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Die rechte Szene in Luxemburg Mitte 2016 (3/3): Knouter-Club/European Freedom Initiative, rechte Hetze auf Newsseiten, Zusammenfassung

Seit meinem letzten Blogartikel über die rechte Szene in Luxemburg im November vergangenen Jahres hat sich so einiges getan. Um angemessen auf die sich seitdem vollzogenen Entwicklungen und Aktivitäten der einzelnen relevanten Akteur*innen eingehen zu können, habe ich mich (auch auf den freundlichen Rat einiger meiner Leser*innen hin) dazu entschlossen, meinen Bericht dieses Mal in drei Teile aufzugliedern. Das dient nicht nur der Leserlichkeit, sondern bietet mir gleichzeitig auch mehr Raum zur Analyse und Dekonstruktion der Aussagen des rechten Rands. Dies ist dann auch der dritte Teil meines Texts “Die rechte Szene in Luxemburg 2016”. Teil 1 könnt ihr hier nachlesen; Teil 2 hier.

Knouter-Club/European Freedom Initiative

Wie ich bereits im letzten Teil meines Dossiers berichtet habe, mögen die Online-Aktivitäten der rechten Szene Luxemburgs zwar in manchen einst regen Sammelbecken (wie etwa Nico Castiglias Facebookprofil) stark abgenommen haben, doch an anderen digitalen Orten hetzt der braune Mob ungestört weiter und bringt regelrechte Abgründe des Fremdenhasses hervor. Einer der Moraste, die in letzter Zeit besonders auf sich aufmerksam gemacht haben, ist hierbei eine Facebookgruppe namens “Knouter Club” (welche zwischenzeitlich in “European Freedom Initiative” umbenannt wurde), welche vornehmlich von einem luxemburgischen Herrn namens Pol Sassel, der meinen Informationen nach mit keiner politischen Partei in Luxemburg affiliert ist, geleitet wird (Update 12. September 2016: Pol Sassel ist mittlerweile kein Admin mehr in der Gruppe).

Was den Knouter-Club deutlich von den bisherigen Social Media-Knotenpunkten der luxemburgischen rechten Szene unterscheidet, ist die Tatsache, dass dort auch sehr viele  Rechte und Rechtsextreme aus Deutschland Beiträge teilen und es allgemein einen starken Fokus auf das gesellschaftliche und politische Geschehen in Deutschland gibt. Dazu herrscht im Knouter Club eine bisweilen äußerst bizarre Züge annehmende, kultische Verehrung der Alternative für Deutschland (AfD) vor — was wiederum erklärt, weshalb Deutsch als lingua franca der Gruppe fungiert. Die Nähe zur AfD wird sogar explizit in der Beschreibung der Gruppe proklamiert:

“Wichtiger Hinweis:

Wir stehen der Haltung, wie die der AfD sehr nahe, das heisst Folgendes: (Die AfD ist gegen jede Form von Extremismus. Vor allem ist die AfD insgesamt gesehen gegen jede Form von Antisemitismus. …. Die AfD hat das Vakuum gefüllt, das vor allem die CDU durch Preisgabe und Verlassen ihrer bisherigen konservativen und christlichen Werte hinterlassen hat.)

“Extremismus” bezieht sich hierbei wohl nicht auf “Rechtsextremismus”, denn von solchem quillt die Gruppe geradezu über, wie ich euch nachfolgend zeigen werde. Die Beschreibung der Gruppe auf Facebook gibt dazu noch einen weiteren konfusen Einblick in ihre Ziele:

“Knouter-Club = (Grantel-Club): Knoutern = Luxemburgisch (wie Moselfränkisch) = Granteln auf Deutsch:

granteln, brummen, knurren, schimpfen, meckern.
An alle MITGLIEDER des ” Knouter-Club: Lëtzebuerger knouteren …” (MECKER-Club: Luxemburger und alle unsere lieben gleichgesinnten Nachbarn aus unseren Nachbarländern von Paris-Moskau dürfen hier meckern ….) : – An Alle neue Mitstreiter,
in unserer Gruppe geht es Hauptsächlich darum den Widerstand zu organisieren und nicht alles Posten, wir wollen eine Macht werden, eine Gruppe wie sie es noch nie zuvor gab, wir möchten das sich alle mit ein bringen , neue Mitstreiter zu kontaktieren die bereit sind dieses System mit ihren korrupten Politikern ein für alle mal ein ENDE zu bereiten, daher werdet AKTIV helft alle mit damit alle WACH werden und das schnell denn die Zeit rennt uns davon , wir haben schon 5 nach 12 , also zeigt was ihr könnt jetzt habt ihr die MÖGLICHKEIT dazu, einen großen Beitrag mit zu leisten das wir es schnell hin bekommen, das alles zu BEENDEN !!!!!!!!!

Hauptsache ist mal man hat was zu meckern (knouteren) auf Deutsch “an op Lëtzebuergesch”! Sprachen: Lëtzebuergesch, Deutsch.
Haptsach huet (hot) en eppes ze knouteren!”

Die Gruppe dient offenbar hauptsächlich zum gepflegten “Meckern” (was ein ziemlich gravierender Euphemismus im Angesicht dessen ist, was im in diesem dubiosen Club so von sich gegeben wird) und der damit verbundenen Mobilisation zum “Widerstand” gegen “dieses System mit ihren [sic!] korrupten Politikern”. Kein Wunder, dass sie die AfD so verehren — deren politisches Programm bietet nämlich auch vornehmlich richtungsloser System”kritik” und Hetze, ohne im Gegenzug dazu irgendwelche validen und über das Bewahren veralteter und repressiver Traditionen hinausgehenden konstruktiven Lösungsansätze aufzuweisen.
Desweiteren wollen sie eine “Gruppe [werden] wie sie es noch nie zuvor gab” — aber was genau meinen sie mit “Gruppe”? Eine Facebookgruppe? Eine Partei? Eine Frei.Wild-Tributeband?
Ich für meinen Teil vermute jedenfalls, dass es sich beim Knouter-Club insgeheim eigentlich um eine Widerstandsgruppe gegen korrekt geschriebenes Deutsch handelt — die unzähligen Grammatik- und Orthographiefehler in der Beschreibung lassen jedenfalls drauf schließen und geben ihr ständiges Pochen auf den Erhalt der deutschen Kultur und Sprache erst so recht der Lächerlichkeit preis.

Momentan verfügt der Knouter-Club über 3163 Mitglieder. Das erscheint auf den ersten Blick als sehr viel und lässt ihr oben erläutertes Ziel, eine (zumindest für luxemburgische Verhältnisse) mächtige “Gruppe” zu werden, offensichtlich in greifbare Nähe rücken — doch wenn man sich erst einmal durch die Masse an Beiträgen wühlt, fällt einem auf, dass nicht mehr als zwei Dutzend Mitglieder regelmäßig Beiträge teilen und kommentieren. Die restlichen  Gruppenmitglieder sind offensichtlich unfreiwillig von Pol Sassel und Konsorten eingeladen worden — das erschließt sich beispielsweise aus folgendem Beitrag, der an die Pinnwand des Knouter-Clubs gepostet wurde:

Erheiternder Streit zwischen Gerd Müllenheim und Pol Sassel

Man beachte die herrlich unverschämte Antwort von Pol Sassel. Letzter rechtfertigt die ungefragten Einladungen in seine Online-AfD-Kultstätte doch tatsächlich damit, dass Facebook “kein privat Mailaccount” ist. Danke, lieber Pol, für diese äußerst hilfreiche Erinnerung. Offensichtlich scheint er selbst aber allzu oft zu vergessen, dass sein unverhohlener Hass auf Ausländer und Rassimus für jede*n öffentlich einsehbar ist. Unter folgendem Beitrag beispielsweise nutzt Pol Sassel die nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei in Deutschland stattgefundenen Pro-Erdoğan-Demonstrationen um — ohne hierbei auch nur die geringste Rücksicht auf das komplexe politische Thema selbst zu nehmen — auf besonders menschenverachtende und vulgäre Art und Weise gegen Türk*innen zu hetzen:

Ziegenbumserten

"Weg damit, mit den Ziegenbumserten"

"hergelaufenes Pack"

Umso deutlicher wird die Tatsache, dass er die Demos für Erdoğan nur als Vorwand nutzt, um seinen niederen Ressentiments gegen Türk*innen freien Lauf zu lassen, daraus, dass Pol Sassel sich für Deutschland eigentlich auch “einen Erdoğan” wünscht, damit dieser endlich mal Schluss mit dieser nervigen Versammlungsfreiheit macht und so die Sehnsucht der rechten Hetzer nach einem autokratischen Staat befriedigt:

Pol Sassel ist auch für Erdogan

Mehr als deutlich tritt seine Türk*innenfeindlichkeit auch in diesem Beitrag hervor:

Weg mit dem Türkendreck#1

Die Kommentare darunter zeigen wiederum, dass er sich mit dieser Einstellung im “Knouter-Club” überhaupt nicht alleine fühlen muss:

Weg mit diesem Türkendreck#2

Solcherlei Hetze findet sich nämlich zuhauf in der Facebookgruppe. Beispielsweise bezeichnet ein gewisser Guy J. Malané (der schon des Öfteren seine ignorante Weltsicht auf Facebook hinausposaunt hat) unter einem längst widerlegten Artikel des Kopp-Verlags Geflüchtete pauschal als “Kriminelle”, welche “eingesperrt” werden sollten:

"Flüchtlingsflieger"

Dazu kommt es auch immer wieder zu teils mit Rassismus der übelsten Sorte vermengten Gewaltaufrufen gegen Geflüchtete, wie beispielsweise unter folgendem, ursprünglich von einem der unzähligen Pegida-Ableger veröffentlichten Video, das Pol Sassel am 6. August im Knouter Club mit seinen rechtsextremen Gesinnungsgenossen teilte:
Pol Sassel Artikel über Geflüchtete nach Frankreich

"Knarre ziehen und schießen"

Pflicht, Leute zu erschießen

"Schwarzer Abschaum"

Weitere Gewaltphantasien finden sich auch beispielsweise unter folgendem Beitrag:

Haifischkommentar#1

Haifischkommentar #2

Und auch Politiker*innen, deren Ansichten den angeblich die Meinungsfreiheit so wertschätzenden Mitgliedern des Knouter-Clubs nicht in den Kram passt, sollen Einigen in der Gruppe zufolge kurzerhand ermordet werden:

Claudia Roth#1

Norbert Braune

Norberts Nachname ist also offensichtlich fast Programm — es fehlt eigentlich nur noch ein “r” am Ende.

Im Angesicht all dieser Gewalt- und Hasstiraden möchte ich übrigens mal folgende Passage aus der Gruppenbeschreibung des selbsternannten Meckervereins zitieren:

“Jedes Mitglied ist persönlich für seine Beiträge verantwortlich, was die Rechtslage der allgemeinen Regeln und Gesetzen von facebook und den Menschenrechten betrifft.
Administratoren tragen keine Verantwortung für Beitrage von Mitgliedern, können jedoch Beiträge ablehnen.
Also bitte keine persönlich verletzende und verunglimpfende Beiträge und keine Hassaufrufe und Morddrohungen gegen Personen und Rassen.
Ich bitte um Ihr Verständnis!”

Wie schön zu sehen, dass sich gleichermaßen Pol als auch die anderen Mitglieder des Knouter-Clubs an diese Vorgaben halten.


