Nein zu PEGIDA – jetzt umso mehr als zuvor!

Nur wenige Stunden nach dem Attentat auf das sich in Paris befindliche Redaktionsgebäude der französischen Satirezeitung ‘Charlie Hebdo’, bei dem mindestens 12 Menschen (darunter der Chefredakteur) ums Leben kamen, fegte sogleich unter dem Motto ‘Je suis Charlie’ eine überaus bewundernswerte Welle an Mitleids- und Solidaritätsbekundungen aus aller Welt durchs Internet, die die Tat zurecht aufs Schärfste verurteilten und den Verstorbenen und ihren Werken gedachten.

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Andere Reaktionen waren allerdings weitaus weniger erfreulich – so wie etwa jene der PEGIDA – eine islamophobe Bewegung, die zuletzt diesen Montag in Dresden 17.500 Menschen auf die Straßen lockte. Der von Vorurteilen und Ressentiments gegen die aktuelle politische Riege gespeiste PEGIDA-Morast, der sich in ganz Deutschland ausbreitet, ist nicht nur unter anderem bis nach München (die Stadt, in der ich momentan studiere und dementsprechend auch kennen und ihre offene Seite schätzen gelernt habe, nicht zuletzt weil dort am 23. Dezember 12.000 und gestern wieder 2500 Menschen gegen PEGIDA und Konsorten auf die Straßen gingen) in Form von BAGIDA und MÜGIDA – hinter denen Rechtsextreme die Strippen ziehen – vorgedrungen, sondern findet auch in meiner Wahlheimat Luxemburg begeisterte Unterstützter – wie etwa die ADR-Politiker Joe Thein und dessen politischen Ziehvater Fernand Kartheiser, der schon in der Vergangenheit durch xeno-, homo- und islamophobe und frauenfeindliche Ansichten, die er auf seinem Blog stolz in die Welt hinausposaunt, aufgefallen ist und nun auch Unterstützung für PEGIDA bekundet (siehe dazu auch die sehr guten Analysen meiner beiden Freunde Kim Greis und Sveinn Graas).

Als die ersten Berichte über das Attentat auf meinem Facebookfeed eintrudelten, machte ich mich bereits darauf gefasst, dass auch von ihnen eine Reaktion folgen würde, insbesondere weil das Attentat eben aufgrund der Tatsache, dass es offenbar von islamistischen Extremisten ausgeführt worden war, ihnen so gelegen kommen musste, indem es die von ihnen verbreiteten kruden Thesen und Vorurteilen nur noch umso mehr speiste. Und tatsächlich: wie erwartet, benutzte PEGIDA das Attentat sogleich als perfiden Vorwand, um die im Moment schon sehr bedrohliche Stimmung gegen Muslime (und auch andere Minderheiten) in Deutschland nur noch weiter aufzuheizen:

 

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Zwar scheinen sie auf den ersten Blick einen Unterschied zwischen “Islamisten” und “hier lebende, sich integrierende Muslime” zu ziehen, aber der existiert nur theoretisch auf ihrem Positionspapier – die hier aufgeführte Differenzierung ist pure Hypokrisie, und zeigt, sobald man sie in den Kontext mit dem, was PEGIDA und seine Anhänger tun, setzt, die klaffende Diskrepanz zwischen dem, was PEGIDA scheinheilig behauptet, und dem, wofür sie wirklich stehen, auf. Das wird schon ersichtlich, wenn man einmal den Namen, der sich hinter dem Akronym verbirgt, genauer unter die Lupe nimmt: PEGIDA steht nämlich für “Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes”. Der diffuse Begriff der angeblichen “Islamisierung” lässt einen im Dunkeln verharren und sich fragen, durch wen diese Islamisierung denn nun PEGIDA zufolge erfolgt – durch die hier lebenden, sich integrierenden Muslime, oder die extremistischen Islamisten? PEGIDAs Definition von “Islamisierung” bezieht sich nämlich nicht nur auf die Handlungen von Islamisten oder Salafisten, die das öffentliche Wohl bedrohen, sondern auch auf die zunehmende Anzahl von Muslimen allgemein in der Gesamtbevölkerung, egal ob es sich dabei jetzt um gewöhnliche oder extremistische handelt (die übrigens weitaus geringer ausfällt als in den lächerlich paranoiden Untergangsszenarien der PEGIDA dargestellt wird). Soviel also dazu, dass sie angeblich nichts gegen Muslime haben. Auch das, was die PEGIDA-Anhänger so von sich geben, wie etwa in den sehr empfehlenswerten ‘Panorama’-Interviews, zeigt eindeutig, dass die meisten von ihnen im Praktischen keine Differenzierung machen, und einfach kollektiv gegen Muslime und den Islam auf die Straße gehen. Außerdem wird auch, wenn man den Screenshot textimmanent behandelt, nicht ersichtlich, was sie mit der “frauenfeindliche[n], gewaltbetonte[n] politische[n] Ideologie” denn nun eigentlich genau meinen – den Islamismus, oder den Islam an sich? Durch diese fehlende Erläuterung heben sie indirekt ihre Behauptung, dass sie angeblich nichts gegen Muslime hätten, auf, und setzen sie – ob unbeabsichtigt oder nicht -durch die mangelnde Ausdifferenzierung wieder mit islamistischen Extremisten gleich.
Präzise Begrifflichkeiten sind in der aktuellen Lage enorm wichtig, und PEGIDA treibt – meinem Erachten nach bewusst – ein gefährliches Spiel, indem es die Grenzen durch einen Mangel an konkreten Erläuterungen und Differenzierungen verwässert, um effektiver an die tief verankerten Vorurteile gegen Muslime zu appellieren.

