaires Aufforderung, im Leben nach dem steten Rausch zu streben, aufzugreifen: ich suche den Rausch, der uns daran hindern soll an der zeitlichen Bedingtheit der menschlichen Existenz zu verzweifeln, einzig und allein in der Nüchternheit, indem ich versuche, mein Leben zu gegebenen Zeitpunkten selbst in einen Rausch zu verwandeln und es in vollen, erhöhten Zügen zu genießen. Auch wenn meine Geduld an manchen Abenden als einziger verbliebener Nüchterner schon, zugegebenermaßen, arg strapaziert wurde, so habe ich auch genügend Anlässe erlebt, in denen ich große Freude erlebt und mich nüchtern umso mehr daran laben konnte. Ich sehe Baudelaires “Enivrez-vous!” daher auch eher als in eine poetische Form gegossene Aufforderung – fern jeglicher hedonistischer Absichten – sich an allen Aspekten des Leben selbst zu berauschen und bis zum äußersten Gipfel jeden einzelnen Moment davon ausgiebig zu kosten und zu einem ewigen Jetzt auszudehnen, wann immer die Möglichkeit dazu besteht. Deswegen lasse ich auch ohne Drogen keine Chance ungenutzt, mein Leben in einen Rausch zu steigern, der es aus den Fängen des simplen und freudlosen Vor-sich-hin-Existieren löst – und den besten Rausch in der Hinsicht liefern mir letztendlich noch immer die Musik und das Schreiben.

Das Bild, das diesen Artikel begleitet, zeigt übrigens Jacob Bannon – seines Zeichens auch Vegetarier, Straight edge und dazu Sänger einer meiner Lieblingsbands, Converge – bei einem jener Dinge, das mir einen der größtmöglichen Rauschzustände verschafft: dem Auftreten mit meiner Band und dem Versinken in der Musik.

“Epilogue” – Neues vom Weltuntergang Teil 1

Im grau umwölkten September 2013, während den letzten Wochen meiner langsam ausklingenden Sommerferien, begann ich mit den Dreharbeiten zu meinem kommenden Kurzfilm Epilogue, den ich im Juni 2014 auf YouTube und Vimeo veröffentlichen werde. Dieser spielt nach dem Weltuntergang und soll die filmische Antwort auf eine Frage liefern, die mich schon seit Längerem beschäftigt und mich schließlich, nebst meiner Leidenschaft für das in Literatur, Videospielen und eben auch in der siebenten Kunst weit verbreitete Genre der Postapokalypse zum Drehen dieses Films bewegte: was geht im Innern des letzten auf Erden wandelnden Menschens vor?

Anfang April habe ich nach längerer Pause endlich den Dreh der finalen Szenen mit Gavin abgeschlossen – im nachfolgenden ersten Teil meines Textes Neues vom Weltuntergang, in der ich euch Näheres zur Entstehungsgeschichte von Epilogue erzählen möchte, werde ich mich nun den Drehorten, die die im Film dargestellte postapokalyptische Welt glaubwürdig rüberbringen sollen, widmen.

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Adam (gespielt von Gavin Lesh), der durch unsere verlassene Welt wandernde und schreibende Protagonist in “Epilogue”

Auch wenn Luxemburg an vielen Stellen dank seines ausufernden materiellen Wohlstands geradezu einem Prospekt für glatt polierte Neu- und wohl gepflegte Altbauten entsprungen zu sein scheint, haben mich die Dreharbeiten zu meinem neuen Kurzfilm an Orte geführt, die diesem Bild in all ihrem wilden und doch verwunschenen Verfall widersprechen. Im Zuge der Dreharbeiten zu meinem Film wurde ich – teils durch Zufall, teils durch Tipps – zu einem alten, seit Jahren verlassenen und dem Zerfall überlassenen Hotel, abgesperrten und verwilderten Industriegebieten – derer sich die grünen Klauen der Natur längst wieder bemächtigt hatten – und im Sonnenlicht träumenden Ruinen von alten Bauernhäusern geführt. All diese Orte eigneten sich aufgrund ihres heruntergekommenen und unter den Zahnrädern der Zeit zermahlenen Äußeren hervorragend als Schauplätze für meinen in der Post-Apokalypse angesiedelten Streifen.