Pol Sassels rechtsextreme Einstellungen gehen aber noch einen bedenklichen Schritt weiter — inwiefern dies der Fall ist, möchte ich euch nun illustrieren. Fangen wir zunächst einmal mit diesem Beitrag hier an:

Migranten werden als "Ratten" bezeichnet

Mit “unsere[n] neuen Mitbürger[n]” sind wohl Migrant*innen gemeint, die hier mit “Ratten” verglichen werden. Nun sind Ratten in meinen Augen eigentlich sehr intelligente und liebenswerte Tiere, aber in diesem Kontext sind sie ganz klar mit einer negativen Konnotation behaftet. Die fragwürdige Parabel stellt somit Migrant*innen einzig und allein aufgrund ihrer Herkunft als minderwertige Menschen dar, deren Kinder nicht das Recht darauf haben, die Staatsbürgerschaft jenes Landes anzunehmen, in dem sie geboren werden. Zu dieser von Pol Sassel vertretenen rassistischen Blut-und-Boden-Ideologie passt dann auch dieses Bild, das er am 31. Juli gepostet hat:

Pol Sassel "Deutsches Blut"

Allgemein gipfeln die Beiträge auf der Seite immer wieder in eine ekelerregende Deutschtümelei, was aus historischer Sicht eine ziemlich abstruse und widersprüchliche Position für luxemburgische Patrioten ist — denn immerhin hat Nazideutschland Luxemburg durch die im 2. Weltkrieg vollzogene Eingliederung von letzterem ins Dritte Reich seine Daseinsberechtigung als eigenständige Nation aberkannt. Bei Pol Sassel geht diese Affinität aber noch einen Schritt weiter. Ein erstes Indiz ist dieses Bild einer einen Hut der SS tragenden Frau, das während mehreren Sekunden in einem bizarren, von Sassel zusammengeschnittenen Video ab Minute 0:47 eingeblendet wird:

Pol Sassel Video mit Frau in Uniform der Wehrmacht

Dazu hat er folgendem Beitrag einen Like verpasst:

nazi-1 nazi-likes Pol Sassel liefert also reichlich legitime Gründe dafür, ihn definitiv als Neo-Nazi bezeichnen zu können. Damit läge man aber gnadenlos falsch, denn im Gegensatz zu ihm waren die nämlich allesamt linksgrünversiffte Gutmenschen, wie er gekonnt mittels eines Artikels des bekannten Rechtsextremen Michael Mannheimer (dessen Beiträge auch schon von Fernand Kartheiser geteilt worden sind) darlegt:

Link von Mannheimer, Nazis waren links

Diese abstruse und revisionistische Behauptung wurde zwar schon längst von Historiker*innen widerlegt, doch da die ganzen Rechten sich nicht gerne aus der bequemen Umarmung ihrer bewusst gewählten Ignoranz lösen wollen, hält sich diese Auffassung hartnäckig in ihren Köpfen fest und wird auch immer wieder in Diskussionen vorgebracht. Der absolute Gipfel der Absurdität folgt aber noch: Eine Minute (!) nach dieser meisterhaften Zurückweisung von jeglichen Nazivorwürfen teilte Sassel tatsächlich noch den Link einer Internetseite, die einen Artikel aus dem Völkischen Beobachter — der offiziellen Parteizeitung der NSDAP — aufgreift und deren Inhalte als Fakten darstellt:

Pol Sassel NSDAP

In besagtem Artikel wird der 2. Weltkrieg kurzerhand als Notwehr dargestellt, weil Präsident Roosevelt einem der offiziellen Propagandaorgane der Nazis zufolge die Deutschen auslöschen wollte — hemmungsloser Geschichtsrevisionismus also. Interessant ist, dass Menschen wie Pol Sassel der “Lügenpresse” demokratischer Staaten keinen Glauben schenken, dafür aber den Staatsmedien einer beispiellosen Diktatur, die für 70 Millionen Tote und eines der größten Verbrechen gegen die Menschheit — den Holocaust — gesorgt hat, offensichtlich schon. Könnte es etwa unvorstellbarerweise daran liegen, dass es den ganzen Lügenpresse-Skandierern gar nicht so sehr um den angeblich von ihnen so hochgeschätzten Wahrheitsgehalt von Nachrichten geht, sondern vielmehr darum, dass kein auf journalistischen Qualitätsstandards fundiertes Medium ihre krude und menschenfeindliche Weltsicht vertritt? Am Ende des Texts gibt es dann noch einmal gepflegte Hitler-Glorifizierung — sogar mit Porträt:

Nazi Pol Sassel Nazi Pol Sassel#2 Hitler-Glorifizierung

Wenn man nach dieser Lektüre noch nicht genug Verherrlichung des 3. Reichs intus hat, kann man sich noch folgende Schmankerl, die die Internetseite zu bieten hat, zu Gemüte fahren:

Nazi Pol Sassel#3 Nazi-Beiträge

Anbei deswegen letztlich noch ein kleiner, gut gemeinter Ratschlag von mir an dich, Pol: Wenn du wirklich nicht mehr als Nazi bezeichnet werden willst, würde ich vielleicht einfach mal damit aufhören, Nazi-Sachen zu posten.

Oh, und schaut mal, wer noch zu den Administratoren zählt:

Fernand Kartheiser einer der Admins des Knouterclubs

Hierbei möchte ich noch einmal unterstreichen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass Kartheiser wie der Großteil der anderen Mitglieder des Knouter-Clubs gegen seinen Willen eingeladen und zum Administrator ernannt worden ist. Nichtsdestotrotz würde ich mir an seiner Stelle mal ernsthaft Gedanken darüber machen, dass ein Rassist mit Hang zum Nationalsozialismus wie Pol Sassel mich als würdig genug erachtet um Administrator seiner Hass und menschenverachtenden Ideologien propagierenden Facebookgruppe zu werden.


Weitere Einblicke: Rechte Kommentare bei RTL.lu & Co.

In den Kommentarspalten der Facebookpräsenzen luxemburgischer Medien hat sich in den letzten Monaten nicht allzuviel verändert. Sobald RTL.lu, L’Essentiel, Tageblatt & Co. einen Artikel teilen, in dem es um Geflüchtete/den Islam/Ausländer oder sonst ein Thema geht, bei dem Menschen rechter Gesinnung mit ihrem auf Ignoranz und mangelnder Empathie fundierten Hass brillieren können, kommen diese aus ihrem mit Vorurteilen genährten Sumpf hervor gekrochen und bereichern die Diskussionen unter besagten Beiträgen mit stets sachlichen, durchdachten und rhetorisch einwandfreien Kommentaren. So wie beispielsweise bei einem auf der Facebookseite von RTL.lu geteilten Artikel über einen von einem syrischen Geflüchteten ausgeübten Messerangriff in einer Dönerbude im baden-württembergischen Reutlingen im Juli (welcher sich übrigens letztlich, entgegen der wieder einmal im Vorfeld und damit ohne jeglichen faktischen Halt von vielen Rechten aufgestellten Behauptung, es habe sich dabei um einen Terrorangriff gehandelt, als Beziehungstat entpuppte):

Menschen werden als "Dreck" bezeichnet Menschen werden als Herpes bezeichnet

Nun sind nicht alle Menschen, die solche menschenverachtenden Kommentare posten, auch tatsächlich Teil der rechten Szene Luxemburgs. Zumeist handelt es sich bei ihnen um “besorgte Bürger”, die sich durch einen auch in Luxemburg teilweise nach rechts abgedrifteten öffentlichen Diskurs — in welchem extreme Positionen, die sonst nur dem rechten Rand des politischen Spektrums vorbehalten waren, plötzlich von Parteien, die sich selbst in der politischen “Mitte” situieren, übernommen werden (siehe dazu auch die im ersten Teil meines Dossiers erwähnte Diskussion um das “Burkaverbot”) — dazu ermutigt fühlen, ihren eigenen Ressentiments freien Lauf zu lassen. Zusätzlich begünstigt wird deren Ausdruck auch durch die Beschaffenheit sozialer Netzwerke selbst. Die Hemmschwelle für solche Aussagen, die trotz des eingangs erwähnten, verschärften Tons in öffentlichen Diskussionen nach wie vor sozial geächtet werden, ist nämlich alleine schon durch die bequeme physische Distanz zwischen den Teilnehmer*innen einer digitalen Agora viel niedriger als im von Angesicht zu Angesicht stattfindenden Gespräch.
Der Umgang luxemburgischer Online-Medien mit solchem “hate speech” ist hierbei gelinde gesagt verbesserungsbedürftig. Anders als bei den Online-Ablegern deutscher Nachrichtenmedien gibt es bei den meisten luxemburgischen nämlich weder auf Facebook noch auf den Internetseiten selbst einen oder mehrere Moderatoren, die immer wieder auf die Community-Guidelines hinweisen, Kommentare, welche letzteren zuwiderlaufen, konsequent löschen und falsche Behauptungen mittels Eigenrecherche widerlegen. So bleiben insbesondere auf RTL.lu wüste rassistische Beschimpfungen, Aufrufe zu Hass und Gewalt und Desinformationen einfach so für jede*n sichtbar stehen. Sofern nicht die restlichen Nutzer*innen selbst einschreiten, entfalten solche Kommentare ungestört einen absoluten Geltungsanspruch — welcher wiederum die Gefahr, dass die dabei zur Schau getragene Weltsicht Anklang finden oder zumindest dafür sorgen kann, dass Menschen sich in ihren Vorurteilten bestätigt sehen, enorm erhöht. Eine lobenswerte Ausnahme von dieser beschämenden Regel gibt es aber letztlich doch noch, und zwar die Facebookseite von L’Essentiel Online. Deren Moderator*innen und Admins greifen nämlich immer wieder bei fremdenfeindlicher Hetze durch.


Ein weiteres Sammelbecken für die eingangs erwähnten besorgten Bürger, die sich zwar nicht zwingend der rechten Szene zuordnen lassen, dafür aber deren Positionen zumindest teilweise vertreten, ist momentan “ONST LËTZEBUERGER LAND“. Die Seite funktioniert hierbei wie frühere Knotenpunkte dieser Art: Den größten Teil der Zeit über postet der offensichtlich alleine agierende Admin patriotischen Pathos in Form von grässlich gestalteten Bildern, bei deren Anblick jede*r einigermaßen begabte Layouter*in von bodenlosem Grauen befallen werden würde, und Videos voller unreflektierter Nostalgie, die die Vision eines idealisierten Luxemburgs, das in der Form nur in den Köpfen seiner Bewohner*innen existiert, heraufbeschwören:

Patrioten-Pathos#2 Patriotenpathos#1

Man beachte übrigens die schicke Wassermarke — dadurch wird sichergestellt, dass auch jede*r weiß, von wem diese nur so vor Orthographiefehlern strotzenden Weisheiten (die Liebe zur luxemburgischen Sprache geht also offensichtlich nicht so weit, als dass der Admin dafür Kurse besuchen würde) stammen.
Dazwischen streut der Leiter der Seite nun immer wieder eine selektive Auswahl von Artikeln mit suggestiven Begleittexten ein, die an diffuse Ängste in der Bevölkerung appellieren. Im Gegensatz zu früheren Sammelbecken von besorgten Bürgern und Mitgliedern der rechten Szene, wie etwa “I Love Mäin Lëtzebuerg”, hält sich der Admin dieser Seite selbst nun dabei zwar mit extremen Aussagen zurück — dafür lässt er aber in den Kommentarspalten umso mehr den braunen Mob toben. Ein Beispiel hierfür ist der folgende Beitrag:

Gegen Geflüchtete#1

Durch die Tatsache, dass sich der öffentliche Spazierweg, an dem die Statuen angebracht waren, zufälligerweise in der Nähe eines Flüchtlingsheimes befand und die (ähnlich wie beim Artikel von RTL.lu über den gleichen Vorfall) bedenklich tendenziöse Wortwahl in der Überschrift des Artikels (“enthauptet”), welche niederste Ressentiments und Vorurteile befeuernde Assoziationen zum IS-Dschihadismus hervor ruft, hat der braune Mob dann auch sofort die Schuldigen ausgemacht:Gegen Geflüchtete#2

In den Augen der “besorgten Bürger” ist die Proximität des Flüchtlingsheims also ein hinreichender Beweis dafür, dass Geflüchtete die Statuen beschädigt haben müssen. Nach dieser Logik müssten dann aber auch die Bewohner*innen aller anderen Häuser, die in der Gegend rumstehen, als Verdächtige gelten. Das ist den Kommentierenden aber herzlich egal — trotz fehlender Evidenz für ihre Behauptungen fordern manche von ihnen dann auch die sofortige Ausweisung von Geflüchteten aus Luxemburg:
Gegen Geflüchtete#3

Gegen Geflüchtete#4Solcherlei Beiträge und dazugehörige Kommentare finden sich auf der Seite zuhauf — nichtsdestotrotz sei aber anzumerken, dass die Präsenz und Tragweite von zwischen patriotischem Pathos und Aufwiegelung der Massen schwankenden Knotenpunkten wie “ONST LËTZEBUERGER LAND” innerhalb der rechten Szene spürbar abgenommen hat und deswegen die Entwicklungen irgendwelcher politischer Dynamiken, die über richtungslosen und vagen “Protest” hinausgehen, bis auf Weiteres eher unwahrscheinlich sind.


