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Öffentliche Unordnung

“Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken! Es ist nicht lange her, da wart ihr noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen, das ihr mich niesen und lachen machtet – und jetzt? […]

– Friedrich Nietzsche, “Jenseits von Gut und Böse”, 296

Die menschliche Sprache ist unbestritten das komplexeste und ausgereifteste Kommunikationsmittel unserer Spezies – eine evolutionäre Ausnahmeerscheinung, zu der es in der Natur bis dato kein vergleichbares Pendant gibt. Dank ihrer Entwicklung vermochte der Mensch erst, komplexen Gedankengängen eine verständliche Form zu verleihen und anderen mitzuteilen, zu abstrahieren und letztendlich auch Poesie und Literatur hervorzubringen, die die Eigenarten, Vielschichtigkeiten und Möglichkeiten zur Ambivalenz der menschlichen Sprache zur Vollendung brachte. Nichtsdestotrotz ist die Sprache auch eine unüberwindbare Barriere zwischen uns als Individuen und den Menschen um uns herum, denen wir gerne etwas mitteilen möchten. Allzu oft widerfährt es uns, dass wir die Emotionen, die beim Anblick einer geliebten Person in unserem Innern toben, nicht in Worte zu fassen vermögen und alles, was wir diesbezüglich über unsere zitternden Lippen bringen, nicht im Entferntesten an die Großartigkeit jener Gefühle in uns heranreicht und notwendigerweise Enttäuschung hervor ruft; allzu oft dringen die Sätze nicht so aus uns heraus, wie wir sie uns mühselig in unseren Gedanken zurechtgelegt haben, und wirken nur noch wie ein grauer und müder Abdruck ihrer selbst, da sie nicht mehr über jene ursprüngliche wilde Kraft und Intensität verfügen, die sie noch in den Tiefen unseres Kopfes besessen hatten; und allzu oft findet wir uns in erbitterten, ungewollten Streitgesprächen wieder, weil wir die eigentliche Aussage all unserer Gedanken und Gefühle zu einem bestimmten Thema nicht in eine sprachliche Form zu gießen wissen und so Missverständnisse zwischen uns und unseren Gesprächspartnern säen, aus der dann Isolation und Entfremdung vor den anderen Menschen sprießen. In der schmerzhaften Diskrepanz zwischen dem, was wir ursprünglich denken, und dem, was wir letztendlich sagen, offenbart sich die ganze Tragik der menschlichen Existenz – jeder ist für sich alleine, gefangen in seinem Körper und in seiner eigenen Gedankenwelt, und nicht einmal die Sprache vermag die hoch aufragende Mauer zwischen den einzelnen Subjekten niederzu reißen. Diese durch die Machtlosigkeit der Sprache, die Gedanken eines Menschen exakt wiederzugeben, ausgelöste Isolation des Individuums wurde insbesondere im Theater des Absurden ausgiebig erkundet – sei es in Eugène Ionescos Les chaises, La Leçon oder La cantatrice chauve, in der, durch skurrile und oftmals zu einem nachdenklichen Lachen anregende sinnlose Dialoge unsere alltäglichen Gespräche als eklatante Oberflächlichkeiten und leere Worthülsen, die unsere tiefsten Wünsche und Gedanken nicht einmal im Ansatz den Menschen um uns herum vermitteln können und somit zu unserer Entfremdung beitragen, entlarvt werden, oder in Samuel Becketts En attendant Godot, in der Sprache zum sinnentleerten Zeitvertrieb in einer feindseligen Welt degradiert wird.

Öffentliche Unordnung, das letzte Woche unter der Leitung von Katrin Kazubko und Jurij Diez auf der Studiobühne twm in München an mehreren Abenden aufgeführt wurde und auf dem Drama Désordre public der franko-kanadischen Dramatikern und Schauspielerin Evelyne de la Chenelière basiert, befasst sich nun auch mit diesem Thema, wenn auch in einer äußerst interessanten Variation. Es wirft nämlich die Frage auf, was passieren würde, wenn wir die scheinbar unüberwinderbare Mauer, die die Sprache um uns herum errichtet, kurzerhand durch Gedankenlesen zerschmettern könnten und somit einen direkten und ungefilterten Einblick in die tiefsten Gedanken, Hoffnungen und Wünsche unserer Mitmenschen erhalten würden – und die Antwort darauf ist gleichermaßen ungemein erheiternd, als auch unsagbar tragisch.

Max, der Protagonist des Theaterstücks (gespielt von Valentin Walch), ist ein egozentrischer und verkappter, erfolgloser Schauspieler, der eines Tages in einem bis zum Bersten gefüllten Bus – in dem die alltägliche, öffentliche Entfremdung zwischen den Menschen am Deutlichsten hervor tritt – feststellt, dass er die Gedanken der Menschen um ihn herum lesen kann. Wie ein plötzlich auftretender, aus Worten zahlloser Stimmen geformter tobender Sturm wälzt das Ereignis sein Leben komplett um – und lässt den bis dahin vorallem auf seine eigenen Wehwechen fixierten Egomanen im Laufe des eine Stunde dauernden Theaterstücks nicht nur die Sehnsüchte und Träume seiner Mitmenschen, sondern auch die Wunder als auch die Schrecken der steten Empathie entdecken.

Die eingangs erwähnte, einleitende Szene im Bus gibt dabei bereits die übergreifende Stimmung des gesamten Theaterstücks vor – eine stete Mischung aus existenzieller Tragik und feinsinniger Komik. Beide ergeben sich vorallem aus dem fehlenden Einklang zwischen dem Individuum und der ihn umgebenden Welt, und dieses Motiv wird im Laufe des Dramas immer wieder akzentuiert umgesetzt. Alleine schon das Bühnenbild in der Anfangsszene – zwei parallel verlaufende, in weitem Abstand zueinander befindliche Stuhlreihen an den Bühnenwänden, auf denen die Schauspieler Platz nehmen und die Busfahrtgemeinschaft simulieren – ist ein gelungen inszeniertes Echo der menschlichen Isolation. Der Bus wird zum Sinnbild für unsere moderne Gesellschaft, die sich aus, wie Noam Chomsky es ausdrücken würde, “atomisierten” Individuen zusammensetzt: wir verfügen zwar durch die technologischen Revolutionen der letzten Jahrzehnte über mehr Wege zur Kommunikation als jemals zuvor, aber gleichzeitig hat das zwischenmenschliche Interagieren enorm darunter gelitten. Wie im Theaterstück dargestellt, sitzen die Menschen zwar gemeinsam im Bus, geben sich dabei aber redlich Mühe, jegliche soziale Interaktion in Form von Gesprächen oder auch nur einem Lächeln zu vermeiden. Auch wenn dies, wenn es so dramatisiert dargestellt wird, befremdlich wirkt, so kann man sich auch in Rückbezug auf die Beschränktheit der menschlichen Sprache wiederum auch die unangenehme Frage stellen, ob es wirklich so beklagenswert ist, dass wir Gesprächen bewusst aus dem Weg gehen, wenn die Beschaffenheit der Sprache selbst uns schon daran hindert, unsere Gedanken überhaupt adequat wiedergeben und anderen verständlichen machen zu können.  Dies wird gleich im ersten Dialog, der sich in der Anfangsszene im Bus ereignet, ersichtlich. Max fährt erbost eine Frau in der gegenüberliegenden Sitzreihe an – noch unwissend, dass er gerade ihre Gedanken gehört hat -, sie solle gefälligst “leiser lesen”, was zu einem äußerst erheiternden Gespräch zwischen den beiden führt. Doch trotz der auflockernd belustigenden Sinnlosigkeit ihrer Unterhaltung verbleibt ein bitterer Nachgeschmack – ist sie doch bezeichnend dafür, wie wir, isoliert in unserer Gedankenwelt von den anderen Menschen, zu gereizten Eremiten werden, die durch die bereits erwähnte Beschränktheit der menschlichen Sprache nicht dazu fähig sind, miteinander zu kommunizieren und so zu Verständnis untereinander zu gelangen. Die Momente der Harmonie im Theaterstück treten erst auf, als Max sich in das Gedankenlesen stürzt – die direkten Gespräche zwischen den Menschen hingegen bleiben stets von Dissonanz gezeichnet und rutschen immer wieder in absurde Gespräche ab.

Als Max sich dann schließlich seiner Fähigkeit bewusst wird, taucht er ein in den oftmals verwirrenden und unergründlichen Ozean aus flirrenden Gedanken um ihn herum, der ihn schließlich am Höhepunkt des Stücks überwältigen und seine eigene Existenz in Frage stellen lassen wird. Mit präzisen, sorgfältig ausgearbeiteten Dialogen werden dabei die Sorgen und Nöten der Figuren, denen Max begegnet, und die ohne seine Fähigkeit zum Gedankenlesen wohl nur die anonymen Statisten vom Anfang des Stücks geblieben wären, vor den Zuschauern ausgebreitet. Max begegnet einer Frau (Gina Penzkofer), die über eine bevorstehende Verabredung reflektiert und sich in ihren Gedanken als einsam und nach Liebe und gelebten Erinnerungen sehnend offenbart; einem 8-jährigen, hochbegabten, frühreifen Jungen (Elisabeth Mascha), der mit einer Mischung aus kindlicher Naivität und teils schockierender Luzidität und Offenheit seine überprotektive Mutter und die Vorgänge um ihn herum reflektiert; einem jungen Mann (Marco Müller), dessen Freundin an ihrer eigenen Existenz zweifelt und der sie, in dem er ihr ihr Bild auf dem Fernseher zeigt, vom Gegenteil überzeugen möchte und letztlich doch daran scheitert; und einer jungen Frau (Anna Möhrle), das Ariane – Max’ Freundin und Fernsehstar, gespielt von Annette Arndt – nacheifert und innerlich in Selbstzweifeln versinkt. Die Charaktere aus Öffentliche Unordnung bestechen abseits von ihren persönlichen Problemen, die Max durch das Gedankenlesen miterlebt, durch eine geradezu liebenswürdige Skurrilität, die oftmals zum Lachen anregt, aber vor dem Hintergrund der existenziellen Nöte, die das Stück immer wieder in schwermütige Gewässer manövriert, auch eine überaus tragische Note erhält. Das bewahrt den Humor des Stücks aber auch gleichzeitig größenteils davor, ins allzu Klamaukhafte abzudriften – einzig und alleine die Szene, in der Max seine hippieske Mutter auf dem Lande besucht, die ein Autonomes Zentrum für Jugendliche, die gerne einen alternativen Lebensstil abseits der Gesellschaft führen wollen, eingerichtet hat, wirkte auf mich wie Klamauk um des Klamauk willen (auch wenn es durchaus Max’ Charakter weiter ausbaute, indem es dessen Beziehung zu seiner Mutter erkundete), insbesondere als die versammelten Bewohner des Anwesens ein Loblied auf den Hasen, den sie für das Abendessen schlachten wollten, anstimmten. Das ist aber alles andere als negativ einzuschätzen – durch die warme, an einen Sonnenuntergang erinnernde Beleuchtung und die vergleichsweise durchgehend lockere Stimmung sticht die Szene deutlich heraus, und fungiert gewissermaßen als Ruhepol.

Neben den bereits angesprochenen philosophischen Thematiken haben es mir auch die teils angenehm subtilen und amüsant verkleideten gesellschaftskritischen Töne des Stücks angetan. Ein Beispiel ist hierfür eine Szene, in der eine junge Frau sich zu Max in der U-Bahn gesellt und ihm vorschlägt, für die Dauer der Fahrt beste Freunde zu sein. Unter der schieren Absurdität ihres Vorschlages, die durch das sehr überzeugende Spiel von Ilka Bock umso mehr hervorgehoben wird und für einige sehr zwerchfellzerberstende Dialogzeilen sorgt, pulsiert dabei eine vehemente Kritik an der Oberflächlichkeit und Kurzlebigkeit moderner sozialer Relationen. In Zeiten von Facebook und anderen sozialen Netzwerken befindet man sich in ständigem Kontakt zu anderen, oftmals vergleichsweise fremden Menschen, mit denen man (vorausgesetzt man gibt nicht penibel Acht auf seine Privatsphäreeinstellungen) allerdings des Öfteren schreibt und alle möglichen Inhalte teilt. Die Grenzen zwischen den einzelnen Abstufungen sozialer Relationen verwischen dabei immer mehr unter der allgemeinen, gehetzten Oberflächlichkeit unserer Epoche, und die Szene zeigt überspitzt die Konsequenz in Bezug auf Freundschaften – die ja normalerweise eine Aufbauphase und darauf folgende sorgfältige Pflege brauchen – daraus.