Als ich das Drehbuch zu Epilogue verfasste, tauchten bei der Beschreibung der Orte ständig Bilder von verlassenen Ruinen vor meinem inneren Auge auf – Adam, der Protagonist des Filmes (gespielt von meinem werten Freund Gavin Lesh, der bereits nebst meiner Schwester Marie die Hauptrolle in meinem Musikvideo für die US-amerikanische Sludge-Band Snail verkörperte), sollte schon seit einiger Zeit die postapokalyptische Erde durchstreifen, und deswegen sollten auch die Schauplätze alleine schon durch ihr zerfallenes Äußeres als Symbol für das Verschwinden der Menschen dienen, indem sie die Folgen ebendieses in all ihrer vergehenden und sonderbaren Schönheit verdeutlichen. Desweiteren wird an solchen Orten die Gleichgültigkeit der Natur gegenüber des Menschen ersichtlich: das Aussterben der Menschheit hat letztendlich reichlich wenig Gewicht im Angesicht der Geschehnisse im schweigenden und unbarmherzigen Universum – dieses existiert auch ohne Menschen unbekümmert weiter. Durch Adam wird die Erde dabei zum letzten Mal durch die Augen eines Menschen beobachtet; durch seine Vernunft – durch die der Menschen letztlich zum einzigen Lebewesen wird, das sich seiner eigenen Vergänglichkeit in all ihrer unausweichlichen Endgültigkeit bewusst ist – wird sie noch einmal erhellt, ehe sie für immer in Dunkelheit versinkt. Außerdem sollten die Häuser(ruinen), die Adam aufsucht, noch eine weitere Rolle für ihn spielen, und zwar als Denkmäler des längst untergegangenen Konzepts der “Zivilisation”, die für Adam selbst noch in diesen Zeiten Zuflucht, Komfort und Wärme verheißt.

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Hier ist nun der erste Schauplatz, über den ich mehr erzählen möchte – dabei handelt es sich um ein offenbar seit vielen Jahren verlassenes Hotel, das mitten in Esch-Sûre im Norden von Luxemburg, in der Gegend des Stausees, steht. Der kleine, in einem bewaldeten, durch die namensgebende Sûre geformte Tal gelegene Ort, über dem eine gut erhaltene Burg thront, ist ein beliebtes Ziel für Touristen; umso verwunderter war ich, als ich mit meiner Ex-Freundin diesen vergleichsweise großen Komplex, der zentral gelegen ist und inmitten von ansonsten vorbildlich erhaltenen Altbauten und engen, gepflasterten und den Hügel hinaufschlängelnden Straßen dem Verfall überlassen wurde, vor einigen Jahren entdeckte und uns auch durch Zufall auffiel, dass eine der Zugangstüren geöffnet war. An manchen Stellen im Hotel erschien es gar, als ob es in aller Eile verlassen worden wäre – im Eingangsbereich lagen beispielsweise noch Bibeln für die einzelnen Zimmer in Kartons rum. Je mehr die Nacht mit dunklen Wogen durch die Fenster quoll, desto unheimlicher wurde auch die Stimmung während des Drehs – die endlosen und verwinkelten Gänge lockten uns immer wieder in die Irre, und dazu wirkten manche Stellen im Boden in den oberen Stockwerken einbruchgefährdet.