Zusammenfassung

Im Rahmen meiner Recherchen hat sich bei mir der Eindruck verfestigt, dass die (Online-)Aktivitäten innerhalb der rechten Szene Luxemburgs in den letzten Monaten insgesamt stark abgenommen haben und ihre einzelnen Akteure trotz zahlreicher ideologischer Überschneidungen so isoliert sind wie selten zuvor. Die SDV steht kurz davor, Nico Castiglia der Partei zu verweisen und sich selbst aufzulösen. Gruppen wie die Luxemburg Defence League oder Lëtzebuerger Patrioten darben in der Irrelevanz. Und selbst die ADR, deren Rechtsaußenkurs sich mittlerweile auch in ihren offiziellen Positionen niederschlägt, kann nicht für sich beanspruchen auch nur ansatzweise den Erfolg einer AfD in Deutschland oder eines Front National in Frankreich nachzuahmen. Deswegen wird es auch langsam fraglich, ob der Begriff einer integren “rechten Szene Luxemburgs”, welche über zusammenhängende und miteinander verwobene Strukturen aufweist, überhaupt noch angebracht ist.
Nichtsdestotrotz wimmelt es aber nach wie vor nur so vor rechten Hasskommentaren in den sozialen Netzwerke — vorallem über die Facebookpräsenzen luxemburgischer Nachrichtenmedien verteilt posaunen regelmäßig “besorgte Bürger”, die meistens nicht einmal mit der rechten Szene liiert sind, ihre menschenverachtenden Ansichten hinaus.  Deutlich seltener werden rechte und rechtsextreme Beiträge und Kommentare mittlerweile in Facebookgruppen gepostet; das einzig nennenswerte Beispiel hierfür, das in letzter Zeit auf sich aufmerksam gemacht hat, ist der Knouter-Club, in dem neben fragwürdiger Deutschtümelei teilweise sogar eine unverhohlene Verherrlichung des Nationalsozialismus stattfindet.
Das Problem dieser rechten Online-Hetze lässt sich nun aber nicht nur durch das Melden von Kommentaren, Beiträgen und Seiten beheben. Das ist auch enorm wichtig, behebt aber nur die Symptome eines deutlich tiefgehenderen, strukturellen Problems, das an der Wurzel gepackt werden muss, um es langfristig zu lösen. Dazu bedarf es dann auch eines deutlich längeren Atems. Ich kann nicht oft genug betonen wie wichtig es daher ist zu versuchen, mittels empirischer Methoden in Studien den Ursprüngen von rechten Einstellungen in der (luxemburgischen) Bevölkerung auf den Grund zu gehen und auf diesen Erkenntnissen basierend politische Maßnahmen zu ergreifen, welche vorbeugend wirken bei eben jenen Faktoren, die zu solch gefährlichen, die Fundamente einer offenen und auf demokratischen Prozessen fundierten Gesellschaft korrodierenden Tendenzen führen. Auch gesellschaftliches Engagement ist wichtig — es hilft schon enorm, wenn man beispielsweise im Gespräch mit anderen menschenfeindliche Positionen nicht mehr nur einfach so hinnimmt, sondern jedes Mal aktiv mit Gegenargumenten dekonstruiert. Das mag anstrengend sein und oftmals hoffnungslos erscheinen — insbesondere wenn sich das Gegenüber als resistent gegenüber jeglicher Rationalität erweist —, aber zumindest besteht die Chance, dass die dabei verwendete Methodik bei einigen doch noch auf fruchtbaren Boden stößt und sie im Anschluss ihre eigenen tief verwurzelten Vorurteile überdenken.

Meine bisherigen Texte über die rechte Szene in Luxemburg:

Alternative Medienrealitäten. Eine kritische Analyse alternativer Medien der Rechten in Luxemburg und deren Gefahren, in: FORUM – für Politik, Gesellschaft und Kultur in Luxemburg, Ausgabe 363
Die rechte Szene Luxemburgs Ende 2015: Castiglia, Kartheiser, Keup, Thein, Peters & andere “Lezeboia”
Die rechte Szene Luxemburgs und Verschwörungstheorien, in: FORUM — für Politik, Gesellschaft und Kultur in Luxemburg, Ausgabe 353
Nico Castiglia – Der neue Kopf der rechten Szene in Luxemburg
Nein zu PEGIDA – jetzt umso mehr als zuvor!
Fernand Kartheisers Kritik am Feminismus und die Legitimation der Diskriminierung von Homosexuellen
Liebe luxemburgische Patrioten, …
Pierre Peters erneut an der Seite der NPD
Neue Einblicke in die rechtsextreme “Luxemburg Defence League”
Rechtsextremismus in Luxemburg – neue Einblicke
Ausländer- und Homosexuellenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus & Co. in Luxemburg
Ein beunruhigender Blick in die Vereinigung der “Lëtzebuerger Patrioten”
“Lëtzebuerger Patrioten”
Neue “rhetorische” Ergüsse der NDU
“(…) die houer Kaméildreiwer!”
“Durchforstet eure Pizzabroschüren!”
“Mäer sinn dach keng Rassisten – erklär du uns mol wat dat ass”
1. Artikel über die NDU

Rassismus 2.0 – Wie die rechte Szene sich soziale Netzwerke zu Nutze macht (Gastbeitrag von Xavier Hofmann)

Der 4. Gastbeitrag von Xavier Hofmann zum Thema “Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken”. Den Originalartikel findet ihr hier.
In den ersten drei Einträgen meines Blogs ging es allgemein um die Funktionsweise sozialer Netzwerke und das Verhalten mancher Nutzer. In diesem Post wird es nun darum gehen, wie die politisch rechte Ecke versucht, ihr Gedankengut in sozialen Netzwerken zu verbreiten und teilweise unterschwellig gegen Minderheiten jeder Art zu hetzen und eine allgemeine fremdenfeindliche Stimmung in der Gesellschaft zu erzeugen.
Beginnen werde ich mit einem Beitrag, der von der Facebook-Seite “NPD-Kreisverband Westpfalz” veröffentlicht wurde. Kurz gesagt: In Kaiserslautern sollen angebliche Asylanten den gefährlichen Ebola-Virus nach Deutschland gebracht haben. Natürlich stimmt das nicht, was man auch in meinen Quellenangaben detailliert nachlesen kann. Das Interessante ist an dieser Stelle die Art, wie der Beitrag verfasst wurde. Ähnlich wie es auch etliche “normale” Seitenbetreiber tun, wird hier versucht, die Reichweite der eigenen Posts mit Provokation und dem Aufstellen pikanter Fragen zu steigern. Darauf springen natürlich viele Nutzer an, die schon seit Monaten in der Angst vor dem tödlichen Ebola-Virus leben. Dabei ist es ihnen im Endeffekt egal, dass sie dabei die NPD indirekt unterstützen. Es geht primär um die Angst um das eigene Leben. Diese Angst wird hier genutzt, um Fremdenhass und Intoleranz gegenüber Asylanten zu schüren. In diesem anderen Beispiel bedient sich die NPD einer ähnlichen Vorgehensweise. Die Angst davor, die eigene Unterkunft zu verlieren, wird dazu genutzt, um gegen Asylanten zu wettern. Natürlich wurde auch hier mit allen Mitteln der Kunst versucht, ausgehend von einem realen Sachverhalt irgendwie eine provokante Meldung auf die Beine zu stellen. Auch in diesem letzten Beispiel wird noch einmal deutlich, dass die politisch rechte Ecke vor keiner Falschmeldung zurückschreckt, um auch nur irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. Hier wurde die sogenannte „Eingliederungshilfe“, die eigentlich nur körperlich oder geistig wesentlich behinderten Menschen zusteht, so uminterpretiert, als dass sie dazu dienen würde Asylbewerbern das Eingliedern in die Gesellschaft zu erleichtern. Da es sich in diesem Fall um mehr als 2000 Euro handelte, war die Empörung enorm.

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Zusätzlich zu den hier beispielhaft genannten Beiträgen, die aus offensichtlich rechtsextremen Federn stammen, gibt es noch eine subtilere Art, um in sozialen Netzwerken den Hass auf Minderheiten zu schüren. Als Beispiel sei hier auf die oberen Bilder hingewiesen. An dieser Stelle kann man nur über die eigentliche Herkunft und den Sinn der Beiträge spekulieren, jedoch scheinen diese alle einen faden, rechten Beigeschmack zu haben, was besagten Gruppierungen zweifellos entgegenkommt. Teilweise bestehen solche Statusbeiträge aus riesigen Texten, die wohl den Eindruck vermitteln sollen, dass es sich um einen seriösen, gut recherchierten Beitrag handelt. Im Endeffekt wird auch hier nur wieder versucht, ein Maximum an Aufmerksamkeit zu erlangen. Beiläufig werden dann Informationen bezüglich einer ausländischen Herkunft der in den Beiträgen behandelten Täter erwähnt. Diese Informationen führen dazu, dass Nutzer, die diese Beiträge glauben, sich – nach dem Entdecken etlicher ähnlich gelagerter Fälle – “in ihrem eigenen Land nicht mehr sicher fühlen”. Hier und hier kann man sich zwei Musterbeispiele für solche Beiträge ansehen. Besonders bei Letzterem kann man erkennen, wie schnell und unkontrolliert sich die Meldung im Internet verbreitet hat. Das Dementieren dieser Meldungen durch die Polizei ist hier nur noch ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke ist es auch für die rechte Szene einfacher geworden, neue Mitglieder zu werben. Wo man sich früher erst einmal informieren musste, wo sich die rechte Szene im eigenen Ort denn eigentlich traf und zusätzlich den Mut aufbringen musste dort vorstellig zu werden, so kann man heute mit nur wenigen Klicks den Kontakt mit solchen Personen aufnehmen. Deren angewandte Taktiken zur Rekrutierung sind vielfältig, und es wird gezielt versucht, potenzielle Interessenten Schritt für Schritt in den braunen Morast zu ziehen. Wenn man erst merkt, worauf man sich eingelassen hat, so ist meist schon zu spät, um aus eigener Kraft wieder heraus zu kommen. Auffällig ist hier auch die Anzahl der rechten Seiten, die sich immer gegenseitig referenzieren und wohl auch von den gleichen Betreibern administriert werden. Auch die aktiven Mitglieder solcher Seiten scheinen offensichtlich immer auf die gleiche Menge von echten Personen abzubilden. So entstehen unter Posts teilweise gestellte Diskussionen, die den Zweck haben, Dritte zu beeinflussen und Sympathien für die besprochenen Inhalte zu wecken.
Zum Abschluss dieses Beitrags bleibt nur noch einmal zu wiederholen, dass man unter keinen Umständen, wahllos Beiträge in sozialen Netzwerken weiterleiten sollte. Ist es eigentlich schon schlimm genug, dass man hier (unwissentlich) Falschmeldungen verbreitet und Hetze betreibt, so kann dies eigentlich nur noch schlimmer werden, wenn man durch unüberlegtes Handeln rechts orientierten Gruppierungen den Wind in die Segel bläst. Der Einfluss, den das braune Gedankengut in sozialen Netzwerken ausübt, scheint immer größer zu werden. Der altbekannte Satz “Ich bin ja kein Rassist, aber…” und seine gleichgesinnten Konsorten scheinen, auch dadurch, wohl immer salonfähiger zu werden. Diese Entwicklung unserer Gesellschaft empfinde ich als sehr beunruhigend, da uns auch die Vergangenheit nicht davor bewahrt, empfänglich für offensichtliche Manipulationsversuche seitens des rechten Randes zu sein.

Quellen:

http://www.mimikama.at/allgemein/angeblicher-ebola-verdacht-in-kaiserslautern-nichts-als-ein-laues-lftchen-von-rechts/
http://www.mimikama.at/allgemein/privatwohnungen-knnen-fr-asylanten-beschlagnahmt-werden-sagt-die-npd/
http://www.mimikama.at/allgemein/unfassbar-kein-fake/
http://www.mimikama.at/allgemein/angeblicher-versuch-einer-kindesentfuehrung-in-duisburg/
http://www.mimikama.at/allgemein/die-organmafia-in-essen-und-duisburg-ein-fake-verbreitet-angst/
http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/180893/das-braune-netz

Bildquellen:

http://www.mimikama.at/wp-content/uploads/2014/04/image15.png
http://www.mimikama.at/wp-content/uploads/2014/04/image24.png

Nico Castiglia – Der neue Kopf der rechten Szene in Luxemburg

Die seit einigen Monaten herrschende Stille rund um die rechte und rechtsextreme Szene Luxemburgs in den sozialen Medien wurde vor wenigen Tagen mit einem Paukenschlag durchbrochen. Ein gewisser Nico Castiglia – dessen Treiben ich bereits seit einiger Zeit beobachte – hat in einem Gespräch mit RTL.lu angekündigt, das luxemburgische Pendant des rechtsextremen Front National – einer Partei, die trotz ihrer angeblichen Entdämonisierung durch Marine Le Pen nach wie vor an die niedersten Ängste der Menschen appelliert und somit auf Stimmenfang geht – zu gründen. Am 25. April 2015 soll die neue Partei namens “Sozial Demokratesch Vollëkspartei”, die in der politischen Landschaft Luxemburgs den braunen Morast rechts der ADR für sich beanspruchen möchte und in der angeblich schon 40-50 Leute involviert sind, das Licht der Welt erblicken. Alarmiert von dieser beunruhigenden Nachricht, wollte ich der Sache dementsprechend näher auf den Grund gehen.

Nach einigen Recherchen, die ich euch nun nachfolgend präsentieren möchte, erhielt ich bereits einen sehr unangenehmen Vorgeschmack auf die Anhängerschaft Castiglias – die lässt seine Aussagen auf RTL, dass seine Partei angeblich weniger extrem wie der FN werden soll, sogleich wie blanken Hohn erscheinen. Sein Facebookprofil hat sich nämlich abseits der Öffentlichkeit in den letzten Monaten als das neue Sammelbecken für allerlei rassistische und menschenfeindliche Aussagen – die von Castiglia dazu mehr als offensichtlich toleriert und gar gezielt gefördert werden – herauskristallisiert. Die rechte Szene Luxemburgs ist nach einigen Rückschlägen, unter anderem in Form von Gerichtsurteilen aufgrund des Aufrufs zum Hass, also wieder wieder im Inbegriff, sich zu organisieren – und erstmals droht die braune Welle, unter dem Deckmantel von Castiglias “Sozial Demokratischer Volkspartei”, auch aus den sozialen Netzwerken in die reale Welt überzuschwappen.


