Wee2050: Nationalismus, Pseudo-Wissenschaftlichkeit und selektives Demokratieverständnis

Wer meine Analysen der rechten Szene in Luxemburg schon seit Längerem verfolgt, dem wird sicherlich aufgefallen sein, dass ich in ihnen Nee2015.lu/Wee2050 bislang vergleichsweise wenig Platz eingeräumt habe. Dieses Mal ist das jedoch anders. Im Laufe der vergangenen Monate ist in mir nämlich immer mehr die Überzeugung gereift, dass es höchste Zeit ist, Fred Keups Bewegung endlich einen eigenen Text zu widmen.

Diese Entscheidung meinerseits ist zunächst einmal darauf zurückzuführen, dass die Struktur der rechten Szene im Großherzogtum sich im zurückliegenden Jahr drastisch verändert hat. Die meisten größeren Sammelbecken für menschenfeindliches Gedankengut aus Luxemburg (so wie die Facebookseite “Ech hunn mäin Lëtzebuerg gären“), über die ich sonst immer ausführlich geschrieben habe, sind mittlerweile dank gezielter Kooperation bei Meldeaktionen von der Bildfläche verschwunden. Andere Akteure der rechten Szene wiederum sind in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht. So wie Joe Thein, dessen neu gegründete Partei “Déi Konservativ” bei den Gemeindewahlen Anfang Oktober mit 2,4% abgeschmettert wurde — was dazu führte, dass der Ex-ADR-Politiker seinen Sitz im Gemeinderat von Petingen verlor. Außerdem haben BEE Secure und der Conseil de Presse vor Kurzem eine offizielle Netiquette erarbeitet, zu deren Einhaltung sich künftig jede*r bereit erklären muss, der*die auf den Online-Präsenzen der luxemburgischen Medienhäuser einen Kommentar abgeben will. Da letztere nun die Möglichkeit haben, auf Basis dieser Richtlinien Beiträge zu löschen, die der Netiquette widersprechen, dürften die Unmengen an Hasskommentaren auf den Facebookseiten von RTL.lu & Co, auf die ich hier auf meinem Blog immer wieder hingewiesen habe, auch bald der Vergangenheit angehören. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass die Netiquette konsequent umgesetzt wird. All diese Aspekte der rechten Szene Luxemburgs, denen ich sonst immer den größten Teil meiner Aufmerksamkeit gewidmet habe, sind also längst nicht mehr so gewichtig wie sie es einmal waren.

Wee2050 dagegen erfreut sich nach wie vor regen Zulaufs und postet mehrmals wöchentlich neue Beiträge. Mit ihren rund 8.600 “Gefällt mir”-Angaben verfügt die Facebookseite der Bewegung dabei über mehr Likes als jede einzelne der etablierten Parteien Luxemburgs und hat somit eine beträchtliche Anzahl an Menschen zur Hand, die sie politisch mobilisieren kann. Wegen dieser enormen Reichweite erschien es mir dann auch umso dringlicher, mich im Rahmen meines nächsten Blogs der rechten Szene Luxemburgs vor allem auf Wee2050 zu konzentrieren.

Unter den Beiträgen, die die Bewegung teilt, befinden sich nun zwar keine, die explizit ausländer- und muslimfeindlich, homophob oder rassistisch sind. Wie ich euch nachfolgend zeigen möchte, verfügt die Seite allerdings über ein von nationalistischen Denkmustern geprägtes Verhältnis zu Wissenschaftlichkeit und demokratischen Prozessen, das äußerst bedenklich ist und deswegen umso mehr einer Analyse bedarf.

Wee2050s “Wissenschaftlichkeit”: Nur eine Fassade

Wenn man das erste Mal all seinen Mut zusammennimmt und sich in die Untiefen von Wee2050s Facebookpräsenz hineinwagt, fällt einem sofort auf, dass sie regelrecht mit Statistiken und anderen Formen empirischer Studien zugepflastert ist. Dieser Rückgriff auf wissenschaftliche Erkenntnisse soll den auf der Seite verbreiteten Thesen Glaubwürdigkeit und Seriosität verleihen. Die Überzeugung, dass besagte Inhalte die Kriterien von Wissenschaftlichkeit erfüllen, geht bei den Admins von Wee2050 dabei teilweise sogar so weit, dass sie Kritiker*innen gelegentlich keine Gegenargumente liefern, sondern ihnen stattdessen einfach vorwerfen, schon von vornherein sowieso “überhaupt keine Ahnung von Wissenschaft” zu haben:

Passend dazu versucht auch Tom Weidig, der sich im politischen Dunstkreis von Fred Keup bewegt (unter anderem ist er zusammen mit letzterem im “Comité vun der Actioun [sic!] Lëtzebuergesch” und tritt in den sozialen Netzwerken als einer der aktivsten Anhänger von Wee2050 auf), immer wieder seine Argumente durch äußerst bescheidene Verweise auf seine überragende Intelligenz und zahlreichen akademischen Errungenschaften zu untermauern (r/iamverysmart lässt grüßen):

Solche großspurigen Behauptungen und Ausbrüche maßloser Selbstüberschätzung lassen natürlich bei jedem über ein Mindestmaß an gesundem Skeptizismus verfügenden Menschen sofort die Alarmglocken in trommelfellzerfetzender Lautstärke schrillen. Und tatsächlich: Setzt man sich erst einmal näher mit den von Wee2050 geteilten Statistiken und “Studien” auseinander, blättert der Anstrich der Wissenschaftlichkeit dann auch schneller ab, als Keups Anhänger dreimal hintereinander “Nee!” kreischen können.

Ein erstes Beispiel hierfür ist folgende Statistik, die von Wee2050 gleich zweimal geteilt wurde — am 13. Juli 2017 sowie 27. Oktober 2017 — und die anzeigt, wieviel Prozent der luxemburgischen Bevölkerung im Alltag Luxemburgisch sprechen:

In der beigefügten Erklärung sprach Wee2050 dann davon, dass heutzutage zwar in absoluten Zahlen gesehen mehr Menschen Luxemburgisch reden können als jemals zuvor, proportional  gesehen aber “nur” noch 70% der luxemburgischen Bevölkerung auch tatsächlich im Alltag Luxemburgisch reden. Letzteres sei wiederum viel wichtiger für das Überleben der luxemburgischen Sprache als die absoluten Zahlen, da die Verdrängung des Luxemburgischen als Alltagssprache angeblich zu dessen Verschwinden führen würde.

Dieser Beitrag ist nun aus vielerlei Hinsicht fragwürdig. Zunächst einmal steht die Behauptung von Wee2050, dass die luxemburgische Sprache aussterben wird, falls immer weniger Leute sie im Alltag gebrauchen sollten, auf sehr wackligen Beinen. Im Laufe der letzten Jahre hat nämlich nicht nur die absolute Zahl an Menschen, die Luxemburgisch sprechen, zugenommen und ihren historischen Höhepunkt erreicht, sondern es haben sich auch immer mehr Leute für Luxemburgischkurse eingeschrieben:

Die Grafik wurde aus Sveinn Graas’ Artikel über Nee2015/Wee2050 (http://veto.lu/nee2015/) übernommen; ursprünglich wurde sie von “Linking Luxemburg” (http://linkingluxembourg.lu/) erstellt.

Alleine diese beiden Aspekte sowie die regelrechte Explosion an kulturellen Angeboten auf Luxemburgisch in rezenter Zeit sind Indizien dafür, dass das Interesse an der Sprache eher zu- als abnimmt und sie sich bester Gesundheit erfreut. Dass immer weniger Leute Luxemburgisch im Alltag benutzen ist also (anders als Wee2050 es behauptet) keine hinreichende Bedingung dafür, dass sie aussterben wird — dafür müssten noch viele zusätzliche Faktoren hinzukommen.

In der Kommentarspalte unter dem Beitrag besitzt einer der Admins Wee2050 dann auch noch allen Ernstes die Unverschämtheit, die Arbeit von Luxemburgischlehrer*innen zu entwerten — und zwar indem er behauptet (ohne irgendwelche Beweise für seine Aussage zu liefern), dass die Absolvent*innen der eingangs erwähnten Luxemburgischkurse nachher sowieso keine Konversation auf Luxemburgisch führen können:

Anstelle also wenigstens jene Menschen zu würdigen, die im Gegensatz zu den sich nur in ihrem eigenen Alarmismus suhlenden Köpfen hinter Wee2050 tatsächlich tagein tagaus dafür sorgen, dass die luxemburgische Sprache gelehrt wird, entscheidet sich die Initiative in einem unvergleichlichen Anflug von Kleinggeistigkeit lieber dazu, weiter rumzumäkeln und die bisher unternommenen Anstrengungen von Luxemburgischlehrer*innen zu diskreditieren. Sympathisch.