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Die beiden obigen Aufnahmen sind bei einem verlassenen Bauernhauses mitsamt kollabierter Scheune entstanden, das auf dem Weg von meinem Dorf nach Luxemburg-Stadt, den ich zu Gymnasiumszeiten täglich befuhr und den an sich doch sehr ungewöhnlichen Anblick somit Teil meines Alltags werden ließ, befindet. Trotzdem sollte ich dieses verwunschen wirkende Anwesen, das wie natürlich die Kulissen der in meinen Erinnerungen konstruierten Wege zwischen verschiedenen Orten formte, erst vor einigen Tagen das erste Mal anlässlich des Drehs zu Epilogue auch tatsächlich betreten – dabei erhielt die sonst immer nur aus einer gewissen Distanz erspähte Hintergrundkulisse, deren objektiver Realität ich mir (wie bei allen niemals von mir betretenen Hintergrundkulissen meines alltäglichen Lebens) nie so sicher gewesen war, erstmals eine gewisse Plastizität und etwas unheimlich Reales. Weder Gavin noch ich wissen genau was an diesem Ort – der am Ende eines dicht bewachsenen Hangs, etwas abseits der viel befahrenen Straße innerhalb des kleinen Dorfes liegt – passiert ist; besonders aufgefallen ist uns dabei der unter der Wucht des Einbruchs verbogene, abgesunkene hölzerne Boden der Scheune. Weiter vorgewagt als bis in den Eingangsbereich des Hauses haben wir uns nicht, da die hölzernen Treppen im Innern arg brüchig wirkten. In der Gegend dieser Ruine, etwas weiter weg in den umliegenden Feldern, befindet sich übrigens noch ein weiteres Bauernhaus, bei dem allerdings schon das Dach und auch teilweise das obere Stockwerk eingebrochen sind. Auch hier weiß niemand so genau, was vorgefallen ist – doch genau dies nährt dann auch umso mehr die eigene Imagination.

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Am letzten Tage verschlug es Gavin und mich dann in den Süden von Luxemburg, in die Randgebiete der zweitgrößten Stadt und das zweite “Esch” des Landes neben Esch-Sûre – Esch-Alzette. Als einstiges Zentrum der Schwermetall- und Bergbauindustrie verfügen die Randgebiete des Ortes – insbesondere die “Terres Rouges” und Umgebung – über zahlreiche zerfallene, längst wieder von wilden Pflanzen eroberte und mit Graffiti übersäte Anlagen, Hütten und Fabriken, in denen von Rost zerfressene Maschinen zur Förderung und Verarbeitung der in diesen Gefilden verbreiteten Rohstoffe ihre letzte Ruhe finden. Anlässlich meines Besuches eines von der CNA veranstalteten Workshops über die Arbeit des Location Managers und Regieassistenten hatte der für den Kurs zuständige Location Manager mir, nachdem ich ihm erzählt hatte, dass ich an einem postapokalyptischen Film arbeiten würde, einige Schauplätze im Süden Luxemburgs verraten, die sich hervorragend zur Porträtierung einer postapokalyptischen Welt eignen würden. Einen davon seht ihr nun auf den obigen Fotos –  Gavin und ich waren ganz ungemein fasziniert von diesem an Frankreich angrenzenden Ort, den wir durch ein großzügiges Loch im ihn umgebenden Sicherheitszaun betreten hatten. Im Film dient er als Schauplatz für die letzten Szenen, in dem Adam immer mehr in den durch sein Dasein als letzter Mensch ausgelösten Wahnsinn hinein schlittert und schließlich seinem größten Feind in der verlassenen Wildnis gegenübertritt – sich selbst.

Nachdem ich also mit Gavin nun den Großteil des Films bereits abgedreht habe, werde ich Anfang Mai noch einige Szenen alleine in Luxemburg aufnehmen, ehe ich dann hinter dem Schnittpult Platz nehmen und dem Film sein finales Korsett schneidern werde. Zum Abschluss des ersten Teiles von Neues vom Weltuntergang möchte ich euch dann an dieser Stelle noch einige Szenen aus dem Film präsentieren, die es auch höchstwahrscheinlich in die finale Version schaffen werden.

Der nächste Teil von Neues vom Weltuntergang wird dann in einigen Wochen folgen – nachdem ich im vorliegenden Text vorallem die Drehorte berücksichtigt habe, werde ich mich im zweiten Teil mit den Dreharbeiten selbst befassen und rekonstruieren, wie die postapokalyptische Welt und Adams Weg in “Epilogue” Gestalt annahmen.

