Die rechte Szene in Luxemburg Mitte 2016 (3/3): Knouter-Club/European Freedom Initiative, rechte Hetze auf Newsseiten, Zusammenfassung

Seit meinem letzten Blogartikel über die rechte Szene in Luxemburg im November vergangenen Jahres hat sich so einiges getan. Um angemessen auf die sich seitdem vollzogenen Entwicklungen und Aktivitäten der einzelnen relevanten Akteur*innen eingehen zu können, habe ich mich (auch auf den freundlichen Rat einiger meiner Leser*innen hin) dazu entschlossen, meinen Bericht dieses Mal in drei Teile aufzugliedern. Das dient nicht nur der Leserlichkeit, sondern bietet mir gleichzeitig auch mehr Raum zur Analyse und Dekonstruktion der Aussagen des rechten Rands. Dies ist dann auch der dritte Teil meines Texts “Die rechte Szene in Luxemburg 2016”. Teil 1 könnt ihr hier nachlesen; Teil 2 hier.

Knouter-Club/European Freedom Initiative

Wie ich bereits im letzten Teil meines Dossiers berichtet habe, mögen die Online-Aktivitäten der rechten Szene Luxemburgs zwar in manchen einst regen Sammelbecken (wie etwa Nico Castiglias Facebookprofil) stark abgenommen haben, doch an anderen digitalen Orten hetzt der braune Mob ungestört weiter und bringt regelrechte Abgründe des Fremdenhasses hervor. Einer der Moraste, die in letzter Zeit besonders auf sich aufmerksam gemacht haben, ist hierbei eine Facebookgruppe namens “Knouter Club” (welche zwischenzeitlich in “European Freedom Initiative” umbenannt wurde), welche vornehmlich von einem luxemburgischen Herrn namens Pol Sassel, der meinen Informationen nach mit keiner politischen Partei in Luxemburg affiliert ist, geleitet wird (Update 12. September 2016: Pol Sassel ist mittlerweile kein Admin mehr in der Gruppe).

Was den Knouter-Club deutlich von den bisherigen Social Media-Knotenpunkten der luxemburgischen rechten Szene unterscheidet, ist die Tatsache, dass dort auch sehr viele  Rechte und Rechtsextreme aus Deutschland Beiträge teilen und es allgemein einen starken Fokus auf das gesellschaftliche und politische Geschehen in Deutschland gibt. Dazu herrscht im Knouter Club eine bisweilen äußerst bizarre Züge annehmende, kultische Verehrung der Alternative für Deutschland (AfD) vor — was wiederum erklärt, weshalb Deutsch als lingua franca der Gruppe fungiert. Die Nähe zur AfD wird sogar explizit in der Beschreibung der Gruppe proklamiert:

“Wichtiger Hinweis:

Wir stehen der Haltung, wie die der AfD sehr nahe, das heisst Folgendes: (Die AfD ist gegen jede Form von Extremismus. Vor allem ist die AfD insgesamt gesehen gegen jede Form von Antisemitismus. …. Die AfD hat das Vakuum gefüllt, das vor allem die CDU durch Preisgabe und Verlassen ihrer bisherigen konservativen und christlichen Werte hinterlassen hat.)

“Extremismus” bezieht sich hierbei wohl nicht auf “Rechtsextremismus”, denn von solchem quillt die Gruppe geradezu über, wie ich euch nachfolgend zeigen werde. Die Beschreibung der Gruppe auf Facebook gibt dazu noch einen weiteren konfusen Einblick in ihre Ziele:

“Knouter-Club = (Grantel-Club): Knoutern = Luxemburgisch (wie Moselfränkisch) = Granteln auf Deutsch:

granteln, brummen, knurren, schimpfen, meckern.
An alle MITGLIEDER des ” Knouter-Club: Lëtzebuerger knouteren …” (MECKER-Club: Luxemburger und alle unsere lieben gleichgesinnten Nachbarn aus unseren Nachbarländern von Paris-Moskau dürfen hier meckern ….) : – An Alle neue Mitstreiter,
in unserer Gruppe geht es Hauptsächlich darum den Widerstand zu organisieren und nicht alles Posten, wir wollen eine Macht werden, eine Gruppe wie sie es noch nie zuvor gab, wir möchten das sich alle mit ein bringen , neue Mitstreiter zu kontaktieren die bereit sind dieses System mit ihren korrupten Politikern ein für alle mal ein ENDE zu bereiten, daher werdet AKTIV helft alle mit damit alle WACH werden und das schnell denn die Zeit rennt uns davon , wir haben schon 5 nach 12 , also zeigt was ihr könnt jetzt habt ihr die MÖGLICHKEIT dazu, einen großen Beitrag mit zu leisten das wir es schnell hin bekommen, das alles zu BEENDEN !!!!!!!!!