Dazu sickert in dem Kommentar Wee2050s engstirniges Verständnis von “luxemburgischer Kultur” durch. Mag durchaus sein, dass die Kinder von heute nicht mehr unbedingt die gleichen Gassenhauer trällern wie Keup und Konsorten (wobei auch das eine auf reinem Bauchgefühl basierende Auffassung ist). Dafür gibt es jedoch beispielsweise mittlerweile allerlei (und teilweise auch wirklich guten!) luxemburgischsprachigen Hip-Hop von jungen Menschen, so wie Skinny J & Turnup Tun, Mr. Charly, Räpzodi, Fahrstuhlmusik oder Bandana. Von dieser Art von Musik mögen die Admins von Wee2050 und die Anhänger*innen der Bewegung jetzt halten, was sie wollen (da besagte Künstler der Gegenkultur zuzuordnen sind und in ihren Lieder stellenweise eine sehr kritische Position zum Nationalstaat Luxemburg einnehmen, werden die Keupisten ihr wohl eher abgeneigt sein). Aber zu behaupten, dass viele Kinder und junge Menschen überhaupt keine Lieder mehr auf Luxemburgisch singen, ist einfach nur falsch.

Letztendlich ist der bedenklichste Aspekt an der Statistik aber, dass Wee2050 sie in einer verzerrten Form präsentiert. Wie nämlich UNEL-Mitglied Pol Reuter unter dem Beitrag mittels einer eigenen Grafik bewies, sieht die von Wee2050 geteilte Statistik gleich viel weniger dramatisch aus, wenn man auf der Y-Achse nicht bei 50%, sondern 0% anfängt:

Grafik übernommen von Pol Reuter.

All dies zeigt meiner Meinung nach, dass es Wee2050 bei diesem Beitrag vor allem darum ging, die eigene Narrative vom Luxemburgischen als “bedrohter” Sprache (die wiederum diffuse Ängste in der Bevölkerung anzapft) aufrecht zu erhalten. Mit einem wissenschaftlich fundierten Abbilden der “bitteren Realität”, wie Wee2050 es an dieser Stelle zu tun glaubt, hat das allerdings absolut nichts gemein.

Dieses höchst fragwürdige Verständnis von Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit durchzieht die ganze Facebookseite. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die legendäre “empirische” “Studie” von Wee2050 in der Belle Etoile:

Beim Anblick dieser Zwecktentfremdung des Begriffs der Empirie dreht sich David Hume so oft in seinem Grab um, dass man ihn in eine Energiequelle umwandeln und Strom für ganz Edinburgh erzeugen könnte. Wee2050s Ausflug in den Supermarkt hat nämlich mit einer empirischen Untersuchung ungefähr soviel gemein wie das Entsorgen von nuklearem Abfall in Flüssen mit Umweltbewusstsein. Es fängt schon einmal gleich damit an, dass nicht klar ist, wer genau mit dem “Wir” im Kommentar gemeint ist; diejenigen, die die “Studie” durchgeführt haben, werden nämlich nicht namentlich genannt. War der Admin alleine, oder haben ihm noch andere selbsternannte “Wissenschaftler*innen” bei seinem zweifelhaften Unternehmen geholfen? Dazu bezweifle ich ganz stark, dass die “Untersuchung” in irgendeiner Form peer-reviewed ist. Und auch bei der Methodik drängen sich soviele Fragen auf, dass ich sie an dieser Stelle kaum alle auflisten kann: Wieso ausgerechnet hat Wee2050 nur in einem einzigen Gang der Belle Etoile Stichproben durchgeführt, und nicht in mehreren? Wie groß war das Zeitfenster, in dem Daten gesammelt wurden? Wieso gibt es keine präziseren Angaben zu der Gesamtanzahl der Menschen, die an Wee2050 vorbeigelaufen sind?