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Das Gemälde

Das Gemälde

In manch ziellos wandernden Nächten zerrte dein Geist an der rostigen Kette, die uns nach wie vor aneinander band und mich nur schweren Schrittes durch mein Leben nach dir trotten ließ, und ließ deine nur mehr gehauchte Präsenz unerträglich werden. Einem alten, dampfbetriebenen und schwarz lackierten Zug gleich fräste sich ihr lautes, metallenes Klirren durch meinen Kopf und hinterließ dunstig aufquellende Erinnerungen. Vergeblich versuchte ich sie zum Kondensieren zu bringen und in einem erlösenden, kühlen Regen erblühen zu lassen, doch stattdessen hüllten sie mich in einen schmerzenden, heißen Nebel. Ich flüchtete beinahe immer, fiebrig auf der Suche nach einem Weg hinaus; nicht wagend den Blick zu heben, meine Aufmerksamkeit auf die vagen Gedanken zu richten und ihnen somit die konkrete Gestalt von Ungeheuern zu verleihen, die mich sogleich mit Klauen aus Trauer und Ungewissen zu Boden rissen und verschlangen.
In einigen dieser Nächte jedoch ergab ich mich ihnen, zumeist aus einer sich plötzlich erhebenden Sehnsucht, die ich mir selbst kaum eingestehen mochte und deren mächtiger Flügelschlag doch immer wieder, trotz allem, meine Oberfläche aufwühlte, heraus – wobei ich letztendlich nie genau zu sagen vermochte, ob es dein Geist war, der diese Sehnsucht hervor rief, oder ob all diese Erinnerungen nur nach einem Gefäß suchten und es in diesem unbestimmten Langen schließlich vorfanden.
In diesen Nächten durchstöberte ich alte, auf Fotopapier gebannte Echos eines früheren Lebens, die längst vom Lärm des salzige Gischt versprühenden Mahlstroms der Zeit übertönt worden waren. Du wolltest nie gerne fotografiert werden, doch einige der Bilder ließen mich deine Präsenz wieder stärker spüren und das Klirren der Ketten in einem Crescendo ansteigen. Denn auch wenn dein Gesicht – das, wie mir schien, noch im vorigen Atemzug in meinen nun zitternden Händen gebettet gelegen hatte und nun immer mehr verblasste – nicht auf den Fotos zu sehen war, so beschworen die Artefakte, die du auf ihnen hinterlassen hattest, dich wieder in all deiner erschlagenden Wucht herauf.
Sobald ich diese auf einem Foto erblickte, begann mein nächtliches Zimmer, nur von einer flackernden, orangenen Lampe beleuchtet, um mich herum zu bersten; und im gleichen Moment erhoben sich aus seinen staubigen Trümmern die endlosen, mit hohen Spitzbogenfenstern versehenen und von Mondlicht gefluteten Gängen meines Geistes.  Das Foto entglitt meiner Hand, schwebte hinauf in die deckenlosen Schwärze des mit schweren Teppichen ausgelegten Gangs und schwoll dort an; sank wieder hinab, schmiegte sich in den leeren, mit goldenen, verschnörkelten Mustern versehenen Rahmen an der Mauer vor mir, und verschwand.
Stattdessen prangte nun dort eine weiße Leinwand. Die Impression, die das Foto und die ihr anhaftenden Echos in mir hervor gerufen hatten, war noch spürbar – beinahe so, als wäre sie gleichermaßen auf meine Netzhaut und in meinem Kopf eingebrannt worden. Sogleich begann ich, aus einem tiefen, mich bis in die letzten Fasern meines Seins durchdringenden Drängen heraus, die Farben der Erinnerungen, die an diesem Ort umso kräftiger und stärker leuchteten, aufzutragen und die Vergangenheit selbst zu schaffen – eine Interpretation des Fotos durch den Schleier meines zitternden Geistes.
Das Zimmer des Ferienhauses, das auf diesem zu sehen war, hüllte ich in die warmen Ockerfarben der Provence, in der wir damals unseren Urlaub gemeinsam verbracht hatten, und ließ einen einzelnen, weißen Sonnenstreifen gedämpft durch die Jalousien seines Fensters am linken Bildrande hinein fließen. Es war der letzte Tag, vollgesogen mit Erwartung und bereits zu diesem Zeitpunkt aufkeimender Sehnsucht nach dem, was bald nur noch in Form von Echos weiter bestehen sollte; dementsprechend lag unser Gepäck verstreut rum, der materialisierten, zögernden Aufbruchsstimmung gleich.