Ehe ich aber näher auf Castiglias Profil selbst und die dort anzutreffenden rassistischen Eruptionen eingehe, möchte ich, um die Gründung der SDV zu kontextualisieren, noch einmal die allgemeinen Strukturen und auch den aktuellen Stand der rechten und rechtsextremen Szene in Luxemburg näher beleuchten. Für all diejenigen, die mehr über deren Entwicklung in den letzten Jahren erfahren möchten, habe ich dazu am Ende des vorliegenden Texts eine Übersicht meiner bisherigen Arbeit zum Thema zusammengestellt.

Die rezenten Ausbrüche von Rechtsextremismus in Luxemburg konzentrieren sich fast ausschließlich auf die sozialen Medien – in diesem Falle insbesondere Facebook; die letzten Versuche zur Gründung von rechtsextremen Parteien (wie beispielsweise durch den berühmt-berüchtigten Pierre Peters in den 90ern) schlugen gnadenlos fehl. Rassistische Kommentare in den Kommentarspalten großer luxemburgischer Tageszeitungen sind leider gang und gäbe, nehmen aber nie eine strukturierte Form an. In regelmäßigen Abständen – insbesondere im Anschluss an öffentliche Debatten, wie etwa die komplexe Diskussion um die Sprachensituation in Luxemburg oder jüngst etwa das Ausländerwahlrecht, was für sehr viel emotional geladene Polemik sorgt – tauchen dann Seiten auf, die als sogenannte Hubpages der rechten Szene fungieren. Dort tummelt sich dann deren harter Kern, der sich aus einigen wenigen Individuen, die immer wieder durch rassistische, islamo- und homophobe Kommentare auffallen, rekrutiert. Meistens verschwinden die Seiten nach einiger Zeit von selbst, wenn die gesellschaftliche Debatte wieder abflaut oder die Mitglieder sich durch interne Streitereien gegenseitig zerfleddern – Letzteres passierte bislang häufig bei all den kläglichen Versuchen, die rechten Strömungen in der luxemburgischen Bevölkerung in diversen Gruppierungen, wie etwa die “NDU”, “Lëtzebuerger Patrioten” oder “Luxemburg Defence League” zu kanalisieren. Zwischen dem rechtsextremen und dem rechtspopulistischen Rand, der in Luxemburg vorallem durch die Partei ADR repräsentiert wird, besteht desweiteren immer wieder reger, oftmals auch persönlicher Austausch – diverse jüngere ADR-Politiker sind mit Leuten, die in der Vergangenheit durch rassistische Kommentare auffielen, befreundet, und die Partei hat sich – auch wenn immer wieder das Gegenteil beteuert – nie ausdrücklich von klar rechtsextremen Mitgliedern distanziert und lässt sogar zu, dass sie immer wieder auf Parteiveranstaltungen auftauchen. Die ADR und insbesondere ihre Jugendorganisation ADRenalin selbst fristen wiederum ein Schattendasein – auch wenn die Verantwortlichen immer wieder die angeblich bevorstehende “konservative Revolution” (das Wort selbst stellt schon ein äußerst belustigendes Oxymoron dar) heraufbeschwören. Viele führende Persönlichkeiten innerhalb der Partei, wie etwa der Vorsitzende der Jugendorganisation, Joe Thein, oder Fernand Kartheiser, der ehemalige Parteipräsident, fallen auf ihren jeweiligen Blogs auch immer wieder durch äußerst krude Aussagen und Sympathiebekundungen gegenüber PEGIDA auf, mit denen sie verdeutlichen, auf welcher äußerst bedenklichen politischen Linie sich die ADR mittlerweile befindet.

Rechts dieser Partei möchte sich nun also die SDV ansiedeln und somit, nach zahlreichen gescheiterten Versuchen durch andere berühmt-berüchtigte Persönlichkeiten der rechten Szene, einen erneuten Vorstoß menschenfeindlicher Ansichten in die luxemburgische Politlandschaft wagen – das verspricht schonmal rosige Aussichten.


Zeit also, nun endlich mal Nico Castiglias Facebookprofil genauer unter die Lupe zu nehmen. Auch auf diesem macht er, wie man schnell feststellt, keinen Hehl aus seiner überhaupt nicht bedenklichen Bewunderung für den Front National:

Nico Castiglia - "Gefällt mir"

Sehr auffällig ist, dass er nicht nur FN-Parteichefin Marine Le Pen – die unter anderem, um die aufwallenden Ängste nach den Terroranschlägen in Frankreich auszunutzen, die Wiedereinführung der guten alten Guillotine befürwortet hat und der wegen einer Rede, in der sie muslimische Gebete mit der Nazi-Besatzung Frankreichs verglich, ein Strafverfahren angedroht wurde – seine Sympathie in Form seines Likedaumens bekundet, sondern auch ihrem Vater Jean-Marie Le Pen, einem der bekanntesten und furchtbarsten Rechtsextremisten Europas, der unter anderem vor Kurzem wieder einmal bekräftigt hat, dass der Holocaust für ihn nur ein “Detail” des 2. Weltkriegs darstellt. Mit solch dem Humanismus verpflichteten politischen Vorbildern kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen! Ein Blick auf seine Lieblingsfilme zeigt dann auch, wo er sein fundiertes politisches Wissen herhat, und zwar aus dem unerreichten König der dubiosen und miserabel recherchierten YouTube-Videos, auf den sich so gut wie alle Verschwörungstheoretiker und Pseudo-Erleuchteten gerne berufen – “Zeitgeist”:

Nico Castiglia - Profil (Filme)

Stöbert man dann ein bisschen weiter, stößt man auch schnell auf seine feinfühligen lyrischen Ergüsse:

Politische Ohnmacht

Herr Castiglia ist im Gegensatz zu den von ihn angeprangerten, bösartigen Politikern natürlich ein ehrbarer Mann. Immerhin verdiente er sich seinen Lebensunterhalt früher unter anderem dadurch, älteren Damen ihr Erspartes abzuknüpfen, indem er sie davon überzeugte, in eine phantomhafte Fluggesellschaft zu investieren – bis ihm schließlich die Staatsanwaltschaft auf die Schliche kam und er eine saftige Gefängnisstrafe kassierte. Im Lichte dieser heldenhaften Taten erscheinen seine Selbstinszenierung als leidenschaftlicher Verfechter der “Wahrheit” (allerdings nur jener, die ihm in den Kram passt) und immer wieder auf Facebook von ihm hinaus posaunten Pamphlete gegen Politiker, die ihm zufolge die Bevölkerung ausbeuten, umso glaubwürdiger und authentischer.

Castiglia hat um die 4000 Freunde, die er zumeist mit sehr geschmackvollen und von seinem feinsinnigen Humor zeugenden Witzeleien über Erektionen und Blondinen auf Trab hält:

9.1 Castiglia verfügt auch über einen sehr subtilen Humor

Von Zeit zu Zeit wirft er dann aber immer wieder politisch aufgeladene Beiträge in die Mitte seiner Anhängerschaft, die vom offensichtlichen Verlangen beseelt sind, an die niedersten Ängste zu appellieren und möglichst rabiate Reaktionen hervorzurufen.

Ein Beitrag löste dabei einen besonders fürchterlichen rassistischen Sturm aus:

1.1 Castiglia Artikel 50 Millionen

Wenn man sich den von Castiglia verlinkten Artikel selbst näher anschaut, merkt man ziemlich schnell, dass es sich dabei um eine wirre Ansammlung von diversen rechten Verschwörungstheorien und gezielter Angstmache ohne fundierte Quellen handelt. Beispielsweise greift der Autor des besagten Artikels am Ende auf die in rechten Kreisen gerne verbreitete Zahl von 51, 72 Millionen (!) Muslimen zurück, die 2045 angeblich in Deutschland leben sollen – wie sich diese Verzehnfachung (!!) der muslimischen Bevölkerung in Deutschland alleine schon vom rechnerischen Standpunkt her innerhalb von 30 Jahren ereignen soll, will sich mir nicht so recht erschließen (wenn ihr wirklich valide Prognosen zu diesem Thema haben wollt, empfehle ich euch übrigens diesen Link zu Rate zu ziehen).

Nico Castiglia verteidigt den Artikel trotzdem erbittert mit allen erdenklichen argumentativen Mitteln und vorbildlichen Quellenangaben:

1.14 Brillante Quellenangabe vom Herrn Castiglia.

Übersetzung: “Die Artikel sind nicht Dumm die sogar schon im Fernsehen Thema gewesen …!”

Nico Castiglia postet nun diesen ganz offensichtlich auf falschen Fakten und vollkommen irrsinnigen Prämissen basierenden Artikel mit der plakativen und sehr aussagekräftigen Überschrift “Vollidioten !!!” – was dann auch die gewünschten Reaktionen des sich um ihn scharenden braunen Mobs, dem jeder noch so lächerliche Vorwand Recht ist, um dem in ihm schwelenden Hass freien Lauf zu lassen, hervorruft. Die dabei zustande gekommenen Kommentare sprechen in all ihrer Ignoranz und ihrem blanken und unverhohlenen Rassismus für sich:

1.2 Crystal Cryster Erster rassistischer Kommentar

Übersetzung: “Ach Jesus, normal dass Leute keine Kinder mehr machen, kein Geld !!!! Und dann bringen sie gerne faule Säcke herein, aber nun ja, was erhoffen die sich dabei !!!!”

1.3 Knutschiwutschi Miri Noch ein rassistischer Kommentar

Übersetzung: “was heißt hier ausgebeutet ??? Sie hätten ja selbst etwas machen können !! Aber dafür sind die ja zu faul.”

1.5 Rassistische Sicht auf Afrika

Übersetzung: “Zur Sache “Kriegs-Länder”. Kann jemand mich aufklären WO im ganzen ehemaligen Jugoslawien (Ich weiß, ist nicht Afrika) Krieg ist. Weil noch JEDEN TAG welche ankommen ! Lampedusa, schau dir die Reportagen an ! Lauter JUNGE kraftstrotzende Männer. In ganz Europa, egal in welchem Land, ist mit denen “ach so geplagten” Flüchtlingen die Kriminalität sprunghaft nach oben gegangen. Und ich sage NOCH einmal, das sind KEINE Flüchtlinge, zu 99% nicht. Die, die als erstes weglaufen, hauptsächlich die die ich vorhin erwähnt habe, sind Feiglinge, die ihre Familie im Stich gelassen habe. Und so etwas braucht Europa NICHT. Schaut die Fotos hier. Trotz ein paar 100 Jahren “Entwicklungs-Hilfe” gibt es dort noch so etwas dort. Und das kommt eben vor, wenn man für ein paar Milliarden supermodernes Kriegs-Material kauft. Dreht denen den “Spenden-Hahn” zu, ihr werdet euch wundern, wie schnell dort Ruhe ist.”

1.6 Rassistischer Kommentar von "Kleiner Mann"

Übersetzung: “Frank Scheer, glaube das kaum. Ist eine Frage von Bildung. Und sorry, das, ist etwas was diese “Leute” NICHT haben.”

1.7 Noch mehr Rassismus

Übersetzung: Crystal Crystal: “Und dann müssen wir hier auf unsere Diamanten und Ringe aufpassen.” Kleiner Mann: “Nur noch eins, ich weiß mich zu wehren. Avis aux Amateurs.”

1.8 Afrikaner werden kollektiv als "Neger" bezeichnet

Übersetzung: “Nun denn, wenn die EU 50 Millionen (ja 50.000.000 !!!) Neger in die EU nehmen will, dann wandere ich in Afrika aus, weil dort sind ja fast keine mehr da, dann sind die fast alle bei uns. Und dann kann man noch so lange in Afrika ruhig leben, man braucht keine Angst mehr zu haben, weil mit den 50 Millionen kommen auch eine ganze Reihe Terroristen und Fanatiker mit zu uns (die kommen jetzt schon mit den “Flüchtlings”-Booten) 3x sollen das Juxusburg und 3x die EU hochleben mit hieren politischen Gehirnkrüppeln!!!!!!!!!”

1.9 "Brauchen wir nicht hier in Europa, beurk"

Übersetzung: “Brauchen wir nicht hier in Europa, Beurk”

1.12 Afrikaner werden alle kollektiv als Verbrecher und "Abschaum" abgestempelt

Übersetzung: “Theid, du hast ja auch einen echten Luxemburger Namen, genau wie ich, aber wer hat diese Namen überhaupt erfunden? Und ein Name ist noch lange kein Landesverräter, das will ich dir aber auch sagen. Auch wenn du in der Politik tätig bist, schau mal was für ein Abschaum ihr mittlerweile in Esch (-Alzette) rumlaufen habt, und nicht nur in Esch auch in Schifflange, Diddelange, Stadt und dann im Norden vom Land. Mord, Raub, Überfälle, usw. ohne von den Sachen zu sprechen die vertuscht werden. Ich glaube wir hatten die goldenen Jahre nach dem Krieg erwischt, Theid, unsere Kinder schon nicht mehr so. Also es ist kein Platz mehr für nach mehr Verbrecher, wir haben schon genug in der Politik sitzen denen wir schon nicht mehr Herr werden.”