Hauptsache ist mal man hat was zu meckern (knouteren) auf Deutsch “an op Lëtzebuergesch”! Sprachen: Lëtzebuergesch, Deutsch.
Haptsach huet (hot) en eppes ze knouteren!”

Die Gruppe dient offenbar hauptsächlich zum gepflegten “Meckern” (was ein ziemlich gravierender Euphemismus im Angesicht dessen ist, was im in diesem dubiosen Club so von sich gegeben wird) und der damit verbundenen Mobilisation zum “Widerstand” gegen “dieses System mit ihren [sic!] korrupten Politikern”. Kein Wunder, dass sie die AfD so verehren — deren politisches Programm bietet nämlich auch vornehmlich richtungsloser System”kritik” und Hetze, ohne im Gegenzug dazu irgendwelche validen und über das Bewahren veralteter und repressiver Traditionen hinausgehenden konstruktiven Lösungsansätze aufzuweisen.
Desweiteren wollen sie eine “Gruppe [werden] wie sie es noch nie zuvor gab” — aber was genau meinen sie mit “Gruppe”? Eine Facebookgruppe? Eine Partei? Eine Frei.Wild-Tributeband?
Ich für meinen Teil vermute jedenfalls, dass es sich beim Knouter-Club insgeheim eigentlich um eine Widerstandsgruppe gegen korrekt geschriebenes Deutsch handelt — die unzähligen Grammatik- und Orthographiefehler in der Beschreibung lassen jedenfalls drauf schließen und geben ihr ständiges Pochen auf den Erhalt der deutschen Kultur und Sprache erst so recht der Lächerlichkeit preis.

Momentan verfügt der Knouter-Club über 3163 Mitglieder. Das erscheint auf den ersten Blick als sehr viel und lässt ihr oben erläutertes Ziel, eine (zumindest für luxemburgische Verhältnisse) mächtige “Gruppe” zu werden, offensichtlich in greifbare Nähe rücken — doch wenn man sich erst einmal durch die Masse an Beiträgen wühlt, fällt einem auf, dass nicht mehr als zwei Dutzend Mitglieder regelmäßig Beiträge teilen und kommentieren. Die restlichen  Gruppenmitglieder sind offensichtlich unfreiwillig von Pol Sassel und Konsorten eingeladen worden — das erschließt sich beispielsweise aus folgendem Beitrag, der an die Pinnwand des Knouter-Clubs gepostet wurde:

Erheiternder Streit zwischen Gerd Müllenheim und Pol Sassel

Man beachte die herrlich unverschämte Antwort von Pol Sassel. Letzter rechtfertigt die ungefragten Einladungen in seine Online-AfD-Kultstätte doch tatsächlich damit, dass Facebook “kein privat Mailaccount” ist. Danke, lieber Pol, für diese äußerst hilfreiche Erinnerung. Offensichtlich scheint er selbst aber allzu oft zu vergessen, dass sein unverhohlener Hass auf Ausländer und Rassimus für jede*n öffentlich einsehbar ist. Unter folgendem Beitrag beispielsweise nutzt Pol Sassel die nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei in Deutschland stattgefundenen Pro-Erdoğan-Demonstrationen um — ohne hierbei auch nur die geringste Rücksicht auf das komplexe politische Thema selbst zu nehmen — auf besonders menschenverachtende und vulgäre Art und Weise gegen Türk*innen zu hetzen:

Ziegenbumserten

"Weg damit, mit den Ziegenbumserten"

"hergelaufenes Pack"

Umso deutlicher wird die Tatsache, dass er die Demos für Erdoğan nur als Vorwand nutzt, um seinen niederen Ressentiments gegen Türk*innen freien Lauf zu lassen, daraus, dass Pol Sassel sich für Deutschland eigentlich auch “einen Erdoğan” wünscht, damit dieser endlich mal Schluss mit dieser nervigen Versammlungsfreiheit macht und so die Sehnsucht der rechten Hetzer nach einem autokratischen Staat befriedigt:

Pol Sassel ist auch für Erdogan

Mehr als deutlich tritt seine Türk*innenfeindlichkeit auch in diesem Beitrag hervor:

Weg mit dem Türkendreck#1

Die Kommentare darunter zeigen wiederum, dass er sich mit dieser Einstellung im “Knouter-Club” überhaupt nicht alleine fühlen muss:

Weg mit diesem Türkendreck#2

Solcherlei Hetze findet sich nämlich zuhauf in der Facebookgruppe. Beispielsweise bezeichnet ein gewisser Guy J. Malané (der schon des Öfteren seine ignorante Weltsicht auf Facebook hinausposaunt hat) unter einem längst widerlegten Artikel des Kopp-Verlags Geflüchtete pauschal als “Kriminelle”, welche “eingesperrt” werden sollten:

"Flüchtlingsflieger"

Dazu kommt es auch immer wieder zu teils mit Rassismus der übelsten Sorte vermengten Gewaltaufrufen gegen Geflüchtete, wie beispielsweise unter folgendem, ursprünglich von einem der unzähligen Pegida-Ableger veröffentlichten Video, das Pol Sassel am 6. August im Knouter Club mit seinen rechtsextremen Gesinnungsgenossen teilte:
Pol Sassel Artikel über Geflüchtete nach Frankreich

"Knarre ziehen und schießen"

Pflicht, Leute zu erschießen

"Schwarzer Abschaum"

Weitere Gewaltphantasien finden sich auch beispielsweise unter folgendem Beitrag:

Haifischkommentar#1

Haifischkommentar #2

Und auch Politiker*innen, deren Ansichten den angeblich die Meinungsfreiheit so wertschätzenden Mitgliedern des Knouter-Clubs nicht in den Kram passt, sollen Einigen in der Gruppe zufolge kurzerhand ermordet werden:

Claudia Roth#1

Norbert Braune

Norberts Nachname ist also offensichtlich fast Programm — es fehlt eigentlich nur noch ein “r” am Ende.

Im Angesicht all dieser Gewalt- und Hasstiraden möchte ich übrigens mal folgende Passage aus der Gruppenbeschreibung des selbsternannten Meckervereins zitieren:

“Jedes Mitglied ist persönlich für seine Beiträge verantwortlich, was die Rechtslage der allgemeinen Regeln und Gesetzen von facebook und den Menschenrechten betrifft.
Administratoren tragen keine Verantwortung für Beitrage von Mitgliedern, können jedoch Beiträge ablehnen.
Also bitte keine persönlich verletzende und verunglimpfende Beiträge und keine Hassaufrufe und Morddrohungen gegen Personen und Rassen.
Ich bitte um Ihr Verständnis!”

Wie schön zu sehen, dass sich gleichermaßen Pol als auch die anderen Mitglieder des Knouter-Clubs an diese Vorgaben halten.


Pol Sassels rechtsextreme Einstellungen gehen aber noch einen bedenklichen Schritt weiter — inwiefern dies der Fall ist, möchte ich euch nun illustrieren. Fangen wir zunächst einmal mit diesem Beitrag hier an:

Migranten werden als "Ratten" bezeichnet

Mit “unsere[n] neuen Mitbürger[n]” sind wohl Migrant*innen gemeint, die hier mit “Ratten” verglichen werden. Nun sind Ratten in meinen Augen eigentlich sehr intelligente und liebenswerte Tiere, aber in diesem Kontext sind sie ganz klar mit einer negativen Konnotation behaftet. Die fragwürdige Parabel stellt somit Migrant*innen einzig und allein aufgrund ihrer Herkunft als minderwertige Menschen dar, deren Kinder nicht das Recht darauf haben, die Staatsbürgerschaft jenes Landes anzunehmen, in dem sie geboren werden. Zu dieser von Pol Sassel vertretenen rassistischen Blut-und-Boden-Ideologie passt dann auch dieses Bild, das er am 31. Juli gepostet hat:

Pol Sassel "Deutsches Blut"