Ein weiteres großes Lob möchte ich letztendlich auch an die Inszenierung und die schauspielerischen Leistungen richten. Öffentliche Unordnung ist vom Tempo und Rhythmus her nahezu makellos – das Stück geht zumeist überaus zügig voran, lässt sich aber auch zu gegebenen Momenten der Kadenz genügend Zeit und Freiraum, seine Charaktere auszuleuchten und ihnen die nötige Tiefe zu verleihen. Besonders hervorheben möchte ich dabei die hervorragenden und unglaublich flüssigen Übergänge zwischen den einzelnen Szenen, die mich teilweise an filmische Schnitte erinnert haben. Ein Beispiel hierfür ist beispielsweise das Ende eines Abschnitts des Stücks, in dem Max bereits die Position für die kommende Szene eingenommen hat und den dazu gehörigen Dialog beginnt, während sich in Echtzeit das Bühnenbild um ihn herum verändert und schließlich in genannte Szene mündet – das ist also quasi die theatralische Version eines filmischen Schnitts, bei dem bereits die Soundspur der nächsten Szene zu hören ist, ehe der Schnitt zu dieser springt. Der flüssige Ablauf der Übergänge ergibt sich aber auch aus dem sehr intelligent gestalteten Bühnenbild, bei dem vor allem ein – symbolisch gesehen sehr bedeutungsschwangerer – Spiegel und Stühle zum Einsatz kommen, und deren simple, aber geschickte Anordnung auf der einen Seite die Botschaft des Theaterstücks unterstreicht (beispielsweise wenn Ariane mit ihrem Stuhl von Max wegrückt und somit deren Entfremdung als Paar umso ersichtlicher macht), andererseits aber auch äußerst wirkungsvoll und eindrücklich die Schauplätze in den Köpfen der Zuschauer errichtet. Überaus überraschend, aber auch richtig gelungen war der Einsatz von Videoprojektionen. Die dabei gezeigte und mit viel Mühe gestaltete Parodie unsäglicher RTL-Daily Soaps ließ mich vor Lachen bersten; das darauffolgende Metagespräch zwischen Max und einem der Protagonisten der Serie, das die “fourth wall” innerhalb der Realität des Theaterstücks brach, war dann wiederum eine vorbildhafte Nutzung inszenatorischer Gestaltungsmittel und ein Musterbeispiel für die Vermengung von Theater und Film, wie ich es bislang noch nicht gesehen habe. Auch das auf einer Theaterbühne vergleichsweise schwierig darstellbare Gedankenlesen wurde raffiniert umgesetzt. Am Anfang der letzten Szene beispielsweise standen alle Figuren des Stücks über die Bühne verteilt und führten leise Gespräche mit sich selbst. Wann immer Max näher an eine von ihnen herantrat und ihren Gedanken lauschte, hoben die Schauspieler ihre Stimme – somit wurde die auditive Erfahrung von Max für die Zuschauer simuliert. Allgemein waren die schauspielerischen Leistungen der Darsteller – die sich größenteils aus Theaterwissenschaftlern, die das Theaterstück im Rahmen ihres szenischen Praktikums inszenierten, zusammensetzten – auf einem hohen Niveau, vermochten sie doch die Eigenarten ihrer Figuren passend umzusetzen.

Ein Kritikpunkt, den ich an Öffentliche Unordnung auszusetzen hätte, wäre die Kürze des Theaterstücks. Auch wenn die Themen und Charaktere ausreichend beleuchtet wurden, so zog alles doch irgendwie etwas zu schnell vorüber – was dann aber wiederum für die Qualität des Theaterstücks spricht. Desweiteren wurde, wie ich aus internen Kreisen erfuhr, die in dieser Rezension besprochene Inszenierung im Vergleich zum Original gekürzt – da ich dieses allerdings nicht kenne, kann ich auch nicht einschätzen, inwiefern sich die fehlenden Teile bemerkbar machen und möglicherweise zu Einbußen gegenüber der Vorlage führen.

Insgesamt also ist Öffentliche Unordnung ein mehr als gelungenes Theaterstück, und ich hoffe inständig, dass wir künftig noch mehr von den daran beteiligten jungen Theaterleuten, die ein überaus großes Potenzial bei der Inszenierung dieses über viele faszinierende existenzielle Fragen aufwerfenden Stücks zu Schau gestellt haben, zu sehen bekommen werden.

 

Ein Leben im nüchternen Rausch

Il faut être toujours ivre. Tout est là: c’est l’unique question. Pour ne pas sentir l’horrible fardeau du Temps qui brise vos épaules et vous penche vers la terre, il faut vous enivrer sans trêve.
Mais de quoi? De vin, de poésie, ou de vertu, à votre guise. Mais enivrez-vous.
Et si quelquefois, sur les marches d’un palais, sur l’herbe verte d’un fossé, dans la solitude morne de votre chambre, vous vous réveillez, l’ivresse déjà diminuée ou disparue, demandez au vent, à la vague, à l’étoile, à l’oiseau, à l’horloge, à tout ce qui fuit, à tout ce qui gémit, à tout ce qui roule, à tout ce qui chante, à tout ce qui parle, demandez quelle heure il est; et le vent, la vague, l’étoile, l’oiseau, l’horloge, vous répondront: “Il est l’heure de s’enivrer! Pour n’être pas les esclaves martyrisés du Temps, enivrez-vous; enivrez-vous sans cesse! De vin, de poésie ou de vertu, à votre guise.”
– Charles Baudelaire, Le Spleen de Paris (posthum, 1869)

Charles Baudelaire – in meinen Augen neben John Keats, Rimbaud und Goethe einer der größten Dichter, die jemals über die Erde gewandelt sind – krönt in diesem wie Labsal aus Worten über den Geist gleitenden “poème en prose”, das erst nach seinem Tode im Jahre 1867 veröffentlicht wurde, die Zeit zum großen Feind der Menschheit – sie ist jene boshafte Macht, die unserem Leben giftige Langweile einflößt, in seinen trübsten Momenten fade, zäh und langwierig werden lässt und es dann schließlich in die Abgründe des Nichts, in denen das unablässige Ticken der Uhrzähler verhallt, reißt. Wie wenig verwundert es da, dass wir Menschen, um die tragische Bedingtheit und Begrenztheit unserer Existenz zu vergessen, immer und immer wieder in die tröstenden Arme des Rausches flüchten. Baudelaire nahm den Begriff des Rausches dabei wortwörtlich, und versank in den Tiefen von Absinth von Opium. Und so tun es viele Menschen (wenn auch in weitaus weniger drastischen Ausmaßen als Baudelaire) – der Rausch ist unentbehrlich, um das Leben erst erträglich zu machen, und Drogen sind wahrscheinlich das am Weitesten verbreitete, effektivste und schnellste, wenn auch gefährlichste Mittel dazu.

Manche jedoch verzichten bewusst darauf, und suchen, wie Baudelaire bereits andeutet, den für uns Menschen notwendigen Rausch nicht in Drogen – so wie ich. Ich habe oftmals über meine Beweggründe dafür reflektiert – sei es, um meine Einstellung gegenüber Leuten, die mir Alkohol und andere Drogen aufdrängen wollten, zu verteidigen, oder es Leuten, die sich danach erkundigten, wieso ich mich davon fern halte, zu erklären -, und kam nun zum Schluss, sie letztendlich einmal zusammen zu tragen und darüber zu schreiben, vorallem, weil ich mein Dasein als Straight Edge auch gerne in Kontext mit meinen sonstigen philosophischen Überzeugungen und Einstellungen setzen möchte. Abstinent zu sein, bedeutet für mich nämlich weitaus mehr als nur persönlich bedingte Abneigung gegen den durch Drogen ausgelösten Rausch, sondern ist vornehmlich Ausdruck meiner Einstellung hinsichtlich der menschlichen Willensfreiheit und, in kleinerem Maße, den zahlreichen Willkürlichkeiten unserer Gesellschaft und allen anderen sozialen Systemen. Aus letzteren Gründen ergibt sich dann aber auch wiederum meine Befürwortung für die Entkriminalisierung und Legalisierung von Drogen – und das ist, wie ihr im nachfolgenden Text lesen werdet, weitaus weniger paradox, als es den Anschein hat.

Ich war mit meinen nunmehr 20 Jahren noch niemals in meinem Leben betrunken; habe noch niemals an einer Zigarette gezogen, noch einen Joint geraucht oder andere Drogen genommen. Die Entscheidung, gänzlich von jeglichen bewusstseinsverändernden Substanzen (auf Koffein im Hinblick auf einige Abwandlungen des Daseins als Straight edge komme ich später noch einmal zurück) abzulassen, traf ich vor meinem 16. Geburtstag. Ich hatte die Jahre zuvor gelegentlich an Sylvester an einem Champagnerglas genippt oder auch mal heimlich und – eher dem Reiz des Verbotenen als des Dranges betrunken zu werden wegen – ein paar Schlucke Bier auf dem Mittelalterfest in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, getrunken; desweiteren erinnere ich mich an zwei Abende in glorreich rebellischen Septièmes-Zeiten, bei denen ich ein-, zweimal an einer Wasserpfeife gezogen habe und mir beinahe die Lungen aus dem Leibe gehustet hätte. Als mein 16. Geburtstag dann heran nahte, dachte ich mir, dass ich anfangen könnte, regelmäßig mal ein Bier zu trinken – was ich dann auch eines Abends meinen Eltern mitteilte (die selbst gerne Rotwein trinken und mir somit immer den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol vermittelt haben). Diese fragten mich lapidar, warum ich denn gerade jetzt auf einmal, wegen dieser simplen Konvention, Alkohol trinken müsste – und ich wurde mir auf einmal schlagartig bewusst, dass ich noch nie den Drang dazu verspürt hatte, überhaupt Alkohol zu trinken, selbst nicht als Genussmittel; dass mein bis dahin vertretener Glaube, ab einem bestimmten Alter Alkohol trinken zu müssen, einzig und allein von der sozialen Akzeptanz und gesellschaftlichen Verbreitung ebendieses her rührte und ich selbst eigentlich niemals das genuine Bedürfnis verspürt hatte, Alkohol zu trinken. Es gehört insbesonders in der alkoholseligen luxemburgischen Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, zum guten Ton, Alkohol zu trinken; das berauschende Liquid ist dort ein Symbol für Geselligkeit, und in versammelter Runde nostalgisch in lückenhafte Erinnerungen an vergangene Saufeskapaden zu versinken ist gesellschaftlich anerkannt und belustigt. Doch dies ist nicht nur in Luxemburg, sondern an so gut wie allen Orte dieser Erde – auch und gar besonders an jenen, wo Alkohol verboten ist – derlei. Hier in München und in allen anderen bayrischen Breitengraden gilt Bier – den Klischees, die in vielen Köpfen umher schwirren, wunderbar entsprechend -, als Kulturgut – aber es ist ein Kulturgut, das mich ähnlich wenig reizt wie Musicals (oder vielmehr deren Schwester im Geiste, die Oper – die Fans von “Cats”, “Lion King” und “Parcifal” mögen jetzt empört meinen E-Mail-Posteingang mit YouTube-Videos von Musical-Auftritten bombardieren, aber ich kann mich einfach nicht dazu hinreißen, Begeisterung für diese Kunstform zu empfinden – auch wenn ich große Achtung für die darin zur Darstellung gebrachten künstlerischen Leistungen und das robuste Sitzfleisch der Zuhörern von sechsstündigen Wagner-Opern bei den Bayreuther Festspielen empfinde). Ich brauche einfach keinen Alkohol – auch nicht als Genussmittel. Soziale Integranz und Akzeptanz (wobei meine Freunde durchgängig meine Abstinenz als Teil und Charaktereigenschaft von mir sehen und respektieren, wofür ich ihnen immer wieder unschätzbar dankbar bin) aufgrund eines etwaigen Alkoholkonsums ziehe ich schon a priori nicht in Betracht, da ich noch nie besonders großen Wert darauf gelegt habe, der gesellschaftlichen Norm auch nur in irgendeiner Weise zu entsprechen – meine Individualität und Essenz sind mir zu wichtig, als dass ich sie irgendwelchen flüchtigen sozialen Systemen unterordnen würden wolle. Auch die Tatsache, dass mir durch meine Entscheidung, abstinent zu leben, die ganze vielfältige Bandbreite an alkoholischen Genüssen in Form von verschiedenen erlesenen Weinen oder Biersorten verwehrt bleibt, stört mich reichlich wenig – ich habe einfach nicht das Gefühl, dass mir irgendetwas fehlt. Deswegen musste ich auch seit jeher vergleichsweise wenig Willensstärke aufwenden, um meine Selbstdisziplin zu bewahren – nur in manchen Momenten hat es mich schon arg gestört, wenn Leute mir Alkohol aufdrängen wollten und selbst nach mehrmaligem Ablehnen meinerseits nicht nachgaben.

