“Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken! Es ist nicht lange her, da wart ihr noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen, das ihr mich niesen und lachen machtet – und jetzt? […]
– Friedrich Nietzsche, “Jenseits von Gut und Böse”, 296
Die menschliche Sprache ist unbestritten das komplexeste und ausgereifteste Kommunikationsmittel unserer Spezies – eine evolutionäre Ausnahmeerscheinung, zu der es in der Natur bis dato kein vergleichbares Pendant gibt. Dank ihrer Entwicklung vermochte der Mensch erst, komplexen Gedankengängen eine verständliche Form zu verleihen und anderen mitzuteilen, zu abstrahieren und letztendlich auch Poesie und Literatur hervorzubringen, die die Eigenarten, Vielschichtigkeiten und Möglichkeiten zur Ambivalenz der menschlichen Sprache zur Vollendung brachte. Nichtsdestotrotz ist die Sprache auch eine unüberwindbare Barriere zwischen uns als Individuen und den Menschen um uns herum, denen wir gerne etwas mitteilen möchten. Allzu oft widerfährt es uns, dass wir die Emotionen, die beim Anblick einer geliebten Person in unserem Innern toben, nicht in Worte zu fassen vermögen und alles, was wir diesbezüglich über unsere zitternden Lippen bringen, nicht im Entferntesten an die Großartigkeit jener Gefühle in uns heranreicht und notwendigerweise Enttäuschung hervor ruft; allzu oft dringen die Sätze nicht so aus uns heraus, wie wir sie uns mühselig in unseren Gedanken zurechtgelegt haben, und wirken nur noch wie ein grauer und müder Abdruck ihrer selbst, da sie nicht mehr über jene ursprüngliche wilde Kraft und Intensität verfügen, die sie noch in den Tiefen unseres Kopfes besessen hatten; und allzu oft findet wir uns in erbitterten, ungewollten Streitgesprächen wieder, weil wir die eigentliche Aussage all unserer Gedanken und Gefühle zu einem bestimmten Thema nicht in eine sprachliche Form zu gießen wissen und so Missverständnisse zwischen uns und unseren Gesprächspartnern säen, aus der dann Isolation und Entfremdung vor den anderen Menschen sprießen. In der schmerzhaften Diskrepanz zwischen dem, was wir ursprünglich denken, und dem, was wir letztendlich sagen, offenbart sich die ganze Tragik der menschlichen Existenz – jeder ist für sich alleine, gefangen in seinem Körper und in seiner eigenen Gedankenwelt, und nicht einmal die Sprache vermag die hoch aufragende Mauer zwischen den einzelnen Subjekten niederzu reißen. Diese durch die Machtlosigkeit der Sprache, die Gedanken eines Menschen exakt wiederzugeben, ausgelöste Isolation des Individuums wurde insbesondere im Theater des Absurden ausgiebig erkundet – sei es in Eugène Ionescos Les chaises, La Leçon oder La cantatrice chauve, in der, durch skurrile und oftmals zu einem nachdenklichen Lachen anregende sinnlose Dialoge unsere alltäglichen Gespräche als eklatante Oberflächlichkeiten und leere Worthülsen, die unsere tiefsten Wünsche und Gedanken nicht einmal im Ansatz den Menschen um uns herum vermitteln können und somit zu unserer Entfremdung beitragen, entlarvt werden, oder in Samuel Becketts En attendant Godot, in der Sprache zum sinnentleerten Zeitvertrieb in einer feindseligen Welt degradiert wird.
Öffentliche Unordnung, das letzte Woche unter der Leitung von Katrin Kazubko und Jurij Diez auf der Studiobühne twm in München an mehreren Abenden aufgeführt wurde und auf dem Drama Désordre public der franko-kanadischen Dramatikern und Schauspielerin Evelyne de la Chenelière basiert, befasst sich nun auch mit diesem Thema, wenn auch in einer äußerst interessanten Variation. Es wirft nämlich die Frage auf, was passieren würde, wenn wir die scheinbar unüberwinderbare Mauer, die die Sprache um uns herum errichtet, kurzerhand durch Gedankenlesen zerschmettern könnten und somit einen direkten und ungefilterten Einblick in die tiefsten Gedanken, Hoffnungen und Wünsche unserer Mitmenschen erhalten würden – und die Antwort darauf ist gleichermaßen ungemein erheiternd, als auch unsagbar tragisch.