1.16 Knallst du einem "Neger" eine ...

Übersetzung: “Knalls du einem Neger eine bist du Rassist, knallt er dir eine ist er schlecht integriert. Kommt drauf an wie du es siehst. Oder wie ein Kollege sagte: Wenn sie klein sind sind sie nett, wenn sie groß sind klauen sie dir dein Auto. Wenn du dich hier im Land wehrst bist du sofort Rassist. Nico ich stehe hinter deiner Meinung.”

Bei solch unverhohlenem Rassismus fällt es mir wirklich schwer, gleichermaßen meine sarkastische Distanz als auch meine Fassung zu bewahren – es ist wahrhaftig eine Schande, dass nach wie vor solche ignoranten und redundanten Ansichten von der unbeschreiblich schönen Vielfalt Afrikas in Teilen der luxemburgischen Bevölkerung kursieren. Deren Vertreter besitzen dann gar noch zusätzlich die bodenlose Frechheit jegliche Vorwürfe des Rassismus abzuwimmeln und sich selbst zum Opfer von ‘reverse racism’ (der übrigens ein Mythos ist) hochzustilisieren:

1.10 Trauriges Herz liefert flawless logic

“Das hier hat nix mit Rassismus zu tun das ist Realität !!!! Weil wir in unserem eigenen Land werden rassistisch dumm und blöd angemacht, und dann dürfen wir hier unsere Meinung nicht sagen? Kein Wunder dass man so denkt !!! Und dann ist hier schon zu Wort gekommen dass die wo dagegen sind dass wir uns wehren können sie alle bei sich aufnehmen !!! Darf jetzt nicht weiter schreiben was ich denke !!! Schönen Tag noch !!!”

Achja, einen regelrechten Aufruf zu Lynchjustiz gibt es unter dem Artikel dann auch noch:

1.11 Aufruf zu Lynchjustiz

Übersetzung: “und dann sagen sie Schwarzarbeit ist verboten!!!! Soweit ich weiß ist auch Sklaverei nicht erlaubt, also wer muss dann jetzt wieder lohnen, na natürlich der dumme Bürger aus der EU. Was sind wir doch alle Volltrottel dass wir unsere Zertreter nicht einen Kopf kürzer machen. Also die müssten alle ohne Ausnahme an den Pränger und öffentlich hingerichtet werden. Dann das Schauspiel müsste in der ganzen Welt gezeigt werden, dass die Flüchtlinge in ihren Heimen bleiben und um ihnen zu zeigen dass es hier nicht mehr zu spaßen ist mit den Bürgern.”

Angesichts all dieser Kommentare sorgt Nico Cogliatis folgende Aussage dann für umso mehr Kopfschütteln:

Castiglia hat anscheinend rassistische Kommentare gelöscht

Übersetzung: “Herr Daniel Feypel es ist richtig dass verschiedene Aussagen (die ich auch sofort gelöscht habe) nicht gut geheißen werden können, es spiegelt aber wieder was der Bürger denkt und was viele Leute sich nicht trauen zu sagen (…)”

Castiglia hat also anscheinend die schlimmsten Kommentare alle schon gelöscht – wenn man dann allerdings bedenkt, dass er solche wie die obigen, in denen aus Afrika stammende Menschen kollektiv als “Neger”, “faule Säcke” und “Abschaum” bezeichnet werden, offenbar als nicht allzu schlimm empfunden und dementsprechend stehen gelassen hat, möchte ich wirklich nicht wissen, was in den Kommentaren stand, die er (angeblich) gelöscht hat. Glücklicherweise sind die hasserfüllten Kommentare unter Castiglias Artikel, entgegen seiner Auffassung, dazu nicht repräsentativ für das, was “der Bürger” sich insgeheim denkt – auch wenn es schon mehr als bedenklich ist, dass solche Gedanken überhaupt in den Köpfen einiger Menschen in Luxemburg herumschwirren.

Castiglia glänzt aber nicht nur dadurch, dass er auf dem rechten Auge vollkommen blind ist, sondern unter anderem auch durch seine gewählte Ausdrucksweise, die nicht zuletzt durch doch sehr erheiternde Widersprüche besticht:

Jetzt hör auf Leute

Übersetzung: Tom Rancour: “Wenn die ganzen Patridioten wenigstens ihre eigene Sprache richtig schreiben könnten … “Lëtzebuerger”, nicht “Letzeboier”. Es ist doch nicht so schwer.” Castiglia Nico: “Tom Rancour der Idiot musst du wohl sein … weil als ich in die Schule ging ist hier kein Luxemburgisch an der Schule gelehrt worden … und jetzt hörst du auf die Leute zu beleidigen du Sau da”

Dass Herr Castiglia seinen politischen Opponenten zuerst als “Idiot” und “Sau” bezeichnet, und dann im gleichen Atemzug von diesem fordert, damit aufzuhören, andere Leute zu beleidigen, zeugt nicht nur von dessen exzellenten rhetorischen Fähigkeiten, sondern festigt auch sein Dasein als musterhafte Realsatire des sich immer mehr in Widersprüche und Vulgaritäten verheddernden Patrioten.

Anhand dieses Kommentars von Castiglia zeichnet sich dazu wieder die herrliche Hypokrisie, die viele eifriger Patrioten auszeichnet, ab. Herrn Castiglias Ortographie im Luxemburgischen ist, wie anhand dieses Beispiels jedem, der der luxemburgischen Sprache mächtig ist, gewahr wird, gelinde ausgedrückt ziemlich fehlerhaft. Er selbst wimmelt jedoch jegliche (berechtigte) Forderungen, er solle nicht nur seiner schon so sehr angeschlagenen Kredibilität zuliebe gefälligst selbst zuerst einmal richtig Luxemburgisch schreiben lernen, ehe er das von Ausländern fordert, kurzerhand mit der Behauptung, er selbst habe halt niemals Luxemburgisch in der Schule gelernt, ab. Herrn Castiglias brennende Heimatliebe und sein Dasein als Patriot erlösen ihn also offenbar nicht nur von jeglichen ortographischen Eingrenzungen, sondern auch davon, sich in Luxemburgischkurse zu setzen und Ortographie- und Grammatikregeln zu pauken. Erstaunlich, dass die selbsternannten Retter von Luxemburg sich auf der einen Seite, von rassistischen Ressentiments getrieben, immer über die angeblich ach-so-faulen Ausländer, die kein Luxemburgisch lernen wollen, beklagen, auf der anderen Seite aber selbst offensichtlich keinen einzigen ihrer stattdessen fleißig xenophobe Kommentare auf Facebook formulierenden Finger rühren wollen, um selbst ihr fast in allen Fällen fehlerhaftes Luxemburgisch einmal gehörig aufzubessern. Natürlich könnte man die daraus resultierende kryptische Natur besagter Kommentare auch als einen Segen auffassen – immerhin entgehen einem so ihre wirren und haarsträubenden Gedanken, weil man schon alleine aufgrund ihrer mangelnden ortographischen als auch grammatikalischen Kenntnisse daran scheitert, überhaupt einen Sinn aus diesen vor Ignoranz strotzenden Gedankenergüssen, die bar jeglicher Struktur oder Reflexion sind und nur in Wörter gegossene, primitivste Regungen darstellen, herauszudistillieren.


Nico Castiglia nutzt auch die momentan sowieso schon sehr aufgeheizte und feindselige Stimmung rund um das anstehende Refenderum, bei dem unter anderem über das Ausländerwahlrecht abgestimmt werden soll, aus. Anstelle eine differenzierte und fundierte Diskussion über das Thema zu initiieren und auch die Positionen jener, die für das Ausländerwahlrecht sind – so wie etwa erfreulicherweise ein Großteil der Jugendparteien Luxemburgs in einer ungewöhnlichen Geschlossenheit -, schmeißt er lieber folgende aus dem Kontext gerissene Statistik (die mit einer ähnlich bewusst provozierenden Intention von meinem Lieblings-ADRler Joe Thein gepostet wurde) inmitten des nach Futter für seine rassistischen Ressentiments dürstenden braunen Mob los:

10.1 Joe und Castiglia

Übersetzung: “Wollt ihr das Ausländerwahlrecht??? Ich nicht !!! Für das Referendum 3x NEIN!”

Nico Castiglia entpuppt sich hier wieder einmal als schamloser Populist. Er macht sich, genau so wie Joe Thein, nicht einmal die Mühe, irgendwelche kausalen Bezüge zwischen dem  prozentualen Anteil an Ausländern in der luxemburgischen Bevölkerung und seiner in seinem dazugehörigen Kommentar geäußerten Ablehnung des Ausländerwahlrechts herzustellen – wodurch seine rein provozierende Absicht hinter dem Beitrag klar ersichtlich wird. Die Kommentare unter dem Artikel sprechen dementsprechend wieder Bände:

10.4 "Alles raus"#2

Übersetzung: “Was für ein Blödsinn raus alle grgr”

10.5 "Abschaum"

Übersetzung: “Nicht alle ich kenne auch feine Ausländer die sich angepasst haben und Luxemburgisch sprechen und mit Luxemburgern zusammen oder verheiratet sind. Aber der Abschaum alles raus und keiner mehr rein.”

10.3 "Alles muss raus"

Kommentare wie diese lassen keinen Zweifel mehr daran, dass die SDV nicht einmal den geringsten konstruktiven Beitrag zur Referendumsdiskussion liefern könnte.


Nico Castiglia unternimmt dazu noch zahlreiche weitere Anstrengungen, sich selbst möglichst effizient als ignoranten Pseudo-Duce der luxemburgischen Politik zu entlarven:

6.1 Die bösartige Europaschule

Übersetzung: “Jetzt geht es endgültig zu weit! Wir müssen uns endlich wehren! Und zwar jetzt!”

6.2 Castiglia kann es kaum fassen, dass es tatsächlich eine Europaschule soll geben

Übersetzung: Castiglia Nico: “Es fängt mit einer sogenannter Europaschule an und wird dann an unseren Schulen übernommen ! Das politische Hintendrum kennen wir zur Genüge” Frank Scheer: “Ich habe das diesen Morgen schon auf dem Radio hören … Eine Europaschule und eine Grundschule in der das Gewicht auf das Portugiesische gelegt wird … Mir ist der Mund aufstehen geblieben. Wo bleibt da noch die Integration? Lernen die jetzt gar kein Luxemburgisch mehr? Hier wird wirklich alles gemacht um die Integration zu verhindern!! Das da ist eine Farce !!”

Ich bezweifle, dass Nico Castiglia und seine treuen Pöbler den von ihm verlinkten Beitrag überhaupt gelesen haben – es scheint mir eher so, dass sie wieder einmal die Fakten so zurechtbiegen, dass sie in ihr kleinkariertes Weltbild hineinpassen, denn in besagtem Artikel steht überhaupt nichts von einem obligatorischen Portugiesischunterricht. Oh, und was wird denn nur aus unseren Kindern, wenn sie auf einmal mehrere Sprachen beherrschen – weltgewandte und offene Menschen? Welch grausige Vorstellung! Danke Herr Castiglia, dass Sie uns davor bewahren und die Menschen eher Ihrem wundervollen Ebenbild entsprechend maßschneidern wollen.

In einem anderen Artikel zum Thema heißt es dazu:

Das Konzept legt großen Wert auf den Sprachenunterricht. Neu ist vor allem, dass erstmals Portugiesisch an einer öffentlichen Schule in Luxemburg unterrichtet wird. Aber auch auf Luxemburgisch als Integrationssprache soll laut Unterrichtsminister Claude Meisch großen Wert gelegt werden.

Damit ist endgültig bewiesen, dass sich Nico Castiglia, von einer offensichtlichen kognitiven Dissonanz befallen, nicht um Fakten schert und lieber einzelne Informationen aus dem Gesamtkontext reißt, um mit diesen gezielt Angst – wie etwa in diesem Falle vor der angeblichen Vernachlässigung der luxemburgischen Sprache im öffentlichen Schulwesen zugunsten des Portugiesischen – zu schüren.

Und, weiterer Fun Fact: Es gibt in Luxemburg schon eine European School – und zwar seit 1957. Da war der Herr Castiglia noch nicht einmal auf der Welt.