Einige Leute (in fast allen Fällen Unbekannte) reagieren nämlich mit Unverständnis auf meine Abstinenz und versuchen mich eben zum Trinken zu motivieren; andere Leute bringen mir dann wiederum Achtung entgegen; und dann gibt es noch jene, äußerst sympathische, gehässig agierende Menschen, die mir auf die Schulter klopfen und behaupten, ich würde noch zum Alkohol finden; spätestens, wenn ich die Universität nicht mehr ertragen würde; spätestens, wenn irgendein Ereignis mich aus der Bahn schleudern würde und der Taumel in den durch Drogen ausgelösten Rausch förmlich unabwendbar werden würde – zumindest können sie es sich nicht anders vorstellen. Oftmals werfen die gleichen Leute mir dann auch vor, ich wäre wahrscheinlich ein sich jeglichen Genüssen verweigernder, freudloser und missmutiger Mensch, der sich nicht gehen lassen könnte. Spätestens dann schenke ich ihnen ein müdes Lächeln – ich finde es bedauernswert, wenn jemand meint, Drogen wären die einzige Möglichkeit, sich fallen und treiben zu lassen. Ich stimme gerne zu, dass es der wahrscheinlich effizienteste Weg ist, sich selbst, die Welt um einen herum und all die in ihr herum schwirrenden Sorgen, zumindest für einige Stunden, zu einer nurmehr trüben Ahnung werden zu lassen – aber es gibt, wenn man sich nur einmal umschaut, genügend andere Wege dazu.

Mein bewusster Verzicht auf Drogen ist nämlich nicht mit einem Verzicht auf Kontrollverlust gleich zu setzen – ich verliere allzu gerne gelegentlich, selbst wenn ich das in diesem Moment nicht immer sofort zugeben möchte, die Kontrolle über Dinge, so wie jeder andere Mensch auch. Aber mir ist wichtig, dass ich im Entscheidungsmoment des Kontrollverlust letztendlich vollkommen autonom bleibe. Das hängt eng mit der wichtigen Stellung zusammen, die meine eigene Willensfreiheit in meinem Leben einnimmt. Ich möchte nämlich schon seit jeher um keinen Preis fremdbestimmt werden – weder durch andere Menschen, noch durch irgendeine Substanz, die meine Willens- und Handlungsfreiheit einschränkt und mich nicht mehr mich selbst sein lässt. Mein Freiheitsverständnis (das auf Jean-Paul Sartres Begriff der Freiheit in seinem Hauptwerke “L’être et le néant” fußt) und das daraus resultierende Bewusstsein meiner absoluten Freiheit (falls irgendeiner meiner werten Leser ein fieser Determinist ist und die menschliche Willensfreiheit als ungefähr genau so real wie Einhörner oder intelligentes Leben in der luxemburgischen Regierung erachtet, der möge mich gerne für ein erbittertes philosophisches Streitgespräch anschreiben) sind die wichtigsten Güter in meinem Leben – immerhin garantieren sie mir, dass ich jeden meiner Schritte selbst planen, mein Leben selbst vollkommen frei nach meinen eigenen Vorstellungen gestalten und meine Essenz selbst bestimmen kann. Trotzdem lasse ich Situationen – auch wenn ich dies in dem Moment weder mir noch anderen zwingend zugebe –  liebend gerne ausarten, denn auch das ist Ausdruck meiner Freiheit. Ich genieße insgeheim solche abstrusen Augenblicke, wenn ich mich in Diskussionen hinein stürze und merke, wie ich mich immer mehr auf einen Eklat zu bewege; wenn ich gerade mit Freunden auf dem Weg zu einem Nachtclub bin und trotz in mir aufkeimender Bedenken entschließe, in Eiseskälte rutschige Steintreppen, bei denen jeder Schritt zum Sturz führen könnte, zu erklimmen; wenn ich trotz lauthals in mir aufkreischender Sorgen im Affekt eine unreflektierte Nachricht abschicke, die eine fatale Kette von Ereignissen auslösen könnte; und wenn ich schließlich während einer Geburtstagsparty die zig Klopapierrollen aus der Toilette entwende und damit die Halle, in der die Fete stattfindet, verschönere, selbst wenn jede einzelne Faser in mir im Takte eines Liedes pulsiert, das besingt, dass ich genau dies nicht tun sollte. Da der Kontrollverlust bei immer unter nüchternen Umständen geschieht, bin ich mir auch sicher, dass keine Fremdeinwirkung mich zu solchen Handlungen bewegt. Ich gebe mein Los in solchen Momenten gerne mal in die Hände des Zufalls – aber es war meine freie Entscheidung, und nicht eine durch Alkohol oder sonstige Drogen beeinflusste, und somit kann ich dafür auch immer zur Verantwortung gezogen werden. Dies sehe ich letztendlich als notwendige Bedingung dafür, dass ich mich Mensch frei fühlen beziehungsweise die Existenz meiner Freiheit überhaupt  erst annehmen kann.

Aus dem eingangs Beschriebenen ergibt sich dann eine weitere logische Konsequenz, die der Ansicht all jener Leute, die mich zum Trinken bewegen wollen, widerspricht: ich brauche keinen Alkohol, um Spaß bei jenen Anlässen zu empfinden, während denen er am Meisten konsumiert wird – namentlich Partys, Betriebsfeiern, Galas, Altersheimfeste, Junggesellenabschiede und schlaflose Nächte in Clubs. Ich bin leidenschaftlicher Clubgänger; zu Gymnasiumszeiten ging ich mindestens ein- oder zweimal pro Woche – zumeist am Wochenende – zünftig feiern und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz mit wildem Tanz und abgedrehten Aktionen zelebrieren, und auch jetzt, auf der Universität, tue ich dies in ähnlich regelmäßigen Abständen. Mir fällt dabei zwar auch auf, dass insbesondere Alkohol durchaus die Empfängnisbereitschaft für Spaß erhöhen und auch die Atmosphäre auflockern kann – aber gleichzeitig keimt in mir auch gelegentlich die Frage auf, warum man sich dazu zwingen sollte, Spaß zu empfinden, wenn alle anderen Launen und Sorgen mit ihren tiefen und durchdringenden Stimmen die Bereitschaft für diesen im Seelenchor übertönen. Wenn ich beim Rausgehen wohlgelaunt bin, so schlägt sich das auch normalerweise in meiner nach außen zur Schau gestellten Stimmung nieder – wenn ich hingegen von Sorgen umwölkt bin, verstecke ich das auch instinktiv gerne, um den anderen nicht die Laune zu verderben, aber letztendlich blicken die meisten meiner engeren Freunde sowieso immer hinter meine brüchige Fassade, die meinen fehlenden schauspielerischen Leistungen und meinem mangelhaften Talent dafür, meine Gefühle geschickt vor anderen Menschen zu verbergen, geschuldet sind. Würde ich trinken, würde sich meine Laune wahrscheinlich auch weiter in die Richtung jener Fassung, in der sie sich gerade befindet, bewegen – ein weiterer Grund für mich, darauf zu verzichten. Wenn ich keinen Spaß beim Rausgehen empfinde, dann liegt es nicht daran, dass ich nicht trinke, sondern einfach weil ich mich nicht in der körperlichen oder emotionalen Verfassung dazu befinde oder weil der Abend selbst einfach ungeheuerlich mau ist – und über beide Hindernisse hilft kein Alkohol hinweg, denn die Verfassung würde es wie eingangs erwähnt nur noch weiter verschlimmern oder nur über diese hinweg täuschen (wenn man nicht in der Verfassung ist, rauszugehen, ist man meiner Ansicht nach auch nicht in der Verfassung zu trinken, weil es dann nur Trinken um des Vergessens irgendeines nagenden Gefühls oder Ereignisses willens ist, und das würde ich für mich persönlich als Realitätsflucht empfinden, da ich mich selbst schon so nicht oft genug meinen eigenen Problemen stelle), und ein Abend, der schon per se nicht besonders erquicklich ist, lässt sich auch durch Alkohol und Drogen nicht mehr retten, sondern nimmt höchstens nur noch mehr das Format einer dekadenten Misere an – nur des reinen Hedonismus willen möchte ich mich dann auch wieder nicht berauschen. Hierbei möchte ich allerdings einwenden, dass ein Abend, der bereits die Voraussetzungen dafür mitbringt, überaus gelungen zu werden, durch Alkohol und dergleichen noch mehr in diese Richtung empor gehievt werden kann – allerdings brauche ich selbst keine Rauschmittel dafür, um dann in dessen farbenprächtigen und wirbelnden Sog aus Musik und flirrenden Lichtern einzutauchen, denn meine Stimmung passt sich auch der Laune der anderen an, und wird dementsprechend auch immer ausschweifender, sodass ich ab einem bestimmten Punkte und mich in der Gesellschaft von Betrunkenen wähnend, selbst anfange jegliche Vorsicht und jegliches Maß zu vergessen. Ich bin der Ansicht, dass jeder Mensch nüchtern genau soviel Freude im Beisammensein und Feiern mit Freunden erfahren kann – es ist nur von der Einstellung, Stimmung und der Bereitschaft, sich auch bei vollem Bewusstsein fallen zu lassen – was aber wiederum, wie ich einwenden muss, von der eigenen Persönlichkeit und daraus resultierenden, von Person zu Person unterschiedlichen Bereitschaft dafür beeinflusst wird -, abhängig.