Allgemein gipfeln die Beiträge auf der Seite immer wieder in eine ekelerregende Deutschtümelei, was aus historischer Sicht eine ziemlich abstruse und widersprüchliche Position für luxemburgische Patrioten ist — denn immerhin hat Nazideutschland Luxemburg durch die im 2. Weltkrieg vollzogene Eingliederung von letzterem ins Dritte Reich seine Daseinsberechtigung als eigenständige Nation aberkannt. Bei Pol Sassel geht diese Affinität aber noch einen Schritt weiter. Ein erstes Indiz ist dieses Bild einer einen Hut der SS tragenden Frau, das während mehreren Sekunden in einem bizarren, von Sassel zusammengeschnittenen Video ab Minute 0:47 eingeblendet wird:

Pol Sassel Video mit Frau in Uniform der Wehrmacht

Dazu hat er folgendem Beitrag einen Like verpasst:

nazi-1 nazi-likes Pol Sassel liefert also reichlich legitime Gründe dafür, ihn definitiv als Neo-Nazi bezeichnen zu können. Damit läge man aber gnadenlos falsch, denn im Gegensatz zu ihm waren die nämlich allesamt linksgrünversiffte Gutmenschen, wie er gekonnt mittels eines Artikels des bekannten Rechtsextremen Michael Mannheimer (dessen Beiträge auch schon von Fernand Kartheiser geteilt worden sind) darlegt:

Link von Mannheimer, Nazis waren links

Diese abstruse und revisionistische Behauptung wurde zwar schon längst von Historiker*innen widerlegt, doch da die ganzen Rechten sich nicht gerne aus der bequemen Umarmung ihrer bewusst gewählten Ignoranz lösen wollen, hält sich diese Auffassung hartnäckig in ihren Köpfen fest und wird auch immer wieder in Diskussionen vorgebracht. Der absolute Gipfel der Absurdität folgt aber noch: Eine Minute (!) nach dieser meisterhaften Zurückweisung von jeglichen Nazivorwürfen teilte Sassel tatsächlich noch den Link einer Internetseite, die einen Artikel aus dem Völkischen Beobachter — der offiziellen Parteizeitung der NSDAP — aufgreift und deren Inhalte als Fakten darstellt:

Pol Sassel NSDAP

In besagtem Artikel wird der 2. Weltkrieg kurzerhand als Notwehr dargestellt, weil Präsident Roosevelt einem der offiziellen Propagandaorgane der Nazis zufolge die Deutschen auslöschen wollte — hemmungsloser Geschichtsrevisionismus also. Interessant ist, dass Menschen wie Pol Sassel der “Lügenpresse” demokratischer Staaten keinen Glauben schenken, dafür aber den Staatsmedien einer beispiellosen Diktatur, die für 70 Millionen Tote und eines der größten Verbrechen gegen die Menschheit — den Holocaust — gesorgt hat, offensichtlich schon. Könnte es etwa unvorstellbarerweise daran liegen, dass es den ganzen Lügenpresse-Skandierern gar nicht so sehr um den angeblich von ihnen so hochgeschätzten Wahrheitsgehalt von Nachrichten geht, sondern vielmehr darum, dass kein auf journalistischen Qualitätsstandards fundiertes Medium ihre krude und menschenfeindliche Weltsicht vertritt? Am Ende des Texts gibt es dann noch einmal gepflegte Hitler-Glorifizierung — sogar mit Porträt:

Nazi Pol Sassel Nazi Pol Sassel#2 Hitler-Glorifizierung

Wenn man nach dieser Lektüre noch nicht genug Verherrlichung des 3. Reichs intus hat, kann man sich noch folgende Schmankerl, die die Internetseite zu bieten hat, zu Gemüte fahren:

Nazi Pol Sassel#3 Nazi-Beiträge

Anbei deswegen letztlich noch ein kleiner, gut gemeinter Ratschlag von mir an dich, Pol: Wenn du wirklich nicht mehr als Nazi bezeichnet werden willst, würde ich vielleicht einfach mal damit aufhören, Nazi-Sachen zu posten.

Oh, und schaut mal, wer noch zu den Administratoren zählt:

Fernand Kartheiser einer der Admins des Knouterclubs

Hierbei möchte ich noch einmal unterstreichen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass Kartheiser wie der Großteil der anderen Mitglieder des Knouter-Clubs gegen seinen Willen eingeladen und zum Administrator ernannt worden ist. Nichtsdestotrotz würde ich mir an seiner Stelle mal ernsthaft Gedanken darüber machen, dass ein Rassist mit Hang zum Nationalsozialismus wie Pol Sassel mich als würdig genug erachtet um Administrator seiner Hass und menschenverachtenden Ideologien propagierenden Facebookgruppe zu werden.