Anstelle also den Dialog mit Muslimen zu suchen (ich bezweifle dass irgendjemand von PEGIDA sich einmal ernsthaft mit einem Muslim unterhalten hat – was ja auch wiederum ein schwieriges Unterfangen ist, denn im angeblich auch von der Islamisierung bedrohten Sachsen, wo PEGIDA den größten Zulauf erhält, machen Muslime gerade einmal 5% der Gesamtbevölkerung aus), setzen sie also vielmehr auf Ausgrenzung und Kontrolle – ohne daran zu denken, dass das nur noch zu mehr Problemen und gegenseitigem Misstrauen führen wird.

Auch Joe Thein schreckte nicht vor dem schamlosem Opportunismus, die Tragödie als Beleg für die Validität seiner kruden politischen “Theorien” herzuziehen, zurück:

Joe Thein

Unter anderen Umständen wäre der Widerspruch, in den sich PEGIDA dann durch seinen nächsten, kurz darauffolgenden Status verstrickt, auch sehr erheiternd:

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Einerseits beharren sie mit stolzgeschwellter Brust im ersten Status darauf, dass sie, die glorreichen Retter des Abendlandes, quasi als Einzige uns armen Schäfchen doch nun schon seit 12 Wochen vor den achso bösen Muslimen warnen wollen – und stellen dann gleich im nächsten Status die vor Hypokrisie triefende Behauptung auf, dass sie nicht damit angeben wollen, dass sie es schon immer gewusst hätten.

Ein für alle Mal: Das Attentat von zwei extremistischen Einzeltätern als “argumentative” Basis für die eigenen Vorurteile gegenüber einer ganzen religiösen Kultur zu nutzen, ist auf allen Ebenen grundlegend falsch. Noch verachtenswerter ist es, dass sie schamlos die Gunst der düsteren Stunde und das Leid der Betroffenen für ihre eigene menschenfeindliche Agenda nutzen, die, anstelle konstruktive Lösungen zu bieten, noch viel mehr Ressentiments in der Bevölkerung zu schüren droht. Auch dieses ständige Verlangen nach “Integration”  als Bedingung dafür, dass Muslime hier bleiben dürfen, ist ein Zeichen dafür, wie sehr die Weltsicht von PEGIDA an der Realität vorbeischrammt – so als ob sie die unendliche Gnade der PEGIDA-Anhänger nötig hätten und ihren willkürlichen Auslegungen von “Integration” (was genau sie damit meinen, bleibt nämlich wie so vieles bei ihnen schleierhaft) folgen zu müssen, um deutschen Boden überhaupt betreten zu dürfen. Dabei ist PEGIDA alles andere als repräsentativ für die gesamtdeutsche Bevölkerung (auch wenn sie, wie ihre peinlichen “Wir sind das Volk!”-Rufe verdeutlichen, das gerne glauben mögen) – wieso also sollten Muslime sich nach ihren Integrationskriterien richten?

Genauso falsch ist es, ständig von Muslimen zu verlangen, sich gefälligst öffentlich, und möglichst noch vor den selbsternannten Rettern des Abendlandes (wenn das Abendland für solche Werte, wie PEGIDA sie lauthals herauskreischt, steht, dann mag es von mir aus gerne untergehen) im Staube kriechend, von den islamistischen Extremisten zu distanzieren. Zunächst einmal können wirklich alle Menschen, die dazu befähigt sind, ihre Vernunft einzusetzen, (dazu zählen PEGIDA-Angehörige also schon mal nicht) zwischen Muslimen und islamischen Extremisten unterscheiden, ohne dass die Muslime das selbst für die achso armen uninformierten Ignoranten tun müssen. Es wäre ja noch soweit kein Problem, dass die PEGIDA-Anhänger aufgrund ihres begrenzten Wissenshorizont nur für sich selbst ein tristes und leeres Dasein führen würden – aber dass sie mit ihrem aus diesem limitierten Blickwinkel resultierenden Ressentiment auf die Straßen stürmen und die Unterdrückung und Ausschließung von anderen Menschen fordern, nur weil sie nicht dazu imstande sind, sich (außer auf dubiosen, Verschwörungstheorien verbreitenden und sich gegenseitig zitierenden Seiten) zu informieren oder einmal ihre Vorurteile in Frage stellen, ist unverzeihlich.