Um noch auf einmal auf den Straight edge-Begriff zurück zu kommen: ich bezeichne mich explizit als Straight edge, weil ich liebend gerne Hardcore – und insbesondere Bands, bei denen zumindest einige der Mitglieder straight edge sind – höre, dieser Begriff (der dazu anstatt ellenlanger Erklärungen kurz und bündig vermittelt, dass ich keine Drogen nehme) beziehungsweise die ihm angehörige Szene meinem Lebensstil am Besten entsprechen und ich mich somit mit diesen identifizieren kann. Hierbei muss ich allerdings anmerken, dass es innerhalb der Straight edge-Bewegung verschiedene Strömungen gibt, die sich auch Koffein und Sex mit wechselnden Partnern entsagen oder anderwertig ziemlich fragwürdig sind. Für das Thema der sexuellen Enthaltsamkeit ist mein öffentlich einsehbarer Blog ein denkbar ungeeigneter Ort – immerhin ist meine leidenschaftliche Anziehung zu Kakteen und anderem Zimmergewächs nicht besonders gesellschaftsfähig -, aber zur Abstinenz in Sachen Koffein möchte ich dennoch etwas äußern. Zuerst einmal ist es selbst in der Straight edge-Szene heftig umstritten, ob Koffein jetzt als Droge gezählt werden soll, oder nicht – ich persönlich bin jedenfalls der Auffassung, dass es keine ist. In meinen Augen sind Drogen etwas, die den Bewusstseinszustand verzerren – Koffein verändert ihn zwar auch, aber nur insofern, dass es als Wachmacher wirkt. Das gilt nun, mag man einwenden, auch für Ecstasy und die liebreizende Emma – wie sonst sollten Raver mehrere Nächte hinter einander in furiose Tänze verfallen -, jedoch verleitet Koffein mich nicht zu irrationalen Entscheidungen oder lässt mich die Kontrolle über mich selbst verlieren, ohne dass ich dem etwas entgegen setzen könnte. Dazu lässt es mich vorallem in keinen Rausch verfallen.
Manche Leser mögen mir zwar jetzt vorwerfen, dass dies letztendlich alles eine reine, subjektiv bedingte Begriffsdreherei sei, insbesondere im Bezug darauf, wie man einen “Rausch” definiert, und dass Koffein auch den eigenen Bewusstseinszustand verändert, in dem es die Wachsamkeit erhöht – aber letztendlich sehe ich meine eigene Willensfreiheit nicht durch eine Tasse Kaffee oder einen nächtlichen Energydrink gefährdet.
Als jemand, der überhaupt keine Drogen nimmt, erscheint es mir desweiteren auch umso willkürlicher, dass gerade Alkohol, im Gegensatz zu anderen Drogen, legal ist. Wie ich bereits am Anfang des vorliegenden Textes erwähnte, ist Alkohol tief in der Gesellschaft verankert und als Genussmittel anerkannt – aus welchen Gründen auch immer. Man muss sich einmal die Lächerlichkeit der Argumentationen in Bezug auf die hiesige Drogenpolitik vor Augen führen: Alkohol trinken ist erlaubt, weil Alkohol seit jeher in den westlichen Gesellschaften legal ist (sehen wir einmal von der Epoche der Prohibition in den USA ab), und Marihuana rauchen nicht, weil nun einmal von irgendwelchen paternalistischen Politikern, die in all ihrer gütigen Weisheit wissen, wie ihre Untertanen ihre Leben am Besten zu führen haben, bestimmt wurde, dass das illegal ist – trotz der Tatsache, dass übermäßiger Alkoholkonsum horrende Schäden materieller und psychologischer Natur verursacht und jedes Jahr unzählige Menschen an den Folgen ihrer Alkoholsucht sterben, mehr als bei allen anderen Drogen zusammen. Wie aus dem, was ich bis zu diesem Punkte geschrieben habe, wahrscheinlich klar wurde, bin ich beileibe kein besonders großer Freund von Drogen und befürworte weder das Rauchen von Marihuana, Crack, Meth noch das Trinken von Alkohol besonders – aber ich bin letztendlich der Ansicht, dass jeder Mensch selbst entscheiden sollte, was gut für ihn ist und was nicht. Der Staat wirkt zwar zumeist wie ein monströser und zumeist schädlicher, bürokratischer, um es in Hobbes Worten auszudrücken, Leviathan, aber – und das sollte man sich immer wieder in Erinnerung rufen -: er konstituiert sich letztendlich doch aus Menschen. Woher nehmen diese sich nun also das Recht zu bestimmen, was andere Menschen mit ihrem Körper anstellen dürfen und was nicht? Hier ziehe ich auch wieder meine Überzeugung von der Willensfreiheit des Menschen mit ein: der Mensch genießt eine absolute, uneingeschränkte Freiheit, den Lauf seines Lebens zu bestimmen – also sollte er auch frei, ohne dass irgendeine illegitime autoritäre Instanz ihn daran hindert, entscheiden dürfen, welchen Genüssen (und dazu gehören nun einmal auch Drogen) er frönt. Desweiteren haben sich die aktuelle Drogenpolitik in vielen Ländern, die selbst “weiche” Drogen kriminalisiert, und insbesondere der “war on drugs” in den USA bereits zur Genüge als ineffektive Maßnahmen gegen Drogenkriminalität und irrationaler Umgang mit Drogenkonsum heraus kristalliert.

Um abschließend wieder Baudelaires Aufforderung, im Leben nach dem steten Rausch zu streben, aufzugreifen: ich suche den Rausch, der uns daran hindern soll an der zeitlichen Bedingtheit der menschlichen Existenz zu verzweifeln, einzig und allein in der Nüchternheit, indem ich versuche, mein Leben zu gegebenen Zeitpunkten selbst in einen Rausch zu verwandeln und es in vollen, erhöhten Zügen zu genießen. Auch wenn meine Geduld an manchen Abenden als einziger verbliebener Nüchterner schon, zugegebenermaßen, arg strapaziert wurde, so habe ich auch genügend Anlässe erlebt, in denen ich große Freude erlebt und mich nüchtern umso mehr daran laben konnte. Ich sehe Baudelaires “Enivrez-vous!” daher auch eher als in eine poetische Form gegossene Aufforderung – fern jeglicher hedonistischer Absichten – sich an allen Aspekten des Leben selbst zu berauschen und bis zum äußersten Gipfel jeden einzelnen Moment davon ausgiebig zu kosten und zu einem ewigen Jetzt auszudehnen, wann immer die Möglichkeit dazu besteht. Deswegen lasse ich auch ohne Drogen keine Chance ungenutzt, mein Leben in einen Rausch zu steigern, der es aus den Fängen des simplen und freudlosen Vor-sich-hin-Existieren löst – und den besten Rausch in der Hinsicht liefern mir letztendlich noch immer die Musik und das Schreiben.

Das Bild, das diesen Artikel begleitet, zeigt übrigens Jacob Bannon – seines Zeichens auch Vegetarier, Straight edge und dazu Sänger einer meiner Lieblingsbands, Converge – bei einem jener Dinge, das mir einen der größtmöglichen Rauschzustände verschafft: dem Auftreten mit meiner Band und dem Versinken in der Musik.

Zieht euch an wie ihr wollt – laut, bunt und aufrührerisch!

“Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.”

– Friedrich Nietzsche, “Also Sprach Zarathustra”

Die staatlichen Institutionen Luxemburgs geben sich in letzter Zeit, so scheint mir, redlich und überaus lobenswert Mühe, die Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung ihrer Schüler und Studenten unablässig mit Füßen zu treten. Nicht nur, dass die luxemburgische Regierung das Budget für Studiengelder um 40% (das heißt in blanken Zahlen 70 Millionen€) kürzen möchte, um solch überaus wichtigen und prestigeträchtigen Projekten wie einem neuen Fußballstadion – das natürlich äußerst sinnvoll angesichts der sich in schwindelerregend hohen Tiefen rumkriechenden Platzierungen der luxemburgischen Fußballnationalmannschaft in internationalen Ranglisten scheint – den Vorrang gegenüber dem langfristig wichtigsten Gut, das der Staat überhaupt seinen Bürgern garantieren kann, zu geben; nein, jetzt scheinen auch noch einige Schuldirektionen in all ihrer fürchterlichen und autoritären Pracht zu erblühen und den Schülern das Recht auf Selbstbestimmung verweigern zu wollen, indem sie willkürliche Kleiderordnungen einführen – wie jüngst am hauptstädtischen LTC und am LTMA in Pétange und einem Dutzend weiteren Schulen in Luxemburg. Unsere Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung werden also nicht nur mit Füßen getreten, sondern auch noch in Schuldenschlünde und Abgründe normativen Wahns geschleudert.

Da an anderer Stelle bereits sehr ausführlich und treffend formuliert die Reformen des Studiengelds angeprangert wurden, möchte ich mich in diesem Artikel nun diesen Kleiderordnungen, die ihr Unwesen an luxemburgischen Schulen treiben, widmen. Aufmerksam auf diese wurde ich durch zwei Artikel auf L’Essentiel Online und Wort.lu. Während der Artikel auf L’Essentiel Online nüchtern und sachlich über das Thema berichtet hat, ließ mich die polemische Farce eines Artikels von Wort.lu wahrlich in Wellen aus Schaudern ertrinken. Nicht nur, dass die neuen Kleiderordnungen an sich schon bedenklich genug wären – nein, der Artikel scheint sie, seinem gehässigen Tonfall – der geradewegs aus dem Mund eines offensichtlich bestens informierten Konservativen, der sich Jugendlichen wahrscheinlich nur mit Schutzanzug und Gasmaske nähert, zu stammen scheint – nach zu urteilen, auch noch zu befürworten.
Deswegen ist mein eigener vorliegender Text nun einerseits eine Auseinandersetzung mit dem Thema der Kleiderordnungen selbst, andererseits wird er aber auch besagten Artikel von Wort.lu kritisch durchleuchten, da ich dessen Aussagen, auf die ich als Quelle zu eben diesem Thema zurückgreife, nicht unkommentiert lassen möchte. Die ersten Sätze des vorliegenden Wort.lu-Artikels umreißen schon mal die ganze Problematik – und entblößen seinen Autor sofort in seiner ganzen unverhohlenen Ignoranz:

“Leggins, bauchfreie Tops und Baseball-Kappen: Bei vielen Schülern ist der „Ghetto-Look“ angesagt – zum Ärgernis ihrer Lehrer. Ein gutes Dutzend von Lyzeen hat deshalb eine Kleiderordnung erlassen.

Zerrissene Jeans und tief ausgeschnittene Dekolletees im Klassensaal mögen zwar die Mitschüler erfreuen, aber solche Modeerscheinungen stoßen nicht auf ungeteilte Zustimmung. Nach dem Empfinden von Schulleitungen orientiert sich der Kleidungsstil von vielen Schülern in letzter Zeit eher an Rap-Videos als an europäischer Straßenkleidung. Eine „Charte vestimentaire“ soll da gegensteuern. An rund der Hälfte der 31 Lyzeen in Luxemburg regelt sie genau, was erlaubt ist und was nicht.”

Ach du meine Güte – werte Damen und Herren, schützt eure Kinder vor dem infernalischen Kostümtrio des Teufels in persona: die diabolischen Leggins, die aufgrund ihrer zumeist düster-grauen Farbgebung auf den Einfluss des Satanismus auf unsere Kinder hinweisen; die bauchfreien Tops, die ihre zarte Haut den grausigen Winden unserer unbarmherzigen kalten Welt aussetzen und unsere Schützlinge mit daraus resultierenden Blasenentzündungen malträtieren; und wehe den – ich mag kaum den Namen auszusprechen –  in stofflicher Form manifestierten Albträumen eines jeden Lehrers: die Hüte des Baphomet, auch bekannt als – mich schaudert’s und graust’s dass mir die Haare zu Berge stehen – Baseball-Kappen, vor denen bereits an irgendwelchen Bibelstellen – die ich nicht zu finden befähigt bin, da meine Bibel sich aus dem Staub gemacht hat um mit Jesus Wein zu süffeln – gewarnt wurde. Oh habt so überaus viel Dank, wertes Wort.lu und das es mit heiliger Hand befehligende Bistum, dass ihr uns vor den Schändern, den unheiligen Befleckern unserer Jugend – den Leggins, bauchfreien Tops und Baseball-Kappen – warnet!

Ich vermag kaum zu glauben, dass der Artikel keine Satire sein soll – es geht aber noch weiter! Denn ganz davon abgesehen, dass diese Monstrosität eines Schlagwortes namens “Ghetto-Look” offensichtlich und unverhohlen an die weit verbreiteten, stereotypischen Bilder vom (am besten noch schwarzen) Gangster aus US-amerikanischen Suburbs appelliert, ohne irgendeine Differenzierung erfolgen zu lassen oder die dort herrschenden sozialen Probleme zu berücksichtigen: was bei den neun Höllenkreisen soll bitteschön dieser jeglicher Aussage beraubte Pseudo-Begriff “europäische[…] Straßenkleidung” bezeichnen? Ich habe Zeit meines Lebens schon viele lächerliche Neologismen erblicken dürfen, aber dieses hat sich definitiv einen Ehrenplatz im Pantheon der bescheuertesten Wortschöpfungen – neben “Sozialtourismus” und “Entlassungsproduktivität” – verdient. Wie kann ein Journalist – der immerhin bei der Onlineausgabe der größten Tageszeitung in Luxemburg angestellt ist – sich nur dermaßen in solchen nichtssagenden und absurden Verallgemeinerungen vergreifen? Was soll “europäische Straßenkleidung” bitte sein? Wie kleidet sich der Durchschnittseuropäer? In den Farben der EU-Flagge? Ist das etwa so genau definiert, dass der Kleidungsstil der Hip-Hop-Subkultur nicht zum exklusiven Kreis der “europäischen Straßenkleidung” dazu gehören darf? Als ob die schiere Willkür der im Artikel angekündigten Kleiderordnung nicht schon genug zum Kopfschütteln anregen würde, strickt der Autor seinen Text dazu noch aus hanebüchenen Vorurteilen (wahrscheinlich, um nicht allzusehr von der Redaktionslinie seines konservativen Schlachtschiffs in Form einer Zeitung abzuweichen) zusammen. Das Amüsante-Tragische daran aber ist: nicht einmal diese vermeintlichen Vorurteile gegenüber des “Ghetto-Looks” sind legitim! Denn – und das wird dem Durchschnittsscheuklappenträgerkonservativen sicherlich nicht einmal auffallen – Leggins, bauchfreie Tops und Baseball-Kappen sind die denkbar ungünstigten Beispiele, um den “Ghetto-Look” zu beschreiben, da  diese Kleidungsstücke auch reichlich von Jugendlichen außerhalb der Hip Hop-Subkultur getragen werden, und sind von daher alles andere als bezeichnend für diese.