Max, der Protagonist des Theaterstücks (gespielt von Valentin Walch), ist ein egozentrischer und verkappter, erfolgloser Schauspieler, der eines Tages in einem bis zum Bersten gefüllten Bus – in dem die alltägliche, öffentliche Entfremdung zwischen den Menschen am Deutlichsten hervor tritt – feststellt, dass er die Gedanken der Menschen um ihn herum lesen kann. Wie ein plötzlich auftretender, aus Worten zahlloser Stimmen geformter tobender Sturm wälzt das Ereignis sein Leben komplett um – und lässt den bis dahin vorallem auf seine eigenen Wehwechen fixierten Egomanen im Laufe des eine Stunde dauernden Theaterstücks nicht nur die Sehnsüchte und Träume seiner Mitmenschen, sondern auch die Wunder als auch die Schrecken der steten Empathie entdecken.
Die eingangs erwähnte, einleitende Szene im Bus gibt dabei bereits die übergreifende Stimmung des gesamten Theaterstücks vor – eine stete Mischung aus existenzieller Tragik und feinsinniger Komik. Beide ergeben sich vorallem aus dem fehlenden Einklang zwischen dem Individuum und der ihn umgebenden Welt, und dieses Motiv wird im Laufe des Dramas immer wieder akzentuiert umgesetzt. Alleine schon das Bühnenbild in der Anfangsszene – zwei parallel verlaufende, in weitem Abstand zueinander befindliche Stuhlreihen an den Bühnenwänden, auf denen die Schauspieler Platz nehmen und die Busfahrtgemeinschaft simulieren – ist ein gelungen inszeniertes Echo der menschlichen Isolation. Der Bus wird zum Sinnbild für unsere moderne Gesellschaft, die sich aus, wie Noam Chomsky es ausdrücken würde, “atomisierten” Individuen zusammensetzt: wir verfügen zwar durch die technologischen Revolutionen der letzten Jahrzehnte über mehr Wege zur Kommunikation als jemals zuvor, aber gleichzeitig hat das zwischenmenschliche Interagieren enorm darunter gelitten. Wie im Theaterstück dargestellt, sitzen die Menschen zwar gemeinsam im Bus, geben sich dabei aber redlich Mühe, jegliche soziale Interaktion in Form von Gesprächen oder auch nur einem Lächeln zu vermeiden. Auch wenn dies, wenn es so dramatisiert dargestellt wird, befremdlich wirkt, so kann man sich auch in Rückbezug auf die Beschränktheit der menschlichen Sprache wiederum auch die unangenehme Frage stellen, ob es wirklich so beklagenswert ist, dass wir Gesprächen bewusst aus dem Weg gehen, wenn die Beschaffenheit der Sprache selbst uns schon daran hindert, unsere Gedanken überhaupt adequat wiedergeben und anderen verständlichen machen zu können. Dies wird gleich im ersten Dialog, der sich in der Anfangsszene im Bus ereignet, ersichtlich. Max fährt erbost eine Frau in der gegenüberliegenden Sitzreihe an – noch unwissend, dass er gerade ihre Gedanken gehört hat -, sie solle gefälligst “leiser lesen”, was zu einem äußerst erheiternden Gespräch zwischen den beiden führt. Doch trotz der auflockernd belustigenden Sinnlosigkeit ihrer Unterhaltung verbleibt ein bitterer Nachgeschmack – ist sie doch bezeichnend dafür, wie wir, isoliert in unserer Gedankenwelt von den anderen Menschen, zu gereizten Eremiten werden, die durch die bereits erwähnte Beschränktheit der menschlichen Sprache nicht dazu fähig sind, miteinander zu kommunizieren und so zu Verständnis untereinander zu gelangen. Die Momente der Harmonie im Theaterstück treten erst auf, als Max sich in das Gedankenlesen stürzt – die direkten Gespräche zwischen den Menschen hingegen bleiben stets von Dissonanz gezeichnet und rutschen immer wieder in absurde Gespräche ab.