Ich deutete das tiefe Schwarz deiner mit hohen Absätzen und beigefarbenen Sohlen versehenen Schuhe in der rechten unteren Ecke des Bildes nur an; meine Erinnerungen vervollständigten von selbst die Ahnungen deiner hellen Beine, die sich sicheren Gangs gleichermaßen ihren Weg durch lange, gemeinsam verbrachte Nächte in von flirrenden, farbigen Lichtern erfüllten Clubs als auch über die steinigen Straßen provençalischer Dörfer, die unter Zypressen und einem azurblauen Himmel träumten, bahnten. Neben ihnen lag dein Koffer, in dem deine lange, seidene Robe ruhte. Bald schon schmiegte sich diese vor meinem inneren Auge um deinen Körper, und ließ ihn vor mir im gleißenden Sonnenlicht leuchten. Während du, angeregt durch die verstreuten Bruchstücke unserer auf diesem Foto gestrandeten Vergangenheit, wieder in meinen Erinnerungen vor mir auf dem farbenprächtigen, belebten Markt am Ende der steil abfallenden Gasse in Banon umher flaniertest und deine sich, einem dunkelblonden Wasserfall gleich, über deine Robe ergießenden Haare mein Blickfeld ausfüllten, erhielt der Geist deiner Präsenz etwas seltsam Plastisches, Festes. Ich wusste nicht mehr, ob sich all diese sich an mich drängenden Erinnerungen sich auch wirklich so oder überhaupt ereignet hatten, da abseits meines schaffenden Geistes, der alles in eine feste Form goss, die gedanklichen Fragmente meines früheren Ichs in einem ewig wilden Tanz aus willkürlichen Eindrücken, in denen sich der benebelnde Geruch von Lavendel gleichermaßen mit Bildern von dir als auch von meinem ersten Sturz auf meinem Fahrrad vermischte, umher wirbelten.
Mein Geist rückte näher an das Gemälde heran, um deine Brille, die auf der mit Büchern – deren Charaktere und Geschichten in diesem Moment an meinem malenden Ich vorbei in einem bunten Schwall aus Erinnerungen vorbei rauschten -, einer Buddhastatue, einem Wecker und einer Zimmerpflanze übersäten, erhöhten Ablage am Bettkopf mit einigen wenigen, fest geführten Strichen zu vervollständigen. Mit den selben körperlosen Fingern, mit denen er die Brille soeben erschaffen hatte, setzte mein Geist sie dir auf; und ich fuhr mit angehaltenem Atem über dein Antlitz. Ich hatte dich so oft betrachtet, dass du vor mir in all deinem Sein, das ich mir immer wieder meines Glückes ungläubig einflüstern musste, zu Nichts geronnen warst.
Dann ließ ich das breite Doppelbett selbst die Mitte des Gemäldes erobern; malte sorgfältig jeden einzelnen Schatten in den Falten auf seinen zerwühlten, grauen Laken aus und bestückte es mit ausladenden Kissen, Erinnerungen an gemeinsam auf diesem verbrachte Stunden in niemals ausklingen wollenden Morgen und Gespräche, die deiner Präsenz wieder eine Stimme verliehen. Jeder einzelne Pinselstrich riss dabei eine neue Kluft in der Zeit, hinter der eine Erinnerung ruhte, auf, und zusammen reihten sie sich als mit Sehnsucht beseelte Impressionen aneinander; und jeden einzelnen dieser meine Erinnerung konstituierenden Bausteine schichtete ich auf zu einem melancholischen Denkmal.
Ich atmete tief aus, und vollführte den letzten Strich, der die tobenden Klüfte der Zeit, deren Ränder immer mehr ausfransten und zu bersten drohten, schloss. Erschöpft sank ich vor dem Bilde nieder, die Palette aus Dunst und Schwermut noch in der Hand, und fiel sogleich in einen tiefen Schlaf, der den langen, mit Gemälden geschmückten Gang auflöste. Aus seinen nun wild im leeren Raum umher fliegenden Formen bildeten sich die flirrenden, unsteten Gestalten meiner Träume.
Eine von ihnen warst wieder einmal du; und in dieser Nacht erschienst du mir in all deiner Flüchtigkeit sonderbar näher als sonst.