Dazu kommt, dass auffälligerweise immer Muslime mit islamistischen Attentätern von PEGIDA und all ihren rechtspopulistischen und rasssistischen Ignoranzfreunden gleichgesetzt werden, aber nie jemand von Letzteren auf die Idee kommt, alle Christen zu verurteilen, sobald ein christlicher Attentäter irgendwo einen Anschlag verübt? Wie hätten sie wohl reagiert, wenn jemand sie, als fromme, aber “harmlose” Christen, fälschlicherweise zuerst mit Andreas Breivik gleichgesetzt und kurz darauf aufgefordert hätte, sich doch gefälligst von ihm zu distanzieren?

Der Anschlag auf das “Charlie Hebdo”-Gebäude war eine perfide und grausame Tat, die durch nichts zu rechtfertigen ist. Umso wichtiger ist es, jetzt, im Anschluss an dieses erschütternde Ereignis, einen kühlen Kopf zu bewahren. Nach wie vor sollten wir auf unsere mühsam errungene Meinungsfreiheit pochen, und insbesondere Satire und andere künstlerische Ausdrucksformen unter deren Schutz stellen – solange sie keine plumpen Provokationen und hasserfüllten Pamphlete, sondern Auseinandersetzungen mit allen möglichen Themen (und somit auch Religion) sind. Satire sollte sich mit allen möglichen Themen befassen können – solange sie dies auf eine differenzierte und reflektive Art und Weise tut, und solange die Satire wie eingangs erwähnt nicht als Mittel gebraucht wird, um die eigenen rassistischen oder islamophoben Ressentiments auszudrücken, was aber so gut wie in allen Fällen nicht zutrifft – bestes Indiz hierfür ist auch die Tatsache, dass die wenigsten Rassisten, Nationalisten und dergleichen auf Satire zurückgreifen, eben weil diese eine subtile Spielart des Humors ist, und Subtilität bei besagten Perosnengruppen eine Rarität darstellt. Guter Humor ist enorm hilfreich im Kampf gegen all die Schrecken, die diese Welt birgt, und insbesondere Satire und Karikatur sind schon seit der Geburt des öffentlichen Diskurs eines der effektivsten Mittel zur Auflehnung gegen die politischen Verhältnisse. Dementsprechend muss Satire auch immer wieder schmerzen, aufrütteln – und letztendlich auch von der Meinungsfreiheit geschützt werden.
Dazu sollte man darauf Acht nehmen, dass das Attentat nicht von staatlichen Institutionen als weiterer Prätext genutzt wird, um Polizeipräsenz bis zu einem unerträglichen Grad anzuheben und weitere Einschnitte in die Privatsphäre der Menschen zu planen. In seinem sehr empfehlenswerten Kommentar auf der Internetpräsenz des ‘The Guardian’ schreibt Simon Jenkins passend dazu:

‘Only weakened and failing states treat these crimes as acts of war. Only they send their leaders diving into bunkers and summoning up ever darker arts of civil control, now even the crudities of revived torture. Such leaders cannot accept that such outrages will always occur, everywhere. They refuse to respect limits to what a free society can do to prevent them. […]

Terrorism is no ordinary crime. It depends on consequence. It can kill people and damage property. It can impose cost. But it cannot occupy territory or topple governments. Even to instil fear it requires human enhancement, from the media and politicians.

That is why the most effective response is to meet terrorism on its own terms. It is to refuse to be terrified. It is not to show fear, not to overreact, not to over-publicise the aftermath. It is to treat each event as a passing accident of horror, and leave the perpetrator devoid of further satisfaction. That is the only way to defeat terrorism.’