Weitere Einblicke: Rechte Kommentare bei RTL.lu & Co.

In den Kommentarspalten der Facebookpräsenzen luxemburgischer Medien hat sich in den letzten Monaten nicht allzuviel verändert. Sobald RTL.lu, L’Essentiel, Tageblatt & Co. einen Artikel teilen, in dem es um Geflüchtete/den Islam/Ausländer oder sonst ein Thema geht, bei dem Menschen rechter Gesinnung mit ihrem auf Ignoranz und mangelnder Empathie fundierten Hass brillieren können, kommen diese aus ihrem mit Vorurteilen genährten Sumpf hervor gekrochen und bereichern die Diskussionen unter besagten Beiträgen mit stets sachlichen, durchdachten und rhetorisch einwandfreien Kommentaren. So wie beispielsweise bei einem auf der Facebookseite von RTL.lu geteilten Artikel über einen von einem syrischen Geflüchteten ausgeübten Messerangriff in einer Dönerbude im baden-württembergischen Reutlingen im Juli (welcher sich übrigens letztlich, entgegen der wieder einmal im Vorfeld und damit ohne jeglichen faktischen Halt von vielen Rechten aufgestellten Behauptung, es habe sich dabei um einen Terrorangriff gehandelt, als Beziehungstat entpuppte):

Menschen werden als "Dreck" bezeichnet Menschen werden als Herpes bezeichnet

Nun sind nicht alle Menschen, die solche menschenverachtenden Kommentare posten, auch tatsächlich Teil der rechten Szene Luxemburgs. Zumeist handelt es sich bei ihnen um “besorgte Bürger”, die sich durch einen auch in Luxemburg teilweise nach rechts abgedrifteten öffentlichen Diskurs — in welchem extreme Positionen, die sonst nur dem rechten Rand des politischen Spektrums vorbehalten waren, plötzlich von Parteien, die sich selbst in der politischen “Mitte” situieren, übernommen werden (siehe dazu auch die im ersten Teil meines Dossiers erwähnte Diskussion um das “Burkaverbot”) — dazu ermutigt fühlen, ihren eigenen Ressentiments freien Lauf zu lassen. Zusätzlich begünstigt wird deren Ausdruck auch durch die Beschaffenheit sozialer Netzwerke selbst. Die Hemmschwelle für solche Aussagen, die trotz des eingangs erwähnten, verschärften Tons in öffentlichen Diskussionen nach wie vor sozial geächtet werden, ist nämlich alleine schon durch die bequeme physische Distanz zwischen den Teilnehmer*innen einer digitalen Agora viel niedriger als im von Angesicht zu Angesicht stattfindenden Gespräch.
Der Umgang luxemburgischer Online-Medien mit solchem “hate speech” ist hierbei gelinde gesagt verbesserungsbedürftig. Anders als bei den Online-Ablegern deutscher Nachrichtenmedien gibt es bei den meisten luxemburgischen nämlich weder auf Facebook noch auf den Internetseiten selbst einen oder mehrere Moderatoren, die immer wieder auf die Community-Guidelines hinweisen, Kommentare, welche letzteren zuwiderlaufen, konsequent löschen und falsche Behauptungen mittels Eigenrecherche widerlegen. So bleiben insbesondere auf RTL.lu wüste rassistische Beschimpfungen, Aufrufe zu Hass und Gewalt und Desinformationen einfach so für jede*n sichtbar stehen. Sofern nicht die restlichen Nutzer*innen selbst einschreiten, entfalten solche Kommentare ungestört einen absoluten Geltungsanspruch — welcher wiederum die Gefahr, dass die dabei zur Schau getragene Weltsicht Anklang finden oder zumindest dafür sorgen kann, dass Menschen sich in ihren Vorurteilten bestätigt sehen, enorm erhöht. Eine lobenswerte Ausnahme von dieser beschämenden Regel gibt es aber letztlich doch noch, und zwar die Facebookseite von L’Essentiel Online. Deren Moderator*innen und Admins greifen nämlich immer wieder bei fremdenfeindlicher Hetze durch.