Auch bei Diskussionen rund um die luxemburgische Geschichte tritt Wee2050s bedenkliches Verhältnis zur Wissenschaft zutage. So wie bei diesem Beitrag hier, den der selbsternannte “Think Tank” am 2. August 2017 teilte:

Das Buch, auf das Wee2050 für diese kleine Geschichtslektion zurückgreift und dessen Cover in der Mitte des Beitrags abgebildet ist, war hierbei für den Geschichtsunterricht in der 6. Klasse gedacht (!) und zuletzt in den 80ern und 90ern (!!) im Umlauf:

Dass Wee2050 auf dieses hoffnungslos veraltete Buch zurückgreift, ist nun vor allem insofern problematisch, weil sie damit — worauf auch in der Kommentarspalte unter dem Beitrag hingewiesen wurde — einfach mal all die neuen Erkenntnisse über die luxemburgische Geschichte ignorieren, die Historiker*innen seit dem Erscheinen des Werks zusammengetragen haben. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist beispielsweise der 2015 erschienene “Artuso-Bericht“. In diesem hatte der luxemburgische Historiker Vincent Artuso die Beteiligung der luxemburgischen Verwaltungskomission bei der Verfolgung und Deportation von Juden während des 2. Weltkriegs untersucht und dabei den Schluss gezogen, dass es sich beim Bild von Luxemburg als geeinter “Resistenzler”-Nation nur um einen Mythos handelt. Aber solch eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Großherzogtums passt schon von vornherein nicht ins nationalistische Weltbild von Wee2050, in dem Luxemburg stets über jeglichen Zweifel erhaben ist.

Passend dazu beklagten sie sich in einem Beitrag vom 28. Juli 2017 darüber, dass unter dem schier unerträglichen Joch von “Gambia” (eine abschätzige Bezeichnung für die derzeitige luxemburgische Regierung, die vor allem in rechten Kreisen gerne verwendet wird) “nicht anständig” an wichtige Jubiläen aus der luxemburgische Geschichte erinnert wurde:

Unter dem Beitrag wiesen dann einige Facebook-Nutzer*innen darauf hin, dass während der aktuellen Legislaturperiode durchaus einiger der von Wee2050 aufgelisteten historischen Ereignisse gedacht wurde. Keine dieser Gedenkveranstaltungen stellte jedoch die Gelüste von Wee2050 nach zweifelhaften nationalistischen Massenveranstaltungen auch nur in irgendeiner Form zufrieden:

 

In der Diskussion unter dem gleichen Beitrag brachte einer der Wee2050-Admins dann auch auf einmal den Begriff des “Kulturkreis” ins Spiel:

Das liefert einen weiteren Beweis dafür, dass sich Wee2050 nicht besonders um die gegenwärtigen Erkenntnisstände in den Wissenschaften kümmert. Sowohl die Ethnologie als auch die Geschichtswissenschaft haben nämlich den Begriff des “Kulturkreis” unter anderem wegen seiner rassistischen Konnotationen und seinem vollkommen die Wirklichkeit verfehlenden Verständnis von Kultur als etwas Invariablem längst für überholt erklärt, wie der Historiker Philipp Sarasin in seinem Artikel “Das Kreuz mit dem #Kulturkreis” erläutert:

” […] Es war der Historiker und Ethnologe Fritz Gräbner (1877-1934), der in seiner Methode der Ethnologie (1911) eine „Kulturkreislehre“ entfaltete, die die verschiedenen Kulturen der Welt sowie den Wandel von Kulturen mit ‚Rassen‘ und ‚Rassenmischung‘ in Verbindung brachte. […]

Die heutige Ethnologie lehnt den Begriff ‚Kulturkreis‘ wegen seiner Verbindung mit dem schwer kontaminierten Konzept ‚Rasse‘ durchweg ab, ebenso die Geschichtswissenschaft. Dennoch taucht er im Feuilleton und in der politischen Sprache seit den 1980er Jahren bis heute immer häufiger auf. […]

Was also ist falsch an der Vorstellung von ‚Kulturkreisen‘? Zuallererst stiftet jede Rede von ‚Kulturkreisen‘ imaginäre, künstliche Einheiten in einer Welt voller komplexer Verhältnisse, Widersprüche und Differenzen. Huntington nannte zum Beispiel „Afrika“ südlich der Sahara einen Kulturkreis – als ob Afrika vom Kap bis Burkina Faso und von Dakar bis Nairobi eine ‚Einheit‘ bilden würde! Nach #Koelnhbf war die Rede vom „nordafrikanischen Kulturkreis“ – bzw. vom „arabischen“, oder, ganz nach Belieben, auch vom „muslimischen“ – letzterer würde, über den Daumen gepeilt, von Marokko bis nach Indonesien reichen, ein wahrhaft eindrücklicher ‚Kulturkreis‘! Offenkundig bilden sich imaginäre ‚Kulturkreise‘ immer gerade dort, wo man sie haben möchte, und diejenigen, die andere einem ‚Kulturkreis‘ zuordnen können, spielen ihre diskursive Macht aus: Wir wissen, woher ihr kommt!