Nachdem der Autor des Artikels sich schon genügend selbst diskreditiert hat, lässt er nun endlich die glorreichen Ordnungshüter in all ihrem autoritären Glanze erstrahlen:

“LTC-Direktor Jean-Paul Lenertz beschreibt die Situation so: „Der Kleidungsstil wird immer legerer. Mädchen in ihrem pubertären Alter meinen, sie müssten ihre Reize ganz unverhüllt zeigen. Wir denken aber, man muss den Speck nicht unbedingt sehen.“

Ganz ehrlich – wer kam auf die überaus brillante Idee, einen Menschen, der solch haarsträubenden Aussagen von sich gibt, zum Schuldirektor zu ernennen? Herr Lenertz ist, wie aus seiner “Argumentation” ersichtlich wird, ein Musterbeispiel für patriarchalistisches Gehabe, das leider noch immer nicht aus unserer Gesellschaft verschwunden ist. Mich erfüllt vorallem sein autoritärer und vulgärer Tonfall mit schierem Ärger, und das aus vielerlei Gründen: zuerst einmal möchte er ganz offensichtlich Mädchen – und hier kommt der unverhohlene, als Paternalismus getarnter Patriarchalismus zum Vorschein – ihr Recht auf Selbstbestimmung nehmen, denn Herr Lenertz und die anderen Verantwortlichen scheinen, sich offenbar sehr sicher in ihrer eigenen überheblichen ideologischen Überlegenheit wähnend, besser als die Mädchen und Frauen zu wissen, was gut für sie ist und wie sie sich anziehen sollen. Ehrlich: mit welchem Recht – außer jenem der an sich schon fragwürdigen hierarchischen Ordnung in der Schule – glauben Herr Lenertz und Konsorten solche Entscheidungen treffen zu dürfen? Inwiefern stört “legere” Kleidung (die dazu noch sehr vage umrissen und nicht weiter erläutert wird, also viel Spielraum für die schiere Willkür der Kleiderordnungen lässt) den Schulalltag dermaßen gravierend, dass man dafür Mädchen und Frauen das Recht auf Selbstbestimmung verwehrt? Meistens folgt dann ja das Argument, dass die zu offen gezeigten “Reize” männliche Schüler und Lehrer ablenken würde, und schiebt die Schuld somit gleich wieder auf die Mädchen und Frauen, anstatt dass man sich mal darüber Gedanken darüber macht sie weniger zu objektifizieren und nur auf ihr Aussehen zu reduzieren. Aber nicht nur Mädchen sind von den Kleiderordnungen betroffen – auch die Jungen an den  Schulen werden dazu genötigt, einen “korrekten” Kleidungsstil zur Schau zu stellen und etwa das Tragen von Baseballkappen zu unterlassen.

“Am LTMA ist die „Charte vestimentaire“ übrigens nicht von oben herab diktiert worden. Vielmehr hat sich der „Conseil d’éducation“, in dem auch Vertreter von Eltern und Schüler sitzen, darauf geeinigt.

Die „Charte vestimentaire“ steht zudem auf festem legalen Boden, denn sie formuliert eine allgemein gehaltene Vorschrift aus. Im Schulgesetz von 2004 steht wortwörtlich: „La tenue vestimentaire des élèves doit être correcte.“

Ich möchte wirklich nicht wissen, was für spießbürgerliche und ihre begrenzte Weltsicht als die einzig legitime auserkorende Philister sich in diesem “Conseil d’éducation” rumtreiben. Und dann: “Allgemein gehaltene Vorschrift”? Mich dünkt, der Herr Autor des Artikels ist nicht nur ignorant, sondern es beliebt ihm offenbar auch noch heftig zu scherzen und untertreiben. “Korrekt” verheißt die vollkommene Willkür – jede Schule kann, wie in diesem Text meinerseits bereits dargelegt wird, nach Gutdünken entscheiden, was sie unter “korrekt” versteht. So drängt sich mir unverweigerlich auch der unangenehme Gedanke an, dass Lehrer und Direktion nach Gutdünken unliebsame Schüler einfach so vom Unterricht ausschließen könnten, wenn sie wollten, und zwar in dem sie als Rechtfertigung für den Ausschluss einfach behaupten würden, seine Kleidung sei – aus welchem Grunde auch immer – nicht “korrekt” gewesen. Alleine der Begriff des sozial legitimierten “Korrekten” ist schon ein Affront an die Individualität selbst. Uns steht noch unser ganzes Erwachsenendasein zur Verfügung, um uns in Demut vor der Glorie der gesellschaftlichen Masse, der Norm und der Angepasstheit den Rücken krumm zu verbeugen und möglichst “korrekt” im Staub bis zum Tode vorwärts zu kriechen – wieso will man uns dann nicht jenen Zeitabschnitt, in dem dem Menschen eigentlich noch die größte Freiheit und Möglichkeit zur Entfaltung seiner selbst zur Verfügung stehen sollte, überlassen, um genau dieses zu tun? “Sei ganz du selbst – aber doch nicht so, meine Güte!” Kleider sind natürlich nur ein bemerkenswert kleiner Aspekt in der Selbstbestimmung und -verwirklichung eines Menschen, und dazu ein zugegebenermaßen ziemlich oberflächlicher und an die uns vorgegaukelten materiellen Bedürfnisse unserer kommerzialisierten Gesellschaft gekoppelter – aber nichtsdestotrotz können Kleider im besten Falle einem Menschen auch dazu dienen, sich selbst auszudrücken. Mag sein, dass ich mich zu sehr wegen einer vordergründigen Banalität erzürne – aber in meinen Augen sind diese Kleiderordnungen symptomatisch für das Untergraben der Individualität in unserer Gesellschaft, die nach außen hin immer wieder trügerisch auf deren Wichtigkeit pocht, und sie doch letzten Endes, sobald sie anfängt auch nur im Geringsten von der Norm abzuweichen, in paranoiden Ausfällen wie jüngst diesem unterjocht.

Das Schockierendste an dieser ganzen Kleiderordnung folgt aber dann noch am Ende des zweiten Abschnitts des Artikels:

“Die Kleiderordnung richtet sich zudem nicht nur gegen Baseballkappen und freizügige Outfits, sondern auch gegen auffällige religiöse Kleidung. Am LTC möchte man beispielsweise nicht, dass islamische Mädchen verschleiert zum Unterricht kommen.”

Diese Kleiderordnung möchte nicht nur das Gleichgewichtsverhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum zum Kippen bringen, sondern ist tatsächlich auch noch eine Rechtfertigung für Intoleranz gegenüber anderen Religionen. Im Gegensatz zu Frankreich beispielsweise gibt es in Luxemburg keine Gesetze, die religiös motivierte Verschleierung verbieten – das scheint die Direktionen aber nicht daran zu hindern, ihre Islamophobie unverhohlen und ohne jegliche Rechtfertigung auszuleben. Ob man die Verschleierung muslimischer Frauen nun als (auch patriarchalistisch motivierte) Unterdrückung oder Selbstbestimmung betrachten soll ist ein sehr heikles Thema, für dessen Behandlung in diesem Text meinerseits leider kein Platz ist, aber nichtsdestotrotz könnte man die Bestimmungen alleine schon als ohne über jegliche Gesetzesbasis verfügenden Eingriff in die religiöse Freiheit und als Zeichen von bis in die Schuldirektionen vordringender Islamophobie sehen.

Angesichts all dessen kann ich nur folgenden Aufruf an alle betroffenen Jugendlichen, deren Schulen diese Diktatur des “Angemessenen” errichtet haben, richten : ignoriert die Kleiderordnungen an eurer Schule! Zieht euch an wie es euch dünkt – am Besten laut, bunt, aufrührerisch und provozierend, sodass eure Kleider zu einem auflehnenden Schrei gegen diese willkürlichen Bestimmungen werden. Zeigt, wer ihr seid, und lasst euer tiefstes Selbst, eure Essenz auch in eurem Kleidungsstil widerspiegeln, entgegen jeglicher gesellschaftlicher Konventionen.

Wir sind Menschen, und ein jeder von uns ist ein kostbares, wunderbares, herausragendes Individuum – kein Staat der Welt oder seine zuckenden Klauen in Form von Institutionen wie der unser geistiges Wachstum nur spärlich berieselnde, uns auf ihrem als Bildung getarnten Karrierefließband vom kritischen Denken ablenkende und unsere Stärken und hervorstechenden Fähigkeiten verkümmern lassende Schule haben das Recht, sich an dieser Individualität, dieser Einzigartigkeit, die uns unseren Kopf im ewig kreiselnden Mahlstrom der Zeit über Wasser halten lässt, zu vergreifen und ihr die Ketten der willkürlichen “Ordnung” und “Angemessenheit” auferlegen zu wollen.

Fernand Kartheisers Kritik am Feminismus und die Legitimation der Diskriminierung von Homosexuellen

Durch die rezente Diskussion um die luxemburgische Sprache befindet sich der öffentliche Diskurs in Luxemburg seit den letzten beiden Wochen eindeutig im Wickelgriff von nationalistischen, rassistischen und xenophoben Strömungen innerhalb der Bevölkerung – und zu allem Übel scheint die Welle an Intoleranz noch längst nicht ihren Zenit erreicht zu haben.

An diesem Sonntag, dem 2.Februar, ist auf der “Kinnekswiss” im Park von Luxemburg-Stadt nämlich jetzt noch eine Demonstration gegen die Homosexuellenheirat geplant, bei der die sogenannten “Veilleurs Lux Ville” zeitgleich mit ihren internationalen Partnerorganisationen ihre bodenlose Intoleranz unter dem Deckmantel des Schutzes der traditionelle Familie (ergo der stereotypische Haufen aus Vater, Mutter und Balg, wie man ihn nur zu gut aus all diesen fürchterlichen Werbungen für irgendwelche nutzlosen Produkte, bei denen genannte Familienmitglieder in pseudo-idyllischer Stimmung um den Tisch versammelt sitzen und ohne jeglichen Realitätsbezug penetrant rum grinsen, kennt) zelebrieren wollen.

Auch wenn dies keinen kausalen Zusammenhang mit der Sprachendiskussion und ihren Ausfällen besitzt, so sehe ich es als Symptom für einige sehr beunruhigende Entwicklungen in der luxemburgischen Gesellschaft, die in letzter Zeit immer stärker auftreten und dementsprechend unbedingt einer entsprechenden Gegenreaktion bedürfen.

Indirekt erfahren habe ich von der Demonstration durch Fernand Kartheiser, seines Zeichens ehemaliger Parteipräsident der rechtskonservativen ADR-Partei und Abgeordneter in der „chambres des députées“, dem luxemburgischen Parlament. Kartheiser betreibt nämlich einen Blog, und auf diesem bekundete er am Ende eines Artikels, in dem er sich über die baldige Legalisierung der Homosexuellenheirat aufregte, seine Unterstützung für die Demonstration, von der mir bis zu dem Zeitpunkt noch nichts zu Ohren gekommen war.