Den absoluten Gipfel der Ironie erreicht aber dieser Beitrag mitsamt Kommentaren, bei denen ich mir mehrmals die Augen reiben musste, weil ich die schiere Absurdität, die sich vor ihnen darbot, nicht so recht fassen wollte:

Switch

Übersetzung: Castiglia Nico: “Ich würde mal sagen dass wir Luxemburger erwachen müssen!” Carmen Casulli: “Wir Luxemburger … verschwanden ruckzuck – und du bist weg!” Castiglia Nico: “Wir können uns auch wehren, wir werden schon nicht still halten … ich auf jeden Fall nicht.” Marie’chen Thérèse Braas: “Oh gleich weiß keiner mehr was überhaupt ein Luxemburger ist.” Kleiner Jang: “Ich warte auf solche! Werde ganz freundlich mit denen sein ! Versprochen !” Yvonne Wagner: “Es würde Zeit werden weil es sind schon nicht mehr viele da und die fürchten um etwas zu sagen” Patricia Lahyr: “Ich werde auch nicht still stehen …”

Dieser Beitrag kondensiert noch einmal die ganze Paradoxie, die das Dasein als luxemburgischer Rechtsextremer charakterisiert. Die Mentalität von Castiglia und Konsorten unterscheidet sich nur marginal von den im Video von Switch porträtierten Nazis, die Jagd auf Luxemburger machen – trotzdem schließen sie jegliche Ähnlichkeit mit ihnen aus und nutzen die offensichtliche Satire sogar noch als willkommenen Vorwand, um sich weiter in ihrer vermeintlichen Opferrolle, die gar keine ist, zu suhlen.

Insbesondere Klein Jang würde, wenn man sich seine anderen Kommentare auf Castiglias Seite – die auch wieder von diesem toleriert werden – zu Gemüte führt, wohl auf Gleichgesinnte einprügeln, wenn er seinem großspurig hinausposaunten Vorhaben Folge leisten würde:

"Pseudo-Flüchtlinge"

Übersetzung: “Joo, Nico, die Griechen sind ganz ok. Wir auch. Und trotzdem sind wir genauso da. Jetzt frage ich mich schon seit Längerem. Wieviele Pseudo-Flüchtlinge und Asylanten werden in Griechenland gemästet? So wie HIER?”


Glücklicherweise legen sich Castiglia und seine Anhänger letztendlich nicht nur selbst mit ihren haarsträubenden Äußerungen Steine in den Weg, sondern stoßen auch auf deutliche Ablehnung in der luxemburgischen Bevölkerung: unter anderem weigerte sich der Besitzer des Casino Bonnevoie, in dem die Gründung der SDV am 25. April ursprünglich stattfinden sollte, dieses für Castiglias Machenschaften bereit zu stellen:

Der Betreiber des Casino Bonnevoie erklärt seine Beweggründe

Übersetzung: “Also bin nicht unter Druck gesetzt worden! Ich habe euch den Saal nicht zur Verfügung gestellt weil ihr auf RTL mit dem FN verglichen wurdet. Mein Vater ist IMMIGRANT UND ICH SOHN EINES IMMIGRANTEN! Will keinen Front National Luxembourgois bei mir haben !!!”

Letztendlich ist es wichtig, sich solchen Initiativen wie der SDV, die auf die Spaltung von Gesellschaften ausgerichtet sind und mit ihren simplistischen Lösungsvorschlägen sozio-politische Probleme vielmehr verschlimmern als lösen, aktiv entgegen zu stellen – auch wenn diese sich selbst schon, wie vorhin erläutert wurde, zur Genüge selbst diskreditieren. In Zeiten, wo unter anderem wieder Brandanschläge auf Flüchtlingsheime die Schlagzeilen beherrschen und die Stimmung in Europa allgemein wieder zu gefährlichen nationalistischen Wahnanfällen hin tendiert, ist eine rechtsextremistische Partei nämlich wirklich das Letzte, was die politische Landschaft Luxemburgs gebrauchen kann.

Doch auch wenn die SDV nicht nur wegen dem sich ihr entgegen stellenden Widerstand, sondern auch aufgrund der schieren Inkompetenz von Castiglia und seinen Anhängern scheitern sollte – was zu diesem Zeitpunkt durchaus anzunehmen ist -, so ist das Problem von rechtsextremen Strömungen in der luxemburgischen Gesellschaft noch längst nicht aus der Welt geschafft. Genauso wie PEGIDA und alle anderen immer wieder auflebenden Protestbewegungen, ist auch die SDV bloß das Symptom weitaus tiefgreifenderer Probleme eines von Unzufriedenheit und schon seit längerer Zeit schwelenden Ressentimenten geprägten Teils der Bevölkerung, zu dem die Politik längst nicht mehr vorzudringen vermag. Verschwindet die SDV von der Bildfläche, wird es nicht lange dauern, bis die nächste rechtsextreme Bewegung aus dem latenten Nährboden des Hasses hervor sprießt.
Um all dem effektiver entgegenzuwirken, und nicht mehr bloß die immer wiederkehrenden Symptome zu bekämpfen, muss man sich der Frage stellen, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass sie immer wieder auftauchen, und daraufhin versuchen, die Ursachen für diesen strukturellen Rassismus, der Teile der luxemburgischen Bevölkerung noch viel tiefer durchdringt als es auf den ersten Blick erscheint, aufzuspüren. Dabei darf man auch nicht davor zurückschrecken, eigene, bereits seit dem Erwachen des eigenen Bewusstseins gepflegte Überzeugungen bezüglich Konzepten wie Identität und Nation – auf denen viele solcher rassistischen Ressentiments fußen – anzuzweifeln und möglicherweise gar über Bord zu werfen. Nur so wird man sich den Ursachen für solches Denken nähern können. Eng verwoben hiermit sind auch soziale Missstände, die letztendlich wieder auf ökonomische Problematiken hinweisen und mit diesen mögliche Erklärungen (aber beileibe keine Rechtfertigungen) für bestimmte rassistische Reaktionen liefern.
Ihr seht bereits: Um die Strukturen dieses Problems herauszudifferenzieren und es langfristig zu lösen, müssen alle möglichen Aspekte, die damit zusammenhängen, näher beleuchtet werden. Denn man kann sich letztendlich noch so erbittert immer wieder in den Kampf gegen die äußerlich sichtbaren Manifestationen von Rassismus und anderen Ausgrenzungsmechanismen stürzen – sie werden, ähnlich den Köpfen der Hydra, jedes Mal nachwachsen. Für jeden rechten Agitator und Pseudo-Politiker, dessen Argumente ich wie im vorliegenden Text zu dekonstruieren versuche, tauchen wiederum drei neue auf, deren haarsträubende Äußerungen mir entgehen – und das wird solange weitergehen, bis wir uns als Gesellschaft dazu entschließen, uns nicht nur gegen Rassismus zur Wehr zu setzen, sondern auch seinen Ursprüngen auf den Grund zu gehen, indem wir unsere eigenen ökonomischen und sozialen Fundamente, auf denen die Bestie ja ruht und gedeiht, einmal bis auf den letzten Stein auseinander nehmen und kritisch beäugen.

Quellen und weiterführende Links:

“Sozial Demokratesch Vollekspartei” gëtt 25. Abrëll gegrënnt (RTL.lu)
Le Pen fonce sur la guillotine (Libération)
Jean-Marie Le Pen récidive sur “le point de détail” (Le Monde)
Nico Castiglia, détrousseur converti à la politique (Paperjam)
Politmonitor zum Referendum – Ein Mal Ja, zwei Mal Nein (wort.lu)
“Wahlrecht hat gar nichts mit Nationalität zu tun.” (L’essentiel Online)
Das Facebook-Event zur Gründung der SDV
Neue internationale Schule in Differdingen – Eine Schule aller Kulturen (wort.lu)
Das Facebook-Profil von Nico Castiglia
Jean Le Pen über NS-Gaskammern – Ein Detail des Krieges (taz)
Fremdenfeindlichkeit – Tröglitz ist kein Einzelfall (ZEIT Online)
7 Reasons why reverse racism doesn’t exist (The Daily Dot)
Opruff zum Haass – 2 Leit verurteelt zu 9 Méint mat resp. ouni Sursis (RTL.lu)
Muslim populations by country: how big will each Muslim population be by 2030? (The Guardian)
Pierre Peters? Nee Merci (sehr empfehlenswerte Facebookseite, die in luxemburgischer Sprache über Rechtsextremismus informiert)
Islamfeindliche Äußerungen – Marine Le Pen droht Strafverfahren
Sehr empfehlenswerte Studien der Uni Leipzig zum Thema Rechtsextremismus und “Extremismus der Mitte”
Sascha Lobo über Tröglitz: “Ausländerfeindliche Kommentare: Aufblitzen der Unmenschlichkeit”
Wie Facebook von rechten Hetzern missbraucht wird (Die Welt)

Meine bisherigen Texte über die rechte Szene in Luxemburg:

Nein zu PEGIDA – jetzt umso mehr als zuvor!
Fernand Kartheisers Kritik am Feminismus und die Legitimation der Diskriminierung von Homosexuellen
Liebe luxemburgische Patrioten, …
Pierre Peters erneut an der Seite der NPD
Neue Einblicke in die rechtsextreme “Luxemburg Defence League”
Rechtsextremismus in Luxemburg – neue Einblicke
Ausländer- und Homosexuellenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus & Co. in Luxemburg
Ein beunruhigender Blick in die Vereinigung der “Lëtzebuerger Patrioten”
“Lëtzebuerger Patrioten”
Neue “rhetorische” Ergüsse der NDU
“(…) die houer Kaméildreiwer!”
“Durchforstet eure Pizzabroschüren!”
“Mäer sinn dach keng Rassisten – erklär du uns mol wat dat ass”
1. Artikel über die NDU

Zuerst wollte er nur diesen Blog lesen, doch was dann geschah, war einfach nur unglaublich… (Gastbeitrag von Xavier Hofman)

Der 2. Gastbeitrag von Xavier Hofmann zum Thema “Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken”. Den Originalartikel findet ihr hier.

http://imgs.xkcd.com/comics/headlines.png

http://imgs.xkcd.com/comics/headlines.png

Na, Interesse geweckt? Derlei Überschriften und Beiträge sind Ihnen sicherlich schon beim Durchstöbern Ihres Newsfeeds im sozialen Netzwerk Ihrer Wahl begegnet. Vielleicht haben Sie auch schon einen dieser Links angeklickt und waren anschließend vom Resultat enttäuscht. “Da ist ja gar kein skandalöses Video von Promi A im Bett mit Promi B!” Trotzdem haben Sie vorher zugestimmt, die Seite mit Ihren Freunden zu teilen und eine Umfrage ausgefüllt, um auf die Seite zu gelangen – zu groß ist die Versuchung gewesen.

Bei der eben beschriebenen Situation handelt es sich um ein Paradebeispiel für sogenanntes „Clickbaiting“. Mithilfe reißerischer Überschriften und Bilder, die das Interesse der Nutzer wecken sollen, wird versucht, auf der eigenen Internetseite für ordentlich Verkehr zu sorgen. Wie der Seitenbetreiber diesen Verkehr auf seiner Internetseite für eigene Zwecke nutzt, und warum solche Seiten generell problematisch sind, will ich in diesem Artikel näher erläutern. Zusätzlich will ich am Beispiel von Facebook aufzeigen, warum gerade Beiträge wie das oben genannte Beispiel die Eigenschaft besitzen, sich wie ein Lauffeuer über die Startseiten der Nutzer zu verbreiten.

Sieht man sich ein paar Vertreter der Fraktion Clickbaiting-Seiten etwas genauer an, so erkennt man, dass diese alle in etwa nach dem gleichen Muster gestrickt sind. An allen Ecken und Enden quellen Überschriften und Bilder hervor, die einen dazu animieren sollen, sich nach Lust und Laune durch Fotostrecken, süße Videos von kleinen Tieren und “unglaubliche Geschichten” zu klicken. Dabei fällt auf, dass relevante und erklärende Informationen zu den verschiedenen Themen, sofern diese überhaupt vorhanden sind, relativ schwierig aufzufinden sind. Besonders bei den Fotostrecken erlauben sich die Ersteller öfters, selbst eine lustige/ergreifende/unglaubliche Hintergrundgeschichte zum jeweiligen Bild auszudenken. Manchmal würde ich gerne in den Quellenangaben nachprüfen, ob sich das auch wirklich so zugetragen hat, aber dieses sucht man – genau wie das Impressum – meist vergebens. Wenn diese beiden elementaren Angaben auf einer “professionellen” Internetseite fehlen, so ist bestimmt auch das Thema Urheberrechtsverletzung nicht fern. Tatsächlich fand ich bei meinen Recherchen heraus, dass etwa die Betreiber der Seite “heftig.co” in dieser Richtung schon einige Probleme hatten. Es bleibt aber zu erwähnen, dass (wenigstens) “heftig.co” in Sachen Quellen und Impressum nachgebessert hat.

Weiterführend sollte man anmerken, dass es sich bei solchen Seiten, wie “heftig.co” und “buzzfeed.com” wohl noch um das kleinere Übel handelt. In Anbetracht der Umstände muss man diesen Seiten wenigstens gutheißen, dass die angepriesenen Inhalte wenigstens auch geboten werden. Wie die Seitenbetreiber dieser Websites mit ihrer enormen Reichweite Geld verdienen, lässt sich wohl am einfachsten mit dem Stichwort „Werbegebühren“ beschreiben. Denn derlei oft frequentierte Inhalte stellen natürlich eine interessante Werbeplattform für diverse Unternehmen dar.