Doch nicht nur das: ‚Kulturkreise‘ haben auch keine Geschichte, sondern sind durch kulturelle Invarianten definiert, allen voran die Religion oder die ‚Kultur‘ als solche, was auch immer das sein mag. Wer von ‚Kulturkreisen’ spricht, schliesst tendenziell Wandel aus und fixiert ihre ‚Angehörigen’ auf feststehende Eigenheiten: Arabische Männer sind so, und wir wissen, dass sie schon immer so gewesen sind… Damit aber werden nicht nur geographische Räume vereinheitlicht und enthistorisiert, sondern auch Politik, Religionen und Kulturen. […] Eine solche Annahme war noch nie richtig – was Menschen glauben, denken und tun, wurde buchstäblich seit den frühesten Wanderungsbewegungen out of Africa durch Migration, Handel, Hybridisierungen und die Weitergabe von Wissen geprägt –, aber sie ist unter heutigen globalisierten Medien- und Transportbedingungen noch nie so falsch gewesen.”

Ähnlich desolat wie bei den Wee2050-Admins sieht es bei Tom Weidig aus, der wie bereits  erwähnt wurde in den sozialen Netzwerken immer wieder das Wort für Fred Keups Bewegung ergreift. Dessen Doktortitel schützt ihn nämlich nicht davor, den menschengemachten Klimawandel als “pseudowissenschaftliche Indoktrinierung” abzutun oder Artikel zu teilen, in denen von “Klimaschwarzmalerei” die Rede ist:

Dabei ist es eher Weidig selbst, der sich mit seinen Aussagen in die pseudowissenschaftliche Ecke hinein manövriert. Der 2013 veröffentlichten Meta-Studie “Quantifying the consensus on anthropogenic global warming in the scientific literature” zufolge sind nämlich 97,1% der Wissenschaftler*innen im Feld zur Erkenntnis gekommen, dass der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist — womit diese Position den wissenschaftlichen Konsens darstellt. Letzteren zu ignorieren, so wie Weidig es tut, widerstrebt hierbei nicht nur dem grundlegenden Prinzip von Wissenschaftlichkeit, im Angesicht von überwältigender Evidenz für eine Theorie die eigenen subjektiven Auffassungen zurückzustellen. Es ist auch zutiefst fahrlässig und gefährlich — denn der Klimawandel stellt die Menschheit vor eine bislang noch nie dagewesene existenzielle Bedrohung, deren erste Vorboten bereits jetzt katastrophale Ausmaßen annehmen und zahlreiche Leben kosten.

Selektivität beim Quellenschutz und keine Distanzierung von rechten Anhänger*innen

Auch Wee2050s Relation zu demokratischen Prozessen ist gelinde gesagt fragwürdig. So schlägt die Bewegung beispielsweise auf ihrer Webseite vor, “neue Wege zu gehen, um der politischen Mitte eine Stimme zu geben”, unter anderem durch Referenden und Einsatz des Internets. Solch eine Forderung ist wenig erstaunlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Wee2050/Nee2015s mit ihrer in den sozialen Netzwerken geführten Kampagne gegen das Ausländerwahlrecht im Rahmen des Referendums 2015 ihren ersten fragwürdigen Erfolg auf politischer Ebene verbuchen konnte.

Für verschiedene andere demokratische Konzepte hat Wee2050 allerdings deutlich weniger Achtung übrig — so wie den Quellenschutz. Das wurde insbesondere im Anschluss an ein anonymes Interview mit den Admins von “Memes bis zum Weltraumkommunismus” im Tageblatt vom 26.05.2017 deutlich, im Rahmen dessen Wee2050/Nee2015 als “völkisch-nationalistisch” bezeichnet worden war. Das passte Fred Keup natürlich überhaupt nicht in den Kram, weswegen er prompt mit einer E-Mail an einen der beiden stellvertretenden Chefredakteure des Tageblatts, Lucien Montebrusco, reagierte. In dieser forderte er, dass das Tageblatt mit der Identität der Admins von Memes bis zum Weltraumkommunismus rausrücken sollte, weil diese angeblich seine heißgeliebte Initiative “diffamiert” hätten:

Was der Kopf von Wee2050 hier außer Acht lässt, ist, dass die Aussagen von Memes bis zum Weltraumkommunismus noch unter den Schutz der Meinungsfreiheit fallen und sich der Quellenschutz nicht einfach mal so außer Kraft setzen lässt, nur weil Keup (oder irgendeine andere Person) das verlangt. Gemäß Artikel 7 des ‘Loi du 8 juin 2004 sur la liberté d’expression dans les médias’ dürfen sich Journalist*innen (und alle anderen Personen, die in die journalistische Aufbereitung der weitergegebenen Informationen involviert waren) nämlich sogar noch vor Gericht (!) weigern, die Identität ihrer Quellen preiszugeben:

‘(1) Tout journaliste entendu comme témoin par une autorité administrative ou judiciaire dans le cadre d’une procédure administrative ou judiciaire a le droit de refuser de divulguer des informations identifiant une source, ainsi que le contenu des informations qu’il a obtenues ou collectées.

(2) En outre, l’éditeur ainsi que toute personne ayant pris connaissance d’une information identifiant une source à travers la collecte, le traitement éditorial ou la diffusion de cette information dans le cadre de leurs relations professionnelles avec un journaliste, peuvent se prévaloir du droit consacré par le paragraphe (1) du présent article.

(3) Les autorités de police, de justice ou administratives doivent s’abstenir d’ordonner ou de prendre des mesures qui auraient pour objet ou effet de contourner ce droit, notamment en procédant ou en faisant procéder à des perquisitions ou saisies sur le lieu de travail ou au domicile du journaliste concerné ou des personnes visées au paragraphe (2) du présent article.

(4) Si des informations identifiant une source ont été obtenues de manière régulière à travers l’une des actions visées au paragraphe (3) du présent article qui n’avait pas pour objet ou pour but de découvrir l’identité d’une source, ces informations ne peuvent pas être utilisées comme preuve dans le cadre d’une action ultérieure en justice, sauf dans le cas où la divulgation de celles-ci serait justifiée en application de l’article 8 de la présente loi.’

Dazu steht im Gesetz nichts davon, dass eine Bedrohung für die Quelle bestehen muss, damit der Quellenschutz für sie gilt. Letzterer ist nicht selektiv in der Hinsicht — gerade eben weil sonst Menschen wie Keup ihn einfach so nach Bedarf aushebeln könnten.
Übrigens ist es auch sehr bezeichnend, dass Keup vom Tageblatt “Transparenz, Exaktheit und Integrität” erwartet, aber nicht von seiner eigenen Bewegung. Im Impressum der Nee2015/Wee2050-Webseite werden nämlich nur Fred Keup und Steve Kodesch namentlich erwähnt; über die restlichen Mitglieder sowie die genaue Organisation der Initiative lässt sich jedoch nirgendwo etwas herausfinden.

Was im Kontext von Wee2050s Reaktion auf das Interview mit Memes bis zum Weltraumkommunismus auch noch auffällt ist, dass die Bewegung zwar vehement verneint, “völkisch-nationalistisch” zu sein, sich aber gleichzeitig nicht explizit von Personen wie Tom Weidig distanziert. Insbesondere letzterer hat nämlich in den letzten Monaten allerlei Kommentare auf Facebook vom Stapel gelassen, in denen er unverfroren die Verbrechen des Nazi-Regimes bagatellisiert. Wie bereits mein Kollege Sveinn Graas in seinem Blogartikel über Nee2015 berichtete, sprach er beispielsweise in einem Kommentar dem Begriff des “Volkssturms” jeglichen Bezug zur Ideologie der Nazis ab und ließ auch unerwähnt, dass dabei unzählige Jugendliche sowie ältere Männer in den sicheren Tod geschickt wurden, um die Niederlage von Nazi-Deutschland möglichst lange hinauszuzögern:

In einer Facebook-Diskussion über die eingangs erwähnte Geschichtslektion von Wee2050 behauptete er dann auch noch allen Ernstes, dass die Nazis — im Gegensatz zu den Franzosen während der Belagerung von Luxemburg-Stadt in den Jahren 1794-1795 — “wenigstens niemanden erhungern haben lassen, auf jeden Fall nicht in Luxemburg”:

Ah ja, genau. Die Nazis haben zwar den 2. Weltkrieg ausgelöst und systematisch Millionen von Menschen in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet — aber immerhin haben sie in Luxemburg niemanden Hunger leiden lassen! Wie nett von ihnen.