Grund genug für mich, Fernands Kartheisers fragwürdige politische Positionen, die er auf seinem Blog regelmäßig kundtut – insbesondere im Bezug auf seine Stellung gegenüber Frauen und Homosexuellen -, einmal näher zu beleuchten; somit zu zeigen, dass die brodelnde Intoleranz in all ihren Auswüchsen in Luxemburg nicht nur ein gesellschaftliches Randphänomen in sozialen Netzwerken ist, sondern ihren Weg sogar bis ins luxemburgische Parlament und den politischen Diskurs gefunden hat – und dass es dementsprechend wirklich an der Zeit ist, etwas dagegen zu unternehmen. Mein erster Schritt in die Richtung ist meine nachfolgende Analyse und Entwaffnung von Kartheisers haarsträubender und wirklich zu Bedenken gebender Argumentation (betrachtet dies als rationales, komplementäres Gegenstück zu meinem doch sehr emotional geprägten Brief an die luxemburgischen Patrioten), die den Begriff der „Diskriminierung“ verharmlost – und sie im Falle von Homosexuellen sogar als legitim erachtet.

Diese Verknüpfung zwischen Ablehnug des Feminismus und Homosexualität, die Kartheiser auf seinen konservativen “Wertvorstellungen” und einem biologischen Determinismus basiert, werden besonders in seinem Artikel “Feminismus und die Verleugnung der Natur des Menschen“, den er Anfang November postete, ersichtlich.

Dort kritisiert Kartheiser eine Aussage von Alice Schwarzer, die auf ihrem Blog unter “Meine Position” schrieb, dass unser Begehren “kulturell geprägt und nicht biologisch determiniert” sei:

Et stéiert mech net nëmmen, datt eng biologesch Evidenz verleegent gëtt fir “Politik” ze maachen, et stéiert mech och dat de Politikbegrëff sou iwwerdeent gëtt, datt dat Privat säi geschützte Raum verléiert. Et ass nun eemol eng Charakteristik vum totalitären Denken, datt der Politik en  Universalkompetenzusproch zougestaane gëtt.

(„Es stört mich nicht nur, dass eine biologische Evidenz verleugnet wird um „Politik“ zu machen, es stört mich auch dass der Politikbegriff so überdehnt wird, dass das Private seinen geschützten Raum verliert. Es ist nun einmal eine Charakteristik totalitären Denkens, dass der Politik ein Universalkompetenzzuspruch zugestanden wird.“)

Herr Kartheiser widerspricht sich hier zuerst einmal selbst. Er greift Alice Schwarzers Zitat auf, um die Vermischung zwischen Politik und Privatsphäre zu beklagen – erhebt die Thematik der menschlichen Sexualität aber in seinem Blogartikel selbst zu einem Politikum. Kartheiser – der auch schon mal Vorsitzender des Männerschutzverbandes AHL – “Assocation des Hommes de Luxembourg” war –  sieht den Feminismus als regelrechte Bedrohung für das männliche Geschlecht, die die Gesellschaft bis in die letzten Faser durchdringen und kontrollieren möchte. Den grundlegenden Fehler, den er aber dabei begeht ist, dass er in seiner geradezu paranoid anmutenden Angst vor den achso bösartigen, emanzipatorisch gestimmten Frauen nicht zwischen Feminismus und radikalem Feminismus differenziert.

Feministinnen setzen sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein, ohne Männer dabei benachteiligen zu wollen – vielmehr geht es beim Feminismus ja primär darum, Frauen in der Gesellschaft die gleichen Rechte wie Männer zu verleihen, ohne den Männern ihre eigenen Rechte aberkennen zu wollen. Wie kann es nun diskriminierend für Männer sein, wenn Frauen Rechte zugesprochen bekommen, über die das männliche Geschlecht schon längst verfügt und die es auch nicht verlieren wird? Ohne die feministische Bewegung gäbe es heute beispielsweise kein Wahlrecht für Frauen, und Ehefrauen müssten noch immer ihren Mann darum bitten, doch ein Bankkonto für sie zu eröffnen – so wie es in Luxemburg noch bis in die 70er-Jahre (!) hinein der Fall war.

Der Feminismus setzt sich vor allem dafür ein, die alten patriarchalischen Strukturen in der Gesellschaft aufzulösen; dabei ist es leider üblich, dass Männer wie Kartheiser sich davon in ihrer Machtposition, die ebendiese patriarchalische Gesellschaft ihnen ungerechtfertigterweise verliehen hat, bedroht fühlen. Dabei wollen Feministinnen nicht, so wie Kartheiser irrwitzigerweise glaubt,  die alte Form der Unterdrückung durch eine neue ersetzen und etwa ein totalitäres Matriarchat errichten – vielmehr ist das Auflehnen der Frauen gegen die patriarchalischen Strukturen exemplarisch für ein Auflehnen gegen alle Formen der Unterdrückung. Der Feminismus ist somit alles andere als eine totalitäre Ideologie – denn totalitäre Ideologien basieren eben auf Unterdrückung und Gleichschaltung – , sondern vielmehr Rebellion, die sich eben auch politischer Mittel bedient um etwa Frauen wie eingangs erwähnt Rechte zu verleihen, die ihnen genau so sehr zustehen wie Männern.

Kartheiser setzt nun aber diesen Feminismus mit dem radikalen Feminismus gleich. Alice Schwarzer, die er zitiert hat, ist sicherlich keine radikale Feministin, auch wenn Kartheiser dies glauben mag. Manche radikale Feministinnen sind nämlich tatsächlich männerhassend, und basieren ihr Auflehnen gegen das Patriarchat eben auf dieser oftmals rein subjektiv bedingten Abneigung gegenüber Männern. Der Großteil der Feministinnen hat aber erkannt, dass diese Einstellung kontraproduktiv für das Erstreben der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist – daher ist sie in der aktuellen, dritten Welle des Feminismus auch kaum mehr verbreitet.

Dat wat d’Fortbestoen vum Mënschegeschlecht iwwerhaapt erméiglecht, nämlech déi géigesäiteg sexuell Attraktioun vu Mann a Fra gëtt hei als eng “kulturell” Konstruktioun duergestallt. Da froen ech mech awer, op dat och soss an der Natur kulturell determinéiert ass?

(„Das was das Fortbestehen des Menschengeschlechts überhaupt ermöglicht, nämlich die gegenseitige sexuelle Attraktion von Mann und Frau wird hier als „kulturelle“ Konstruktion dargestellt. Dann frage ich mich aber, ob das auch sonst in der Natur kulturell determiniert ist?“)

Kartheiser – welch großartiger Retter des „Menschengeschlechts“!

Natürlich ist die sexuelle Attraktion zwischen Mann und Frau keine „kulturelle“ Konstruktion  – genauso wenig wie auch die sexuelle Attraktion zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau es ist.  Das erwähnt Kartheiser aber ganz bewusst nicht, da er Homosexualität als etwas Unnatürliches erachtet, das der Natur des Menschen widerspricht – dabei ist Homosexualität aber auch in der Natur anzutreffen.

Dazu ist es nicht die sexuelle Anziehung, die eine kulturelle beziehungsweise gesellschaftliche Konstruktion ist, sondern das soziale Geschlecht, das Gender also – und es ist wahrscheinlich das, was Alice Schwarzer mit ihrem Zitat gemeint hat.

Männer und Frauen unterscheiden sich nämlich durchaus biologisch – aber diese nicht besonders gravierenden Unterschiede werden von der Gesellschaft umso stärker hervor gehoben und unnötigerweise hoch stilisiert, oder es werden kurzerhand künstliche Unterschiede erschaffen. Unser ganzes „Männer“- und „Frauen“-Bild ist ausschließlich ein soziales Konstrukt. Dass Frauen beispielsweise weniger verdienen als Männer fußt nicht auf einem biologischen Unterschied, sondern ist gesellschaftsbedingt. Dass Frauen sich anders anziehen als Männer, liegt nicht an ihrem biologischen Geschlecht, sondern am Frauenbild in der Gesellschaft. Dass Frauen anscheinend emotionaler sind als Männer, liegt nicht am Geschlecht, sondern an der Gesellschaft, die Männern einbläut, sie sollten ihre Emotionen unterdrücken, weil sie nur so „richtige“ Männer im Sinne des klassischen Genderbilds seien – ein fataler Trugschluss, der schon seit vielen Jahrhunderten herumgeistert und unzählige junge Männer in ihrer persönlichen und emotionalen Entwicklung stark negativ beeinflusst hat und es noch immer tut. Trotzdem: viele Teile der Gesellschaft sind in der Hinsicht glücklicherweise schon weiter als Kartheiser, auch wenn noch viel Nachholbedarf besteht.

Kartheisers Ansichten sind in zweierlei Hinsicht enorm fragwürdig: einerseits hat er ein sehr konservatives Bild der Frau in der Gesellschaft – und zwar sieht er sie, drastisch ausgedrückt, als Gebärmaschine und Küchenhüterin, – ein Rollenbild also, von der sie sich glücklicherweise schon vor Jahrzehnten gelöst hat – und desweiteren sieht er dieses Bild dann noch durch geringfügige biologischen Unterschiede des Geschlechts legitimiert, anstelle einen Unterschied zwischen biologischem und sozialem Geschlecht zu ziehen. Denn die Unterschiede zwischen Mann und Frau sind im sozialen Geschlecht, dem Gender also, weitaus zahlreicher als im biologischen Geschlecht vertreten – und anders als biologische Unterschiede lassen sich all diese gesellschaftsbedingten Unterschiede glücklicherweise sehr wohl ausmerzen, besonders wenn sie Frauen benachteiligen. Wir haben das Genderbild der Frau selbst in der Hand und können die geringfügigen biologischen Geschlechtsunterschiede dabei getrost außer Acht lassen – das scheint Kartheiser allerdings nicht begreifen zu wollen. Deswegen möchte ich hier noch einmal Kartheisers Thesen ein sehr passendes Zitat von Simone de Beauvoire entgegenstellen:

« On ne naît pas femme : on le devient. »

(“Le Deuxième Sexe”, p.13)

Anders als Kartheiser in seiner deterministischen Weltansicht annimmt, werden Frauen nicht als Frauen geboren, sondern werden erst zur Frau; und hierin liegt auch die Freiheit, diesen Prozess selbst in die Hand zu nehmen, ungeachtet irgendwelcher vernachlässigbaren geschlechtlichen Bedingungen. Letztlich widerspricht es sicher nicht unserer Natur, Frauen Rechte – welche letztendlich auch soziale Konstrukte sind – zuzugestehen, über die Männer schon längst verfügen, und sie mit Männern gleichzustellen.

Kartheiser geht nun aber noch einen Schritt weiter:

Ech sinn a bleiwe ebe naïv. Fir mech ass souwuel d’Konstruktioun vun de respektive Geschlechtsorganer wéi de Prinzip selwer vum Entstoe vum neie Liewen iwwereestëmmend mat der reziproker a komplementarer sexueller Zougeuerdentheet vun denen zwee Geschlechter. Sexuell Loscht ass en agreable Niewephänomen vun der Sexualitéit, net hire Sënn an Zweck.

Dat Leit kënnen aner Gefiller hunn ka virkommen. Dat verschidde Mënsche biologesch aanecht gebaut sinn, och. Dat läit a mengen An ausserhalb vun der sexueller “Norm” – als “Standard” definéiert a net als moralesch Wäertungskategorie –  an ass an dem Sënn eng “A-Normalie”.  Ech wëll Leit déi anecht fillen oder anecht sinn net méi schlecht a net besser behandele wéi anerer, ech wëll awer net déi Manéier wéi hir Sexualitéit ass ”norméieren” also zum Standard erhiewen.  Ech wëll och net eng net-reproduktiv Sexualitéit gläichsetzen mat enger reproduktiver – net konzeptuell an net rechtlech.

(„Ich bin und bleibe eben naiv. Für mich ist sowohl die Konstruktion von den respektiven Geschlechtsorganen wie der Prinzip selbst vom Entstehen von neuem Leben übereinstimmend mit der reziproken und komplementären, sexuellen Zugeordenheit von den zwei Geschlechtern. Sexuelle Lust ist ein angenehmes Nebenphänomen von der Sexualität, nicht deren Sinn und Zweck.

Dass Leute andere Gefühle haben kann vorkommen. Dass verschiedene Menschen biologisch anders gebaut sind, auch. Das liegt in meinen Augen außerhalb der sexuellen „Norm“ – als „Standard“ definiert und nicht als moralische Wertungskategorie – und ist in diesem Sinne eine „A-Normalie“. Ich will Leuten die anders nicht schlechter und auch nicht besser behandeln als andere, ich will aber auch nicht die Art und Weise, wie ihre Sexualität ist, “normieren”, also zum Standard erheben. Ich will nicht nicht-reproduktive Sexualität gleichsetzen mit reproduktiver – nicht konzeptuell und rechtlich.”)