Als Max sich dann schließlich seiner Fähigkeit bewusst wird, taucht er ein in den oftmals verwirrenden und unergründlichen Ozean aus flirrenden Gedanken um ihn herum, der ihn schließlich am Höhepunkt des Stücks überwältigen und seine eigene Existenz in Frage stellen lassen wird. Mit präzisen, sorgfältig ausgearbeiteten Dialogen werden dabei die Sorgen und Nöten der Figuren, denen Max begegnet, und die ohne seine Fähigkeit zum Gedankenlesen wohl nur die anonymen Statisten vom Anfang des Stücks geblieben wären, vor den Zuschauern ausgebreitet. Max begegnet einer Frau (Gina Penzkofer), die über eine bevorstehende Verabredung reflektiert und sich in ihren Gedanken als einsam und nach Liebe und gelebten Erinnerungen sehnend offenbart; einem 8-jährigen, hochbegabten, frühreifen Jungen (Elisabeth Mascha), der mit einer Mischung aus kindlicher Naivität und teils schockierender Luzidität und Offenheit seine überprotektive Mutter und die Vorgänge um ihn herum reflektiert; einem jungen Mann (Marco Müller), dessen Freundin an ihrer eigenen Existenz zweifelt und der sie, in dem er ihr ihr Bild auf dem Fernseher zeigt, vom Gegenteil überzeugen möchte und letztlich doch daran scheitert; und einer jungen Frau (Anna Möhrle), das Ariane – Max’ Freundin und Fernsehstar, gespielt von Annette Arndt – nacheifert und innerlich in Selbstzweifeln versinkt. Die Charaktere aus Öffentliche Unordnung bestechen abseits von ihren persönlichen Problemen, die Max durch das Gedankenlesen miterlebt, durch eine geradezu liebenswürdige Skurrilität, die oftmals zum Lachen anregt, aber vor dem Hintergrund der existenziellen Nöte, die das Stück immer wieder in schwermütige Gewässer manövriert, auch eine überaus tragische Note erhält. Das bewahrt den Humor des Stücks aber auch gleichzeitig größenteils davor, ins allzu Klamaukhafte abzudriften – einzig und alleine die Szene, in der Max seine hippieske Mutter auf dem Lande besucht, die ein Autonomes Zentrum für Jugendliche, die gerne einen alternativen Lebensstil abseits der Gesellschaft führen wollen, eingerichtet hat, wirkte auf mich wie Klamauk um des Klamauk willen (auch wenn es durchaus Max’ Charakter weiter ausbaute, indem es dessen Beziehung zu seiner Mutter erkundete), insbesondere als die versammelten Bewohner des Anwesens ein Loblied auf den Hasen, den sie für das Abendessen schlachten wollten, anstimmten. Das ist aber alles andere als negativ einzuschätzen – durch die warme, an einen Sonnenuntergang erinnernde Beleuchtung und die vergleichsweise durchgehend lockere Stimmung sticht die Szene deutlich heraus, und fungiert gewissermaßen als Ruhepol.
Neben den bereits angesprochenen philosophischen Thematiken haben es mir auch die teils angenehm subtilen und amüsant verkleideten gesellschaftskritischen Töne des Stücks angetan. Ein Beispiel ist hierfür eine Szene, in der eine junge Frau sich zu Max in der U-Bahn gesellt und ihm vorschlägt, für die Dauer der Fahrt beste Freunde zu sein. Unter der schieren Absurdität ihres Vorschlages, die durch das sehr überzeugende Spiel von Ilka Bock umso mehr hervorgehoben wird und für einige sehr zwerchfellzerberstende Dialogzeilen sorgt, pulsiert dabei eine vehemente Kritik an der Oberflächlichkeit und Kurzlebigkeit moderner sozialer Relationen. In Zeiten von Facebook und anderen sozialen Netzwerken befindet man sich in ständigem Kontakt zu anderen, oftmals vergleichsweise fremden Menschen, mit denen man (vorausgesetzt man gibt nicht penibel Acht auf seine Privatsphäreeinstellungen) allerdings des Öfteren schreibt und alle möglichen Inhalte teilt. Die Grenzen zwischen den einzelnen Abstufungen sozialer Relationen verwischen dabei immer mehr unter der allgemeinen, gehetzten Oberflächlichkeit unserer Epoche, und die Szene zeigt überspitzt die Konsequenz in Bezug auf Freundschaften – die ja normalerweise eine Aufbauphase und darauf folgende sorgfältige Pflege brauchen – daraus.