Gleichermaßen die islamistischen Attentäter, als auch die islamophoben Stimmungsmacher – seien es die nicht einmal im Ansatz reflektierenden PEGIDA-Schreihälse oder die auch von mir erläuterten, mittels primitiver Ängste auf Stimmungsfang gehenden rechtspopulistischen Opportunisten der ADR in Luxemburg – versuchen einen Keil in unsere Gesellschaften (und mit dem Begriff der “Gesellschaft” bezeichne ich nicht das obsolet gewordene Konzept des “Volkes” oder bloß all die “besorgten Bürger”, die alles andere als repräsentativ sind, sondern auch wirklich uns alle, egal welcher Religion oder Ethnie wir angehören) zu treiben – und genau dagegen sollte man sich wehren. Unter anderem, indem man beispielsweise weiterhin unablässig Satire betreibt – denn auch bei diesem tragischen Fall ist Humor ein sehr hilfreiches Mittel, um die damit verbundene Absurdität und schiere Brutalität leichter zu verkraften – , oder sich aktiv PEGIDA und all seinen lokalen Auswüchsen entgegenstellt und ihnen zeigt, dass ein friedliches Zusammenleben unter Menschen jedweder (religiöser) Herkunft nicht nur möglich, sondern bereits Realität ist, und dass diese weder von Islamisten noch von Islamophoben aufgehoben werden kann.

Quellen und weiterführende Links:

Simon Jenkins: ‘Charlie Hebdo: Now is the time to uphold freedoms and not give in to fear’ (The Guardian)
Pegida: Wissenschaftler fordern neues Deutschlandbild. (Süddeutsche Zeitung)
Anschlag auf Charlie Hebdo ganz großartig für Islamisten und Islamhasser (Der Postillon)
Nach internen Querelen: PEGIDA-Demo in Dresden abgesagt (Der Postillon)
“Charlie Hebdo” visé par un attaque terroriste, la rédaction décimée (Le Monde)
Attentat contre “Charlie Hebdo”: la classe politique appelle à l'”union nationale” (Le Monde)
“Je suis Charlie”: Hitzige Debatten auf Twitter (Der Tagesspiegel)
PEGIDA – Die Wahnvorstellung einer angeblichen Islamisierung! (YouTube)
22 Heartbreaking Cartoons From Artists Responding To The Charlie Hebdo Shooting (Buzzfeed)
Missbrauch einer Tragödie (Kim Greis)
Remona Aly: ‘British Muslims shouldn’t feel obligated to speak out against Isis atrocities’ (The Guardian)
Anti-Islam-Demos: Protest gegen Pegida wächst (DIE ZEIT)
Pegida: Die Interviews in voller Länge, Teil I/Panorama/NDR (YouTube)
Solidaritéit mat der Lügenpresse? (Sveinn Graas)
Ein Schein von Heiligkeit (Leo Simon)

 

 

5 thoughts on “Nein zu PEGIDA – jetzt umso mehr als zuvor!

  1. Pingback: Missbrauch einer Tragödie / Kim Greis

  2. David

    “in dem sie [PEGIDA] sie [Muslime] undifferenziert mit islamistischen Extremisten gleichsetzte:”.

    Ech vertrieden am Generellen net déi gläich Usiichten weis du. Dat ass souwäit an der Rei. Aussoen wéi déi do allerdings sinn wierklech op niddregstem Niveau. Et ass jo net nëmmen falsch, mee souguer genau ëmgedréint: Souwäit ech dat aus dem Screenshot erausliesen kann, ass d’Ausso “mär hunn näischt géint Moslemen, mee setzen eis géint Islamisten an”. Wann s du aus allem just dat erauslies, was du héiere wëlls, dann gleef mer, ass däin Weltbild och net gutt genuch vir iwwer anerer ze uerteelen.

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    1. Maxime Weber Post author

      Ech béien mer mäin Weltbild net zurecht, mee hunn just fesgestallt, wat d’PEGIDA behaapt an wat se letztendlech wierklech maachen. Dobäi hunn ech e puer argumentativ Schrëtt iwwersprongen, wat dann wuel zu dengem Androck, ech hätt dat falsch verstaanen, gefouert huet. Ech hunn den Screenshot nämlech net textimmanent, mee am Kontext vun all deem, fier wat PEGIDA steht an wat se wierklech maachen, behandelt. Am Screenshot selwer maachen se tatsächlech eng theoretesch Differenzéirung, mee die ass awer hypokritesch an gëtt vun hinnen am Prakteschen guer net emgesaat – dorobber weist eleng schon hieren Numm hinner, “Patriotische Europäer gegen die Islamiserung des Abendlandes”. Mengen se mat deser “Islamisierung” lo den normalen Islam, oder seng fanatesch Auswüchs? Dat ass net kloer, an och wann een hier Interviews ukuckt mierkt een, dass se just um Pobeier die Differenz maachen, an hinnen amfong Muslimen genau so mann wie extremistesch Islamisten ginn. Dat kënnt an mengen Text awer tatsächlech vielläicht net ganz sou riwwer, dementspriechend hunn ech, fier zukünfteg Mëssverständnisser ze vermeiden, deen vun dir zitéierten Passage emformuléiert.

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