Es ist Kartheisers an sich schon sehr dünner Argumentation nicht besonders zuträglich, wenn er sich selbst noch – geradezu süffisant-trotzig – gleich als „naiv“ darstellt. Seine Fokussierung auf den fortpflanzungstechnischen Aspekt der Sexualität geht wohl mit seinen christlichen Wertvorstellungen einher – Sex als Selbstzweck und nicht als Mittel zur Fortpflanzung ist für ihn Sinnbild einer enthemmten, unmoralischen und nur auf das Erfüllen ihrer Lüste ausgerichteten Gesellschaft.

Diese Position untergräbt allerdings die Komplexität der menschlichen Sexualität in all ihren Facetten. Es stimmt sehr wohl, dass die Sexualität des Menschen als Teil des Selbsterhaltungstrieb einen biologischen Ursprung hat. Allerdings hat die menschliche Sexualität schon vor langer Zeit – nämlich zu dem Zeitpunkte, als der Mensch seine Vernunft entwickelte und die Sexualität mitsamt seiner anderen Triebe nicht nur eine biologische, sondern auch soziale, kulturelle und politische Dimension erhielt – ihre biologischen Grenzen transzendiert. Zur menschlichen Sexualität gehört längst viel mehr als sich nur fortzupflanzen und das Fortbestehen der Menschheit zu sichern – dass jene, die dieses sichern laut Kartheiser bevormundet werden sollen, ist Zeichen eines zynischen Utilitarismus. Dazu widerspricht er sich in seiner Argumentation offenkundig selbst: er möchte Leute, die anders fühlen oder anders sind nicht schlechter oder besser behandeln (damit sind wohl offensichtlich Homosexuelle gemeint) – tut aber genau das, in dem er so gleich im darauffolgenden Satz sagt, dass er “reproduktive” und “nicht-reproduktive” Sexualität „konzeptuell“ und „rechtlich“ nicht gleich setzen will. Homosexuelle sind in Kartheisers Augen also nicht dem Fortbestehen der Menschheit dienlich und sollten dementsprechend nicht die gleichen Rechte wie Heterosexuelle erhalten – nun vermehrt sich aber besonders in den Industrienationen schon seit Jahrzehnten die Anzahl der heterosexuellen Paare, die keine Kinder haben wollen. Müssten die in Kartheisers Logik nicht auch genauso wie homosexuelle Paare behandelt werden?

Der Mensch besitzt mit der Vernunft die Möglichkeit, sich über seine biologische Bedingtheit hinweg zu setzen und nicht mehr nach ihr agieren zu müssen – und das ist auch gut so. Wieso also versuchen, zwecks der Vernunft wieder biologische Bedingtheiten in den Mittelpunkt des Interesses stellen zu wollen? Sollte die Vernunft nicht eben diese überwinden und insbesondere unsere Sexualität zu mehr machen als nur einem reinen Fortpflanzungstrieb?

Kartheisers Schlussfolgerung – die einen sehr fragwürdigen Bogen zwischen Kritik am Feminismus, Gender/Geschlecht-Prinzip und Homosexualität als “A-Normalie” schlägt – am Ende des Artikels ist dann wiederum mehr als beunruhigend, wenn nicht gar regelrecht schockierend:

An dem Sënn ass de Begrëff  vun der “Diskriminéierung”, dem  “Anecht-Behandelen”,  legitim wann en holistesch interpretéiert gëtt – an am Kontext vun der Sexualitéit kann dat nëmmen heeschen, datt déi Dimensioun vun der Reproduktioun an d’Interessien vun de Kanner musse mat abezu ginn.

 

(…)

 

Mir liewen an enger Gesellschaft déi wëll vergiessen datt diskriminéieren, also anecht behandelen, ka richteg a legitim sinn. Mir sinn net all an all Hinsicht gläich a mir sollen och net vun der Politik gläich gemaach ginn.

 

(„In dem Sinne ist der Begriff von der „Diskrimination“, dem „Anders-Behandeln“, legitim wenn er holistisch interpretiert wird – und im Kontext der Sexualität kann das nur heißen, dass die Dimension der Reproduktion und die Interessen der Kinder mit einbezogen werden müssen.

 

(…)

 

Wir leben in einer Gesellschaft, die vergessen will dass diskriminieren, also anders behandeln, richtig und legitim sein kann. Wir sind nicht in aller Hinsicht gleich und wir sollten auch nicht von der Politik gleich gemacht werden.“)

Kartheiser setzt hier tatsächlich „Diskriminierung“ mit „Anders-Behandeln“ gleich – das ist ein ungeheurer Euphemismus. Er verharmlost also den negativen Begriff der Diskriminierung und relativiert ihn, indem er ihn als Synonym für den an sich neutral Ausdruck „anders behandeln“ benutzt. Und nicht nur das: er erachtet „Diskriminierung“ in manchen Fällen sogar als „legitim“ und „recht.“

Man muss sich einmal vor Augen führen, was für eine schiere Monstrosität Kartheiser da von sich gibt: Homosexuelle, die in Russland nicht mehr öffentlich ihre Liebe zeigen dürfen und von der Politik systematisch als Menschen zweiter Klasse stigmatisiert werden, werden in seinen Augen nur „anders behandelt“;  Obdachlose, die in Ungarn von der Regierung in andere Viertel zwangsverlegt werden, werden in seiner Logik nur „anders behandelt“; Millionen von Afroamerikanern, die ihr ganzes Leben in den Ketten der institutionalisierten und legitimierten Sklaverei verbrachten, wurden nur „anders behandelt“; Frauen, die einzig und allein ihres Geschlechts wegen weniger als Männer verdienen und weniger Rechte haben, werden also nur „anders behandelt“; und religiöse Gruppen, die von der Politik daran gehindert werden ungestört ihren Glauben auszuleben, werden auch nur „anders behandelt“.

In diesem Abschnitt macht sich auch die Hypokrisie, die Kartheisers gesamten Artikel durchzieht, deutlich bemerkbar. Hat er den Feminismus noch am Anfang dafür kritisiert, als totalitäre Ideologie bis in das Privatleben der Menschen vordringen zu wollen, ist es für ihn allerdings offenbar vollkommen in Ordnung, dass die Politik Menschen diskriminiert – und somit auch sehr tief bis in ihr Privatleben vordringt.

Um die ganzen Ausmaße dieser hypokritischen Argumentation zu verdeutlichen, wende ich sie jetzt einmal auf ein extremeres Beispiel an. In Uganda werden Homosexuelle durchaus „anders behandelt“ – dort gab es nämlich vor Kurzem Entwürfe für ein Gesetz, Homosexualität unter Todesstrafe zu stellen. Kartheisers Logik besagt, dass eine Gleichstellung der Homosexualität mit der Heterosexualität durch die Politik ein zu verheerender Einschnitt ins Privatleben sei – die Todesstrafe (oder jegliche andere Strafe) auf Homosexualität aber offenbar nicht, denn immerhin würde die Politik Homosexuelle ja auf diese Art und Weise „anders behandeln“ als Heterosexuelle, und das wäre „legitim“. Natürlich sagt Kartheiser an keiner Stelle, dass man Homosexuelle umbringen sollte – aber seine Deutung der „Diskrimination“ und seine Ablehnung gegenüber der Gleichstellung von Hetero- und Homosexuellen könnte im drastischsten der Fälle auch so angewandt werden.

Zusammengefasst darf die Politik laut Kartheiser uns Menschen also auf keinen Fall gleichmachen – uns diskriminieren aber schon.

Ech wëll keng Gläichheetsideologie a keng Gläichmaacherei, mee eng differenzéierend Gerechtegkeet.

(„Ich will keine Gleichheitsideologie und keine Gleichmacherei, sondern eine differenzierende Gerechtigkeit.“)

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf den Begriff der „differenzierend(en) Gerechtigkeit“ eingehen, den Kartheiser hier anwendet: dieser Ausdruck impliziert, dass die „Gerechtigkeit“ und somit auch die Rechtssprechung zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts und Sexualität differenzieren und sie so letztendlich auch anders behandeln soll. Das untergräbt meiner Meinung nach auf eine Besorgnis erregende Art und Weise die Grundlage des Rechtsstaates, in dem jeder Bürger – egal welchen Geschlechts, welcher Sexualität oder Herkunft – gleich vor dem Gesetz sein und über die gleichen Rechte verfügen sollte. Ein Staat, der bei der Rechtssprechung auf diese Eigenschaften – die sehr wohl Teil des Privatlebens sind – Bezug nimmt, anstelle alle Menschen a priori als gleichgestellt zu erachten, ist willkürlich, gefährlich und nahe an eben jener totalitären Ideologie, die Kartheiser am Anfang seines Artikels noch kritisiert hat.

Kartheisers Auffassung des Menschen bezüglich seiner Natur ist dazu sehr deterministisch geprägt – ein bemerkenswert negatives Bild, denn es untergräbt die Freiheit des Menschen. Der Mensch kann sich aber schon alleine durch die Tatsache, dass er Vernunft besitzt, seiner Natur  widersetzen – und wird es auch immer tun. Und das ist auch gut so, denn dadurch besitzen wir nämlich die Möglichkeit, uns aus unserer natürlichen und biologischen Bedingtheit zu befreien oder diese zumindest zu lindern und das Leben somit weitaus facettenreicher zu erleben. Dieses Wissen um die Freiheit lässt einen auch letztlich voranschreiten – ganz im Gegensatz zu dem regressiven, durch und durch konservativen Determinismus, den Kartheiser vertritt.

Nach alldem verwundert es auch gar nicht, dass Kartheiser, wie am Anfang meines Artikels erwähnt, Werbung für die Anti-Homosexuellenheiratdemo macht:

Demonstratioun vun e Sonndeg fir d’Famill

Publiziert am 31. Januar 2014 von fkartheiser

Hei eng Informatioun vun de “Veilleurs”:

“Chers amis,

Le 2 février ce sont pas moins de 10 villes et capitales européennes qui seront là pour porter haut les couleurs de la FAMILLE: Paris, Lyon, Madrid, Varsovie, Rome, Bruxelles, Bucarest, Budapest, Riga et LUXEMBOURG! Mais la mobilisation sur ces valeurs universelles dépassera aussi les frontières de l’Europe avec des rassemblements prévus à Buenos Aires, Hong Kong et Taiwan!

La FAMILLE est plus que jamais une valeur universelle et elle n’a jamais eu autant d’importance que par temps de crise, car la cellule familiale est la structure sociale de proximité par excellence! Défendons notre modèle de société, défendons la Famille! Ce sera aussi l’occasion de réaffirmer notre refus de cette société déshumanisée que l’on nous promet: NON à la PMA, NON à la GPA, NON à la marchandisation du corps humain! NON au brouillage des repères: un enfant aura toujours besoin d’un Père et d’une Mère pour se construire!

Alors pas question de louper ce grand RDV: on vous atttend tous pour ce rassemblement familial et festif le dimanche 2 février de 15h à 17h, au Kinnékswiss à Luxembourg-ville, grande esplanade verte située à deux pas du Glacis.

Au programme :

  • 15h-16h : Défi familial et sportifpour les « actifs » de tous âges et ateliers d’argumentationpour les « intellectuels »
  • 16h-16h15 : Discours sur le sens et la portée de notre engagement.
  • 16h15 – 17h : « Vin et chocolat chauds pour tous »
  • Au-delà, pour les volontaires, Veilleurs Debouts – Sentinelles

Merci de venir :

  • avec des drapeaux de vos pays pour marquer la dimension internationale de l’événement
  • des tenues colorées, des ballons, des banderoles au couleur bleu et rose
  • des thermos de vin et chocolat chauds à partager.

Nous comptons sur votre présence ! Merci de diffuser largement autour de vous !