Ein weiteres großes Lob möchte ich letztendlich auch an die Inszenierung und die schauspielerischen Leistungen richten. Öffentliche Unordnung ist vom Tempo und Rhythmus her nahezu makellos – das Stück geht zumeist überaus zügig voran, lässt sich aber auch zu gegebenen Momenten der Kadenz genügend Zeit und Freiraum, seine Charaktere auszuleuchten und ihnen die nötige Tiefe zu verleihen. Besonders hervorheben möchte ich dabei die hervorragenden und unglaublich flüssigen Übergänge zwischen den einzelnen Szenen, die mich teilweise an filmische Schnitte erinnert haben. Ein Beispiel hierfür ist beispielsweise das Ende eines Abschnitts des Stücks, in dem Max bereits die Position für die kommende Szene eingenommen hat und den dazu gehörigen Dialog beginnt, während sich in Echtzeit das Bühnenbild um ihn herum verändert und schließlich in genannte Szene mündet – das ist also quasi die theatralische Version eines filmischen Schnitts, bei dem bereits die Soundspur der nächsten Szene zu hören ist, ehe der Schnitt zu dieser springt. Der flüssige Ablauf der Übergänge ergibt sich aber auch aus dem sehr intelligent gestalteten Bühnenbild, bei dem vor allem ein – symbolisch gesehen sehr bedeutungsschwangerer – Spiegel und Stühle zum Einsatz kommen, und deren simple, aber geschickte Anordnung auf der einen Seite die Botschaft des Theaterstücks unterstreicht (beispielsweise wenn Ariane mit ihrem Stuhl von Max wegrückt und somit deren Entfremdung als Paar umso ersichtlicher macht), andererseits aber auch äußerst wirkungsvoll und eindrücklich die Schauplätze in den Köpfen der Zuschauer errichtet. Überaus überraschend, aber auch richtig gelungen war der Einsatz von Videoprojektionen. Die dabei gezeigte und mit viel Mühe gestaltete Parodie unsäglicher RTL-Daily Soaps ließ mich vor Lachen bersten; das darauffolgende Metagespräch zwischen Max und einem der Protagonisten der Serie, das die “fourth wall” innerhalb der Realität des Theaterstücks brach, war dann wiederum eine vorbildhafte Nutzung inszenatorischer Gestaltungsmittel und ein Musterbeispiel für die Vermengung von Theater und Film, wie ich es bislang noch nicht gesehen habe. Auch das auf einer Theaterbühne vergleichsweise schwierig darstellbare Gedankenlesen wurde raffiniert umgesetzt. Am Anfang der letzten Szene beispielsweise standen alle Figuren des Stücks über die Bühne verteilt und führten leise Gespräche mit sich selbst. Wann immer Max näher an eine von ihnen herantrat und ihren Gedanken lauschte, hoben die Schauspieler ihre Stimme – somit wurde die auditive Erfahrung von Max für die Zuschauer simuliert. Allgemein waren die schauspielerischen Leistungen der Darsteller – die sich größenteils aus Theaterwissenschaftlern, die das Theaterstück im Rahmen ihres szenischen Praktikums inszenierten, zusammensetzten – auf einem hohen Niveau, vermochten sie doch die Eigenarten ihrer Figuren passend umzusetzen.
Ein Kritikpunkt, den ich an Öffentliche Unordnung auszusetzen hätte, wäre die Kürze des Theaterstücks. Auch wenn die Themen und Charaktere ausreichend beleuchtet wurden, so zog alles doch irgendwie etwas zu schnell vorüber – was dann aber wiederum für die Qualität des Theaterstücks spricht. Desweiteren wurde, wie ich aus internen Kreisen erfuhr, die in dieser Rezension besprochene Inszenierung im Vergleich zum Original gekürzt – da ich dieses allerdings nicht kenne, kann ich auch nicht einschätzen, inwiefern sich die fehlenden Teile bemerkbar machen und möglicherweise zu Einbußen gegenüber der Vorlage führen.
Insgesamt also ist Öffentliche Unordnung ein mehr als gelungenes Theaterstück, und ich hoffe inständig, dass wir künftig noch mehr von den daran beteiligten jungen Theaterleuten, die ein überaus großes Potenzial bei der Inszenierung dieses über viele faszinierende existenzielle Fragen aufwerfenden Stücks zu Schau gestellt haben, zu sehen bekommen werden.