Ein weiteres Sammelbecken für die eingangs erwähnten besorgten Bürger, die sich zwar nicht zwingend der rechten Szene zuordnen lassen, dafür aber deren Positionen zumindest teilweise vertreten, ist momentan “ONST LËTZEBUERGER LAND“. Die Seite funktioniert hierbei wie frühere Knotenpunkte dieser Art: Den größten Teil der Zeit über postet der offensichtlich alleine agierende Admin patriotischen Pathos in Form von grässlich gestalteten Bildern, bei deren Anblick jede*r einigermaßen begabte Layouter*in von bodenlosem Grauen befallen werden würde, und Videos voller unreflektierter Nostalgie, die die Vision eines idealisierten Luxemburgs, das in der Form nur in den Köpfen seiner Bewohner*innen existiert, heraufbeschwören:

Patrioten-Pathos#2 Patriotenpathos#1

Man beachte übrigens die schicke Wassermarke — dadurch wird sichergestellt, dass auch jede*r weiß, von wem diese nur so vor Orthographiefehlern strotzenden Weisheiten (die Liebe zur luxemburgischen Sprache geht also offensichtlich nicht so weit, als dass der Admin dafür Kurse besuchen würde) stammen.
Dazwischen streut der Leiter der Seite nun immer wieder eine selektive Auswahl von Artikeln mit suggestiven Begleittexten ein, die an diffuse Ängste in der Bevölkerung appellieren. Im Gegensatz zu früheren Sammelbecken von besorgten Bürgern und Mitgliedern der rechten Szene, wie etwa “I Love Mäin Lëtzebuerg”, hält sich der Admin dieser Seite selbst nun dabei zwar mit extremen Aussagen zurück — dafür lässt er aber in den Kommentarspalten umso mehr den braunen Mob toben. Ein Beispiel hierfür ist der folgende Beitrag:

Gegen Geflüchtete#1

Durch die Tatsache, dass sich der öffentliche Spazierweg, an dem die Statuen angebracht waren, zufälligerweise in der Nähe eines Flüchtlingsheimes befand und die (ähnlich wie beim Artikel von RTL.lu über den gleichen Vorfall) bedenklich tendenziöse Wortwahl in der Überschrift des Artikels (“enthauptet”), welche niederste Ressentiments und Vorurteile befeuernde Assoziationen zum IS-Dschihadismus hervor ruft, hat der braune Mob dann auch sofort die Schuldigen ausgemacht:Gegen Geflüchtete#2

In den Augen der “besorgten Bürger” ist die Proximität des Flüchtlingsheims also ein hinreichender Beweis dafür, dass Geflüchtete die Statuen beschädigt haben müssen. Nach dieser Logik müssten dann aber auch die Bewohner*innen aller anderen Häuser, die in der Gegend rumstehen, als Verdächtige gelten. Das ist den Kommentierenden aber herzlich egal — trotz fehlender Evidenz für ihre Behauptungen fordern manche von ihnen dann auch die sofortige Ausweisung von Geflüchteten aus Luxemburg:
Gegen Geflüchtete#3

Gegen Geflüchtete#4Solcherlei Beiträge und dazugehörige Kommentare finden sich auf der Seite zuhauf — nichtsdestotrotz sei aber anzumerken, dass die Präsenz und Tragweite von zwischen patriotischem Pathos und Aufwiegelung der Massen schwankenden Knotenpunkten wie “ONST LËTZEBUERGER LAND” innerhalb der rechten Szene spürbar abgenommen hat und deswegen die Entwicklungen irgendwelcher politischer Dynamiken, die über richtungslosen und vagen “Protest” hinausgehen, bis auf Weiteres eher unwahrscheinlich sind.