ONLRJJJ,

 

Les Veilleurs du Luxembourg

Ihr wisst also, was zu tun ist: trommelt Freunde, Familie und Gleichgesinnte zusammen, stellt euch den homophoben Demonstrierenden am Sonntag, den 2.Februar, von 15-18 Uhr auf der Königswiese, entgegen und tanzt, feiert und schreit sie nieder – zeigt ihnen, dass Intoleranz, Diskriminierung und Homophobie nirgendwo willkommen sind!

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Fernand_Kartheiser

http://fkartheiser.lu/?p=4575

http://fkartheiser.lu/?p=4311

http://fkartheiser.lu/?p=3681

http://fkartheiser.lu/?p=4571

http://www.rtl.lu/letzebuerg/505937.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Association_des_Hommes_du_Luxembourg

Simone de Beauvoir : Le Deuxième Sexe. Le livre fondateur du féminisme moderne en situation, ouvrage dirigé par Ingrid Galster, Paris, Éditions Champion, 2004

Liebe luxemburgische Patrioten, …

Liebe luxemburgische Patrioten,

(ich habe sogar extra nicht gegendert, da ihr ja schon genug unter den bösen Gutmenschen, die euer schönes heiles patriarchistisches Weltbild zerstören wollen, leiden müsst !)

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ihr und ich – ihr habt ja die Tendenz, euch immer künstlich von anderen Menschen abgrenzen zu wollen, also dürfte euch diese Einteilung wohl recht sein – noch nie eine besonders freundliche Beziehung zueinander hatten. Das könnte unter anderem daran liegen, dass ich Patriotismus und Nationalismus als überflüssig, stumpfsinnig, abstrus und gefährlich empfinde und euch gerne öffentlich (insbesondere auf meinem alten Blog) mitsamt eurer polemischen Hasstiraden – die bar jeglicher Logik oder Argumente sin –  der Lächerlichkeit preisgegeben habe. Das hat dann auch immer wieder zu sehr liebreizenden Reaktionen eurerseits geführt. (Ich habe mir jedenfalls all eure sorgfältig formulierten Morddrohungen und Obszönitäten, die ihr mir zumeist anonym – ein waschechter, stolzer Luxemburger ist ja immerhin dermaßen von Mut beseelt, dass er nicht seinen richtigen Vor- und Nachnamen zu nennen braucht –  zugesendet habt, eingerahmt und als Zeichen meiner Zuneigung über meinem nicht-existenten Kamin aufgehängt).

In den vergangenen Monaten wart ihr beachtenswert ruhig – was darauf schließen lässt, dass sich eure Synapsen wohl gerade erholt haben. Immerhin ist sinnloses Rumhämmern auf der Tastatur, um dieser eure widerlichen, in patriotische Lobeshymnen verpackten rassistischen Ressentiments mit möglichst vielen Ausrufezeichen zu entlocken, eine mentale Meisterleistung, die eben Opfer fordert (unter anderem auch unzählige graue Zellen beim Lesen dieser sprachlichen und argumentativen Meisterleistungen).

Das hat dann für das Abebben unserer reichhaltigen und erbaulichen Diskussionen, bei denen ihr euch so gerne auf die Meinungsfreiheit berufen habt (solange diese nur für euch galt; kritische Stimmen sind in einer Demokratie, deren Werte ihr vertritt, ja schließlich da um geblockt zu werden), gesorgt. Und ich muss sagen: ich habe euch allmählich ganz dolle vermisst – ähnlich diesem Abszess, das immer gerne in regelmäßigen Abständen meinen Mund malträtiert.

In den letzten Tagen aber kam ich bei der schier unermesslichen Fülle an euren vor Intelligenz nur so strotzenden Beiträgen, die meine Facebookwall in Form von stumpfen, nationalistisch geprägten Memes („Keep Calm and Schwätz Letzebuergesch“ – ehrlich? Ich kann gar nicht fassen wie grandios sich dieser Spruch selbst ins Knie schießt), Statussen an der Grenze zur geistigen Umnachtung, linguistisch-historischem Halbwissen über das Luxemburgische, falschen Statistiken zur Anzahl der Luxemburgischsprechenden (es sind 73% der Gesamtbevölkerung, übrigens) und xenophoben und rassistischen Ausfälle wieder einmal zum Schluss, dass aus unserer Relation zueinander wohl keinerlei Blüten der Sympathie mehr hervor sprießen werden. Und ihr habt mit eurem Gehabe unter Beweis gestellt, dass man kein gesundes Verhältnis zum Patriotismus haben kann, weil das Gebilde des Patriotismus an sich schon krank ist.

Warum, um alle erdenklichen Götter willen, beharrt ihr dermaßen auf der luxemburgischen Sprache und verlangt unerbittlich von Ausländern sie zu erlernen, wenn ihr selbst sie nicht einmal richtig schreiben könnt und anscheinend auch nicht einmal dazu imstande seid, Abendkurse im Luxemburgischen zu besuchen? Wenn euch soviel an eurer heiß geliebten Sprache liegt, dass ihr diese sogar als Vorwand benutzt um euren ekelhaften rassistischen Vorbehalten freien Lauf zu lassen, dann ist es umso unfassbar erbärmlicher dass ihr offenbar doch nicht genügend Zeit besitzt, sie richtig lernen zu wollen. Habt ihr als waschechte Luxemburger etwa das angeborene Recht dazu, auf solche Kurse zu verzichten, während die ausländischen Mitbürger sie sehr wohl besuchen sollen? Wie widersprüchlich ist das?

Oh, und welch unermessliches Mitleid mich befällt bei all den tragischen Schicksalen, die ihr auf dieser neu ins Leben gekrochenen und vor braunem Gedankengut starrenden Seite, die definitiv von viel zu vielen Leuten aus meiner Freundesliste geliked wurde (und die sich gar nicht bewusst sind, dass sie von Steve Melmer, einem Rechtsradikalen, der in seiner Freizeit gerne in SS-Uniform posiert und liebend gerne Hitler zitiert, betrieben wird) mit den Menschen teilt – ich weine mich tagtäglich in den Schlaf und verschütte so viele bittere Tränen deswegen, dass sogar der Pazifik vor den angestauten Wassermassen erbleicht! Kaum zu fassen, welch schier unerträgliches Leid sich in all den luxemburgischen Bäckereien – offenbar der beliebteste und einzige Aufenthaltsort der Luxemburger, da die Mehrheit der auf der Seite geschilderten Ereignisse sich bizarrerweise dort zugetragen hat – tagtäglich abspielt, wenn den böswilligen Verkäufern nicht das gewünschte liebreizende „MOIEN“ über die Lippen dringt, sondern ein in den Ohren der Patrioten geradezu wie ein in der Hölle geschmiedetes Lied erklingendes „EN FRANÇAIS S.V.P.“.

Was in aller Welt trägt die Schilderung solcher lächerlichen Banalitäten – mit darauf folgenden hypokritischen, haarsträubend xenophoben und rassistischen Aussagen, die auffällig oft mit „Ich bin kein Rassist, aber…“ beginnen – auch nur in irgendeiner Form zu einer Lösung der Probleme, die durch die unbestritten komplexe Sprachsituation in Luxemburg entstehen, bei? Was bitte tragen eure stumpfsinnigen patriotische Bekundungen, dass ihr stolz auf den Fleck Erde seid, auf dem ihr das unverschämte Glück hattet geboren zu werden, überhaupt Konstruktives bei?

Genau: nichts. Rein gar nichts. Ihr tragt nichts zu der Diskussion bei; ihr beruft euch nur auf ein eingebildetes Gefühl für den empirisch nicht einmal erfahrbaren Begriff der Nation; glaubt, ihr könntet damit etwas bewegen und steigert euch immer mehr in eure kruden Verschwörungstheorien, die auf falschen Statistiken und Halbwissen basieren und eure Paranoia, man wolle die ach so armen Luxemburger „ausrotten“, hinein. Dabei beruht eure Auffassung, Luxemburgisch würde aussterben, auf eurem subjektiv verzerrten Bild der Realität – dem ihr aber das Recht verleiht, als so allgemeingültig zu gelten, dass ihr andere Menschen dafür aufgrund ihrer Herkunft beleidigen und ausgrenzen dürft.

Ach du meine Güte! Mir fällt jetzt erst mein harscher Tonfall auf. Entschuldigt mich bitte vielmals dafür, meine verehrten Patrioten: ich wollte euch nur auf diplomatische und einfühlsame Art und Weise verdeutlichen, dass ihr Witzfiguren seid.

Da ihr aber vor allem Mitleid wollt, weil ihr immer wieder beim morgendlichen Brötchenkauf die Hölle durchlebt, versuche ich jetzt trotzdem mal, anders an die Sache heranzugehen. Ihr habt nämlich vor allem eines: ein Identitätsproblem. Und eure Auffassung von Identität korreliert mit der Auffassung, dass eine Nation nur einem „Volk“ gehöre und nur eine einzige Sprache spreche. Ganz davon abgesehen, dass das Konzept von Nationen überholt ist – so sieht die Welt heutzutage nicht mehr aus, und so hat sie auch nie ausgesehen. Und besonders im Falle von Luxemburg, das sich über seine Mehrsprachigkeit definiert, ist es schon seit der Staatsgründung so, dass Französisch, Deutsch und Luxemburgisch alle drei die Nationalsprachen Luxemburgs sind.

Somit muss ich euch, meinen liebenswürdigen Patrioten, leider mitteilen, dass ihr unter einer gravierenden kognitiven Dissonanz leidet: wenn man denn den Staat und die Nation Luxemburg als solche anerkennt – was ich nicht tue, aber das ist jetzt nicht von Belange – und sich auf dessen Einzigartigkeit beruft, so schließt man somit auch gleich die Mehrsprachigkeit mit ein. Dass ihr – also die selbsternannten Patrioten und Nationalisten – genau diese aufheben möchten, ist dann geradezu belustigend – denn so negiert ihr bewusst eines der wenigen Dinge, das euer verehrtes Luxemburg überhaupt auszeichnet. Verzwickt, nicht wahr?

Um noch mal zum Problem der Identität in Kombination mit daraus umso stärker auftretendem Nationalstolz zurückzukommen – Arthur Schopenhauer, einer meiner Lieblingsphilosophen, hat den Grund dafür sehr treffend formuliert:

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.” – Parerga und Paralipomena, Aphorismen zur Lebensweisheit, Von dem was einer vorstellt. pp. 360

Und – Überraschung! -, seine Identität kann man auch definieren, ohne patriotischen und nationalistischen Schwachsinn von sich zu geben oder etwas für eine Nation zu „empfinden“ und daraufhin so emotional befangen zu sein, dass man ständig weinen oder in Zorn ausbrechen oder beides gleichzeitig tun muss weil die arme luxemburgische Sprache anscheinend auf dem Sterbebette liegt weil sie von den diabolischen Ausländern so arg verprügelt wurde. Anstelle euch also ständig auf euren plumpen Stolz zu verschränken: tut etwas Sinnvolles und Konstruktives, auf das ihr auch wirklich stolz sein könnt – beispielsweise, in dem ihr versucht, eine konkrete (bildungs)-politische Lösung für die durch die Sprachsituation in Luxemburg auftretenden Probleme zu finden.

Und die besteht sicherlich nicht draus, dass ihr eure Croissants bei Fischer auf einmal auf Luxemburgisch bestellen könnt oder ihr alle ausländischen Mitbürger (wie mich diese willkürliche Einteilung in Ausländer und Einheimische schon per se aufregt, aber des Verständnis und der Veranschaulichung wegen greife ich darauf zurück) des Landes verweist, damit die Wirtschaft schön zusammenbricht. Ich dachte da schon viel eher beispielsweise an ein breiteres Angebot an Luxemburgischkursen oder eine einheitliche Alphabetisierung einerseits in Luxemburgisch, aber auch auf Deutsch und Französisch in der Schule – aber das wäre euch dann ja wieder zu anstrengend, nicht wahr?

Mit freundlichen Grüßen,

Maxime Weber

P.S.: Im Anhang habe ich euch noch ein paar schöne Screenshots von Aussagen des Betreiber der bereits eingangs erwähnten Seite “Fir all dei et satt hun gesot ze kreien “scheiss letzeboier”    :O”, die in den letzten Tagen für soviel Aktivität eurerseits gesorgt hat, mitgeschickt. Enjoy 🙂

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