Im Gegensatz zu den gerade erwähnten Seiten kursieren auch noch Links von Seiten in den sozialen Netzwerken, welche mit grenzwertigen Inhalten werben. An dieser Stelle treten nun die Mechanismen in Kraft, die auch schon im einleitenden Beispiel genannt worden sind. Es wird mit allen Mitteln versucht, sich die Daten der Nutzer anzueignen. Und dass man mit Nutzerdaten bares Geld machen kann, sollte mittlerweile jedem bekannt sein. Bei solchen Links kann einem nur geraten werden, sie unter keinen Umständen anzuklicken.

Wie bereits vorhin angedeutet, werde ich in diesem Beitrag auch kurz, am Beispiel von Facebook, erläutern, warum solche Clickbaiting-Posts sich rasend schnell in den sozialen Netzwerken verbreiten können. Dies liegt daran, wie Facebook die Beiträge, mit denen das System tagtäglich überflutet wird, sortiert und entscheidet, wer welche Posts zu Gesicht bekommt. Prinzipiell sind die Betreiber von Facebook daran interessiert, dass deren Nutzer interessante Beiträge in ihrem Newsfeed vorfinden, damit sie sich nicht für ein anderes soziales Netzwerk entscheiden. Also versuchen sie, Beiträge dahingehend zu bewerten, ob diese für einen Nutzer von Interesse sein könnten. Wie dies genau vonstattengeht, ist ein wohl behütetes Geheimnis, und Facebook bemüht sich, die zu Grunde liegenden Algorithmen stetig zu verfeinern. Den Seitenbetreibern steht lediglich die Anzahl von Nutzern zur Verfügung, welche die eigenen Beiträge gesehen und mit ihnen interagiert haben. Merkt man nun, dass ein Post eine besonders große Reichweite erreicht, versucht man, beim nächsten Post ähnlich vorzugehen, um die Reichweite der eigenen Seite stets zu vergrößern. Schnell wird klar, dass es im Grundlegenden darum geht, wie viele Interaktionen (Likes, Comments, Shares, Tags) mit dem Post in Verbindung gebracht werden können. Seitenbetreiber, die ihre Reichweite erhöhen wollen, sind also quasi gezwungen, ihre Posts so aufzubauen, dass sich möglichst viele Nutzer dazu aufgefordert fühlen, damit zu interagieren. Am Beispiel von „heftig.co“ kann man gut erkennen, welche Mühe sich die Ersteller der Inhalte geben, um herauszufinden welche Kombination von Formulierung und Bild pro Beitrag potentiell die meisten Klicks ergibt und somit auf Facebook landet.

Dass unter diesen Umständen die allgemeine journalistische Qualität der Beiträge auf Facebook leidet, sollte nicht unerwähnt bleiben. Sind die Startseiten der Nutzer mit sensationalistischen Beiträgen zugekleistert, weil die Algorithmik von Facebook dahinter interessante Artikel vermutet, gehen womöglich lesenswerte Artikel dabei unter. Zusätzlich besteht nun auch die Gefahr, dass Internetpräsenzen von seriösen Unternehmen auf die Methoden des Click Baiting umsteigen (müssen), um überhaupt noch Nutzer zu erreichen. Sollte man jetzt als Betreiber einer relativ kleinen Facebookseite auf die Idee kommen, sich mit kostenpflichtiger Werbung zu behelfen, um die eigene Reichweite zu erhöhen, so kann ich nur davon abraten. Hier wird erklärt, warum gerade dies ein Todesstoß für die eigene Seite sein kann.

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In der Chefetage von Facebook ist das Problem mit den Clickbaiting-Seiten schon länger bekannt, und es wird versucht, die Algorithmen dahingehend anzupassen, dass solche Beiträge nicht mehr so schnell in die Newsfeeds der Nutzer gelangen können. Eine erfreuliche Entwicklung, denn diese Seiten sind vielen Nutzern ein Dorn im Auge. Nebst der bereits aufgezählten Aspekte stört mich persönlich am Prinzip des Clickbaiting, wie es sich, meiner Meinung nach, auf die Psyche des Menschen auswirkt. Man wird mit einem “information overload” aus Überschriften übersät, niemals kann man sich alle Artikel im Detail anschauen. Die Faulheit zwingt einen schließlich dazu, Sachverhalte alleine aus dem Lesen der Überschrift und einer kurzen Beschreibung zu schließen. Diese ersten Textpassagen scheinen praktisch darauf ausgelegt, die Meinung des Lesenden zu prägen. Gepaart mit der Möglichkeit, sich sofort über das Gelesene mit anderen Nutzern auszutauschen, kann dies zu fragwürdigen Aussagen führen. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass das Surfen auf solchen Websites zu einem immer größeren Zwang heranwächst, die Inhalte einen emotional ermüden, was nun das Verhalten in sozialen Netzwerken maßgeblich zu beeinflussen scheint. Und genau an dieser Thematik wird der zweite Teil meines Artikels auf diesem Blog andocken. Dort werde ich versuchen, das allgemeine Verhalten verschiedener Facebooknutzer zu skizzieren, zu analysieren und zu bewerten.Quellen:

 

“Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken” – Einleitung (Gastbeitrag von Xavier Hofman)

Ein Gastbeitrag von Xavier Hofmann, Gitarrist bei Mindpatrol und Produzent bei Muschel Productions, der bereits im Januar 2014 auf meinem Blog eine Gastreview zu Kratons neuem Album veröffentlicht hat. Den Originalartikel findet ihr hier.

Sehr geehrter Leser,

Unter dieser Anlaufstelle werden Sie, im Rahmen der Veranstaltung “Einführung in die Sozioinformatik” an der TU Kaiserslautern, in Zukunft einen siebenteiligen Artikel zum Thema “Menschliches Verhalten in sozialen Netzwerken” vorfinden. Von vorne herein möchte ich hier klarstellen, dass es nicht darum gehen wird die Ursachen des gegebenen Verhaltens wissenschaftlich zu ergründen, sondern dieses zu beschreiben und Fragen dazu aufzuwerfen. Sollte ich im Folgenden Ursachen für verschiedene Verhaltensmuster andeuten, so handelt es sich hierbei um reine Spekulation meinerseits und somit ist dies keinesfalls für bare Münze zu nehmen.

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In dieser Einleitung werde ich kurz die Themen der kommenden sieben Teile umreißen und erklären, warum diese für mich wichtig scheinen.

Starten werde ich mit dem Thema “Clickbaiting-Seiten”. Hierbei handelt es sich um Websites, welche in ihrer Vorschau oft mit reißerischen Titeln versehen sind, um den Nutzer auf die Seite zu locken. Im Prinzip ist dieses Vorgehen nicht verwerflich. Warum es trotzdem zu Problemen kommen kann, werde ich in diesem Teil erläutern. Die Einführung zu Clickbaiting-Seiten ist auch dahingehend wichtig, dass in späteren Teilen des Artikels erläutert wird, wie Clickbaiting dazu genutzt wird, um diverses Gedankengut erfolgreich in sozialen Netzwerken zu verteilen.

Für den zweiten Teil habe ich noch kein passendes Stichwort gefunden, welches diesen exakt zusammenfassen würde. Thema sollte speziell das Verhalten von Menschen in sozialen Netzwerken sein, wenn es um heikle Themen wie Selbstjustiz, Kindermisshandlung, Tierquälerei geht. Hierbei stelle ich mir die Frage, warum es so scheint, als ob Menschen im richtigen Leben pazifistisch und friedfertig eingestellt sind und im Internet dann ein gegensätzliches Verhalten an den Tag legen.

Anschließend wird das Thema konkret auf die öffentliche Bloßstellung im Internet geleitet. Hierzu zählt insbesondere die Hetze in sozialen Netzwerken. Besonders heikel ist dies, wenn persönliche Informationen vermeintlicher Täter veröffentlicht werden.

Im vierten Teil wird die politisch rechte Ecke und deren (vermeintliche) Aktivität in sozialen Netzwerken beleuchtet. Anhänger dieser Mentalität versuchen auf neuen Wegen, Mitglieder für ihre Vereinigungen zu werben. Von Falschmeldungen bis zu subtilem Anstacheln zum Fremdenhass scheint es hier alles zu geben. Eine für mich persönlich beängstigende Entwicklung ist, dass Aussagen wie “Ich bin ja kein Rassist, aber…” immer salonfähiger zu werden scheinen.

Der fünfte Teil des Artikels wird dazu dienen, die rechtlichen Konsequenzen für Hetze in sozialen Netzwerken kurz aufzuzeigen. Das Internet ist trotz der vermeintlichen Anonymität der Nutzer kein rechtsfreier Raum. So gibt es auch hier ein paar sehenswerte Gerichtsurteile zu nennen.

Nachdem in den Teilen eins bis fünf sozusagen die Missstände aufgezeigt wurden, werde ich im sechsten Teil denjenigen Aufmerksamkeit schenken, welche sich gegen diese einsetzen. Es ist wichtig, zu erwähnen, dass bereits aktiv versucht wird, Menschen auf ihr Verhalten im Internet aufmerksam zu machen und sie zu sensibilisieren. Auch gibt es humorvolle und satirische Ansätze, welche ich in diesem Teil ebenfalls andeuten werde.

Abschließend wird als praktischer Exkurs ein Ereignis, das Anfang 2014 in Luxemburg stattfand, beleuchtet. Besonders dadurch, dass es sich hier um ein kleines Land mit einer eigenen Sprache handelt, werden Inhalte in sozialen Netzwerken innerhalb von Stunden potenziell für alle Einwohner des Landes sichtbar, was auch schon öfters nach hinten losging. Da ich selbst Luxemburger bin, ist es für mich interessant, anhand dieses Beispiels noch einmal konkret das Verhalten von Menschen in sozialen Netzwerken aufzuzeigen.

Zusammenfassend sollen also diverse Phänomene in sozialen Netzwerken und die dadurch ausgelösten Konsequenzen und Gegenreaktionen beleuchtet werden. Das konkrete Fallbeispiel zum Schluss soll einen genaueren Einblick liefern und die zuvor aufgestellten Überlegungen illustrieren.

Nein zu PEGIDA – jetzt umso mehr als zuvor!

Nur wenige Stunden nach dem Attentat auf das sich in Paris befindliche Redaktionsgebäude der französischen Satirezeitung ‘Charlie Hebdo’, bei dem mindestens 12 Menschen (darunter der Chefredakteur) ums Leben kamen, fegte sogleich unter dem Motto ‘Je suis Charlie’ eine überaus bewundernswerte Welle an Mitleids- und Solidaritätsbekundungen aus aller Welt durchs Internet, die die Tat zurecht aufs Schärfste verurteilten und den Verstorbenen und ihren Werken gedachten.

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Andere Reaktionen waren allerdings weitaus weniger erfreulich – so wie etwa jene der PEGIDA – eine islamophobe Bewegung, die zuletzt diesen Montag in Dresden 17.500 Menschen auf die Straßen lockte. Der von Vorurteilen und Ressentiments gegen die aktuelle politische Riege gespeiste PEGIDA-Morast, der sich in ganz Deutschland ausbreitet, ist nicht nur unter anderem bis nach München (die Stadt, in der ich momentan studiere und dementsprechend auch kennen und ihre offene Seite schätzen gelernt habe, nicht zuletzt weil dort am 23. Dezember 12.000 und gestern wieder 2500 Menschen gegen PEGIDA und Konsorten auf die Straßen gingen) in Form von BAGIDA und MÜGIDA – hinter denen Rechtsextreme die Strippen ziehen – vorgedrungen, sondern findet auch in meiner Wahlheimat Luxemburg begeisterte Unterstützter – wie etwa die ADR-Politiker Joe Thein und dessen politischen Ziehvater Fernand Kartheiser, der schon in der Vergangenheit durch xeno-, homo- und islamophobe und frauenfeindliche Ansichten, die er auf seinem Blog stolz in die Welt hinausposaunt, aufgefallen ist und nun auch Unterstützung für PEGIDA bekundet (siehe dazu auch die sehr guten Analysen meiner beiden Freunde Kim Greis und Sveinn Graas).