Zusammenfassung

Im Rahmen meiner Recherchen hat sich bei mir der Eindruck verfestigt, dass die (Online-)Aktivitäten innerhalb der rechten Szene Luxemburgs in den letzten Monaten insgesamt stark abgenommen haben und ihre einzelnen Akteure trotz zahlreicher ideologischer Überschneidungen so isoliert sind wie selten zuvor. Die SDV steht kurz davor, Nico Castiglia der Partei zu verweisen und sich selbst aufzulösen. Gruppen wie die Luxemburg Defence League oder Lëtzebuerger Patrioten darben in der Irrelevanz. Und selbst die ADR, deren Rechtsaußenkurs sich mittlerweile auch in ihren offiziellen Positionen niederschlägt, kann nicht für sich beanspruchen auch nur ansatzweise den Erfolg einer AfD in Deutschland oder eines Front National in Frankreich nachzuahmen. Deswegen wird es auch langsam fraglich, ob der Begriff einer integren “rechten Szene Luxemburgs”, welche über zusammenhängende und miteinander verwobene Strukturen aufweist, überhaupt noch angebracht ist.
Nichtsdestotrotz wimmelt es aber nach wie vor nur so vor rechten Hasskommentaren in den sozialen Netzwerke — vorallem über die Facebookpräsenzen luxemburgischer Nachrichtenmedien verteilt posaunen regelmäßig “besorgte Bürger”, die meistens nicht einmal mit der rechten Szene liiert sind, ihre menschenverachtenden Ansichten hinaus.  Deutlich seltener werden rechte und rechtsextreme Beiträge und Kommentare mittlerweile in Facebookgruppen gepostet; das einzig nennenswerte Beispiel hierfür, das in letzter Zeit auf sich aufmerksam gemacht hat, ist der Knouter-Club, in dem neben fragwürdiger Deutschtümelei teilweise sogar eine unverhohlene Verherrlichung des Nationalsozialismus stattfindet.
Das Problem dieser rechten Online-Hetze lässt sich nun aber nicht nur durch das Melden von Kommentaren, Beiträgen und Seiten beheben. Das ist auch enorm wichtig, behebt aber nur die Symptome eines deutlich tiefgehenderen, strukturellen Problems, das an der Wurzel gepackt werden muss, um es langfristig zu lösen. Dazu bedarf es dann auch eines deutlich längeren Atems. Ich kann nicht oft genug betonen wie wichtig es daher ist zu versuchen, mittels empirischer Methoden in Studien den Ursprüngen von rechten Einstellungen in der (luxemburgischen) Bevölkerung auf den Grund zu gehen und auf diesen Erkenntnissen basierend politische Maßnahmen zu ergreifen, welche vorbeugend wirken bei eben jenen Faktoren, die zu solch gefährlichen, die Fundamente einer offenen und auf demokratischen Prozessen fundierten Gesellschaft korrodierenden Tendenzen führen. Auch gesellschaftliches Engagement ist wichtig — es hilft schon enorm, wenn man beispielsweise im Gespräch mit anderen menschenfeindliche Positionen nicht mehr nur einfach so hinnimmt, sondern jedes Mal aktiv mit Gegenargumenten dekonstruiert. Das mag anstrengend sein und oftmals hoffnungslos erscheinen — insbesondere wenn sich das Gegenüber als resistent gegenüber jeglicher Rationalität erweist —, aber zumindest besteht die Chance, dass die dabei verwendete Methodik bei einigen doch noch auf fruchtbaren Boden stößt und sie im Anschluss ihre eigenen tief verwurzelten Vorurteile überdenken.

Meine bisherigen Texte über die rechte Szene in Luxemburg:

Alternative Medienrealitäten. Eine kritische Analyse alternativer Medien der Rechten in Luxemburg und deren Gefahren, in: FORUM – für Politik, Gesellschaft und Kultur in Luxemburg, Ausgabe 363
Die rechte Szene Luxemburgs Ende 2015: Castiglia, Kartheiser, Keup, Thein, Peters & andere “Lezeboia”
Die rechte Szene Luxemburgs und Verschwörungstheorien, in: FORUM — für Politik, Gesellschaft und Kultur in Luxemburg, Ausgabe 353
Nico Castiglia – Der neue Kopf der rechten Szene in Luxemburg
Nein zu PEGIDA – jetzt umso mehr als zuvor!
Fernand Kartheisers Kritik am Feminismus und die Legitimation der Diskriminierung von Homosexuellen
Liebe luxemburgische Patrioten, …
Pierre Peters erneut an der Seite der NPD
Neue Einblicke in die rechtsextreme “Luxemburg Defence League”
Rechtsextremismus in Luxemburg – neue Einblicke
Ausländer- und Homosexuellenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus & Co. in Luxemburg
Ein beunruhigender Blick in die Vereinigung der “Lëtzebuerger Patrioten”
“Lëtzebuerger Patrioten”
Neue “rhetorische” Ergüsse der NDU
“(…) die houer Kaméildreiwer!”
“Durchforstet eure Pizzabroschüren!”
“Mäer sinn dach keng Rassisten – erklär du uns mol wat dat ass”
1. Artikel über die NDU

One thought on “Die rechte Szene in Luxemburg Mitte 2016 (3/3): Knouter-Club/European Freedom Initiative, rechte Hetze auf Newsseiten, Zusammenfassung

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