Irgendwann fiel Weidig dann aber auf, dass es vielleicht doch nicht so gut ankommt, die Nazis als die “Guten” in der Sache darzustellen. Deswegen ergänzte er, dass auch die “Nazi-Besatzung […] schlimm [gewesen war]”, wobei er aber nicht umhin kam gleich darauf noch einmal zu unterstreichen, dass die französische Belagerung in manchen Aspekten “schlimmer” gewesen sei:

Was diese Aussagen nun so höchst bedenklich macht, ist nicht nur die Tatsache, dass es schon von vornherein irrsinnig ist, zwei qualitativ verschiedene Instantiierungen von menschlichem Leid quantifizieren und miteinander vergleichen zu wollen, nur um so herauszufinden, welches der beiden Ereignisse denn nun “schlimmer” gewesen sei. Durch eben diesen Vergleich ignoriert Weidig auch schlicht und ergreifend die historische Ausnahmestellung, die die deutschen Kriegsverbrechen und insbesondere der Holocaust in der Menschheitsgeschichte einnehmen. Indem Weidig die Verbrechen der Nazis auf eine Stufe mit anderen Kriegsverbrechen zu heben versucht, untergräbt er somit die Präzedenzlosigkeit von ersteren und betreibt damit blanken Geschichtsrevisionismus.

Passend dazu lieferte er im Rahmen einer weiteren Diskussion auf Facebook noch folgenden Spruch, der in Sachen Geschmacklosigkeit nur schwer zu überbieten ist:

Auch wenn das “;-)”-Emoticon am Ende impliziert, dass es sich um einen “Witz” handelt, so hinterlässt dieser angesichts Tom Weidigs eingangs erwähnter Relativierungen von Nazi-Verbrechen einen mehr als bitteren Nachgeschmack.

Biedermann und die Brandstifter

Vor einiger Zeit erschien in der woxx ein (sehr empfehlenswertes) Porträt Fred Keups, das den Titel “Fred Keup: Der Biedermann” trug. Treffender hätte David Angel, der Autor des Artikels, den Gründer von Wee2050 nicht umschreiben können. Keup ist kein Nazi, ja er lässt sich nicht einmal richtig als rechtsextrem umschreiben. Diese Bezeichnungen sollten nämlich, um begriffliche Verwässerungen vorzubeugen, für jene vorbehalten sein, die es auch tatsächlich sind.

Allerdings besteht die Möglichkeit, dass Keups Bewegung durch ihr dubioses Verhältnis zur Wissenschaft, ihre selektive Missachtung von demokratischen Prozessen, ihr Bedürfnis nach nationalistischen Massenveranstaltungen sowie ihre Toleranz gegenüber Anhänger*innen am rechten Rand solchen politischen Strömungen den Weg zur Hegemonie ebnen könnte, gerade weil letztere von obskurantistischen Tendenzen in der Bevölkerung profitieren. In dem Sinne würde Keup dann tatsächlich zu Max Frischs Figur des Biedermanns werden, der den Brandstiftern die Türen öffnet. Umso perfider ist es in diesem Kontext dann auch, dass Wee2050 immer wieder auf die eigene vermeintliche “Wissenschaft” verweist, um Kritiker*innen zu diskreditieren.

Dass die Bewegung als Katalysator für rechte Tendenzen in der luxemburgischen Bevölkerung fungieren kann, hat sie desweiteren schon mehrere Male unter Beweis gestellt — so wie bei ihrem Beitrag über das “Antinationale Fest” der “Jonk Lénk” in der Gantenbeinsmillen am 22. Juni 2017. Dieser wurde nämlich unter anderem von “Ech hunn mäin Lëtzebuerg gären” begeistert rezipiert und entfesselte zahlreiche Mord- und Gewaltdrohungen gegen Privatpersonen, Journalist*innen und Aktivist*innen.

Umso wichtiger ist es deswegen jetzt, uns gegen weitere solcher Entwicklungen aufzulehnen, und zwar indem wir Wee2050s krude Theorien überall dort, wo wir sie antreffen, dekonstruieren sowie Gegenargumente liefern — im Namen einer offenen Wissensgesellschaft, deren Solidarität sich nicht durch imaginäre Grenzen kultureller oder nationaler Art einengen lässt.