Als die ersten Berichte über das Attentat auf meinem Facebookfeed eintrudelten, machte ich mich bereits darauf gefasst, dass auch von ihnen eine Reaktion folgen würde, insbesondere weil das Attentat eben aufgrund der Tatsache, dass es offenbar von islamistischen Extremisten ausgeführt worden war, ihnen so gelegen kommen musste, indem es die von ihnen verbreiteten kruden Thesen und Vorurteilen nur noch umso mehr speiste. Und tatsächlich: wie erwartet, benutzte PEGIDA das Attentat sogleich als perfiden Vorwand, um die im Moment schon sehr bedrohliche Stimmung gegen Muslime (und auch andere Minderheiten) in Deutschland nur noch weiter aufzuheizen:

 

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Zwar scheinen sie auf den ersten Blick einen Unterschied zwischen “Islamisten” und “hier lebende, sich integrierende Muslime” zu ziehen, aber der existiert nur theoretisch auf ihrem Positionspapier – die hier aufgeführte Differenzierung ist pure Hypokrisie, und zeigt, sobald man sie in den Kontext mit dem, was PEGIDA und seine Anhänger tun, setzt, die klaffende Diskrepanz zwischen dem, was PEGIDA scheinheilig behauptet, und dem, wofür sie wirklich stehen, auf. Das wird schon ersichtlich, wenn man einmal den Namen, der sich hinter dem Akronym verbirgt, genauer unter die Lupe nimmt: PEGIDA steht nämlich für “Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes”. Der diffuse Begriff der angeblichen “Islamisierung” lässt einen im Dunkeln verharren und sich fragen, durch wen diese Islamisierung denn nun PEGIDA zufolge erfolgt – durch die hier lebenden, sich integrierenden Muslime, oder die extremistischen Islamisten? PEGIDAs Definition von “Islamisierung” bezieht sich nämlich nicht nur auf die Handlungen von Islamisten oder Salafisten, die das öffentliche Wohl bedrohen, sondern auch auf die zunehmende Anzahl von Muslimen allgemein in der Gesamtbevölkerung, egal ob es sich dabei jetzt um gewöhnliche oder extremistische handelt (die übrigens weitaus geringer ausfällt als in den lächerlich paranoiden Untergangsszenarien der PEGIDA dargestellt wird). Soviel also dazu, dass sie angeblich nichts gegen Muslime haben. Auch das, was die PEGIDA-Anhänger so von sich geben, wie etwa in den sehr empfehlenswerten ‘Panorama’-Interviews, zeigt eindeutig, dass die meisten von ihnen im Praktischen keine Differenzierung machen, und einfach kollektiv gegen Muslime und den Islam auf die Straße gehen. Außerdem wird auch, wenn man den Screenshot textimmanent behandelt, nicht ersichtlich, was sie mit der “frauenfeindliche[n], gewaltbetonte[n] politische[n] Ideologie” denn nun eigentlich genau meinen – den Islamismus, oder den Islam an sich? Durch diese fehlende Erläuterung heben sie indirekt ihre Behauptung, dass sie angeblich nichts gegen Muslime hätten, auf, und setzen sie – ob unbeabsichtigt oder nicht -durch die mangelnde Ausdifferenzierung wieder mit islamistischen Extremisten gleich.
Präzise Begrifflichkeiten sind in der aktuellen Lage enorm wichtig, und PEGIDA treibt – meinem Erachten nach bewusst – ein gefährliches Spiel, indem es die Grenzen durch einen Mangel an konkreten Erläuterungen und Differenzierungen verwässert, um effektiver an die tief verankerten Vorurteile gegen Muslime zu appellieren.

Anstelle also den Dialog mit Muslimen zu suchen (ich bezweifle dass irgendjemand von PEGIDA sich einmal ernsthaft mit einem Muslim unterhalten hat – was ja auch wiederum ein schwieriges Unterfangen ist, denn im angeblich auch von der Islamisierung bedrohten Sachsen, wo PEGIDA den größten Zulauf erhält, machen Muslime gerade einmal 5% der Gesamtbevölkerung aus), setzen sie also vielmehr auf Ausgrenzung und Kontrolle – ohne daran zu denken, dass das nur noch zu mehr Problemen und gegenseitigem Misstrauen führen wird.

Auch Joe Thein schreckte nicht vor dem schamlosem Opportunismus, die Tragödie als Beleg für die Validität seiner kruden politischen “Theorien” herzuziehen, zurück:

Joe Thein

Unter anderen Umständen wäre der Widerspruch, in den sich PEGIDA dann durch seinen nächsten, kurz darauffolgenden Status verstrickt, auch sehr erheiternd:

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Einerseits beharren sie mit stolzgeschwellter Brust im ersten Status darauf, dass sie, die glorreichen Retter des Abendlandes, quasi als Einzige uns armen Schäfchen doch nun schon seit 12 Wochen vor den achso bösen Muslimen warnen wollen – und stellen dann gleich im nächsten Status die vor Hypokrisie triefende Behauptung auf, dass sie nicht damit angeben wollen, dass sie es schon immer gewusst hätten.

Ein für alle Mal: Das Attentat von zwei extremistischen Einzeltätern als “argumentative” Basis für die eigenen Vorurteile gegenüber einer ganzen religiösen Kultur zu nutzen, ist auf allen Ebenen grundlegend falsch. Noch verachtenswerter ist es, dass sie schamlos die Gunst der düsteren Stunde und das Leid der Betroffenen für ihre eigene menschenfeindliche Agenda nutzen, die, anstelle konstruktive Lösungen zu bieten, noch viel mehr Ressentiments in der Bevölkerung zu schüren droht. Auch dieses ständige Verlangen nach “Integration”  als Bedingung dafür, dass Muslime hier bleiben dürfen, ist ein Zeichen dafür, wie sehr die Weltsicht von PEGIDA an der Realität vorbeischrammt – so als ob sie die unendliche Gnade der PEGIDA-Anhänger nötig hätten und ihren willkürlichen Auslegungen von “Integration” (was genau sie damit meinen, bleibt nämlich wie so vieles bei ihnen schleierhaft) folgen zu müssen, um deutschen Boden überhaupt betreten zu dürfen. Dabei ist PEGIDA alles andere als repräsentativ für die gesamtdeutsche Bevölkerung (auch wenn sie, wie ihre peinlichen “Wir sind das Volk!”-Rufe verdeutlichen, das gerne glauben mögen) – wieso also sollten Muslime sich nach ihren Integrationskriterien richten?

Genauso falsch ist es, ständig von Muslimen zu verlangen, sich gefälligst öffentlich, und möglichst noch vor den selbsternannten Rettern des Abendlandes (wenn das Abendland für solche Werte, wie PEGIDA sie lauthals herauskreischt, steht, dann mag es von mir aus gerne untergehen) im Staube kriechend, von den islamistischen Extremisten zu distanzieren. Zunächst einmal können wirklich alle Menschen, die dazu befähigt sind, ihre Vernunft einzusetzen, (dazu zählen PEGIDA-Angehörige also schon mal nicht) zwischen Muslimen und islamischen Extremisten unterscheiden, ohne dass die Muslime das selbst für die achso armen uninformierten Ignoranten tun müssen. Es wäre ja noch soweit kein Problem, dass die PEGIDA-Anhänger aufgrund ihres begrenzten Wissenshorizont nur für sich selbst ein tristes und leeres Dasein führen würden – aber dass sie mit ihrem aus diesem limitierten Blickwinkel resultierenden Ressentiment auf die Straßen stürmen und die Unterdrückung und Ausschließung von anderen Menschen fordern, nur weil sie nicht dazu imstande sind, sich (außer auf dubiosen, Verschwörungstheorien verbreitenden und sich gegenseitig zitierenden Seiten) zu informieren oder einmal ihre Vorurteile in Frage stellen, ist unverzeihlich.

Dazu kommt, dass auffälligerweise immer Muslime mit islamistischen Attentätern von PEGIDA und all ihren rechtspopulistischen und rasssistischen Ignoranzfreunden gleichgesetzt werden, aber nie jemand von Letzteren auf die Idee kommt, alle Christen zu verurteilen, sobald ein christlicher Attentäter irgendwo einen Anschlag verübt? Wie hätten sie wohl reagiert, wenn jemand sie, als fromme, aber “harmlose” Christen, fälschlicherweise zuerst mit Andreas Breivik gleichgesetzt und kurz darauf aufgefordert hätte, sich doch gefälligst von ihm zu distanzieren?

Der Anschlag auf das “Charlie Hebdo”-Gebäude war eine perfide und grausame Tat, die durch nichts zu rechtfertigen ist. Umso wichtiger ist es, jetzt, im Anschluss an dieses erschütternde Ereignis, einen kühlen Kopf zu bewahren. Nach wie vor sollten wir auf unsere mühsam errungene Meinungsfreiheit pochen, und insbesondere Satire und andere künstlerische Ausdrucksformen unter deren Schutz stellen – solange sie keine plumpen Provokationen und hasserfüllten Pamphlete, sondern Auseinandersetzungen mit allen möglichen Themen (und somit auch Religion) sind. Satire sollte sich mit allen möglichen Themen befassen können – solange sie dies auf eine differenzierte und reflektive Art und Weise tut, und solange die Satire wie eingangs erwähnt nicht als Mittel gebraucht wird, um die eigenen rassistischen oder islamophoben Ressentiments auszudrücken, was aber so gut wie in allen Fällen nicht zutrifft – bestes Indiz hierfür ist auch die Tatsache, dass die wenigsten Rassisten, Nationalisten und dergleichen auf Satire zurückgreifen, eben weil diese eine subtile Spielart des Humors ist, und Subtilität bei besagten Perosnengruppen eine Rarität darstellt. Guter Humor ist enorm hilfreich im Kampf gegen all die Schrecken, die diese Welt birgt, und insbesondere Satire und Karikatur sind schon seit der Geburt des öffentlichen Diskurs eines der effektivsten Mittel zur Auflehnung gegen die politischen Verhältnisse. Dementsprechend muss Satire auch immer wieder schmerzen, aufrütteln – und letztendlich auch von der Meinungsfreiheit geschützt werden.
Dazu sollte man darauf Acht nehmen, dass das Attentat nicht von staatlichen Institutionen als weiterer Prätext genutzt wird, um Polizeipräsenz bis zu einem unerträglichen Grad anzuheben und weitere Einschnitte in die Privatsphäre der Menschen zu planen. In seinem sehr empfehlenswerten Kommentar auf der Internetpräsenz des ‘The Guardian’ schreibt Simon Jenkins passend dazu:

‘Only weakened and failing states treat these crimes as acts of war. Only they send their leaders diving into bunkers and summoning up ever darker arts of civil control, now even the crudities of revived torture. Such leaders cannot accept that such outrages will always occur, everywhere. They refuse to respect limits to what a free society can do to prevent them. […]

Terrorism is no ordinary crime. It depends on consequence. It can kill people and damage property. It can impose cost. But it cannot occupy territory or topple governments. Even to instil fear it requires human enhancement, from the media and politicians.

That is why the most effective response is to meet terrorism on its own terms. It is to refuse to be terrified. It is not to show fear, not to overreact, not to over-publicise the aftermath. It is to treat each event as a passing accident of horror, and leave the perpetrator devoid of further satisfaction. That is the only way to defeat terrorism.’

Gleichermaßen die islamistischen Attentäter, als auch die islamophoben Stimmungsmacher – seien es die nicht einmal im Ansatz reflektierenden PEGIDA-Schreihälse oder die auch von mir erläuterten, mittels primitiver Ängste auf Stimmungsfang gehenden rechtspopulistischen Opportunisten der ADR in Luxemburg – versuchen einen Keil in unsere Gesellschaften (und mit dem Begriff der “Gesellschaft” bezeichne ich nicht das obsolet gewordene Konzept des “Volkes” oder bloß all die “besorgten Bürger”, die alles andere als repräsentativ sind, sondern auch wirklich uns alle, egal welcher Religion oder Ethnie wir angehören) zu treiben – und genau dagegen sollte man sich wehren. Unter anderem, indem man beispielsweise weiterhin unablässig Satire betreibt – denn auch bei diesem tragischen Fall ist Humor ein sehr hilfreiches Mittel, um die damit verbundene Absurdität und schiere Brutalität leichter zu verkraften – , oder sich aktiv PEGIDA und all seinen lokalen Auswüchsen entgegenstellt und ihnen zeigt, dass ein friedliches Zusammenleben unter Menschen jedweder (religiöser) Herkunft nicht nur möglich, sondern bereits Realität ist, und dass diese weder von Islamisten noch von Islamophoben aufgehoben werden kann.

Quellen und weiterführende Links:

Simon Jenkins: ‘Charlie Hebdo: Now is the time to uphold freedoms and not give in to fear’ (The Guardian)
Pegida: Wissenschaftler fordern neues Deutschlandbild. (Süddeutsche Zeitung)
Anschlag auf Charlie Hebdo ganz großartig für Islamisten und Islamhasser (Der Postillon)
Nach internen Querelen: PEGIDA-Demo in Dresden abgesagt (Der Postillon)
“Charlie Hebdo” visé par un attaque terroriste, la rédaction décimée (Le Monde)
Attentat contre “Charlie Hebdo”: la classe politique appelle à l'”union nationale” (Le Monde)
“Je suis Charlie”: Hitzige Debatten auf Twitter (Der Tagesspiegel)
PEGIDA – Die Wahnvorstellung einer angeblichen Islamisierung! (YouTube)
22 Heartbreaking Cartoons From Artists Responding To The Charlie Hebdo Shooting (Buzzfeed)
Missbrauch einer Tragödie (Kim Greis)
Remona Aly: ‘British Muslims shouldn’t feel obligated to speak out against Isis atrocities’ (The Guardian)
Anti-Islam-Demos: Protest gegen Pegida wächst (DIE ZEIT)
Pegida: Die Interviews in voller Länge, Teil I/Panorama/NDR (YouTube)
Solidaritéit mat der Lügenpresse? (Sveinn Graas)
Ein Schein von Heiligkeit (Leo Simon)