Meine bisherigen Texte über die rechte Szene in Luxemburg:

Rassistische und ausländerfeindliche Hetze auf “Ech hunn mäin Lëtzebuerg gären”
Ein Einblick in die rechtsextremen “Soldiers of Odin Luxembourg”
Die rechte Szene in Luxemburg Mitte 2016 (3/3): Knouter-Club/European Freedom Initiative, rechte Hetze auf Newsseiten, Zusammenfassung

Die rechte Szene in Luxemburg Mitte 2016 (2/3): Peters, Castiglia & SDV, Lëtzebuerger Patrioten & Luxemburg Defence League, Keup & Nee 2015.lu/Wee2050
Die rechte Szene in Luxemburg Mitte 2016 (1/3): Alternativ Demokratische Reformpartei
“Alternative Medienrealitäten. Eine kritische Analyse alternativer Medien der Rechten in Luxemburg und deren Gefahren”, in: FORUM – für Politik, Gesellschaft und Kultur in Luxemburg, Ausgabe 363
Die rechte Szene Luxemburgs Ende 2015: Castiglia, Kartheiser, Keup, Thein, Peters & andere “Lezeboia”
“Die rechte Szene Luxemburgs und Verschwörungstheorien”, in: FORUM — für Politik, Gesellschaft und Kultur in Luxemburg, Ausgabe 353
Nico Castiglia – Der neue Kopf der rechten Szene in Luxemburg
Nein zu PEGIDA – jetzt umso mehr als zuvor!
Fernand Kartheisers Kritik am Feminismus und die Legitimation der Diskriminierung von Homosexuellen
Liebe luxemburgische Patrioten, …
Pierre Peters erneut an der Seite der NPD
Neue Einblicke in die rechtsextreme “Luxemburg Defence League”
Rechtsextremismus in Luxemburg – neue Einblicke
Ausländer- und Homosexuellenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus & Co. in Luxemburg
Ein beunruhigender Blick in die Vereinigung der “Lëtzebuerger Patrioten”
“Lëtzebuerger Patrioten”
Neue “rhetorische” Ergüsse der NDU
“(…) die houer Kaméildreiwer!”
“Durchforstet eure Pizzabroschüren!”
“Mäer sinn dach keng Rassisten – erklär du uns mol wat dat ass”
1. Artikel über die NDU

One thought on “Wee2050: Nationalismus, Pseudo-Wissenschaftlichkeit und selektives Demokratieverständnis

  1. Wee2050

    Lieber Maxime Weber,

    Wir würden uns freuen wenn Du ehrlicher mit deinen Lesern wärst und nicht Argumente und Studien unterschlügest. Unsere Kurve wurde von mehreren Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachgebieten überprüft. Als Philosophiestudent mit nicht abgeschlossenem Studium wäre etwas mehr Vorsicht, Bescheidenheit und Selbst­re­fle­xi­on angebracht.

    Wir stellen fest:

    Du hast deinen Lesern die wissenschaftlich wichtigste und neutralste Studie über den Zustand der luxemburgischen Sprache unterschlagen. Internationale und neutrale Experten bei der UNESCO haben Luxemburgisch offiziell als “vunerable” eingestuft. Warum teilst Du dies deinen Lesern nicht mit? Jeder kann es auf der UNESCO-Seite nachlesen.

    Du hast auch die Aussagen von Alain Atten unterschlagen. Alain Atten forscht seit Jahrzehnten an unserer Sprache und mit speziellem Interesse an den Dialekten im Luxemburgischen. Noch nach dem 2. Weltkrieg waren die sehr lebendig, sind jetzt aber fast ausgestorben. Warum? Weil die Anzahl der Sprecher unter eine kritische Grenze (z.B. 50%) gefallen ist und sich eine Eigendynamik ergab. Die Dialekte wurden zugunsten des Hochluxemburgischen im Alltag fallen gelassen. Alain Atten weiß also um die Dynamik des Aussterbens von Dialekten und Sprachen, und ist eine gute Quelle. Du solltest dich mal mit Alain Atten unterhalten.

    Du wirfst dem Wee2050 auch vor, die Statistik “in einer verzerrten Form präsentiert” zu haben, weil wir die Skala von 50% bis 100% gewählt haben. Dies ist aber nicht falsch, verzerrt auch keine Zahlen, und hat gute Gründe, weil die 50%-Grenze eine kritische Grenze darstellt ab der die Eigendynamik überhand nimmt. Auf der anderen Site zeigst du deinen Lesern die beeindruckende Grafik von Sveinn Graas, mit den hohen Sprachkurseinschreibungen, die enorm erscheint. Aber wenn man diese in Relation zur Gesamtbevölkerung setzt ist es minimal. Du arbeitest mit zweierlei Maß.

    Mat eise beschte Gréiss
    Wee2050 4.11.2017

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